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VIII
[xix] Um diese Zeit waren den Türken alle
Wege verschlossen und versperrt, außer jenem über den Fluß, wo
sich eine Burg und auch ein Kloster befanden. Wenn es uns hätte
gelingen können, diese Burg stärker zu befestigen, hätte es
kein Feind gewagt, aus dem Stadttor herauszukommen. Also saßen
die Unseren zu Rate und faßten einen einstimmigen Beschluß, der
lautete: "Wir wollen einen aus unserer Mitte wählen, der
imstande ist, die Burg fest zu verteidigen, und unsere Feinde von
den Bergen und dem Flachland fernhalten und sie daran hindern, in
der Stadt ein und aus zu gehen. Da war Tankred der erste, der
sich unter den anderen nach vorne drängte und sprach: "Wenn
ich erfahren darf, welcher Lohn mir zuteil wird, werde ich die
Burg mit meinen Gefolgsleuten aufs beste bewachen, und ich werde
alles Menschenmögliche tun, um den Weg zu sperren, von dem aus
unsere Feinde ihre grausamen Angriffe am häufigsten
beginnen." Der Rat bot ihm sofort vierhundert Mark Silber.
Somit hielt er sich nicht länger auf, sondern erhob sich
unverzüglich mit seinen besten Rittern und Gefolgsleuten und
versperrte den Türken sogleich die Wege, so daß sich keiner von
ihnen, zumal sie große Angst vor ihm hatten, aus dem Stadttor
herauswagte, weder um Futter noch Holz noch etwas anderes zu
holen, das sie brauchten. Tankred blieb dort mit seinen Männern
und begann über die Stadt eine feste Blockade zu verhängen. Am
selben Tag kam eine Unzahl von Armeniern und Syrern, die Vorräte
für die Türken mitführten, sorglos das Gebirge herabgestiegen,
um jenen, die in der Stadt belagert wurden, zu helfen. Tankred
fing sie ab und nahm sie mitsamt ihrer Habe Korn, Wein,
Gerste, Öl und anderes solches in Gewahrsam. Er war
derart ungestüm und hatte solches Glück, daß es ihm gelang,
den Türken alle Pfade verriegelt und versperrt zu halten, bis
Antiochien eingenommen war.
Ich kann euch nicht alles berichten, was wir
taten, bis daß die Stadt fiel, denn es gibt in diesem Land weder
Geistliche noch Laien, die die ganze Geschichte aufschreiben
könnten oder sie so schildern, wie sie wirklich passiert ist.
Gleichwohl will ich euch ein wenig davon erzählen.
[xx] Da war ein gewisser Emir türkischer
Abstammung namens Phirus, der mit Bohemund eine innige
Freundschaft angeknüpft hatte. Bohemund pflegte oft Boten an ihn
zu schicken, wobei er ihm etwa ausrichten ließ, ob er ihn nicht
im Namen der Freundschaft in die Stadt einlassen wolle, und er
versprach Phirus umgekehrt, daß er ihn gern zum Christentum
bekehren und dafür sorgen wolle, daß ihm Reichtümer und große
Ehrungen zuteil würden. Phirus war einverstanden und nahm die
versprochenen Vergünstigungen an, indem er sagte: "Ich bin
Aufseher dreier Türme, für die ich Bohemund uneingeschränkt
mein Zusage mache, und ich werde ihn in diese einlassen, welche
Zeit er auch immer dafür vorsieht." Als sich Bohemund
schließlich sicher war, daß er in die Stadt hineingelangen
könne, war er frohes Mutes und kam gelassen und zufrieden mit
sich in den Rat der Fürsten und sprach scherzend zu ihnen:
"Trefflichste Ritter, Ihr seht, daß wir uns alle, sowohl
Große als Kleine, in entsetzlicher Armut und im Elend befinden,
und wir wissen nicht, wann wir Besseres erfahren. Wenn Ihr es
also für einen guten und gerechten Plan haltet, so sich einer
von uns unter der Bedingung, daß er die Stadt einnehmen oder
ihren Fall durch irgendwelche Maßnahmen, sei es kraft seiner
selbst oder durch andere, bewerkstelligen kann, über die anderen
stellt, wollen wir uns alle damit einverstanden erklären, sie
ihm zu übergeben." Die anderen Fürsten weigerten sich
einhellig und wiesen ihn zurück, indem sie sagten: "Diese
Stadt soll nicht einem allein zugesprochen werden, sondern wir
werden sie zu gleichen Verhältnissen aufteilen; da wir die
gleiche Mühe gehabt haben, wollen wir auch die gleiche Stellung
bekleiden." Als Bohemund diese Worte vernahm, schaute er
weniger erfreut drein und ging auf der Stelle weg.
