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Erstes Buch

Wechselnde Schicksale Jerusalems unter dem Kalifen Omar, der die Stadt 636 erobert, Harun al-Raschid (786-809), den Fatimiden Hakem (996-1021) und Daher (1021-1036) und endlich unter der Herrschaft der seldschukischen Türken, welche Jerusalem 1070 in ihre Gewalt bekommen (Kap. 1-7). Geschichte der Türken bis zu diesem Zeitpunkt (Kap. 7). Schilderung der damals allgemein verbreiteten Sittenverderbnis (Kap. 8). Wachsende Macht der Türken (Kap. 9). Pilgerzüge aus dem Abendland (Kap. 10). Peter der Eremit (Kap. 11, 12). Zustand des Abendlandes. Streitigkeiten zwischen dem Kaiser und den Päpsten. Ankunft Peters in Italien (Kap. 13). Papst Urban in Frankreich. Das Konzil zu Clermont. Aufzählung der Fürsten und Grafen, welche zuerst den Kreuzzug gelobten (Kap. 14-18). Zug Walters von Habenichts nach Konstantinopel (Kap. 18). Peters unglücklicher Zug durch Ungarn (Kap. 19). Seine Kämpfe mit den Bulgaren, Ankunft in Konstantinopel, Überfahrt nach Bithynien (Kap. 20-23). Vernichtung eines großen Teils des christlichen Heeres durch die Türken (Kap. 23-26). Untergang des Gottschalkischen Heeres in Ungarn (Kap. 27-28). Neue Scharen von Kreuzfahrern mit Graf Emiko. Judenverfolgungen. Völlige Vernichtung des Heeres durch die Ungarn bei Meßburg (Kap. 29, 30).

    I. Die alten Geschichtsbücher wie die Überlieferungen der Morgenländer berichten uns, daß zu der Zeit, als der Kaiser Heraklius das Römische Reich regierte, die verderbliche Lehre Mohammeds, des Erstgeborenen des Satans, der mit seiner Lüge, daß er ein gottgesandter Prophet sei, die Morgenlande und hauptsächlich Arabien verführte, solche Kraft gewonnen hatte, in sämtlichen Provinzen aber zugleich eine solche Schlaffheit herrschte, daß die Nachfolger des falschen Propheten sich nicht mehr die Mühe nahmen, durch Predigt und Ermahnung zu überzeugen, sondern die Völker mit der Gewalt des Schwertes zum Irrtum zwangen. Der genannte Kaiser verweilte auf seinem siegreichen Rückzug von Persien, von wo er das Kreuz des Herrn mit Ruhm zurückgebracht hatte, noch in Syrien und ließ durch den ehrwürdigen Modestus, den er zum Bischof von Jerusalem ernannt und mit den nötigen Mitteln versehen hatte, die von dem nichtswürdigen persischen Satrapen Kosroes zerstörten Kirchen wieder aufrichten, als Omar, der Sohn Katabs, der dritte Nachfolger Mohammeds, mit einer unermeßlichen Heerschar von Arabern das schöne palästinische Gaza bereits eingenommen hatte. Sofort rückte das Heer der Araber in das damaszenische Gebiet und eroberte Damaskus. Der Kaiser harrte in Kilikien des Ausgangs der Dinge. Als er die Nachricht erhielt, daß sich die Araber in ihrem Übermut und im Vertrauen auf ihre Menge vermaßen, das römische Gebiet zu betreten und sich die Städte desselben zu gewinnen, und zugleich sah, daß er nicht Macht genug habe, solcher Menge zu begegnen und ihren Übermut zu demütigen, zog er es vor, unversehrt in die Heimat zurückzukehren, als sich mit ungleichen Kräften den Wechselfällen des Kriegs auszusetzen. Wie nun er, der den bedrängten Bürgern Hilfe zu leisten gehalten war, abzog, nahm das Ungestüm der Araber so sehr zu, daß sie in kürzester Zeit von Laodikäa in Syrien bis nach Ägypten alles Land erobert hatten. Wer aber der vorgenannte Mohammed war und woher und wie er zu dem Wahn kam, sich für einen gottgesandten Propheten auszugeben, welches Leben er führte, wie er im Umgang war, wo und wie lange er regierte, welche Nachfolger er hatte und wie diese beinahe den ganzen Erdkreis mit der Pest seiner Lehre ansteckten, darüber haben wir an einem anderen Ort gründlich abgehandelt, wie man aus dem Nachfolgenden zur Genüge ersehen wird.

    II. Es kam ihrem Vorhaben sehr zustatten, daß der genannte Kosroes wenige Jahre vorher einen Einfall in dieses Syrien gemacht hatte. Er hatte auf diesem Zug die Städte verwüstet, die umliegenden Gefilde mit Feuer verheert, die Kirchen zerstört und die Bevölkerung zu Gefangenen gemacht, er hatte die Heilige Stadt erbrochen, sechsunddreißigtausend Bürger niedermetzeln lassen und war mit dem Kreuz des Herrn, mit dem Bischof Zacharias und mit dem Volk, das in der Stadt und in der ganzen Umgegend noch übriggeblieben war, nach Persien zurückgekehrt. Dieser mächtige Perserfürst hatte nämlich eine Tochter von Kaiser Mauritius (mit welchem der selige Papst Gregor so befreundet gewesen war, daß er eines seiner Kinder aus der Taufe hob) namens Maria zur Frau. Er hatte sich dieser Heirat zuliebe taufen lassen und stand mit den Römern, solange der genannte Kaiser lebte, im besten Einvernehmen. Als aber dieser von Phokas, der ihm sodann in der Herrschaft nachfolgte, verräterisch ermordet worden war, faßte er einen heftigen Abscheu vor der Treulosigkeit der Römer, die sich von einem so verruchten Menschen, der noch von dem Blut seines Gebieters triefte, beherrschen ließen. Er betrachtete sie als Mitschuldige dieses Mordes und drang gewaltsam in ihr Reich ein, wütend gegen alles was er hier traf, voll Begierde, den Tod seines Schwiegervaters zu rächen, wozu ihn seine Gemahlin aufreizte. Nachdem er sich die übrigen morgenländischen Provinzen der Römer unterworfen hatte, war er zuletzt, wie schon gesagt, an Syrien gekommen, dessen Bevölkerung er teils niedermachte, teils gefangen mit sich nach Persien führte. Daher fanden die Araber, als sie ins Land kamen, es seiner Bewohner entblößt und leicht zu erobern. In denselben Umständen trafen sie auch Jerusalem an, die gottgeliebte Stadt. Sie verschonten seine spärlichen Einwohner, um sie unter harten Bedingungen zinsbar zu machen, und gestatteten ihnen ihren Bischof zu haben und ihre zerstörte Kirche wiederaufzurichten, überhaupt ihren christlichen Glauben frei zu bekennen. Der genannte Fürst war bei seinem Aufenthalt in Jerusalem sehr eifrig, mit Hilfe der Einwohner und hauptsächlich mit Hilfe des ehrwürdigen Bischofs Sophronius (Nachfolger des verstorbenen Modestus) die Stätte zu erkunden, auf welcher der Tempel des Herrn gestanden hat, der von Titus mit der Stadt selbst zerstört worden war. Als er den Ort, der noch an einigen übriggebliebenen Spuren des alten Werks kenntlich war, gefunden hatte, wies er die nötigen Summen an, ließ Künstler herbeirufen, das schönste Stein- und Holzwerk herbeischaffen und so den neuen Tempel aufbauen. Der Tempel wurde auch wirklich in kurzer Zeit nach dem entworfenen Plan glücklich vollendet, wie er jetzt bekanntlich in Jerusalem zu sehen ist, und, um ihn immer in gutem Zustand und eine ewige Lampe in ihm erhalten zu können, aufs reichlichste mit Gaben versehen. Von seiner Form und von der Schönheit des Werkes brauche ich hier nicht zu handeln, da er beinahe jedermann bekannt ist. An diesem Tempel, innen und außen, findet man in musivischer Arbeit sehr alte Denkmäler arabischer Schrift, die aus dieser Zeit herstammen sollen. Es ist hier zu lesen, wer ihn erbauen ließ, wieviel auf ihn verwendet worden ist, wann der Bau begonnen hat und wann er beschlossen worden ist.

    III. So kam nun die gottgeliebte und heilige Stadt unserer Sünden halber unter die Herrschaft der Ungläubigen und mußte dieses Joch vierhundertundneunzig Jahre tragen, nicht ohne stete Not, jedoch unter wechselnden Umständen. Denn bei dem allgemeinen häufigen Wechsel wechselte sie auch häufig ihre Herren und hatte, je nachdem wer diese waren, bald heitere, bald trübe Tage. Sie war wie ein Kranker, der nach den Tages- und Jahreszeiten bald wieder freier aufatmet, bald wieder in den vorigen Zustand zurücksinkt. Völlig genesen konnte sie jedoch nicht, solange sie unter ungläubigen Herrschern stand. Zu den Zeiten Harun al-Raschids aber, jenes bewundernswürdigen Mannes, dessen Großmut, Milde und schöne Sitten der ganze Orient, den er einst beherrschte, noch heute rühmt und preist, wurde durch Vermittlung des unsterblichen Kaisers Karl, der das schönste Bündnis mit ihm geknüpft hatte, das durch häufige Botschaften hin und her unterhalten wurde, dem Volk Gottes eine Zeit der Ruhe gewährt und eine solche Milde der Behandlung, daß es war, als lebte es unter der Herrschaft Kaiser Karls. In der Lebensbeschreibung dieses ruhmreichen Mannes ist hierüber folgendes zu lesen: "Mit Harun, dem Perserkönig, der mit Ausnahme Indiens beinahe den ganzen Orient besaß, lebte er in solcher freundschaftlichen Eintracht, daß dieser seine Gunst der Freundschaft aller Könige und Fürsten der ganzen Welt vorzog und nur ihn mit den prachtvollsten Ehrenbezeugungen auszeichnen zu müssen glaubte. Und als die Gesandten Karls, die dieser mit Geschenken zum Heiligen Grab und zu der Stätte der Auferstehung gesandt hatte, zu ihm kamen und ihm den Wunsch ihres Herrn anzeigten, gestattete er nicht nur alle diese Bitten, sondern gab auch noch weiter zu, daß diese heilige Stätte unter der Herrschaft des Kaisers stünde. Und als die Gesandten Karls heimkehrten, ließ er seine Gesandten mit ihnen reisen und schickte ihm unermeßliche Geschenke an Gewändern, Spezereien und sonstigen Schätzen des Morgenlandes, nachdem er ihm wenige Jahre vorher den einzigen Elefanten, den er damals besaß, auf seine Bitte überlassen hatte." Aber nicht nur über die Gläubigen in Jerusalem, sondern auch über die in Ägypten und Afrika tat Karl gar oft seine milde Hand auf, wie in seiner Lebensbeschreibung zu lesen ist, wo es heißt: "Im Almosengeben zeigte er eine große Frömmigkeit, so daß er nicht nur in seinem Land und seinem Reich die Armen erhielt, sondern auch über die Meere nach Syrien und Ägypten, nach Afrika, Jerusalem, Alexandrien und Karthago, wo er die Christen in Armut wußte, mitleidig Geld zu schicken pflegte. Er suchte auch deswegen hauptsächlich die Freundschaft der Könige über dem Meer, um den Christen, die unter ihnen lebten, einige Erleichterung und Erquickung verschaffen zu können." Welche Wechsel der Zeiten, Umstände und Herrschaften aber die Stadt Gottes und das umliegende Land in der Zwischenzeit erfahren hat, wer dies zu erfahren wünscht, der lese unsere "Geschichte der morgenländischen Fürsten", wo wir die Geschichte von Mohammed bis auf dieses seit der Geburt des Herrn elfhundertzweiundachtzigste Jahr mit vieler Mühe durch eine Reihe von fünfhundertundsiebzig Jahren verfolgt haben.

    IV. Um dieselbe Zeit nun hatten die Ägypter und Perser einen hartnäckigen Streit über die Herrschaft, in welchem der gegenseitige Haß durch das Festhalten an entgegengesetzten Traditionen, die bis heute beide Völker so entzweien, daß die einen die anderen Gotteslästerer heißen und keine Gemeinschaft miteinander pflegen, noch mehr angefacht wurde. Ja, sie führen auch verschiedene Namen. Die Anhänger des morgenländischen Aberglaubens heißen in ihrer Sprache Sunniten, die, welche die Überlieferung der Ägypter vorziehen, Schiiten. Diese letzteren scheinen unserem Glauben näher zu stehen als die anderen. Den Unterschied in ihren Irrlehren auseinanderzusetzen, ist hier nicht der Ort. Als das Reich der Ägypter immer mächtiger wurde und sich bis Antiochien ausdehnte, kam auch die Heilige Stadt in ihre Gewalt und wurde nach gleichen Gesetzen wie die übrigen regiert. Unter dieser Herrschaft fing sie an, wie denn die Gefangenen oft leichtere Zeiten haben, sich von dem sie Beängstigenden ein wenig zu erholen, bis zur Strafe der sündigen Menschen der Kalif Hakim an die Regierung kam. Dieser Mensch, der alle seine Vorgänger und Nachfolger an Bosheit weit übertraf, ist den Nachkommen, die von seinem Wahnsinn lesen, zur Fabel geworden. Er war in allen Arten der Gottlosigkeit und Schlechtigkeit so einzig, daß sein Gott und Menschen verhaßtes Leben ein eigenes Buch verlangte. Dieser ließ unter anderen schändlichen Taten auch die Kirche zur Auferstehung, die auf Befehl Kaiser Konstantins durch den ehrwürdigen Bischof Maximus von Jerusalem erbaut und durch Modestus zur Zeit des Heraklius wiederhergestellt worden war, von Grund aus zerstören. Einer seiner Statthalter mit Namen Hyaroe, Befehlshaber von Ramla, vollstreckte den Erlaß, der darüber an ihn erging, und ließ die Kirche bis auf den Boden niederreißen. Ein ehrwürdiger Mann stand damals dieser Kirche vor, mit Namen Orest, ein Oheim von diesem nichtswürdigen König, ein Bruder von seiner Mutter, und der Kalif beging diese Untat, um seinen ungläubigen Völkern einen Beweis zu geben, daß keine Spur von Glauben in ihm zu finden sei. Es wurde ihm nämlich Christentum vorgeworfen, weil er von einer christlichen Mutter geboren war. Um sich von dieser Beschuldigung zu reinigen, wagte er die genannte Freveltat, denn er meinte, nun, wenn er den Quell der christlichen Religion, die Wiege des katholischen Glaubens, zerstört habe, könne ihm keine Verleumdung mehr etwas anhaben.

