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II

    [v] Der elende Kaiser befahl einem seiner Männer, der ihm sehr ergeben war und den sie Kypriopalatios nennen, unsere Boten zu begleiten, damit er uns sicher durch sein Land geleiten könne, bis wir nach Konstantinopel kämen. Wann immer wir an einer ihrer Städte vorbeizogen, pflegte dieser Mann den Leuten des Landes zu sagen, daß sie uns Proviant bringen möchten, wie jene, die wir zuvor erwähnt haben, es für gewöhnlich taten. Es war klar, daß sie so große Furcht vor dem starken Heer meines Herrn Bohemund hatten, daß sie es nicht erlauben wollten, daß einer der Unseren sich innerhalb der Mauern ihrer Städte aufhalte. Die Unsern wollten eine der Burgen angreifen und diese einnehmen, da sie gefüllt war mit Waren aller Art, aber der tapfere Bohemund wollte dies nicht zulassen, denn er wünschte das Land gerecht zu behandeln und sein Versprechen gegenüber dem Kaiser zu halten. Daher war er wütend auf Tankred und all die andern. Dies geschah eines Abends, und am nächsten Morgen kamen die Bewohner der Burg im feierlichem Aufzug heraus, trugen Kreuze in ihren Händen und begaben sich in Bohemunds Audienz, welcher sie freudig empfing und sie mit Freuden fortgehen ließ. Danach erreichten wir eine Stadt mit Namen Serres, wo wir unser Lager aufschlugen und Vorräte hatten, die für die ganze Fastenzeit ausreichten. Während wir uns hier aufhielten, einigte sich Bohemund mit zweien der Kyriopalatioi, und aufgrund seiner Freundschaft mit ihnen und seines Wunsches, das Land gerecht zu behandeln, befahl er, alle jene Tiere, die unsere Leute gestohlen und einbehalten hatten, zurückzugeben. Danach erreichten wir die Stadt Rusa. Die griechischen Bewohner kamen heraus und nahten sich meinem Herrn Bohemund freudig, brachten uns eine Menge an Vorräten, so daß wir in der heiligen Woche unsere Zelte dort aufschlugen. Während wir hier weilten, verließ Bohemund sein Heer und zog mit wenigen Rittern voraus nach Konstantinopel, um sich mit dem Kaiser zu beraten. Tankred blieb mit dem Heer Christi zurück, und als er sah, daß die Pilger Verpflegung kauften, kam ihm die Idee, die Straße zu verlassen und die Leute dorthin zu bringen, wo sie im Überfluß leben konnten. Mit einem Wort, er zog in ein gewisses Tal, wo es alles Erdenkliche zu essen gab, und dort hielten wir in großer Demut das Osterfest ab.
    [vi] Als der Kaiser vernommen hatte, daß Bohemund, jener hochberühmte Mann, gekommen war, ließ er ihn mit gebührender Höflichkeit empfangen, sorgte allerdings dafür, daß er außerhalb der Stadt untergebracht wurde. Als Bohemund sich dort häuslich niedergelassen hatte, schickte der Kaiser nach ihm, um ihn zu einer geheimen Unterredung einzuladen. Herzog Gottfried und dessen Bruder waren ebenfalls anwesend, und der Graf von Saint-Gilles war in der Nähe der Stadt. Der Kaiser, der bekümmert war und geradezu vor Wut kochte, sann damals darüber nach, wie er diese christlichen Ritter mit List und Tücke in die Falle locken könnte, aber durch Gottes Gnade fanden weder er noch die Seinen Ort oder Zeit, um ihnen etwas anzutun. Am Ende beratschlagten die ganzen Ältesten Konstantinopels, die Angst hatten, ihr Land zu verlieren, zusammen und heckten einen listigen Plan aus, womit sie gedachten, die Herzöge, Grafen sowie alle Führer unseres Heeres dem Kaiser den Lehnseid schwören zu lassen. Dieses zu tun weigerten sich unsere Führer rundweg, denn sie sagten: "Dies ist unsrer wahrhaftig nicht würdig, und es scheint nicht billig, daß wir ihm überhaupt einen Eid zu leisten hätten."