Nicht lange danach erhielten wir Nachricht
über ein feindliches Heer, das sich aus Türken, Paulikanern,
Agulanen und Azymiten und vielen anderen Völkern zusammensetzte.
Unsere Fürsten traten sofort alle zusammen und berieten sich,
wobei sie meinten: "Wenn Bohemund diese Stadt einnehmen
kann, egal ob nun er selbst oder mit Hilfe anderer, wollen wir
sie ihm danach bereitwillig übergeben unter der Bedingung, daß
wir sie, wie es sich gehört, dem Kaiser zurückgeben für den
Fall, daß er uns zu Hilfe eilt und allen seinen Verpflichtungen,
die er versprochen und feierlich gelobt hat, nachkommt.
Andernfalls soll Bohemund sie seiner Gewalt unterstellen."
Somit begann Bohemund nun seinem Freund täglich die inständige
Bitte vorzutragen, wobei er die schmeichlerischsten,
umfassendsten und verlockendsten Versprechungen machte, indem er
sagte: "Bedenkt doch, wir haben nun die Gelegenheit, jede
beliebige gute Tat zu vollbringen, wie auch immer diese geartet
sein mag, gewährt mir daher, Freund Phirus, Eure Hilfe
jetzt." Phirus war über die Nachricht erfreut und sagte,
daß er Bohemund jede erdenkliche Hilfe gewähren würde, die er
zwangsläufig geben müsse, und in der nächsten Nacht sandte er
insgeheim seinen Sohn als Unterpfand zu ihm, um ihm größeres
Vertrauen einzuflößen, daß er in die Stadt eindringen solle.
Er gab ihm auch Nachricht, daß das gesamte fränkische Heer am
morgigen Tag aufgeboten werden und vorgeben sollte, auszuziehen
und das Land der Sarazenen zu plündern, daß es jedoch später
umkehren und schnell über das westliche Gebirge zurückkehren
solle. "Und ich", sagte er, "werde nach diesen
Truppen sehr sorgfältig Ausschau halten, und ich werde ihnen
Zutritt zu den Türmen gewähren, die ich in meiner Gewalt und
unter meiner Obhut habe." Dann schickte Bohemund rasch nach
einem seiner Gefolgsleute, der den Spitznamen "Male
Couronne" trug, und befahl ihm, als Herold loszuziehen, um
eine große Streitmacht aus Franken aufzubieten, die sorgfältige
Vorbereitungen treffen solle, um ins Land der Sarazenen zu gehen,
und Male Couronne tat dies. Bohemund vertraute seinen Plan Herzog
Gottfried und dem Grafen von Flandern, dem Grafen von
Saint-Gilles und dem Bischof von Le Puy an, indem er zu ihnen
sprach: "Mit Gottes Willen wird uns Antiochien noch in
dieser Nacht verraten werden."
