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Aufforderung, die man an den Kaiser ergehen läßt, sich dem weiteren Zug anzuschließen. Es bricht eine große Seuche aus, an der auch der Bischof von Puy stirbt. (Kap. 1.) Forderung des Volks, nach Jerusalem aufzubrechen. Die Reise wird auf den ersten Oktober hinausgeschoben. Bohemund erobert Kilikien. (Kap. 2.) Herzog Gottfried leistet einem Türken gegen seinen Herrn Rodoan mit andern Fürsten Beistand. (Kap. 3. 4.) Der Herzog hält sich einige Zeit im Gebiet seines Bruders auf und demütigt den Pankratius. (Kap. 5.) Verschwörung der Bürger von Edessa gegen Balduin. (Kap. 6.) Der Anschlag des Türken Balas, Balduin in seine Gewalt zu bekommen, mißlingt. Balduin läßt Balduk enthaupten. (Kap. 7.) Der Graf von Toulouse erobert Albara. Ankunft von Deutschen, die bald an der Seuche starben. (Kap. 8.) Eroberung von Marra. (Kap. 9.) Rückkehr des Herzogs nach Antiochien. (Kap. 10.) Streitigkeiten zwischen Bohemund und dem Grafen von Toulouse. (Kap. 11.) Der Graf von Toulouse bricht mit dem Grafen von der Normandie und mit Tankred nach Archis auf. (Kap. 12.) Ihr Heer wird auf dem Weg angefallen. Ankunft vor Archis. Gesandtschaften aus der Nachbarschaft kommen an. (Kap. 13.) Beschreibung von Archis. Anfang der Belagerung. (Kap. 14.) Einige aus dem Heer erobern Antaradon. (Kap. 15.) Herzog Gottfried kommt mit dem übrigen Heer nach Laodikäa. Befreiung Gunimers. (Kap. 16.) Der Graf von Toulouse hintertreibt die Eroberung von Gabul. Sie schließen sich bei Archis dem übrigen an. Die Belagerung hat keinen Fortgang. (Kap. 17.) Die Auffindung der Heiligen Lanze kommt wieder zur Sprache. Peter besteht die Feuerprobe. (Kap. 18.) Rückkehr der Gesandtschaft nach Ägypten. (Kap. 19.) Ankunft griechischer Gesandter. Uneinigkeit der Fürsten. Die Tripolitaner werden geschlagen. (Kap. 20.) Der Fürst von Tripolis bittet um Frieden. Die Fürsten beschließen den Weg am Meer hin zu verfolgen. (Kap. 21.) Sie kommen auf ihrem Zug nach Lidda und Ramla. (Kap. 22.) Rüstungen in Jerusalem. (Kap. 23.) Es kommen Gesandte von Bethlehem. Tankred begibt sich dahin und nimmt den Ort in Besitz. (Kap. 24.) Ankunft vor Jerusalem. (Kap. 25.)
I. Als nun auf diese Art in der Stadt alles in Ordnung gebracht worden war, beschließen sie gemeinsam, den Kaiser von Konstantinopel durch eine Botschaft aufzufordern, dem Vertrag gemäß, den er mit ihnen geschlossen habe, ihnen jetzt schleunigst in eigener Person Hilfe zu bringen und ihnen auf ihrem Zug nach Jerusalem, wie er versprochen habe, zeitig nachzufolgen. Im andern Fall, wenn er sich an den Vertrag nicht halte, so werden auch sie sich dadurch nicht gebunden fühlen. Und zwar wählte man für diese Gesandtschaft die edlen und berühmten Männer Hugo den Großen, Bruder des Königs Philipp von Frankreich, und den Grafen Balduin von Hennegau, von denen der eine, wo er von den Feinden überfallen wurde, auf der Reise plötzlich verschwand, so daß man heute noch nicht weiß, wie es ihm ergangen ist, wobei die einen sagen, er sei im Kampf gefallen, die andern versichern, er sei von den Feinden gefangengenommen und weiter in den Orient hineingebracht worden. Hugo der Große aber entkam den Nachstellungen der Feinde und gelangte wohlbehalten zum Kaiser, wo er aber seine früheren ausgezeichneten Taten sehr verdunkelte und sich seines Geschlechts sehr unwürdig zeigte. Er schwärzte bei dieser Gesandtschaft den Glanz seines Verdienstes, das er sich früher durch unsterbliche Taten erworben hatte, indem er nach Beendigung seines Geschäfts denen, welche ihn geschickt hatten, weder eine Antwort gab noch auch zu ihnen zurückkehrte. Und dieses Vergehen fiel bei ihm um so mehr auf, je ausgezeichneter sein Geschlecht war, denn wie es bei Juvenal heißt:
"Je höher einer steht, um desto mehr
Fällt auch ein jedes Laster an ihm auf,
Und desto schwerer trifft der Vorwurf ihn."Gleich nach Eroberung der Stadt aber, sobald man den Sieg erfochten hatte, als alles wieder ganz ruhig war, kam aus unbekannten Ursachen ein solches Sterben unter das Volk, daß kaum ein Tag verging, an dem nicht dreißig oder vierzig Leichen hinausgetragen wurden. So wurde, was vom Volk noch übrig war, beinahe völlig vertilgt. Durch diese Pest, die weithin alles ohne Unterschied ansteckte, ging auch der ehrwürdige Bischof Ademar von Puy den Weg alles Fleisches und wurde unter Weinen, Klagen und Seufzen aller - denn er war der Vater und Ratgeber des ganzen Heeres gewesen - in der Basilika des heiligen Petrus an dem Ort, wo die Lanze des Herrn gefunden worden sein soll, aufs ehrenvollste begraben. Auch Heinrich von Ascha, ein Mann, sowohl durch sein Geschlecht als durch seine Tapferkeit ausgezeichnet, starb an derselben Seuche bei dem festen Platz Turbessel, wo er auch begraben wurde. Es starb auf dieselbe Art auch Reinhard von Ammerbach, ein ebenso edler als tüchtiger Krieger, und er wurde im Vorhof der Basilika des Fürsten der Apostel begraben. Auch beinahe alle weiblichen Geschlechts, die im Heer waren, wurden von dieser Seuche hinweggerafft, so daß innerhalb weniger Tage beinahe fünfzigtausend dahinstarben. Die, welche die Ursache dieses großen Übels ergründen wollten, wichen in ihren Meinungen voneinander ab, indem die einen sagten, die Schuld liege an der Luft, die auf irgendeine unsichtbare Weise verpestet worden sei, andere aber den Grund angaben, das ausgehungerte Volk habe den Überfluß von Nahrungsmitteln, den es fand, mit zu großer Gier verschlungen und sich, während es den früheren Mangel ersetzen wollte, durch seine Unmäßigkeit den Tod zugezogen. Diese konnten auch als einleuchtenden Beleg ihrer Meinung anführen, daß die Nüchternen und die, welche sparsam Speise zu sich nahmen, sich viel besser befanden und wieder gesundeten.
II. Indessen begann das Volk, teils um der Seuche zu entfliehen, teils um den einmal begonnenen Zug zu Ende zu führen, laut und ungestüm zu fordern, die Fürsten sollten sich zur Reise nach Jerusalem, weshalb sie hierhergekommen seien, bereithalten. Sie sollten das Heer des Herrn weiterführen und das Unternehmen, das sie alle aus ihrer Heimat weggerufen habe, vollenden. Als die Fürsten diese Forderung des Volks, die ihnen höchst günstig und erhörenswert schien, vernahmen, hielten sie eine Beratung, in welcher der eine so, der andere anders gestimmt war. Die einen nämlich hielten es für das Beste, dem Wunsch des Volkes nachzugeben und sogleich ohne Aufschub aufzubrechen, einige andere aber meinten, man sollte den Zug wegen der Sommerhitze und des Wassermangels und weil durch die frühere Hungersnot das Volk geschwächt und die Pferde zugrunde gegangen seien, bis auf die gelindere Jahreszeit, auf den Anfang Oktober verschieben. In der Zwischenzeit könnten sie sich wieder neue Pferde verschaffen und die alten herausfüttern. Auch das Volk könnte sich durch Nahrung und Ruhe wieder in den alten Zustand setzen, und so würden sie alle gestärkt den weiteren Zug tüchtiger antreten. Diese zweite Meinung gefiel endlich allen am besten, und es wurde nach allgemeiner Übereinkunft bis zu dieser bestimmten Zeit Frist gegeben. Um aber indessen sowohl die Gefahr der herrschenden Seuche abzuwenden als anderswo noch größere Vorräte zu finden, trennten sich die Fürsten mit dem Versprechen, zur bestimmten Zeit ohne Säumen zurückzukehren. Bohemund zog also nach Kilikien hinab, eroberte die Städte Tarsus, Adana, Mamistra und Anavarza, legte eine Besatzung in sie und gewann sich das ganze Land. Andere zerstreuten sich nach den benachbarten Städten und pflegten hier, von den übrigen Scharen getrennt, ihrer Pferde und ihres eigenen Leibes. Viele vom Volk sowohl als von den Höheren eilten auch über den Euphrat nach Edessa zu Balduin, des Herzogs Bruder, um sich bei ihm ein Geschenk zu verdienen. Er nahm sie auch sehr ehrenvoll auf, behandelte sie, solange sie sich bei ihm aufhielten, aufs gütigste und entließ sie reich beschenkt und wohl zufrieden wieder zu den Ihrigen.
III. Es ereignete sich aber in jenen Tagen, daß Rodoan, der Fürst von Aleppo, mit einem seiner Satrapen, der über die Festung Hasard gesetzt war, in Zwist geriet, und es kam soweit, daß jener aus allen ihm untergeordneten Provinzen Bewaffnete zusammenrief und den genannten festen Platz belagerte. Da aber der Herr der Festung sah, daß er seinem mächtigen und erzürnten Herrn nur mit Hilfe der Franken widerstehen könne, sandte er durch einen ihm ergebenen Christen eine Botschaft an den Herzog Gottfried und bat ihn um seine Freundschaft. Um sich ihm desto geneigter zu machen, schickte er ihm auch Geschenke. Er versprach demütigst, ihm ganz untergeben zu sein, und wünschte ein unauflösliches Bündnis mit ihm zu schließen. Er sandte ihm auch, damit er desto mehr Glauben in seine Worte setzen und auf keinerlei Weise in sein Versprechen Zweifel setzen sollte, seinen Sohn als Geisel und bat ihn aufs dringendste, er möchte ihn aus der gegenwärtigen Bedrängnis erlösen, wofür er sich zu gelegener Zeit dankbar gegen ihn erweisen werde. Durch dieses und ähnliches ließ sich der ehrwürdige Mann überreden, dem genannten Edlen seine Gunst zu schenken und mit ihm ein Freundschaftsbündnis zu schließen. Er schickte eine Botschaft an seinen Bruder, den Grafen von Edessa, daß dieser mit seinen Mannschaften herbeieilen und den Freund von der Belagerung befreien solle. Und kaum hatte der genannte Rodoan fünf Tage mit seinem Heer vor der Festung Hasard gelegen, als siehe da, der Herzog Gottfried mit einer großen Anzahl sowohl seiner Vasallen als seiner Freunde, die er zu diesem Unternehmen eingeladen hatte, aus Antiochien rückte und eiligst mit starker Hand nach jener Gegend zog, um seinem Freund zu Hilfe zu kommen. Wie sie aber sahen, daß sie den erwünschten Zweck erreicht hätten, ließen die Gesandten, die der genannte edle Mann an den Herzog geschickt hatte, um ihrem Herrn die gewünschte Nachricht zukommen lassen zu können, im Angesicht des Herzogs zwei Tauben ausfliegen, die dazu abgerichtet waren, daß sie Briefe, die man ihnen an die Schwänze band, an den bestimmten Ort trugen, und setzten so ihren Herrn, weil sie ihm in eigener Person hierüber nicht zu berichten vermochten, von allem was sie ausgeführt hatten vollständig in Kenntnis. Denn das feindliche Heer hatte die Festung so von allen Seiten umlagert, daß man weder aus noch ein gehen konnte. Als man die Tauben fliegen ließ, kehrten sie sogleich wieder nach dem Ort zurück, von wo man sie weggenommen hatte. Ihr Hüter, der sie fütterte, fing sie und überreichte den Brief seinem Herrn, woraus dieser solche Hoffnung schöpfte, daß er, da er sich bisher vor den Belagerern gefürchtet hatte und an längerem Widerstand verzweifelt war, jetzt dieselben sogar aufzureizen wagte.