    V. Von diesem Tage an verschlimmerte sich der Zustand der Stadt um vieles, sie fühlten sich teils durch den gerechten Schmerz über den Verlust der Kirche zur Auferstehung, teils durch vervielfältigte Lasten hart bedrückt. Denn außer einem Übermaß an Tributen und Zöllen, die, ganz gegen Gewohnheit und den Privilegien, die sie von den früheren Kalifen erhalten hatten, zuwider, von ihnen verlangt wurden, sollten sie nun auch die Festlichkeiten unterlassen, die sie unter den früheren Fürsten im stillen oder öffentlich, wie sie wollten, begangen hatten. Je festlicher der Tag war, desto mehr wurden sie in ihre Häuser eingesperrt und durften nicht öffentlich zu erscheinen wagen, und auch zu Hause waren sie nicht sicher, sondern mußten sich gefallen lassen, daß man ihnen Kot und Steine hineinwarf, daß man in ihre Häuser einstürmte; und je heiliger der Tag war, desto mehr waren sie solchen Plackereien ausgesetzt. Sodann wurden sie für ein unbedeutendes Wort, auf die nächste beste Beschuldigung hin, ohne Untersuchung zu Tod und Martern geschleppt, ihre Güter wurden eingezogen, ihre Habe weggenommen, man riß Söhne und Töchter aus den Häusern der Eltern und suchte sie bald mit Schlägen, bald mit Schmeicheleien und Versprechungen dazu zu bringen, ihrem Glauben abzuschwören, und wenn sie widerstanden, wurden sie an den Galgen gehängt. Wer aber gerade Patriarch war, der mußte vor andern Schmach und Unrecht erleiden. Dann ermahnte er offen und im geheimen die Seinigen zur Geduld und verhieß ihnen für die zeitlichen Leiden, die sie zu erdulden hatten, ewige Kronen. Gestärkt durch seine Worte und sein Beispiel, verachteten sie dann das vorübergehende Unrecht, das ihnen um Christi willen zugefügt wurde, und trösteten einander mit wechselseitiger Liebe. Es wäre zu weitläufig, wollten wir im einzelnen erzählen, welche Qualen die genannten Diener Gottes an ihren eigenen Leibern ausstehen mußten, um Erben zu werden in des Vaters Haus und den Gesetzen der Väter nachzukommen. Beispielsweise will ich aber von so vielen tausend Fällen einen anführen, daß eure Liebe erfahre, wie mutwillig sie zum Tode geschleppt wurden. Einer von den Ungläubigen, der die Unsrigen mit unersättlichem Haß verfolgte, ein tückischer und nichtswürdiger Mensch, warf, um ihnen etwas anzurichten, das ihnen den Tod bringen sollte, das Aas eines Hundes heimlich in die Halle des Tempels, auf dessen Reinhaltung seine Wächter und die ganze Stadt alle Sorgfalt verwendeten. Als nun am Morgen die, welche zum Gebet in den Tempel kamen, das stinkende Aas fanden, wurden sie beinahe toll vor Wut und erfüllten die ganze Stadt mit ihrem Geschrei. Sogleich läuft das ganze Volk zusammen und behauptet, das haben die Christen getan. Um kurz zu sein, es wird beschlossen, alle zu vertilgen, ein solches Verbrechen soll nur mit dem Tode gesühnt werden können. Die Gläubigen, auf ihre Unschuld vertrauend, waren bereit, um Christi willen zu sterben. Und wie nun die Schergen mit gezogenen Schwertern dastehen, um das Volk niederzumetzeln, da stand ein Jüngling auf, voll des Geistes, und sprach: "Brüder, es ist schlimm, wenn so die ganze Kirche hier zugrunde geht. Es ist besser, daß einer für alle sterbe, und nicht das ganze Volk umkomme. Gewährt mir, daß ihr alljährlich meiner mit Gebet gedenkt und meinem Geschlecht für alle Zeiten die Ehre, die ich verdiene, erweist. Ich aber wende, wie es mich der Herr heißt, diesen Untergang von Euch ab." Sie nehmen nun sein Wort mit Dank auf und gewähren ihm gern, um was er gebeten hatte. Sie beschlossen, daß seine Stammesgenossen zu seinem ewigen Gedächtnis jährlich am Palmsonntag einen Ölzweig, der das Zeichen unseres Herrn Jesus Christus ist, in feierlicher Prozession in die Stadt tragen sollten. Auf dieses übergibt sich der Jüngling den Obrigkeiten der Stadt, bekennt sich schuldig und erklärt alle anderen für schuldlos. Als die Richter dies hörten, ließen sie die anderen los und überlieferten ihn dem Tode. So gab er sein Leben für seine Brüder hin und ging fromm zur ewigen Ruhe, des schönsten Lohnes bei Gott gewiß.

    VI. Endlich erbarmte sich Gott über die verzweifelte Lage der Seinigen. Nachdem der genannte nichtswürdige Fürst aus der Welt genommen war, kehrte unter der Regierung seines Sohnes Daher teilweise die Ruhe zurück. Dieser gab auf die Verwendung des konstantinopolitanischen Kaisers Romanus, der seinen Beinamen von Heliopolis führte, mit dem er die Verbindung, die sein Vater gewaltsam gelöst hatte, wieder anknüpfte, den Gläubigen Erlaubnis, die Kirche, von der die Rede gewesen ist, wieder aufzubauen. Als er diese erhalten hatte, wandte sich das Volk von Jerusalem, weil es nicht imstande war, das Werk mit seinen Mitteln auszuführen, mit einer Gesandtschaft an den Nachfolger des genannten Kaisers, an Konstantinus Monomachus. Sie stellen ihm die große Trauer vor, in der sie sich seit Zerstörung der Kirche befanden, sie bitten ihn aufs dringendste, zum Wiederaufbau der Kirche seine reiche kaiserliche Hand aufzutun. An der Spitze dieser Gesandtschaft stand Johannes mit dem Beinamen Karianitis, ein geborener Konstantinopolitaner, ein Mann, edel seinem Geschlecht, edler noch seinen Sitten nach. Er schätzte das Ansehen der Welt gering und lebte in Jerusalem als Mönch, wie es einem Nachfolger Christi geziemt, arm und gering. Als ihm nun diese Gesandtschaft übertragen wurde, arbeitete er in seinem Auftrag so treulich, daß er es mit seinem unermüdlichen Eifer dahin brachte, daß der gottgeliebte Kaiser aus seinem eigenen Fiskus die nötigen Baukosten reichen ließ. Wie ihm nun also die Bitte des Volkes der Gläubigen gewährt war, kehrte er fröhlich nach Jerusalem zurück. Als er hier den Erfolg seiner Reise und die Gewährung der Bitte meldete, war es allen, dem Volk und der Geistlichkeit, als ob sie von einer schweren Krankheit erstünden. Patriarch war damals der ehrwürdige Nikephorus. So wurde der Kirche zur heiligen Auferstehung, die jetzt in Jerusalem steht, erbaut, im Jahr der Menschwerdung des Herrn tausendundachtundvierzig, siebenunddreißig Jahre nachdem sie zerstört worden war, einundfünfzig Jahre vor Befreiung der Stadt. Sie hatten an ihr einen Trost gegen die tausend Gefahren, die ihnen bevorstanden, denn Ungerechtigkeiten und neue Bedrückungen hörten darum nicht auf. Das gläubige Volk mußte sich fortwährend schlagen, anspeien, ins Gefängnis werfen lassen, kurz, es mußte alle Arten von Peinigung erdulden. Und auch die, welche in Bethlehem und Thekoa wohnten, wo sich allein sonst im Lande Christen befanden, wurden auf dieselbe Art gebrandmarkt. Sooft ein neuer Vorsteher der Stadt seine Stelle antrat und ein neuer Statthalter vom Kalifen geschickt wurde, sooft wurden neue Verleumdungen geschmiedet und neue Gründe zur Bedrückung ersonnen. Und sooft sie vom Patriarchen und vom Volk etwas forderten und man tat, weil es ein Zufall verhinderte, nicht sogleich wie sie verlangt hatten, drohten sie augenblicklich die Kirchen niederzureißen. Das ging so Jahr für Jahr, die Statthalter gaben vor, sie haben einen königlichen Befehl in Händen, nach dem sie den Christen, sobald sie Schwierigkeiten machten, ihren Tribut und ihre Zölle zu bezahlen, ihre Kirchen einreißen sollten. Jedoch befanden sich die Gläubigen unter der Herrschaft der Ägypter oder Perser immer noch in leidlicheren Verhältnissen. Als aber allmählich das Reich der Türken zu Kräften kam und ihre Macht sich über das Gebiet der Ägypter und Perser verbreitete und die Heilige Stadt in ihre Gewalt kam, da hatte das Volk die achtunddreißig Jahre, während welcher sie dieselbe in Besitz hatten, solche Lasten zu tragen, daß ihnen das ägyptische und persische Joch dagegen leicht vorkamen.

    VII. Weil nun vom Volk der Türken in diesem Werk oft und viel die Rede sein wird, da sie und die Unsern manchen männlichen und großartigen Kampf miteinander fochten und da sie immer noch keck die Unseren zu bekämpfen fortfahren, wird es keine Abschweifung sein, wenn wir etwas über die älteste Geschichte dieses Volkes, bis es zu der Macht und Größe heranwuchs, die es schon seit langer Zeit besitzt, der gegenwärtigen Erzählung einreihen. Die Türken oder Turkomanen (denn beide haben dieselbe Abstammung) wohnten anfänglich im Norden, ein ganz rohes Volk ohne bestimmten Wohnsitz. Sie hatten keine Städte und Dörfer, keinen Staat mit begrenztem Gebiet, sondern sie trieben sich hin und her, wie sie bequeme Weideplätze fanden. Wollten sie einen Zug machen, so taten sie sich hordenweise zusammen. Einer der Angeseheneren der Horde nahm dann die Stelle eines Fürsten ein, vor den alle Streitfragen, die sich erhoben, gebracht werden mußten. Seinem Spruch mußten sich die streitenden Parteien fügen, und ungestraft durfte man sich seiner Untersuchung nicht entziehen. Auf ihren Wanderungen führten sie alle ihre Habe mit sich, Pferde, Herden von großem und kleinem Vieh, Knechte und Mägde, denn darin bestand ihr Eigentum. Sie trieben keinen Ackerbau, sie kannten nicht Kauf und Verkauf, sie verschafften sich ihre Bedürfnisse allein durch den Wechsel des Bodens. Wollten sie aber an einem grasreichen Ort ihre Zelte aufschlagen und behaglich ausruhen, so unterhandelten sie durch einen der Gescheitesten aus ihrer Mitte mit dem Herrn des Bodens, wo sie dann unter annehmbaren Bedingungen gegen eine gewisse Abgabe unter dem Schutz des Landesherrn in den Wäldern und auf den Weideplätzen Rast halten konnten. Nun hatte ein großer Teil dieses Volkes, der von den übrigen gesondert einherzog, in persischem Gebiet eine ihm genehme Gegend gefunden. Sie gaben hier dem König, der gerade regierte, den Tribut, über den sie gleich anfangs übereingekommen waren, und machten einen längeren Stillstand von einigen Jahren. Sie vermehrten sich aber hier so ins Unermeßliche, daß der König und seine Landeskinder ahnungsvoll das Schlimmste von diesem Wachstum zu befürchten anfingen. Zuerst beschlossen sie nun, diese Gäste gewaltsam aus dem Gebiet des Reichs zu verjagen, fanden es aber dann ratsamer, sie mit neuen Plackereien, außer den gewohnten bisherigen, so lange zu verfolgen, bis sie von selbst abzögen. Diese nun ließen sich einige Jahre lang all die Ungerechtigkeiten und das Übermaß von Abgaben, das man von ihnen verlangte, gefallen. Endlich aber beschlossen sie zusammen, diese Lasten nicht länger tragen zu wollen, worauf ihnen der König, als er Kunde davon erhalten hatte, durch Heroldsstimme zu wissen tun ließ, daß sie innerhalb einer bestimmten Zeit sein Gebiet völlig zu räumen hätten. Beim Übergang über den Grenzfluß Kobar nun, wo ihnen ihre unendliche Menge mehr als bisher ins Auge fallen mußte, denn sie hatten in der letzten Zeit getrennt voneinander gewohnt und so ihre Menge und Macht nie erfahren, verwunderten sie sich mit einemmal darüber, daß ein so unermeßliches Volk wie sie die übermütige Behandlung eines Fürsten und all die harten Bedrückungen und Abgaben jemals hatte erdulden können. Es erschien ihnen unzweifelhaft, daß sie sich wie mit den Persern, so mit jedem anderen Volk an Kraft und Anzahl messen könnten, und daß ihnen die benachbarten Gegenden zu erobern nichts fehlte als ein König, wie ihn die anderen Völker hätten. Als sie sich also durch Stimmengleichheit einen König machen wollten, fanden sie bei einer Sichtung ihrer ganzen Anzahl hundert Familien, die an Glanz die übrigen übertrafen. Von diesen mußte jede einen Pfeil geben, wo sie dann, nach der Zahl dieser Familien, ein Bündel von hundert Pfeilen zusammen erhielten. Dieses bedeckten sie und hießen einen unschuldigen Knaben unter die Verhüllung, unter der das Pfeilbündel war, hinuntergreifen und einen Pfeil hervorziehen. Aus der Familie, deren Pfeil durch dieses Los gezogen wurde, sollte der König genommen werden. Der Zufall wollte, daß der Knabe den Pfeil der Familie der Seldschuken herauszog. Aus diesem Stamme beschlossen denn alle, wie schon zuvor festgesetzt worden war, sollte der König wirklich gewählt werden. Sodann wurden weiter aus diesem Stamm hundert ausgewählt, die nach Alter, Sitten und Lebenswandel den Vorzug verdienten. Von diesen mußte wieder jeder einen Pfeil geben, der mit seinem Namen bezeichnet war, und dann machte man wieder ein Bündel daraus, verhüllte es und ließ durch denselben Knaben oder vielleicht durch einen anderen, der auch so unschuldig war, einen der Pfeile herausziehen. Der, den er herauszog, trug den Namen Seldschuk. Der war ein sehr ansehnlicher Mann, edel, in seinem Stamme hervorleuchtend, schon vorgeschrittenen Alters, aber noch ganz rüstig. Im Kriegswesen hatte er viel Erfahrung, und sein ganzes Äußeres hatte die Würde und Feinheit eines großen Fürsten. Diesen also setzten sie mit dem Willen aller an ihre Spitze und erhoben ihn auf den königlichen Thron. Sie erwiesen ihm die Ehre, die einem König gebührt, und verpflichteten sich kraft getroffener Übereinkunft mit einem körperlichen Eid, seinen Befehlen zu gehorchen. Er aber, um von der ihm übertragenen Gewalt sogleich Gebrauch zu machen, ließ dem Volk durch Heroldsstimme verkündigen, das ganze Heer habe wieder über den Fluß zurückzuschreiten, um das persische Gebiet, das sie soeben verlassen hatten, samt den angrenzenden Reichen zu erobern, auf daß das Volk künftighin nimmer auf fremdem Grund und Boden umherirren und sich von dem unerträglichen Übermut fremder Völkerschaften drücken lassen müsse. So geschah es, daß sie in wenigen Jahren nicht nur das Reich der Perser, sondern auch die übrigen morgenländischen Reiche sich unterwarfen und die Araber und andere Völkerschaften aus der Herrschaft verdrängt hatten. Und so kam das unbedeutende, geringgeschätzte Volk plötzlich zu dieser Höhe, auf der es über den ganzen Orient gebot. Das war kaum dreißig oder vierzig Jahre früher als unsere abendländischen Fürsten den großen Kreuzzug antraten, von dem hier berichtet werden soll. Und um den Unterschied zwischen denen, die sich einen König gewählt hatten und durch dieses Mittel zu so hohem Ruhm gelangt waren, und denen, die in ihrer Roheit geblieben sind und nach der alten Art fortleben, durch verschiedene Namensbezeichnung hervorzuheben, heißt man die ersten Türken, die anderen mit ihrem alten Namen Turkomanen. Als sie sich nun die morgenländischen Reiche unterworfen hatten, wollten sie auch in das mächtige Reich der Ägypter einfallen. Sie zogen nach Syrien hinab und eroberten sich samt einigen benachbarten Städten Jerusalem, wo sie die christlichen Bewohner, wie schon gesagt, noch härter bedrückten, als diese es gewohnt waren, und auf die verschiedenste Art plackten und quälten.