Sämtliche Vorkehrungen wurden auf diese Art
getroffen. Die Ritter zogen über das flache Land davon und die
Fußsoldaten über die Berge, und sie ritten und marschierten die
ganze Nacht bis in die Dämmerung, als sie sich den Türmen
näherten, über die Phirus, der die ganze Nacht Ausschau
gehalten hatte, die Aufsicht führte. Bohemund stieg daraufhin
unverzüglich ab und sagte zu seinen Mannen: "Gehet frohen
Mutes und in glücklicher Eintracht und erklimmet die Leiter nach
Antiochien hinein, denn mit Gottes Willen werden wir es im
Handumdrehen in unserer Gewalt haben." Die Männer kamen an
die Leiter, die schon aufgestellt und sicher an den Zinnen der
Stadt festgemacht war, und ungefähr sechzig von ihnen stiegen
hinauf und besetzten die Türme, über die Phirus gebot. Als
Phirus jedoch sah, wie wenige unserer Leute heraufgekommen waren,
bekam er Angst und fürchtete, daß er und sie in die Hände der
Türken fallen könnten, und er sagte auf Griechisch:
"Micró Francos echomé (was heißt: "Es sind Eurer nur
wenige Franken."). Wo ist der Held Bohemund? Wo ist jener
unbesiegte Krieger?" Unterdessen stieg ein gewisser
Dienstmann aus der südlichen Lombardei die Leiter hinab und
rannte so schnell er konnte zu Bohemund, dem er zurief:
"Warum steht Ihr hier, Herr, wenn Ihr noch bei Verstand
seid? Um was zu besitzen seid Ihr gekommen? Seht doch! Wir haben
schon drei Türme genommen!" Bohemund und die anderen
tummelten sich, und alle kamen sie erfreut darüber an die
Leiter. Als die, die in den Türmen waren, sie sahen, fingen sie
an, vergnügt auszurufen: "Gott will es!", und wir
riefen dieselben Worte zurück. Nun begann eine erstaunliche Zahl
von Männern zu klettern; sie stiegen hinauf und rannten
geschwind zu den anderen Türmen. Wen immer sie dort antrafen,
beförderten sie sofort zum Tode, wobei sie unter diesen auch
Phirus Bruder töteten. Mittlerweile geschah es, daß die
Leiter, über welche unsere Männer hochgeklettert waren, brach,
so daß wir in eine unendlich mißliche Lage gebracht wurden, die
uns Sorge bereitete. Indes gab es, trotzdem die Leiter gebrochen
war, ein Tor nicht weit von uns zu unserer Linken; aber es war
verschlossen, und einige von uns wußten nicht, wo es war, denn
es war noch dunkel. Dennoch fanden wir es zufällig, indem wir
mit den Händen danach suchten und herumtasteten; und alle liefen
darauf zu, und schon rissen wir es auf und drangen ein.
In diesem Augenblick erhob sich das Gekreische
unzähliger Leute, die einen gewaltigen Lärm in der ganzen Stadt
verbreiteten. Bohemund verschwendete darüber keine Zeit, sondern
ließ sein ruhmreiches Banner auf einem Hügel gegenüber der
Zitadelle hissen. Alle, die in der Stadt waren, schrien sogleich
auf. Im Morgengrauen hörten die Unseren, die draußen in den
Zelten waren, ein unglaubliches Getöse in der Stadt losbrechen,
also eilten sie hinaus und sahen Bohemunds Banner hoch oben auf
dem Hügel. Sie kamen gerannt, so schnell sie konnten, und
drängten sich durch die Stadttore, töteten alle Türken und
Sarazenen, die sie dort antrafen, außer denen, die hinauf in die
Zitadelle flüchteten. Einige andere Türken entfernten sich
durch die Tore und retteten ihr Leben durch Flucht. Ihr Führer
Yaghi Siyan, der vor den Franken große Angst hatte, ergriff mit
vielen Begleitern Hals über Kopf die Flucht, und als sie flohen,
gelangten sie auf Tankreds Gebiet unweit der Stadt. Ihre Pferde
waren erschöpft, daher betraten sie eines der Dörfer und
versteckten sich in einem Haus. Als die Leute, die an diesem Berg
wohnten - es waren Syrer und Armenier - erfuhren, wer der Flüchtling war, nahmen
sie ihn sogleich gefangen und schnitten ihm den Kopf ab, welchen
sie meinem Herrn Bohemund als Lohn für ihre Befreiung brachten.
Sein Gürtel und seine Scheide waren sechzig Byzanti wert.
All das ereignete sich am dritten Juni,
welcher ein Donnerstag war. Sämtliche Straßen der Stadt waren
auf beiden Seiten voller Leichen, so daß es wegen des Gestanks
keiner hier aushalten konnte; auch kam keiner auf den engen Wegen
der Stadt voran, es sei denn, über die Leichen der Toten.
Hier endet das achte Buch und es beginnt das
neunte.
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