Philosophie

 

   
  Platon
  Nietzsche
   
   
   
   
 
 

Anthropologische Begründung des Glaubens

Jeder Mensch, sei er nun gläubig oder nicht, hat sich wenigstens einmal in seinem Leben mit der Frage nach Gott auseinandergesetzt. Die Fragen nun, welche die Anthropologie sich hierbei stellt, lauten: »Woher kommt der Glaube und warum hat er sich in der Evolution selektiv durchgesetzt? Gibt es ein Gen, welches für den Glauben verantwortlich ist, oder ist Glauben lediglich eine Bewußtseinsfrage, um die man schon aus logischen Gründen nicht herumkommt? Wie hängen Glaube und Moral mit Ethik zusammen, und warum sind auch durchaus intelligente Menschen gläubig? Oder ist Glaube doch nur eine Erziehungsfrage?«

Zunächst gilt es festzustellen, daß Glaube eher eine gefühlsmäßige als eine rationale Angelegenheit ist. Die Fragen: »Wer bin ich, woher komme ich, wo gehe ich hin?« sind einige der Grundfragen der menschlichen Existenz überhaupt, und ihre Ursache ist schlichter Wissensdrang. Dabei muß das Gefühl stets eher dasein als die Frage selbst, denn die Ursache kann nicht auf die Wirkung folgen. Das Fragenstellen muß also vererbt worden sein, denn wäre es anders, wäre der Mensch nicht lernfähig gewesen. Neugierige Menschen, also solche, die immer wieder aufs neue von diesem Gefühl heimgesucht werden und nie aufhören zu fragen, müssen in der Evolution begünstigt gewesen sein, da sie die Fähigkeit besitzen, Wissen in sich aufzusaugen. Wissen ist eine biologische Waffe, und so ist auch der Glaube nichts anderes als das Wissen um die Existenz Gottes und damit für den Menschen von unschätzbarem Wert. Dabei wird dieses Wissen nicht daraufhin überprüft, ob es sich lediglich um Halbwissen oder Aberglauben handelt, denn Wissen und vermeintliche Gewißheit werden im Unterbewußtsein gleichgesetzt. Ja selbst den Zweifel hat die Evolution ganz oben angesiedelt, da der Fragende und Wißbegierige nie aufhört, immer neue Fragen zu stellen, um immer weitere Kenntnisse zu erwerben. Der sokratische Zweifler, der sich mit seinem Unwissen, dem auch die Gewißheit in Glaubensfragen gleichgesetzt werden kann, nicht zufrieden gibt, und der immer weiterbohrt, ist dem Gläubigen, der mit seiner »Erkenntnis« das Fragen einstellt, indem er sämtliche Zweifel ablegt, darwinistisch überlegen. Gäbe es die Zweifler und Atheisten nicht, wäre kein Erkenntnisfortschritt der Menschheit möglich gewesen, sondern schon längst Stagnation eingetreten, und die Gläubigen hätten sich durchgesetzt. Glaube ist daher ein typisches Zeichen primitiver Kulturen. Je niedriger eine Kultur steht, desto mehr Gläubige vereint sie auf sich. Atheisten, Zweifler und große Denker hat nur das Abendland hervorgebracht, primitive Eingeborene sind und bleiben in der Regel Animisten, malen sich irgendeine Traumzeit aus, beten Tiere oder irgendwelche Naturgottheiten an und nennen allenfalls ein polytheistisches Götterpantheon ihr eigen. Direkt unter dem atheistischen Materialismus ist der Monotheismus aufgehängt, der das Metaphysische wenigstens auf eine überirdische Macht begrenzt.

Glaube und Unglaube unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Fragestellung nicht, nur gibt der Atheismus keine vorschnelle Antwort, sondern meldet immer neue Zweifel an, während der Glaube mit dem Fragen aufhört und das Nachdenken einstellt. Entgegen der schlecht begründeten Behauptung, der Religiöse habe dem Zweifler gegenüber einen Evolutionsvorteil erzielt, verhält es sich nämlich genau umgekehrt. Während sich das Trachten des Gläubigen nur noch darum dreht, wie er ein möglichst gottgefälliges Leben führen kann, legt der Atheist alle Moral schonungslos beiseite und beschreitet neue, zielführende Wege, vertieft sich in Forschung und komplexe Aufgaben, die er sich selbst gestellt hat, und geht in seinem Erkenntnisdrang auf. Der Gläubige hingegen zerfließt in religiösen Ergüssen und zerbricht schließlich an seinen fortwährenden Schuldgefühlen. Die Natur begünstigt also danach eindeutig den logisch denkenden »Heiden«, und nicht den reuigen, bußfertigen Sünder.