    VIII. Aber nicht nur im Morgenland wurden die Gläubigen so von den Gottlosen unterdrückt, auch im Abendland, ja fast in der ganzen Welt. Hauptsächlich unter denen, die sich die Gläubigen nannten, hatte der Glaube abgenommen, und die Furcht des Herrn war verschwunden, die Gerechtigkeit lag darnieder, und statt Recht und Billigkeit führte Gewalttätigkeit die Herrschaft. Hinterlist, Trug und Heimtücke hatten weithin alles in Besitz genommen, die Rechtschaffenheit hatte überall als eine unnötige Eigenschaft der Bosheit Platz gemacht. Es schien in der Welt Abend geworden und die Wiederkunft des Herrn näher gekommen zu sein, denn die Liebe war in vielen Herzen erkaltet, und kein Glaube war in der Welt zu finden. Alles war in Verwirrung, und es sah aus, als ob die Welt ins alte Chaos zurückkehren wollte. Die größeren Fürsten, die ihre Untertanen zum Frieden hätten anhalten sollen, brachen selbst den Frieden, fingen über Kleinigkeiten Streit miteinander an, verheerten ganze Gegenden mit Brand und Verwüstung, raubten und plünderten da und dort und ließen ihren gottlosen Vasallen die Güter der Armen zur Beute. Es war keine Sicherheit des Vermögens bei so vielen Nachstellungen. Daß einer im Rufe stand, er besitze etwas, war ein hinlänglicher Grund, daß man ihn in Kerker und Bande warf und seinen Leib aufs unwürdigste mißhandelte. Man verschonte die Güter der Kirchen und Klöster nicht, die Privilegien, welche fromme Fürsten ausgestellt hatten, halfen den Besitzungen der Heiligen nichts mehr, sie konnten sich ihre alte Freiheit, ihre frühere Würde nicht mehr erhalten. Ja, das Allerheiligste wurde erbrochen und was zu heiligem Gebrauch bestimmt war mit Gewalt weggenommen. Die kirchenräuberische Hand unterschied nicht zwischen Heiligem und Profanem, die Bekleidungen der Altäre, die Gewänder der Priester, die Gefäße des Herrn dienten zur Beute. Aus dem Schoß des Hauses Gottes, aus dem innersten Heiligtum, aus den Vorhöfen der Basiliken riß man die Flüchtlinge zum Tode. Die Landstraßen hielten gottlose, bewaffnete Räuber besetzt, um den Wanderer zu überfallen, und weder Wallfahrer noch fromme Brüder wurden von ihnen verschont. Auch in den Städten und Dörfern selbst herrschte solcher Unfug, Gassen und Plätze machten die Räuber für den Unschuldigen unsicher. Und je unschuldiger einer war, desto mehr Nachstellungen hatte er zu befürchten. Auch trieb man allerorten alle Arten von Unzucht ungestraft als etwas Erlaubtes, ohne Scham. Und selbst vor Freunden und Verwandten war die heilige Ehe nicht gesichert. Der gottwohlgefälligen Enthaltsamkeit gab man als einer unnützen Sache den Abschied. Sparsamkeit und Nüchternheit hatten keine Stätte, wo Verschwendung, Trunkenheit und übernächtiges Spiel vor dem Eingang Wache standen. Auch die Geistlichkeit führte kein besseres Leben als das Volk, es war, wie es im Propheten heißt: "Wie das Volk, so auch der Priester." Die Bischöfe waren nachlässig geworden, stumme Hunde, die nicht zu bellen wagten. Bei ihnen war ein Ansehen der Person, sie salbten ihre Häupter mit dem Öl des Sünders und verließen wie Söldlinge ihre Herde, wenn der Wolf kam. Uneingedenk des Wortes des Herrn: "Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch," verfielen sie in die Sünde der Simonie und befleckten sich mit dem Schmutz des Ämterverkaufs. Mit einem Wort: "Alles Fleisch hatte seinen Weg verderbt auf Erden." Auch kümmerte es die Sünder wenig, daß Gott zur Drohung Zeichen und Wunder am Himmel und auf der Erde geschehen ließ, "denn es herrschten Seuchen und Hungersnöte und geschahen große Erdbeben hier und dort" und was sonst der Herr im Evangelium aufzählt. Sie verharrten vielmehr in ihrem sündigen Treiben, "sie wälzten sich wie die Sau im Dreck" und wie das Vieh in seinem Mist, als ob die Langmut Gottes kein Ende haben könnte. Von ihnen galt das Wort: "Du schlägst sie, aber sie fühlen's nicht, du machst fast ein Ende mit ihnen, aber sie bessern sich nicht."

    IX. Da nun die Menschen auf diese Art den Zorn Gottes herausgefordert hatten, so überließ er nicht nur die Gläubigen im Land der Verheißung dem Joch einer unerträglichen Knechtschaft, sondern auch den anderen, die sich bis jetzt noch ihrer Freiheit freuen zu können schienen, und da sie glaubten, es könne nicht anders sein, als daß ihnen alles nach Wunsch gehe, erweckte er einen Gegner, eine Geißel der Völker, einen Hammer für die ganze Welt. Unter der ruhigen und glücklichen Regierung des griechischen Kaisers Romanus mit dem Beinamen Diogenes kam von dem äußersten Ende des Morgenlandes der mächtige Satrap der Perser und Assyrer Alp Arslan, eine unglaubliche Zahl von Völkern mit sich führend, so viele, daß man den Boden der ganzen Welt mit ihnen hätte bedecken können. Mit Wagen und Rossen, mit Herden von großem und kleinem Vieh, aufs prachtvollste ausgerüstet, zog er einher und fiel in das griechische Gebiet ein, wo er sich alles unterwarf, von den ländlichen Wohnorten bis zu den befestigten Flecken und den Städten mit Mauern. Man leistete ihm nirgends Widerstand, niemand ging für sein eigenes Heil, für Weiber und Kinder und, was noch mehr heißen will, für seine Freiheit in den Kampf mit ihm. Indessen meldet man dem Kaiser, daß das Schwert des Feindes übermächtig sein Reich verheere. Dieser, um das Wohl des Staates bekümmert, rüstet Reiterei aus, sammelt Scharen von Fußvolk, so viel als die eindringende Gefahr erfordert, so viel als das ganze Reich stellen kann. Er zieht dem Feind mit allen seinen Legionen und mit einer zahlreichen Reiterei entgegen und begegnet ihm, wie er schon in das Innere des Reichs eingedrungen ist, nicht ohne Tapferkeit, aber ohne Beistand von oben. Von beiden Seiten wird aufs heftigste gekämpft, die Heereszahl ist beinahe gleich, aber der Haß war auf der Seite der Christen grimmiger, denn er war vom Schmerz über die Schändung der Tempel und vom Glaubenseifer mächtig angeschürt. Wir wollen kurz sein, die Schlachtreihen der Gläubigen werden niedergeworfen, das christliche Heer geht zugrunde, das Blut, mit Christi Blut erkauft, wird von den Ungläubigen vergossen und, das Traurigste, der Kaiser wird gefangen. Vereinzelt kehren die Entkommenen zurück und melden die Verwirrung. Die die Kunde vernahmen, brachen verzagt in die heftigsten Klagen aus, an Rettung und Leben verzweifelnd. Der Ungläubige, dem es aber an Größe nicht fehlte, läßt indessen, durch sein sieghaftes Glück aufgeblasen, den Kaiser vor sich führen, heißt ihn vor seinem Thron, auf dem er zur Schmach des christlichen Glaubens und Namens sitzt, sich niederwerfen und steigt vor seinen Fürsten auf dem kaiserlichen Leib als auf seinem Fußschemel auf den Thron und wieder herab. Dann schenkte er ihm für seine Unterwürfigkeit die Freiheit und ließ ihn mit wenigen seiner Großen, die mit ihm gefangen waren, abziehen. Als die Fürsten des Reichs das hören, wählen sie sich einen anderen Kaiser, denn sie hielten es für unwürdig, daß einer, der an seinem eigenen Leib so Schmähliches erduldet, forthin das Szepter führe und die kaiserliche Würde trage. Sie stechen ihm die Augen aus, behandelten ihn aufs schmählichste und lassen ihn kaum sein armes Leben in Abgeschiedenheit weiterführen. Der genannte Fürst, der nun seinen Vorsatz ungehindert verfolgen konnte, eroberte alles Land von Laodikäa in Syrien bis an den Hellespont, der Konstantinopel bespült, mit allen Städten und Dörfern, deren Einwohner er zu Gefangenen machte, eine Strecke von dreißig Tagesreisen in der Länge, von zehn oder fünfzehn in der Breite. Der Herr "gab sie in die Hand der Heiden, daß über sie herrschten, die ihnen gram waren." So entging auch die erste aller Städte, die herrliche Gebieterin über so viele Provinzen, wo der Erste der Apostel zuerst seinen Sitz gehabt hatte, dem Schicksal der übrigen nicht völlig, jedoch als die letzte von allen, sie wurde den Ungläubigen tributpflichtig. Der Ungläubige machte sich also Coelesyrien, beide Kilikien, Isaurien, Pamphylien, Lykien, Pisidien, Lykaonien, Kappadokien, Galatien, beide Pontus, Bithynien und einen Teil von Kleinasien in kurzer Zeit untertänig, treffliche Provinzen, ausgezeichnet durch alle Annehmlichkeiten, reich mit Christen bevölkert. Die Bevölkerung nahm er auf diesem Eroberungszug gefangen, die Kirchen zerstörte er und verfolgte den christlichen Kultus mit äußerster Wut. Hätte er Schiffe gehabt, er hätte sich ohne allen Zweifel die Kaiserstadt selbst unterworfen. Er hatte den Griechen einen solchen Schrecken eingejagt, daß sie sich kaum hinter den Mauern der Kaiserstadt sicher glaubten, daß ihnen das Meer, das zwischen ihnen und den Ungläubigen lag, kein hinlänglicher Schutz deuchte. Dieses und ähnliches machte für das christliche Volk, das in Jerusalem und der Umgegend wohnte, das Maß des Unglücks voll und stürzte es in den Abgrund der Verzweiflung. Solange das Kaiserreich noch fest stand, hatten sie nicht selten in ihren Nöten vom kaiserlichen Haus Hilfe empfangen, und der glückliche Zustand des Kaiserreichs, die günstigen Verhältnisse, in denen sich die benachbarten Städte, besonders Antiochien, befanden, ließen sie die Hoffnung künftiger Befreiung hegen. Nun aber, wo der eigene Kummer durch den Kummer um anderer Geschick noch vermehrt worden war, wo sie durch unheilverkündende Gerüchte aufs äußerste geängstigt wurden, konnten sie sich nur den Tod wünschen. Sie verzehrten sich in ihrem Schmerz, denn sie hatten keine andere Aussicht als die auf eine immerwährende Knechtschaft.

    X. In dieser gefährlichen Zeit wollte eine Anzahl Griechen und Lateiner nach den geweihten Orten wallfahren. Wie sie sich nun durch ein feindliches Land, durch tausend Todesgefahren durchgewunden hatten, wurde ihnen der Eintritt in die Stadt versagt, wenn sie nicht den Wächtern am Tor ein Goldstück bezahlen würden, das als Tribut festgesetzt worden war. Aber die Armen, die auf der Wanderschaft alles verloren hatten und kaum mit heilen Gliedern an ihr Ziel gekommen waren, woher sollten sie nehmen, was ihnen als Tribut abgefordert wurde? Da lagen nun Tausende von ihnen, des Eintritts harrend, zusammengeschart vor der Stadt, nackt und verhungernd. Lebend wie tot waren sie den Bürgern eine unerträgliche Last. Denn die Lebenden waren sie zu speisen bemüht, wie sie konnten, die Gestorbenen wollten sie begraben, und doch überstieg, was sie für ihre eigene Erhaltung zu tun hatten, ihre Kräfte schon weit. Die aber, die das Eintrittsgeld bezahlen konnten und in die Stadt kamen, machten den Bürgern noch größere Sorge. Sie mußten nämlich immer fürchten, ihre Gäste werden, wenn sie, um die heiligen Orte zu besuchen, unvorsichtig umhergehen, angespien und geschlagen und am Ende wohl gar heimlich erdrosselt werden. Deswegen, um dem vorzubeugen, begleiteten sie die Pilger, die die heiligen Orte besuchten, aus brüderlicher Bekümmernis um sie auf jedem Schritt. Es war nämlich in der Stadt ein Kloster der Amalfitaner, das noch heute das Kloster der Sancta Maria de Latina heißt, und daneben ein Hospital mit einer kleinen Kapelle zu Ehren des heiligen alexandrinischen Patriarchen Johannes Eleymon unter Aufsicht des Abtes des genannten Klosters. Hier wurden solchen armen Ankömmlingen vom Kloster und von freiwilligen Spenden Almosen gegeben, soweit man konnte. Denn unter Tausenden kam kaum einer, der für sich leben konnte. Die meisten waren auf der Reise um ihr Geld gekommen, die unendlichen Drangsale hatten ihre Kräfte erschöpft, sie brachten nichts in die Stadt als das nackte Leben. So hatten die Bürger, denen tagtäglich Verderben drohte, weder zu Hause noch draußen Ruhe, und eine harte und unerträgliche Knechtschaft, schlimmer als der schlimmste Tod, lastete auf ihnen. Und um den Jammer noch größer zu machen, hatten sie mit unsäglicher Mühe ihre Kirchen hergestellt, so stürmten die Ungläubigen, wenn sie eben ihren Gottesdienst hielten, lärmend und tobend herein, setzten sich auf die Altäre (denn ihnen galt alles gleich), warfen die Kelche um, traten die heiligen Gefäße mit Füßen, zerschlugen die Marmorsteine, schmähten und mißhandelten die Kirchendiener. Auch den Patriarchen selbst behandelten sie als einen geringen und verworfenen Menschen und rissen ihn am Bart und an den Haaren von seinem Sitz auf den Boden. Oft schleppten sie ihn auch wie einen gemeinen Sklaven ohne alle Ursache ins Gefängnis, nur um dem Volk Schmerzen zu machen, weil sie wohl wußten, wie ihm das Leiden seines Vaters zu Herzen ging. Als nun das Volk Gottes vierhundertundneunzig Jahre in frommer Geduld solche Knechtschaft ertragen hatte, da wandten sie sich mit Seufzen und Weinen und unermüdlichem Beten zum Herrn und flehten, er möchte der Reuigen und Bekehrten schonen und die Geißel seines Zorns gnädig von ihnen abwenden. Denn sie waren in das tiefste Elend geraten, wo sie, aus dem Abgrund des Jammers zu dem Abgrund der Barmherzigkeit rufend, vom Herrn, der ein Tröster ist, erhört werden mußten. Und der Herr sah sie gnädig an vom Thron seiner Herrlichkeit und beschloß, wie sie gebeten hatten, sie zu trösten und ihren Drangsalen ein Ende zu machen. Auf welche Art aber der Herr es geordnet hat, daß sein Volk von der beständigen Not erlöst wurde, das wollen wir in diesem Werk beschreiben, denen, die an Christum glauben, zum ewigen Gedächtnis.

