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Sehr geehrter Leser,

die Masse der Menschen hält wirtschaftliches Wachstum für eine gute und sinnvolle Sache. Viele verbinden damit Reichtum und Prosperität, denn Wachstum hat ganz nebenbei ein Ziel im Auge: Mehrung von Glück und Wohlstand. Jede Form von Wachstum ist mathematisch eine entartete Lösung eines Räuber-Beute-Systems. Es entsteht, wenn Räuber und Beute sich gegenseitig fressen die kannibalische Anomalie sozusagen und die Reproduktionsrate größer ist als die Freßrate. Im Falle, daß die Reproduktionsrate niedriger ist als die Freßrate, sterben auch die Kannibalen aus. Den Fall, daß die Reproduktionsrate größer ist als die Freßrate kann es allerdings aus energetischen Gründen nicht geben, wenn nicht eine Ersatznahrungs-quelle zur Verfügung steht. Die Grenzen des Wachstums sind also erreicht, wenn auch die Ersatznahrungsquelle versiegt. Diesen Gesetzmäßigkeiten unterliegt auch der Mensch. Man kann den Krieg abschaffen, das Räuber-Beute-System aber bleibt und mit ihm der unvermeidliche Tod. Beim Menschen hat das Wachstum seine Ursachen nicht nur darin, daß er es geschafft hat, sich neue Nahrungsquellen zu erschließen, sondern auch seine Reproduktionsrate durch künstliche Mittel und Eingriffe immer weiter zu steigern, wobei aber die vermehrte Reproduktion nach Art einer Schleife immer größere Anstrengungen bei der Nahrungsquellenerschließung erfordert und damit einen immer größer werdenden Einsatz von zerstörerischer Energie. Der Mensch ist noch nicht so weit, daß er begriffen hätte, daß auch die Erschließung alternativer Energiequellen keine Lösung der Entropieproblematik darstellt, sondern das Problem umgekehrt noch verschärft. Der einzig gangbare Ausweg ist die Rückkehr zur Natur bzw. die Hinwendung zur natürlichen Klugheit und damit die volle Akzeptanz der Räuber-Beute-Mechanismen ohne menschlichen Eingriff. Denn es wäre schlichtweg eine Illusion, an diesen Abläufen jemals etwas ändern zu können, ohne nicht gleichzeitig eine allgemeine Verschlechterung der Lebensbedingungen eintreten zu lassen. Wachstum ist seiner Natur nach pathologisch und damit weltanschaulicher Unsinn, weil es auf irrationalen Erwartungen beruht, die sich im Räuber-Beute-Zyklus niemals dauerhaft erfüllen werden, ohne daß einer der beiden Kontrahenten, Räuber oder Beute, irreparablen Schaden nimmt. Alle menschlichen Lenkungs- und Steuerungsversuche gehen in der Regel zu Lasten der Guten, womit gerade das Edelste und am dringendsten Benötigte ausblutet, und die Ursachen dafür ranken sich um falsche Dogmen, welche schon in der Heiligen Schrift als irreführende Lebensweisheiten ausgegeben werden: »Seid fruchtbar und mehret euch.« In der Tat wächst der Mensch in seinen Begehrlichkeiten über jedes vernünftige Maß hinaus, was selbst nach traditionellen Maßstäben durchaus unethische Züge birgt. Die Triebfeder solchen Tuns entspringt dem menschlichen Egoismus, seiner Hab- und Raffgier, seinem Geiz auch nach Ehre und Größenwahn und schließt alles ein, was wachstumsfähig ist: Geld, Wirtschaft, Macht, Besitz, ideologisches Gedankengut und selbst die körperlichen Lüste. Wachstum ist biblisch und damit Judentum pur: ständiges Feilschen, Handeln und Wuchern, wenn es um Geld und Zinsen geht, und ständig auf der Suche nach neuen Opfern, vorrangig Kunden in urbanen Zentren, jenen Umschlagplätzen, wo Menschen auf Makler, Zwischenhändler und Berater »hereinfallen«, den großen Parasiten unserer Zeit. Die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft durch Ludwig Erhard war ein Aufspringen auf den Zug der Alliierten, speziell der Amerikaner, die die Fahne hochhaltend als Siegermächte Europa vorausgingen und der Menschheit eine neue Welt- und Werteordnung aufoktroyierten mit ihrer Vision vom Ende des Krieges, ersetzt durch anhaltendes Wirtschafts- und Geldmengenwachstum, aus denen der Mensch, gestärkt durch Menschenrechte, als Sieger hervorgehen sollte. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten färbte damals auf die ganze Welt ab, obwohl die Vereinigten Staaten heute selbst am Abgrund stehen, geistig-kulturell wie wirtschaftlich. Auch jener bekannte CSU-Vorsitzende aus Bayern, nach dem der Münchner Großflughafen benannt ist, hat sich durch Wachstumspredigten unrühmlich hervorgetan und es mit seinen lateinischen Redewendungen zu einem geschätzten Eigenvermögen von immerhin 300 Millionen DM gebracht. Genützt hat es den Menschen zwar wenig, zu einer himmelschreienden Armut aber hat es geführt. Die Liste der Selbstbereicherer ist lang, sie beginnt bei erfolgreichen Vertretern aus der Wirtschaft und endet bei Industriemanagern großer Firmen, angeführt von Bankvorständen und Aufsichtsratsvorsitzenden, von Lobbyisten und in Aufsichtsräten sitzenden  Politikern einmal ganz abgesehen. Die perfekte Ausbeutung der Dummen, denen man nur unaufhörlich Demokratie und Menschenrechte predigen und immer wieder die Schlechtigkeit der Alleinherrschaft vor Augen führen muß, um sie knechtisch und willfährig zu machen. Karl Marx hätte seine helle Freude daran, diese intellektuell Mißratenen zu demontieren, jeder geistig Hochstehende von damals würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sähe, was aus uns geworden ist. Denn all jene »Errungenschaften«, denen wir bis heute wie dem Mammon huldigen, und dieser ganze Tanz ums Goldene Kalb, den wir dazu aufführen, haben ihre Wurzeln im Vorderen Orient. Von den Phöniziern ging jenes Gedankengut auf die Griechen über, von diesen gelangte es an die Römer, die es im gesamten Abendland verbreiteten. Die größte Teufelei aber ist jenes Geldmengenwachstum, welches man Kreditsystem nennt und welches seinen Erlös ausschließlich aus dem Mehrwert schöpft, der auf Zinsspekulationen beruht und wie ein Zoll auf alles und jedes erhoben werden kann, was nur irgendwie nach Gewinn aussieht. Wie ein Funke ist diese verzehrende Flamme seitdem auf die westliche Welt übergesprungen. Der Gefallen am Wachstum beginnt beim narzißtischen Muskelwachstum und endet beim inflationären Zinswachstum. Dabei ist Wachstum so tödlich wie Krebs, und das gilt nicht nur für dieses, sondern für jegliche Formen des Wachstums, denn sie alle gehorchen demselben System von Differentialgleichungen, die ein Räuber-Beute-System beschreiben. Ja, man könnte sogar sagen, Wachstum ist das Krebsgeschwür unserer Zeit und im höchsten Grade asozial. Seine Gutartigkeit besteht glücklicherweise darin, daß ihm Grenzen gesetzt sind. Allein der Mensch erkennt diese Grenzen derzeit noch nicht, und wenn er sie erkennt, überschreitet er sie bewußt und ohne Rücksicht auf Verluste. In der Tat wären die Wucherungen des Wachstums gigantisch, wenn sie nicht in der einen oder anderen Form beschnitten würden. Da Wachsendes sich teilweise aus den gleichen Ressourcen ernährt, entstehen Rivalitäten um letztere. Entweder die Ressourcen limitieren beide Konkurrenten, oder der Stärkere obsiegt und der Schwächere stirbt aus. Dabei ist in einem Räuber-Beute-System a priori niemals klar, wer der Stärkere und wer der Schwächere ist, es kann der Räuber sein oder auch die Beute. Da mag die eine Art die Ressource oder vielmehr die Beute einer anderen sein: ein perfide und teuflisch ausgeklügeltes System, das sich angeblich ein guter Gott ausgedacht hat. Frißt der sogenannte Räuber seine Beute, die seine Lebensgrundlage darstellt, vollständig auf, so stirbt auch er aus. Einige Katzenartige lassen ihre Beute gerne zappeln. In der Regel stellt sich aber ein Gleichgewicht zwischen Räuber und Beute ein, welches das beiderseitige Wachstum begrenzt. Das gilt im besonderen auch für den Menschen, der aufgrund seines geistigen Fortschritts keine nachhaltigen natürlichen Feinde mehr hat und seitdem, was sein Überhandnehmen anbetrifft, außer Rand und Band geraten ist. Der Fortschrittsglaube des Menschen hindert ihn daran, beizeiten gegenzusteuern und das Wachstum zu begrenzen, was er von sich aus längst energisch tun müßte, anstatt abzuwarten, bis die Ressourcen knapp werden oder das Geschwür aufbricht. Wachstum zu begrenzen erfordert natürlich auch Verzicht, ist zudem unpopulär und politisch kaum durchsetzbar. Einige Systeme würden von sich aus gesundschrumpfen, werden aber leider künstlich wieder auf Wachstumskurs