IV. Indessen, da der Herzog schon eine Tagesreise weit mit seinem Gefolge vorgerückt war, traf sein Bruder mit dreitausend tapferen und wohlbewaffneten Leuten bei ihm ein. Er empfing ihn liebevoll und zärtlich, setzte ihm seinen Plan auseinander und eröffnete ihm, daß er mit dem genannten edlen Mann ein Freundschaftsbündnis geschlossen habe. Sein Bruder billigte seinen Plan völlig, gab ihm aber, weil ihre Kräfte nicht ausreichen würden, dieser Belagerung ein Ende zu machen, um desto kühner weiterschreiten zu können den Rat, vor allem und ehe er weiterziehe die Fürsten, die in Antiochien zurückgeblieben waren, zu seiner Unterstützung herbeizurufen. Der Herzog folgte dem Rat seines Bruders und ließ durch eine Gesandtschaft Bohemund und den Grafen von Toulouse dringend bitten, sie möchten ihm aus brüderlicher Liebe für seinen bedrängten Freund Hilfe schicken. Er werde ihnen diesen Dienst zu gelegener Zeit treulich vergelten. Er hatte sie nämlich schon früher, ehe er aus der Stadt zog, eingeladen und sie freundlichst um ihren Beistand gebeten. Aus Neid aber, weil der genannte edle Mann sich früher an den Herzog als an sie gewandt hatte, hatten sie den Antrag abgelehnt. Wie er jetzt aber eine zweite Aufforderung an sie ergehen ließ, sahen sie, daß es sich mit ihrer Ehre nicht vertrage, wenn sie dem Herzog seine Bitte nicht erfüllten, und schlossen sich mit ihrer Mannschaft dem Heer des Herzogs an. Als sie alle beisammen waren, bildeten sie ein Heer von dreißigtausend Kriegern. Rodoan aber, obgleich er, wie man sagte, vierzigtausend Türken hatte, wandte sich, seiner Kraft mißtrauend und vor den Unsern, die, wie er durch seine Kundschafter erfahren hatte, nächstens ankommen sollten, sich fürchtend, wieder nach Aleppo zurück und hob die Belagerung auf. Während nun aber das Heer der Unseren, das von Rodoans Flucht nichts wußte, die begonnene Reise weiterverfolgte und viele aus Antiochien, Reiter und Fußvolk, aus der Ferne nachfolgten, um sich dem Heer anzuschließen, fielen nicht wenige von ihnen hier und dort in einen Hinterhalt, den ihnen die Feinde vorsätzlich gelegt hatten, und da sie noch weit vom Heer entfernt waren und sich mit den Türken nicht messen konnten, gerieten sie teils in Gefangenschaft, teils kamen sie um. Als der Herzog und die übrigen Fürsten davon Kunde erhielten, standen sie von dem begonnenen Zug ab und suchten die genannten Übeltäter, ehe sie in ihre Heimat entkommen könnten, zu erreichen und trafen auch durch Zufall wirklich auf sie. Sie empfingen sie mit den Schwertern, griffen sie mit Ungestüm an und lösten ihre Glieder im Augenblick auf, worauf diese, nachdem die Unsern, die sie in Fesseln mit sich führten, befreit und von jenen eine große Zahl getötet und unermeßlich viele gefangengenommen worden waren, beinahe völlig vertilgt die Flucht ergreifen mußten. Es waren nämlich Leute von dem auserlesenen Heer des oft genannten Rodoan gewesen, ungefähr zehntausend, und sie hatten zu seiner nächsten Umgebung gehört. Hierauf sammelte sich unser Heer wieder und kam siegreich an den bestimmten Ort, wo ihnen der Herr der Festung mit dreihundert Reitern entgegenkam, vor dem ganzen Heer zuerst dem Herzog, dann den anderen Fürsten demütigst mit gebeugtem Haupt und mit gesenkten Knien seinen großen Dank sagte und im Angesicht des ganzen Volkes mit einem körperlichen Eid den christlichen Fürsten Lehenstreue schwor und versicherte, daß er durch nichts, was immer es sein möge, sich in seiner Liebe und in seinem Gehorsam gegen sie wankend machen lassen wolle. So wurde also das Unternehmen glücklich ausgeführt, der Freund war nach seinem Wunsch befreit worden, und das Heer kehrte nach Antiochien, Balduin, des Herzogs Bruder, aber nach Edessa zurück.
V. Als der Herzog nun sah, daß in der Stadt immer noch die genannte Pestilenz herrsche, und daß das Sterben unter dem Volk immer mehr um sich greife, gab er dem Wunsch seines Bruders, der ihn bei ihrer Zusammenkunft inständig gebeten hatte, er möchte in seine Provinz hinabziehen und hier der Hitze des Augusts und der ungesunden Luft ausweichen, nach. Er nahm also die, welche sein nächstes Gefolge bildeten, und eine große Anzahl von Armen, die er liebreich versorgen wollte, mit sich nach dem Land seines Bruders und wohnte in dem Gebiet von Turbessel, Hatab und Ravandel, wo er wie in seinem Eigentum schalten konnte und öfters mit seinem Bruder zusammen war. Es geschah aber, solange er dort verweilte, daß die Einwohner der Gegend und hauptsächlich die Mönche der Klöster, deren dort sehr viele waren, in seiner Gegenwart schwere Klagen über Pankratius und dessen Bruder Kovasilius führten. Diese zwei Brüder waren Armenier, Männer von großem Ansehen, aber über die Maßen heimtückisch, die im Vertrauen auf die festen Städte, die sie hier im Land hatten, die Bewohner der Gegend und hauptsächlich die Klöster gegen alles Recht mit schweren Erpressungen belästigten und in ihrer Keckheit soweit gegangen waren, daß sie es während der Belagerung von Antiochien wagten, Boten, die der Graf von Edessa mit Geschenken an seinen Bruder gesandt hatte, unterwegs auszuplündern und die Geschenke, die für den Herzog bestimmt waren, an Bohemund zu schicken und sich dadurch seinen Beistand gegen den Grafen von Edessa zu verschaffen. Als er nun diese Klagen hörte, sandte er fünfzig Reiter aus der Zahl der Seinigen, die sich mit dem Volk jener Gegend verbanden, die Burgen von jenem erbrachen und bis auf den Grund zerstörten und so seinen unerträglichen Übermut einigermaßen dämpften. Als sich nun der Herzog in dieser Gegend aufhielt, kamen beinahe alle Führer des Heeres, aber auch unzählige aus dem Volk zu dem genannten Grafen, um bei ihm Hilfe gegen ihren großen Mangel zu finden. Hauptsächlich aber geschah dies, seit die Festung Hasard, die mitten auf dem Weg lag, in ein freundschaftliches Verhältnis zu den Unseren gekommen war. Er empfing aber alle so ehrenvoll und beschenkte sie so freigebig, daß sie sich selbst darüber verwunderten.
VI. Als nun die Unseren scharenweise in der genannten Stadt zusammenströmten, kam eine solche Menge von Lateinern hier zusammen, daß es den Bürgern beschwerlich zu werden anfing. Sie waren nämlich häufig sehr unbequeme Gäste, die sich eine allzu große Herrschaft über das Volk anmaßten. Und bereits fragte er auch immer weniger nach dem Rat der edlen Bürger, durch deren Gunst er diese große Stadt erworben hatte. Sie wurden daher über ihn und die Seinen sehr entrüstet und bereuten es, daß sie ihn zu ihrem Herrn gemacht hatten. Sie fürchteten auch, da er nie genug bekommen konnte, er möchte ihnen eines Tages all ihr Hab und Gut wegnehmen. Sie verschworen sich also und unterhandelten mit den benachbarten türkischen Fürsten, wie sie Balduin entweder plötzlich töten oder wenigstens aus der Stadt vertreiben könnten. Um aber zu diesem Vorhaben desto besser gerüstet zu sein, gaben sie ihre Schätze und all ihre Habe ihren Befreundeten in den benachbarten Städten und festen Plätzen zur Verwahrung. Während sie nun mit diesen Vorbereitungen ganz beschäftigt waren, geschah es, daß Balduin von einem, der sich gegen ihn besonders treu und anhänglich bewies, hiervon vernahm. Er bekam auch viele und glaubwürdige Beweise dafür in die Hand und schickte nun eine bedeutende Anzahl seiner Leibwache ab, um alle jene Mörder festzunehmen und in Fesseln zu schlagen. Als endlich die Sache durch ihr eigenes Geständnis völlig zutage kam, ließ er die Häupter der Verschwörung blenden, die übrigen aber, die sich weniger vergangen hatten, verjagte er aus der Stadt und zog ihre Güter ein. Wieder andere strafte er nur um Geld, indem er ihr Vermögen für sich einzog, verstattete ihnen aber gnädig den weiteren Aufenthalt in der Stadt. Er bekam auf diese Art an die zwanzigtausend Goldstücke, mit welchen er diejenigen, die zu ihm gekommen waren und mit deren Hilfe er sich die benachbarten Städte und Flecken unterwarf, aufs freigebigste besoldete. Sowohl den Bürgern als allem Volk in der Nachbarschaft jagte er schon mit seinem bloßen Namen Furcht ein, und es dachten deswegen viele darauf, wie sie ihn aus dem Weg räumen könnten. Auch sein Schwiegervater, der fürchtete, er möchte um das rückständige Heiratsgut, das er ihm mit seiner Tochter versprochen, aber noch nicht ausgeliefert hatte, hart von ihm gepreßt werden, entfloh heimlich nach den Bergen, wo er feste Plätze hatte.