    XI. Um dieselbe Zeit, wo Jerusalem so viel zu leiden hatte, kam unter anderen Pilgern auch ein Pilger mit Namen Peter in die Stadt. Er war aus dem Reich der Franken, aus dem Bistum Amiens, in der Tat und nach seinem Beinamen ein Eremit. Er war von Gestalt sehr klein und nach seinem ganzen Äußeren unansehnlich, aber desto größere Kraft war in dem schwächlichen Leib. Er war nämlich lebhaften Geistes, durchdringenden Blickes, und der Fluß seiner einnehmenden Beredsamkeit geriet nie ins Stocken. Er kam gegen Bezahlung des gewöhnlichen Tributs in die Stadt und war bei einem Christen zu Gast, der selbst auch unter die Zahl der Bekenner Christi gehörte. So ein geschäftiger Mensch, wie er nun war, erkundigte er sich emsig nach ihren Umständen und erfuhr von ihm nicht nur, in welcher gefährlichen Lage die Stadt gegenwärtig sei, sondern er wurde von ihm auch über die Verfolgungen, die ihre Vorfahren seit langer Zeit ausgestanden hatten, aufs vollständigste belehrt, und wenn dieser Belehrung noch etwas fehlte, so ergänzte ihm dies später der Augenschein. Denn bei einem längeren Aufenthalt in der Stadt und bei seinen Kirchenbesuchen ward ihm manches, was er früher von anderen gehört hatte, deutlicher. Da er hörte, daß der Patriarch ein frommer und gottesfürchtiger Mann sei, besuchte er ihn, um mit ihm über den gegenwärtigen Zustand der Dinge zu reden und sich über manches noch besser belehren zu lassen. Er ließ sich durch einen frommen Mann, der ihm zum Dolmetscher diente, bei ihm einführen, und die Unterhaltung diente ihnen beiden zu gegenseitiger Erquickung. Der Patriarch hieß nämlich Simeon. Als er aus der Unterredung mit Petrus sah, daß dieser ein umsichtiger Mann sei, von reicher Erfahrung und gewaltig in Rede und Tat, setzte er ihm die ganze Lage der Stadt in vertraulichen Mitteilungen auseinander. Und als Petrus in brüderlicher Teilnahme seine Tränen nicht zurückhalten konnte und emsiger von ihm forschte, ob vielleicht ein Weg der Rettung aus diesem Jammer gefunden werden könne, antwortete ihm der fromme Mann: "Peter, unserer Sünden wegen würdigt der gerechte und barmherzige Gott unser Weinen, Seufzen und Beten keiner Erhörung, denn unsere Ungerechtigkeit ist noch nicht ganz gereinigt, und darum ruht die Geißel nicht. Wenn aber Euer wahrhaftig gottesfürchtiges Volk, das durch Gottes reiche Barmherzigkeit noch frische Kräfte hat, dessen Reich, unseren Feinden zum Schreck, weithin in schönster Blüte steht, uns brüderliche Teilnahme schenken und für Abhilfe unserer schlimmen Lage sorgen oder wenigstens bei Christus für uns fürsprechen wollte, so hätten wir Hoffnung, unsere Bedrängnis bald beendigt zu sehen. Denn auf das Reich der Griechen, obgleich sie uns näher und verwandter sind und obgleich ihnen noch mehr Reichtum als Euch zu Gebote steht, können wir nicht rechnen. Sie werden kaum für sich fertig, ihre ganze Kraft ist, wie Ihr, Bruder, wohl gehört haben könnt, so ins Abnehmen geraten, daß sie innerhalb weniger Jahre mehr als die Hälfte ihres Reiches verloren haben." Darauf Petrus: "Wisset, heiliger Vater, wenn die römische Kirche und die Fürsten des Abendlandes von einem glaubwürdigen Mann gründlich unterrichtet würden, so würden sie ohne Zweifel alsbald mit Wort und Tat für Abhilfe Eurer Not sorgen. Setzt also ein ausführliches Schreiben auf, sowohl an den Papst und die römische Kirche als an die Könige und Fürsten des Abendlandes, und bekräftigt dieses Schreiben mit Eurem Sigel, so verweigere ich mich nicht, zum Heil meiner Seele die Arbeit, daß ich überall umhergehe, alles in Bewegung setze, so eindringend als ich kann, das Übermaß Eures Elends vor die Augen stelle und jeden für sich zur Beschleunigung der Hilfe auffordere, auf mich zu nehmen." Diese Rede gefiel und schien gut, sowohl dem Patriarchen als den anderen Christen, die sie hörten, und nachdem sie dem Mann Gottes so viel sie können gedankt haben, geben sie ihm das verlangte Schreiben.

    XII. Groß bist du, Herr unser Gott, und deine Barmherzigkeit hat kein Ende. Wer dir vertraut, guter Jesus, dessen Hoffnung wird nicht zuschanden. Woher kam dem armen dürftigen Pilger, dem es an den nötigsten Bedürfnissen fehlte, der fern von seiner Heimat war, solches Vertrauen, daß er es wagte, ein Geschäft weit über seine Kräfte auf sich zu nehmen, und nicht zweifelte, damit zustande zu kommen? Woher anders als daher, daß er auf dich als auf seinen Beschützer seine Gedanken geworfen hatte, daß er in der Inbrunst brüderlich teilnehmender Liebe das Gesetz, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben, zu erfüllen trachtete? Seine Kräfte sind zu schwach, aber die Liebe spricht ihm Mut ein; und will ihm, was ihm die Brüder auferlegt haben, hart und unerträglich scheinen, die Liebe Gottes und des Nächsten macht ihm die Last leicht, "denn Liebe ist stark wie der Tod". Der Glaube, der durch die Liebe tätig ist, ist es, was bei dir als Verdienst gilt, und Verdienste bleiben bei dir nicht unbelohnt. Darum läßt du deinen Knecht nicht lange hin und her schwanken, sondern du zeigst dich ihm selbst und festigst ihn durch deine Erscheinung, daß er nicht wanke, und läßt ihm eine Offenbarung werden, daß er dadurch mutiger zu seinem Liebeswerk schreite. Es ereignete sich nämlich eines Tages, als der genannte Knecht Gottes um die Rückkehr in die Heimat und um Vollführung seiner Botschaft mehr als sonst bekümmert war, daß er, andächtig zum Quell aller Erbarmung flüchtend, in die Kirche zur Auferstehung des Herrn trat. Als er dort die ganze Nacht in Wachen und Beten zugebracht hatte und sich dann von der Anstrengung erschöpft auf den Boden gelegt hatte, um zu schlummern, und endlich, wie es in solchem Zustand zu geschehen pflegt, in tiefen Schlaf gesunken war, da sah er unsern Herrn Christus vor sich stehen und ihm dieselbe Botschaft übertragen mit den Worten: "Peter, erhebe Dich eilig und führe unverzagt aus, was Dir aufgetragen ist, denn ich will mit Dir sein. Denn es ist die Zeit, daß das Heiligtum gereinigt und meinen Dienern geholfen werde." Als Peter erwacht, da zögert er, durch die Erscheinung in Gott gestärkt und gefestigt im Gehorsam, keinen Augenblick länger, sondern gürtet sich zur Heimkehr. Er verrichtet die üblichen Gebete, nimmt Urlaub vom Patriarchen und zieht mit seinem Segen ans Meer, wo er ein Kauffahrteischiff findet, das nach Apulien übersegeln will. Er kommt auf diesem nach glücklicher Fahrt nach Bari. Von da reist er nach Rom und findet in der Nähe der Stadt Papst Urban, dem er die Schreiben vom Patriarchen und von den Christen in Jerusalem überreicht. Er setzt ihre unglücklichen Umstände auseinander, er schildert die Greuel, welche die unreinen Völker an den heiligen Orten verüben, und richtet die Botschaft, die ihm übertragen ist, mit ebensoviel Gewissenhaftigkeit als Klugheit aus.

    XIII. Der deutsche König und römische Kaiser Heinrich hatte einige Jahre zuvor mit Papst Gregor dem Siebten, dem Vorgänger Urbans, über die Belehnung der Bischöfe mit Ring und Stab einen heftigen Streit gehabt. Es war nämlich, hauptsächlich im Reich, allmählich zur Gewohnheit geworden, daß beim Absterben eines Prälaten Ring und Stab an den Kaiser kamen. Dieser investierte dann einen seiner Kaplane oder einen aus seiner nächsten Umgebung damit und wies ihm, ohne die Wahl des Klerus abzuwarten, die vakante Stelle an. Der Papst, der dies aller Schicklichkeit zuwider fand und es als die stärkste Beeinträchtigung der Rechte der Kirche ansehen mußte, ermahnte den Kaiser ein-, zwei- und dreimal, von dieser greulichen Anmaßung abzustehen. Als diese Ermahnungen nichts fruchteten, tat er ihn in den Bann. Darüber fing der Kaiser, sehr entrüstet, die römische Kirche zu verfolgen an und erweckte dem Papst einen Feind im Erzbischof Guibert von Ravenna, einem gelehrten und sehr reichen Mann. Dieser, im Vertrauen auf die Macht des Kaisers und auf seinen eigenen großen Reichtum, verdrängte plötzlich den genannten ehrwürdigen Mann vom Apostolischen Stuhl und war so bis zum Wahnsinn verblendet, daß er wirklich zu sein glaubte, was er fälschlicherweise geheißen wurde. Und war die Welt schon früher, auf Böses gerichtet, gefährliche Wege gegangen, wie wir schon gesagt haben, so sank sie auf Veranlassung dieses Schismas hin noch tiefer und kehrte aller Achtung vor Gott und den Menschen den Rücken. Priester wurden gefangengesetzt und alle Prälaten der Kirche, die dem Kaiser in seiner Verkehrtheit nicht beistimmten, ihrer Güter verlustig erklärt und wie Mörder ins Gefängnis geworfen. Und solche Unbill ward nicht vorübergehend, sie wurden für immer ausgeschlossen, und an ihre Stellen wurden andere gesetzt. Papst Gregor war deswegen vor dieser unwürdigen Behandlung des Kaisers nach Apulien geflüchtet, wo er von Herzog Robert Guiskard von Apulien aufs ehrenvollste aufgenommen und aufs freundlichste behandelt wurde. Diesem hatte er es auch zu danken, daß er nicht in die Hände des Kaisers fiel. Er beschloß endlich seine Lebenstage in Salerno, wo er auch begraben wurde. Ihm war, nach Viktor, der bloß zwei Monate auf dem päpstlichen Stuhl gesessen hatte, der genannte Urban gefolgt, der sich ebenso vor dem Heinrich, der der Nachfolger des genannten Heinrich war und auf demselben Unrecht fortbestand, in befestigten Plätzen bei seinen Anhängern in Sicherheit halten mußte. In dieser Not war es, als der ehrwürdige Peter, der ihm die Botschaft von Jerusalem überbrachte, zu ihm kam. Er nahm ihn aufs freundlichste auf und versprach ihm beim Wort, dessen Träger er war, ihm zur gehörigen Zeit ein treuer Mitarbeiter zu werden. Peter aber läuft in seinem heiligen Eifer durch ganz Italien, übersteigt die Alpen, geht bei allen Alpenländern umher, bei jedem einzelnen Fürsten, bittend, klagend, scheltend, und bringt mit Gottes Hilfe einige dazu, daß sie sich entschließen, ihren bedrängten Brüdern ungesäumt zu Hilfe zu kommen und die Orte, die der Herr durch seine Gegenwart zu verherrlichen gewürdigt hat, nicht länger von dem Unflat der Ungläubigen entweihen zu lassen. Er hatte aber damit nicht genug, daß er solchen Samen bei den Fürsten ausstreute, er entzündete auch den Eifer des Volkes und der Leute niederen Standes mit frommen Ermahnungen für sein Vorhaben. Er lief, als ein treuer Bote, in allen Reichen, bei allen Völkerschaften umher und verkündete den Armen und Verachteten sein Evangelium. Und der Herr sah sein Glaubensverdienst so gnädig an, daß er selten fruchtlos bei einem Volke auftrat. Und er war dem Papst, der ihm ohne Aufschub über die Gebirge zu folgen beschlossen hatte, in dieser Sache von wesentlichem Nutzen. Er leistete ihm den Dienst eines Vorläufers und bearbeitete ihm die Gemüter zum voraus, so daß er sie sich leicht vollends gewinnen konnte.

    XIV. Es war also im Jahr der Menschwerdung des Herrn, tausendundfünfundneunzig, in der vierten Indiktion, Heinrich der Vierte war seit dreiundvierzig Jahren deutscher König, seit zwölf Jahren römischer Kaiser, in Frankreich regierte der vortreffliche Philipp, ein Sohn Heinrichs, als der genannte Urban, nachdem er zu Piacenza ein Konzil gehalten, das er aus ganz Italien zusammenberufen hatte, um der immer mehr überhandnehmenden Gottlosigkeit zu steuern, auf der Flucht vor der unwürdigen Behandlung des genannten Kaisers die Alpen überschritt und Frankreich betrat. Als er hier sah, wie er auch schon früher gehört hatte, daß das Wort Gottes mit Füßen getreten werde, daß das Evangelium verachtet, der Glaube verschwunden, die Liebe und was sonst eine Tugend ist am Sterben seien, daß aber der Fürst der Finsternis sein Reich weit und breit ausgedehnt habe, beschloß er, sehr bekümmert, wie man solch höllischen Erscheinungen zu begegnen habe, ein allgemeines Konzil zusammenzuberufen. Zuerst wurde Vezelay, sodann Puy, zuletzt Clermont, eine Stadt in der Auvergne, zum Ort der Zusammenkunft bestimmt, und hier kam denn unter Gottes Beistand im Monat November eine heilige Versammlung von Bischöfen und Äbten aus allen Provinzen des Landes über den Alpen im Namen des Herrn zusammen. Auch einige Fürsten aus den genannten Landen waren anwesend. Nachdem man hier unter Hinzuziehung des Rates der Prälaten und anderer gottesfürchtiger Männer Verordnungen und Einrichtungen getroffen hatte, um der sinkenden Kirche aufzuhelfen, Zucht und Sitten wieder aufzubauen und den Frieden, welcher, wie der von dem größten Eifer für sein Werk entzündete Peter sprach, aus der Welt verschwunden war, wiederherzustellen, wandte sich der Papst zuletzt zu folgender Ermahnung und sprach:

