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IX

    [xxi] Während Kerbogha, der nunmehr Oberbefehlshaber des Heeres des persischen Sultans war, noch in Khorasan weilte, hatte ihm Yaghi Siyan, der Emir von Antiochien, unverzüglich einen Gesandten geschickt und ihn um rechtzeitige Hilfe gebeten, da ihn ein sehr starkes fränkisches Heer in enger Umklammerung in Antiochien festhielt, und ihm versprochen, ihm entweder die Stadt Antiochien selbst oder sehr große Reichtümer zu geben, wenn er Hilfe leiste. Da Kerbogha ein großes Heer von Türken mitführte, die er über einen langen Zeitraum zusammengezogen hatte, und vom Kalifen, dem Papst der Türken, die Erlaubnis erhalten hatte, Christen zu töten, machte er sich hier und jetzt auf, die lange Reise nach Antiochien anzutreten. Der Emir von Jerusalem kam ihm mit einem Heer zu Hilfe, und auch der König von Damaskus führte eine große Zahl von Männern herbei. Auf diese Weise versammelte Kerbogha eine riesige Streitmacht aus Heiden - Türken, Arabern, Sarazenen, Paulikanern, Azymiten, Kurden, Persern, Agulanen und vielen anderen, die nicht zu zählen waren. Die Agulanen zählten dreitausend; sie fürchten weder Speere noch Pfeile noch irgendeine andere Waffe, denn sie und ihre Pferde sind vollständig mit eisernen Platten überzogen. Sie wollen keine anderen Waffen führen, wenn sie kämpfen, außer Schwertern.
    Sie alle kamen die fränkische Ritterschaft zu zersprengen, um die Belagerung Antiochiens aufzuheben, und als sie sich der Stadt genähert hatten, da begegnete ihnen Shems-ed-Daula, der Sohn Yaghi Siyans, des Emirs von Antiochien; und schluchzend lief er geradewegs auf Kerbogha zu, flehte ihn an und sprach: "Siegreichster aller Prinzen, ich bin ein demütiger Bittsteller, der Dich um Hilfe bittet, denn die Franken belagern mich von allen Seiten in der Zitadelle von Antiochien, und sie haben die Stadt in ihre Gewalt gebracht, und sie wollen uns aus Rum und Syrien und selbst aus Khorazan vertreiben. Sie haben alles, was sie sich zum Ziel gesetzt hatten, erreicht und meinen Vater getötet, und das nächste wird sein, daß sie mich töten und Dich und den Rest unseres Volkes. Ich habe lange Zeit auf Beistand gewartet, darauf, daß Du mir vielleicht aus dieser Gefahr hilfst." Kerbogha antwortete: "Wenn Du meine Hilfe wirklich willst, werde ich Dir in dieser Gefahr treuen Beistand leisten, doch mußt Du mir zuerst die Zitadelle übergeben, und ich werde meine eigenen Leute hineinlegen, um sie zu schützen. Dann wirst Du sehen, wie sehr ich Dir helfen kann." Darauf sagte Shems ed-Daula: "Wenn Du alle Franken zu töten und mir ihre Köpfe zu schicken vermagst, will ich Dir die Zitadelle übergeben und Dir huldigen und sie als Dein Lehnsmann besitzen." "Das genügt keinesfalls," antwortete Kerbogha, "Du mußt mir die Zitadelle jetzt gleich aushändigen." Somit übergab ihm Shems ed-Daula wohl oder übel die Zitadelle.
    Am dritten Tag, nachdem wir die Stadt eingenommen hatten, kam Kerboghas Vorhut bis an die Mauern heran, denn sein Hauptheer hatte das Lager an der Orontes-Brücke aufgeschlagen, wo es einen der Türme auf der Brücke erstürmte und die gesamte darin befindliche Besatzung tötete. Außer dem Anführer, den wir, als wir die große Schlacht geschlagen hatten, in eiserne Ketten gefesselt vorfanden, überlebte von den Unseren, die dort waren, keiner. Anderntags wurde das Hauptheer der Heiden herangeführt und rückte auf die Stadt zu, wo es sich zwischen den beiden Flüssen lagernd zwei Tage lang aufhielt. Als Kerbogha die Zitadelle übergeben worden war, rief er einen seiner Emire, den er als einen aufrechten, mildtätigen und friedfertigen Mann kannte, zu sich und sagte zu ihm: "Ich wünsche, daß Du über diese Zitadelle als mein Lehnsmann die Aufsicht führst, denn ich weiß seit langem, daß Du das größte Vertrauen genießt. Daher bitte ich Dich, ihr in größter Achtsamkeit vorzustehen." Der Emir antwortete: "Ich würde es vorziehen, so etwas niemals für Dich tun zu müssen; dennoch mache ich es unter der Bedingung, daß ich die Zitadelle unverzüglich den Franken übergeben darf, wenn sie Dich zurückschlagen und nach erbitterter Schlacht bezwingen." Darauf sagte Kerbogha zu ihm: "Ich weiß, daß Du ein solch ehrenwerter und tapferer Mann bist, daß ich auf alles eingehe, was Du für geboten hältst."
