|
[Home] [Startseite] [Zoom]
VI
[xiiii] Während sich dies ereignete,
hörten die Türken, die Feinde Gottes und der heiligen
Christenheit, welche die Besatzung der Stadt Antiochien stellten,
daß sich mein Herr Bohemund und der Graf von Flandern nicht beim
Belagerungsheer aufhielten. Daher wagten sie einen Ausfall und
kamen frech aus der Stadt heraus, um sich mit den Unsrigen zu
messen; sie spürten diejenigen Stellen auf, wo die Belagerer am
schwächsten waren, denn sie wußten, daß einige der tapfersten
Ritter nicht da waren, und sie bekamen heraus, daß sie uns
nächsten Dienstag gewachsen wären und Schaden zufügen konnten.
Diese elenden Barbaren kamen mit List heran und griffen uns
überraschend an, wobei sie viele Ritter und Fußsoldaten, die
nicht auf der Hut waren, töteten. An diesem schmerzensreichen
Tag verlor der Bischof von Le Puy seinen Seneschall, der sein
Banner trug und es beaufsichtigte, und wenn nicht ein Fluß
zwischen uns und unseren Feinden gewesen wäre, hätten sie uns
noch öfters angegriffen und unseren Leuten größtes Leid
zugefügt.
Gerade in diesem Augenblick kam der tapfere
Bohemund mit seinem Heer aus dem Land der Sarazenen zurück, und
er rückte über Tankreds Berg heran, weil er noch etwas finden
zu können hoffte, was fortgeschafft werden konnte, denn die
Unseren hatten bereits das ganze Land ausgeplündert. Einige aus
seiner Gefolgschaft hatten Beute gemacht, andere jedoch kamen mit
leeren Händen zurück. Daraufhin rief der vornehme Bohemund den
Ausreißern aus unserem Lager nach: "Ihr elenden und
erbärmlichen Kreaturen! Ihr Abschaum der ganzen Christenheit!
Warum wollt Ihr so schnell aufgeben? Bleibt endlich stehen!
Haltet ein, bis wir alle Kräfte vereint haben, und stürzt nicht
drauf los wie Schafe ohne Hirten! Wenn Euch unsere Feinde
überall herumlaufen sehen, werden sie Euch töten, denn sie
liegen Tag und Nacht auf der Lauer, um Euch führerlos oder
alleine zu erwischen, und sie versuchen ohnehin beständig, Euch
zu töten oder in die Gefangenschaft zu führen." Als er
dies gesagt hatte, kehrte er mit seiner Mannschaft ins Lager
zurück, doch es kehrten unter ihnen mehr mit leeren Händen
zurück als solche, die mit Beute beladen waren.
Die Armenier und Syrer, die sahen, daß unsere
Männer mit fast keinen Vorräten zurückgekommen waren, berieten
sich untereinander und gingen auf bekannten Pfaden über die
Berge, zogen sorgfältig Erkundigungen ein und kauften alles
Getreide und alle Vorräte auf, die sie dann ins Lager brachten,
in welchem eine schreckliche Hungersnot herrschte; und sie
verkauften eine Ladung, wie ein Esel sie tragen konnte, für etwa
acht Hyperperoi, was in unserem Geld hundertzwanzig Denaren
entspricht. Viele unserer Leute starben dort, weil sie die Mittel
nicht hatten, um zu einem solch teueren Preis einzukaufen.
[xv] Aufgrund von diesem großen Leid und
Elend stahlen sich Wilhelm der Zimmermann und Peter der
Einsiedler heimlich davon. Tankred verfolgte die beiden, fing sie
ein und brachte sie schmachbeladen zurück. Sie gaben ihm ein
Pfand und leisteten ihm einen Eid, daß sie bereit waren, ins
Lager zurückzukehren und den Fürsten Rechenschaft abzulegen.
