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Sehr geehrter Leser,
mit
scharfen Worten hatte Bischof Wolfgang Huber,
Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in
Deutschland, dem sich der Hamburger Weihbischof
Hans-Jochen Jaschke anschloß, unlängst den
Evolutionsbiologen und anerkannten Erfolgsautor
Richard Dawkins („Der Gotteswahn“) kritisiert, weil
ihm dessen Thesen, die im krassen Widerspruch zu
den Lehren der katholischen Kirche stehen, nicht
paßten. Nach Dawkins Lehrmeinung, so Huber, sei der
Mensch weiter nichts als ein triebgesteuertes Wesen,
ein biologischer Computer, ohne freien Willen, dem
reinen Zufall unterworfen. Der Mensch sei nicht von
Gott erschaffen, sondern das Resultat zahlreicher
Mutationen, die ihn im Laufe der Evolution immer
stärker vom Tier unterschieden. Wie immer man nun
zur Kirche stehen mag, aber bei solchen Worten fühlt
man sich unweigerlich um Jahrhunderte
zurückversetzt, ins tiefste Mittelalter
katapultiert, als die heilige Inquisition den
Menschen bereits bei allzu freimütigen Äußerungen
bis aufs Blut peinigte, und so mancher Freigeist
hauchte damals sein Leben auf dem Scheiterhaufen
aus, wegen eines nach heutigen Maßstäben geringen
Vergehens. Die Kirche scheint nach wie vor nicht
akzeptieren zu können, daß es Wahrheiten neben der
„Wahrheit“ gibt, ja sie fürchtet sich sogar, daß das
von ihr verkündete Heil sich schon bald ebenso in
Rauch auflösen könnte wie die von ihr verbrannten
Ketzer. Dabei hat selten ein Kirchenfürst das Wort
Gottes wirklich verstanden. Um ihre Macht zu
erhalten, hat die Kirche Gottes Gebote sogar
geleugnet, sich das für ihre Ziele jeweils am besten
Passende herausgesucht, gerade so, wie es dem
jeweiligen Zeitgeist am meisten entsprach. Zuletzt
wurde der strafende Gott durch den gütigen und
barmherzigen ersetzt, weil eines nicht so sein
durfte, wie es ist, nämlich Gottes wahres Wesen.
Hätten die Priester während ihres Theologiestudiums
die Schrift nur aufmerksam genug gelesen, so wäre
ihnen aufgefallen, daß viele Gebote, die Gott von
seinem Volke einfordert, im höchsten Grade
darwinistisch sind. Die Bibel ist also nicht nur das
Buch der Verheißung zur Erlangung des Heils, sondern
auch eine Gesetzesvorschrift für das rein praktische
Leben. Wie das Heil im einzelnen zu erlangen sei,
sagt Gott an vielen Stellen, besonders aber im 3.
Buch Mose. Und Gott ist in seinen Forderungen
wahrhaft nicht zimperlich, wenn es um die Erhaltung
des genetisch Reinen geht. Alles Schädliche, in den
Genen verankerte Abartige soll erbarmungslos
ausgerottet werden. Die Tötung der Sodomiten wird in
3.Mose 20,15.16 befohlen: „Wenn jemand bei einem
Tiere liegt, der soll des Todes sterben, und auch
das Tier soll man töten. Wenn eine Frau sich
irgendeinem Tier naht, um mit ihm Umgang zu haben,
so sollst du sie töten und das Tier auch. Des Todes
sollen sie sterben.“ Die Tötung der Homosexuellen
ordnet Gott in 3.Mose 20,13 an: „Wenn jemand bei
einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie
getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des
Todes sterben.“ Behinderte brauchen sich Gott erst
gar nicht zu nahen: „Wenn einer deiner Nachkommen in
künftigen Geschlechtern einen Fehler hat, der soll
nicht herzutreten, um die Speise seines Gottes zu
opfern. Denn keiner, an dem ein Fehler ist, soll
herzutreten, er sei blind, lahm, mit einem
entstellten Gesicht, mit irgendeiner Mißbildung oder
wer einen gebrochenen Fuß oder eine gebrochene Hand
hat oder bucklig oder verkümmert ist oder wer einen
weißen Fleck im Auge hat oder Krätze oder Flechten
oder beschädigte Hoden hat.“ (3.Mose 21,17-20) Wer
einen anderen tötet, egal ob vorsätzlich oder nicht,
soll die Todesstrafe erleiden: „Wer irgendeinen
Menschen erschlägt, der soll des Todes sterben.“
(3.Mose 24,17) Nur das auserwählte Volk mag
überleben, fremde Völker, insbesondere anderen
Glaubens, sollen vertilgt werden, sie dürfen
keinesfalls geschont werden: „Du wirst alle Völker
vertilgen, die der Herr, dein Gott, dir geben wird.