    Danach ging Kerbogha zu seinem Heer zurück, und sogleich brachten ihm die Türken, die sich über die fränkische Ritterschaft lustig machten, ein ziemlich wertloses, vollständig mit Rost bedecktes Schwert und einen noch schlechteren Bogen sowie einen Speer, der vollkommen unbrauchbar war, lauter Dinge, die sie soeben den armen Pilgern weggenommen hatten, und sie sprachen: "Schaut Euch bloß die Waffen an, mit denen die Franken gegen uns kämpfen wollen!" Hierauf begann Kerbogha in sich hineinzulachen und sagte zu allen, die anwesend waren: "Sind dies die kriegstüchtigen und glänzenden Waffen, welche die Christen gegen uns nach Asien getragen haben, und glauben sie uns damit im Ernst über die hintersten Grenzen Khorasans hinaus zu vertreiben und unsere Namen bis hinter die Flüsse der Amazonen auszulöschen? Sind das die Leute, die all unsere Vorfahren aus Rum vertrieben und aus der königlichen Stadt Antiochien, welcher der Ruhm gebührt, Hauptstadt von ganz Syrien zu sein?" Dann rief er seinen Schreiber herbei und sagte: "Schreibe geschwind etliche Briefe, die man in Khorasan lesen wird, mit folgenden Worten: ‚An den Kalifen unseren Papst und den Herrn Sultan unseren König, den tüchtigsten Krieger, und an all die tapferen Ritter Khorasans, Grüße und alles umfassende Hochachtung! Vergnügt Euch, freut Euch mit uns und füllt Eure Mägen, und es sollen Befehle unter Androhung von Strafe durch das ganze Land gehen, daß alle Menschen sich der Wollust und dem Vergnügen hinzugeben haben und daran Freude finden mögen, viele Söhne zu empfangen, die tapfer gegen die Christen kämpfen und sie besiegen sollen. Und nehmt diese drei Waffen in Empfang, welche wir dem fränkischen Mob bereits abgenommen haben, mit meinen besten Wünschen, damit Ihr erfahrt, welche Art von Rüstzeug die Franken gegen uns herangebracht haben. Wisset auch, daß ich alle Franken in Antiochien eingeschlossen habe und die Zitadelle sich in meiner Gewalt befindet, während sie sich drunten in der Stadt aufhalten. Ich habe sie alle in der Hand, und ich werde sie entweder hinrichten oder in die bitterste Gefangenschaft nach Khorasan führen lassen, weil sie uns drohen, uns mit ihren Waffen zurückzuschlagen und aus dem ganzen Land zu vertreiben, wie sie unsere Vorväter aus Rum und Syrien vertrieben haben. Ferner schwöre ich Euch bei Mohammed und im Namen all unserer Götter, daß ich Euch nicht mehr unter die Augen treten werde, bis ich kraft meines rechten Armes die königliche Stadt Antiochien sowie ganz Syrien, Rum, Bulgarien und selbst Apulien erobert habe, den Göttern und Euch zu Ehren und allen, die der Rasse der Türken entsprossen sind.‘" Dies war das Ende des Briefes.
    [xxii] Da geschah es, daß sich die Mutter Kerboghas, die sich in der Stadt Haleb aufhielt, unverzüglich zu ihm begab und zu ihm sprach: "Mein Sohn, stimmt was ich höre?" "Was?" sagte er, und sie antwortete: "Ich habe gehört, daß Du Dir mit dem Volk der Franken eine Schlacht liefern willst." "Wisse," sagte er, "daß dies absolut richtig ist." Sie rief: "Ich flehe Dich an, mein Sohn, im Namen der Götter und bei Deiner großen Exzellenz, suche nicht die Schlacht mit den Franken, denn Du bist ein unbesiegter Kämpfer, und kein Mensch hat Dich jemals vor einem Sieger vom Schlachtfeld fliehen sehen. Deine Tapferkeit ist berühmt, und selbst mutige Soldaten erzittern, egal wo, bei der bloßen Nennung Deines Namens. Gewiß wissen wir sehr wohl, mein Sohn, daß Du ein mächtiger Krieger bist und ein Mann von Heldenmut, so daß kein Volk, weder christlich noch heidnisch, in Deinen Augen Mut aufzuweisen hat. - Männer fliehen vor Dir, wenn sie nur Deinen Namen gehört haben, wie Schafe vor einem rasenden Löwen. Daher beschwöre ich Dich, mein geliebter Sohn, höre auf meinen Rat, und möge die Vorstellung, mit den Christen Krieg zu führen, niemals von Dir Besitz ergreifen oder einen Platz unter Deinen Absichten einnehmen." Als Kerbogha die Warnungen seiner Mutter hörte, antwortete er zornig: "Was für ein Märchen erzählt Ihr mir da, Mutter? Ich glaube, Ihr seid verrückt oder von den Furien besessen. - Warum? Ich habe mehr Emire in meinem Gefolge als die Gesamtheit der Christen, sowohl große wie kleine." "O süßester Sohn," erwiderte seine Mutter, "die Christen allein können nicht gegen Dich kämpfen - ich weiß wahrhaft, daß sie unwürdig sind, Dir in der Schlacht gegenüberzutreten - aber ihr Gott kämpft täglich für sie und nimmt sie Tag und Nacht in Schutz, und wacht über sie wie ein Schafhirte über seine Herde, und erlaubt keinem Volk, sie zu verwunden oder zu bedrücken; und wenn einer gegen sie kämpfen möchte, wird dieser ihr Gott sie schlagen, wie er aus dem Munde des Propheten David spricht: ‚Zersprengt das Volk, welches am Krieg Gefallen findet,‘ und weiter: ‚Ergieße deinen Ärger über diejenigen, die dich nicht erkannt haben, und über die Königreiche, die sich nicht an deinen Namen gewandt haben.‘ Ehe sie überhaupt darangehen, in die Schlacht zu ziehen, hat ihr Gott, der mächtig und kraftvoll im Kampf ist, zusammen mit seinen Heiligen bereits alle ihre Feinde geschlagen, und was wird er erst Euch antun, die Ihr seine ärgsten Feinde seid und Euch mit all Eurer Macht darauf verlegt habt, Euch ihm zu widersetzen? Liebling, wisse auch darüber Bescheid, daß diese Christen ‚Söhne Christi‘ heißen und durch den Mund der Propheten ‚angenommene und verheißene Söhne‘, und der Apostel sagt, sie seien ‚Erben Christi‘, denen Christus gerade jetzt das versprochene Erbe gegeben hat, indem er durch die Propheten sagt: ‚Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sollen dieses eure Grenzen sein, und niemand soll sich euch entgegenstellen.‘ Wer kann diesen Worten widersprechen oder sich ihnen entziehen? Ich sage Dir die Wahrheit, daß Du sehr große Verluste und Entehrung erleiden wirst, wenn Du mit diesen den Kampf beginnst, und viele Deiner treuen Soldaten verlierst, und Du wirst die ganze Beute zurücklassen, die Du gemacht hast, und als ein von panischem Schrecken gepackter Flüchtling entkommen. Du wirst nicht gleich in dieser Schlacht sterben, aber noch in diesem Jahr, denn dieser selbe Gott bestraft den Missetäter nicht sofort, wenn sein Zorn gereizt ist, sondern er bestraft ihn mit offensichtlicher Rache, wann er will, und daher fürchte ich, daß er ein strenges Urteil über Dich fällen wird. Wie gesagt, Du wirst nicht sofort sterben, aber nichtsdestotrotz wirst Du alles verlieren, was Du jetzt besitzt."
