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Zwanzigstes Buch

Vermählung König Amalrichs mit einer griechischen Prinzessin. (Kap. 1) Andronikus entführt die Witwe König Balduins. (Kap. 2) Errichtung neuer Bistümer. Ankunft Stephans aus Sizilien. Tod des Grafen Wilhelm von Nevers. (Kap. 3) Der Kaiser von Konstantinopel schließt mit dem König ein Bündnis zur Eroberung Ägyptens. (Kap. 4) Der König fällt feindlich in Ägypten ein, läßt sich durch Versprechungen des Sultans hinhalten und muß am Ende unverrichteter Dinge wieder abziehen. (Kap. 5-11) Sirakon erobert Ägypten. (Kap. 11) Sein Nachfolger wird Saladin, der den Kalifen ermordet. (Kap. 12) Bischofswahl. Der Erzbischof Friedrich von Tyrus geht als Gesandter ins Abendland. (Kap. 13) Unglücklicher Versuch des Königs, in Verbindung mit einer griechischen Flotte Ägypten zu unterwerfen. (Kap. 14-19) Große Erdbeben im Orient. (Kap. 19) Saladin macht einen Einfall ins Königreich und belagert mehrere feste Plätze. (Kap. 20-22) Märtyrertod des Erzbischofs Thomas von Canterbury in England. (Kap. 23) Reise des Königs nach Konstantinopel. Ehrenbezeugungen, die ihm während seines Aufenthalts erwiesen werden. Bündnis mit dem Kaiser. (Kap. 24-26) Der König beruft gegen Nureddin ein Heer zusammen. Rückkehr des Erzbischofs Friedrich von Tyrus aus dem Abendland. Ermordung des Bischofs Wilhelm von Akkon. (Kap. 27) Feindliches Betragen des Fürsten Milo von Armenien gegen die Bewohner von Antiochien. Der König und der Fürst von Antiochien machen einen Einfall in sein Land. (Kap. 28) Saladin belagert einen festen Platz über dem Jordan, muß aber unverrichteter Dinge wieder abziehen. (Kap. 29) Saladin verheert das Land über dem Jordan. Der König bleibt mit seinem Heer bei Karmel stehen. Rückkehr des Grafen Raimund von Tripolis aus der Gefangenschaft. (Kap. 30) Die Assassinen. Ihre Gesandtschaft an den König. Ihr Gesandter wird von den Tempelrittern getötet. Große Unruhen, die hierdurch veranlaßt werden. (Kap. 31-32) Tod Nureddins. Der König belagert Paneas. Seine Krankheit, Tod und Begräbnis. (Kap. 33)

    I. Unterdessen hatten sich der Erzbischof Hernestus von Cäsarea und Odo von Sankt Amand, der damals königlicher Mundschenk war, des Auftrags, in welchem sie an den Kaiser Manuel nach Konstantinopel geschickt worden waren, mit ebensoviel Klugheit als Treue entledigt und den Zweck ihrer Sendung erreicht. Sie kehrten jetzt, nach zweijähriger Abwesenheit, auf dem Seeweg zurück und landeten mit der Tochter des Protosebasten des Kaisers, die zur Gemahlin des Königs bestimmt war, bei Tyrus. Sobald der König dies erfuhr, kam er in Eile nach Tyrus, rief die Prälaten der Kirchen und die Fürsten des Reichs zusammen und ließ sich mit dieser Maria, nachdem sie die königliche Weihe und Salbung erhalten hatte, in seinem königlichen Ornat und mit dem Diadem seiner Väter gekrönt am neunundzwanzigsten August durch die Hand des Patriarchen Amalrich mit der gebührenden Pracht in der Kirche von Tyrus trauen. Dieser Johannes Protosebastos, dessen Tochter der König heiratete, war der Sohn eines jüngeren Bruders des Kaisers. Der Kaiser schickte aber mit dieser seiner Nichte große und erlauchte Diener der kaiserlichen Hoheit, den Paleologos und Manuel Sebastos, seinen Verwandten, nebst noch vielen anderen, die sie dem König feierlich übergeben und von den vorgeschriebenen Förmlichkeiten nichts außer acht lassen sollten. Erzbischof der Kirche von Tyrus, in der die Vermählung gehalten wurde, war damals Friederich, der von der Kirche von Akkon hierher versetzt worden war. Dieser übergab uns drei Tage nach der Krönung und Vermählung auf Bitten und in Gegenwart des Königs und vieler anderer ehrenhafter Männer großmütig das Archidiakonat der Kirche, von welcher Wilhelm zur Kirche von Akkon berufen worden war.

    II. Um dieselbe Zeit, solange der König noch in Ägypten festgehalten war, kam ein edler und mächtiger Grieche, ein Verwandter des Kaisers von Konstantinopel namens Andronikus, mit einer starken Mannschaft aus Kilikien und hielt sich bis zur Ankunft des Königs zu unserer großen Freude bei uns auf, lohnte aber wie die Schlange im Busen und die Maus im Sack seinen Gastfreunden übel und zeigte, wie wahr der Spruch Maros sei, nach welchem man die Feinde, auch wenn sie Geschenke bringen, fürchten muß. Der König gab ihm nämlich gleich nach seiner Rückkunft die Stadt Berythus, und nun lud Andronikus die Witwe des Königs Balduin, welche die Stadt Akkon als Morgengabe besaß und eine Tochter seines Neffen war, bei dem er lange als Gastfreund gewohnt hatte, dazu ein, sich diese Stadt anzusehen, und entführte sie dann, betrügerischerweise von Nureddin hierbei unterstützt, wie man sagt, ins feindliche Land, zuerst nach Damaskus und dann nach Persien.

    III. In diesem Jahr fiel sonst beinahe nichts Denkwürdiges im Königreich vor, als daß um die Fastenzeit zwei neue Kirchen im Königreich eingerichtet und mit Bischöfen versehen wurden. Die eine von diesen, nämlich die von Petra, das die Hauptstadt des Zweiten Arabiens ist und über dem Jordan im Lande Moab liegt, hatte seit der Ankunft der Lateiner im Gelobten Land keinen lateinischen Bischof gehabt, die andre aber, die von Hebron nämlich, soll niemals eine Bischofskirche, sondern zur Zeit der Griechen ein Priorat gewesen sein, wie dies auch von der Kirche von Bethlehem bekannt ist. Diese letztere Kirche wurde aus Verehrung vor der Geburtsstätte des Herrn schon früher, sogleich nach Befreiung der heiligen und gottgeliebten Stadt, zur Zeit König Balduins des Ersten, wie sie es verdiente, zu einer Kathedralkirche erhoben. Und jetzt wurde auch die Kirche von Hebron zum segensreichen Andenken an die Diener Gottes, Abraham, Isaak und Jakob, dieser Ehre für würdig gehalten. Zum Bischof der Kirche von Petra und Metropolitan des Zweiten Arabiens wurde Herr Guerrik gemacht, regulierter Chorherr im Tempel des Herrn, zum Bischof von Hebron aber Rainald, ein Neffe des Patriarchen Fulcher. Im folgenden Sommer kam der edle Stephan, Kanzler des Königs von Sizilien und erwählter Bischof von Palermo, ein junger Mann von trefflichen Anlagen und schöner Gestalt, ein Bruder des Grafen Rotold von Perche, der von den Fürsten des Landes gegen den Willen des noch minderjährigen Königs und seiner Mutter, die ihn trotz ihrer Bemühungen nicht zu halten vermochte, aus dem Königreich vertrieben wurde und mit einigen wenigen kaum den Nachstellungen der Feinde entkam, zu Schiff in unser Land, starb aber nicht lange nachher an einer heftigen Krankheit, die ihn befiel, und wurde in Jerusalem, im Kapitel des Tempels des Herrn, ehrenvoll begraben. Um dieselbe Zeit kam auch Wilhelm von Nevers, ein großer, edler und mächtiger Fürst aus dem fränkischen Reich, mit einer stattlichen Ritterschaft nach Jerusalem und wollte im Dienst des Herrn auf eigene Kosten gegen die Feinde unsres Glaubens streiten, aber seinem frommen und ehrenvollen Vorsatz kam der Tod, neidisch auf seine glücklichen Taten, jämmerlich zuvor, denn er wurde plötzlich von einer Krankheit ergriffen, die ihn nach langwierigen Beschwerden in der schönsten Blüte seiner Jugend, allen zum schmerzlichen Verlust, hinwegraffte.

    IV. In demselben Sommer kamen der Graf Alexander von Gravina und ein gewisser Michael von Hydront, Diener und Gesandte des Kaisers von Konstantinopel, mit Aufträgen an den König nach Tyrus, eröffneten ihm in Gegenwart derer, die der König an dieser Verhandlung teilnehmen lassen wollte, insgeheim die Gründe ihrer Ankunft und überreichten ihm ein kaiserliches Schreiben, in welchem alles dies weiter auseinandergesetzt war. Der Inhalt dieser Sendung war aber folgender: Der Kaiser hatte erfahren, daß das Reich von Ägypten, das bis dahin sehr mächtig und vielvermögend gewesen, in die Hände von schwachen und verweichlichten Gebietern gekommen war, und daß die benachbarten Völker die Ohnmacht und ungenügende Stärke seines Herrn als auch seiner Fürsten wohl kannten. Weil es nun also schien, als könne das Reich nicht lange in diesem Zustand bleiben und als müsse die Herrschaft auf fremde Völker übergehen, hatte er den Gedanken gefaßt, es wäre ihm mit Hilfe des Königs leicht möglich, sich das Land zu unterwerfen. Dieser Sache wegen nun hatte er die Gesandten geschickt. Einige behaupten, der König habe schon früher mehrmals durch Briefe und Botschaften den Kaiser dazu aufgefordert, ihm mit Streitkräften, einer Flotte und Geldunterstützung in demselben Unternehmen beizustehen und ihm dafür einen bestimmten Anteil sowohl am Reich als an der Beute versprochen, und dies ist auch sehr wahrscheinlich. Als nun die Gesandten zum König kamen, wurde ich, nachdem die Verträge zu gegenseitiger Zufriedenheit abgeschlossen waren, im Auftrag des Königs den Gesandten als Begleiter beigegeben, um dem Kaiser das königliche Schreiben zu überbringen und ihm seinen und des ganzen Reichs Entschluß kundzutun und den Vertrag, wie es von mir verlangt würde, jedoch in einer bestimmten Form, zu bestätigen und zu bekräftigen. Wir reisten also mit den erwähnten kaiserlichen Gesandten, die bei Tripolis, wie ihnen der König dies in seinem Schreiben bestimmt hatte, unsere Ankunft erwarteten, nach der Kaiserstadt. Der Kaiser war damals in Serbien, einem gebirgigen und waldigen Land, das zwischen Dalmatien, Ungarn und Illyrien liegt und dessen Einwohner sich im Vertrauen auf die Unzugänglichkeit ihres Landes und auf die Schwierigkeiten, welche die Engpässe einem Heer, das hier eindringen wollte, darbieten, gegen den Kaiser empört hatten. Alte Überlieferungen sagen, dieses ganze Volk stamme von Sträflingen ab, die in dieses Land verbannt worden waren, um hier Metalle auszugraben und Marmor zu sägen, und daher soll es auch seinen Namen haben, der sie als Sklaven bezeichnet. Dieses Volk ist nämlich roh und ungebildet, wohnt auf den Bergen und in den Wäldern und weiß nichts von Ackerbau. Sein Reichtum sind großes und kleines Vieh, Milch, Käse, Butter, Fleisch, Honig und Wachs, was es alles in großem Überfluß hat. Es steht unter Obrigkeiten, die sie Suppanen nennen und die in einer gewissen Abhängigkeit vom Kaiser stehen. Hie und da kommen sie aus ihren Wäldern und Bergen hervor und verheeren, kriegerische und kühne Männer wie sie sind, das ganze umliegende Land. Dieser Überfälle wegen, mit denen sie die Nachbarländer auf eine unerträgliche Weise heimsuchten, war der Kaiser mit starker Hand und mit einer unermeßlichen Heereszahl in ihr Land eingedrungen, und von diesem Kriegszug, in welchem er die Serben unterworfen und ihren höchsten Häuptling zu seinem Gefangenen gemacht hatte, kam er zurück, als wir in der Provinz Pelagonien, nach vielen Beschwerden, die wir auf der Reise erduldet hatten, in der Stadt, die gewöhnlich Butella genannt wird, in der Nähe der alten Stadt Justiniana, die heute gemeinhin Acreda genannt wird und die Heimat des glücklichen, unbesiegten und weisen Kaisers Justinian war, mit ihm zusammentrafen. Wir wurden vom Kaiser sehr ehrenvoll aufgenommen und mit kaiserlicher Milde und Güte behandelt, und er war mit den Eröffnungen, die wir ihm über den Grund unserer Gesandtschaft und die Form des abgeschlossenen Vertrags machten, sehr zufrieden und billigte alles, was seine Gesandten eingegangen waren. Diese Bestimmungen wurden nun also von beiden Seiten durch körperliche Eide bekräftigt, und der Kaiser bestätigte die Anordnungen seiner Gesandten. Als wir so den Zweck unserer Sendung glücklich erreicht hatten, traten wir mit einem kaiserlichen Schreiben, das die vollständigen Vertragsformeln enthielt, nach der Sitte des Kaisers reich beschenkt, am ersten Oktober den Rückweg an.