Wilhelm verbrachte die ganze Nacht im Zelt meines Herrn Bohemund;
er lag auf dem Boden wie ein Haufen Kehricht. Am nächsten
Morgen, bei Tagesanbruch, wurde er vorgeführt und stand, rot vor
Scham, vor meinem Herrn Bohemund. Bohemund sagte zu ihm: "Du
erbärmliche Blamage für das gesamte fränkische Heer Du
ehrloser Schandfleck, der auf allen Menschen Galliens lastet! Du
verhaßtester aller Menschen, welche die Erde noch gebären muß,
warum liefest Du auf solch schmachvolle Weise davon? Ich nehme
an, daß Du an diesen Rittern und am christlichen Lager Verrat
üben wolltest, genauso wie Du damals jene in Spanien verraten
hast?" Wilhelm blieb ruhig, und kein Wort kam ihm über die
Lippen. Nahezu alle Franken versammelten sich und baten meinen
Herrn Bohemund demütig, ihm keine harte Bestrafung zuteil werden
zu lassen. Er gewährte ihre Bitte, ohne dabei zornig zu werden,
und sagte: "Ich will es großmütig versprechen aufgrund der
Liebe, die ich zu Euch hege, vorausgesetzt, der Mann schwört von
ganzem Herzen und aus Überzeugung, daß er nie vom Weg nach
Jerusalem abschwenkt, weder im Guten noch im Schlechten, und
Tankred soll schwören, daß er ihm weder selbst irgend etwas
Böses antut noch seinen Männern gestattet, derartiges zu
tun." Als Tankred diese Worte hörte, war er einverstanden,
und darauf schickte Bohemund den Zimmermann weg; später dann
wand er sich heraus, denn er war zutiefst beschämt.
Gebe Gott, daß wir diese Armut und dieses
Elend um unserer Sünden willen erdulden! Im ganzen Lager konnte
man keine tausend Ritter finden, die es geschafft hätten, ihre
Pferde bei echt guter Verfassung zu halten.
[xvi] Während sich all dies vor zutrug,
gestand unser Feind Tatikios ein, daß er Angst gehabt hatte, wie
er hörte, daß das türkische Heer uns angegriffen hätte, daß
wir alle umgekommen und in die Hände des Feindes gefallen seien.
So erzählte er alle möglichen Lügengeschichten und sagte:
"Meine Herren und edlen Ritter, Ihr seht, daß wir uns hier
in großer Pein befinden, und daß uns keine Verstärkungen aus
jedweder Richtung erreichen können. Laßt mich deshalb in das
Land Rum zurückkehren, und ich werde mich dafür verbürgen,
daß Euch unverzüglich Schiffe in großer Zahl über das Meer
gesandt werden, die mit Getreide, Wein, Starkbier, Fleisch, Mehl,
Käse und allen erdenklichen Vorräten beladen sind, die wir
brauchen. Ich werde auch Pferde zum Verkauf hierherbringen lassen
und werde dafür sorgen, daß Waren unter dem sicheren Geleit des
Kaisers auf dem Landweg hergebracht werden. Seht, ich werde Euch
eidlich fest versichern, all das zu tun, und ich werde mich
selbst darum kümmern. Unterdessen sollen mein Haushalt und mein
großes Zelt im Lager verbleiben als ein sicheres Faustpfand,
daß ich zurückkommen werde, sobald ich kann."
Damit beendete dieser unser Feind seine
Ansprache. Er ließ all seinen Besitz im Lager zurück; aber er
ist ein Lügner und wird immer einer bleiben. Wir wurden daher in
der schlimmsten Not zurückgelassen, da uns die Türken von
überall her peinigten, so daß keiner unserer Männer es wagte,
das Lager zu verlassen. Die Türken bedrohten uns auf der einen
Seite, und Hunger peinigte uns auf der anderen, und es gab
niemanden, der uns hätte helfen oder Unterstützung bringen
können. Die Fetten und Feisten flohen zusammen mit denen, die
sehr arm waren, nach Zypern oder Rum oder ins Gebirge. Wir
getrauten uns nicht, zum Meer hinabzugehen, aus Furcht vor diesen
Scheusalen von Türken, und es gab keine Straße, die uns nach
irgendwohin offengestanden wäre.
[xvii] Als dann mein Herr Bohemund Gerüchte
hörte, daß eine riesige türkische Streitmacht im Begriff war
uns anzugreifen, überdachte er das Ganze und ging zu den anderen
Fürsten, zu denen er sprach: "Meine Herren und tapferen
Ritter, was sollen wir tun? Wir sind nicht genügend an Zahl, um
an zwei Fronten zu kämpfen. Wißt Ihr vielleicht, was wir tun
könnten? Wir könnten unsere Kräfte zweiteilen; das Fußvolk
bleibt geschlossen hier, um die Zelte zu bewachen und jene, die
in der Stadt sind, soweit es geht im Zaum zu halten. Die Ritter
könnten in einer zweiten Schar gegen unsere Feinde ausziehen,
die sich unweit von hier bei der Burg Aregh hinter der
Orontes-Brücke lagern."