    Als er die Worte seiner Mutter gehört hatte, war Kerbogha schließlich bis in sein Innerstes betrübt, und er antwortete: "Liebste Mutter, ich möchte gerne wissen, wer Euch diese Dinge über das Christenvolk erzählte, wie sehr ihr Gott sie liebt und welch große Machtfülle er in der Schlacht besitzt kraft seiner selbst, und wie diese Christen in der Schlacht um Antiochien siegen und uns, dadurch daß sie einen großen Sieg erringen, die Beute abnehmen wollen und uns verfolgen, und wieso ich dazu verurteilt sein soll, einen schnellen Tod in ebendiesem Jahr zu erleiden?" Seine Mutter antwortete mit sorgenvoller Mine: "Geliebter Sohn, vor mehr als einhundert Jahren entdeckte man in unserem Koran wie auch in den Büchern der Ungläubigen, daß dem Christenvolk vorherbestimmt sei, über uns herzufallen und uns allerorts niederzuwerfen, und daß es über die Heiden herrschen solle, und daß die Unseren diesen untertan sein sollen, wo immer sie seien, aber ich weiß nicht, ob sich das jetzt oder in Zukunft ereignen wird. Daher bin ich elendes Weib, das ich nun einmal bin, Dir von Haleb gefolgt, der lieblichsten aller Städte, wo ich durch meine Beobachtungen und sorgfältigen Berechnungen die Sterne am Himmel und die Planeten und die zwölf Tierkreiszeichen beobachtet habe sowie alle möglichen Vorzeichen. In allen fand ich Vorhersagen, daß es den Christen vorherbestimmt sei, uns auf ganzer Linie zu besiegen, und daher fürchte ich das Schlimmste für Dich, mit bitterem Gram, denn vielleicht werde ich leben, um Deiner beraubt zu sein."
    Kerbogha sagte zu ihr: "Liebste Mutter, sagt mir die Wahrheit über gewisse Dinge, welche mein Herz mich nicht glauben lassen wollen." "Gerne, Liebster," sagte sie, "wenn Du mir sagst, was Du nicht verstehst." Er antwortete: "Sind nicht Bohemund und Tankred die Götter der Franken, und befreien nicht sie diese von ihren Feinden? Und verzehren nicht sie zweitausend Kühe und viertausend Schweine bei einem einzigen Mahl?" "Geliebter Sohn," sagte seine Mutter, "Bohemund und Tankred sind sterblich wie alle anderen, aber ihr Gott liebt sie überaus vor allen anderen, und daher verleiht er ihnen herausragenden Mut in der Schlacht. Denn ihr Gott - seinem Namen nach allmächtig - ist es, der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles was auf ihnen ist, dessen Thron im Himmel für die Ewigkeit geschaffen ist, dessen Macht überall gefürchtet werden muß." "Auch wenn es so sein mag," sagte ihr Sohn, "werde ich die Schlacht mit ihnen dennoch nicht abwenden." Als nun seiner Mutter klar war, daß er ihren Ratschlägen keine Beachtung schenkte, war sie außerordentlich traurig; dennoch kehrte sie nach Haleb zurück und nahm alles mit, wessen sie habhaft werden konnte.
    [xxiii] Am dritten Tage nach seiner Ankunft in Antiochien rüstete sich Kerbogha zur Schlacht, und eine große Streitmacht der Türken begleitete ihn und näherte sich der Stadt von der Seite, auf der die Zitadelle stand. Wir, die wir glaubten, ihnen trotzen zu können, schickten uns an zur Schlacht, aber ihre Macht war zu groß, als daß wir ihnen standhalten konnten; also wurden wir in die Stadt zurückgeschlagen. Das Tor war so furchtbar eng und schmal, daß viele im Gedränge zu Tode getrampelt wurden. Den ganzen Tag über, welcher ein Donnerstag war, kämpften einige unserer Leute bis zum Abend außerhalb der Mauern und andere innerhalb. Während sich dies abspielte, ließen sich Wilhelm von Grandmesnil, sein Bruder Aubré, Guy Trousseau und Lambert der Arme, die alle von der Schlacht des Vortages, die bis zum Abend gedauert hatte, gezeichnet waren, heimlich während der Nacht von der Mauer herab und flohen zu Fuß zum Meer, so daß sowohl ihre Hände als auch ihre Füße bis auf die Knochen abgerieben waren. Viele andere, deren Namen ich nicht kenne, flohen mit ihnen. Als sie die Schiffe erreichten, die im Hafen von St. Simeon lagen, sagten sie zu den Seeleuten: "Ihr armen Teufel, warum bleibt Ihr hier? Alle der Unsrigen sind tot, und wir sind selbst nur knapp dem Tod entgangen, denn das türkische Heer belagert die anderen in der Stadt." Als die Seeleute das hörten, waren sie entsetzt und eilten voller Schrecken auf ihre Schiffe und stachen in See. In diesem Augenblick kamen die Türken an und töteten jeden, den sie erwischen konnten. Sie verbrannten die Schiffe, die noch an der Mündung des Flusses lagen, und beschlagnahmten ihre Fracht. Was uns, die wir in Antiochien blieben, betrifft, so konnten wir uns gegen die Angriffe von der Zitadelle aus nicht verteidigen, so daß wir eine Mauer zwischen dieser und uns errichteten und sie Tag und Nacht bewachten. Mittlerweile waren wir so knapp an Lebensmitteln, daß wir unsere Pferde und Esel aßen.