    V. Unterdessen verbreitete sich gleich nach unserer Abreise, noch ehe wir nach Hause zurückkamen und noch ehe der König durch uns des kaiserlichen Beistands vergewissert war, das Gerücht, der Sultan Savar von Ägypten habe durch häufige Botschaften Nureddin im geheimen um seinen Beistand ersucht und ihn wissen lassen, er habe gerade vor, das Bündnis, das er mit dem König geschlossen habe, zu brechen, denn er stehe nicht gern mit einem feindlichen Volk in einem solchen Verhältnis, und wenn er seiner Hilfe gewiß wäre, so wollte er vom König ganz zurücktreten und den Vertrag aufheben. Auf diese Nachricht wurde der König, wie es heißt, von gerechtem Unwillen ergriffen, rief alsbald das ganze Königreich zusammen, sammelte Fußvolk und Reiterei und machte sich schleunigst nach Ägypten auf. Einige sagen aber, das alles sei erdichtet gewesen, Savar habe den geschlossenen Vertrag absolut treu gehalten und sei gegen Recht und Billigkeit ganz unschuldig vom König mit Krieg überzogen worden. Um aber diese schändliche Tat zu entschuldigen, habe man diesen Vorwand gebraucht, und daher habe auch der Herr als der gerechte Richter, der ins Innere sieht, den Unseren bei diesem ganzen Unternehmen seinen Beistand entzogen und es ihrer Ungerechtigkeit wegen unglücklich enden lassen. Den ersten Anlaß zu diesem Unrecht gab, wie man sagt, der Meister des Hospitals in Jerusalem, Gerbert mit dem Beinamen Assalit, ein sehr mutiger und verschwenderisch freigebiger Mann, dem es aber an Festigkeit und Beständigkeit fehlte. Dieser verwendete alle Schätze seines Hauses und überdies noch eine unermeßliche Menge entlehnten Geldes an seine Ritter, deren er, so viele er konnte, in seinen Dienst zog, weswegen er dem genannten Haus eine solche Schuldenlast auflud, daß keine Hoffnung da war, sie je tilgen zu können. Er selbst verließ später seine Stelle und verzichtete, weil er sich nicht zu helfen wußte, auf die fernere Verwaltung des Hauses, das bei seinem Abgang hunderttausend Goldstücke Schulden hatte. Diesen ungeheuren Aufwand soll er aber deswegen gemacht haben, weil er hoffte, wenn Ägypten unterworfen werde, so werde Belbeis, das in alten Zeiten Pelusium hieß, mit seinem ganzen Gebiet einem früher mit dem König geschlossenen Vertrag gemäß seinem Haus zum immerwährenden Besitz überlassen werden. Die Brüder der Tempelritterschaft jedoch entzogen sich dieser Unternehmung, sei es, weil sie ihnen gegen ihr Gewissen war oder weil der Meister, von dem sie auszugehen schien, ein Nebenbuhler ihres Hauses war. Sie weigerten sich also inständig, dem König Mannschaft zu stellen oder ihm zu folgen, weil es allzu ungerecht sei, mit einem befreundeten Reich, das sich auf unsere Treue verlasse, dem geschlossenen Bündnis und allem Recht zuwider, ohne daß es eine Veranlassung dazu gegeben habe, Krieg anzufangen.

    VI. Nachdem der König nun die Streitkräfte des Königreichs versammelt und seine Kriegsrüstungen gemacht hatte, zog er im fünften Jahr seiner Regierung, im Monat Oktober, nach Ägypten hinab und kam, nachdem er die Wüste, die in der Mitte liegt, in zehn Tagen durchzogen hatte, nach Pelusium, das er alsbald belagerte und nach drei Tagen eroberte und mit dem Schwert erbrach, worauf er ungesäumt die Seinen einließ. Dies geschah am dreizehnten November. Als nun die Stadt erobert war, wurden die meisten Bürger, ohne daß man auf Alter oder Geschlecht Rücksicht nahm, getötet und die, welche auf irgendeine Art dem Tod entkamen, verloren ihre Freiheit, was Männern von Ehre furchtbarer ist als jede Art des Todes, und wurden zu jämmerlicher Knechtschaft verurteilt. Unter den übrigen wurden hier auch der Sohn des Sultans, Mahagan, und einer seiner Neffen, die beide in der Stadt befehligten und die Oberaufsicht über das hier stehende Heer hatten, zu Gefangenen gemacht. Nachdem also die Stadt erbrochen war, stürzten die Haufen ohne Ordnung hinein, drangen ins Innerste der Häuser, schleppten die, welche sich darin verborgen hatten und dem Tod entkommen zu sein meinten, gebunden auf eine schmachvoller Art zum Tode heraus und erschlugen alle, die von rüstigem Alter und waffenfähig waren, und kaum schonten sie der Greise und Kinder, und auch auf das zarte Geschlecht nahmen sie nicht mehr Rücksicht. Alles, was die Bürger Kostbares haben mochten, wurde ein Raub der Feinde, die sich in ihre gesamten Schätze teilten. Auf die Nachricht von dieser Eroberung der Stadt wurde Savar ganz bestürzt und wußte nicht, was er tun sollte. Er überlegte, so gut er es in dieser dringenden Not konnte, was besser sei, den König durch Geschenke zu gewinnen und seinen Zorn durch Geld zu besänftigen oder die benachbarten Fürsten  seines Glaubens mit Geld und Bitten zu seinem Beistand aufzufordern. Endlich beschloß er, schleunigst mit beidem einen Versuch zu machen. Er schickte also eine Gesandtschaft an Nureddin und bat ihn um Hilfe, worauf dieser alsbald den oft erwähnten Sirakon herbeirief und ihm einen bedeutenden Teil seines Heeres und seiner Edlen samt Satrapen, die sein Geschäft mit ihm teilen sollten, mitgab, und dieser zog alsbald mit den nötigen Reisevorräten und mit Kamelen, so viele man deren zum Lasttragen brauchte, nach Ägypten.

    VII. Inzwischen zog der König, nachdem er Pelusium zerstört hatte, mit allen seinen Scharen Kahere zu, aber ganz langsamen Schrittes, so daß er in zehn Tagen kaum eine Tagesreise machte. Als er endlich vor der Stadt ankam, schlug er ein Lager auf, ließ Maschinen und Körbe verfertigen und traf die sonstigen Vorkehrungen zur Belagerung. Alles, was vor den Toren bereitet wurde, schien darauf hinzuweisen, daß alsbald ein Sturm erfolgen sollte, und jagte den Belagerten Schrecken und Todesangst ein. Die aber, welche in die Geheimnisse eingeweiht waren, versichern, man habe mit Absicht gezögert, damit der durch die Ankunft des Heeres erschreckte Sultan Zeit haben sollte, sich zu besinnen und für den Abzug des Heeres Geld anzubieten, denn die ganze Absicht des Königs ging dahin, dem Sultan Geld abzunehmen, und er wollte sich weit lieber kaufen lassen, als die ägyptischen Städte, wie dies bei Pelusium geschehen war, dem Volk zur Beute überlassen, wovon weiter unten die Rede sein wird. Während dieser Zeit gab sich der Sultan alle Mühe, durch seine und des Königs Diener einen Weg zu finden, auf dem er den König gewinnen könnte, und endlich erweichte er den geldgierigen Sinn des Königs durch das Versprechen einer unermeßlichen Geldsumme, die er kaum zahlen konnte, auch wenn er alles, was sein ganzes Königreich vermochte, zusammennahm. Er soll ihm nämlich gegen die Bedingung, daß er ihm seinen Sohn und seinen Neffen zurückgebe und das Heer wieder nach Hause führe, zwanzigmal hunderttausend Goldstücke versprochen haben. Er tat es aber, wie sich nachher zeigte, nicht darum, weil er hoffte, diese Summe jemals bezahlen zu können, sondern damit der König nicht rasch vor Kahere rücken und durch einen plötzlichen Überfall die unbefestigte und unvorbereitete Stadt gewinnen sollte, was, wie die, welche dabei waren, fest versichern, ohne Zweifel erfolgt wäre, wenn das Heer gleich nach der Einnahme von Pelusium, als die Ägypter von diesem unerwarteten Unglück und der eben erst erfolgten Niederlage noch ganz bestürzt waren, dahin gezogen wäre. Und es ist allerdings wahrscheinlich, daß diese weichlichen und von langem Wohlleben erschlafften Leute, die nichts vom Kriegswesen verstanden und von dem noch rauchenden Brand ihrer Nachbarstadt und von dem Untergang von unzähligen der Ihrigen in den größten Schrecken versetzt waren und fürchten mußten, daß dasselbe, was ihre Nachbarn getroffen hatte, auch sie treffen werde, weder Mut noch Kraft zum Widerstand gehabt hätten.

    VIII. Während dies bei Kahere vorfiel, war unsre Flotte, die der König bei seinem Abzug ihm so schnell als möglich nachzuschicken befohlen hatte, mit günstigem Wind durch die Mündung des Nils, die gewöhnlich Karabes genannt wird, gesegelt und in Ägypten gelandet. Die, welche auf dieser Flotte waren, belagerten alsbald die uralte Stadt Tapnis, die am Ufer dieses Flusses liegt, und eroberten und plünderten sie nach kurzer Zeit. Während nun die Unseren auf dem Fluß zum König zu kommen eilten, hatten die Ägypter mit ihren Schiffen diesen besetzt und versperrten ihnen den Weg. Der König schickte deswegen seinen Konstabler Humfried von Toron ab, um mit einer auserlesenen Mannschaft wenigstens das eine Ufer zu gewinnen, damit die Schiffe auf dieser Seite freien Durchgang hätten, und dies wäre auch mit Leichtigkeit ausgeführt worden, wenn sich nicht unterdessen das Gerücht von der Ankunft Sirakons verbreitet hätte, wodurch eine Änderung des Plans nötig wurde. Sie erhielten also den Befehl, wieder ans Meer hinabzufahren und schleunigst nach Hause zurückzukehren, was denn auch geschah, doch verloren sie aus Unvorsichtigkeit eine ihrer Galeeren.

    IX. Unterdessen hörten der Sultan und die Seinigen nicht auf, Mittel zu ersinnen, wie sie den König vertreiben könnten, und da es ihnen an Kraft fehlte, so ersetzten sie diese durch List und Betrug. Nachdem sie also das Geld versprochen hatten, baten sie um Frist für die Zahlung, denn sie sagten, die Summe sei allzu groß, als daß sie an einem Ort gefunden werden könne, und man müsse ihnen Zeit gönnen, um ihr Versprechen zu halten. Doch gab der Sultan sogleich hunderttausend Goldstücke als Lösegeld für seinen Sohn und seinen Neffen, und für die übrige Summe stellte er ihnen seine zwei noch kleinen Neffen als Geiseln. Auf dieses hob der König die Belagerung auf, zog ungefähr eine Meile weit zurück und lagerte sich in der Nähe des Balsamgartens. Hier blieb er acht Tage lang, während welcher Zeit der Sultan häufig Gesandtschaften an ihn schickte, durch die jedoch nichts weiteres zustande kam, und verlegte dann sein Lager nach dem Ort, der der „syrische“ heißt. Unterdessen sandte der Sultan durch das ganze Königreich Boten, um alles in Bewegung zu setzen, ließ alles, was sich an Waffen vorfand, zusammenbringen, berief von allen Seiten Hilfsmannschaften, schaffte Lebensmittel herbei, ging überall umher, um die Städte zu besichtigen und die schwachen Plätze, die er fand, zu befestigen und wandte überhaupt alles an, um tüchtigen Widerstand leisten zu können. Auch hielt er ermutigende Reden an die Seinigen und forderte sie auf, für ihr Leben, ihre Freiheit, ihre Weiber und Kinder wacker zu kämpfen, und stellte ihnen das klägliche Schicksal, das die benachbarte Stadt betroffen, und das harte und unerträgliche Los der Knechtschaft vor Augen, das sie, so sie nicht alle ihre Kräfte anstrengen, treffen würde.

    X. Nun war im Heer des Königs ein seiner Geburt nach edler, aber von Charakter schlechter Mann, der weder vor Gott noch vor Menschen Scheu hatte und ein unverschämter, zänkischer, verleumderischer und aufrührerischer Mensch war, nämlich Milo von Planei. Dieser, der den unmäßigen Geiz des Königs kannte und ihn in diesem Fehler lieber bestärken als ihm vernünftige Ratschläge geben wollte, hatte von Anfang an alles angewandt, den König zu bestimmen, daß er seine Hauptbemühung das sein lasse, die genannte Summe zu erheben und sich mit dem Kalifen und dem Sultan zu vergleichen, denn die Eroberung von Kahere und Babylonien sei zwar nicht unmöglich, aber auf die genannte Art könne er den ganzen Ertrag des Unternehmens den Rittern und den übrigen, die sich auf Beute freuten, zum Spott und Verdruß in den königlichen Fiskus bringen. Wenn nämlich Städte erobert werden, so erhält das Heer eine weit reichere Beute, als wenn sie den Königen und Fürsten gegen gewisse Bedingungen übergeben werden, wo dann die Herren allein den Nutzen haben. In jenem Falle nämlich kann nach dem Kriegsrecht jeder als sein Eigentum ansprechen, auf was er im ersten Getümmel als nächstes trifft, in diesem aber unterhandelt man allein zum Vorteil der Könige, und was gewonnen wird, erhält der Fiskus. Obgleich nun eine Vermehrung des Vermögens der Könige und der höchsten Gewalten auch dem Vermögen der Untertanen zugute kommt, so ist man doch nach dem, was auf eigene Rechnung geht und in das Privatvermögen fließt, immer gieriger. Auf die angegebene Art also waren sie uneinig miteinander, indem die meisten die Sache durchs Schwert entschieden wissen wollten, um alles ausplündern zu können, der König aber mit den Seinen der entgegengesetzten Meinung war, mit der er auch durchdrang. Als nun die Unseren sich bei dem obengenannten Flecken, der fünf oder sechs Meilen von Kahere entfernt ist, gelagert hatten, liefen ununterbrochen Boten und Dolmetscher hin und her, und während der Sultan einen Gesandten dem andern auf dem Fuße folgen und dem König immer wieder sagen ließ, daß er sich die größte Mühe gebe, das Geld zusammenzubringen, bat er ihn zugleich, über die Verzögerung nicht ungeduldig zu werden, und riet ihm, sich der Stadt nicht weiter zu nähern, um den Kalifen oder das Volk, das volles Zutrauen zu dem geschlossenen Vertrag habe, nicht wieder abzuschrecken, denn in ganz kurzer Zeit werde er die Summe haben und unter günstigen Vorbedeutungen zurückkehren können. Während der Sultan auf diese Art sein Spiel mit den Unseren trieb und die Absichten derer, die vernünftige Ratschläge erteilten, vereitelte, siehe, da erscholl das Gerücht, Sirakon sei mit einer unermeßlichen Menge von Türken angekommen. Auf diese Nachricht brach der König mit seinem Lager auf und kehrte nach Pelusium zurück. Hier nahm er die nötigen Reisevorräte zu sich, ließ eine Besatzung von Fußvolk und Reiterei in der Stadt zurück und zog Sirakon am fünfundzwanzigsten Dezember in die Wüste entgegen. Als er nun schon eine ziemliche Strecke in der Wüste vorgeschritten war, erfuhr er durch Kundschafter, die der Gegend kundig waren und auf die er vertrauen durfte, daß Sirakon die Wüste bereits überschritten habe. Jetzt war neuer Rat nötig, denn da sich die Kräfte des Feindes verdoppelt hatten, durfte man hier nicht mehr lange  säumen. Jede Zögerung brachte die größte Gefahr, denn auf der einen Seite war es nicht sicher, mit den Feinden zu streiten, auf der andern wollte der Sultan seinen Vertrag nicht halten, und wir hatten nicht die Macht, ihn dazu zu zwingen. In dieser Absicht hatte der Sultan die Sache so weit hinausgeschoben, daß unterdessen die Türken herbeikommen und die Unseren vertreiben sollten. Die Unseren wandten sich also wieder nach Pelusium, vereinigten sich dort mit dem Teil des Heeres, der zum Schutz der Stadt zurückgeblieben war, und brachen dann am zweiten Januar in geordneten Scharen zum Rückzug nach Syrien auf.