gebracht. Zum Beispiel sinkt die Zahl der Einwohner in einigen Industriestaaten auf ein ökologisch vertretbares Maß, doch steuern diese Staaten durch Bevölkerungsumverteilung, etwa durch die Einbürgerung von Ausländern, einen erzwungenen Wachstumskurs und schüren somit bewußt die Ressourcenverknappung, in deren Gefolge Konflikte heraufziehen. Denn sowohl Wasserreserven, Erdöl und andere Bodenschätze als auch Wald- und Agrarflächen einschließlich den natürlichen Fisch- und Wildbeständen sind bereits knapp geworden, so daß sie für eine noch weiter steigende Weltbevölkerung bald nicht mehr hinreichen werden. Nicht alles ist hundertprozentig recyclebar, und falls doch, dann würde dies erneuten Energieaufwand erfordern, der aber wegen der Klimaänderung nicht durch fossile Brennstoffträger abgedeckt werden darf. Wenn nicht für jeden genügend Ressourcen zur Verfügung stehen, entsteht Streit um deren Verteilung, welcher sogar in Kriege ausarten kann. Diese würden das Wachstum zwar begrenzen, jedoch nicht ohne weitreichende Zerstörungen, und auch diejenigen in Mitleidenschaft ziehen, die sich vorbildlich verhalten. Es gibt aber auch noch einen anderen Aspekt des Wachstums. Infolge von Automation und Rationalisierung werden immer weniger Menschen benötigt, um die für die Masse lebensnotwendigen Güter herzustellen. Dadurch kommt es zu einem Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage von Arbeit. Auch hier erhöht sinnloses Bevölkerungswachstum die sozialen Spannungen zwischen denen, die Arbeit haben, und solchen, die danach lechzen. Arbeit kann nicht beliebig geteilt werden, außerdem kann nicht  jede Arbeit von jedem verrichtet werden, wie einige allzu Blauäugige glauben. Die von jeglicher Art Überbevölkerung angerichteten Zerstörungen betreffen in erster Linie die Natur. Wo gebaut wird, wird Naturraum zerstört, Tiere und Pflanzen zurückgedrängt oder jedenfalls stark dezimiert. Kunstdünger, Pflanzenschutzmittel und Antibiotika richten vergleichbare Schäden an, meist an der Gesundheit. Vor allem den Industrieländern, die seit alters einen selbstzerstörerischen Hang zu sozialen Sicherungssystemen wie Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung haben, droht durch den hohen Sozialetat eine Schuldenmisere unvergleichlichen Ausmaßes, weil durch immer niedrigere Löhne von immer kurzfristiger Beschäftigten kaum noch ausreichend Steuereinnahmen erzielt werden können, die die Staatsausgaben wettmachen und den Staatshaushalt sanieren könnten. Es steigt also entweder die Armut oder es sinkt der Geldwert. Die Geldentwertung könnte man auffangen, wenn die Löhne entsprechend mitsteigen würden. Geldrücklagen und Ersparnisse sind allerdings dahin, so daß Anleger in Sachwerte flüchten müssen. Die Sachwerte können aber auch nicht in Geld zurückgetauscht werden, sonst drohen bei instabiler Finanzlage Verluste. Denn wie will jemand ein Haus verkaufen, dessen Erlös schon morgen nur mehr die Hälfte wert ist? Dies bedeutet die Abwendung vom Geldverkehr und die Rückkehr zum Tauschhandel: Arbeit gegen Essen. Man kann sich auch unschwer vorstellen, daß Wachstum in Kriminalität mündet, vor allem in ethisch wenig gefestigten Gesellschaften, zu denen alle Polykulturstaaten gehören. Metropolen wie diejenigen in Amerika, die zusätzlich Rassenprobleme haben, mit Stadtvierteln, in die sich kein Weißer mehr vorwagen darf, zeigen, zu welch brodelnden Unruheherden Ballungsräume mutieren können und welches Gewaltpotential dort schlummert. Eine nicht gelungene Völkerfusion heizt die Spannungen zusätzlich an. Wachstum führt also fast zwangsläufig zu Unruhen, und zwar überall dort, wo Menschen schneller wachsen als die Substanz, die sie ernähren soll. Doch mangels einer geistigen Fähigkeit zur Durchdringung der Problematik ist auf schnellen Wandel und durchgreifende Änderungen seitens unserer Politiker in nächster Zeit wohl eher nicht zu hoffen. Dafür gilt viel zu sehr die dumpfe Spruchweisheit: »Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.«

Mit freundlichen Grüßen

Manfred Hiebl

 

Stand: 18. Dezember 2012

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