VII. Es war aber in dieser Gegend ein gewisser Edler mit Namen Balas, ein Türke von Nation und ein Verbündeter des Grafen, der einst Herr von Sororgia gewesen war und ehe jene vielen Lateiner in die Stadt gekommen waren dem Grafen sehr nahe gestanden hatte. Dieser, als er sah, daß die Liebe des Grafen zu ihm erkaltet sei, ging entweder auf Bitten der Bürger oder auf Antrieb seiner eigenen Bosheit zu ihm und bat ihn dringend, er möchte den einzigen festen Platz, der ihm noch übriggeblieben war, in eigener Person von ihm in Empfang nehmen, er habe an seiner Gunst genug und rechne sich diese für ein reiches Erbteil an. Seine Frau und seine Kinder, versicherte er, wolle er samt seiner ganzen Habe nach Edessa bringen, denn er fürchte sich vor dem Haß seiner Stammesgenossen, die ihm wegen seiner freundschaftlichen Verbindung mit Christen zürnten. Der Graf ließ sich durch diese Reden bestimmen, einen Tag festzusetzen, wo er an jenen Ort kommen und nach seinem Willen handeln wollte. An dem festgesetzten Tag ging der Graf, von Balas geführt, mit zweihundert Reitern da hin. Balas aber hatte heimlich die Stadt befestigt und hundert tapfere und waffengeübte Türken hineingelegt, die sich so verborgen hielten, daß man keinen von ihnen erblickte. Wie sie nun vor der Stadt angekommen waren, bat er den Grafen, er möchte nur mit einigen wenigen Vertrauten eintreten, damit er nicht, wenn man die ganze Menge einlasse, Schaden an seiner Habe leide. Und er hatte ihn bereits nach seinem Wunsch überredet, als einige edle und umsichtige Männer seiner Umgebung, die etwas von Verrat ahnten, ihn fast gewaltsam von dem Eintritt in die Stadt abhielten. Sie hatten den Menschen mit Recht im Verdacht und hielten es für sicherer, erst durch einige andere den Versuch machen zu lassen. Der Graf folgte auch ihrem klugen Rat und ließ zwölf sehr starke und trefflich bewaffnete Leute als erste in die Festung einziehen, er selbst aber blieb mit den übrigen Truppen ruhig draußen, aber ganz in der Nähe, und wollte hier abwarten, welchen Ausgang die Sache nehme. Die nun, welche hineingingen, mußten die Hinterlist und Bosheit des schlechten Verräters sogleich erfahren, denn die Türken, von denen wir schon gesprochen haben, kamen bis an die Zähne bewaffnet aus ihren Schlupfwinkeln hervor, stürzten sich auf die Reiter, die vergeblich Widerstand zu leisten suchten, und nahmen sie gefangen. Als der Graf dies erfuhr, war er wegen seiner Vasallen, um die er auf so hinterlistige Art gekommen war, sehr betrübt und besorgt. Er ging näher an die Festung und suchte den Balas zu bewegen, daß er ihm eingedenk des Eides der Treue, den er ihm geschworen, die Seinigen, die er verräterisch weggenommen, um Geld, dessen er ihm eine unendliche Menge anbot, zurückgebe. Aber jener verweigerte es bestimmt, wenn er nicht wieder in den Besitz von Sororgia gesetzt würde. Der Graf aber, der sah, daß er hier nichts ausrichten könne, denn der Platz lag auf hohen Felsen und war durch künstliche Befestigungen und durch die Mannschaft, die darin lag, unüberwindlich gemacht worden, ging traurig über die Gefangenschaft der Seinigen und sehr betrübt über die Treulosigkeit, die man an ihm begangen hatte, nach Edessa zurück. In der genannten Stadt Sororgia aber führte ein gewisser Fulbert von Chartres, ein Mann, der im Kriegswesen sehr erfahren war, mit hundert trefflich gerüsteten Reitern, die er unter sich hatte, den Oberbefehl. Als dieser davon hörte, wie man seinen Herrn betrogen habe, nahm er lebendigen Anteil daran und überlegte es hin und her, wie er dieses schändliche Betragen rächen könnte. Er näherte sich nun eines Tages, nachdem er an einem passenden Ort einen Hinterhalt gelegt hatte, der vorhin erwähnten Stadt nur mit wenigen und gab sich den Anschein, als wollte er Beute machen, um die in der Stadt zu veranlassen, ihn zu verfolgen. Diese, als sie sahen, daß er von ihren Weideplätzen Beute wegtrieb, griffen auch wirklich zu den Waffen und verfolgten ihn, der sogleich die Flucht ergriff, bis über jene Stelle hinaus, wo er einen Hinterhalt gelegt hatte. Hier nun rafften sie sich von neuem auf, die, welche verborgen gelegen waren, brachen hervor, und so stürzten sie sich zusammen auf jene, töteten einige und nahmen sechs von ihnen lebendig gefangen. Die übrigen aber retteten sich mit Mühe wieder in die Stadt. Die sechs Gefangenen gab er bald darauf gegen eine gleiche Anzahl von den Unsrigen zurück. Vier derselben aber entkamen ihren Wachen und erhielten auf diese Art wieder ihre Freiheit. Die zwei jedoch, die von jenen zwölf noch übrig waren, ließ der schlechte und gottlose Mann enthaupten. So kam es, daß Balduin von diesem Tage an alle Freundschaftsanträge der Türken zurückwies und keinen Glauben an ihre Treue mehr hatte, wovon er sogleich einen deutlichen Beweis gab. Es war nämlich in der Gegend einer von derselben Art namens Balduk, der die alte und wohlbefestigte Stadt Samosata um Geld an den Grafen verkauft hatte. Dieser mußte vertragsgemäß seine Frau und seine Kinder und alle seine Hausgenossen nach Edessa bringen. Als er nun aber eine Ausflucht suchte und sein Versprechen zu erfüllen säumte, um Gelegenheit zu irgendeinem boshaften Anschlag zu finden, ließ ihn der Graf, als er einst wie gewöhnlich zu ihm kam und schlechte Entschuldigungen seines Zögerns vorbrachte, um nicht ähnliches von ihm erfahren zu müssen, enthaupten.
VIII. Während indessen der Herzog in der Gegend von Turbessel Rast hielt und in Edessa das oben Erzählte vorfiel, zog der Graf von Toulouse, um nicht durch Untätigkeit stumpf zu werden, mit seinem Gefolge und mit einer großen Anzahl armer Leute aus Antiochien ab, belagerte die feste Stadt Albara, welche ungefähr zwei Tagesreisen von Antiochien entfernt in der Provinz Appamia liegt, und zwang die belagerten Bürger, sich ihm zu ergeben. Als er aber die Stadt in seine Gewalt bekommen und sich die ganze umliegende Gegend unterworfen hatte, wählte er einen gewissen Peter von Narbonne, der in seinem Gefolge war, einen Mann von edlen Sitten und von großer Frömmigkeit, zum Bischof des Orts, wies ihm auch sogleich die Hälfte der Stadt und des ganzen Gebiets zu seinen Einkünften an und dankte Gott, daß es durch ihn dahin gekommen sei, daß der Orient einen lateinischen Bischof habe. Sofort reiste Peter nach Antiochien, wie es ihn der Graf geheißen hatte, und wurde hier eingeweiht und in alle Rechte der bischöflichen Würde eingesetzt. Nachher aber, nachdem durch Bernhard, den Patriarchen von Antiochien, die kirchlichen Einrichtungen in Ordnung gebracht waren, wurde seine Kirche eine Metropolitankirche und erhielt er von jenem das erzbischöfliche Kleid. Um diese Zeit war bei dem Grafen von Toulouse ein gewisser Edler namens Wilhelm. Dieser hatte bei der Eroberung von Antiochien durch Zufall die Frau des Arianus, des Fürsten von Antiochien, und zugleich zwei junge Enkel von ihm, Kinder seines Sohnes Samsadolus, in seine Gefangenschaft bekommen. Für ihre Freilassung nun gab Samsadolus dem obengenannten Edlen eine unendliche Summe Geldes, worauf dieser die Mutter und die Kinder wieder freiließ. Um dieselbe Zeit kam auch eine große Anzahl von Männern aus dem Deutschen Reich, aus der Gegend von Regensburg, ungefähr fünfzehntausend an der Zahl, nach glücklicher Fahrt im Hafen des heiligen Simeon an; sie starben aber alle in kurzer Zeit an derselben Seuche dahin. Jene verheerende Krankheit wütete nämlich drei Monate bis zum ersten Dezember ununterbrochen so stark, daß in dieser Zeit von den Edlen und den Rittern mehr als fünfhundert umkamen, die Zahl der Toten aus dem niederen Volk aber war unermeßlich.
IX. Am ersten November aber, als wie verabredet alle Fürsten, die der Seuche zu entgehen die Stadt verlassen hatten, wieder zurückgekehrt waren, beschloß man, um nicht unterdessen müßigzugehen, die feste Stadt Marra zu erobern, die von Albara, welches, wie schon gesagt, bereits erobert war, acht Meilen entfernt lag. Denn das Geschrei des Volkes, das unaufhörlich nach Jerusalem weiterzuziehen verlangte, fing ihnen unerträglich zu werden an. Nachdem also das Nötige vorbereitet war, brachen an einem bestimmten Tag die Grafen von Toulouse und von Flandern und der Graf von der Normandie von Antiochien auf, um ihr Vorhaben auszuführen. Auch der Herzog, Eustach sein Bruder und Tankred belagerten zugleich mit ihnen die genannte Stadt. Die Bürger dieser Stadt waren nämlich sehr übermütig und sehr stolz auf ihren großen Reichtum, hauptsächlich aber auch darauf, daß sie einmal in einem Treffen viele von den Unseren getötet hatten. Dessen rühmten sie sich immer noch, verachteten unser Heer und schmähten unsere Fürsten. Sie richteten auch auf den Türmen und Mauern Kreuze auf, die sie, um den Unsern eine Schmach anzutun, anspieen und auf alle Art verunehrten. Diese Schändung des Heiligsten entzündete in den Unseren den Haß und die Kampflust nur desto mehr. Sie berannten die Stadt so ununterbrochen, daß sie sie schon am zweiten Tag erobert hätten, wenn ihnen mehr Leitern zu Dienst gestanden wären. Am dritten Tag endlich kam Bohemund mit einer größeren Zahl von Männern und belagerte die Stadt von der Seite, die bis jetzt unbesetzt geblieben war. Als nach seiner Ankunft noch einige Tage verstrichen, ohne daß man zum Ziel kam, flochten die Unseren in ihrer Ungeduld Schanzkörbe, richteten Türme auf, setzten hölzerne Wurfmaschinen zusammen und wollten die Stadt rasch in ihrem Ungestüm gewinnen. Als endlich mit vieler Mühe der Graben aufgefüllt worden war, suchten die Unseren die Mauern zu untergraben. Die, welche innen waren, leisteten aber mit allen Kräften Widerstand und warfen mit großer Heftigkeit Steine, Feuerbrände, siedenden Kalk und volle Bienenkörbe auf sie herab, um sie von der Mauer abzuhalten. Sie konnten aber durch Gottes Fürsorge niemand oder nur wenige von den Unseren schädigen, und die Unseren wurden desto heftiger in ihrem Angriff, je mehr sie sahen, daß der Widerstand der Bürger abnehme, und daß ihre Bemühungen vereitelt werden. Nachdem endlich die Unseren von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang ihre Angriffe fortgesetzt und die Bürger so ermüdet hatten, daß sie bereits mit weniger Sorgfalt Widerstand leisteten, legten sie Leitern an die Mauer und bestiegen sie im Sturm. Der erste, der die Mauer erstieg, war ein Edler aus dem Bistum Limoges namens Guilfert, mit dem Beinamen "von den Türmen." Ihm folgten mehrere, die einige Türme der Stadt besetzten. Während sie aber ihre Arbeit fortsetzen und die ganze Stadt gewinnen wollten, war die Nacht eingebrochen, die ihren Unternehmungen ein Ende machte. Unsere Reiter und die Größeren im Heer verschoben also das Weitere auf den folgenden Tag, wo sie in der ersten Frühe zurückkehren wollten, besetzten aber die ganze Nacht die Stadt mit Wachen, um den Feinden den Ausgang zu versperren. Das zügellose Volk aber, das von der langen Anstrengung ermüdet und von der täglichen Hungersnot geplagt war, brach, wie es sah, daß niemand von den Feinden auf der Mauer erscheine, und daß die Stadt geräuschlos stilliege, ohne Vorwissen der Führer in die Stadt und nahm hier alles heimlich und ohne Lärmen als Beute in Besitz. Die Stadt war nämlich leer, weil sich die Bürger in unterirdische Gewölbe verkrochen hatten, um wenigstens für einen Augenblick ihr Leben zu retten. Als es Morgen geworden war, erhoben sich die Fürsten und nahmen die Stadt ohne Kampf ein. Beute konnten sie jedoch nur noch wenige machen. Als sie erfuhren, daß sich die Bürger in unterirdischen Schlupfwinkeln verborgen hielten, machten sie Feuer an und zwangen sie durch den Rauch, der in dichten Schwaden hinabdrang, zur Übergabe, wo sie dann dieselben teils mit den Schwertern niederhieben, teils in Fesseln schlugen. Hier starb Wilhelm, der Bischof von Orange, ein frommer und gottesfürchtiger Mann. Der Herzog aber kehrte nach fünfzehn Tagen, in denen er mit den anderen Rast gehalten hatte, mit dem Grafen von Flandern häuslicher Angelegenheiten wegen nach Antiochien zurück.
X. Um dieselbe Zeit wollte Herzog Gottfried von Lothringen, ehe er diese Gegend verließ - weil sich das Volk zur Weiterreise rüstete und die Fürsten hierzu dringender aufforderte -, noch einmal seinen Bruder besuchen und sich im Gespräch mit ihm ergehen. Er reiste also im Gefolge seiner nächsten Umgebung ab und zog in das Gebiet seines Bruders. Als er ihn gesehen und seine Geschäfte mit ihm zu Ende gebracht hatte, beurlaubte er sich wieder von ihm und kehrte zu den übrigen Fürsten, die ihn erwarteten, nach Antiochien zurück. Wie er bereits nur noch fünf oder sechs Meilen von der Stadt entfernt war, ereignete es sich, daß er an einem grasreichen anmutigen Platz, der an einer Quelle lag, die süßes und klares Wasser ausgoß, durch diese freundliche Umgebung angezogen abstieg, um hier zu speisen. Wie nun seine Genossen beschäftigt waren, eine Mahlzeit zu bereiten, wie sie Zeit und Ort möglich machten, siehe, da kam plötzlich aus dem Sumpfgestrüpp, das in der Nähe des Ortes war, eine Anzahl feindlicher Reiter bis an die Zähne bewaffnet hervor und überfiel sie bei ihrem Mahl. Doch hatten sich der Herzog und die Seinen, noch ehe die Türken völlig herbeigekommen waren, schon zu Pferde gesetzt und die Waffen ergriffen, und so kam es, daß der Herzog in dem Treffen durch Gottes Barmherzigkeit die Oberhand gewann und die übrigen, nachdem er mehrere getötet hatte, in die Flucht schlug und ruhmreich nach der Stadt zurückkehrte.
