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V
[xii] Als wir nahe der Brücke über den
Orontes vorbeizogen, gerieten unsere Späher, die uns stets
voranzugehen pflegten, in eine große Menge von Türken, die
ihnen den Weg versperrten und herbeieilten, um Antiochien zu
verstärken. Daher griffen sie die Türken beherzt und einmütig
an und besiegten sie. Unter den Barbaren wurde ein großes
Durcheinander angerichtet, so daß sie sich, viele Tote auf dem
Schlachtfeld zurücklassend, zur Flucht wandten. Die Unseren, die
jene durch Gottes Gnade niederwarfen, machten fette Beute:
Pferde, Kamele, Maultiere und Esel, mit Getreide und Wein
beladen. Als dann später unsere Hauptstreitkräfte herankamen,
schlugen diese ihr Lager am Ufer des Flusses auf. Sofort kam der
ritterliche Bohemund mit viertausend Rittern herbei, um das
Stadttor zu bewachen, so daß niemand hinaus- noch bei Nacht
heimlich hineingelangen konnte. Am nächsten Tag, dem 21.
Oktober, einem Mittwoch, erreichte das Hauptheer gegen Mittag
Antiochien, und wir errichteten an drei Stadttoren eine strenge
Blockade, denn auf der anderen Seite konnten wir sie nicht
belagern, weil ein hoher und äußerst steiler Berg im Wege
stand. Unsere Feinde in der Stadt, die Türken, hatten so große
Angst vor uns, daß vierzehn Tage lang keiner von ihnen
versuchte, die Unseren anzugreifen. Mittlerweile wurden wir mit
der Umgebung von Antiochien vertraut und fanden daselbst eine
Fülle an Vorräten, ertragreiche Weinberge und Gruben voll
gespeicherten Getreides, obstbeladene Apfelbäume und jede Art
von anderen guten Dingen zum Essen. Die in der Stadt lebenden
Armenier und Syrer kamen heraus und gaben vor, zu uns fliehen zu
wollen, und sie waren täglich in unserem Lager; ihre Frauen
jedoch blieben in der Stadt. Diese Männer spionierten uns und
unsere Stärke aus, und sie berichteten den in der Stadt
Belagerten alles was wir sagten. Nachdem die Türken einiges
über uns in Erfahrung gebracht hatten, begannen sie allmählich
hervorzukommen und unsere Pilger zu überfallen wo immer sie
konnten, legten uns nicht nur auf einer Flanke, sondern wo es
ihnen eben möglich war, einen Hinterhalt, entweder in Richtung
Meer oder in Richtung Berg.
Unweit stand eine Burg mit Namen Aregh, mit
vielen der tapfersten der Türken bemannt, die fortwährend
unsere Männer angriffen. Als unsere Führer erfuhren, daß sich
derartiges ereigne, waren sie sehr besorgt und entsandten einige
unserer Ritter, um den Platz, an dem die Türken sich festgesetzt
hatten, auszukundschaften. Als unsere Ritter, die nach den
Türken Ausschau hielten, den Ort, wo sie sich normalerweise
verbargen, ausmachten, griffen sie den Feind an, mußten sich
aber ein Stück Wegs nach dorthin zurückziehen, wo sie Bohemund
mit seinem Heer stationiert wußten. Zwei unserer Männer wurden
daselbst beim ersten Angriff getötet. Als Bohemund davon erfuhr,
ging er, gefolgt von seinen Mannen, hin wie der heldenhafteste
Vorkämpfer Christi. Die Barbaren fielen über unsere Leute her,
da diese gering an Zahl waren. Dennoch nahmen jene den Kampf in
geeigneter Aufstellung auf, und viele unserer Feinde wurden
getötet. Andere, welche wir gefangennahmen, wurden vor das
Stadttor geschleppt und dort enthauptet, damit sich die Türken,
die in der Stadt waren, grämten.
Es gab andere, die aus der Stadt zu kommen und
auf ein Tor zu klettern pflegten, von wo aus sie Pfeile auf uns
schossen, so daß die Pfeile ins Lager meines Herrn Bohemund
fielen, und eine Frau starb an einer Wunde, die von einem solchen
herrührte.
[xiii] Danach kamen alle unsere Führer
zusammen und beriefen einen Rat ein. Sie sprachen: "Wir
wollen auf dem Gipfel des Berges Malregard eine Burg errichten,
so daß wir uns dort ohne Angst vor den Türken heil und
unversehrt aufhalten können." Die Burg wurde erbaut und
befestigt, und unsere Führer wechselten sich gemeinsam darin ab,
sie zu bewachen.
Da wir uns nicht getrauten, uns weit genug vom
Lager zu entfernen, begannen gegen Weihnachten Getreide und
andere Lebensmittel nach und nach sehr teuer zu werden, und wir
konnten im Gebiet der Christen nichts Eßbares mehr finden.
Niemand getraute sich außerdem ins Land der Sarazenen zu gehen,
es sei denn mit starker Macht. Schließlich saßen unsere
Fürsten zu Rate, um darüber zu entscheiden, wie sie es
anstellen sollten, für so viel Volks zu sorgen, und auf diesem
Rat beschlossen sie, daß ein Teil des Heeres abziehen und alles
daransetzen sollte, um Vorräte zu beschaffen sowie die Flanken
unserer Streitkräfte zu sichern, während der andere Teil
zurückbleiben und pflichtgetreu auf die Nichtkämpfer aufpassen
sollte. Bohemund sprach sogar: "Meine Herren und tapferen
Ritter, wenn Ihr wollt und wenn es Euch ein guter Plan zu sein
dünkt, werde ich mit dem Grafen von Flandern zu diesem Feldzug
aufbrechen." Nachdem wir noch das Weihnachtsfest in großer
Feierlichkeit begangen hatten, brachen die beiden am Montag, dem
zweiten Tag der Woche, auf, und andere gingen mit ihnen,
insgesamt zwanzigtausend Ritter und Reisige, und rückten heil
und unversehrt ins Land der Sarazenen ein. Nun geschah es, daß
viele Türken und Araber und Sarazenen aus Jerusalem, Damaskus,
Haleb und anderen Orten zusammengeströmt waren und herannahten,
Antiochien zu entsetzen. Wie sie also hörten, daß eine
christliche Streitmacht in ihr Land geführt worden sei,
rüsteten sie sich sofort zur Schlacht, und bei Tagesanbruch
kamen sie an den Ort, wo die Unseren versammelt waren. Die
Barbaren teilten ihre Kräfte in zwei Gruppen auf, eine vordere
und eine hintere, da sie uns von allen Seiten umzingeln wollten.
Der edle Graf von Flandern jedoch, in jeder Hinsicht mit dem
Glauben und dem Zeichen des Kreuzes gerüstet welches er
jeden Tag ergeben trug trat dem Feind, mit Bohemund an
seiner Seite, entgegen, und die Unseren griffen sie in einer
Front an. Die Feinde ergriffen schnurstracks die Flucht, liefen
eilends davon. Viele von ihnen wurden getötet, und die Unseren
nahmen ihre Pferde und andere Beute in Besitz. Andere, die am
Leben blieben, flohen geschwind und gerieten in die "Wut der
Zerstörung". Wir hingegen kamen in großartigem Triumph
nach Hause und priesen den herrlichen, dreieinigen Gott, der
lebet und waltet, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
Hier endet das fünfte Buch und es beginnt das sechste.
Copyright © 2001, Manfred
Hiebl. Alle Rechte vorbehalten.
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