    [xxiiii] Eines Tages, als unsere Fürsten in der Oberstadt vor der Zitadelle standen, bekümmert und besorgt, da trat ein gewisser Priester an sie heran, welcher sprach: "Meine Herren, Ihr werdet erfreut sein, über einer bestimmte Erscheinung in Kenntnis gesetzt zu werden, die mir widerfahren ist. Eines Nachts, als ich in der Kirche der heiligen Maria, der Mutter unseres Herrn Jesus Christus, darnieder lag, erschien mir der Retter der Welt mit seiner Mutter und Sankt Petrus, dem Apostelfürsten, und er stand vor mir und sprach: ‚Kennst Du mich?‘ ‚Nein,‘ sagte ich. Als ich dies gesagt hatte, siehe, da erschien ein ungeteiltes Kreuz hinter seinem Kopf, und der Herr frug mich ein zweites Mal, indem er sprach: ‚Kennst Du mich?‘ Ich antwortete: ‚Wie sollte ich Dich kennen, außer daß ich um Deinen Kopf ein Kreuz wie das von unserem Erlöser sehe.‘ Er antwortete: ‚Ich bin Er.‘ Somit fiel ich ihm zu Füßen, bat ihn ergebenst, uns in der Not, die über uns hereingebrochen war, zu helfen. Der Herr antwortete: Ich habe Euch große Hilfe angedeihen lassen, und ich werde Euch auch in Zukunft helfen. Ich gab Euch die Stadt Nikäa und den Sieg in allen Schlachten, und ich habe Euch hierhergeführt und mit Euch in allen Nöten gelitten, die Ihr während der Belagerung Antiochiens erduldet habt. Siehe da, ich brachte Euch rechtzeitig Hilfe und führte Euch sicher und wohlbehalten in die Stadt Antiochien; Ihr aber befriedigt Eure schmutzigen Gelüste sowohl mit Christinnen als auch mit liederlichen heidnischen Frauen, so daß es übel zum Himmel stinkt.‘ Dann fielen ihm die gnädige Jungfrau und der heilige Petrus zu Füßen, beteten und flehten ihn an, seinem Volk in dieser Not beizustehen, und der heilige Petrus sagte: ‚Herr, die Heiden haben mein Haus so lange besessen und viele unaussprechlich böse Taten darin verübt. Wenn Deine Feinde nun, o Herr, hinausgetrieben werden, wird ein Frohlocken unter den Engeln im Himmel sein.‘ Und der Herr sagte zu mir: ‚Geh‘ und sag‘ zu meinem Volk, daß es zu mir zurückkehren soll, und ich werde zu ihm zurückkehren, und innerhalb von fünf Tagen tatkräftige Hilfe senden. Sie sollen jeden Tag die Antwortstrophe singen: »Denn siehe, die Könige waren zusammengekommen«, zusammen mit dem Lobgesang.‘ Meine Herren, wenn Ihr nicht glaubt, daß dies stimmt, gestattet mir, daß ich auf diesen Turm klettere und mich hinabstürze; bleibe ich unverletzt, glaubt, daß ich die Wahrheit spreche, wenn ich jedoch irgendeinen Schaden nehme, dann enthauptet mich oder werft mich ins Feuer."
    Hierauf gab der Bischof von Le Puy den Befehl, daß die Evangelien und ein Kruzifix gebracht werden sollten, auf welche der Mann die Wahrheit seiner Geschichte beschwören könne; und zusammen beratschlagte unsere gesamte Führung zu jener Stunde darüber, ob sie alle einen Eid ablegen sollten, daß keiner von ihnen, solange er lebe, fliehen würde, weder aus Furcht vor dem Tod noch um auf Rettung seines Lebens zu hoffen. Es wird berichtet, daß Bohemund den Schwur als erster leistete und nach ihm der Graf von Saint-Gilles, Robert von der Normandie, Herzog Gottfried und der Graf von Flandern. Tankred jedoch schwor und gelobte, daß er sich weder von dieser Schlacht noch vom Marsch nach Jerusalem abkehren würde, solange ihm noch vierzig Ritter folgten. Als die Christen von diesem Eid erfuhren, waren sie beträchtlich ermutigt.
    [xxv] Es gab dort in unserem Heer einen gewissen Pilger, der Peter hieß. Bevor wir die Stadt Antiochien einnahmen, erschien ihm der heilige Andreas der Apostel und sagte zu ihm: "Freund, was tuest Du?" Er entgegnete: "Wer bist Du?" Der Apostel antwortete ihm: "Ich bin Andreas der Apostel. Wisse, mein Sohn, daß Du, wenn Du zur Kirche des heiligen Petrus gehst, sowie Du die Stadt betrittst, die Lanze finden wirst, mit der unser Heiland Jesus Christus durchbohrt wurde, als er am Kreuze hing." Während er dies sagte, entschwand der Apostel.
    Peter hatte Angst, die Worte des Apostels zu enthüllen, also wollte er unseren Pilgern nichts davon verraten, weil er dachte, er habe eine Erscheinung gehabt, und er sprach zu dem Heiligen: "Wer wird mir dies glauben, Herr?" Noch in der gleichen Stunde nahm ihn der heilige Andreas und brachte ihn an den Ort, wo die Lanze im Boden versteckt war.