    XV. "Ihr wißt, geliebte Brüder, und es frommt Euer Liebe wohl zu wissen, wie der Erlöser der Menschheit, als er uns zum Heile menschliche Gestalt angenommen hatte und ein Mensch unter Menschen wandelte, das Land der Verheißung, das er vor langem den Vätern verheißen hatte, mit seiner Gegenwart verherrlichte und durch seine vielen Wunder und durch das Erlösungswerk, das er hier vollbrachte, noch besonders denkwürdig machte. Das sagen uns das Alte und das Neue Testament auf jeder Seite. Es ist gewiß, daß der Herr für dieses Land eine gewisse Vorliebe gehabt hat, er hat diesen kleinen Teil der Welt sein Erbe zu nennen gewürdigt, während doch die ganze Welt sein ist und von ihm erfüllt. Er sagt bei Jesaja: "Israel, mein Erbe!" und weiter: "Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel." Und hatte er sich das ganze Land von Anfang an ausersehen, so hatte er noch eine besondere Liebe für die Heilige Stadt, wie uns der Prophet bezeugt, wenn er sagt: "Der Herr liebt die Tore Zions mehr als alle Wohnungen in Jakob." Zu ihrem Ruhm ist zu sagen, daß in ihr der Herr zum Heil der Welt gelehrt und gelitten hat, daß er in ihr auferstanden ist, und seit Jahrhunderten war sie zur Zeugin so großer Dinge und zur Stätte dieser Mysterien erlesen. Erlesen, denn er selbst, der sie erlesen hat, bezeugt es in den Worten: "Und von meiner auserwählten Stadt Jerusalem wird uns der Heiland kommen." Hat nun der Herr gleichwohl, der Sünden ihrer Bewohner halber, durch gerechtes Urteil zugelassen, daß sie mehrmals in die Hände der Ungläubigen geriet, hat er sie gleichwohl eine Zeitlang das schwere Joch der Knechtschaft tragen lassen, so dürfen wir darum doch nicht glauben, daß er sie verschmäht und verworfen habe. Es steht ja geschrieben: "Wen der Herr liebhat, den züchtigt er.", dem aber häuft er seinen Zorn zur Gnade, dem er sagt: "Mein Zorn ist von Dir gewichen, ich will Dir fürder nimmer zürnen." Er liebt sie also, und nicht ist erloschen die Liebe zu ihr, zu der er sagt: "Und du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des Herrn und ein königlicher Reif in der Hand deines Gottes. Man soll dich nicht mehr nennen »Verlassene« und dein Land »Einsame«, sondern du sollst heißen »Meine Lust«, denn der Herr hat Lust an dir." Die Wiege unseres Heils nun, das Vaterland des Herrn, das Mutterland der Religion, hat ein gottloses Volk in seiner Gewalt, der Sohn der ägyptischen Magd, er hält die Kinder der freien Mutter gefangen und hält sie unter einem Druck, den umgekehrt er selbst erdulden sollte. Aber was steht geschrieben? "Treibe diese Magd aus mit ihrem Sohn". Das gottlose Volk der Sarazenen, das weltlichen Lehren anhängt, drückt die heiligen Orte, die die Füße des Herrn betreten haben, schon seit langer Zeit mit seiner Tyrannei und hält die Gläubigen in Knechtschaft und Unterwerfung. Die Hunde sind ins Heiligtum gekommen, und das Allerheiligste ist entweiht, das Volk, das den wahren Gott verehrt, ist erniedrigt, das auserwählte Volk muß unwürdige Bedrückung leiden. Das königliche Priestertum muß als Sklave Ziegel brennen, die Fürstin der Länder, die Stadt Gottes, muß Tribut zahlen. Will einem nicht die Seele darüber zergehen, will einem nicht darüber das Herz zerfließen? Liebe Brüder, wer kann das mit trockenen Augen anhören? Der Tempel des Herrn, aus dem er in seinem Eifer die Käufer und Verkäufer hinausgetrieben hat, daß das Haus seines Vaters nicht eine Mördergrube werde, ist nun ein Sitz der Teufel geworden. Das ist es, was den großen Priester Mattatias, den Erzeuger der heiligen Makkabäer, zu seinem rühmlichen Eifer entzündet hat, wie er selbst bezeugt, wenn er sagt: "Der Tempel Gottes ist wie ein Mensch, dem die Ehre genommen ist, seine kostbaren Geräte hat man weggeführt." Die Stadt des Königs aller Könige, die den andern die Gesetze des unverfälschten Glaubens gegeben hat, muß heidnischem Aberglauben dienstbar sein. Die Kirche zur heiligen Auferstehung, die Schlummerstätte des Herrn, steht unter der Herrschaft derer, die an der Auferstehung keinen Teil haben, sondern als Stoppeln zur Erhaltung des ewigen höllischen Feuers werden dienen müssen, und wird durch ihre Unflätigkeit entweiht. Die ehrwürdigen Orte, zu Stätten göttlicher Geheimnisse gewürdigt, die den Herrn, solange er im Fleische weilte, als Gast aufnahmen, die beglaubigte Zeugen seiner Zeichen und Wunder waren, sind in Schafkrippen und Viehställe verwandelt. Das preiswürdige Volk, das der Herr der Heerscharen gesegnet hat, seufzt ermattet unter der Last der schmählichen Zumutungen, ihre Söhne, die teuren Pfänder der Mutterkirche, werden ihnen entrissen und gezwungen, heidnischer Unreinheit dienstbar zu werden und den Namen des lebendigen Gottes zu verleugnen oder mit lasterhaftem Munde zu schmähen, und wenn sie sich den gottlosen Befehlen widersetzen, so werden sie wie das Vieh hingeschlachtet, Genossen der heiligen Märtyrer. Den Tempelschändern gilt jeder Ort, jede Person gleich, sie morden Priester und Leviten im Heiligtum, sie zwingen die Jungfrauen zur Unzucht und töten sie, wenn sie sich weigern. Ja sogar den Frauen hilft ihr reiferes Alter nicht gegen solche Schändlichkeiten. Weh uns, die wir in den Jammer der gefahrvollen Zeit versunken sind, von der der fromme König David, der Auserwählte Gottes, sie im Geiste voraussehend, klagend gesprochen hat: "Gott, es sind Heiden in dein Erbe eingefallen, die haben deinen heiligen Tempel entweiht." Und wieder: "Herr, sie zerschlagen dein Volk und plagen dein Erbe." "Herr, wie lange willst du so sehr zürnen und deinen Eifer brennen lassen wie Feuer?" "Herr, wo ist deine Gnade von einst?" "Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?" "Gedenke, Herr, wie es uns geht, schau und sieh an unsre Schmach!" "Wehe uns, daß wir dazu geboren sind, die Zerstörung unseres Volkes und der Heiligen Stadt mitansehen zu müssen und dazu stillsitzen und die Feinde ihren Mutwillen treiben lassen!" Bewaffnet Euch mit dem Eifer Gottes, liebe Brüder, gürtet Eure Schwerter an Eure Seiten, rüstet Euch und seid Söhne des Gewaltigen. Besser ist es, im Kampfe sterben, als unser Volk und die Heiligen leiden sehen. Wer einen Eifer hat für das Gesetz Gottes, der schließe sich uns an. Wir wollen unseren Brüdern zu Hilfe kommen. "Lasset uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Stricke!" Zieht aus, und der Herr wird mit Euch sein. Wendet die Waffen, mit welchen ihr sträflicherweise Bruderblut vergießt, gegen die Feinde des christlichen Namens und Glaubens. Die Diebe, Räuber, Brandstifter und Mörder werden das Reich Gottes nicht besitzen, erkauft Euch mit wohlgefälligem Gehorsam die Gnade Gottes, daß er Euch Eure Sünden, mit denen Ihr seinen Zorn erweckt habt, um solcher frommen Werke und der vereinigten Fürbitten der Heiligen willen schnell vergebe. Wir ermahnen Euch also in dem Herrn und binden es Euch aufs Herz, bei Vergebung Eurer Sünden, daß Ihr Euren Brüdern und Miterben des Himmelreichs (denn wir sind alle Glieder eines Leibes, Gottes Erben und Miterben Christi), die in Jerusalem und seinen Grenzen wohnen, in ihrer Not und Bedrängnis zu Hilfe kommt und den Stolz der Ungläubigen, die sich Königreiche, Fürstentümer und Herrschaften zu unterwerfen streben, gebührend beugt und bestraft und ihnen, die sich den christlichen Namen auszutilgen vorgesetzt haben, mit ganzer Kraft entgegentretet. Sonst wird es der Kirche geschehen, daß sie in kurzer Zeit das Joch einer unverdienten Knechtschaft tragen muß, daß der Glaube von ihr genommen wird und der Aberglaube der Heiden den Sieg gewinnt. Denn in welcher Bedrängnis sie sind, das wissen einige von Euch durch den Augenschein, es meldet es gegenwärtiger Brief, den wir durch Peter, den ehrwürdigen Mann, der hier unter uns anwesend ist, empfangen haben. Wir aber überlassen durch die Barmherzigkeit Gottes und gestützt auf die Autorität der heiligen Apostel Petrus und Paulus allen gläubigen Christen, die gegen sie die Waffen nehmen und sich der Last dieses Pilgerzuges unterziehen, alle die Strafen, die die Kirche für ihre Sünden über sie verhängt hat. Und wenn einer dort in wahrer Buße aus dem Leben kommt, so darf er fest glauben, daß ihm Vergebung seiner Sünden und die Frucht ewigen Lohnes zuteil werden wird. Unterdessen aber betrachten wir die, welche im Glaubenseifer die Arbeit jenes Kampfes auf sich zu nehmen entschlossen sind, als Kinder des wahren Gehorsams und stellen sie unter den Schutz der Kirche und der heiligen Apostel Petrus und Paulus. Und sollen sie vor jeder Beunruhigung, betreffe sie ihr Eigentum oder ihre Person, gesichert sein. Sollte aber einer so frech sein, sie inzwischen zu belästigen, so soll er durch den Bischof des Orts mit der Exkommunikation bestraft werden, und dieser Spruch soll so lange Kraft haben, bis er das Geraubte zurückgegeben und den Schaden, den er angerichtet, gehörig gutgemacht hat. Die Bischöfe aber und Priester, die solchem Unrecht nicht kräftig Widerstand leisten, sollen ihrer Würde entsetzt werden, bis sie sich das Erbarmen des Apostolischen Stuhls wieder erworben haben." Mit diesen Worten schloß er und ermahnte nun noch die anwesenden Prälaten, ihr Volk mit allem Eifer zu dem Werk aufzufordern und einzuladen, wenn sie nach Hause kämen. Damit schloß er, die Synode wurde aufgelöst, man verabschiedete sich und reiste nach Hause, und die Heimkehrenden sorgten vor allem dafür, daß gemäß dem, was auf der Synode festgesetzt worden war, der Friede, welcher im gemeinen Leben Treuga heißt, unverbrüchlich von allen gehalten würde, auf daß denen, die auf den Zug gehen wollten und zu ihrer Ausrüstung viel hin- und herzugehen hatten, kein Hindernis in den Weg gelegt würde.

    XVI. Der Herr gab also der Rede seines treuen Knechtes, der so kräftig predigte und so herrlich war in der Verkündigung seines Wortes, für das Verdienst seines Glaubens solche Kraft und Wirksamkeit, daß sie allerwärts den glücklichsten Erfolg hatte. Es zeigte sich, daß das Werk von Gott angeregt war, denn Alt und Jung leistete diesem Aufgebot, so Schwieriges es auch verlangte, mit der größten Lust Folge. Und nicht nur die persönlich Anwesenden hatten sich an dem Feuer seines Wortes für den Zug begeistert, die Predigt ging in alle Welt hinaus und entzündete auch die zu gleichen Entschlüssen, welche sie nicht aus seinem Munde gehört hatten. Die Bischöfe aber arbeiteten getreu ihrem Auftrag, luden die Ihrigen zu dem Unternehmen ein, gingen in den Parochien umher und streuten den Samen des Wortes des Lebens unter den Völkern aus, und auch nicht ein Körnlein fiel auf den Boden, ohne Wurzeln zu schlagen, so daß man in Wahrheit sagen konnte, das Wort des Herrn sei in Erfüllung gegangen: "Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert." Denn da trennte sich der Mann von dem Weibe, und das Weib von dem Manne, der Vater vom Sohne, der Sohn vom Vater, es war kein Band der Liebe, das diesem Eifer hätte Nachteil bringen können, so daß viele Mönche aus ihrem Kloster kamen und viele, die sich freiwillig um des Herrn willen eingekerkert hatten, aus ihrem Verlies. Doch war nicht bei allen die Liebe zu Gott die Veranlassung ihres Entschlusses, und nicht alle trieb die Mutter aller Tugenden dazu, die weise Überlegung, viele schlossen sich den andern bloß an, um ihre Freunde nicht zu verlassen oder um nicht für träge zu gelten oder aus Leichtsinn oder um ihrer Gläubiger spotten zu können, denen sie schwer verschuldet waren. Verschieden waren also die Beweggründe, aber alles eilte herbei. Niemand dachte im Abendland an Alter oder Geschlecht oder Rang oder Stand, niemand kehrte sich an Abreden, alles gab ohne Unterschied sein Wort und gelobte einmütig mit Herz und Mund den Pilgerzug. Da schien sich buchstäblich zu erfüllen, was im Tobias geschrieben steht: "Jerusalem, du Gottesstadt, aus fernen Ländern werden die Völker zu dir kommen; sie werden Geschenke bringen und in deiner Mitte den Herrn anbeten, und dein Land werden sie heilig halten; den großen Namen des Herrn werden sie in dir anrufen." Von denen also, die dem Konzil beigewohnt hatten, ergriffen viele die Aufforderung mit Freuden. Der erste war der Bischof Adhémar von Puy, ein Mann von ehrwürdigem Lebenswandel, der nachher als Legat des Apostolischen Stuhls dem Volk Gottes auf diesem Zug mit ebensoviel Treue als Umsicht viele Dienste leistete, sodann der Bischof Wilhelm von Orange, ein wahrhaft frommer und gottesfürchtiger Mann. Aber auch von den Fürsten beider Reiche, welche abwesend gewesen waren, rüsteten sich, von demselben Feuer entzündet, bereits viele zur Reise und munterten sich gegenseitig auf. Sie setzten auch einen bestimmten Tag fest, wo alle nötigen Bedürfnisse herbeigeschafft seien und die Genossen der Fahrt sich versammeln sollten, um den Zug anzutreten. Das Werk, von dem wir reden, schien in der Tat von Gott geleitet zu werden und die Aufforderung dazu ein Wort aus Gottes Mund. Haufenweise strömte das Volk zusammen, wo ein Fürst die Reise gelobt hatte, um sich seinem Gefolge anzuschließen und gehorsam und ergeben während der ganzen Reise ihn als seinen Herrn anzuerkennen. Und weil es hieß: "Mag der letzte räudig werden, ich bleibe nicht zurück", so wollte jeder zuerst gerüstet sein und dem anderen zuvorkommen. Wahrhaft von Gott geordnet war das Werk, denn dieses Fegfeuer war nötig zur Läuterung von den alten Sünden, und dieses Beschäftigtsein diente bestens, künftige Frevel zu verhüten. Denn es war unter den Menschen keine Ehrfurcht vor Gott mehr und keine Scheu vor den Menschen. Es hatten aber alle miteinander verabredet und auch der Papst hatte es ihnen geboten, daß die, welche den Zug mitzumachen gelobten, das segensreiche Zeichen des lebendigmachenden Kreuzes auf ihren Kleidern tragen sollten, zur Erinnerung an das Leiden, dessen Stätte zu besuchen sie sich vorgenommen hatten, in Nachahmung von jenem, dessen "Herrschaft auf seiner Schulter ruhte", als er uns zu erlösen kam. Auch das Wort des Jesaja: "Er wird ein Zeichen aufrichten unter den Völkern und zusammenbringen die Verzagten Israels" kann dahin verstanden werden. Auch das Gebot des Herrn: "Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir", schien wörtlich in Erfüllung zu gehen.