XI. Nach Eroberung der vorgenannten Stadt nun erhob sich zwischen Bohemund und dem Grafen von Toulouse ein großer Streit. Der Graf nämlich wollte sie dem Bischof von Albara geben, Bohemund aber wollte den Teil der Stadt, welchen er in Besitz genommen hatte, dem Bischof nur dann nach dem Willen des Grafen abtreten, wenn ihm der Graf zuvor die Türme, die dieser in Antiochien besetzt hielt, ausgeliefert hätte. Endlich aber kehrte Bohemund, unbekümmert um alles was bei Marra vorging, mit großer Erbitterung nach Antiochien zurück, wo er die Türme, welche die Leute des Grafen von Toulouse besetzt hielten, eroberte, diese gewaltsam daraus vertrieb und so nun die ganze Stadt in seinen alleinigen Besitz bekam. Der Graf aber, da er sah, daß sein Nebenbuhler gewichen sei, und daß er nun nach Gutdünken in der eroberten Stadt schalten und walten könne, übergab sie, wie er sich früher vorgenommen hatte, dem Bischof von Albara. Als er nun mit ebendiesem Bischof Anordnungen traf, um die Stadt durch eine Besatzung von Reitern und Fußvolk gegen feindliche Angriffe sicherzustellen, fing das Volk, welches davon vernahm, darüber unwillig zu werden an und klagte unter sich, daß die Fürsten so vielen Aufschub herbeiführten und über jede eroberte Stadt unter sich in Streit und Zwist gerieten, so daß ihr Hauptunternehmen ganz aus den Augen gerückt zu sein scheine. Sie versammelten sich also und beschlossen, wenn der Graf einmal aus irgendeiner Veranlassung sich entferne, so wollten sie die Stadt zerstören, daß ihrem Vorhaben ab sofort kein Hindernis mehr entgegenstehe. Es ereignete sich aber indessen, daß sich der Graf nach Rugia begab, das ungefähr in der Mitte zwischen Antiochien und dem genannten Marra lag. Er war hierher zu einer Versammlung der Fürsten berufen worden, die sich auf das dringende Verlangen des Volkes über ihren weiteren Zug beraten wollten. Die Fürsten waren aber uneinig unter sich, und man kam zu keinem einigen und gedeihlichen Beschluß. Als nun der Graf hier verweilte, hatte das Volk, welches bei Marra zurückgeblieben war, die Abwesenheit des Grafen benützt und trotz dem Widerstreben und Abmahnen des vorgenannten Bischofs Türme und Mauern der Stadt von Grund aus zerstört, damit der Graf, wenn er zurückkehre, keinen Grund zu weiterer Zögerung habe. Als der Graf nun heimkam, betrübte er sich zwar sehr über das Vorgefallene, war aber so klug, da er den Willen des Volks sah, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Das Volk aber drang mit dem größten Ungestüm darauf und bat ihn aufs dringendste darum, er möchte das Volk Gottes dem Ziele entgegenführen. Im andern Fall würden sie selbst irgendeinen der Streiter an ihre Spitze stellen und sich von diesem als ihrem Anführer auf dem Weg des Herrn weiterführen lassen. Es herrschte überdies in diesem Heer solche Hungersnot, daß viele in Ermangelung von anderen Lebensmitteln wie wilde Tiere sich mit unreinen Geschöpfen als Speise verköstigten. Es wird auch gesagt, wenn man es anders glauben darf, daß viele sich aus Hunger dazu verführen ließen, Menschenfleisch zu essen, und so konnte es auch nicht fehlen, daß ein großes Sterben unter dem unglückseligen Volk ausbrach, das sich von so unreinen und abscheulichen Speisen nährte, wenn man das Speise nennen kann, was man gegen die Natur zu sich nimmt. Diese Hungersnot, welche in solcher Heftigkeit das Volk überfiel, war auch nicht eine augenblickliche, die nur kurze Zeit dauerte, sondern sie währte fünf Wochen oder länger. Solange sie mit der Eroberung der genannten Stadt beschäftigt waren, hatten sie unter dieser Not zu leiden. Es kamen hier, nicht bloß durch Zufälle des Krieges, sondern auch durch verschiedene Krankheiten, mehrere treffliche und berühmte Männer um. Unter anderen beschloß hier der Sohn des Grafen von Saint Pol, Ingelram, ein Jüngling von den trefflichsten Anlagen, an einer schweren Krankheit sein Leben.
XII. Über all dieses bekümmerte sich der erlauchte und treffliche Graf von Toulouse in seinem Herzen und in seinem Sinne und schwankte zweifelnd zwischen seinen Entschlüssen hin und her, denn die Not und Gefahr des Volkes ging ihm sehr zu Herzen. Auf der anderen Seite ließ ihm das Volk, das insgesamt mit fortwährendem Geschrei ungestüm auf die Weiterreise drang, keine Ruhe. Um nun diesen beiden Übeln zugleich auf eine passende Art abzuhelfen, setzte er, um dem Verlangen des Volks und seinem eigenen Gewissen Genüge zu tun, jedoch in der festen Versicherung, daß ihm die übrigen Fürsten hierin nicht folgen würden, den fünfzehnten Tag von jetzt an als die Zeit des Aufbruchs fest, und damit das Volk nicht von der Hungersnot, welche so sehr überhandgenommen hatte, inzwischen aufgerieben würde, zog er mit einem Teil der Reiterei und mit denen aus dem Fußvolk, die ihm die stärksten schienen, in das feindliche Gebiet, um dem Volk, auf welchem Weg es immer sein möge, Lebensmittel zu verschaffen. Er betrat also mit sehr großem Gefolge eine der reichsten feindlichen Gegenden, erbrach mehrere Städte, verheerte das Gebiet von mehreren mit Feuer und gewann eine solche Menge von Herden großen und kleinen Viehs, von Sklaven und Sklavinnen und so viele Lebensmittel, daß sich das ausgehungerte Volk wieder völlig sättigen und den Genossen, die bei Marra zum Schutz der Stadt zurückgeblieben waren, einem jeden seinen Anteil zuschicken konnte. Als der Graf zurückgekehrt war, begann er zu überlegen, was er jetzt tun sollte, da das Volk schon wiederum schrie, der festgesetzte Tag zur Weiterreise rücke heran, und durchaus von keinem Aufschub wissen wollte. Da er jedoch sah, daß der Wunsch des Volkes ein edles Verlangen sei, und daß er ihrem dringenden Begehren nicht länger widerstehen könne, so brach er, obgleich er allein war und keiner der Fürsten sich ihm anschließen wollte, mit seinem Gefolge zur Weiterreise auf, nachdem er die Stadt verbrannt und in Asche verwandelt hatte. Wie er aber sah, daß er nicht viele Reiter habe, bat er den Bischof von Albara, mit ihm zu ziehen. Der Bischof war den Bitten des Grafen geneigt und vertraute einem gewissen Edlen, nämlich Wilhelm von Cumliac, dem er sieben Reiter und dreißig Mann zu Fuß gab, die Aufsicht über das Seinige an, und dieser bewachte das ihm Anempfohlene mit solcher Treue und Ergebenheit, daß er innerhalb weniger Tage statt sieben Reitern vierzig und statt dreißig Mann Fußvolk achtzig oder mehr hatte und auf diese Art den Besitz seines Herrn unermeßlich erweiterte. An dem bestimmten Tag nun brach er ohne die Ankunft eines der anderen abzuwarten mit seinem Heer auf. In seinem Gefolge waren ungefähr zehntausend Mann, unter welchen jedoch kaum dreihundertundfünfzig Reiter waren. Als er bereits auf dem Zug war, schlossen sich ihm der Graf von der Normandie und Tankred, jeder mit vierzig Reitern und einer bedeutenden Anzahl von Fußvolk, an und waren auf dem ganzen Weg seine unzertrennlichen Gefährten. Sie fanden nämlich auf ihrem Zug überall solchen Überfluß, daß dem Volk von jetzt an nichts mehr abging. Als sie nämlich auf ihrer Reise durch Cäsarea, Hama und Emesa kamen, welch letzteres gewöhnlich Camela genannt wird, gaben ihnen die Fürsten dieser Städte nicht nur Führer mit und boten ihnen um die billigsten Preise Lebensmittel an, sondern sie wurden auch von den Bewohnern der Städte und Dörfer mit Gold, Silber, großem und kleinem Vieh und Lebensmitteln aller Art beschenkt, daß sie dafür ihr Gebiet verschonen sollten. Und so vermehrte sich ihr Heer von Tag zu Tag und kam, da es an allem Nötigen Überfluß hatte, in einen immer besseren Zustand. Auch Pferde, an denen sie großen Mangel gelitten hatten, bekamen sie teils um Geld, teils unentgeltlich in solcher Anzahl, daß sie, ehe sie mit den übrigen Fürsten zusammenstießen, außer denen, welche sie schon früher gehabt hatten, tausend oder noch mehr mit sich führten. Endlich, nachdem sie mehrere Tage lang in der Mitte des Landes fortgezogen waren, beschloß man gemeinsam, wieder nach der Meeresküste hinzulenken, um von dem Zustand der übrigen Fürsten, welche sie im Gebiet von Antiochien hinter sich zurückgelassen hatten, leichter Nachrichten erhalten und um von den Schiffen, welche von Antiochien und Laodikäa herauffuhren, ihre Bedürfnisse kaufen zu können.
XIII. Auf dieser ganzen Reise, seit sie von Marra weggezogen waren, war es ihnen ganz nach Wunsch ergangen, nur war der Nachtrab häufig von Räubern, die sich versteckt gehalten hatten, überfallen worden, und auf diese Art waren einige Greise und kranke Leute, welche dem Heer nicht in gleichem Schritt hatten folgen können, getötet oder gefangengenommen worden. Um der Hinterlist dieser Räuber mit gleicher List zu begegnen, ließ der Graf Tankred wie auch Robert, den Fürsten der Normandie, zugleich mit dem Bischof von Albara dem Heer voranziehen und blieb selbst mit einigen trefflichen und ausgezeichneten Männern hinter dem Heer in einem Hinterhalt zurück, um den genannten Übeltätern, die dem Heer, um es unversehens zu überfallen, auf seinem Zug folgten, zu rechter Zeit entgegenzutreten. Und so geschah es, daß, als die boshaften Räuber wieder wie gewöhnlich einen Überfall machten, der Graf aus seinem Hinterhalt hervorbrach, rasch auf sie einstürzte, alle niederwarf und ihre Pferde und Waffen nebst einigen Gefangenen mit großer Freude zum Heer zurückbrachte. Von diesem Tag an konnte das Volk sicher und ohne Gefährdung dahinziehen und hatte an allem Nötigen Überfluß, und in der ganzen Gegend, durch die sie zogen, war weder zur Rechten noch zur Linken eine Stadt oder ein Flecken, dessen Bürger nicht dem Heere und seinen Führern Geschenke sandten und die Vorüberziehenden um Freundschaftsbündnisse ersuchten. Nur die Einwohner eines Ortes, die auf ihre Menge und die Festigkeit ihres Platzes vertrauten, boten ihnen weder Vorräte zum Kauf an noch schickten sie den Führen Geschenke, um ein Bündnis mit ihnen zu schließen, sondern sie suchten vielmehr in geschlossenen Reihen einherziehend dem Heer der Unseren Hindernisse in den Weg zu legen. Als dies die Unseren sahen, ergriff sie eine gerechte Entrüstung; sie stürzten einmütig auf sie ein, sprengten in einem Augenblick ihre Scharen auseinander, nahmen einige gefangen und erbrachen ihre Stadt mit Gewalt. Ihr großes und kleines Vieh, auch ihre Pferde, die auf den benachbarten Triften weideten, und all ihre Habe nahmen sie als Beute mit sich fort. In diesem Heer waren aber auch Gesandte benachbarter Fürsten, welche unsere Fürsten um Frieden bitten sollten. Als diese die Stärke und Kühnheit der Unseren sahen, kehrten sie, um ihren Herrn den vollen Frieden zu erhalten und die, welche sie gesandt hatten, über die Kraft und Tapferkeit der Unseren ausführlich zu belehren, in die Heimat zurück, von wo sie bald darauf mit Pferden und anderen Geschenken wieder zurückkehrten. Einige Tage später, nachdem sie den weiteren Weg in aller Ruhe zurückgelegt hatten, kamen sie in die Umgegend der alten und sehr festen Stadt Archis, die nicht weit vom Meer liegt, und schlugen ihr Lager ganz in der Nähe der Stadt auf.