    Später, als wir in der Straße waren, die ich gerade beschrieben habe, erschien der heilige Andreas aufs neue und sprach zu Peter: "Warum hast Du die Lanze nicht aus dem Boden geholt, wie ich Dich hieß? Wisse darum, daß der, der diese Lanze in der Schlacht führt, niemals vom Feind bezwungen werden kann." Darauf enthüllte Peter den Unseren unverzüglich das Geheimnis, welches ihm vom Apostel offenbart wurde. Sie aber glaubten ihm nicht und schickten ihn weg, indem sie sagten: "Wie sollen wir so etwas glauben?" denn sie waren allesamt verschreckt und dachten, sie wären an der Schwelle des Todes; und so ging Peter hin und schwor, daß die ganze Geschichte wirklich stimmte, zumal ihm der heilige Andreas zweimal in einer Vision erschienen sei und zu ihm gesagt hatte: "Erhebe Dich, geh‘ hin und sage dem Volk Gottes, daß es keine Angst haben, sondern von ganzem Herzen fest auf den einen wahren Gott vertrauen möge, und so werden sie überall siegreich sein, und innerhalb von fünf Tagen wird Gott ihnen ein Zeichen senden, welches sie mit Mut und Zuversicht erfüllen wird, so daß ihre Feinde, falls sie kämpfen wollten, alle überwunden werden, sowie sie geschlossen zur Schlacht antreten, und keiner wird ihnen standhalten." Als unsere Leute hörten, daß es ihren Feinden ringsum vorherbestimmt sei, besiegt zu werden, schöpften sie sogleich wieder Mut, und sie begannen sich gegenseitig zu ermuntern, indem sie sprachen: "Laßt uns aufstehen und stark und tapfer sein, denn Gott wird uns bald zu Hilfe kommen, und er wird seinem Volk, auf welches er in der Zeit seiner Heimsuchung darnieder geblickt hat, eine mächtige Zuflucht sein."
    [xxvi] Unterdessen setzten uns die Türken, die droben in der Zitadelle waren, von allen Seiten so kräftig zu, daß sie eines Tages drei unserer Ritter in einem Turm, der sich vor der Festung befand, in die Falle lockten; denn die Heiden hatten einen Ausfall gemacht und griffen uns derart ungestüm an, daß unsere Kräfte ihrer Wucht nicht standhalten konnten. Zwei der Ritter wurden verwundet und kamen aus dem Turm heraus, aber der dritte verteidigte sich den ganzen Tag über mannhaft gegen den türkischen Angriff und focht so tapfer, daß er zwei Türken bei der Annäherung an die Mauer niederhaute, so daß ihm seine Lanzen zerbrachen. An jenem Tag gingen drei Speere in seiner Hand zu Bruch, aber beide Türken wurden getötet. Man nannte ihn Hugo den Berserker, und er gehörte zur Gruppe um Gottfried von Monte Scabioso.
    Als der ehrenwerte Bohemund sah, daß er seine Gefolgsleute durch nichts dazu bewegen konnte, zur Zitadelle heraufzukommen, um zu kämpfen - denn sie blieben kauernd in ihren Häusern, einige vor Hunger und einige aus Angst vor den Türken - , wurde er sehr zornig und gab unverzüglich Befehl, daß derjenige Teil der Stadt, in dem Yaghi Siyans Palast lag, angezündet werden sollte. Als die Menschen in der Stadt dies sahen, verließen sie die Häuser und all ihre Habe und flohen, einige in Richtung Zitadelle, einige auf das Tor zu, welches vom Grafen von Saint-Gilles gehalten wurde, andere zu dem, welches von Herzog Gottfried behauptet wurde - jeder zu den Seinen. In diesem Moment erhob sich plötzlich ein starker Sturmwind, so daß niemand seinen Weg geradeaus wählen konnte. Der weise Bohemund wurde daher sehr betrübt, da er um die Sicherheit von Sankt Petrus sowie der Heiligen Maria und anderer Kirchen fürchtete. Die Gefahr hielt von der dritten Stunde bis Mitternacht an, und nahezu zweitausend Kirchen und Häuser waren niedergebrannt; um Mitternacht jedoch legte sich urplötzlich die ganze Gewalt des Feuers.
    Und so kämpften die Türken, die die Zitadelle behaupteten, gegen die Unsrigen in der Stadt Tag und Nacht, und nur dank der Kraft unserer Arme konnten wir sie uns vom Leibe halten. Als die Unseren einsahen, daß sie dies nicht länger ertragen konnten - denn ein Mann, der Brot holte, hatte keine Zeit, es zu essen, und ein Mann, der Wasser abfüllte, keine Zeit, es zu trinken -, bauten sie eine Mauer aus Stein und Kalk zwischen die Türken und sich und errichteten einen Turm und Katapulte, damit diese geschützt waren.
    In jener Nacht erschien ein Feuer am Himmel, das aus Westen kam, und es kam näher und fiel auf das türkische Heer, zum großen Erstaunen unserer Leute wie auch der Türken. Am Morgen wandten sich die Türken, die sich allesamt vor dem Feuer fürchteten, in Panik zur Flucht und gingen zum Tor meines Herrn Bohemund, wo sie sich niederließen; jene aber, die in der Zitadelle waren, fochten mit den Unsrigen Tag und Nacht, verschossen Pfeile und verwundeten oder töteten sie. Der Rest der Türken belagerte die Stadt von allen Seiten, so daß sich keiner der Unsrigen hinaus- oder hineinwagen konnte, es sei denn bei Nacht und heimlich. Wir wurden daher von diesen Heiden, deren Zahl unzählig war, belagert und bedrückt. Diese blasphemischen Feinde Gottes hielten uns in der Stadt Antiochien so dicht umschlossen, daß viele von uns Hungers starben, denn ein kleiner Laib kostete einen Bezant, und den Preis des Weines kann ich euch nicht nennen. Die Unsrigen aßen das Fleisch von Pferden und Eseln und verkauften es untereinander; ein Huhn kostete fünf Solidi, ein Ei zwei und eine Walnuß einen Denar. Alles war sehr teuer. Die Hungersnot war so furchtbar, daß Menschen die Blätter von Feigen, Reben, Disteln und jeder Art von Bäumen kochten und aßen. Andere schmorten die getrockneten Häute von Pferden, Kamelen, Eseln, Ochsen oder Büffeln und aßen sie. Diese und viele andere Nöte und Ängste, die ich nicht beschreiben kann, erlitten wir in Christi Namen und um die Straße zum Heiligen Grab freizumachen; und wir erduldeten dieses Elend, Hunger und Furcht sechsundzwanzig Tage.