Es gibt aber noch eine weitere Triebfeder für religiöse Überzeugung neben der fragenden Neugier, das ist die Angst vor dem Tod. Not lehrt beten, sagt ein altes Sprichwort. Religiosität ist genetisch eng mit dem Selbsterhaltungstrieb verknüpft, und zwar insofern, als der genießende, lebensbejahende Mensch niemals sterben möchte und daher alles tun würde, über den Tod hinaus weiterzuleben. Die Idee der Wiedergeburt entspringt genau dieser Regung. Die Theorie dazu haben sich die Religionsstifter ausgedacht, nur passen deren Thesen längst nicht mehr in die moderne wissenschaftliche Welt. Da jeder Mensch genetisch mit derselben Neugierde und derselben Angst ausgestattet ist, stellt sich auch jeder die gleichen existentiellen Fragen und bekommt die gleichen unbefriedigenden Antworten. Für welche davon er sich entscheidet und wie er damit umgeht, ist allein seinem Intellekt überlassen: Kriegergen- oder Jesustyp? Also ist das Wesen der Religion; doch nur, wer seine Neugier befriedigt, seine Fragen beantwortet und seine Angst überwindet, hat biologisch die besseren Karten und zählt zu den Starken.

Es war im übrigen nicht immer so, wie wir es heute vom Christentum her kennen, das einen liebenden und gnädigen Gott annimmt. Es gab durchaus Religionen, in denen Gott gefürchtet war, weil ihn nach Opfern und Menschenblut dürstete und er dem Menschen die geistig nicht faßbare Gewalt der Natur verkörperte. Die Gottheit ist darin die Antwort auf die Schrecken, die sich der Mensch ohne waltenden Geist nicht erklären kann. Da jeder von uns offenbar Antworten braucht, an denen er sich festhalten kann, um zu überleben, sind Glaube und Atheismus im Grunde nicht so wesensverschieden, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Denn auch der Atheismus offeriert Lösungen (z.B. den »Übermenschen«), die als Trost dienen können, solange man es nicht besser weiß. Dabei hat der Glaube an Gott mit der Liebe zu Gott zunächst nichts zu tun, denn diese Liebe entsteht erst, wenn man Gott als seinen Erlöser und Retter in der Not ansieht, nicht zuletzt aus Dankbarkeit für die Offenbarung des ewigen Lebens. Auch die Liebe dient, wenngleich als Liebe zu Gott platonisch verklärt, aus anthropologischer Sicht der Arterhaltung. Somit vereinen sich im Glauben in nahezu idealer Weise zwei oder mehr Regungen zu einem starken Verbund, die Wahrheitsliebe, die Furcht und die Freude über die Erlösung. Das alles erklärt vollständig, welchen anthropologischen Nutzen der Mensch aus dem Glauben zieht. Und wieder läßt sich kein primäres Gen entschlüsseln, welches für Religiosität verantwortlich wäre. Die psychische Neigung, ungeprüftes Material um des angenehmeren Empfindens willen einfach zu akzeptieren, anstatt zu hinterfragen, muß aber dennoch eine erblich bedingte Anlage sein, wenngleich das dafür zuständige Gen noch nicht gefunden ist. Der Mechanismus sollte hingegen ganz ähnlich wie beim Krieger-Gen erklärt werden können, wo unter sonst gleichen Bedingungen beim einen Aggression vorhanden ist, beim anderen dagegen nicht. Was dort Unvernunft ist, ist hier Manipulierbarkeit.

Es scheint in der Tat zwei Sorten Mensch zu geben: solche, die sich etwas einreden lassen, weil sie leichtgläubig sind, und andere, bei denen das nicht so ohne weiteres möglich ist, weil sie über eine erhöhte Kritikfähigkeit verfügen. Die Art und Weise, wie das genau funktioniert, ist noch nicht hinreichend geklärt. Es scheint aber, als würden es die unkritischen Typen im Leben leichter haben, wodurch sie von der Evolution begünstigt wären, während der andere Typus seine Probleme nicht lösen kann und daher viel eher verzweifelt. Paradoxerweise ist der Nihilismus nach Nietzsche sowohl ein Zeichen zunehmender Stärke als auch zunehmender Schwäche. Andererseits wären Technik und Wissenschaft bei weitem nicht so schnell vorangekommen, wenn es nicht immer wieder Menschen gegeben hätte, die alles »ungläubig« hinterfragt hätten. Ob deswegen allerdings die Gläubigen (nach Nietzsche die »letzten Menschen«) bald aussterben werden, muß einigermaßen bezweifelt werden, denn die Schläue nimmt in Summe keineswegs zu, sondern geht umgekehrt wohl eher zurück. Denn auch in Zukunft wird gelten: Wer im Sinne der Evolution den Weg des geringsten Widerstandes beschreitet, wird sich auch weiterhin manipulieren lassen und auf irgendwelche Verschwörungstheorien (Religionen) hereinfallen. Denn was ist Glaube anderes als graue Theorie?