    XI. Als nun Sirakon sah, daß die Zeit für die Ausführung seines Plans gekommen sei, und daß ihm nach Abzug des Königs nichts mehr im Wege stehe, setzte er seinen früheren Plan ins Werk. Er schlug also sein Lager vor Kahere, blieb hier, als ob er nur mit Friedensabsichten gekommen wäre, einige Tage ganz ruhig liegen, ohne irgend etwas Feindseliges zu unternehmen, und ließ mit seiner gewohnten Schlauheit nicht das geringste von seinem Vorhaben merken. Jeden Tag kam der Sultan Savar mit großem Gepränge und mit dem stattlichsten Gefolge zu ihm ins Lager und kehrte dann, wenn er ihm so seinen täglichen Besuch gemacht, ihn begrüßt und beschenkt hatte, wieder zurück. Dieses Hin- und Hergehen, bei dem ihm nie etwas zustieß, machte den Sultan ganz sicher, und weil er gestern und vorgestern mit Ehrerbietung empfangen worden war, so setzte er seine Besuche mit dem größten Vertrauen fort. Wie er sich aber so sicher war und ein allzu großes Vertrauen in die Türken setzte, wurde plötzlich die beabsichtigte Freveltat an ihm verübt. Sirakon gab nämlich den Seinen den geheimen Auftrag, wenn er am nächsten Tag in aller Frühe einen Spaziergang ans Wasser mache und der Sultan um diese seine gewöhnliche Zeit zu Besuch komme, so sollten sie ihn niedermachen. Savar ging also am folgenden Tag zur gewöhnlichen Zeit ins Lager, um seinen Besuch zu machen, und wie er nun daherkam, fielen die bestellten Mörder über ihn her und taten, was ihnen befohlen war. Sie warfen ihn zu Boden, hieben ihm das Haupt ab und durchbohrten ihn mit ihren Schwertern. Als dies seine Söhne sahen, ritten sie eiligst nach Kahere zurück, warfen sich vor dem Kalifen nieder und baten um ihr Leben. Der Kalif soll ihnen geantwortet gaben, sie dürften, wenn sie keine geheimen Unterhandlungen mit den Türken pflegen, ganz ruhig sein. Dieser Bedingung handelten sie aber sogleich zuwider, denn sie schickten Boten an Sirakon und unterhandelten insgeheim über den Frieden, worauf sie der Kalif, als er davon hörte, beide umbringen ließ. So erreichte also Sirakon, nachdem der König entfernt und Savar weggeschafft worden war, seinen Zweck: er ergriff vom Königreich Besitz und erwies dem Kalifen die schuldige Ehrerbietung. Dieser ehrte auch ihn wieder auf alle Art und verlieh ihm die Würde und das Amt eines Sultans, und Sirakon gewann sich, als er die Gewalt des Schwertes erhalten hatte, ganz Ägypten. O die blinde Begierde der Menschen, die schlimmer ist als jedes Verbrechen, o die frevelhafte Gier und Unersättlichkeit des Herzens! In welch verworrene und gefährliche Lage riß uns die maßlose Habsucht aus der schönsten Ruhe heraus. Die Schätze von Ägypten und alle ihre unermeßlichen Reichtümer standen zu unserem Dienst, unser Königreich war auf dieser Seite gesichert, und wir hatten von Abend her niemand zu fürchten. Wenn wir das Meer befahren wollten, drohte uns keine Gefahr, die Unseren konnten ohne Furcht unter guten Bedingungen Handelsreisen nach Ägypten machen, und die Ägypter brachten uns fremde Reichtümer und uns unbekannte Waren, und ihr Kommen gereichte uns immer zu Nutzen und Ehre zugleich. Überdies vermehrte der unermeßliche Tribut, den sie jährlich zahlten, sowohl den königlichen Fiskus als das Vermögen der einzelnen. Aber jetzt hat sich alles zu unserem Schaden verkehrt, die Sache hat sich verändert und unsere Freude ist zur Trauer geworden. Wohin ich mich wenden mag, von allen Seiten droht uns Gefahr. Wir können das Meer nicht mehr gefahrlos befahren, alles benachbarte Land ringsum gehorcht dem Feind, und die angrenzenden Reiche rüsten sich zu unserem Verderben. Dies hat alles die Geldgier eines einzigen Menschen über uns gebracht, und die Habsucht, die der Grund aller Laster ist, hat den klaren Himmel, den uns der Herr gegönnt hatte, wieder verfinstert. Wir wollen aber zu unserer Geschichte zurückkehren.

    XII. Nach dem Tod des Sultans und seiner Söhne, zu deren gottloser Ermordung die Unseren der Anlaß waren, erhielt Sirakon, wie er gewünscht hatte, die ganze Herrschaft. Er freute sich aber seines Glücks nicht lange, denn er starb kaum ein Jahr nachher. Sein Nachfolger wurde Saladin, ein Sohn seines Bruders Negemedin, ein Mann von feurigem Geist, großer Tapferkeit und äußerster Freigebigkeit. Dieser soll gleich bei Antritt seiner Herrschaft seinen Herrn, als dieser sich ihm nahte, um ihm die herkömmliche Ehrerbietung zu bezeugen, mit der Keule, die er in den Händen trug, zu Boden geschlagen und getötet und seine ganze Nachkommenschaft ermordet haben, damit er keinen über sich sehen müsse und Sultan und Kalif in einer Person sei. Er fürchtete nämlich, der Kalif möchte ihn einmal, wenn er zu ihm eintrete, umbringen lassen, weil die Türken beim Volk bereits sehr verhaßt waren. Er kam ihm also zuvor und gab ihm, als dieser nichts derartiges befürchtete, den Tod, den ihm dieser, wie man sagt, selbst bereiten wollte. Nach dem Tod des Kalifen nun nahm er von dem königlichen Schatz und von allen Kostbarkeiten des Hauses Besitz und gab alles mit solcher Freigebigkeit an seine Kriegsleute ab, daß er in wenigen Tagen die Schatzkammern nicht nur völlig ausgeleert, sondern auch noch Geld geborgt und schwere Schulden gemacht hatte. Man sagt jedoch, einige hätten dafür gesorgt, daß einige von den Söhnen des Kalifen dem Tod entrissen worden seien, auf daß es nicht an Erben des Namens und der Würde der früheren Herrscher und an Abkömmlingen von diesen fehle, wenn einst die Herrschaft wieder an die Ägypter komme.

    XIII. Nach der Rückkehr des Königs fiel in der ersten Hälfte dieses Jahres nichts weiter Denkwürdiges vor, als daß nach dem Tod des Bischofs Rayner von Lidda der Abt Bernhard von der Kirche des Bergs Tabor in diese Würde eingesetzt wurde. Im folgenden Frühjahr jedoch, am Anfang des sechsten Regierungsjahrs König Amalrichs, beschloß man, weil die Klügeren im Königreich wohl einsahen, daß die Unterwerfung Ägyptens unter türkische Herrschaft unsere Lage sehr verschlimmert habe, ehrwürdige, kluge und beredte Männer aus den Prälaten der Kirche auszuwählen und an die Fürsten des Abendlandes zu schicken, damit sie diesen die unerträgliche Bedrängnis des Königreichs, die Not des christlichen Volkes und das Unglück, das ihren Brüdern drohe, gehörig vorstellen sollten, da jetzt unser heftigster Feind, Nureddin, von See her mit seiner starken Flotte unser Königreich nicht wenig bedrängen und jede unserer Seestädte zu Land und zur See angreifen und, was das schlimmste war, den Pilgern, die zu uns kommen wollten, Hindernisse in den Weg legen oder ihnen den Zugang zu uns völlig versperren konnte. Es wurden also nach gemeinschaftlichem Beschluß zu diesem Dienst der Patriarch, der Erzbischof Hernesius und der Bischof Wilhelm von Akkon ausersehen, die denn sowohl mit Briefen des Königs als auch der sämtlichen Bischöfe an den römischen Kaiser Friedrich, an den König Ludwig von Frankreich, den König Heinrich von England, den König Wilhelm von Sizilien wie auch an die edlen und erlauchten Grafen Philipp von Flandern, Heinrich von Troyes, Theobald von Chartres und die übrigen Fürsten des Abendlandes versehen zu Schiff gingen. In der folgenden Nacht aber erhob sich ein heftiger Sturm, der das Schiff samt den Rudern und Mastbäumen zerbrach, so daß sie nach drei Tagen in großer Bestürzung und kaum dem Schiffbruch entronnen zurückkamen. An ihrer Stelle übernahm nun auf die dringenden Bitten des Königs und seiner Fürsten der Erzbischof Friedrich von Tyrus diesen Auftrag und kam mit dem Bischof Johannes von Paneas, der zu seiner Kirche gehörte, glücklicher als seine Vorgänger wohlbehalten an das Ziel seiner Reise, doch gelang es ihnen nicht, für die Sache, um deren willen sie kamen, viel auszurichten. Der genannte Bischof starb nämlich gleich nach seiner Ankunft in Frankreich bei Paris, der Erzbischof aber kam nach zwei Jahren zurück, ohne irgend etwas zustande gebracht zu haben.

    XIV. Nachdem dieser Sommer verflossen war, ohne daß etwas Denkwürdiges vorfiel, schickte der Kaiser um Anfang des Herbstes dem Vertrag gemäß, den er mit dem König durch unsre Vermittlung abgeschlossen hatte, die versprochene Flotte und zeigte sich hierin sehr löblich, denn er hatte die Bedingungen alle mit kaiserlicher Großmut erfüllt und noch bei weitem mehr geleistet, als er versprochen hatte. Es waren bei dieser Flotte hundertundfünfzig lange Schnabelschiffe mit zwei Ruderbänken, die gewöhnlich Galeeren genannt werden und für den Kriegsgebrauch am passendsten sind; ferner sechzig größere Schiffe, die zum Übersetzen der Pferde bestimmt waren und die für diesen Zweck hinten Tore hatten, durch die man die Tiere hinaus- und hereinführte, und Brücken zum bequemeren Hinauf- und Herabsteigen für Menschen und Pferde und endlich zehn oder zwölf jener ganz großen Schiffe, die man Dromonen heißt und die mit Lebensmitteln aller Art, mit verschiedenen Waffen, Maschinen und sonstigen Kriegswerkzeugen bis oben angefüllt waren. Mit dieser Flotte schickte er seinen Verwandten Megadukas, dem er den Oberbefehl über alles anvertraut hatte, auf den Weg und einen gewissen Mauresius, der ihm sehr nahe stand und in dessen Erfahrung er, wie sich dies nachher noch deutlicher zeigte, das größte Vertrauen setzte, denn er übertrug ihm später die Verwaltung seines ganzen Reiches. Schließlich kam mit dieser Flotte auch der Graf Alexander von Conversana, ein edler Mann aus Apulien, den der Kaiser wegen seiner ausgezeichneten Treue und Anhänglichkeit sehr teuer und wert hielt. Diese Fürsten also setzte er über sein Heer, das er nach dem Morgenland sandte, und sie kamen nach glücklicher Fahrt gegen Ende September in den Hafen von Tyrus und fuhren von da nach Akkon, wo sie zwischen dem Fluß und dem Hafen eine bequeme Stellung fanden.

    XV. Im Jahr der Menschwerdung des Herrn elfhundertundneunundsechzig, also im achtundsechzigsten Jahr nach Befreiung der Stadt, im sechsten Jahr der Regierung König Amalrichs, am fünfzehnten Oktober, versammelte sich, nachdem im Königreich alles in Ordnung gebracht und eine Mannschaft zurückgelassen worden war, welche in Abwesenheit des Königs das Reich gegen die Überfälle Nureddins, der gegenwärtig in der Nähe von Damaskus stand, verteidigen sollte, das ganze Heer der Lateiner und Griechen bei Askalon. Die Flotte aber war schon einige Tage vorher aus dem Hafen von Askalon ausgelaufen und war bereits auf dem Wege nach Ägypten begriffen. Am sechzehnten Oktober nun brachen sie von der genannten Stadt auf und kamen in mäßigen Tagereisen, damit das Fußvolk nicht allzusehr angestrengt würde, immer an passenden Orten, wo es nicht an Wasser fehlte, Halt machend, nach neun Tagen vor die uralte Stadt Pharamia. Diesen Weg, der sie an der Meeresküste hinführte, hatte ihnen ein Zufall, der sich erst kürzlich ereignet hatte, verlängert. Einige Sandhügel nämlich, die in der Mitte zwischen dem benachbarten Meer und einigen ebeneren Orten lagen, waren von dem fortgesetzten Andringen der Wogen weggespült worden, und das Meer hatte sich, nachdem es diesen Damm durchbrochen, einen Weg zu jener Ebene gebahnt und, obgleich die Mündung nur eng war, die flachen Felder ganz überschwemmt. Von diesem Tage an, wo das Meer hier hereinströmte, findet man an diesem Ort so viele Fische, daß nicht nur die benachbarten, sondern auch entfernte Städte sich im Übermaß damit versorgen können. Da nun also die Gegend am Meer überschwemmt war, mußten sie, wenn sie am Ufer hin nach Ägypten ziehen wollten, um den See zu umgehen einen Umweg von zehn Meilen oder mehr machen, ehe sie wieder ans Ufer zurückgehen konnten. Wir haben aber dies wundershalber erzählt und weil es etwas ganz Unerhörtes ist, wie ein Teil der Wüste, der früher von der Sonne verbrannt wurde, jetzt mit Fluten bedeckt ist, so daß man hier schwimmen und mit Schiffen fahren kann, und ehemals unfruchtbar jetzt die Netze der Fischer füllt und Früchte bringt, von denen man früher nichts wußte. Pharamia aber, dessen wir oben erwähnten, ist jetzt, während es in alten Zeiten sehr bewohnt war, eine öde Stadt und liegt an der ersten Mündung des Nils, die gewöhnlich Karabes genannt wird, zwischen dem Nil, dem Meer und der Wüste, drei Meilen von der Mündung des Flusses. Als die Unseren hier ankamen, trafen sie bereits unsere Flotte, mit deren Schiffen nun das ganze Heer an das jenseitige Ufer übergesetzt wurde. Sie ließen nun Tapnis, die einst so ausgezeichnete Hauptstadt, die jetzt zu einem Städtchen herabgesunken ist, links liegen und kamen, nachdem sie eine Strecke von ungefähr zwanzig Meilen in der Mitte zwischen dem Meeresufer und zwischen Sumpfgegenden zurückgelegt hatten, in zwei Tagen nach Damiata.