XIV. Archis ist nämlich eine der Städte der Provinz Phönizien und liegt am Fuße des Libanon, auf einem befestigten Hügel, vier oder fünf Meilen vom Meer entfernt. Sie dehnt sich weit und breit aus und ist von einer Ebene umgeben, die den besten und fruchtbarsten Boden hat, auf dem es nicht an schönen Weiden und an lebendigem Wasser fehlt. Nach den Überlieferungen der Alten soll sie Aracheus, der siebte der Söhne Kanaans, gegründet und nach seinem Namen Arachis genannt haben, woraus dann später der verderbte Namen Archis entstanden sei. Diese Stadt nun umlagerten die Unseren, wie wir schon gesagt haben, und es geschah dies nicht zufällig, sondern auf den Antrieb einiger Gefangener aus der Zahl der Unseren, welche durch Briefe hierzu aufforderten. Es waren nämlich in der Stadt Tripolis, welches eine sehr edle Stadt ist, die fünf oder sechs Meilen von Archis entfernt am Meer liegt, einige von den Unseren, welche dort gefangengehalten wurden. Seit Anfang der Belagerung von Antiochien nämlich und hauptsächlich nach Eroberung der Stadt waren die Unseren aus Not, um sich Lebensmittel zu beschaffen, unvorsichtig in der Umgegend umhergestreift und hatten sich so den Feinden, die in der Nähe lagen, selbst zur Beute ausgesetzt. Auf diese Art war es gekommen, daß kaum eine Stadt oder ein Flecken war, der nicht Gefangene aus unserem Volk gehabt hätte, und so befanden sich in der Stadt Tripolis, von der wir eben gesprochen haben, der Unsern mehr als zweihundert in Gefangenschaft. Als diese von der Ankunft der Unseren hörten, bedeuteten sie den Fürsten, sie sollten nicht von Archis wegziehen, sondern es belagern, denn sie werden die Stadt entweder in wenigen Tagen in ihre Gewalt bekommen oder vom König von Tripolis erreichen können, daß er ihnen für die Aufhebung der Belagerung unermeßliche Geldsummen zahle und ihre gefangenen Brüder freigebe. Dies geschah denn auch. Sie näherten sich sogleich der Stadt und schlossen sie rings mit ihrem Lager ein, teils um das zu bezwecken, was man ihnen zu wissen getan hatte, teils um die übrigen Fürsten zu schützen, von denen sie glaubten, daß sie nächstens nachfolgen würden.
XV. Und zwar zogen unter der Führung Raimund Pelets hundert Reiter mit zwei Scharen von zweihundert Mann Fußvolk aus dem Lager, um zu versuchen, ob sie irgendwo Vorräte für sich finden könnten, und kamen bis nach der Stadt Antarados, welche gewöhnlich Tortosa genannt wird und zwanzig Meilen oder mehr von der belagerten Stadt entfernt lag. Die Stadt Antarados liegt nämlich am Meer, einer kleinen Insel gegenüber, die ungefähr zwei Meilen davon entfernt ist und auf der die alte und viele Jahrhunderte berühmte Stadt Arados lag. Von ihr spricht der Prophet Ezechiel, wenn er sich zu dem Fürsten von Tyrus mit diesen Worten wendet: "Die Edlen von Sidon und Arwad waren deine Ruderknechte," und weiter unten: "Die Männer von Arwad waren in deinem Heer rings auf deinen Mauern." Von dieser Stadt erhielt die obengenannte ihren Namen und wurde Antarados genannt, weil sie diesem Arados gegenüberlag. Diese beiden Städte liegen in der Provinz Phönizien, und beide hatten ein und denselben Gründer, nämlich den Aradius, den jüngsten der Söhne Kanaans, das Sohnes Chams, des Sohnes Noahs. An diese Stadt also rückte die genannte Abteilung aus dem Heer des Grafen von Toulouse heran und begann sie mit Heftigkeit zu bekämpfen. Da sie aber bei der mutigen Gegenwehr der Feinde nicht glücklich waren, so verschoben sie den Kampf bei einbrechender Nacht auf den morgigen Tag, um dann, wenn die Genossen, welche ihnen zu folgen beschlossen hatten, zu ihnen gestoßen wären, sich mit größerer Kraft wieder an dasselbe Werk zu machen. Die Bürger aber, welche fürchteten, es möchten in der Nacht größere Scharen anrücken, denen sie dann nicht widerstehen könnten, suchten ihr Heil in der Flucht und verließen die Stadt mit ihren Weibern und Kindern und Sklaven und begaben sich nach den benachbarten Bergen. Die Unseren, die von dem, was sich in der Nacht ereignet hatte, nichts wußten, riefen einander am frühen Morgen zur Fortsetzung des gestrigen Werkes auf und wappneten sich, die Stadt zu bestürmen. Wie sie aber näherkamen und sie leer fanden, gingen sie mutig und unverzagt hinein und fanden einen großen Vorrat von Lebensmitteln und Waffen. Damit beluden sie sich, soviel sie konnten, und kehrten dann in das Lager zurück, wo sie der Ordnung nach alles, wie es sich begeben hatte, erzählten und mit ihrem glücklichen Unternehmen dem ganzen Heer große Freude machten.
XVI. Unterdessen, es war ungefähr um den ersten März, verlangte das Volk, welches in Antiochien zurückgeblieben war, da es den zur Weiterreise bestimmten Tag herankommen sah, von Herzog Gottfried von Lothringen und vom Grafen Robert von Flandern wie auch von den übrigen Fürsten mit großer Heftigkeit, sie sollten jetzt zum weiteren Zug aufbrechen und sie der Erfüllung ihres Gelübdes entgegenführen. Sie beriefen sich auch auf die Treue und Festigkeit des Grafen von Toulouse, des Herzogs von der Normandie und Tankreds und priesen die bewundernswürdige Liebe, die diese Fürsten dem Volk Gottes dadurch erwiesen hätten, daß sie demselben schon seit vielen Tagen auf dem Weg des Herrn treulich voranzögen. Durch dieses und ähnliches ließen sich die Fürsten bewegen; sie rüsteten das Nötige für die Reise und riefen alle Reiter und alles Fußvolk, das mit nach Jerusalem reisen wollte, herbei, und so versammelten sich im Gefolge dieser Fürsten am ersten März an die fünfundzwanzigtausend tapfere und bewaffnete Männer bei Laodikäa in Syrien. Aber auch Bohemund rückte ihnen mit seinem Gefolge dahin nach; mit ihnen reisen oder länger dort verweilen konnte er aber nicht, weil er die Feinde, die in der Nähe des erst kürzlich eroberten Antiochiens lagen, nicht auf den Glauben bringen wollte, er lasse die Stadt, wenn auch nur auf kurze Zeit, unvorsichtig aus der Acht. Er folgte ihnen aber bis an den obengenannten Ort eingedenk des freundschaftlichen Verhältnisses, in welchem er bisher auf dem Weg des Herrn mit den anderen Führern gestanden hatte, und erwies ihnen in größter Ergebenheit alle möglichen Freundschaftsdienste, um ihnen bei ihrem Abgang sein Andenken desto tiefer ins Herz zu drücken. Nachdem er also von den Fürsten unter Seufzern und Tränen Abschied genommen hatte, kehrte er aus Besorgnis für die Stadt, die ihm anvertraut war, wieder zurück und verließ das Volk bei Laodikäa. Laodikäa ist nämlich eine edle und alte Stadt, am Ufer des Meeres gelegen, hat gläubige Einwohner und ist die einzige unter den syrischen Städten, die damals noch der Herrschaft des griechischen Kaisers angehörte. Jener Guinimer von Boulogne, von dem wir oben gemeldet haben, daß er mit einer Flotte bei Tarsus in Kilikien gelandet sei, als Balduin, des Herzogs Bruder, diese Stadt gerade eingenommen hatte, war mit ebendieser seiner Flotte in diese Stadt gekommen. Unvorsichtig, ohne die gehörigen Streitkräfte zu haben, hatte er die Stadt angegriffen und seiner Herrschaft zu unterwerfen gesucht und war so von den Bürgern mit seinem ganzen Gefolge gefangengenommen worden. Der Herzog nun bat den Vorsteher der Stadt und die Ersten des Orts, weil dieser Mann aus dem Land seines Vaters gekommen war und bei dem obengenannten Tarsus seinem Bruder wesentliche Dienste und Ehrenbezeugungen erwiesen hatte, sie möchten ihm denselben zurückgeben, und diese, welche dem Willen des Herzogs auf keine Art entgegen zu sein wagten, lieferten den genannten Guinimer mit allen seinen Genossen und mit der Flotte, welche sie eingezogen hatten, dem Herzog aus, der ihm seine Flotte wieder zurückgab und ihm befahl, auf seiner Reise ihm damit stets zur Seite zu folgen, was denn auch geschah.