    XVII. Von beiden Reichen also hatten sich mit dem Kreuz als Pfand der Pilgerschaft gewappnet: jener vortreffliche Hugo der Große, Bruder König Philipps von Frankreich, Graf Robert von Flandern, Graf Robert von der Normandie, Sohn des Königs Wilhelm von England, Graf Stephan von Chartres und Blois, Vater des älteren Grafen Theobald, Bischof Adhémar von Puy, Bischof Wilhelm von Orange, Graf Raimund von Toulouse und Saint-Gilles und andere edle und vortreffliche Männer, der tapfere und ausgezeichnete Herzog Gottfried von Lothringen mit seinen Brüdern Balduin und Eustach, dann Balduin, der den Beinamen von Bourg führte, ein Verwandter der eben Genannten, Sohn des Grafen Hugo von Retest, Graf Werner von Gray, Graf Balduin von Hennegau, Isuard Graf von Diois, Rainbald Graf von Orange, Wilhelm Graf von Forez, Graf Stephan von Aumale, Graf Rotrut von Perche, Graf Hugo von Saint-Pol. Auch viele, die, wenn auch keine Grafen, doch sehr bedeutende Männer waren, boten sich von selbst mit Gott wohlgefälligem Gehorsam dem Unternehmen an: Heinrich von Esch, Raoul von Baugenci, Eberhard von Puysaie, Centon von Bearn, Wilhelm Amanjeu, Gaston von Bearn, Wilhelm von Montpellier, Gerhard von Roussillon, Gerhard von Cherise, Roger von Barneville, Guido von Possessa, Guido von Garland, Truchseß des Königs von Frankreich, Thomas von Feria, Galen von Chaumont, dann auch Peter der Eremit mit einer ungeheuren Anzahl von Menschen, die er aus dem Königreich und aus dem Deutschen Reich mit großer Anstrengung zusammengebracht hatte. Über den Alpen aber: der Fürst Bohemund von Tarent, Sohn des Herzogs Robert Guiskard von Apulien, auch Tankred, sein Neffe, und viele andere, deren Namen wir nicht alle behalten konnten. Diese alle waren bereit, zur bestimmten Zeit mit ungeheuren Scharen Bewaffneter in den christlichen Kriegsdienst zu treten und sich fromm für den Namen Christi den Beschwerden eines solchen Zuges zu unterziehen. Als daher nach Ablauf des Winters sich die ersten Zeichen des Frühlings einstellten, die Kälte gewichen und anmutige Witterung zurückgekehrt war, da rüstet man die Rosse, holt die Waffen hervor, schnürt die Reisebündel, lädt sich durch Boten zu gemeinsamer Abreise ein. Man ordnet hinsichtlich der Zeit der Abreise, des Sammelortes, der sichersten und bequemsten Wege alles zuvor sorgfältig an. Denn eine so unermeßliche Menschenzahl konnte nicht in jeder Gegend ihre Bedürfnisse finden. Daher sollten die größeren Fürsten jeder besonders seine Heere führen und nicht alle auf demselben Weg einherziehen. Ihre Heere trafen auch erst vor der Stadt Nikäa zusammen, denn, wie später erzählt werden wird, der Herzog zog mit seinem Heer durch Ungarn, der Graf von Toulouse und der Erzbischof von Puy durch Dalmatien, die übrigen Fürsten aber durch Apulien nach Konstantinopel, wo sie aber zu verschiedenen Zeiten eintrafen. Unterdessen rüstete man nun, was zu dem Zug erforderlich schien, man wollte seinen Reisebedarf nach der Länge des Weges berechnen, als ob die Wege Gottes in der Hand des Menschen wären. Die menschliche Schwachheit weiß ja nicht, was ihr der morgige Tag bringen wird. Da war in keiner einzigen Provinz des Abendlandes ein Haus, in dem man müßig war. Jedermann war neben seinen eigenen noch mit einer Masse von Familienangelegenheiten beschäftigt, da hier ein Familienvater, dort ein Sohn, dort eine ganze Familie sich zur Wanderung anschickte. Briefe gingen hin und her zwischen denen, die zugleich abreisen wollten, in denen sie einander zur Eile antrieben. Und als die, welche zu Führern der Scharen ernannt waren, den Aufruf ergehen ließen, da riß man sich schluchzend und seufzend aus den Armen seiner Lieben, sagte sich das letzte Lebewohl und gab sich den Abschiedskuß. Da begleitete die Mutter den Sohn, die Tochter den Vater, die Schwester den Bruder, die Frau, ihre Säuglinge auf den Armen, den Mann, weinend und jammernd, und folgten ihnen nach dem Abschied mit ihren Blicken, da sie ihnen anders nicht folgen konnten.

    XVIII. Also brach im Jahr der Menschwerdung des Herrn, tausendundsechsundneunzig, im Monat März, am achten des Monats, ein gewisser Walter von Habenichts, ein edler tapferer Mann, zuerst auf, mit einer unermeßlichen Menge von Fußvolk (Reiter hatte er nur sehr wenige bei sich), und zog durch das Deutsche Reich nach Ungarn. Das Königreich Ungarn ist aber durch Sümpfe und große Flüsse, über die man immer wieder zu setzen hat, ein schwer zugängliches Land, so daß man nur an bestimmten Orten, die noch dazu sehr eng sind, ein- und ausgehen kann. Damals war ein sehr christlicher Mann namens Kalman König, der den Walter, da er von seiner Ankunft und seinem Vorhaben hörte, sehr freundlich aufnahm, über sein Vorhaben lobte und ihm freien Durchzug durch Ungarn und freien Handel und Verkehr gewährte. Jener aber zog in aller Ruhe durch das Königreich und kam wohlbehalten bis an den Fluß Save, der dieses Reich gegen Morgen begrenzt. Er setzte über den Fluß und kam mit seinem Heer in das Gebiet der Bulgaren, an einen Ort, der Belgrad hieß. Ohne sein Wissen waren aber einige von seinem Gefolge über dem Fluß, an einem Ort namens Mallevilla, zurückgeblieben, um Speisen zu kaufen und einige Reisebedürfnisse zusammenzubringen. Diese nun griffen die Ungarn auf, nahmen ihnen alles ab und schickten sie nackt und mit Schlägen zu den Ihrigen zurück. Obgleich nun das ganze Heer an ihrem Mißgeschick brüderlich Anteil nahm, so sah es doch ein, daß es zu schwierig und fast unmöglich sei, über den Fluß zurückzugehen und dieser Dinge wegen die Reise einen Aufschub leiden zu lassen. Sie hielten es also für besser, sich über die Kränkung ruhig zu verhalten, als etwas zu wagen, das nicht gelingen konnte. Sie hofften, der, der gesprochen hatte: "Und kein Haar von eurem Haupt soll verlorengehen. Fasset eure Seelen mit Geduld", und in dessen Dienst sie die Waffen trugen, werde die Diener Christi nicht ungestraft beleidigen lassen, sondern ihren Feinden den verdienten Lohn geben. Sie kamen also, wie schon gesagt, auf ihrer weiteren Reise nach Belgrad. Walter verlangte hier vom Herzog der Bulgaren, der in der Stadt befehligte, die Erlaubnis, einkaufen zu dürfen, und da sie ihm abgeschlagen wurde, schlug er sein Lager vor der Stadt auf, wo er einen großen Verlust seines Volkes erlitt, dem es so an allem Nötigen fehlte, daß er es nicht mehr länger zurückhalten konnte. Da sie bei den Bulgaren nämlich nichts zu kaufen bekamen, zogen sie aus, sich, auf welche Art es sei, Nahrungsmittel zu verschaffen, um nicht Hungers zu sterben. Sie trafen auf Herden aus großem und kleinem Vieh und raubten nun von diesen und trieben sie in ihr Lager. Die Bulgaren aber griffen zu den Waffen, als sie davon hörten, und fingen einen Krieg mit ihnen an, um diesen Räubern ihren Raub wieder abzunehmen. Sie gewannen die Oberhand, verbrannten hundertundvierzig von ihnen, die sich unvorsichtig von dem Gefolge der übrigen getrennt hatten, indem sie eine Kapelle, wohin sie sich, um Gnade zu erlangen, geflüchtet hatten, in Brand steckten, und schlugen die anderen in die Flucht. Walter aber, der sah, daß er hartnäckiges und rücksichtsloses Volk mit sich führe, ließ die, welche unverbesserlich ihrem eigenen Kopf folgten, zurück und zog mit den übrigen vorsichtig und behutsam durch die langen bulgarischen Wälder, bis er nach Stralizia, der vortrefflichen Hauptstadt des mittägigen Dakiens, kam. Er beklagte sich dort beim Statthalter über die schlechte Behandlung, die das Volk Gottes von den Bulgaren erfahren habe, und fand für alles Vorgefallene volle Genugtuung. Er wurde überdies von diesem Herzog, einem vortrefflichen und gottesfürchtigen Mann, aufs freundlichste behandelt, es wurden ihm Einkäufe nach rechtem Maß und um billigen Preis gestattet, und um den Gesetzen der Menschlichkeit voll Genüge zu leisten, gab ihm der Herzog Wegweiser bis zur Kaiserstadt mit. Als er hier angekommen und dem Kaiser vorgestellt worden war, suchte er von der Großmut des Kaisers zu erlangen, daß sich sein Heer bis zur Ankunft Peters, auf dessen Geheiß er die Reise begonnen hatte, in der Nähe der Stadt lagern und ungehindert kaufen und verkaufen dürfe, und der Kaiser willfahrte ihm hierin.

    XIX. Peter aber zog nicht lange danach mit einem unermeßlichen Heer durch Lothringen, Franken, Bayern und das Land, das man Österreich nennt, und kam mit an die vierzigtausend Menschen, Volk von allen Ständen, Völkerschaften und Sprachen, an die Grenzen von Ungarn. Einer Gesandtschaft, die er an den König schickte, wurde erwidert, daß, wenn er friedlich sein Reich betreten und es ohne Tumult und Ärgernis durchziehen wolle, ihm der Zugang ohne Hindernis gestattet sei. Auf diese Erlaubnis und diese Bedingungen hin zog er mit all den Scharen, die er bei sich hatte, ins Reich ein. Er reiste in aller Ruhe hindurch, erhielt von den Einwohnern eine Menge Lebensmittel um billigen Preis und kam so nach der vorgenannten Stadt Mallevilla. Als sie hier von dem Unrecht vernahmen, das ihren Genossen unter Walters Führung widerfahren war, und ihre Waffen und Rüstungen auf der Stadtmauer als Trophäen aufgehängt sahen, faßte sie ein gerechter Zorn. Sie greifen sofort zu den Waffen, erbrechen unter Schlachtruf die Stadt und erschlagen die Einwohner beinahe alle oder stürzen sie in den benachbarten Fluß. In diesem Kampf sollen an diesem Tag viertausend Ungarn umgekommen sein, wie sie es denn auch nicht anders verdienten. Peter soll nur hundert Mann verloren haben. Sie blieben fünf Tage in der eroberten Stadt, denn sie fanden hier einen bedeutenden Reichtum an Lebensmitteln. Der Herzog der Bulgaren aber mit Namen Niketas, der früher dem Walter und seinem Heer die Kauffreiheit verweigert hatte, entwich aus Belgrad, das ihm nicht befestigt genug deuchte, denn er dachte, diese Nachfolger werden ihm wie den Mallevillanern zurückerstatten, was er wie diese an ihren Vorgängern verschuldet hatte. Ebenso verließen die Einwohner mit ihren Familien die Stadt und flüchteten sich samt allen ihren Herden in das tiefste Dunkel der Wälder. Peter aber, der noch während er sich in der eroberten Stadt aufhielt Kunde erhielt, daß der König von Ungarn, entrüstet über die Niederlage der Seinigen, von allen Seiten Bewaffnete zusammenrufe, um schwere Rache zu nehmen, setzte schnell auf den Schiffen, soviel sich deren auf beiden Seiten des Ufers auftreiben ließen, sein Heer samt Herden von großem und kleinem Vieh und der reichsten Beute, deren er in der erstürmten Stadt einen Überfluß gewonnen hatte, über den Fluß. Als sie sich am jenseitigen Ufer wieder gesammelt hatten, schlugen sie vor Belgrad, das sie jedoch leer fanden, ein Lager auf. Er zog hierauf acht Tage lang mit Wagen, Karren, Herden und seinem ganzen Gefolge durch das Dickicht der weithin ausgedehnten Wälder und kam vor die Stadt Nizza, die mit Mauern und Türmen aufs beste befestigt war und eine tapfere Besatzung hatte. Er überschritt die steinerne Brücke, die über den in der Nähe der Stadt vorbeifließenden Fluß führt, und schlug hier sein Lager auf. Und da seinem Heer die Lebensmittel auszugehen anfingen, schickte er an den Vorstand der Stadt und bat aufs freundlichste, dem pilgernden Volk, das im Dienste Gottes stehe, um billigen Preis gute Ware, hauptsächlich Nahrungsmittel, zu kaufen zu geben. Der aber gab zur Antwort, daß das nimmermehr geschehen könne, wenn nicht durch Geiseln sichergestellt würde, daß den Einwohnern, mit denen sie sich in Handel einließen, nicht Unrecht und Gewalt vom Heer widerfahren.

    XX. Auf diese Bedingung, gegen Übergabe von Geiseln, kamen nun die Bürger aus der Stadt und gaben dem Heer zu kaufen. Kauf und Verkauf gingen von beiden Seiten freundlich vonstatten, und das ganze Heer wurde aufs reichlichste mit Lebensmitteln versorgt. Am frühen Morgen, nachdem die Nacht unter dem freundlichsten Betragen gegeneinander ruhig vorübergegangen war, wurden die Geiseln zurückgegeben, und der Zug sollte weitergehen. Während des Abzugs nun, ein großer Teil, ja fast das ganze Heer war schon voraus, kam es einigen tollen Menschen in den Kopf, eines nichtswürdigen Handelsstreits wegen, den sie gestern Nacht mit einem Bulgaren gehabt hatten, sich von denen, die schon voran waren, zu trennen und sieben Mühlen, die der Fluß in der Nähe der genannten Brücke trieb, anzuzünden und im Nu in Asche zu verwandeln. Die genannten Belialskinder waren Deutsche, ungefähr hundert. Sie hatten an dem begangenen Frevel ihre böse Lust noch nicht gebüßt, zündeten sie mit gleicher Bosheit auch einige Häuser an, die außerhalb der Stadtmauern lagen. Nachdem sie die Schandtat ausgeführt hatten, eilten sie wie sie konnten, um sich, als ob sie von nichts wüßten, unter die Unschuldigen zu mischen. Der Fürst aber, der sie gestern Nacht so freundlich behandelt hatte, sah sich genötigt, diese unwürdige Erwiderung seiner Wohltaten zu bestrafen. Er legte, nicht mit gehöriger Billigkeit, die Tat weniger allen zur Last. Alle erschienen ihm als Räuber und Mordbrenner. Er ruft die Bürger zu den Waffen, stürzt mit einer großen Menge voran und treibt die Seinen mit Wort und Beispiel, das Heer zu verfolgen und sie wie Tempelräuber zu strafen. Sie brechen also einmütig auf, um sie einzuholen, treffen auf den Nachzug des Heeres und setzen diesem aufs heftigste zu. Die genannten Frevler aber, die sich dem Hauptheer noch nicht hatten anschließen können, finden sie noch von den übrigen Scharen gesondert und hauen sie in gerechtem Zorn nieder. Aber, aus Absicht oder aus Zufall, sie machen dann keinen Unterschied zwischen Schuldigen und Unschuldigen und machen viele nieder, die keinen Teil an dieser Schuld hatten. Alles aber, was sie trafen, die Karren und Wagen, auf denen sich die Lebensmittel und der ganze Hausrat befanden, Alte und Kranke, Weiber mit Knaben und Mädchen, die den anderen nicht in gleichem Schritt folgen konnten, alles nahmen sie weg und führten es als Beute mit sich. Und so kehrten sie reich beladen, in ihrer Rache mit dem Blut der Erschlagenen gesättigt, nach Hause zurück.

