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Sehr geehrter Leser,

obwohl
ich Günter Grass bisher nie besonders geschätzt, auch keines seiner Werke gelesen und mich
mit seiner Biographie nur unzureichend
auseinandergesetzt habe, nötigt mir dieser Mann
mittlerweile Respekt ab. Grund dafür ist die
hysterische Aufregung, die sein jüngst erschienenes
Gedicht bei einigen jüdischen Organisationen und in
der Presse ausgelöst hat: Man könnte fast den
Eindruck gewinnen, es sei die Bundeslade gestohlen
worden, denn die hervorgerufenen
Reaktionen sind so lächerlich wie der Tanz ums goldene Kalb.
Das Schlimme an der Sache aber ist, daß es wieder einmal
jemand gewagt hat, die Wahrheit zu sagen, noch dazu
ein Nobelpreisträger, und was weitaus schlimmer ist,
auch noch ein solcher mit
NS-Vergangenheit
–
als ob es in Deutschland irgendeinen in diesem Alter
gäbe, der diese Vergangenheit nicht hat. Man kann
Günter Grass zu seiner Offenheit nur
beglückwünschen, wenngleich das Gedicht als solches
kaum der Rede wert ist. Es ist der politische
Inhalt, der es brisant macht. Günter Grass hat es
in aller Öffentlichkeit gewagt, auszusprechen, was
andere nur still für sich denken, nämlich auf das
knechtische Verhältnis der Deutschen zu Israel und
seinen Bundesgenossen, den Amerikanern, hinzuweisen.
Jene Hörigkeit erstreckt sich bis in die höchsten
politischen Ränge, allen voran unsere Kanzlerin, die
sich das Existenzrecht Israels zur Chefsache gemacht
hat und schon mehrmals durch großzügige
U-Boot-Geschenke unangenehm aufgefallen ist. Woher
rührt bloß diese Parteinahme für Israel? Sind andere
Völker des Nahen Ostens etwa weniger wert? Und daß
diese U-Boote mobile Abschußrampen gegen die Feinde
Israels darstellen oder jedenfalls schnell zu
solchen umgerüstet werden können, scheint der
Öffentlichkeit nicht aufgegangen zu sein. Dazu
kommt, daß die Lieferung von Waffen gemäß § 6 des Kriegswaffen-kontrollgesetzes in Krisengebiete
ausdrücklich verboten ist. Wenn Günter Grass nun
öffentlich darauf hinweist, daß Israel einen
Angriffskrieg gegen den Iran vorbereitet, was durch
die wiederholten Forderungen Israels nach einem
Militärschlag sowie den Aufmarsch der Amerikaner in
der Golfregion eindeutig bewiesen ist, so macht sich
unsere Bundesregierung nach Artikel 26 Abs. 1 des
Grundgesetzes an dieser Vorbereitung eines
Angriffskrieges mitschuldig. Doch wann haben
Politiker sich jemals an die Gesetze gehalten, die
sie selbst gemacht haben? Sie kennen sie noch nicht
einmal. Nun aber zum Bösen in dem ganzen Geschehen,
jenem kleinen Mann, der der Welt so große Schrecken
einjagt: Mahmud Ahmadinedschad, den Grass einen
Maulhelden nennt, der er ja auch ist
–
ich würde ihn einen Zirkusclown nennen. Wie
zutreffend ist doch das alte Sprichwort: „Bellende
Hunde beißen nicht.“ Begreifen die Menschen im Lande
die Propaganda nicht, die sich hinter seiner
Leugnung des Holocausts verbirgt? Es geht ihm darum,
Deutschland gegen Israel aufzuwiegeln, denn was wäre
den Deutschen lieber, als wenn es den Holocaust nie
gegeben hätte? Aber nach 70 Jahren ohne Krieg
haben die Deutschen verlernt, einen gefährlichen von
einem ungefährlichen Menschen zu unterscheiden. Sie
halten jeden für gefährlich. Es ist bisher weder
bewiesen, daß der Iran Nuklearwaffen besitzt, noch
daß er sie jemals einsetzen wird. Auch der iranische
Präsident weiß, daß eine einzige gegen Israel
gerichtete Atomrakete sein ganzes Land ausradieren
würde. Und auch wenn viele Iraner lieber im Kampf
sterbend ins Paradies eingehen möchten, so
gibt es dennoch auch in ihrer Seele das Gefühl der
Angst. Außerdem würde doch ein atomarer Erstschlag
Irans diejenigen am meisten treffen, denen man
eigentlich helfen möchte
–
die Palästinenser. Und welcher gläubige Muslim würde
schon die zweitheiligste Stätte des Islam zerstören
- Jerusalem?
Israel leidet vor allem an einem: an
Verfolgungswahn, und man kann sich unschwer
vorstellen, warum: aufgrund seiner verfehlten
Siedlungspolitik im Westjordanland und weil es ein
Land besetzt hält, das ihm völkerrechtlich gar nicht
gehört. Doch die politische Linke in
Deutschland akzeptiert vernünftige Argumente nicht.
Sie steckt so voller Schuldkomplexe aufgrund des
Holocaust, daß sie lieber einem Angriffskrieg gegen
den Iran zustimmen würde, als zugeben zu müssen, daß
es den Amerikanern nur um die Kontrolle des Öls in
der Region geht und die abstrakte Bedrohung durch
den Iran einen willkommenen Anlaß für einen Krieg
liefert. Es wurde schon einmal behauptet,
daß ein Land Massenvernichtungswaffen besitzt, um
ein Argument zu haben, losschlagen zu können, doch
am Ende stellte sich heraus, daß dem gar nicht so
war. Ein tragischer Irrtum, der vielen unschuldigen
Menschen das Leben gekostet hat. Und das soll nun
ein zweites Mal passieren, obwohl sich jeder
vernünftig denkende Mensch darüber im klaren sein
müßte, daß eine weitere Ölkrise das letzte ist, was
unsere Wirtschaft gegenwärtig gebrauchen kann. Aber das Volk will
offenbar Blut sehen. Daß es sich bei den Kritikern
an Grass nicht um vernünftig denkende Menschen
handeln kann, müßte eigentlich jedermann klar sein.
Genau darin aber liegt seine Auszeichnung, und man
sollte ihn noch zusätzlich für den
Friedensnobelpreis vorschlagen, anstatt ihn wie
Wulff zu zerpflücken. Und wo bleibt Gauck in der
ganzen Diskussion? Von ihm habe ich nicht ein
einziges klärendes Wort vernommen. Wurde nicht
Deutschland von der Weltgemeinschaft verurteilt,
Rußland angegriffen zu haben, weil es sich bedroht
fühlte? Und nun soll mit dem gleichen Argument
Israel gestattet werden, Iran anzugreifen
–
alttestamentarische Logik eines auserwählten Volkes,
kann ich dazu nur sagen. Gewiß mag zutreffen, daß Antisemitismus in
Deutschland noch immer latent verbreitet ist, aber geradezu
unfair ist es, jetzt Grass damit zu belasten, um ihm
effektvoll den Mund zu verbieten. Daß Antisemitismus
und Offenheit in einen Topf geworfen werden, ist
immer gut, wenn es darum geht, jemanden mundtot zu
machen, aber irgendwann nutzt sich auch diese Masche
ab. Daher gilt Grass trotz einiger Freudscher
Fehlleistungen, die ihm sicher nicht ganz unbewußt
unterlaufen sind, immer noch meine
größere Bewunderung als jedem, der zur deutschen
Geschichte nicht genügend recherchiert hat.
Mit freundlichen Grüßen
Manfred Hiebl
Stand: 4. April 2012 |