XVII. Das Heer verließ also dieses Laodikäa in Syrien, vermehrt durch die, welche es in dieser Stadt gefunden hatte, wie auch durch die, welche Antiochien, Kilikien und die benachbarten Städte häuslicher Abhaltungen wegen später verlassen hatten, und kam, den Weg an der Meeresküste hin verfolgend, nach der Stadt Gabul, die man gewöhnlich Gibellum heißt und die von Laodikäa zwölf Meilen entfernt liegt. Als sie einige Zeit lang die Stadt mit einem ringförmigen Lager eingeschlossen gehalten hatten, bot der Statthalter des Fürsten von Ägypten, der in dieser Stadt den Oberbefehl führte (denn dies war die erste von den Seestädten, die unter ägyptischer Herrschaft standen), dem Herzog sechstausend Goldstücke und überdies noch ungeheure Geschenke an, wenn er von der Belagerung abstehe. Da er hierdurch den Sinn des Herzogs nicht ändern konnte, weil dieser Geschenke verachtete, versuchte er ein anderes Mittel und schickte Gesandte, auf deren Treue und Eifer er sich verlassen konnte, an den Grafen von Toulouse und bot ihm dieselbe Geldsumme an, wenn er ihn aus den Händen des Herzogs befreie. Dieser nun soll, so sagt man, das Geld heimlich angenommen und dann erdichtet haben, eine unermeßliche Menge von Feinden komme von Persien herangezogen, um die Niederlage zu rächen, welche das persische Volk unter Korbagat bei Antiochien erlitten hatte, und es stehe ein ebenso bedeutender Kampf bevor als der frühere. Alles dieses behauptete er durch glaubwürdige Leute erfahren zu haben, an deren Angaben auf keine Art zu zweifeln sei. Er schickte also den verehrungswürdigen Mann, den Bischof von Albara, an den Herzog und den Grafen von Flandern und ließ sie durch diesen wie auch durch Briefe, die er schickte, dringend ersuchen, die Belagerung aufzuheben und ohne Säumen herbeizueilen, um der gemeinschaftlichen Gefahr mit brüderlicher Teilnahme entgegenzutreten. Diese, sobald sie von der Bedrängnis ihrer Brüder und von der Gefahr, die ihnen bevorstehen sollte, gehört hatten, hoben in der Einfalt ihres Herzens sogleich die Belagerung auf und eilten über Valenia, das unter der Stadt Margat am Meeresufer liegt, sodann über Maraklea, die erste phönizische Stadt, in die man von Mitternacht her kommt, nach Antarados, das gewöhnlich Tortosa heißt, und das auch eine von den Städten der obengenannten Provinz ist und ebenfalls am Meeresufer liegt. Sie fanden diese Stadt ganz leer und staunten über die Nachbarschaft der Insel, welche der Stadt auf der Abendseite gegenüberliegt und wo sie auch einige Schiffe der Unseren an einem bequemen Landungsplatz antrafen. Hierauf schlugen sie den kürzesten Weg ein und kamen in wenigen Tagen mit ihrer ganzen Menge vor der Stadt Archis. Hier kam ihnen Tankred entgegen und setzte ihnen den ganzen Betrug des Grafen auseinander, worauf sie sich mit denen, die ihnen vorangezogen waren, nicht vereinigten, sondern ihr Lager in weiter Entfernung von ihnen aufschlugen. Wie aber der Graf sah, daß ihm die Herzen der übrigen Fürsten entfremdet worden seien, suchte er sie durch Geschenke, die er sandte, wieder zu gewinnen. So kam es, daß nach kurzer Zeit die Fürsten bis auf Tankred, der schwere Klagen gegen ihn erhob, sich wieder mit ihm aussöhnten und alle Heere vor der Stadt sich wieder vereinigten. Hatte der Graf vor Ankunft des Herzogs viele Tage lang seine Mühe umsonst verschwendet, so war jetzt bei der Ankunft der übrigen Fürsten Hoffnung zu leichter Eroberung der Stadt und zu glücklicher Beendigung der mühseligen Belagerung. Es ging aber ganz gegen Erwarten, denn weder früher noch später hatte das Volk bei diesem Unternehmen den Segen des Herrn. Sooft sie die Stadt bekämpfen wollten, sei es, daß sie die Mauer einzustürzen suchten, oder daß sie einen Sturm auf dieselbe wagten oder zu welchem Mittel sie griffen, um den Festungswerken zu schaden, so oft kamen ihnen neue Hindernisse in den Weg, und alle ihre Bemühungen wurden vereitelt. Alle Anstrengungen und aller Aufwand waren verschwendet, so daß man deutlich sehen konnte, der Herr habe ihnen bei diesem Werk seinen gnädigen Beistand entzogen. Das Volk wurde getötet, edle und treffliche Männer erlagen nutzlos. Die berühmten und hervorragenden Männer Anselm von Ribourgemont, ein tapferer Waffenheld, und Pons von Balasu, ein edler Mann, ein vertrauter Freund des Grafen von Toulouse, kamen hier elendiglich durch Steinwürfe ums Leben. Das Volk ließ sich deswegen hier auch nur ungern zurückhalten, denn ihm lag daran, an das Ziel der Reise zu kommen. Darum gab es sich auch nur wenig Mühe und wandte nicht viel Eifer auf, hauptsächlich aber seit der Ankunft des Herzogs. Sogar die, welche mit dem Grafen von Toulouse angekommen waren, die also, welche sein nächstes Gefolge bildeten, entzogen sich mit Fleiß der Arbeit, damit der Graf, der Sache überdrüssig, den anderen Fürsten folgen möchte, welche sich auch nur gegen ihren Willen und ihr Gewissen auf Bitten des Grafen zurückhalten ließen.
XVIII. Hier erneuerte sich die Frage wegen der Lanze, welche bei Antiochien gefunden worden war, ob sie wirklich die sei, durch welche aus der Seite des Herrn Blut und Wasser geflossen war, oder ob die Sache nur erdichtet worden sei. Das Volk nämlich war hierüber sehr in Zweifel, aber auch die Höheren schwankten in ihren Meinungen hin und her. Die einen sagten, die Lanze sei wirklich die, welche am Kreuz des Herrn, als sie seine Seite geöffnet hatten, benetzt worden war, und durch eine göttliche Eingebung sei sie zur Stärkung des Volkes wieder aufgefunden worden, andere aber versicherten, die Sache beruhe auf den schlauen Künsten des Grafen von Toulouse, der das Ganze des Nutzens halber erdichtet habe. Diese Spaltung hatte hauptsächlich ein gewisser Arnulf veranlaßt. Dieser Mann, von dem im folgenden noch manches zu sagen sein wird, war Kaplan des Grafen von der Normandie und ein Vertrauter von ihm. Er war sehr gelehrt, führte aber einen unreinen und ärgerlichen Lebenswandel. Nachdem nun lange unter dem Volk hierüber hin und her geredet worden war, hieß der, welcher die Offenbarung gehabt zu haben versicherte, um den Glauben des Volkes zu befestigen und allen Zweifel hinwegzunehmen einen großen Holzstoß anzünden und versprach mit Gottes Hilfe durch die Feuerprobe den Ungläubigen den Beweis zu geben, daß keine Erdichtung und keine Lüge bei dieser Sache vorgefallen, daß vielmehr bloß durch eine göttliche Offenbarung, um den Menschen durch diese Kunde einen Trost zu geben, das Ganze veranstaltet worden sei. Es wurde also ein Holzstoß angezündet, der so groß war, daß die gewaltige Hitze des Feuers sogar die Umstehenden schrecken konnte, und das ganze Volk vom Höchsten bis zum Niedersten versammelte sich darum, um über diese Sache völlige Gewißheit zu erlangen. Es war aber am Freitag vor Ostern, an dem Tag, an welchem auch, wie wir lesen, der Erlöser der Welt für unser Heil gelitten hat. Der, welcher diese gefährliche Probe aus freiem Willen bestehen wollte, hieß Peter Bartholomei, ein Kleriker zwar, aber ein nur wenig unterrichteter Mann, und soweit dies Menschen beurteilen können ein ganz einfacher Mensch. Nachdem dieser also vor den versammelten Heeren ein Gebet gesprochen hatte, nahm er die genannte Lanze und schritt durch das Feuer, ohne sich zu verletzen, wie es dem Volk vorkam. Diese Tat aber entschied nicht nur die Frage nicht, sondern erweckte einen noch größeren Streit, denn nach wenigen Tagen starb er, und da er früher allen als ein gesunder lebenskräftiger Mensch erschienen war, so versicherte ein Teil, dieses schnelle Ende rühre von der Feuerprobe her, bei der er sich als ein Betrüger den Tod geholt habe. Andere aber sagten, er sei wohlbehalten und unversehrt aus dem Feuer gekommen, dann aber sei er von der Menge, die in der Verehrung auf ihn zustürzte, so zerdrückt und zerquetscht worden, daß dies seinen Tod beschleunigt habe. Und so erhielt die zweifelhafte Sache keine Entscheidung, und die Ungewißheit hatte sich nur vermehrt.
XIX. Nachdem sie ein Jahr lang mit Hinterlist und mit Gewalt festgehalten worden waren, kehrten um diese Zeit unsere Gesandten, die, wie wir schon erzählt haben, auf Einladung der Ägypter, welche vom ägyptischen Kalifen nach dem Lager von Antiochien geschickt worden waren, sich nach Ägypten begeben hatten, zu den Fürsten zurück, welche sie abgeschickt hatten. Es kamen mit ihnen auch Gesandte des ägyptischen Fürsten, welche eine Rede führten, die von der früheren ganz verschieden war. Nachdem sie nämlich früher aufs inständigste gebeten hatten, unsere Fürsten möchten ihnen gegen den Übermut der Türken und Perser Hilfe und Beistand leisten, so änderten sie jetzt ihr Lied und meinten den Unseren eine große Wohltat zu erweisen, wenn sie ihnen erlaubten, in Scharen von je zwei oder drei Hunderten unbewaffnet Jerusalem zu betreten und nach Verrichtung ihrer Andacht wieder unverletzt zurückzukehren. Diesen Antrag nahmen unsere Fürsten als eine Beschimpfung auf und hießen die Gesandten mit dem Bescheid zurückkehren, daß sie nicht unter solchen Bedingungen in einzelnen Scharen dahin ziehen wollten, sondern vielmehr in vereintem Zuge vor Jerusalem rücken würden, um das Reich zu zerstören. Diese Änderung war durch etwas veranlaßt, das sich von dem Sieg der Unseren bei Antiochien herschrieb. Als nämlich die Türken dort in so große Gefahr kamen, wurde ihre Macht im ganzen Orient so gebrochen und ihr hoher Ruhm so vernichtet, daß sie, wo sie mit anderen Völkern zu tun hatten, überall unterlagen und in jedem Kampf den kürzeren zogen. In dieser Lage überwuchs sie das Reich der Ägypter, und sie verloren durch die Hand eines gewissen Emirs, der Oberbefehlshaber des Königs der Ägypter war, Jerusalem, das sie denselben achtunddreißig Jahre früher entrissen hatten. Da nun die Feinde, vor deren größerer Stärke sie sich früher gefürchtet hatten, durch die Unseren geschwächt und ganz herabgebracht waren, verachteten sie den Beistand, um den sie früher so inständig gebeten hatten.
XX. Es waren außerdem Gesandte des Kaisers von Konstantinopel angekommen, die große Klage über Bohemund führten, der gegen Schwur und Vertrag Antiochien für sich behalten wolle. Sie beriefen sich vor den Fürsten darauf, daß alle, so viele ihrer durch das Land des Kaisers gezogen seien, diesem einen körperlichen Eid auf die heiligen Evangelien geleistet hätten, daß sie bis nach Jerusalem keine der größeren oder kleineren Städte, welche früher zum Reich gehört hatten, für sich behalten, sondern wenn sie eine erobert hätten dieselbe dem Reich des Kaisers zurückgeben wollten. Der übrigen Teile des Vertrags aber taten sie nicht die geringste Erwähnung. Daß der Kaiser und die Fürsten über diesen Punkt miteinander bei Konstantinopel übereingekommen waren, ist gewiß, aber am Schluß des Vertrags hieß es, daß er selbst mit all seinem Gefolge und mit großen Heerscharen ihnen unverzüglich folgen und sooft es nötig wäre zu Hilfe kommen müßte. Auf den gemeinsamen Beschluß der Fürsten wurde also die Antwort gegeben: der Kaiser habe zuerst den Vertrag verletzt, daher trage er mit Recht den Verlust von dem, was er diesem Vertrag gemäß hätte erhalten sollen, denn demjenigen gegenüber, welcher einer Übereinkunft zuwiderhandle, habe man es nicht nötig, sein Wort zu halten. Er mußte nach dem Vertrag mit seinem Heer dem unseren sogleich folgen, ihnen zu Schiff beständig Vorräte zuführen und dafür sorgen, daß sie auf der ganzen Reise alles was sie nötig hätten zum Kauf bekamen. Beides aber versäumte er hinterlistigerweise zu erfüllen, da er es doch ohne Schwierigkeit hätte ausführen können. Sie wollten also, was wegen Antiochiens beschlossen worden war, in voller Gültigkeit lassen, weil sie hierüber ganz nach dem Recht verfügt zu haben glaubten, und bestätigten, daß Bohemund die Stadt, die ihm durch die Freigebigkeit aller zugestanden worden war, für immer zum erblichen Besitz haben sollte. Außerdem wollten die Gesandten des Kaisers die Fürsten überreden, daß sie dem Kaiser, dessen Ankunft sie auf den ersten Juli verheißen hatten, eine weitere Frist verstatten sollten, wobei sie versprachen, er werde jedem der Fürsten ungeheure Geschenke mitbringen und dem Volk einen so reichlichen Sold zahlen, daß es davon ganz ehrenhaft leben könne. In der Beratung hierüber wichen die Fürsten in ihren Meinungen sehr voneinander ab. Der Graf von Toulouse nämlich glaubte, man müsse die Ankunft eines solchen Fürsten abwarten, sei es, daß er wirklich glaubte, der Kaiser werde kommen, oder weil er bei dieser Gelegenheit die Fürsten und das Volk hinhalten konnte, bis er die Stadt, die er belagerte, für sich gewonnen hatte. Er hielt es nämlich für schimpflich und schmählich, so offenbar von seinem Vorhaben abstehen zu müssen und seinen Wunsch nicht ausführen zu können. Den anderen aber schien es im Gegenteil besser, die begonnene Reise fortzusetzen und ihr Gelübde, für das sie so vieles ausgestanden hatten, zu erfüllen, denn sie wollten den heimtückischen und hinterlistigen Anschlägen des Kaisers, die sie schon so oft hatten erfahren müssen, aus dem Weg gehen, damit er sich nicht wiederum in das Labyrinth seiner Ausflüchte verflechte, aus denen sie sich dann später nur mit Mühe loswinden könnten. Es entstand also ein Streit unter den Fürsten, und ihre Wünsche stimmten beinahe in nichts überein. Als der, welcher in der Stadt Tripolis gebot, von der Entzweiung der Fürsten hörte, verweigerte er nicht nur die Bezahlung des Geldes, das er früher, falls die Fürsten die Belagerung aufheben und sein Gebiet verlassen wollten, angeboten hatte, sondern er beschloß sogar, den Unseren im Kampf entgegenzutreten und sich mit ihnen zu versuchen. Es geschah also, daß man nach gemeinschaftlichem Beschluß den Bischof von Albara und einige andere mächtige Männer zum Schutz des Lagers bei der Stadt zurückließ; die Fürsten aber rüsteten sich zum Kampf und führten ihre Scharen in Schlachtordnung gen Tripolis. Als sie dort ankamen, fanden sie den Befehlshaber des Ortes mit allen Bürgern, sowohl Reitern als solchen, die zu Fuß waren, außerhalb der Stadt. Sie standen bereits in Schlachtordnung und erwarteten unverzagt die Ankunft der Unsern. Weil nämlich der Graf von Toulouse zwei Monate und länger sich vergeblich mit der Belagerung der obengenannten Stadt abgemüht und nichts zustande gebracht hatte, fingen die Tripolitaner sie zu verachten an, und die Furcht vor unserem Heer verlor sich immer mehr, als ob seine Tapferkeit, von der sie früher gehört hatten, und sein gewohnter Mut in Abnahme begriffen wären. Wie sie also vor die Stadt gekommen waren und die feindlichen Heere vor sich stehen sahen, stürzten sie sogleich mit großer Heftigkeit auf sie ein, lösten beim ersten Angriff ihre Reihen auf, zwangen sie zur Flucht und nötigten sie, nachdem siebenhundert von ihnen gefallen waren, durch den Ungestüm, mit dem sie auf sie eindrangen, sich eiligst in die Stadt zurückzuziehen. Von den Unseren aber sollen drei oder vier gefallen sein. Hier feierten sie am neunten April das Osterfest.