    [xxvii] Nun geschah es, noch ehe Antiochien eingenommen wurde, daß der Feigling Graf Stephan von Chartres, den unsere Fürsten einstimmig zum Oberbefehlshaber gewählt hatten, vorgab sehr krank zu sein, und er zog schmachvoll von dannen zu einer anderen Burg, die Alexandretta heißt. Als wir in der Stadt eingeschlossen waren, jeglicher Hilfe zu unserer Rettung entbehrend, warteten wir täglich darauf, daß er uns Hilfe brächte. Er jedoch, als er gehört hatte, daß uns die Türken umzingelt hätten und belagerten, stieg heimlich auf einen Berg der Umgebung, der in der Nähe Antiochiens lag, und als er mehr Zelte sah, als er zählen konnte, kehrte er voller Schrecken um und zog sich mit seinem Heer hastig davoneilend zurück. Als er sein Lager erreichte, packte er all seine Sachen und ging denselben Weg so schnell er konnte zurück. Später, als er den Kaiser in Philomelium traf, bat er um eine persönliche Unterredung und sprach: "Ich berichte Euch, wie es der Wahrheit entspricht, daß Antiochien zwar eingenommen worden, die Zitadelle jedoch nicht gefallen ist, und unsere Männer alle eingekesselt sind, und ich nehme an, daß sie schon jetzt von den Türken getötet worden sind. Geht daher für den Fall, daß sie Euch und die Männer, die Euch folgen, finden, so schnell Ihr könnt zurück." Daraufhin bekam der Kaiser große Angst und berief Guido, Bohemunds Bruder, und gewisse andere zu einer geheimen Unterredung ein und sprach zu ihnen: "Meine Herren, was sollen wir tun? Alle unsere Verbündeten sind in die Zange genommen, und vielleicht sind sie soeben gestorben oder von Händen der Türken in die Gefangenschaft geführt worden, dem Bericht dieses erbärmlichen Grafen zufolge, der in solch schmachvoller Weise geflohen ist. Wenn ihr einverstanden seid, wollen wir uns schnell zurückziehen, damit nicht auch wir, so wie jene gestorben sind, unversehens den Tod erleiden."
    Als Guido, der ein sehr ehrenwerter Ritter war, diese Lügen vernommen hatte, begannen er und die anderen Tränen zu vergießen und laut zu wehklagen, und ein jeder sagte: "O wahrer dreieiniger Gott, warum hast Du das zugelassen? Warum hast Du gestattet, daß das Volk, welches Dir folgte, in die Hände Deiner Feinde gefallen ist, und jene so schnell vergessen, die den Weg zu Deinem heiligen Grab zu befreien suchten? Bei unserem Glauben, wenn das Wort, welches wir von diesen Schurken gehört haben, stimmt, werden wir und die anderen Christen Dich vergessen und uns niemals mehr Deiner erinnern, noch wird einer von uns sich erdreisten, Dich anzurufen." Dieses Gerede schien dem ganzen Heer so schmerzlich, daß tagelang keiner von ihnen, weder Bischof noch Abt noch Geistlicher oder Laie, sich getraute, Christus namentlich zu nennen. Niemand konnte freilich Guido trösten, der heulte, sich auf die Brust klopfte und die Hände rang, während er schrie: "Wehe mir, Bohemund mein Herr, Zierde und Stolz der ganzen Welt, den alle Welt fürchtete und liebte! Wehe mir, so voller Sorgen wie ich bin! Ich bin zu meinem Unglück noch nicht einmal für würdig befunden worden, Eure höchst ehrenwerte Erscheinung zu Gesicht zu bekommen, obwohl es nichts gibt, was ich mehr wünschte. Wer nur gibt mir jetzt Gelegenheit, für Euch zu sterben, mein liebenswerter Freund und Herr. Warum bin ich nicht gleich gestorben, als ich dem Schoß meiner Mutter entsprang? Wozu habe ich gelebt, um diesen verfluchten Tag zu erleben? Warum bin ich nicht im Meer ertrunken oder von meinem Pferd gefallen und habe mir das Genick gebrochen, so daß ich sofort hätte sterben können? O wäre ich doch nur so glücklich gewesen, mit Euch den Märtyrertod zu erleiden, so daß ich Euren ruhmreichen Tod hätte mitansehen können!" Und als ein jeder sich anschickte, ihn zu trösten, damit er mit seinem Lamentieren aufhöre, riß er sich zusammen und sagte: "Möglicherweise glaubt Ihr diesem feigen alten Narren von einem Ritter? Ich sage Euch, ich habe nie von irgendwelchen ritterlichen Taten gehört, wie er sie vollbracht hat. Wenn ein Schurke sagt, er sei schändlich und ehrlos wie ein Schuft und ein Elender zurückgewichen oder was auch immer, so könnt Ihr sicher sein, daß es erlogen ist."
    Inzwischen ließ der Kaiser an sein Heer Anweisungen ergehen, in denen er sagte: "Geht und begleitet all die Menschen aus diesem Land nach Bulgarien, schaut nach und zerstört alles im Lande, so daß die Türken, falls sie denn kommen, überhaupt nichts mehr hier vorfinden." So zogen sich unsere Freunde wohl oder übel zurück, grämten sich bitterlichst, selbst bis auf den Tod, und viele der kranken Pilger starben, weil sie nicht die Kraft dazu hatten, dem Heer zu folgen; daher legten sie sich am Straßenrand nieder, um zu sterben. Alle anderen kehrten nach Konstantinopel zurück.