Anthropologisch gesehen ist Religion eine Sekundärfolge aus fundamentalen Trieben, vielleicht noch zusätzlich beeinflußt von der Neigung jedweder höheren Art, sich einer Autorität zu unterwerfen und noch etwas Höheres über sich zu akzeptieren. Insofern hilft Religion dem Menschen zwar persönlich, jedoch nicht unmittelbar, sondern nur als Droge, die den Blick für die Wahrheit trübt und die Sinne vernebelt, der Menschheit als Ganzes aber nicht wirklich weiterhilft. Allerdings stand die  Menschheit im Laufe ihrer erst kurzen Geschichte auch noch nicht vor derart existenzbedrohenden, globalen Herausforderungen, wie sie in den letzten Jahrzehnten in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt sind. Insofern ist der Glaube noch niemals wirklich auf dem Prüfstand gestanden. Wie also hätten die Menschen ihren Umgang mit ihm im Sinne der Evolution verbessern können? Der Atheismus ist ein erster Schritt dazu, da er die Welt differenzierter betrachtet, anstatt die »Wahrheit« einfach nur zu schlucken, wie sie traditionell überliefert wird. Es ist letztendlich nur das eigenständige Denken, welches den Menschen in der Evolution voranbringen kann, und dazu muß man den Glauben wenigstens sublimieren, wenn man ihn schon nicht ganz abschütteln kann. Für den Fortbestand der Art ist er nämlich mittlerweile zu einem unkalkulierbaren Risiko geworden, so daß der Kampf ums Überleben am Ende von dem entschieden wird, dem es gelingt, ihn im Sinne einer Bewußtseinsänderung abzulegen und zum Atheismus zu konvertieren. Der Abfall vom Glauben ist dazu unabdingbare Voraussetzung, er ist notwendig für den Fortbestand der Art, denn nur der freie Geist hat überhaupt Aussicht zu überleben, und für diesen Bewußtseinswandel verbleibt der Menschheit nur mehr wenig Zeit. Denn der Glaube ist zu Zeiten entstanden, als man es nicht besser wußte.

Dabei geht es nicht einmal um die ersten und letzten Dinge, sondern es beginnt bereits damit, daß Gott nicht in Menschengestalt geschlüpft sein kann, daß der unvollkommene Mensch nicht nach Gottes Ebenbild geformt ist, und daß es keine Wunder gibt, und daß nichts, aber auch gar nichts auf ein Weiterleben nach dem Tode hindeutet. Es gibt auch keinen Grund, warum wir zuerst geboren werden müssen, um am Ende auferstehen zu dürfen. Wer nicht erkennt, daß die Welt mit all ihren Schrecken und ihrem Elend eher noch das Werk eines Teufels ist als das eines Gottes; wer nicht einsieht, daß die Natur ihrem Wesen nach unendlich grausam und eines Gottes unwürdig ist; wer nicht begreift, daß der Mensch von Natur aus böse ist, weil ihn die Evolution entsprechend geformt hat, und wer da glaubt, Gott hätte sich in Schriftform einem auserwählten Volk gegenüber geäußert, und dabei verkennt, daß sämtliche heiligen Schriften lediglich von Sterblichen nach eigenem Gutdünken verfaßt sind, an dem ist die Weisheit spurlos vorübergegangen. Und weil Glauben und Unglauben anthropologisch gesehen durchaus eins sind, scheiden sich an den Zweifeln die Geister. Religion als Therapieversuch der Evolution zur Angstbewältigung, mehr ist es nicht, was sich dahinter verbirgt. Die Androhung von Höllenstrafen schürt diese Ängste noch, gestützt auf die Unwiderlegbarkeit der Aussagen.

Angst ist wohl derjenige Urinstinkt, mit dem der Mensch am längsten Erfahrung hat. Auf dieses Gefühl führt sich anthropologisch der Glaube zurück. Und noch ein weiteres Gefühl fließt in die Betrachtung ein, das ist die überlieferte Tradition: Dinge, an die schon unsere Vorfahren über Generationen hinweg immer wieder geglaubt haben, können nicht falsch sein. Auch sämtliche bislang fehlgeschlagenen Gottesbeweise oder –widerlegungsversuche scheinen den Gläubigen recht zu geben und bringen die Zweifler zum Schweigen. Es sind also an diesen Betrachtungen durchaus rationale Überlegungen beteiligt. Vorsicht ist aber auch hier die Mutter der Porzellankiste. Wenn es daher schon nichts zu verlieren gibt, so gibt es möglicherweise doch etwas zu gewinnen, nämlich den sicheren Platz im Himmel, der dem Gläubigen allezeit winkt. Glaube ist also ein Sammelsurium aus emotionalen und rationalen Gründen, eine Geisteshaltung mithin, die dem Menschen das Dasein erleichtert und ihm im Leben auf die Sprünge hilft.

Die Anthropologie klärt darüber hinaus noch den Widerspruch zwischen den einzelnen Religionen auf, denn die Grundregungen sind in allen Auslegungen die gleichen. Nur so sind Aussagen wie »Sämtliche Religionen stimmen in allen wesentlichen Punkten überein« zu verstehen. Alle legen sich ein Gerüst zurecht, in dem der Tod nicht vorkommt, und falls doch, so wird er dem Glück gleichgesetzt. Zu den letzteren gehört auch der Atheismus oder vielmehr der Nihilismus, der den Tod als eine willkommene Erlösung preist und alles Glück der Welt verachtet.

 

 

Copyright © 2011, Manfred Hiebl. Alle Rechte vorbehalten.