An jenem Abend verließ der tapfere Bohemund
mit weiteren stattlichen Rittern das Lager und bezog zwischen dem
Fluß und dem See Stellung. In der Dämmerung befahl er seinen
Fährtenlesern, unverzüglich hinauszugehen und die Anzahl der
türkischen Abteilungen auszukundschaften und wo sie sich
befänden und sich davon zu überzeugen, was sie täten. Die
Fährtensucher gingen daran, sorgfältige Erkundigungen darüber
einzuziehen, wo sich das türkische Heer denn verbarg, und sie
entdeckten eine Unmenge von Feinden, welche den Fluß in zwei
Scharen heraufzogen, wobei ihnen das Hauptheer folgte. Deswegen
kehrten die Fährtensucher eilends um und berichteten:
"Seht, seht, sie kommen! Macht Euch bereit, denn sie sind
fast schon über uns!" Der tapfere Bohemund sagte zu den
anderen Fürsten: "Meine Herren und unbesiegten Ritter,
stellt Eure Schlachtreihen auf!" Diese antworteten:
"Ihr seid mutig und kampferprobt, ein großer Mann von gutem
Ruf, entschlossen und vom Glück begünstigt, und Ihr wißt, wie
man eine Schlacht schlägt und wie Ihr Eure Kräfte einteilen
müßt; also übernehmt Ihr das Kommando, und möge die
Verantwortung in Euren Händen ruhen. Tut, was immer Euch
gutdünkt, sowohl Euch selbst als auch uns zuliebe."
Daraufhin erteilte Bohemund Weisungen, daß jeder Befehlshaber
seine eigenen Kräfte in Schlachtreihe aufstellen solle. Dies
geschah, und sie zogen in sechs Reihen auf. Fünf von ihnen
stürmten gegen den Feind an, während Bohemund seine eigenen
Leute etwas in Reserve behielt. Unser Heer eröffnete erfolgreich
den Kampf und kämpfte Seite an Seite; der Schlachtenlärm stieg
bis zum Himmel auf, denn alle kämpften zugleich, und der Schwarm
der Geschosse verdunkelte das Firmament. Danach griff das
Hauptheer der Türken, das sich in Reserve hielt, die Unseren
verbissen an, so daß diese ein wenig ins Wanken gerieten. Als
Bohemund, der ein Mann mit großer Erfahrung war, dies sah,
murrte er, und er erteilte seinem Konstabler, Robert Fitz-Gerard,
Befehle, die da lauteten: "Greift eiligst an, wie ein Held,
und kämpft mutig für Gott und das Heilige Grab, denn Ihr wißt,
daß dies in Wahrheit kein Krieg des Fleisches, sondern des
Geistes ist. Seid also so tapfer es geht, werdet zu Vorkämpfern
Christi. Ziehet hin in Frieden, und möge der Herr Euch
beschützen!" So griff Bohemund, nach allen Richtungen durch
das Zeichen des Kreuzes geschützt, die türkischen Streitkräfte
an, wie ein Löwe, der drei oder vier Tage ausgehungert war, der
brüllend aus seiner Höhle hervorkommt und nach dem Blute des
Viehs dürstet und ungeachtet seiner eigenen Sicherheit über die
Herde herfällt, die Schafe reißend, die sich nach hier und dort
flüchten. Sein Angriff war so grimmig, daß die Spitzen seines
Banners den Türken geradezu über die Köpfe sausten.
Die übrigen Truppen, die sahen, wie Bohemunds
Fahne so ruhmreich nach vorn getragen wurde, stoppten unversehens
ihren Rückzug, und alle unsere Leute griffen die Türken, die
überrascht wurden und zu fliehen begannen, geschlossen an. Die
Unseren setzten ihnen nach und metzelten sie bis zur
Orontes-Brücke hinauf nieder. Die Türken flohen hastig zurück
in ihre Burg, rafften alles zusammen, was sie finden konnten, und
legten dann, nachdem sie die Burg gründlich leergeräumt hatten,
Feuer an diese und wandten sich zur Flucht. Die Armenier und
Syrer, die wußten, daß die Türken vollständig vernichtet
waren, kamen hervor und legten an den Durchlässen Hinterhalte,
wobei sie viele töteten oder fingen.
Somit wurden unsere Feinde an jenem Tag durch
Gottes Willen bezwungen. Die Unseren fingen viele Pferde und
nahmen anderes, dessen sie dringend bedurften, in Besitz, und sie
brachten einhundert Köpfe von toten Türken zum Stadttor
zurück, wo die Gesandten des Emirs von Babylon untergebracht
waren, die dieser an unsere Fürsten geschickt hatte. Diejenigen,
die im Lager geblieben waren, waren den ganzen Tag über vor den
drei Toren mit Kämpfen gegen die Besatzung der Stadt
beschäftigt. Diese Schlacht wurde am 9. Februar, dem
Fastnachtsdienstag, durch die Macht unseres Herrn Jesus Christus
ausgetragen, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebet und
regieret, als einziger Gott, bis ans Ende der Welt. Amen.
Hier endet das sechste Buch und es beginnt
das siebente
|