    XVI. Damiata ist nämlich unter den Hauptstädten Ägyptens eine der edelsten und ältesten und hat am diesseitigen Ufer des Nils, wo er sich durch seine zweite Mündung ins Meer ergießt, zwischen dem Bett des Flusses und dem Meer, von diesem ungefähr eine Meile entfernt, eine äußerst günstige Lage. Hier kam unser Heer am siebenundzwanzigsten Oktober an und lagerte sich in Erwartung der Flotte, welche seither durch Stürme zurückgehalten worden war, nach drei Tagen aber, als sich das Meer wieder besänftigt hatte, mit günstigem Wind in dem Flusse einlief, das Ufer entlang zwischen der Stadt und dem Meer an einem äußerst passenden Platz. Nun war aber am jenseitigen Flußufer ein einzeln stehender Turm, der durch eine hinlängliche Besatzung geschützt war. Von diesem bis nach der Stadt ging eine eiserne Kette, die den Unseren sehr hinderlich war, denn sie konnten von ihr nicht weiter aufwärts dringen. Zu ihnen aber konnten von oben herab, von Babylon und Kahere her, alle Schiffe ungehindert herabkommen. Als nun die Flotte ihre Stellung eingenommen hatte, verlegten die Unseren ihr Lager über die Obstgärten, die zwischen der Stadt und ihrem Lagerplatz waren, näher an die Stadt hin, so daß sie jetzt ungehindert an die Mauern gelangen konnten. Wie sie nun hier drei Tage lang mit der Bestürmung der Stadt zögerten, lernten sie aus Erfahrung kennen, wie wahr es ist, daß jeder Aufschub schadet, wenn man einmal gerüstet ist. Es kamen nämlich von den oberen Teilen Ägyptens eine unermeßliche Menge von Türken und Schiffe voll Bewaffneter nach der Stadt herab und versahen sie, die bisher beinahe leer gewesen war, vor den Augen der Unseren, ohne daß diese etwas dagegen tun konnten, mit einer hinlänglichen Besatzung. Hatten sie früher geglaubt, die Stadt werde kaum die ersten Stürme aushalten können, so sahen sie jetzt, daß sie nur mit Belagerungsmaschinen erobert werden könne. Es wurden also Baumeister berufen, die mit bedeutenden Kosten und großer Anstrengung aus dem Material, das man ihnen wie sie es brauchten lieferte, ein siebenstöckiges Kastell von beachtlicher Höhe errichteten, von dem aus man die ganze Stadt übersehen konnte. Es wurden auch andere Maschinen verschiedener Art errichtet, von denen die einen dazu dienten, mit großen Steinmassen die Mauern zu erschüttern, die anderen die, welche die Mauern der Stadt untergraben und sie durch unterirdische Gänge zum Einsturz bringen sollten, wie in verdeckten Höhlen verborgen zu halten. Nachdem diese Maschinen errichtet und an den Plätzen, die man dazu geebnet hatte, der Mauer nahegebracht waren, setzten die in dem Kastell den Belagerten mit Pfeilen, Steinschleudern und Waffen, wie sie ihnen die Wut darbot und wie sie sie in dem beschränkten Raum brauchen konnten, aufs heftigste zu, und die an den Maschinen begannen um die Wette mit großen Steinen die Mauern und die Häuser, die mit diesen in Verbindung standen, einzustürzen. Als dies die in der Stadt sahen, errichteten sie, um Fertigkeit mit Fertigkeit zu vereiteln und unseren Bemühungen die gleichen entgegenzusetzen, gegenüber von unserem Kastell ein anderes und stellten Bewaffnete hinein, die die Angriffe der Unseren auf die gleiche Art erwidern sollten. Ebenso stellten sie unseren Kriegsmaschinen andere entgegen und wandten alles auf, die der Unseren zu zerstören. Sie waren äußerst tätig in ihrer Verteidigung, denn die Not schärfte ihre Geisteskräfte, und während sie früher geglaubt hatten, sie seien einem solchen Werk nicht gewachsen, so fanden sie jetzt, von der Not gedrängt, Wege, die sie bis dahin nicht gekannt hatten, und der Eifer der Verteidigung schärfte ihre stumpfen Sinne. Hier konnte man sich aus der Erfahrung überzeugen, wie wahr die sprichwörtliche Redensart ist, daß man in der Not klug und schlau werde. Anstatt um so heftiger anzugreifen, taten die Unseren aber alles furchtsam und lau, weil ihnen, wie die einen sagen, nichts an der Sache lag, aus verräterischen Absichten, wie andere meinen. Daß die Unseren entweder weniger Erfahrung oder nicht mehr ihre gewohnte Einsicht oder schlechtgesinnte Heerführer hatten, konnte man gleich daran sehen, daß sie das Kastell, das errichtet worden war, an unebenen und beinahe unzugänglichen Stellen an die Mauer rücken ließen. Denn während dieselbe Seite der Stadt Stellen hatte, wo die Mauern niedriger und ganz schwach waren und wo man sie mit Leichtigkeit bestürmen und erobern konnte, errichteten sie das Kastell da, wo die Mauer am festesten und am besten geschützt war und wo es mit Schwierigkeiten, wie man sie sonst nirgends gefunden hätte, an die Mauer gebracht werden mußte. Sie konnten von hier aus auch den Bürgern oder ihren Häusern keinen Schaden zufügen, sondern bloß der Basilika der heiligen Muttergottes, die in der Nähe der Mauern steht. Daß hier offenbar Verrat und böser Wille im Spiel gewesen seien, kann man schon daraus sehen, daß die Stadt nicht gleich zu Beginn bestürmt wurde, als ihre Besatzung nur aus den Einwohnern bestand, die unkriegerische und verweichlichte Leute waren, welche nichts vom Kriegswesen verstanden, und wo bei einem tüchtigen Angriff die Einnahme auf die ersten Bestürmungen hätte erfolgen müssen. In der Frist aber, die sie ihnen gaben, erhielten die Belagerten solche Verstärkungen und eine solche Menge tapferer und trefflich bewaffneter Männer, daß sie den Unseren nicht nur hinter den Mauern, sondern auch auf dem offenen Feld gewachsen waren.

    XVII. Außerdem kam noch ein anderes Unglück hinzu. All die Griechen, welche auf der Flotte gekommen waren, litten allmählich solchen Mangel, daß ihnen das Brot völlig ausging und nicht mehr das geringste an Lebensmitteln bei ihnen zu finden war. Zu verschiedenem Gebrauch hieb man einen Palmenwald nieder, der in der Nähe des Lagers war, und wenn nun die Bäume zur Erde fielen, so suchten die Griechen in ihrem Hunger an den Wipfeln, da wo die Zweige hervorsprossen, mit größter Gier nach der weichen Masse, aus der die Zweige den Lebenssaft erhalten und die zur Not eßbar ist. Auf diese jämmerliche Art suchten sie ihren Hunger zu stillen, denn die Not hatte die Kunst, Lebensmittel zu finden, erhöht, und die Gier ihres leeren Magens hatte sie erfinderisch gemacht. Mit dieser Speise suchten sie mehrere Tage ihr elendes Leben zu fristen und sich den Hunger zu vertreiben. Einige aber, denen es nicht so völlig an Speisen fehlte, nährten sich mit Haselnüssen, getrockneten Trauben und Kastanien. Den Unseren fehlte es nicht im geringsten an Brot und sonstigen Lebensmitteln, aber sie gedachten an morgen und schonten ihre Vorräte, damit sie nicht durch unvorsichtige Verteilung selbst in Not kämen, da sie fürchten mußten, die Belagerung werde sich länger hinausschieben. Überdies kamen um diese Zeit solche Regengüsse und Wolkenbrüche, daß man weder die kleineren Zelte der Armen noch die größeren der Reichen gegen beständiges Tropfen, ja gegen Ströme eindringenden Wassers schützen konnte. So konnten sie sich kaum dadurch in Sicherheit bringen, daß sie den Andrang des Regenwassers in einen Graben leiteten, mit dem sie ihre Zelte umgaben. Es ereignete sich in diesen Tagen auch ein großes Unglück. Nachdem sie die Galeeren und die verschiedenen anderen Schiffe aus dem Meer in den Fluß gebracht und ihnen in der Nähe der Stadt einen, wie sie glaubten, günstigeren Ankerplatz gegeben hatten, suchten die in der Stadt, sowie sie sahen, daß von Mittag her und gleichsam dem Laufe des Nils folgend ein etwas stärkerer Wind wehe, einen schon länger gefaßten Plan ins Werk zu setzen. Sie nahmen nämlich einen Kahn von mittlerer Größe, füllten diesen bis oben an mit trockenem Holz, Pech, Fett und sonstigen leicht brennbaren Stoffen und ließen ihn dann, nachdem sie dies alles angezündet hatten, gegen unsre Flotte auf dem Fluß hinabschwimmen, und der Mittagswind fachte auch wirklich das Feuer, das die brennbaren Stoffe erhielten, noch mehr an. Als nun das brennende Schiffchen an die Flotte herankam und nicht weiterkonnte, weil die Schiffe nahe aufeinander standen, blieb es hier hängen und teilte den Brand sechs Schnabelschiffen mit, die man Galeeren nennt und die völlig in Asche verwandelt wurden. Ja es wäre die ganze Flotte in Brand gesteckt worden, wäre nicht der König, sobald er von dem Brand erfuhr, noch mit bloßen Füßen eiligst auf sein Pferd gestiegen und hätte die Schiffsleute  mit Winken und Rufen aufgefordert, dem Weiterdringen des Feuers Widerstand zu leisten. Jetzt fuhr man mit den Schiffen auseinander und kam so dem Weiterumsichgreifen des Brandes zuvor. Wenn aber einige Schiffe von den benachbarten etwas Feuer gefangen hatten, sei es, daß brennende Asche oder sonst etwas Zündendes auf sie gefallen war, so konnten sie sich dagegen mit dem Wasser des Flusses leicht helfen. Es wurden auch in Abständen von einigen Tagen wiederholte Angriffe auf die Stadt gemacht, bei welchen, wie eben das Kriegsglück unbeständig ist, bald die Unseren, bald die Feinde unterlagen. Die Unseren waren es jedoch meistens, die das Gefecht veranlaßten, denn die Belagerten kamen ohne herausgefordert zu werden selten zum Kampf hervor. Nur gegen das griechische Lager brachen sie durch ein geheimes Tor hie und da heraus, wir wissen nicht ob, weil sie wußten, daß die Griechen von Haus aus schwächer waren als die Unseren, oder weil sie dachten, diese seien ihrer Hungersnot wegen leichter anzugreifen. Doch kämpften der griechische Megadukas und die übrigen Anführer, sooft es nötig war, tapfer und beherzt, und durch dieses Beispiel wurden auch die Niederen ermutigt, in den meisten Fällen mit außergewöhnlichem Mut anzugreifen und Widerstand zu leisten. Zugleich kamen den Bürgern von der See und vom Land her so viele Hilfsmannschaften zu, daß die Unseren sich vor denen, die vor ihnen in die Mauern eingeschlossen waren, bereits mehr fürchten mußten als die sogenannten Belagerten sich vor ihnen. Jetzt murmelte man im ganzen Volk und alle waren dieser selben Meinung, die Unseren verschwendeten hier ihre Mühe umsonst, sie hätten dieses Werk ohne Gottes Gnade unternommen und es sei sicherer nach Hause zurückzukehren, als in Ägypten zu verhungern oder den Schwertern der Feinde zu unterliegen. Und so kam es, daß unter gewissen geheimen Bedingungen durch Vermittlung einiger unserer Fürsten und einiger türkischer Satrapen, von denen hauptsächlich einer ihrer Fürsten, der Ivelin hieß, sich alle Mühe gab, um die Sache zustande zu bringen, ein Bündnis geschlossen wurde, mit welchem auch die Griechen zufrieden waren, worauf denn durch Herolde der Friede verkündigt wurde.

    XVIII. Jetzt kamen die Bürger und die, welche ihnen zu Hilfe gezogen waren, in das Lager der Unseren, wie sie wollten, und auch den Unseren standen alle Tore und Zugänge offen, wenn sie in die Stadt wollten. Es entstand nun auch ein Verkehr zwischen beiden Teilen, und jeder konnte was er mochte kaufen oder eintauschen. Nachdem Unseren auf diese Art die beinahe drei Tage lang mit den Feinden verkehrt und gehandelt hatten, rüsteten sie sich zur Heimreise. Man entfernte also die Maschinen von der Mauer und verbrannte sie, und dann schlugen die, welche mit dem König auf dem Landweg gekommen waren, wieder den früheren Weg ein, auf welchem sie herabgezogen waren, und kamen in Eilmärschen am einundzwanzigsten Dezember in Syrien an. Der König aber eilte des nahen Festes wegen nach Akkon, wo er am Tag vor Weihnachten ankam. Die, welche zur See gekommen waren, bestiegen ihre Schiffe unter ungünstigen Vorbedeutungen, denn gleich am Anfang ihrer Reise brach plötzlich ein heftiger Sturm los, der sie die unüberwindliche Tücke des Meeres erfahren ließ, denn es wurden ihnen beinahe alle Schiffe zerbrochen und ans Ufer geschleudert. So blieben von dieser großen Flotte, die zu uns herabgekommen war, von den größeren wie von den kleineren Schiffen nur wenige übrig, auf denen sie ihre Reise fortsetzen konnten. Sie kehrten also unverrichteterdinge, niedergeschlagen und bestürzt über das Unglück, das ihnen widerfahren war, nach Hause zurück, obgleich die Abgeordneten des Kaisers alle ihre Pflichten aufs treueste erfüllt hatten, und waren in großer Besorgnis, die kaiserliche Hoheit möchte das Mißlingen der Unternehmung, an dem sie nicht schuld waren, ihnen aufrechnen und ihr Herr möchte in seinem Zorn glauben, was ein unabwendbares Geschick herbeigeführt hatte sei das Werk ihrer Bosheit oder Nachlässigkeit gewesen. Wir erinnern uns aber, daß wir uns nach unserer Rückkehr sowohl beim König als bei den übrigen Fürsten genau erkundigten, wie es denn eigentlich gekommen sei, daß ein so großes Heer, das von so großen Fürsten angeführt wurde, solches Unglück erfuhr. Wir hatten uns nämlich in diesem Jahr in unseren eigenen Angelegenheiten und um die unverschuldete Erbitterung unseres Herrn Erzbischofs gegen uns abzuwenden nach der Kirche von Rom begeben, und als wir nun zurückkamen, suchten wir über die vorgenannte Sache ins Reine zu kommen und so verschiedene Berichte als möglich zu vernehmen, um uns, denn wir hatten uns bereits vorgenommen, das gegenwärtige Werk zu verfassen, über diesen Kriegszug, der so ganz gegen alle Hoffnung ausgefallen war, Klarheit zu verschaffen. Wir fanden nun, daß auch die Griechen bei diesem Unternehmen nicht ohne große Schuld gewesen waren, denn ihr Kaiser hatte fest versprochen, daß er das für den Unterhalt eines solchen Heeres nötige Geld schicken wolle, hielt aber hierin nicht ganz Wort. Seine Archonten hatten schon bei ihrer Ankunft in Ägypten, wo sie den anderen aus den Schätzen des Kaisers hätten beisteuern sollen, gleich selbst den größten Mangel und suchten Geld zu entlehnen, um ihr Heer mit Lebensmitteln und Sold versehen zu können, aber niemand gab ihnen etwas.