    XXI. Unterdessen zog der ehrwürdige Peter mit all den Scharen, die schon voraus waren, und mit allen bedeutenderen Leuten des Zuges seines Weges weiter, ohne etwas von dem Mißgeschick, das die Seinen getroffen hatte, zu ahnen. Da kommt einer mit verhängtem Zügel angesprengt und berichtet ihm ausführlich, wie ein Teil der Seinen erschlagen, ein anderer mit den Vorräten weggeschleppt worden sei. Wie sie dies erfahren hatten, machten sie nach dem gemeinsamen Beschluß der Verständigsten ihre ganze Tagesreise wieder zurück, fanden die Spuren des Kampfes und die Leichen der ermordeten Brüder, wobei sie sich der Tränen und Klagen nicht enthalten konnten, und standen nun wieder vor der Stadt, vor der sie gestern Nacht ihr Lager aufgeschlagen hatten. Peter und die, welche mit ihm waren, hatten hierbei nur reine und kluge Absichten, sie kamen nur darum zurück, um der Sache recht auf den Grund zu kommen und die Veranlassung zu solchen Auftritten aufheben zu können. Der Friede zwischen beiden Völkern sollte wiederhergestellt werden, auf daß sie sicherer, mit reinem Gewissen, ihr großes Vorhaben weiterverfolgen könnten. Sie schickten also gescheite und wackere Männer zum Vorstand und den Obersten der Stadt und erkundigten sich umständlich, was die Veranlassung gegeben habe, einen solchen Aufstand zu erregen und soviel unschuldiges Blut zu vergießen. Als die Gesandten den wahren Grund erfuhren, sahen sie wohl ein, daß die Entrüstung, in welcher die Bürger zu den Waffen gegriffen hatten, ganz gerecht gewesen war, und daß es hier nicht an der Zeit sei, auf Genugtuung zu dringen. Sie suchen also mit den dringendsten Bitten und indem sie alle möglichen Vorstellungen machen, den Frieden wiederherzustellen, um die Beute, das Gepäck, die Gefangenen und was sie sonst verloren hatten vollständig zurückzuerhalten. Während sie nun darüber verhandeln und sich beinahe schon so weit verglichen haben, daß beide Teile zufrieden sein konnten, erhob sich auf den unbedachtsamen, tollkühnen Eifer einiger weniger hin ein Aufruhr im Lager, eine Anzahl von Wagehälsen will das Erlittene blutig rächen. Um ihre Wut zu beschwichtigen und einem Blutbad vorzubeugen, läßt Peter sie durch einige kluge Männer, die großes Ansehen hatten, ermahnen, von ihrem ungestümen Begehren abzustehen. Und als dies nichts fruchten will und sie sich seinen vernünftigen Ermahnungen nicht fügen wollen, gibt er dem Heer durch Heroldsstimme den gemessensten Befehl, bei dem Gehorsam, den sie ihm gelobt haben, solle niemand den Aufrührern, die tollkühn den erneuten Frieden brechen wollen, Hilfe leisten oder ihr Vorhaben fördern. Das Heer ließ sich durch dieses Wort beruhigen und erwartete wie eine Mittelsperson, wie sich der Aufruhr enden und welchen Ausgang die Sache nehmen würde. Die Abgeordneten aber, die an den Vorstand der Stadt geschickt worden waren, kamen unverrichteterdinge ins Lager zurück, nachdem sie sahen, daß sich der erregte Sturm nicht legen wolle, vielmehr immer gewaltiger anschwelle, und daß sie so ihr Vorhaben nicht ausführen können, und bemühten sich mit Peter, dem Mann Gottes, die Meuterei zu unterdrücken. Auch dies jedoch sollte keinen Erfolg haben. Es waren nämlich ungefähr tausend, die auf diese Tollheit verfallen waren. Ebenso viele brachen auch von den Städtern aus den Mauern. So kommt es von beiden Seiten vor der Stadt zu einem gewaltigen Kampf. Da die, welche in der Stadt geblieben waren, sahen, daß das Volk draußen geteilt war, dachten sie, das übrige Heer werde sich nicht einmischen, zumal der Kampf gegen Peters Willen begonnen worden sei, und stürzten in dieser Hoffnung alle einmütig aus den Toren und erschlugen der Unsern ungefähr fünfhundert auf der Brücke. Die übrigen ertrinken fast alle im Fluß, dessen Furten sie, der Gegend unkundig, nicht kannten. Wie das Heer dies sieht, eilen alle zu den Waffen, denn sie konnten die Ihrigen nicht auf solche Art mißhandelt sehen. Es entsteht beim Zusammentreffen der beiden Heere ein so mörderischer Kampf, daß das zweite Unheil größer war als das erste. Das gemeine Volk nun, ein meisterloser Haufe, kann dem Ungestüm der Bulgaren nicht standhalten, ergreift die Flucht und reißt die andern, die männlich fortfechten, durch sein Vorgehen und durch seinen Strom mit sich fort. Das ganze Heer flieht in aufgelösten Haufen, es ist an kein Aufhalten mehr zu denken. In diesem Tumult verlor Peter all das Geld, das er von der Freigebigkeit gläubiger Fürsten zur Unterstützung der Armen und Bedürftigen unter den Kreuzfahrern erhalten hatte, denn der Wagen, in dem er all seine Habe führte, blieb zurück. Die Bulgaren aber erschlugen in ihrem Ungestüm an die zehntausend der Unseren, behielten alle Wagen und alles Gepäck zurück und führten eine ungeheure Menge von Knaben und Weibern gefangen mit sich fort. Die, welche entkamen, verliefen sich in Wälder und unwegsame Gegenden und fanden sich kaum nach drei Tagen, durch die Trompeten und Zinken, die man ertönen ließ, geleitet, bei Peter und denen, die mit ihm entkommen waren, auf einer etwas steilen Anhöhe, auf die sie sich zurückgezogen hatten, zusammen.

    XXII. Am vierten Tag endlich hatten sich alle Zerstreuten aus den Schlupfwinkeln, in denen sie sich drei Tage lang verborgen gehalten hatten, wieder zusammengefunden und setzten nun, noch Dreißigtausend an der Zahl, ihren Marsch weiter fort. Sie hatten an die zweitausend Karren und Wagen durch ihre Unvorsichtigkeit eingebüßt, sie hielten es aber für schmählich, von ihrem Vorhaben abzustehen, und setzten die Reise fort, trotz so vieler Schwierigkeiten, die sich ihnen darboten. Auf ihrem Weiterzug nun, als sie große Not an Lebensmitteln litten, kam eine Botschaft des Kaisers in ihrem Lager an, die dem Peter und den übrigen Führern einen kaiserlichen Erlaß brachte und sich wie folgt vernehmen ließ: "Ihr edlen und vortrefflichen Männer, das Gerücht hat eine schlimme Nachricht und eine übel lautende Kunde vor den Kaiser gebracht, daß Ihr nämlich den Untertanen seines Reiches unerhörte Gewalt antut und Händel und Tumult erregt. Darum gebieten wir Euch auf seinen Befehl, daß Ihr, wenn Ihr irgend dereinst Gnade vor den Augen des Kaisers finden wollt, Euch nicht erdreisten sollt, über drei Tage in einer der Städte zu verweilen, sondern Eure Reise, jedoch ohne unbequeme Übereilung, ununterbrochen fortsetzt und Euren Zug so schnell als möglich gen Konstantinopel führt. Wir aber werden Eurem Heer voranreisen und dafür sorgen, daß Ihr die Lebensmittel um billigen Preis zu kaufen bekommt." Auf diese Nachricht lebten sie wieder auf, da ihnen von dem Mangel an Lebensmitteln aller Mut geschwunden war. Sie fingen wieder an zu hoffen, erkannten die Milde des Kaisers gegen sie an und rechtfertigten sich bei dem, der die kaiserliche Botschaft überbracht hatte, soweit es für jetzt nötig schien, indem sie ihre Unschuld nachwiesen und durch die Geduld, mit welcher sie die ganz unverdienten Mißhandlungen der Bulgaren ertragen hätten. Unter Leitung des genannten Führers kamen sie denn, ohne irgendeine Ausschweifung zu begehen, in schnellem Marsch vor Konstantinopel an. Dort fanden sie den Walter, der mit seinen Scharen ihrer Ankunft harrte, und bezogen vereinigt an dem Ort, den man ihnen anwies, ihr Lager. Peter aber ging auf den Ruf des Kaisers in die Stadt, und als er vor diesen gestellt und nach seiner Absicht und nach dem Grund dieser Unternehmung gefragt wurde, sprach er hierüber vollgewichtige Worte, ein Mann von großer Beredsamkeit und großem Geist, der er ja war, und belehrte den Kaiser, daß ihm die größten und würdigsten Fürsten des Abendlandes in nächster Zeit folgen würden, und das mit solcher Unerschrockenheit und mit solcher Pracht der Rede, daß nicht nur die ersten Männer des Palastes die Kühnheit und den Verstand des Mannes bewunderten, sondern der Kaiser selbst ihm aufs geneigteste volles Lob spendete. Der Kaiser entließ ihn also sehr gnädig, überhäuft mit reichen Geschenken. Als das Heer hier einige Tage der Ruhe gepflogen und sich an den Speisen, die der Kaiser reichen ließ, erholt hatte, setzten sie auf Schiffen, die ihnen der Kaiser bereitgehalten hatte, über den Hellespont und kamen nach Bithynien, das an demselben Meer liegt und die erste asiatische Provinz ist, und schlugen endlich ihr Lager vor einer Stadt an diesem Meer mit Namen Kibotus.

    XXIII. Dieser Ort war schon an der feindlichen Grenze, das Heer lag dort in Hülle und Fülle an die zwei Monate. Fast täglich wurden ihnen Vorräte zum Kauf angeboten, und sie fanden hier die Erholung, der sie bedurften, aufs vollständigste. In dieser Ruhe und in diesem Wohlleben fing das schlechte und hartnäckige Volk "sich zu brüsten an wie ein fetter Wanst", sie taten sich gegen den Willen der Anführer in kleinen Rotten zusammen, durchstreiften die Gegend im Umfang von zehn Meilen oder weiter und trieben großes und kleines Vieh weg. Sie hatten aber schon mehrmals vom Kaiser Briefe empfangen, in denen ihnen die Weisung gegeben wurde, sie sollten es vor der Ankunft der größeren Fürsten, die nachkommen sollten, nicht wagen, weiterzuziehen oder die Feinde aufzureizen, sondern an dem Ort, den man ihnen angewiesen hatte, ruhig liegenbleiben und auf ihrer Hut sein. Peter aber war in großer Besorgnis um das Volk, das ihm anvertraut war, nach der Kaiserstadt gereist, um wo möglich billigere Kaufpreise auszuwirken und menschlichere Bedingungen für den Handelsverkehr. Diese Abwesenheit Peters nahm das mutwillige und halsstarrige Volk zum Anlaß, seiner Tollheit den Zügel weiter schießen zu lassen. Es sonderte sich eine Partei von ungefähr siebentausend Mann Fußvolk und dreihundert Reitern von den übrigen ab und zog, taub gegen die Abmahnung der anderen, in geordneten Reihen gen Nikäa. Sie trieben dort in der Nähe der Stadt eine große Zahl von Herden zusammen und kamen damit unversehrt ins Lager zurück. Wie die Deutschen sehen, daß den Lateinern ihr Unternehmen so gut geglückt war, bekommen auch sie Lust zum Raub und wollen auch ein Unternehmen ausführen, das ihnen Ehre mache und etwas ins Haus bringe. Es vereinigen sich also von diesem Volk ungefähr dreitausend zu Fuß und zweihundert Reiter und schreiten gen Nikäa. Es war nämlich in der dortigen Gegend eine Stadt, die am Fuße eines Berges lag, kaum vier Meilen von Nikäa. Diese greifen sie mit aller Gewalt und mit dem heftigsten Ungestüm an, erobern sie trotz des heftigen Widerstands der Einwohner, machen diese alle nieder, setzen sich in den Besitz all ihres Eigentums und schlagen ein Lager, entschlossen, an diesem reichen und anmutigen Ort bis zur Ankunft der Fürsten zu verbleiben.

    XXIV. Soliman aber, der in jener Gegend das Regiment führte, hatte schon lange vorher vernommen, daß die christlichen Fürsten ankommen werden, und daher Geld und Bitten und alle Mittel angewendet, um aus dem ganzen Orient eine unendliche Menge tapferer Streiter zusammenzubringen. Er war jetzt in diese Gegenden zurückgekehrt, um der Stadt und der Gegend die ersehnte Hilfe gegen die feindlichen Angriffe leisten zu können. Wie der hört, daß die genannten Deutschen seine Stadt genommen hätten und sich darin halten wollten, zieht er in aller Eile dahin, belagert und erobert sie und läßt alle, die er darin findet, niedermachen. Indes kommt das Gerücht ins Lager und verbreitet sich schnell, die deutschen Scharen, die neulich das Lager verlassen hätten, seien gänzlich in die Gewalt Solimans gekommen. Es herrscht allgemeine Bestürzung, in Weinen und Jammern macht sich die Betrübnis Luft. Wie endlich die volle Wahrheit an den Tag kommt, erheben die Landsleute der Umgekommenen einen Tumult. Sie suchen es mit ihrem Geschrei und mit ihren dringenden Bitten dahin zu bringen, daß man den Tod ihrer Brüder nicht ungestraft lasse, sondern die Waffen ergreife und in gesamter Zahl, Reiterei und Fußvolk, sich aufmache, das Blut der Erschlagenen zu rächen. Die Ersten im Heer und alle die, welche mehr Erfahrung hatten, wollten dem Rat des Kaisers folgen und dieses Vorhaben hintertreiben und die tolle Wut der Völker beschwichtigen. Da erhob sich aber der meisterlose Pöbel gegen sie, ein gewisser Gottfried Bürel stellte sich an die Spitze und überhäufte die Führer mit Schmähungen, nicht Vorsicht, sondern Feigheit sollte es sein, daß sie sich an den Mördern ihrer Brüder nicht mit dem Schwert rächen wollten.

    XXV. Die Meinung der Schlechtgesinnten gewann endlich die Oberhand, alles griff zu den Waffen, nur Weiber, Kinder und was keine Waffen tragen konnte ließ man zurück. Es kam ein Heer von fünfundzwanzigtausend Bewaffneten aus dem Fußvolk und fünfhundert wohlgerüsteten Reitern zusammen. In geordneten Schlachtreihen ziehen sie also durch den Wald, dem Gebirge zu, nach der Gegend von Nikäa. Und sie waren kaum drei Meilen weit gekommen, siehe, da kam Soliman mit einem unermeßlichen Heer in denselben Wald gezogen, um sich rasch auf das Lager der Unseren zu werfen, dessen Platz schon angegeben worden ist. Als er im Wald das ungewohnte Geschrei vernimmt und erfährt, daß die Unseren ihr Lager verlassen hätten und ihm entgegenzögen, wendet er sich rasch aus Gebirg' und Wald nach dem offenen Feld. Wie die Unseren auch dahin kommen und das Heer, von dessen Ankunft sie nicht das Geringste gewußt hatten, vor sich sehen, stürzen sie mit Schlachtruf auf die Feinde und dringen mit den Schwertern auf sie ein, das Blut ihrer Brüder zu rächen. Die Feinde empfangen die vor Kampflust Brennenden mit ihren Schwertern, und da sie wohl wissen, um was gestritten wird, halten sie im Vertrauen auf ihre Menge und im Eifer ihrer gerechten Entrüstung männlich stand. Endlich, nach heftigem und männlichem Kampf von beiden Seiten, können sich die Unseren, von der Menge der Feinde überwältigt, nimmer länger halten, die Glieder lösen sich, sie ergreifen die Flucht. Die Türken aber verfolgen sie mit dem Schwert bis in ihr Lager und richten ihnen eine entsetzliche Niederlage an. Bei diesem Zusammentreffen fielen von den Edlen, die in Peters Lager waren, Walter von Habenichts, Rainald von Breis, Fulker von Orleans und unzählig viele andere. Denn von den fünfundzwanzigtausend Fußkämpfern und von den fünfhundert Reitern, die aus dem Lager zogen, waren kaum einige wenige dem Tod oder der Gefangenschaft entkommen.