XXI. Nachdem sie den Sieg erfochten hatten und ins Lager zurückgekehrt waren, verlangte das ganze Volk wieder mit großem Geschrei, man solle von dieser verderblichen Belagerung ablassen und gen Jerusalem aufbrechen, wohin ihrer aller Sehnsucht gerichtet sei. Das Volk brachte es auch mit seiner kühnen Beharrlichkeit dahin, daß der Herzog und der Graf von Flandern wie auch der Graf von der Normandie und Tankred seinem Verlangen nachgaben, das Lager anzündeten, und so sehr sie auch der Graf von Toulouse zurückzuhalten suchte, die Belagerung verließen und ihr Heer gegen Tripolis in Bewegung setzten, um den weiteren Zug anzutreten. Die, welche von Anfang an das Gefolge des vorgenannten Grafen gebildet hatten, waren besonders zum Aufbruch geneigt, und zwar so, daß sie ihn verließen und um die Wette den vorgenannten Fürsten folgten, worauf der Graf, da er sah, daß er sie weder mit Bitten noch mit Versprechungen zurückhalten könne, aus der Not eine Tugend machte und den übrigen, wenn auch wider Willen, folgte. Als sie nach einem Marsch von kaum fünf Meilen vor der Stadt Tripolis ihr Lager aufschlugen, sandte der Befehlshaber des Orts, der in dieser Gegend die Stelle des ägyptischen Kalifen vertrat und jetzt, während er früher sich unseren Fürsten gleichstellen zu können gemeint hatte, von seiner Vermessenheit zur richtigen Schätzung seiner Kräfte zurückgekommen war, eine Gesandtschaft an die Fürsten und bat sie, die Provinz, über die er gesetzt sei, zu verlassen, wofür er ihnen fünzehntausend Goldstücke und außerdem Geschenke an Pferden und Maultieren, Seidezeugen und kostbaren Gefäßen geben und alle ihre Gefangenen zurückstellen wolle. Um diesen Preis möchten sie an den Städten, die unter seinem Befehl stünden, nämlich Archis, Tripolis und Byblos mit dem dazugehörigen Gebiet, ruhig vorüberziehen. Er sandte ihnen überdies Herden von großem und kleinem Vieh und eine reiche Menge von Lebensmitteln, damit sie nicht vom Mangel getrieben würden, die Markungen der Städte zu plündern und den Ackerbauern beschwerlich zu fallen. Es kamen auch einige gläubige Syrer von dem hohen Gebirge Libanon herab, dessen Gipfel jene Städte auf der Morgenseite überragen, um den Unsrigen zum Zeichen ihrer brüderlichen Liebe Glück zu wünschen. Diese fragte man nun, als einsichtige und ortskundige Männer, auf welchem Weg man am sichersten und bequemsten gen Jerusalem vorrücken könne. Nachdem sie die Vorteile aller der verschiedenen Wege, die es gab, treulichst gegeneinander abgewogen hatten, rieten diese zuletzt, den Weg am Meer hin einzuschlagen, einmal weil es derjenige sei, der sie am geradesten zu ihrem Ziel führe, und dann, weil sie hier die Schiffe, welche dem Heer nachfolgten, stets zur Seite hätten. Es waren aber in der Flotte nicht nur die Schiffe Guinimers und seiner Genossen, die, wie oben berichtet worden ist, von Flandern, von der Normandie und von England herabgekommen waren, sondern auch genuesische, venetianische und griechische Schiffe, die, häufig mit Waren beladen, von Zypern, Rhodos und anderen Inseln herbeikamen und unseren Heeren großen Nutzen brachten. Sie nahmen also Wegweiser mit sich, teil aus der Zahl der ebengenannten Gläubigen, teils aus der Dienerschaft des Fürsten von Tripolis, und zogen, die Gipfel des Libanons zur Linken lassend, an Byblos vorbei an der Meeresküste hin, bis sie am Ufer eines Flusses bei einem Ort, der Maus heißt, ein Lager schlugen und einen Tag Rast hielten, um auf das gebrechliche Volk und die, welche nicht so schnell nachfolgen konnten, zu warten.
XXII. Am dritten Tag endlich lagerten sie vor der Stadt Berythus, an dem Fluß, der an der Stadt vorbeifließt. Sie ruhten hier eine Nacht und erhielten vom Vorsteher des Orts Geld und hinlängliche Lebensmittel, damit sie die Saaten und Baumpflanzungen des Bezirks verschonen möchten. Am folgenden Tag kamen sie nach Sidon, wo sie ihr Lager, der Bequemlichkeit wegen, am Fluß aufschlugen. Der Befehlshaber dieser Stadt erwies den Unseren, wir wissen nicht auf was gestützt, nicht den geringsten Dienst, sondern suchte vielmehr im Vertrauen auf seine Kraft unser Heer zu beunruhigen, wobei er aber wenig Glück hatte. Als nämlich einige von den Unseren, die nicht länger mitansehen konnten, wie sie da und dort aus der Stadt kamen und die Unseren zum Kampf herausforderten, über sie herfielen, mußten sie sich, nachdem einige von ihnen gefallen waren, wieder in die Stadt zurückziehen, worauf die Angriffe aufhörten und die Unseren diese Nacht in aller Ruhe im Lager zubrachten. Als es Morgen geworden war, beschlossen sie, damit das Volk ein wenig ausruhen könne, hier Rast zu halten und schickten einige leichte Heeresabteilungen in die Umgegend hinaus, um Lebensmittel herbeizuschaffen. Diese kamen unversehrt mit großem und kleinem Vieh und einer ungeheuren Menge von Lebensmitteln wieder zurück, bis auf einen edlen Mann, Walther von Verra, der, als die andern umkehrten, weiterging, um noch größere Beute zusammenzutreiben, und nicht mehr zum Vorschein kam, zum großen Schmerz des ganzen Heeres, das über das zweifelhafte Ende, das er genommen hatte, großes Leid trug. Am folgenden Tag sodann gelangten sie, nachdem sie erst felsige Gegenden durchzogen hatten, wieder in ebeneres Land und kamen, die alte sidonische Stadt Sarepta, die Heimat des Mannes Gottes Elias, zur Rechten lassend über den Fluß, der mitten auf ihrem Weg war, nach Tyrus, der vortrefflichen Hauptstadt dieses Landes, an diesen alten Wohnort von Agenor und Kadmus, wo sie an jener herrlichen und seit Jahrhunderten berühmten "Quelle der Gärten", an diesem lebendigen Wasserbrunnen, ihr Lager schlugen und eine Nacht in weitausgedehnten Obstgärten, die ihnen jede Bequemlichkeit darboten, ausruhten. Am folgenden Tag brachen sie wieder auf und kamen durch die Engpässe, die zwischen dem Meer und den Vorgebirgen liegen und manche Gefahr darbieten, wieder in die Ebene, in welcher die Stadt Akkon liegt. Sie lagerten hier in der Nähe der Stadt an dem Fluß, der vorbeifließt, und empfingen vom Statthalter und den Bürgern Geschenke und käufliche Waren um billigen Preis. Dieser schloß auch mit unseren Fürsten ein Freundschaftsbündnis und versprach ihnen, wenn sie Jerusalem erobern und sich nachher zwanzig Tage lang ohne Widerspruch als Herren des Reiches behaupten oder die Ägypter überwinden könnten, so werde er ihnen die Stadt Akkon ohne alle Schwierigkeit überliefern. Hierauf ließen sie Galiläa links liegen und kamen, zwischen dem Meer und dem Berg Karmel hinziehend, nach Cäsarea, der Hauptstadt vom Zweiten Palästina, die mit ihrem alten Namen Turris Stratonis heißt, wo sie an dem Fluß, der aus den Sümpfen entspringt, die in der Nähe der Stadt liegen, ihr Lager schlugen. Hier, kaum zwei Meilen von der vorgenannten Stadt, feierten sie am achtundzwanzigsten Juni das heilige Pfingstfest. Am dritten Tag machten sie sich sodann wieder auf, ließen die Seestädte Antipatris und Joppe rechts liegen und kamen durch eine weithin sich ausdehnende Ebene über den Eleutherusfluß nach Lidda oder Diospolis, wo man bis auf den heutigen Tag das herrliche Grabmal des vortrefflichen Märtyrers Georg zeigt, in welchem er nach seinem äußeren Menschen in Gott ruhen soll. Die Kirche dieses Märtyrers, welche der fromme und rechtgläubige römische Kaiser Justinian ihm zu Ehren im frommen Eifer hatte bauen lassen, hatten die Feinde, als sie von der Ankunft der Unseren gehört hatten, kurz vorher dem Boden gleichgemacht, damit die Unseren nicht die Balken der Kirche, welche von großer Länge waren, zu Belagerungsmaschinen verwenden könnten. Als sie aber erfuhren, daß in der Nähe eine alte Stadt namens Ramla liege, sandten sie den Grafen von Flandern mit fünfhundert Reitern voraus, um die Gesinnung der Bürger auszukundschaften und zu erfahren, welche Vorsätze sie gefaßt hätten. Als diese näher an die Stadt herankamen und sahen, daß niemand zu ihnen heraustrat, gingen sie durch die Tore, welche offenstanden, hinein und fanden die Stadt ganz leer. Sie waren nämlich in der vorhergehenden Nacht, als ihnen die Ankunft der Unseren kundgeworden, mit Weibern, Kindern und Gesinde entwichen, was der Graf durch einen Boten, den er zurücksandte, sogleich dem Heer anzeigte. Er riet ihnen schleunigst herbeizukommen, und so kamen sie, nachdem sie ihre Gebete verrichtet hatten, heran und brachten hier, wo sie Frucht, Wein und Öl zur Genüge fanden, drei volle Tage zu. Sie machten einen gewissen Robert, einen Normannen aus dem Bistum Rouen, zum Bischof der Kirche und übertrugen ihm die beiden Städte Lidda und Ramla mit dem dazugehörigen Gebiet zum immerwährenden Besitz. So widmeten sie die Erstlinge ihrer Arbeit in aller Verehrung dem herrlichen Märtyrer.