    XIX. Im folgenden Sommer, im siebten Jahr der Regierung des Königs Amalrich, im Monat Juni, wurde der Orient von einem solchen Erdbeben erschüttert, wie man seit Menschengedenken von keinem ähnlichen gehört oder gelesen hat. Dieses Erdbeben zerstörte im ganzen Orient die ältesten und festesten Städte von Grund aus und begrub die Einwohner unter ihrem Schutt und zerschmetterte sie durch den Einsturz der Häuser, so daß nur sehr wenige übrigblieben. Es war nirgends bis an die äußersten Grenzen dieser Länder ein Ort zu finden, wo man nicht um den Verlust von Freunden und Verwandten zu klagen hatte, überall hörte man Jammertöne, überall Totenklage. So wurden auch die größten und seit Jahrhunderten berühmten Städte unseres Syriens und Phöniziens dem Boden gleichgemacht. In Kölesyrien wurde Antiochien, das die Hauptstadt vieler Provinzen ist und von wo aus einst viele Königreiche regiert wurden, samt der Einwohnerschaft völlig zu Boden geworfen, die Mauern, die stärksten Türme im Umkreis von diesen, Werke von unvergleichlicher Festigkeit, Kirchen und Gebäude aller Art stürzten so zusammen, daß es bis heute noch den angestrengtesten Bemühungen, bei denen man weder Arbeit noch Kosten scheute, kaum möglich war, die Stadt auch nur annähernd wieder herzustellen. Auch noch viele andere vortreffliche Städte wurden in dieser Provinz zerstört, von den Seestädten nämlich Gabulum und Latakia, von denen, die in der Mitte des Landes lagen, aber Neräa, das auch Haleb heißt, Cäsara, Hamum, Emissa, welche alle zu dieser Zeit in der Gewalt des Feindes waren, und viele andere. Die kleineren Städte und Plätze aber, die zugrunde gingen, waren gar nicht zu zählen. In Phönizien wurde die edle und volkreiche Stadt Tripolis am neunundzwanzigsten Juni um die erste Stunde des Tages plötzlich so erschüttert, daß von allen, die innerhalb der Mauern waren, kaum einer sein Leben rettete. Die ganze Stadt wurde ein Steinhaufen, unter dem die Bürger begraben lagen. Auch in Tyrus, der berühmten Hauptstadt derselben Provinz, stürzte das Erdbeben einige sehr feste Türme ein, ohne daß jedoch jemand von den Bürgern dabei umkam. Es standen auf diese Art wie bei uns, so auch bei den Feinden die halbzerstörten Städte jedem feindlichen Angriff offen, aber jeder fürchtete für sich selbst den Zorn des hohen Richters und wagte es darum nicht, dem anderen Schaden zuzufügen. Es entstand, freilich nur auf kurze Zeit, ein allgemeiner Friede, und die Furcht vor den göttlichen Gerichten näherte alles einander, denn indem jeder die Strafe für seine Sünden erwartete, unterließ er alle Feindseligkeiten gegen andere. Diese Offenbarung des göttlichen Zorns war aber nicht nur wie sonst meistens nur für eine Stunde, sondern drei oder vier Monate oder noch länger spürte man drei- oder viermal, bald bei Tag, bald bei Nacht, dieselbe furchtbare Erderschütterung. Vor der geringsten Bewegung hatte man jetzt Furcht, und nirgends konnte man sicher ausruhen. Auch im Schlaf fanden die Geängstigten die Schreckensbilder wieder, vor denen sie wachend gezittert hatten, und plötzliche Stöße zwangen sie von ihrem Lager aufzuspringen. Die oberen Städte unserer Provinz jedoch, nämlich die in Palästina, blieben durch Gottes Schutz von allem diesem verschont.

    XX. In demselben Jahr, im Monat Dezember, im siebten Regierungsjahr Amalrichs, verbreitete sich von allen Seiten das Gerücht, Saladin habe aus ganz Ägypten und aus Damaskus die Kriegsmannschaft zusammenberufen und diese durch große Haufen von Leuten aus dem Volk vermehrt und wolle damit, um unser Reich zu verwüsten, nach Palästina ziehen. Als der König dies hörte, zog er in aller Eile in das Gebiet von Askalon hinauf, wo er aus glaubwürdigen Berichten als gewiß erfuhr, daß der genannte große und mächtige Fürst mit einem zahlreichen und außergewöhnlich großen Heer schon seit zwei Tagen den festen Platz, der Darun heißt, belagert halte und während dieser zwei Tage den Belagerten so ununterbrochen zugesetzt und die, welche auf den Mauern standen, so fortwährend beschossen habe, daß beinah alle verwundet und nur wenige noch imstande seien, die Waffen zur Verteidigung zu führen. Er hatte auch die Mauern untergraben und einen Teil der Stadt bereits gewonnen, und die in dem Platz hatten sich nach der Burg zurückgezogen, welche fester zu sein schien. Aber die Feinde hatten auch von dieser Feste bereits den unteren Teil erbrochen und das Tor in Brand gesteckt, so daß die Ritter, die hier waren, nur noch den oberen Teil in ihrer Gewalt hatten. So wurde die Sache dem König berichtet, und so verhielt es sich auch. Dieser Platz stand nämlich unter der Aufsicht eines edlen, tapferen, frommen und gottesfürchtigen Mannes, und zwar des Herrn Anselm von Paß, und wäre dieser an jenem Tag nicht in dem Platz gewesen, so wäre er ohne Zweifel in die Hand des Feindes gekommen. Als der König diese Nachricht erhielt, berief er voll Schmerz und Zorn so viele Reiter und Fußvolk, als ihm die Kürze der Zeit und die Nähe des Feindes zusammenzubringen erlaubten, verließ am achtzehnten dieses Monats Askalon und wandte sich nach Gaza. Bei seinem Heer war aber auch der Patriarch mit dem kostbaren und ehrwürdigen Holz des lebendig machenden Kreuzes. Auch die verehrungswürdigen Männer Radulph, Bischof von Bethlehem und Kanzler des Königreichs, und der Bischof von Lidda und einige wenige von den Fürsten des Königreichs hatten sich eingefunden. Bei der Musterung ergab sich, daß sie kaum zweihundertundfünfzig Reiter, dagegen zweitausend Mann Fußvolk hatten. Sie brachten nun diese Nacht an dem genannten Ort vor schweren Sorgen schlaflos zu und verließen dann um Sonnenaufgang mit den Tempelrittern, die sich zum Schutz dieses Ortes hierher begeben hatten, die Stadt und zogen dem genannten festen Platz zu. Dieser Platz ist aber, wie wir glauben, in Idumäa oder Edom gelegen, über dem Bach Ägyptus, der die Grenze zwischen Palästina und dem eben genannten Land bildet. König Amalrich hatte ihn wenige Jahre vorher, durch die Überbleibsel von alten Gebäuden, die sich hier noch vorfanden, veranlaßt, auf einer kleinen Anhöhe erbaut. Alte Leute, die hier wohnen, sagen, dieser Platz sei in alten Zeiten ein griechisches Kloster gewesen, und darum heiße er auch Darun, was sie mit „Haus der Griechen“ übersetzen. Der König hatte also hier eine kleine Burg erbaut, die kaum einen Umfang von Steinwurfsweite einschließt. Sie ist viereckig und hat vier Ecktürme, von denen der eine fester und dicker ist als die übrigen, hat aber keinen Graben und keine Außenwerke. Sie ist vom Meer ungefähr fünf Stadien entfernt. Hier hatten einige Bauern und Handelsleute aus den benachbarten Gegenden ein Dorf erbaut und eine Kirche und sich hier, da der Ort günstig gelegen war und armen Leuten ein besseres Fortkommen bot als die Städte, häuslich niedergelassen. Der König aber hatte den Platz gegründet, einmal um sein Gebiet zu erweitern und dann, um die Einkünfte aus den umliegenden Dorfschaften, die die Unseren Kasalien nennen, und die Zölle, die die Vorübergehenden zu bezahlen hatten, leichter und vollständiger von hier aus erheben zu können.

    XXI. Als nun die Unseren Gaza verlassen hatten und von einer Höhe aus, die auf dem Weg lag, das feindliche Lager und die Menge der Feinde sahen, rückten sie vor Angst so nahe aneinander, daß sie vor lauter Gedränge kaum weiterrücken konnten. Die Feinde stürzten sich auf die Unsern und suchten sie auseinanderzusprengen, diese aber schlossen sich noch fester aneinander an, hielten mit Gottes Hilfe den Angriff aus und suchten eiligst ihre weitere Reise zurückzulegen. Endlich kamen sie an den bestimmten Ort, wo dann das ganze Heer seine Zelte aufschlug. Der Patriarch begab sich in die Burg, und die übrigen schlugen ihr Lager außerhalb und neben dem Dorf. Es war aber, als sie ankamen, um die sechste Stunde des Tages. Es fielen an diesem Tag noch einige Gefechte von einzelnen Scharen vor, in denen sich die Unseren im Angreifen und Verteidigen tapfer zeigten. Als es aber Nacht wurde, führte Saladin sein Heer in geordneten Scharen gen Gaza. Sie ruhten den übrigen Teil dieser Nacht bei dem Bach aus und näherten sich dann morgens der Stadt. Gaza ist nämlich eine sehr alte Stadt, die einst eine vortreffliche Hauptstadt der Philister war, deren in weltlichen und Kirchengeschichten oft gedacht wird und die in ihren edlen Gebäuden heute noch Spuren ihrer alten Herrlichkeit aufweist. Sie lag aber lange Zeit ganz verödet, so daß auch nicht ein Mensch hier wohnte, bis Balduin der Vierte, König von Jerusalem, hier auf öffentliche Kosten, noch ehe Askalon eingenommen wurde, durch die Bemühungen der ganzen Bevölkerung des Königreichs unterstützt, einen Teil der Stadt wieder befestigte und aufbaute und dann den Tempelrittern zum immerwährenden Eigentum schenkte. Die Befestigungswerke schlossen also wie gesagt nicht den ganzen Umfang des Hügels ein. Es kamen dann aber Leute, die sich hier niederließen und den übrigen Teil des Hügels, um sicherer zu wohnen, mit Toren und einer freilich schwachen und niedrigen Mauer versahen. Als nun diese Bewohner des Ortes von der Ankunft des Feindes hörten, wollten sie sich mit ihren Weibern und Kindern in den festen Platz flüchten, denn sie waren Ackerbauern und unkriegerische Leute, die an solche Überfälle nicht gewohnt waren und den übrigen Teil der Stadt preisgaben. Aber Milo von Planci, einer der Großen des Königreichs, ein schlechter Mensch, ließ sie nicht in den festen Teil des Ortes hereinkommen, weil er sie hierdurch zu ermutigen gedachte, und riet ihnen, den unbefestigten Teil der Stadt zu verteidigen. Nun waren hier aus der Gegend von Jerusalem, aus dem Flecken Makomeria, fünfundsechzig junge Leute, die die Waffen wohl zu führen wußten. Diese wollten sich zum Heer begeben und waren zufällig in jener Nacht in diese Stadt gekommen. Während diese nun auf Geheiß des genannten Milo bei dem Tor der äußeren Stadt für Freiheit und Vaterland wacker kämpften und den Feinden, die sich mit dem Schwert Bahn brechen wollten, tapferen Widerstand leisteten, überfielen andere Feinde, die von einer anderen Seite her in die Stadt gedrungen waren, diese Schar, die zwischen dem befestigten Platz und dem genannten Tor immer noch tapfer kämpfte, von hinten her, umschlossen sie von allen Seiten und machten sie nieder. Die Feinde trugen jedoch nur einen blutigen Sieg davon, denn viele von ihnen wurden getötet und noch mehrere verwundet. Als nun die Einwohner dieses Orts von neuem in die Feste eingelassen werden wollten, da die Feinde innerhalb ihrer Mauern waren und sie niederhieben, wo sie sie trafen, wurde ihnen dies wiederum nicht gestattet, obgleich sie keinen anderen Weg zur Rettung hatten. Die Türken also, da sie Herren des Orts geworden waren, nahmen weder auf Alter noch Geschlecht Rücksicht und gingen in ihrer Wut so weit, daß sie die kleinen Kinder an Steinen zerschmetterten. Die aber, welche in der Feste waren, vertrieben die Feinde mit Pfeilen und Steinwürfen von der Mauer herab und retteten mit Gottes Hilfe den festen Platz. Nachdem die Feinde den äußeren Ort erobert und die Bürger getötet hatten, zogen sie siegreich nach Darun, und wie sie nun auf der Reise dahin begriffen waren, trafen sie ungefähr fünfzig Mann unseres Fußvolks, die ohne gehörig auf der Hut zu sein zu unserem Heer eilten. Diese machten sie insgesamt nach tapferer und mannhafter Gegenwehr nieder.

    XXII. Die Feinde stellten darauf ihr Heer in Schlachtordnung und bildeten zweiundvierzig Scharen daraus, von denen zweiundzwanzig den Weg am Ufer hin einschlagen sollten, zwischen Darun und dem Meer. Die übrigen sollten ihren Weg mitten durch das Land nehmen und sich dann über dem festen Platz draußen wieder mit den übrigen vereinigen. Als nun die Unseren sahen, daß sich die Feinde in geordneten Scharen zurückziehen, rüsteten sie sich zum Streit, und obgleich ihrer wenige waren, so vertrauten sie doch auf den Beistand Gottes und gürteten sich, von dem Herrn, dessen Hilfe sie angerufen hatten, gestärkt und ermutigt, zum Kampf, denn sie zweifelten nicht daran, daß die Feinde sich deswegen zurückziehen, um ihnen ein Treffen zu liefern. Aber diese hatten etwas ganz anderes im Sinn und zogen geradewegs nach Ägypten zurück. Als der König nun erfuhr, daß die Feinde ganz sicher vollständig abgezogen seien, ließ er eine Abteilung des Heeres zurück, um den halbzerstörten Ort wieder aufzubauen, zu befestigen und eine Besatzung hier zu bilden, und wandte sich mit den übrigen unter Gottes Führung wieder nach Askalon. Solche, die gar oft feindliche Heere im Königreich gesehen hatten, sagten, daß sie nie von einem so starken türkischen Heer gehört hätten, und die Zahl der Feinde wurde auf vierzigtausend Mann berechnet, und diese waren alle Reiter.