    XXVI. Endlich aber stürmt Soliman, durch dieses Siegesglück in seiner Zuversicht gestärkt, gewaltsam ins Lager, in welchem er niemand mehr fand, der ihm Widerstand hätte leisten können. So vertilgt er denn alles was übrig ist, tötet die Greise, die Kranken, die Mönche, alle Geistlichen, sogar die Frauen, nur die unmannbaren Knaben und Mädchen, für die ihr Alter und ihr jugendlich unschuldiges Aussehen sprach, sparte er für die Sklaverei auf. Es war nämlich in der Nähe des Lagers der Unseren, am Meeresufer, eine alte halbverfallene Burg, ganz unbewohnt, ohne Türme und Schlösser. Dahin hatten sich in der Not und in der Hoffnung, hier Rettung zu finden, einige Pilger geflüchtet, ungefähr dreitausend an der Zahl. Sie versperren die Eingänge mit ihren Schilden und mit großen Steinmassen, die sie davorwälzen, und rüsten sich zur Verteidigung, wie es die Not erfordert. Während nun die Belagerten, in der Hoffnung noch Rettung zu finden, mit allen Kräften für ihre Freiheit und ihr Leben fechten und sich gegen die Türken, solange es ihnen möglich ist, halten, kommt ein Bote zu Peter geeilt und meldete ihm die Niederlage der Seinigen und wie die Übriggebliebenen in einer halbverfallenen Festung aufs engste eingeschlossen seien und Not an Waffen und Lebensmitteln leiden. Der geht nun zum Kaiser und bittet ihn aufs demütigste, in aller Eile Truppen dahin zu schicken und die Überbleibsel des Volkes von der drohenden Gefahr zu befreien, was denn auch geschah. Wie die Türken den Befehl des Kaisers hörten, standen sie sofort von der Belagerung ab und kehrten mit ihren Gefangenen, mit Zelten, Pferden, Maultieren und allem Vorrat der Unseren als Beute nach Nikäa zurück. So kam also das hartnäckige und unlenksame Volk, weil es sich dem Rat der Besseren nicht fügen wollte, durch sein ungestümes Wesen ins tiefste Verderben und bekam, dem Schwert der Feinde überantwortet, die bittere Frucht seines meisterlosen Ungehorsams zu kosten.

    XXVII. Nachdem aber Peter nach Bithynien übergesetzt hatte, also nicht lange nach dem Beginn seines Zugs, wurde ein deutscher Priester namens Gottschalk von demselben Eifer entzündet, einen Kreuzzug zustande zu bringen. Seine Aufforderung wirkte, und er begeisterte viele aus dem ganzen Deutschen Reich für das Unternehmen. Er brachte an die fünfzehntausend Genossen zusammen und kam mit ihnen ohne Schwierigkeit über die ungarische Grenze. Da nun hier sein Heer auf Geheiß des Königs von Ungarn um billigen Preis Lebensmittel bekam, mißbrauchte er diese Fülle zur Unmäßigkeit und behandelte die Einwohner auf die übermütigste Art. Sie machten Beute, nahmen die Waren, die man ihnen auf offenem Markt zum Kauf anbot, gewaltsam weg und verletzten das Gastrecht so weit, daß sie viele Einwohner erschlugen. Als dies der König erfuhr, geriet er in Zorn und ließ sein ganzes Reich zusammenrufen und das Volk wie die Edlen zu den Waffen greifen, um so dieses schändliche Betragen zu bestrafen. Sie hatten sich nämlich an vielen Orten so schändlich aufgeführt, daß man es nicht erzählen kann, und daß der König es nicht übersehen konnte, ohne sich den Haß seines Volks und den Vorwurf der Feigheit zuzuziehen. Er rief also die Bewaffnung des ganzen Königreichs zusammen und stürzte sich im höchsten Grimm auf sie, um ihnen für solche Ausschweifungen Verderben zu bereiten, denn er betrachtete sie als Feinde und als Leute, die die härteste Strafe verdienten. Endlich, bei dem Ort, der Belgrad heißt und in der Mitte des Königreichs gelegen ist, treffen sie eine verworrene Menge jener unsinnigen Menschen. Diese hatten von der Ankunft des Königs schon gehört und wußten wohl, wie entrüstet er sei, auch trugen sie ein schlechtes Gewissen in sich. Sie griffen also zu den Waffen, um Gewalt mit Gewalt abzuhalten und sich vor Mißhandlung zu schützen. Als die Ungarn sahen, daß sie zu den Waffen greifen und zum Widerstand bereit seien, bedachten sie, daß sie ihnen ohne einen großen Verlust der Ihrigen nichts anhaben könnten. Sie hatten nämlich tapfere und waffengeübte Leute vor sich, die nicht so wohlfeilen Kaufs ihr Leben hingaben. Sie suchten also, wie es so ihre Art ist, mit List durchzuführen, wozu ihnen die Kräfte gebrachen. Sie schickten nämlich eine Gesandtschaft an den genannten Gottschalk und die Ersten im Heer und sprachen in trügerischen Friedensworten folgendermaßen zu ihnen:

    XXVIII. "Es ist eine schwere Klage über Euer Heer an den König gekommen, daß Ihr nämlich seine Untertanen aufs schlimmste mißhandelt und Eure Gastfreunde, die Euch aufs freundlichste aufgenommen haben, mit dem größten Undank bezahlt habt. Des Königs Weisheit weiß aber sehr wohl, daß Ihr nicht alle dieser Vergehen schuldig seid, er weiß vielmehr gewiß, daß unter Euch kluge und gottesfürchtige Männer sind, denen die Ausschweifungen der anderen mißfallen und die sich gegen jene Schandtaten stemmen, die den König mit Recht zum Zorn gereizt haben. Um daher nicht das Vergehen einiger weniger allen aufzubürden, daß nicht der Gerechte mit dem Gottlosen leiden müsse, hat er beschlossen, seinen Zorn zu mäßigen und seiner christlichen Glaubensgenossen für jetzt zu schonen. Um nun seinen Ärger vollends zu beschwichtigen, geben wir Euch den Rat, Eure Personen und alle Habe, die Ihr besitzt, auch Eure Waffen ohne alle Bedingungen in die Hände des Königs auszuliefern. Anders wird kein einziger von Euch dem Tod entrinnen, Ihr habt weder gleiche Kräfte noch könnt Ihr Euch durch Flucht retten, da Ihr in der Mitte des Königreichs steht." Gottschalk nun und die Führer des Heers, die an dem unsinnigen Betragen des widerspenstigen Volks keinen Gefallen gehabt hatten, vertrauten in ihrer Einfalt auf die königliche Großmut und zogen das Volk, das aus allen Kräften widerstrebte und für sein Leben kämpfen wollte, mit Gewalt zu ihrer Meinung hinüber, daß man sich mit den Waffen und mit all seiner Habe dem König ausliefern müsse, um ihm für die Beleidigungen, die er erfahren hatte, Genugtuung zu geben. Endlich ergibt sich das ganze Volk darin, sie liefern die Waffen aus, geben alles was sie haben in die Hände der königlichen Statthalter und finden statt Verzeihung den Tod. Denn wie das Volk arglos dasteht, vertrauend auf die Milde des Königs, ohne Waffentrost, stürzen sie über es her, über Schuldige und Unschuldige, und richten ein solches Blutbad an, daß der Boden mit den Leichen und dem Blut der Erschlagenen ganz bedeckt war und von einer solchen ungeheuren Menge kaum Spuren zurückblieben. Einige jedoch entgingen der allgemeinen Gefahr und kamen durch Gottes erbarmende Fürsorge, ohne den Ungarn in die Hände zu fallen, in die Heimat zurück, wo sie denen, die ebenfalls abreisen wollten und dieselbe Fahrt gelobt hatten, von den Drangsalen und dem Untergang der Ihrigen Nachricht gaben und sie warnten, vor der Bosheit des genannten Volkes stets auf der Hut zu sein, vorsichtiger als sie einherzuschreiten und umsichtiger zu unterhandeln.

    XXIX. Um dieselbe Zeit, es war kaum etwas später, hatten sich unzählige Scharen aus dem Abendland zu einem Kreuzzug vereinigt und zogen, ein unermeßliches Fußvolk, ohne Führung und Leitung unvorsichtig in zerstreuten Scharen einher. Doch waren einige edle Männer unter ihnen. Thomas von Feria, Clarembald von Vendeuil, Wilhelm der Zimmermann, Graf Herrmann und einige andere, aber das Volk konnte keine Ordnung ertragen und unterwarf sich ihnen nicht. Ohne auf den Rat der Klugen und Bessergesinnten zu hören, gingen sie ohne jemand zu fragen einzeln ihren Wünschen nach. So geschah es, daß sie, statt in Gottesfurcht ihre begonnene Reise fortzusetzen und eingedenk der göttlichen Gebote in evangelischer Zucht um Christi willen fortzupilgern, auf den Wahnsinn verfielen, das Judenvolk in den Städten und Flecken, die sie durchzogen, während dieses an nichts solches dachte und sich daher nicht vorsah, aufs grausamste niederzumachen. Dies geschah hauptsächlich in den Städten Köln und Mainz. Dort schloß sich auch der mächtige und edle und in jener Gegend angesehene Graf Emiko mit seinem Gefolge ihrem Haufen an. Anstatt aber, wie es einem Mann von solchem Adel zukam, Zucht einzuführen und den Ausschweifungen Einhalt zu tun, nahm er an den Schandtaten teil und reizte sie noch dazu auf. Diese nun alle zusammen kamen, nachdem sie Franken und Bayern durchzogen hatten, auf der ungarischen Grenze an einen Ort namens Meßburg. Sie dachten frei und ungehindert ihren Einzug halten zu können, fanden ihn aber verschlossen und mußten sich diesseits der Brücke aufstellen. Dieser Ort war aber eine Festung, die durch die gewaltigen Flüsse, die Donau und die Leitha, und durch tiefe Sümpfe, die sie rings umgaben, aufs beste geschützt war, so daß auch eine größere Menge nicht leicht in die Stadt brechen konnte, wenn der Eingang verteidigt wurde. Die Ankömmlinge waren nämlich ungefähr zweihunderttausend zu Fuß und dreitausend Reiter. Der König von Ungarn nun hatte Befehl gegeben, ihnen den Eintritt zu verweigern, denn er fürchtete, sie möchten, wenn sie eingelassen würden, Lust bekommen, den Untergang des Gottschalkischen Heeres zu rächen. Die Neuheit der Tat, die unerhörte Grausamkeit, mit der er dieses Blutbad angerichtet hatte, von dem man weit und breit sprach, machten den König für sich fürchten. Doch erlangten sie von denen, welchen die Stadt zur Bewachung übergeben war, und von den Führern der Scharen, die die Gegend zu beaufsichtigen hatten, daß sie Boten an den König senden durften, um sich demütigst Frieden und freien Durchzug durch das Land zu erbitten. Sie selbst schlugen indessen diesseits der Sümpfe auf grasreichen Plätzen ihr Lager auf und warteten hier den Erfolg der Sache ab.

    XXX. Indessen kehrten die Abgeordneten nach wenigen Tagen unverrichteterdinge zurück. Als die Ersten im Heer nun diesen Bericht vernahmen, daß sie beim König keine Gnade finden konnten, beschließen sie, die Ländereien des Königs diesseits der Flüsse und der Sümpfe zu verheeren und was in der Nähe der Stadt war zu verbrennen, überhaupt das Land als feindliches Land zu behandeln. Während sie nun dies mit allem Eifer betrieben, ereignete es sich eines Tages, daß siebenhundert von den Kriegsleuten des Königs, die heimlich übergeschifft waren, um die gefährdeten Gegenden zu schützen, zufällig und ganz unerwartet mit ihnen zusammentrafen. Ihnen ausweichen konnten sie nicht, zurück auch nicht wegen des Flusses. So wurden sie fast alle von ihnen niedergehauen, nur wenige ließen ihre Pferde zurück und verbargen sich im Rohr der Sümpfe. Auf diesen Sieg hin wollen sie nun Brücken schlagen und die Festung erstürmen und sich so mit dem Schwert die Pforten des Reiches öffnen. Man ruft, um dies auszuführen, die Scharen ans Werk, schlägt Brücken und ist im Begriff, unter dem Schutz der Schilde die Mauer zu untergraben und sich so gewaltsam einen Eingang zu öffnen. Und es war durch ihren beharrlichen Fleiß schon soweit gekommen, daß die Mauer an mehreren Stellen durchstoßen war und den Pilgern ein Eingang offenstand. Die in der Stadt waren ganz verzweifelt und glaubten an keine Rettung mehr, siehe, da kam plötzlich ein Schrecken vom Himmel über die Pilger, sie stehen ab vom Sturm, lassen fast all ihr Gerät stehen und ergreifen die Flucht, sie, die Sieger, ohne im geringsten zu wissen, warum sie fliehen. Und es soll auch kein weiterer Grund zur Flucht da gewesen sein, als daß sie durch ihre vielfachen Sünden Gottes Zorn herausgefordert und sich der Gottlosigkeit ergeben hatten, die ihren Jüngern Schrecken einjagt. Denn der Gottlose flieht, nach dem Spruch der Weisen, "auch wenn niemand ihn jagt". Die Ungarn aber, deren Lage sich plötzlich verändert hat, verfolgen die Feinde als Sieger, wie sie sie fliehen sehen, die, vor denen sie noch eben gezittert hatten. Die, welche sich kaum hinter ihren Sümpfen hatten halten können, sind die Angreifenden und jagen den anderen nicht nur Furcht ein, sondern bedrohen sie mit Tod und Verderben. So hat sich die Sache verkehrt. Der Graf Emiko kehrt mit einem großen Teil der aufgelösten Scharen, mit denen er die Flucht ergriff, wieder in seine Heimat zurück. Die anderen Edlen aber, die wir oben genannt haben, gelangten über Kärnten nach Italien. Hier wandten sie sich nach Apulien, wo sie mit den Fürsten, die ebenfalls den Kreuzzug übernehmen und nach Durazzo steuern wollten, nach Griechenland gingen. Durch diese und ähnliche Bewegungen wurde beinahe das ganze Abendland erschüttert, und fast jede Völkerschaft entsendet wieder besondere Scharen, einige treten den Zug unter den Fürsten, andere gleichsam ohne Haupt an. Der kürzeste Weg aber, den sie machen konnten, der durch Ungarn, wurde ihnen des Übermutes wegen, mit dem ihre Vorgänger die Landesbewohner so oft behandelt hatten, durchaus verweigert. Die, welche auf sie kamen, waren deswegen äußerst bemüht, die Gunst des Königs von Ungarn wiederzuerlangen.

 

 

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