XXIII. Unterdessen bemühten sich die Bewohner von Jerusalem, denen von allen Seiten her die Ankunft der Unseren gemeldet wurde - weil sie wohl wußten, daß die ganze Menge, welche heranziehen sollte, es ganz besonders auf diese Stadt abgesehen habe -, mit allem Fleiß und mit dem größten Eifer ihre Stadt zu befestigen und führten Lebensmittel, alle Arten von Waffen, Holz, Eisen, Stahl und was sonst bei einer Belagerung dienen kann um die Wette in die Stadt herbei. Aber auch der Fürst von Ägypten, der in diesem Jahr die Stadt mit großer Mühe den Türken abgenommen hatte, war, sobald er erfahren hatte, daß unser Heer Antiochien verlassen habe, eifrigst bemüht gewesen, Mauern und Türme der Stadt instandzusetzen. Um sich die Ergebenheit und Anhänglichkeit der Bürger zu verschaffen, teilte er ihnen mit großer Freigebigkeit aus seinem eigenen Schatz Gold aus und erließ ihnen auf immer ihre Abgaben. Und diese, teils auf ihre eigene Rettung bedacht, teils um dieser Vergünstigungen willen, beeiferten sich auf alle Art den königlichen Befehlen nachzukommen, riefen die Bürger der benachbarten Städte zusammen und gaben der Stadt durch eine tapfere und aufs beste bewaffnete Mannschaft die größte Festigkeit. Sie versammelten sich auch alle einmütig in dem weiten Vorhof des Tempels und beschlossen, um dem Herbeikommen der Unseren vorzubeugen, alle gläubigen Bewohner der Stadt umzubringen, die Kirche der Auferstehung des Herrn von Grund aus zu zerstören und das Grab des Herrn völlig einzureißen, daß das Volk keine Veranlassung mehr hätte, der Andacht wegen hierherzukommen oder die Stadt zu besuchen. Endlich aber, als sie einsahen, daß sie dadurch den Haß der Unseren gegen sich nur desto heftiger anschüren und sie noch mehr zu ihrem Verderben aufreizen würden, änderten sie ihren Beschluß dahin, daß sie den Gläubigen all ihr Geld und was sie sonst haben mochten abnahmen. Sie brachten auf diese Art vom Patriarchen, der damals in der Stadt war, vom Volk und den umliegenden Klöstern vierzehntausend Goldstücke zusammen. Um diese große Geldsumme, die man von ihm erpreßte und wozu aller Vermögen nicht hinreichte, herbeischaffen zu können, und um seiner und des Volkes Armut ein wenig aufzuhelfen, mußte dieser ehrwürdige Mann nach der Insel Zypern überschiffen und sich hier von den Gläubigen Almosen und fromme Spenden erbitten, um dem ausgehungerten und aufgeriebenem Volk Gottes, das in Jerusalem und dessen Gebiet wohnte, damit das Leben zu fristen. Aber auch damit hatten sie nicht genug, sondern nachdem sie dem Volk durch alle Arten von Foltern ihre Güter entrissen hatten, jagten sie bis auf die Alten und Kranken, die Weiber und kleinen Kinder alle aus der Stadt, wo sie sich bis zur Ankunft der Unseren in kleinen Flecken, die vor der Stadt lagen, verborgen hielten und täglich den Tod erwarteten. In die Stadt zu gehen durften sie nicht wagen, aber auch hier außen hatten sie vor Nachstellungen keine Ruhe, denn die Einwohner der Orte sahen alles was sie taten mit Argwohn an und zwangen sie zu den niedrigsten und unerträglichsten Frondiensten. Es war überdies damals in dieser gottgeliebten Stadt ein Mann, der durch seinen ehrwürdigen Lebenswandel und durch seinen Glauben sich auszeichnete, namens Gerald. Er hatte die Aufsicht über das Hospital, von dem oben die Rede war und in welchem arme Pilger, die ihre Andacht zu verrichten in die Stadt kamen, aufgenommen und so gut es ging unterstützt und verpflegt wurden. Diesen nun warfen sie, weil sie glaubten, es sei Geld bei ihm niedergelegt, und weil sie argwöhnten, er möchte bei der Ankunft der Unsern etwas zu ihrem Schaden unternehmen, in Bande und schlugen und marterten ihn so sehr, daß sie ihm durch ihre Foltern die Gelenke seiner Hände und Füße ausrenkten und ihn so zurichteten, daß er den Gebrauch der meisten seiner Glieder verlor.
XXIV. Nachdem sie nun drei Tage hier gelegen hatten, ließen sie eine Mannschaft zum Schutz des festesten Teils der Stadt zurück und machten sich dann in der ersten Frühe auf, ihr Vorhaben auszuführen. Sie nahmen kluge und der Gegend kundige Männer zu Wegweisern und kamen so nach Nikopolis. Nikopolis ist eine Stadt in Palästina, die, solange sie noch ein Flecken war, Emaus hieß, unter welchem Namen sie in den heiligen Evangelien vorkommt, wo der heilige Evangelist Lukas auch sagt, sie sei sechzig Stadien von Jerusalem entfernt. Sozomenus im sechsten Buch seiner Historia triparlita sagt von ihr folgendes: "Die Römer nannten diesen Ort, nachdem sie Jerusalem zerstört und die Juden besiegt hatten, zum Andenken dieses Sieges Nikopolis. Vor dieser Stadt, auf dem Kreuzweg, wo Christus nach seiner Auferstehung mit Kleophas wandelte, um nach einem anderen Flecken zu gehen, ist eine heilsame Quelle, in welcher durch Baden die Krankheiten der Menschen geheilt und auch andere Geschöpfe von verschiedenen Übeln befreit werden, was daher kommen soll, daß Christus hier einmal mit seinen Jüngern sich aufgehalten und die Füße gewaschen habe, wodurch das Wasser für verschiedene Leiden heilsam geworden sei." Dies sagt der genannte Geschichtsschreiber von dem Kastell Emaus, wo sie diese Nacht reichlich mit Wasser und Lebensmitteln versehen in Ruhe zubrachten und wo um die Mitte der Nacht eine Gesandtschaft der Bewohner der Stadt Bethlehem bei Herzog Gottfried erschien und ihn dringend und flehentlichst bat, er möchte einen Teil seiner Mannschaft dort hinsenden. Die Feinde eilten nämlich aus allen benachbarten Städten und aus allen Orten der Umgegend nach Jerusalem, teils um die Stadt zu schützen, teils um hier für sich selbst Rettung zu finden. Die genannten Gläubigen aber fürchteten, diese möchten, wenn sie in ihr Gebiet kommen, ihre Kirche zerstören, für deren Erhaltung sie den Feinden schon mehrmals einen hohen Preis bezahlt hatten. Als der Herzog die Forderung der gläubigen Brüder hörte, bewilligte er mit frommem Herzen ihr Begehren und wählte hundert wohlgerüstete Reiter aus, die zum Schutz des genannten Ortes mit den Gläubigen dahin ziehen sollten. Zum Anführer erhielten sie Tankred, und so kamen sie, geführt von den Einwohnern des Orts, am frühen Morgen nach Bethlehem, wo sie von den Bürgern mit Hymnen und geistlichen Liedern ehrenvoll empfangen wurden. Unter Begleitung des Volkes und des Klerus gingen sie in die Kirche, wo ihre Augen so selig waren, die Wohnstätte der glücklichen Mutter Gottes und die Krippe zu erblicken, in welcher einst die Speise der glücklichen Kreaturen ruhte. Die Bürger dieses Ortes sangen auch im Übermaß ihrer Freude dem Herrn Lob- und Danklieder und pflanzten zum Zeichen des Sieges die Fahne Tankreds auf ihre Kirche auf. Die aber, welche beim Herrn zurückgeblieben waren, brachten, da sie jetzt wußten, wie nahe sie den heiligen Orten seien, denen zuliebe sie so viele Mühen und so viele Gefahren schon seit drei Jahren ausgestanden hatten, vor Begierde ihre Reise zu vollenden die ganze Nacht schlaflos zu. Sie wünschten sehnlichst die Morgenröte herbei, um endlich das Ziel ihrer Reise und den Abschluß ihrer langen Pilgerschaft zu erblicken. Die Nacht schien ihnen ungewöhnlich lang; es war ihnen, als ob sie noch einen Teil des künftigen Tages für sich in Anspruch genommen hätten. Ihrer glühenden Sehnsucht war jede Zögerung verhaßt, wie es im Sprichwort heißt: "Einem Sehnsüchtigen geht alles zu langsam" und wiederum: "Die Wünsche wachsen durch den Aufschub."
XXV. Nachdem es aber im Lager bekannt geworden war, daß der Herzog in dieser Nacht Gesandte von Bethlehem empfangen und der Stadt einige aus dem Heer zur Hilfe gesandt habe, konnten sie die Erlaubnis zum Aufbruch nicht länger mehr erwarten. Ohne die Bequemlichkeit, welche der Tag den Wanderern darbietet, abzuwarten riefen sie sich in der Stille der Nacht gegenseitig wach, schalten auf die Zögerung und brachen gegen den Willen der Fürsten zur Reise auf. Nachdem sie eine Zeitlang fortgezogen waren, sonderte sich ein edler und tapferer Mann, Gaston von Bezieres, mit dreißig leichten Reitern vom Heer ab und kam mit Anbruch des Morgens in die Nähe von Jerusalem, wo er außerhalb der Stadt großes und kleines Vieh zu treffen hoffte, das er zum Heer zurückbringen könnte. Da er schon ganz in der Nähe der Stadt war, traf er ganz nach Wunsch auf Herden, welche nur wenige Hirten hatten, die beim Anblick unserer Krieger erschreckt nach der Stadt flohen. Gaston aber kehrte mit den Tieren, die von ihren Hirten verlassen worden waren, zum Heer zurück, als siehe da, die Einwohner von Jerusalem auf den Ruf der Hirten die Waffen ergriffen und den Abziehenden um die Wette verfolgten, um ihm seine Beute wieder mit Gewalt abzunehmen. Der treffliche Mann aber ließ, da ihm der Verfolgenden zu viele waren, seine Beute zurück, suchte sein Heil in der Flucht und stellte sich dann mit seinem Gefolge auf dem Gipfel eines Hügels auf. Und wie er da den Ausgang der Sache abwartete, siehe, da kam durch das Tal, das unter dem Hügel lag, Tankred mit den genannten hundert Reitern von Bethlehem zurück. Sogleich geht ihm der vorgenannte edle Mann entgegen, setzt ihm auseinander, was ihm begegnet ist, und nun vereinigen sie ihre Scharen und verfolgen die, welche die Beute zurückführen. Und ehe diese noch sich in die Stadt zurückziehen können, überfallen sie sie plötzlich, töten mehrere von ihnen, schlagen die übrigen in die Flucht und nehmen ihnen die Beute wieder ab, mit der sie voll Freude zum Heer zurückkehren. Als sie gefragt wurden, woher sie diese Beute zusammengetrieben haben, und zur Antwort gaben, daß sie sie aus dem Gebiet von Jerusalem weggeführt hätten, konnte das Heer bei Nennung des Namens der Stadt, für die es so viel und so Schweres ausgestanden hatte, vor brünstiger Andacht Seufzer und Tränen nicht zurückhalten. Sie warfen sich auf die Erde nieder, Gott rühmend und preisend, durch dessen Gnade es ihnen zuteil geworden war, daß sie, seine Gläubigen, ihm so würdig und löblich dienen durften, und der die Wünsche seines Volkes so gütig der Erhörung würdigte, daß sie nun wirklich an den Orten angelangt waren, nach denen sie sich so heiß gesehnt hatten. Als sie etwas weiter geschritten und nun die Heilige Stadt in der Nähe sahen, vergossen sie in ihrer frommen Freude Tränen und zogen zu Fuß und meistenteils sogar mit entblößten Füßen im raschen Zug einher. So kamen sie schnell vor die Stadt zu stehen, wo sie ihr Lager in der Ordnung aufschlugen, wie es ihnen von den größeren Fürsten angewiesen worden war. Jetzt schien die Weissagung des Propheten in Erfüllung gegangen und das Wort des Herrn geschichtlich zur Wahrheit geworden zu sein: "Wach auf, wach auf, steh auf, Jerusalem, schüttle den Staub ab, steh auf, Jerusalem, du Gefangene! Mach dich los von den Fesseln deines Halses, du gefangene Tochter Zion!"
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