    [xxviii] Wir indes, die wir die Worte des Mannes hörten, der uns die Botschaft Christi durch die Worte seines Apostels überbrachte, eilten sofort an jenen Ort in der Sankt-Peters-Kirche, den er beschrieben hatte, und dreizehn Männer gruben dort von morgens bis abends. Und so fand jener Mann die Lanze, wie er es vorhergesagt hatte, und sie alle nahmen es mit großer Freude, aber auch mit Angst auf, und in der ganzen Stadt herrschte grenzenlose Heiterkeit. Von jener Stunde an faßten wir den Entschluß zu einem Angriff, und unsere gesamten Führungskräfte berieten sich sogleich und vereinbarten, einen Boten zu den Feinden Christi, den Türken, zu schicken, so daß dieser sie, selbstsicher auftretend, mit Hilfe eines Übersetzers ausfragen könne, warum sie so großspurig gewesen seien, ins Land der Christen einzudringen und dort ein Lager aufzuschlagen, und warum sie die Diener Christi töteten und tyrannisierten. Als sie ihre Beratung beendet hatten, stießen sie auf zuverlässige Männer, Peter den Eremiten und Herliun, und sprachen zu ihnen: "Geht zum verfluchten Heer der Türken und übermittelt ihnen die gesamte Botschaft in vollem Wortlaut, indem ihr sie fragt, warum sie so unbesonnen und großspurig gewesen sind, unser Land zu besetzen, welches den Christen und uns gehört." Nachdem ihnen diese Mitteilung ausgehändigt worden war, entfernten sich unsere Gesandten und gelangten zu jener blasphemischen Gesellschaft, wo sie Kerbogha und den anderen die gesamte Nachricht mit folgenden Worten überbrachten: "Unsere Fürsten und Befehlshaber sind schockiert mitanzusehen, daß ihr so kühn und angeberisch gewesen seid, in dieses Land einzudringen, welches den Christen gehört und das ihrige ist. Vielleicht seid Ihr - wie wir vermuten und glauben – in voller Überzeugung hierhergekommen, um getauft zu werden? Oder seid Ihr gekommen, um Euch auf jede nur erdenkliche Art zu einem Ärgernis der Christen zu machen? Auf jeden Fall verlangen unsere Führer einstimmig, daß ihr Euch schnell aus dem Land, welches Gott und den Christen gehört, davonmacht, denn der heilige Petrus hat es vor langer Zeit durch sein Predigen zum Glauben Christi bekehrt. Dennoch erteilen sie Euch Erlaubnis, all Eure Waren, Pferde und Maultiere, Esel und Kamele von dannen zu bringen und Eure Schafe und Ochsen und anderen Habseligkeiten mitzunehmen, wohin Ihr Euch auch wendet."
    Hierauf war Kerbogha, der oberste Heerführer des Sultans von Persien, einschließlich all seiner Berater, von Hochmut erfüllt, und zornig antwortete er: "Weder wollen wir Eueren Gott noch lieben wir Euer Christentum, und wir spucken auf Euch und auf sie. Wir sind hierhergekommen, weil wir empört sind bei dem Gedanken, daß jene Führer und Befehlshaber, die Ihr erwähnt, Anspruch erheben auf das Land, welches wir von einem verweichlichten Volk erobert haben. Wollt ihr unsere Antwort wissen? Dann geht zurück, so schnell Ihr könnt, und sagt Euren Führern, daß wir ihnen dieses Land und mehr noch geben werden, mit Städten und Burgen, so daß keiner von Euch Fußsoldat bleiben muß, sondern Ihr alle zu Rittern werdet wie wir, wenn sie alle Türken werden wollen und dem Gott, den Ihr mit gebeugten Knien anbetet, abschwören, und sie sich Euerer Gesetze entledigen; und sagt ihnen, daß wir sie immer zu unseren engsten Freunden rechnen werden. Andernfalls sollen sie wissen, daß sie alle erschlagen oder in Ketten nach Khorasan geführt werden, wo sie uns und unseren Kindern auf ewige Zeiten in immerwährender Knechtschaft dienen müssen."
    Unsere Kundschafter kamen alsbald zurück und berichteten alles das, was dieses im höchsten Grade grausame Volk zu ihnen gesagt hatte. Man sagt, daß Herluin beide Sprachen beherrschte, und daß er den Übersetzer für Peter den Eremiten machte. Während all dies geschah, wußten unsere Leute nicht, was sie tun sollten, denn sie hatten Angst, zwischen zwei Übeln wählen zu müssen, den Qualen des Hungers und der Furcht vor den Türken.
    [xxix] Nachdem drei Tage mit Fasten und Prozessionen von einer Kirche zur anderen vergangen waren, beichteten die Unseren ihre Sünden und erhielten Absolution, und kraft ihres Glaubens empfingen sie in der Kommunion den Leib und das Blut Christi, und sie gaben Almosen und ließen Messen zelebrieren. Hierauf wurden von denen, die in der Stadt waren, sechs Schlachtreihen aufgestellt. In der ersten Reihe, der Vorhut, befanden sich Hugo der Große mit den französischen Truppen und der Graf von Flandern; in der zweiten Herzog Gottfried und seine Leute; in der dritten der Normanne Robert mit seinen Rittern; in der vierten der Bischof von Le Puy, der die Lanze unseres Erlösers trug und der sowohl seine eigenen Leute als auch die von Graf Raimund von Saint-Gilles mitführte, der aus Furcht, daß die Türken in die Stadt herabkommen würden, auf dem Berg zurückblieb, um die Zitadelle zu bewachen; in der fünften Tankred mit den Seinen; in der sechsten Bohemund mit seinem Heer. Unsere Bischöfe und Priester, Geistlichen und Mönche legten ihre geweihten Meßgewänder an und kamen Kreuze tragend mit uns heraus, beteten und flehten zu Gott, daß er uns retten und von allem Bösen bewahren und es von uns fernhalten möge, während andere mit geweihten Kreuzen in der Hand über dem Tor standen, wobei sie sich bekreuzigten und uns segneten. So schlossen wir unsere Reihen, und vom Kreuzeszeichen beschirmt schritten wir durch das Tor, welches gegenüber der Moschee liegt.
    Als Kerbogha die fränkischen Abteilungen so sauber aufgereiht eine nach der anderen herauskommen sah, sagte er: "Sollen sie nur kommen, desto sicherer werden wir sie in unsere Gewalt bekommen." Nachdem sie aber alle aus der Stadt draußen waren und er sah, wie groß die Streitmacht der Franken war, bekam er große Angst. Daraufhin befahl er dem Emir, der die Verantwortung für das Heer trug, daß dieser, falls er in der Vorhut ein Feuer entzündet sähe, das ganze Heer unverzüglich auffordern solle, sich zurückzuziehen, weil er dann wisse, daß die Türken die Schlacht verloren hätten.