    XXIII. Um dieselbe Zeit, am neunundzwanzigsten Dezember, starb in England bei Canterbury, der edlen und ausgezeichneten Hauptstadt dieser Provinz, der heilige und ruhmreiche Thomas, Erzbischof dieser Stadt, den Märtyrertod. Er war aus London und wurde von Erzbischof Theobald von Canterbury zum Archidiakon an dieser Kirche erhoben. Sodann berief ihn Heinrich der Zweite, der König dieses Landes, zur Besorgung der Reichsangelegenheiten und machte ihn zu seinem Kanzler, als welcher er das ganze Königreich mit Treue und Klugheit verwaltete. Später, nach dem Tod des genannten seligen Vaters, wurde er seiner Verdienste halber und durch den Willen Gottes an die Kirche von Canterbury berufen, von wo er, weil ihn der König, dessen gottlosen und tyrannischen Eingriffen in die Rechte seiner Kirche er mutigen und standhaften Widerstand leistete, hart verfolgte, in die Verbannung gehen mußte, die er in Frankreich sieben Jahre lang mit bewundernswürdiger Geduld ertrug. Als er nun von hier nach England zurückkehrte, weil man ihm versprochen hatte, ihn forthin in Ruhe zu lassen, wurde ihm, während er für seine Verfolger, die ihn mit Schmach überhäuften, betete, innerhalb der Wände dieser Kirche, zu deren Erzbischof ihn der Herr bestellt hatte, von gottlosen Mördern das Haupt abgeschlagen. So wurde ihm sein eigenes Blut in eine Märtyrerkrone verwandelt, und der fromme und erbarmungsreiche Herr wirkt seitdem in dieser Kirche und in dem ganzen Land beinahe jeden Tag durch diesen Märtyrer solche Wunder, daß die Zeiten der Apostel sich erneuert zu haben scheinen.

    XXIV. Da er sah, wie das Königreich täglich bedrängt werde, wie die Zahl und Tapferkeit der Feinde immer mehr zunehme und wie sich ihr Reichtum immer mehr vermehre, während in unserem Königreich die umsichtigen und wackeren Fürsten ganz ausgestorben waren und ihre Stelle ein schlechter Nachwuchs eingenommen hatte, der jene großen Männer nicht zu ersetzen wußte und was die Väter erworben hatten auf eine schändliche Art verschleuderte, weswegen das Königreich so schwach geworden war, daß dies auch die Stumpfsinnigsten erkennen mußten, berief der König im folgenden Jahr, das das siebte Regierungsjahr Amalrichs war, alle Fürsten des Königreichs zusammen, setzte in dieser Versammlung auseinander, in welcher schlimmen Lage sich das Königreich befinde, und verlangte Rat von ihnen, wie man diesen Übeln begegnen könne, damit das Reich nicht zugrunde gehe. Diese nun antworteten, nachdem sie sich beraten hatten, alle einstimmig dasselbe und sagten, das Reich sei unserer Sünden halber in diese Lage gekommen, wo es weder die Feinde anzugreifen noch sich gegen sie zu verteidigen imstande sei. Der einzige Weg zur Rettung, den sie zu finden wissen, sei der, daß man, um sich aus dieser Not zu retten, den Beistand der abendländischen Fürsten anspreche. So kam man denn endlich dahin überein, daß man Männer von Würde und Ehre an den Papst, den römischen Kaiser und die erlauchten Könige von Frankreich, England, Sizilien und Spanien wie auch an die Herzöge und Grafen dieser Länder schicken wollte, um ihnen die Bedrängnis, in der sich das Königreich befinde, zu schildern und ihren Beistand gegen die drohende Gefahr anzurufen. Auch dem Kaiser von Konstantinopel wollte man zu wissen tun, in welch verzweifelten und gefährlichen Umständen das Reich sei, weil dieser, reicher und näher als die übrigen, am leichtesten die gewünschte Hilfe leisten konnte. Man beschloß außerdem noch, an den Kaiser eine Person zu schicken, welche die nötige Klugheit, Beredsamkeit und Würde habe, um einen so großen Fürsten unseren Wünschen günstig zu stimmen. Während man sich nun beriet, wer wohl für diese wichtige Gesandtschaft in Frage käme, trat der König, nachdem er sich mit einigen seiner Vertrauten zuvor besprochen hatte, mit dem unterdessen gefaßten Vorsatz hervor und sagte, für diese Gesandtschaft sei niemand besser geeignet als er selbst, und setzte hinzu, er sei bereit, für die Befreiung des Königreichs aus dieser Drangsal jede Mühe auf sich zu nehmen und sich in jede Gefahr zu begeben. Als nun die Großen des Reichs, ganz erstaunt über diesen Beschluß, dem König sagten, es sei allzu hart, daß das Königreich seines Königs entbehren solle, antwortete er: „Der Herr, dessen Diener ich bin, wird unterdessen sein Königreich regieren. Ich bin fest entschlossen zu gehen, und es wird niemand imstande sein, mich von diesem Vorsatz abzubringen. Er wählte sich nun den Bischof Wilhelm von Akkon und von den Großen des Reichs Garmund von Tiberias, Johannes von Arsur, den Marschall Gerhard von Pugi, den Kastellan Roard von Jerusalem und Rainard von Nephins aus (denn Philipp von Neapolis, der seine Würde als Meister der Tempelritter bereits abgelegt hatte, war zu Land vorangeschickt worden), und trat mit einem sehr großen Gefolge, wie es seiner königlichen Würde zukam, in zehn Galeeren am zehnten März die Reise an. Er hatte durch Gottes Fürsorge eine günstige Fahrt und kam glücklich in der Meerenge von Abydos an, an des Bosporus’ Mündung, die man gewöhnlich den Arm des heiligen Georg nennt. Als der Kaiser, dieser große, kluge und umsichtige und durchaus lobenswerte Mann, die Nachricht erhielt, daß ein so großer Fürst, der Regent eines so berühmten und von Gott begünstigten Reiches, so gänzlich ungewohnt in sein Reich komme, wunderte er sich anfangs sehr hierüber und konnte nicht begreifen, was diese außergewöhnliche und beschwerliche Reise des Königs veranlaßt habe. Wie er dann aber diese Vermehrung seines Ruhms, diese Erhöhung seiner Ehre und dieses unvergleichliche Geschenk der Gnade, das ihm der Herr selbst darbot, betrachtete, daß nämlich, was keinem seiner Vorgänger begegnet war, der Schutz- und Schirmherr der verehrungswürdigen Orte, wo der Herr gelitten hat und auferstanden ist, zu ihm komme, da erheiterte sich sein Gemüt im höchsten Grad und er beschloß, ihm bei seiner Ankunft die vielfachsten Ehrenbezeugungen zu erweisen. Er ließ also seinen Neffen, den Protosebasten Johannes, herbeirufen, den höchsten unter den Fürsten seines heiligen Palastes, dessen Tochter der König zur Frau hatte, und schickte ihn jenem entgegen, um ihm nach den alten und unverletzlichen, prachtvollen Zeremonien des kaiserlichen Hofes in allen Städten und Orten, durch die er käme, die gehörige Ehre zu erweisen und ihn als seinem Sohn wissen zu lassen, er sollte die kaiserlichen Gesandten abwarten, die ihm melden würden, sobald er in der Kaiserstadt seinen Einzug halten könne. Sodann zog dieser Fürst dem König mit einem stattlichen Gefolge entgegen und kam bis nach Kaliopolis, das am Ufer des Bosporus, nicht weit von der Meerenge von Abydos, liegt. Hier verließ der König, weil der Wind der Fahrt nach der Kaiserstadt nicht günstig war, die Galeeren und kam mit seinem Gefolge zu Pferd bis nach Heraklea, das an demselben Ufer liegt. Hier bestieg er seine Flotte wieder, die ihm, da sich inzwischen ein sehr günstiger Wind eingestellt hatte, zuvorgekommen war, und kam bei fortwährend günstigen Winden von hier nach Konstantinopel.

    XXV. In der Stadt selbst nämlich liegt am Ufer des Meeres, gegen Morgen zu, einer der kaiserlichen Paläste, den man den konstantinischen nennt. Der Eingang dieses Palastes ist gegen das Meer gerichtet und hat wunderbare und prachtvolle Treppen, deren marmorne Stufen bis ins Meer hineinreichen und mit Löwen und Säulen besetzt sind, die aus demselben Material bestehen und sich mit kaiserlichem Prunk emporheben. Dieser Eingang ist allein für den Kaiser bestimmt, aber um dem König eine ganz besondere Ehre zu erweisen, wurde ihm ausnahmsweise gestattet, auf dieser Seite seinen Einzug zu halten. Hier kamen ihm die Fürsten des heiligen Palastes mit einer großen Menge von Hofleuten entgegen und empfingen ihn aufs ehrenvollste. Sodann wurde er durch viele Durchgänge und durch alle möglichen Räume, von einer Menge seiner eigenen und der kaiserlichen Leute umgeben, zum Königssaal geführt, wo der Kaiser mit seinen Erlauchten Platz genommen hatte. Vor dem Ort, wo sie saßen, hingen Vorhänge von kostbarem Stoff und von so auserlesener Arbeit, daß man mit Naso sagen konnte, die Arbeit übertraf hier noch den Stoff. Außerhalb dieser Vorhänge kamen die größeren Fürsten dem König entgegen und führten ihn hinein. Diese Einrichtung soll nämlich getroffen worden sein, um die Gunst des Königs zu gewinnen und zugleich die kaiserliche Würde aufrechtzuerhalten, denn der Kaiser soll hier, wo allein seine Großen versammelt waren, freundschaftlich vor dem König aufgestanden sein, was er vor dem ganzen versammelten Hof nicht hätte tun können, ohne seiner Majestät etwas zu vergeben. Nachdem nun also der König drinnen war, wurden die Vorhänge plötzlich zurückgezogen und der Kaiser wurde auch denen, welche außerhalb der Vorhänge geblieben waren, in seinem kaiserlichen Schmuck und auf einem goldenen Thron sitzend sichtbar, und neben ihm sah man den König auf einem ebenfalls stattlichen, aber etwas niedrigeren Thron. Er begrüßte sofort unsre Fürsten mit dem Friedenskuß und freundlicher Anrede, erkundigte sich aufs angelegentlichste nach dem Befinden des Königs und seiner Fürsten, und aus seinen Worten wie aus seiner Miene konnte man deutlich sehen, wie sehr ihn ihre Ankunft erfreue. Der Kaiser hatte nämlich den Dienern und Verwaltern seines heiligen Palastes den Auftrag gegeben, dem König und seiner Umgebung einige wunderbar prachtvolle Gemächer in seinem Palast zur Wohnung zuzurüsten, den Fürsten aber wies man jedem eine besonders stattliche Herberge in der Stadt an, jedoch nicht weit vom Palast. Nachdem sie sich nun vom Kaiser verabschiedet hatten, hielten sie sich einige Zeit beim König auf, der ihnen sodann eine Stunde bestimmte, wo sie zu ihm zurückkehren sollten, und sie für jetzt einen jeden in seine Herberge entließ. Sie versammelten sich nun jeden Tag zu den bestimmten Stunden, um teils mit dem Kaiser, teils unter sich über die Angelegenheit, in der sie gekommen waren, zu verhandeln, und gaben sich alle Mühe, das Geschäft glücklich zu Ende zu bringen, um nicht unverrichteterdinge nach Hause zurückkehren zu müssen. Der König setzte also dem Kaiser in den häufigen Zusammenkünften, die er teils mit ihm allein, teils in der Versammlung seiner Großen hatte, die Ursache seines Kommens auseinander, schilderte ihm die Not des Königreichs, sprach von dem unsterblichen Ruhm, den sich der Kaiser durch die Unterwerfung von Ägypten erwerben würde und zeigte ihm aufs einleuchtendste, wie leicht es sei, diesen Plan auszuführen. Der Kaiser lieh allen seinen Versicherungen ein williges Ohr und versprach ihm alle seine Wünsche vollständig zu erfüllen. Indessen ehrte er sowohl den König als seine Fürsten nach seiner kaiserlichen Freigebigkeit mit vielfachen Geschenken und erkundigte sich immer sorgfältig nach ihrem Wohlbefinden. Auch ließ er ihnen die inneren Teile seines Palastes, die Gemächer, die sonst nur seine Dienerschaft betreten durfte, die Räume, die für geheimere Zwecke bestimmt waren, die Basiliken, die dem Volk verschlossen waren, und alle seine alten Schatzkammern gleich denen seiner vertrauten Umgebung aufschließen. Auch die heiligen Reliquien und die kostbaren Zeugnisse der Erlösung unseres Herrn Jesus Christus, nämlich das Kreuz und die Nägel, die Lanze, den Schwamm, das Rohr, das Leichentuch und die Sandalen, ließ er ihnen zeigen, und alles was seit den Zeiten der seligen Kaiser Konstantin, Theodosius, Justinian in diesen geheimen Kammern niedergelegt worden war, durften sie ohne Unterschied sehen. Von Zeit zu Zeit lud der Kaiser den König auch zu allerhand Spielen ein, die den Unseren neu waren und der Würde beider Fürsten nicht unangemessen. Hier hörten sie dann verschiedene musikalische Instrumente und bewundernswürdige liebliche und kunstreich zusammenstimmende Gesänge. Auch wurden Reigentänze von Jungfrauen aufgeführt und pantomimische Vorstellungen von Gauklern, ohne daß jedoch der Anstand dabei verletzt wurde. Unter großem Aufwand wurden dem König zuliebe für die Bürger auch öffentliche Schauspiele gegeben, die wir gewöhnlich Theater oder Zirkusspiele nennen.