Du sollst sie nicht schonen und ihren Göttern nicht
dienen; denn das würde dir zum Fallstrick werden.“
(5. Mose 7,16) Unreine Völker sind laut Esra 9,11
Gott ein Greuel: „Das Land, in das ihr kommt, um es
in Besitz zu nehmen, ist ein unreines Land durch die
Unreinheit der Völker des Landes mit ihren Greueln,
mit denen sie es von einem Ende bis zum andern Ende
in ihrer Unreinheit angefüllt haben.“ Gott duldet
auch keine rassische Vermischung, denn was Gott
getrennt hat, das soll der Mensch nicht vereinen:
„Ihr sollt eure Töchter nicht ihren Söhnen geben
noch ihre Töchter für eure Söhne oder euch selbst
nehmen.“ (Nehemia 13,25) Darauf folgt sogleich das
reumütige Bekenntnis: „Wir haben unserem Gott die
Treue gebrochen, als wir uns fremde Frauen von den
Völkern des Landes genommen haben.“ (Esra 10,2) Und
schließlich ist Gott nicht am Frieden interessiert,
sondern ganz im Gegenteil: „Meint ihr, daß ich
gekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich
sage: Nein, sondern Zwietracht.“ (Lk 12,51) Die
Erkenntnisse der Anthropologie widersprechen also
der Existenz Gottes ganz und gar nicht, aber sie
stützen den Glauben an ihn auch nicht, so wie er
derzeit von der Kirche ausgelegt wird. Die Frage der
Erbsünde und ob es ein Weiterleben nach dem Tode
gibt werden durch ihn nicht beantwortet. Was die
Anthropologie jedoch begreiflich machen will ist,
daß der Mensch nicht von Gott erschaffen wurde und
vor allem auch nicht ein Abbild dieses Gottes ist,
sondern das Resultat einer langen Kette von
Mutationen, die der Zufall gesteuert hat. Eine
Mutation ereignet sich nicht deterministisch, sie
passiert mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, mit
einer Unschärfe, die wegen der Heisenbergschen
Unschärferelation prinzipiell nicht genau
vorhergesagt werden kann. Wir können umgekehrt sogar
von großem Glück sagen, wenn sie genau im richtigen
Moment passiert. Mutationen unterliegen also keinem
göttlichen Plan und damit auch nicht irgendeiner
Vorsehung, da andernfalls der Mensch nicht den von
der katholischen Kirche postulierten freien Willen
hätte, sich für oder gegen das Böse zu entscheiden.
Überhaupt entscheidet der Mensch nicht selbst,
sondern Handlungen unterliegen einer unbewußten
Abwägung zwischen Lust und Unlust, und nicht, ob
etwas Sinn macht oder nicht, wobei den Ausschlag
bereits ein infinitesimales Überwiegen der einen
oder anderen Seite gibt. Wenn nun das Ich gar nicht
selbst entscheidet, sondern das Bewußte lediglich
das Ergebnis einer bereits vom Unterbewußtsein
getroffenen Entscheidung ist, dann kann ein
göttliches Strafgericht am Jüngsten Tage, der Sünden
wegen, die man in seinem Leben begangen hat, kein
Kriterium für Paradies oder Hölle sein, weil man für
diese Sünden, die nur sporadische, dem Gehirn
unterlaufene Fehler sind, nicht verantwortlich
gemacht werden kann. Wenn es aber keine Erlösung
gibt, dann kann auch kein Erlöser geboren sein. Der
Sinn des Leidens erschließt sich also nicht aus
einer postulierten Erbschuld, sondern ist
überwiegend – wenn Unfallgeschehen und Verbrechen
ausgeschlossen werden – das Resultat defekter Gene,
die von den Eltern an die Kinder weitergegeben
werden. Die Eltern sind also schuld am Leid ihrer
Kinder, und niemand sonst. Doch auch die Eltern
haben ihre Leiden wiederum von ihren Eltern ererbt,
und so fort bis zu Adam und Eva. Weder Gott noch
Teufel haben mit dem Leid dieser Welt irgend etwas
gemein. Erlösen kann sich der Mensch nur selbst,
indem er seine defekten Gene ausmerzt. Wer sie
weitergibt, sollte sich bewußt sein, daß er es ist,
der über Glück und Unglück seiner Nachkommen
entscheidet, und niemand außer ihm dafür
verantwortlich gemacht werden kann. Keine
überirdischen Mächte wollen dem Menschen übel. Die
Natur spielt lediglich mit dem Menschen, treibt
ihren Schabernak mit ihm. Im 3. Buch Mose hat Gott
dem Menschen darwinistische Verhaltensmaßregeln
erteilt, die keinen Bereich des Lebens aussparen,
unter Androhung von Strafen, falls sie nicht
eingehalten werden, und darin steckt sehr viel
Weisheit. Die Frage nach Gott ist sinnlos, wenn sich
mit ihr nicht die Frage nach der Unsterblichkeit der
Seele verbindet. Das ewige Leben aber ist erst eine
Verheißung des Neuen Testaments, und es bedarf dazu
eines Messias, eines Erlösers. Gott hat auf Erden
hernieder seinen eingeborenen Sohn gesandt, aber
dieser Erlöser heißt nicht Jesus Christus, sondern
Charles Darwin − in den Augen der Kirche ein
„falscher Prophet“. Das Gute im darwinistischen
Sinne kann jeweils nur selektiv erreicht werden.