    Schnurstracks begann sich Kerbogha ein Stück des Wegs in Richtung Gebirge zurückzuziehen, und die Unsrigen folgten ihm. Dann teilte sich das türkische Heer auf; ein Flügel bewegte sich in Richtung Meer und der andere verblieb in seiner Stellung, wobei sie hofften, die Unseren zu umzingeln. Als unsere Führer dies sahen, taten sie ein Gleiches und improvisierten eine siebte Reihe aus den Kräften Herzog Gottfrieds und des Grafen von der Normandie. Das Kommando über diese Abteilung, die sie aussandten, um den Türken, die aus Richtung Meer heraufkamen, entgegenzutreten, wurde Graf Rainald übertragen. Die Türken nahmen den Kampf mit ihnen auf und töteten viele der Unseren mit ihren Pfeilen. Mittlerweile wurden andere türkische Kräfte zwischen dem Fluß und dem Berg, der zwei Meilen entfernt liegt, aufgezogen, und auf jedem Flügel begannen sich Truppen zu zeigen, die die Unseren umschwärmten, Geschosse schleuderten, Pfeile verschossen und sie verwundeten.
    Dann tauchte von den Bergen herab eine unzählige Schar von Männern auf Schimmeln auf, deren Banner allesamt weiß waren. Als die Unseren dies sahen, verstanden sie nicht, was vorging oder wer diese Männer sein könnten, bis sie erkannten, daß dies der Beistand war, den Christus schickte, und daß die Führer der heilige Georg, der heilige Mercurius und der heilige Demetrius waren. Dies ist wirklich wahr, denn viele der Unseren beobachteten es.
    Als sie sahen, daß sie uns nicht länger standhalten konnten, steckten die Türken, die sich auf dem in Richtung Meer sich erstreckenden Flügel befanden, inzwischen das Gras in Brand, so daß ihre Gefährten, welche im Lager waren, es möglicherweise sehen und fliehen konnten. Jene erkannten das Signal, packten all ihre Wertsachen und wandten sich zur Flucht. Die Unseren bahnten sich allmählich ihren Weg nach vorn in Richtung des türkischen Hauptheeres zum Lager hin. Herzog Gottfried, der Graf von Flandern und Hugo der Große ritten entlang des Flußufers, wo die stärksten türkischen Kräfte massiert waren, und sollten als erste, vom Kreuzeszeichen beschirmt, einen Gegenangriff auf den Feind richten. Als unsere restlichen Truppen dies sahen, griffen sie in gleicher Weise an, und die Perser und Türken begannen aufzuschreien. Und so riefen wir den wahren und lebendigen Gott an und ritten auf sie los, begannen im Namen Jesu Christi und des Heiligen Grabes den Kampf, und mit Gottes Hilfe schlugen wir sie.
    Die Türken flohen vor Schreck, und wir verfolgten sie bis in ihr Lager hinauf, denn die Ritter Christi waren mehr darauf begierig, sie zu jagen, als nach irgendeiner Beute Ausschau zu halten, und die Verfolgung setzte sich bis zur Orontes-Brücke hinaus fort und in der anderen Richtung bis zur Burg Tankreds. Der Feind ließ seine großen Zelte zurück mit Gold und Silber und vielem Mobiliar sowie auch Schafe, Ochsen, Pferde, Maultiere, Kamele und Esel, Korn, Wein, Mehl und vieles andere, dessen wir dringend bedurften.
    Sowie sie hörten, daß wir die Türken besiegt hätten, strömten die Armenier und Syrer, die in diesem Gebiet lebten, auf das Gebirge zu, um ihnen den Rückzug abzuschneiden, und töteten jeden von ihnen, den sie erwischten. Wir kehrten unter großer Freude in die Stadt zurück, lobten und rühmten Gott, der seinem Volk den Sieg verliehen hatte.
    Als der Emir, in dessen Obhut die Zitadelle war, Kerbogha und alle anderen vor dem fränkischen Heer vom Schlachtfeld fliehen sah, bekam er große Angst, und er kam mit großer Eile herbei und bat um ein fränkisches Banner. Der Graf von Saint-Gilles, der dort außerhalb der Zitadelle Wache hielt, ließ auf seinen Befehl hin sein eigenes Banner dem Emir aushändigen, welcher es nahm und behutsam auf seinem Turm entfaltete. Einige Langobarden, die dabeistanden, sagten gleich: "Dies ist nicht Bohemunds Banner." Der Emir frug sie und sagte: "Wessen ist es?" und sie antworteten: "Es gehört dem Grafen von Saint-Gilles." Der Emir kam herbei und nahm das Banner ab und gab es dem Grafen zurück, und just in dem Augenblick kam der edle Bohemund heran und überreichte ihm sein eigenes Banner, welches jener mit großer Freude entgegennahm. Er traf mit meinem Herrn Bohemund eine Übereinkunft, daß diejenigen Heiden, die getauft zu werden wünschten, sich seiner Gruppe anschließen könnten, und daß er denen, die abziehen wollten, gestatten möge, unbeschadet und unbehelligt wegzugehen. Bohemund war mit den Bedingungen des Emirs einverstanden und belegte die Zitadelle unverzüglich mit seinen Gefolgsleuten. Nur wenige Tage darauf wurde der Emir getauft, zusammen mit denen, die es vorzogen, das Christentum anzunehmen, und mein Herr Bohemund ließ jene, die an ihren eigenen Gesetzen festhalten wollten, ins Land der Sarazenen eskortieren.
    Die Schlacht wurde am 28. Juni, dem Vorabend der Apostel Petrus und Paulus, ausgetragen, unter der Herrschaft unseres Herrn Jesus Christus, dem Ruhm und Ehre gebührt in alle Ewigkeit. Amen.

Hier endet das neunte Buch, und das zehnte Buch beginnt.

 

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