    XXVI. Nachdem sie sich nun einige Tage in dem konstantinischen Palast aufgehalten hatten, zog der Kaiser mit dem König der Abwechslung wegen, welche am meisten die Zeit vertreibt, nach dem neuen Palast, der die Blachernen heißt. Hier wies der Kaiser dem König herrliche Gemächer an und bewirtete ihn einige Tage aufs gütigste in den Hallen seiner Väter. Aber auch den Leuten des Königs hatte er nicht weit von diesem Palast bequeme und stattliche Herbergen einrichten lassen, und es wurde hier wie in ihren früheren Wohnungen nicht nur für alle ihre Bedürfnisse gesorgt, sondern die Kammerdiener und die, welche damit beauftragt waren, ließen es auch nicht daran fehlen, wahrhaft verschwenderisch für ihr Vergnügen zu sorgen. Der König ließ sich von den Großen und solchen, welche die Orte genau kannten, auch durch die ganze Stadt führen und betrachtete die Kirchen und Klöster, deren hier eine unermeßliche Menge sind, von außen und innen, sah die Säulen, die als Trophäen errichtet waren, und die Triumphbögen und ließ sich von den ältesten Leuten, die alles genau wußten, über jedes dieser Denkmäler ausführlich belehren. Er ging in diesen Tagen auch durch den Bosporus bis zur Mündung des pontischen Meeres, wo jene Einströmung ins Mittelländische Meer, die man den Bosporus nennt, ihren Anfang nimmt, besuchte wißbegierig alle ihm unbekannten Orte, und als er alles gesehen hatte, kehrte er in die Stadt zurück, um seine Unterredungen mit dem Kaiser fortzusetzen und seine Geschäfte, um derentwillen er gekommen war, zum gewünschten Ziel zu bringen. Nach dieser angemessenen Erholung und nachdem das Geschäft glücklich beendigt und das Bündnis zu beiderseitiger Zufriedenheit abgeschlossen, schriftlich aufgesetzt und mit den Siegeln beider Fürsten versehen war, verabschiedete sich der König wieder und machte sich, von der Gunst aller begleitet, zur Heimreise auf. Hier ließ nun der Kaiser seine verschwenderische, aber äußerst löbliche Freigebigkeit gegen den König und die Seinigen erst in ihrer ganzen Größe sehen, denn er schenkte dem König eine unermeßliche Menge von Gold, Seidenzeugen und ausländischen Schätzen und überhäufte auch sein Gefolge bis auf den letzten Knappen mit den größten Gaben. Und so bewies sich auch der Protosebastos gegen alle als ein herrlicher und freigebiger Mann. Aber auch die anderen Fürsten des Kaisers überboten sich einander an Eifer, dem König Geschenke darzubringen, die dem Stoff und der Arbeit nach von großem Wert waren. Nachdem er also sein Geschäft glücklich zu Ende gebracht hatte, bestieg er die Flotte und segelte durch den Bosporus, der bekanntlich die Grenze zwischen Europa und Asien ist, zwischen den berühmten Städten Sestos und Abydos hindurch, wo einst Hero und Leander wohnten, nach einer Strecke von zweihundert Meilen von der Stadt ins mittelländische Meer und kam sodann mit günstigem Wind am vierzehnten Juni im Hafen von Sidon an.

    XXVII. Als er in das Königreich kam und hier hörte, daß Nureddin mit einem zahlreichen Heer bei Paneas liege, zog er, um bei einem Einfall von diesem sofort gerüstet zu sein, sogleich nach Galiläa hinab, rief die Fürsten des Königreichs zusammen und lagerte sich sodann bei jener berühmten Quelle, die zwischen Nazareth und Sephorim liegt, von wo aus er sich, wenn nötig, mit Leichtigkeit nach jedem Teil des Reichs wenden konnte, dessen Mittelpunkt sie war, weswegen er und seine Vorgänger seit jeher ihre Heere immer hier versammelt hatten. In diesen Tagen kam der Erzbischof Friedrich von Tyrus, unser Vorgänger, der dazu abgesandt worden war, um die abendländischen Fürsten zu unserem Beistand aufzufordern, nach zweijähriger Abwesenheit völlig unverrichteter Dinge wieder zurück. Doch hatte er den Grafen Stephan vorangeschickt, dem der König durch den Erzbischof hatte antragen lassen, seine Tochter zu heiraten, einen zwar seiner Abstammung, nicht aber seinen Sitten nach edlen Mann, den Sohn Theobalds des Älteren, des Grafen von Blois, Chartres und Troyes. Dieser Stephan wurde vom König bei seiner Ankunft im Reich aufs freundlichste aufgenommen, aber er wollte die Bedingungen, die man ihm angetragen und die er früher angenommen hatte, jetzt nicht mehr eingehen, und nachdem er einige Monate hier einen unreinen und schändlichen Lebenswandel geführt hatte, schickte er sich an, zu Land zurückzureisen. Nachdem er nun bis Antiochien gekommen war und von da durch das Land des Sultans von Ikonium, von dem er sich sicheres Geleit ausgebeten hatte, nach Kilikien und dann weiter nach Konstantinopel eilen wollte, fiel er bei der Stadt Mamistra in Kilikien in einen Hinterhalt, den ihm der mächtige armenische Fürst Milo, ein Bruder von Toros, gelegt hatte. Er mußte der Schar, die ihn überfiel, all die Kostbarkeiten, die er mit sich führte, zur Beute überlassen, und die Räuber ließen sich kaum erbitten, daß sie ihm ein schlechtes Pferd zum Weiterreiten ließen. So kam er auf eine schmähliche und höchst beschwerliche Art, vom Haß der morgenländischen Fürsten verfolgt, mit einigen wenigen nach Konstantinopel. In demselben Jahr kamen ein anderer Graf Stephan, ein dem vorgenannten sehr unähnlicher, wackerer und durchaus lobenswerter Mann, ein Sohn des Grafen Wilhelm von Saona, und Herzog Heinrich der Jüngere von Burgund, ein Schwestersohn dieses Stephan, andachtshalber ins Königreich und kehrten nach kurzem Aufenthalt über Konstantinopel, wo sie vom Kaiser sehr ehrenvoll empfangen und reichlich beschenkt wurden, in ihre Heimat zurück. Im folgenden Jahr, dem achten Regierungsjahr König Amalrichs, starb der Erzbischof Wilhelm von Akkon, der vom König nach Italien gesandt worden war, eines schrecklichen Todes, den er nicht verdient hatte. Als er nämlich, nachdem er klug und treu alles getan hatte, um seinen Zweck zu erreichen, auf der Rückreise noch einmal wie versprochen den Kaiser besuchen wollte und nun eines Tages bei Adrianopel, der berühmten Hauptstadt des zweiten Thrakiens, von der langen Reise ermüdet, sich um die Mittagszeit nach Tisch zum Schlafen hinlegte, fiel ein gewisser Robert, einer aus seinem Gefolge, den er selbst zum Priester gemacht und unter seine Vertrauten aufgenommen hatte und der in demselben Gemach mit ihm lag, von einer plötzlichen Wut ergriffen, die vielleicht Folge einer langen Krankheit war, von der er eben erst genas, plötzlich über ihn her und versetzte ihm mehrere tödliche Wunden. Als die Leute des Bischofs ihn außen schreien und wie einen an der Schwelle zum Tod seufzen hörten, wollten sie in das Gemach eindringen, um ihrem Herrn beizustehen. Da sie aber die Türe von innen fest verschlossen fanden, so war ihnen dies nicht sogleich möglich. Wie sie diese endlich mit Gewalt aufgebrochen hatten, fanden sie ihren Herrn halbtot und in den letzten Atemzügen. Sie wollten nun den genannten Übeltäter in Fesseln schlagen und zur verdienten Strafe ziehen, aber der Bischof verwehrte es ihnen mit Worten und Winken und bat sie, seines Seelenheils wegen, ihm zu verzeihen. Über diesen Bitten, daß sie den Mörder nicht mit dem Tode bestrafen möchten, gab er seinen Geist auf. Dies geschah am neunundzwanzigsten Juni. Wir konnten bis jetzt nicht mit Bestimmtheit erfahren, was dieses Verbrechen veranlaßt hat. Einige sagen, der genannte Robert, der diesen Mord vollbrachte, sei auf dem Wege der Genesung von einer langen Krankheit begriffen gewesen und habe die schreckliche Tat in einem Anfall von Wut verübt. Andere sagen, er habe diese greuliche Tat aus Haß gegen einen der Kammerdiener des Bischofs verübt, der im Vertrauen auf die Gunst seines Herrn ihn und die übrigen schlimm behandelt habe. In demselben Jahr wurde dann ein gewisser Joscius, Chorherr und Subdiakon dieser Kirche, am dreiundzwanzigsten November an die Stelle des Verstorbenen zum Bischof gewählt.

    XXVIII. Um dieselbe Zeit wandte sich, nachdem Toros, der große und edle armenische Fürst, dessen wie oft Erwähnung getan haben, gestorben war, ein Bruder von ihm namens Melier, ein sehr schlechter Mensch, an Nureddin und bat ihn aufs dringendste, er möchte ihn mit Hilfsstreitkräften unterstützen, um die Erbschaft seines Bruders an sich bringen zu können. Diese Erbschaft hatte nämlich nach dem Tod seines Bruders ein gewisser Thomas erhalten, ein Schwestersohn von beiden, den die Fürsten des Landes zur Herrschaft beriefen. Dieser Thomas war ein Lateiner, der aber allzuwenig darauf bedacht war, sich gegen die, die ihn berufen hatten, freigebig und gefällig zu erweisen. Melier brachte es also gegen Bedingungen, wie sie Nureddin annehmbar schienen, zustande, daß ihm dieser eine ansehnliche Mannschaft gab, und so führte er gegen die Sitte der Väter, der erste, der dies tat, Ungläubige in sein Erbe ein. Nachdem er nun in das Land seines Vaters eingebrochen war, vertrieb er seinen Neffen, unterwarf sich das ganze Reich und nahm, sobald er die Gewalt bekommen hatte, den Tempelrittern, deren Bruder er einst gewesen war, alles was sie in Kilikien besaßen und verbündete sich mit Nureddin und den Türken so innig, wie kaum Brüder verbunden zu sein pflegen. Nachdem er nun auf diese Art gewissermaßen ein Ungläubiger geworden war, tat er dem Gesetz des Herrn zuwider den Christen jeden möglichen Schaden an und verkaufte die von ihnen, welche im Treffen oder bei Eroberung von festen Plätzen in seine Gefangenschaft gerieten, in die Länder der Feinde. Da der Fürst von Antiochien und die Großen dieses Landes sahen, daß der genannte schlechte Mensch wilder als irgendein Feind gegen die Christen wütete, so ergriffen sie die Waffen gegen ihn und erklärten ihn für einen Landesfeind, denn obgleich es des Beispiels wegen gefährlich ist und als eine Art Bürgerkrieg angesehen werden muß, wenn Glaubensgenossen einander bekämpfen, so konnten die Fürsten es doch nicht dulden, daß ihre Brüder auf diese Art mißhandelt wurden. Da indessen der König von diesem ärgerlichen Streit gehört hatte, so zog er, um zwischen den Feinden zu vermitteln, mit einem Gefolge von Leuten seiner Umgebung nach Antiochien, schickte einige seiner Dienerschaft an den genannten greulichen und gottvergessenen Melier und ersuchte ihn dringend, an einem bestimmten Tag an einen Ort zu kommen, den er selbst bestimmten möge, damit er sich mit ihm unterreden könne. Jener schien diesen Antrag mit Freuden anzunehmen, in seinem Herzen aber dachte er ganz anders. Der König schickte drei- oder viermal Boten an ihn, um diese Zusammenkunft zustande zu bringen, sah sich aber am Ende von dem boshaften und verschlagenen Menschen betrogen. Jetzt wurde die ganze Ritterschaft der Provinz zusammenberufen, und das ganze Heer von Antiochien fiel in sein Land ein. Sie durchzogen nun die Ebene von Kilikien (denn das Gebirge zu besteigen war allzu schwierig), zündeten die Fruchtfelder an und bemühten sich, die festen Plätze zu erobern. Da kam plötzlich ein Bote, der dem König die schlimme Nachricht brachte, daß Nureddin, wie es sich auch wirklich verhielt, Petra, die Hauptstadt des Zweiten Arabiens, die sonst auch Krak genannt wird, belagert habe. Auf diese Nachricht, die ihn sehr besorgt machte, sagte sich der König mit seinem Gefolge alsbald vom Fürsten los und kehrte eiligst zurück. Ehe er aber noch ins Königreich zurückkam, hatten die Fürsten klug und tapfer die ganze Stärke des Landes versammelt und den Oberbefehl über das Heer dem Konstabler Humfried übergeben. Der Bischof Radulph von Bethlehem aber trug dem Heer das Kreuz des Herrn voran. Wie sie nun schleunigst und ohne Säumen dem genannten Ort zueilten, kam ihnen ein Bote entgegen, der ihnen meldete, daß die Stadt im besten Zustand sei, denn Nureddin habe die Belagerung aufgehoben und sei in seine Heimat zurückgekehrt, und so verhielt es sich auch wirklich. Als daher der König im Königreich ankam, traf er das Land gegen seine Erwartung in der erwünschten Ruhe.

    XXIX. Im folgenden Jahr wollte Saladin um Herbstanfang mit einer Menge von Bewaffneten und einer unermeßlichen Reiterei einen Einfall in unser Land machen und zog mit einem unzähligen Heer, das er aus ganz Ägypten zusammenberufen hatte, durch die Wüste bis nach dem Ort, der das Türkenrieth heißt. Der König aber, der zuvor von seiner Ankunft erfahren und ein Heer gesammelt hatte, ging ihm in Begleitung des Patriarchen, der das lebenspendende und verehrungswürdige Kreuz mit sich nahm, bis Berseba entgegen und schlug hier ein Lager, um den Feinden näherzustehen. Der Ort, wo Saladin mit seinem Heer sein sollte, war nämlich vom Lager des Königs sechzehn Meilen entfernt. Daß das feindliche Heer dort stehe, wußte der König jedoch noch nicht genau. Doch hatte Saladin sich wirklich dort gelagert, weil es ihm hier nicht an Wasser fehlte. Der König beriet sich nun mit seinen Fürsten, und man schlug, als ob man absichtlich dem Feind hätte ausweichen wollen, durchaus Wege ein, die von ihm abführten. Sie zogen nämlich mit dem ganzen Heer nach Askalon, wie sie sagten um den Feind aufzusuchen, dem sie doch, da sie in seiner Nähe gestanden hatten, sorgfältig ausgewichen waren. Von hier gingen sie nach Darun und von da wieder an den obengenannten Ort, und so verschwendeten sie Mühe und Zeit umsonst. Saladin nämlich war der Ebene von Idumäa folgend mit seinen Scharen in Syrien-Sobal eingefallen und belagerte dort den Platz, der die Hauptfestung des ganzen Landes ist, und bestürmte ihn, so sehr es ihm die Lage des Orts gestattete. Die Feste lag nämlich auf einem hohen Hügel und war mit Türmen, Mauern und Außenwerken aufs beste befestigt, und außerhalb ihrer Mauern hatte sie am Abhang des Hügels noch eine Art Vorstadt, die so hoch und steil dalag, daß sie sich weder vor Bestürmungen noch vor Pfeilen oder Steinwürfen aus den Maschinen zu fürchten hatte, und die Bewohner dieses Ortes waren alle Gläubige, weswegen man ein um so größeres Vertrauen in sie setzen konnte. Überdies war der Platz mit Waffen, Lebensmitteln und Mannschaft versehen, soviel es deren bedurfte. Als Saladin daher, nachdem er einige Tage seine Mühe umsonst verschwendet hatte, einsah, daß ihm die Eroberung des Platzes nicht gelingen könne, kehrte er mit den Seinigen wieder durch die Wüste nach Ägypten zurück.