Sieht man von ethischer Verformung ab, so ist das
Gesunde und Vollendete das Gute und das Kranke und
Mißlungene das Böse. Dieses Böse muß schon im Keime
erstickt, schon in den Genen ausgemerzt werden.
Verbrecher müssen hingerichtet werden, wenn sich das
Böse nicht über alle Maßen verbreiten soll. Wer
diese Gebote nicht befolgt oder sich nicht danach
richtet, wird die Früchte seines Tuns bald ernten.
Also ist das Los des Menschen. Und weil die
Kirchenväter jenes Wort des Herrn: „Und wenn dich
dein Auge ärgert, so reiß es aus“, nicht verstanden
und sich selbst unter das auserwählte Volk
einreihten, verstanden sie auch nicht, daß mit dem
Nächsten der Jude gemeint war und verwechselten ihn
mit jedem x-beliebigen Menschen. Sich selbst jedoch
rechneten sie nicht zu den unreinen Völkern, die sie
doch waren. Aus der Heiligen Schrift zogen sie nur
all das heraus, was ihnen gut und nützlich erschien,
das Unangenehme aber übergingen oder verschwiegen
sie. Schließlich vergaßen sie der Worte des Herrn
ganz und schwangen sich zum Medizinmann der gesamten
Menschheit auf, der weiß, was für einen jeden das
Beste ist. Dem allen gaben sie sodann einen neuen
Namen, sie nannten es Theologie und gaben darin vor,
genau zu wissen, was jenes höchste Wesen vom
Menschen wolle. Es war aber genau das, was Gott im
3. Buch Mose keinesfalls wollte. Seitdem betreibt
die Kirche alles, was nicht im Sinne des Herrn ist
und der Menschheit schnellstmöglich den Garaus
bereitet: sie verbietet die Empfängnisverhütung,
spricht sich für grenzenloses Wachstum aus, egal ob
die Welt daran zugrunde geht; sie plädiert dafür,
die Feinde ihres Glaubens zu schonen, anstatt sie zu
bekämpfen; und sie erteilt jedem, sofern er nur
bereut, Vergebung, egal wie schlimm seine Verbrechen
auch immer sein mögen. Um ihr Geheimnis zu wahren,
verfemt sie auch jegliche Evolutionstheorie, stellt
unbeweisbare Behauptungen auf, aber an der
Unbeweisbarkeit Gottes ändert dies nichts. Tatsache
ist auch, daß dieser Gott, wenn es ihn denn wirklich
gibt, ein ganz und gar kriegerischer und grausamer
ist, und daß sich durch kein noch so
schmeichelhaftes Schönreden ein gütiger und
barmherziger daraus machen läßt. Insofern haben alle
Einwände gegen die moderne Evolutionstheorie, die
den Menschen als einen Versuch ansieht, über das
Tierreich hinauszuwachsen, von Anfang an keinen
Bestand. Auf dem Wege zum Übermenschen ist der
Mensch gleichwohl noch nicht, wohl aber auf dem Weg
in ein immer größer werdendes Chaos.
Mit freundlichen Grüßen
Manfred Hiebl
Stand: 20. Februar 2010 |