    XXX. Im folgenden, dem zehnten Regierungsjahr Amalrichs, versammelte derselbe Saladin, um, was ihm im vorigen Jahr nicht gelungen war, jetzt auszuführen, eine unermeßliche Mannschaft und eine ungeheure Heeresmenge aus ganz Ägypten und rüstete sich aufs neue zu einem Einfall ins Königreich. Und damit sein Anrücken besser verborgen bleibe und damit er uns auf diese Art desto mehr schaden könne, schlug er den Weg durch die Wüste ein und betrat mit seinem Heer Mitte Juli dieselbe Gegend, in die er im verflossenen Jahr hinaufgezogen war. Sobald der König von seiner Ankunft hörte, ging er ihm mit der Stärke der Ritterschaft des ganzen Reichs bis in die Wüste entgegen, und als er hier erfuhr, daß er wie im vorigen Jahr nach Syrien-Sobal ausgewichen sei, wandte er sich gegen die Berge und suchte sich bei Karmel eine passende Stellung aus, denn er fürchtete, Saladin möchte, wenn er erfahre, daß der König ihm folge, auf der entgegengesetzten Seite des Reichs verheerend einfallen. Dieses Karmel ist aber nicht der Karmel des Elias, der in der Nähe des Meeres liegt, sondern ein gewisser kleiner Flecken, in welchem, wie man in der Schrift liest, einst der törichte Nabal wohnte. Diesen Ort wählte er sich klugerweise aus, weil er hier auf viel Wasser traf, denn es befand sich hier ein alter, ungeheuer großer Teich, der das ganze Heer mit Wasser versehen konnte. Dieser Ort lag aber auch nahe bei der Gegend über dem Jordan, von der er nur durch das Tal, in welchem das Tote Meer liegt, getrennt war, und die Unseren konnten auf diese Art leichter und häufiger Nachrichten über die Feinde bekommen. Unterdessen, während der König aus den genannten Gründen nicht nach den vorgenannten Gegenden ziehen wollte, steckte Saladin alles, was er außerhalb der festen Plätze fand, in Brand, verheerte die Weinberge und Baumgärten, zerstörte die Dorfschaften und wütete im ganzen Land, wie es ihm gerade einfiel. Nachdem er auf diese Art seine Tyrannei nach Wunsch ausgeübt hatte, kehrte er gegen Ende September nach Ägypten zurück. Um dieselbe Zeit erhielt der Graf Raimund von Tripolis der Jüngere, der Sohn Raimunds des Älteren, nachdem er acht Jahre lang im Elend der Gefangenschaft geschmachtet hatte, für achtzigtausend Goldstücke seine Freiheit wieder und kam in seine väterliche Grafschaft zurück. Der König empfing ihn sehr freundlich und gab ihm ohne Schwierigkeiten sein Land zurück, das er ihm in der Zwischenzeit erhalten hatte. Überdies steuerte er ihm auch mit königlicher Freigebigkeit viel Geld bei, daß er sein Lösegeld zahlen konnte, und brachte auch seine Fürsten und die Prälaten der Kirche dazu, daß sie seinem Beispiel folgten.

    XXXI. Um dieselbe Zeit fiel bei uns etwas Schlimmes und Schreckliches vor, das das Reich und die Kirche bis jetzt und vielleicht für immer zu beklagen hat. Damit man aber die Sache recht verstehe, müssen wir mit unserer Erzählung etwas weiter zurückgehen. In der Provinz von Tyrus, die Phönizien genannt wird, wohnt bei dem Bistum Antarados ein gewisses Volk, das zehn feste Plätze samt den dazu gehörigen Ortschaften besitzt und, wie wir oft gehört haben, aus ungefähr sechzigtausend oder etwas mehr Menschen bestehen soll. Sie wählen sich ihren Meister nicht nach der Erbfolge, sondern nach dem Vorrang des Verdienstes und nennen ihn ohne allen sonstigen Titel kurz den Alten. Diesem sind sie so gehorsam und untertänig, daß nichts so schwierig, so gefährlich und mühsam ist, daß sie es nicht mit glühendem Eifer ausführen, sobald es ihnen ihr Meister befiehlt. Wenn diesen Meistern oder ihrem Volk unter anderem ein Fürst verhaßt und furchtbar ist, so gibt er einem oder mehreren von ihnen einen Dolch, und sofort gehen die, welche den Auftrag erhalten haben, ohne zu bedenken, welchen Ausgang die Sache nehmen mag, alsbald dahin, wo ihnen geboten ist, und haben keine Rast, bis es ihnen gelingt, den erhaltenen Befehl zu vollstrecken und den Willen des Meisters zu erfüllen. Die Unseren wie die Sarazenen nennen dieses Volk Assassinen, welche Ableitung aber dieser Name hat, wissen wir nicht. Vierhundert Jahre lang erfüllte dieses Volk die Gebote des sarazenischen Gesetzes mit solchem Eifer, daß verglichen mit ihnen alle übrigen nur für Übertreter ihrer Glaubensvorschriften gelten mußten. Es traf sich nämlich in unseren Tagen, daß sie sich einen äußerst beredten, scharfsichtigen und feurigen Mann zum Meister wählten. Dieser war gegen die Sitte seiner Vorgänger im Besitz der Evangelien und des apostolischen Kodex, und durch deren eifriges Lesen erhielt er einige Kenntnis von den Wundern und Vorschriften Christi wie auch von der Lehre des Apostels. Nun verglich er die edle und liebliche Lehre Christi mit dem, was der unglückselige Verführer Mohammed seinen Anhängern und denen, die sich von diesen hatten verführen lassen, überliefert hatte, und begann vor der unreinen Lehre, die er mit der Muttermilch eingesogen, Abscheu zu empfinden. Und diese seine bessere Erkenntnis brachte er auch seinem Volke bei, befreite sie von der Anhänglichkeit an den mohammedanischen Aberglauben, riß ihre früheren Gotteshäuser ein, sprach sie von ihrem Fasten los und erlaubte ihnen den Genuß des Weines und Schweinefleisches. Endlich, da er jetzt mit Einführung des göttlichen Gesetzes weiter gehen wollte, sandte er einen klugen, umsichtigen und beredten Mann namens Boaldelle, der die Lehre seines Meisters schon gründlich kannte, mit einer geheimen Botschaft an den König, deren Hauptartikel folgender war: wenn die Tempelritter, die einige feste Plätze in der Nähe ihres Landes hatten, ihnen die zweitausend Goldstücke, welche sie jährlich als Tribut von den Assassinen bezogen, erlassen und sie fortan mit brüderlicher Liebe behandeln wollten, so seien sie bereit, zum christlichen Glauben überzutreten und sich taufen zu lassen.

    XXXII. Der König nun nahm diese Botschaft mit großer Freude auf, war als ein einsichtiger Mann mit ihrer Forderung ganz zufrieden und wie es heißt bereit, den genannten Brüdern die zweitausend Goldstücke, deren jährliche Bezahlung sie nachgelassen wissen wollten, aus seinen eigenen Einkünften zu ersetzen. Dem Boten aber, den er lange bei sich behalten hatte, gab er, als er ihn, um die Sache vollends abzuschließen, an seinen Herrn zurückschickte, einen Wegbegleiter mit, der ihn gegen jede Gefahr beschützen sollte. Wie nun dieser mit seinem Führer und Reisegefährten bereits über Tripolis hinaus und nahe daran war, sein Gebiet zu betreten, fielen plötzlich einige der vorgenannten Ritter mit gezückten Schwertern über ihn her und töteten diesen Menschen, der im Vertrauen auf das königliche Geleit und auf die Zuverlässigkeit unsres Volkes arglos dahinzog, und scheuten sich nicht, das Verbrechen der Majestätsbeleidigung zu begehen. Als der König hiervon hörte, rief er, ganz wütend über diese Frechheit, die Fürsten des Königreichs zusammen, sagte ihnen, daß das Vorgefallene eine Beleidigung seiner Person sei, und verlangte ihren Rat, was er jetzt tun solle. Der Rat aller dieser Fürsten ging dahin, daß man hier nicht gleichgültig bleiben dürfe, da durch diese Tat die königliche Würde verletzt sei, das christliche Volk in den Ruf der Treulosigkeit und Unbeständigkeit komme und die morgenländische Kirche einen Gott wohlgefälligen Zuwachs verliere, der ihr schon gewiß gewesen sei. Es wurden also nach gemeinschaftlichem Beschluß einige Edle, nämlich Seiher von Mamedun und Gottschalk von Turholt, dazu auserwählt, den Meister der genannten Brüder, Odo von St. Amand, aufzufordern, dem König und dem ganzen Königreich für diese schreckliche Freveltat Genugtuung zu geben. Sie soll nämlich, jedoch mit Wissen seiner Brüder, von einem Tempelritter namens Walter von Maisnil, einem schlechten und einäugigen Menschen, der den Geist der Hoffart atmete und nicht die geringste Einsicht hatte, verübt worden sein. Aus diesem letzteren Grund ließ man ihn verschont, was er nicht verdiente, und der Meister der Tempelritter ließ dem König sagen, er habe dem Ritter, der dieses Verbrechen begangen, eine Buße auferlegt und wolle ihn mit dieser an den Papst schicken. Er werde aber im Namen des Papstes darauf bedacht sein, daß niemand gewaltsam Hand an den genannten Bruder lege. Er fügte auch noch andere Reden bei, die wie diese vom Geist des Hochmuts, der ihn erfüllte, eingegeben waren und die wir hier nicht aufzuführen brauchen. Als aber der König in dieser Angelegenheit nach Sidon kam und dort den Meister samt seinen Brüdern und diesem Übeltäter antraf, ließ er den genannten Majestätsverbrecher mit Beistimmung seiner Begleiter mit Gewalt aus ihrem Haus herausführen und gefesselt nach Tyrus bringen, wo er gefangengehalten wurde. Durch diesen Vorfall wäre beinahe das ganze Königreich für immer zugrunde gerichtet worden. Sogleich ließ der König dem Meister der Assassinen, der auf so unglückliche Art um seinen Gesandten gekommen war, seine Unschuld bezeugen und fand auch Glauben bei ihm. Mit den Tempelrittern verfuhr er äußerst gelinde, so daß die Sache bis zu seinem Todestag unentschieden blieb. Man sagt jedoch, er sei entschlossen gewesen, diesen Fall durch Gesandtschaften der edelsten Männer vor alle Könige und Fürsten der Welt zu bringen, wenn er von dieser seiner letzten Krankheit wieder genesen wäre. Im folgenden Sommer starb unser ehrwürdiger Bruder, der Bischof Radulph von Bethlehem, der zugleich königlicher Kanzler gewesen war, ein sehr gütiger und freigebiger Mann, und wurde im Kapitel seiner Kirche ehrenvoll begraben. Nach seinem Tod konnte man sich über die Wahl seines Nachfolgers nicht einig werden, und es entstanden schwere Streitigkeiten, welche der genannten Kirche großen Verlust zufügten und erst im zweiten Regierungsjahr Balduins, des Sohnes und Nachfolgers Amalrichs, beendet wurden.

    XXXIII. Um dieselbe Zeit, kaum einen Monat später, starb der große Verfolger des christlichen Namens und Glaubens, Nureddin nämlich, sonst ein gerechter, umsichtiger, schlauer und nach dem Glauben seines Volkes frommer Fürst, im neunundzwanzigsten Jahr seiner Regierung, im Monat Mai. Als der König die Nachricht von seinem Tod erhielt, versammelte er schleunigst alle Kräfte des Königreichs und belagerte die Stadt Paneas. Als dies die Gemahlin des genannten Mannes hörte, zeigte sie eine mehr als weibliche Entschlossenheit. Sie schickte nämlich eine Gesandtschaft an den König und ließ ihn ersuchen, ihr für eine große Geldsumme, die sie ihm anbot, einen Waffenstillstand zu gewähren und von der Belagerung abzustehen. Der König gab sich zwar, um eine noch größere Summe von ihr zu erhalten, zuerst den Anschein, als wolle er von diesem Antrag nichts hören, und setzte die Belagerung fort. Als aber die Belagerten, nachdem er sie fünfzehn Tage lang mit der größten Anstrengung bekämpft und der Stadt mit Kriegsmaschinen und auf alle mögliche Art zugesetzt hatte, jeden Tag nur mehr Mut gewannen, so daß er keine Hoffnung mehr hatte, seinen Zweck zu erreichen, und als zugleich die Abgesandten der edlen Frau ihm immer dringender wegen des Friedens anlagen, so nahm er das angebotene Geld an, verschaffte zwanzig unserer Ritter, die in Gefangenschaft waren, ihre Freiheit wieder und hob dann die Belagerung auf. Als er zurückkehrte, war er voll von Gedanken an eine große Unternehmung, doch klagte er bei seiner Umgebung, daß er nicht ganz gesund sei und sich nicht völlig wohl befinde. Als er nun das Heer entlassen hatte und mit seinem Gefolge nach Tiberias kam, erkrankte er hier gefährlich an der Ruhr. Da er fürchtete, sein Übel möchte überhand nehmen, so reiste er über Nazareth und Neapolis nach Jerusalem, doch war er noch so stark, daß er diese Reise zu Pferd machen konnte. Hier wurde seine Krankheit immer schlimmer, das Abweichen wurde zwar durch die Kunst der Ärzte gestillt, aber es brach dafür ein heftiges Fieber aus. Nachdem er einige Tage lang von diesem Fieber hart mitgenommen worden war, ließ er griechische, syrische und andere morgenländische Ärzte zu sich rufen und bat sie dringend, ihm mit irgendeiner Arznei Entleerung zu verschaffen. Da ihm diese nicht nach seinem Willen taten, so ließ er lateinische Ärzte rufen und verlangte dasselbe von ihnen, setzte auch hinzu, er nehme alle Folgen davon auf sich. Sie bereiteten ihm also einen Trank, auf den er alsbald einige Male erleichtert wurde, so daß er glaubte, es werde ihm besser. Ehe sich aber der durch die starken Arzneimittel erschöpfte Körper wieder durch Speise erholen konnte, kam das Fieber zurück und brachte ihm den Tod. Er starb im Jahr der Menschwerdung des Herrn elfhundertunddreiundsiebzig, am elften Juli, im zwölften Jahr und fünften Monat seiner Regierung, in einem Alter von achtunddreißig Jahren. Begraben wurde er zwischen seinen Vorgängern, neben seinem Bruder, in derselben Reihe vor der Kalvarienstätte. Er war ein kluger und einsichtiger Mann, der der Regierung des Reichs völlig gewachsen war. Er war es auch, auf dessen dringende Bitten wir den Entschluß faßten, sowohl seine als seiner Vorgänger Taten in gegenwärtigem Werk aufzuzeichnen.

 

 

 

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