    Vielleicht waren wir jedoch vom Schicksal dazu ausersehen, von unseren Führern des öfteren in die Irre geleitet zu werden, denn was taten sie am Ende? Sie werden sagen, daß sie durch die Not dazu gezwungen waren und sich wohl oder übel selbst erniedrigen mußten, das zu tun, was jener widerwärtige Kaiser wollte.
    Nun lebte der Kaiser in großer Furcht vor dem tapferen Bohemund, der ihn und sein Heer oftmals vom Schlachtfeld gejagt hatte, so daß er ihm zusagte, er würde ihm Ländereien geben, welche hinter Antiochien lägen, fünfzehn Tagesreisen in der Länge und acht in der Breite, vorausgesetzt, daß er ihm Treue schwören würde, und zwar in freier Entscheidung, und er fügte diesem Versprechen hinzu, daß er seinen Eid niemals brechen würde, wenn Bohemund den seinen ebenso treu erfüllte. Warum aber taten solch tapfere und entschlossene Ritter so etwas? Es muß wohl deswegen gewesen sein, weil sie aus verzweifelnder Not dazu getrieben wurden.
    Der Kaiser seinerseits garantierte vollstes Vertrauen und Sicherheit für all unsere Leute und schwor auch, mit uns zu kommen, uns ein Heer und eine Flotte zuzuführen und uns zuverlässig mit Vorräten zu versorgen, sowohl über Land als auch auf See, und dafür zu sorgen, alle unsere Sachen, die wir eingebüßt hatten, zu ersetzen. Ferner versprach er, daß er weder veranlassen noch einem anderen erlauben würde, unsere Pilger auf ihrem Weg zum Heiligen Grab zu belästigen oder zu schikanieren.
    Der Graf von Saint-Gilles lagerte sich außerhalb der Stadtmauern in den Vororten, und sein Heer war zurückgeblieben; somit befahl ihm der Kaiser, ihm zu huldigen und wie die anderen den Lehnseid zu schwören. Doch sowie ihm der Kaiser diese Botschaft schickte, sann der Graf darüber nach, wie er sich am kaiserlichen Heer rächen könnte. Herzog Gottfried und Graf Robert von Flandern sowie die anderen Fürsten gaben ihm jedoch zu verstehen, daß es sich nicht zieme, gegen befreundete Christen zu kämpfen, und der tapfere Bohemund sagte, daß er persönlich des Kaisers Partei ergreifen würde, wenn Graf Raimund dem Kaiser irgendein Unrecht antäte oder sich weigerte, ihm den Lehnseid zu leisten. Daher nahm der Graf den Rat seiner Freunde an und schwor, daß er Leben und Ehre von Alexius respektieren würde und diese weder zerstören noch einem anderen erlauben würde, selbiges zu tun; aber als er gebeten wurde, dem Kaiser zu huldigen, sagte er, daß er dies nicht tun wolle, nicht einmal auf die Gefahr seines Lebens hin. Alsdann nahte sich das Heer meines Herrn Bohemund Konstantinopel.
    [vii] Tankred und Richard vom Prinzipat überquerten den Hellespont heimlich, weil sie dem Kaiser den Eid nicht leisten wollten, und nahezu die gesamten Streitkräfte Bohemunds schlossen sich ihnen an. Bald danach näherte sich der Graf von Saint-Gilles Konstantinopel, und er hielt sich hier mit seinen Streitkräften längere Zeit auf. Bohemund blieb beim Kaiser, um sich mit ihm über die Verproviantierung derjenigen zu besprechen, die über Nikäa hinausgegangen waren. Demnach war Herzog Gottfried der erste, der nach Nikomedien ging und Tankred und all die andern mitnahm. Sie blieben drei Tage lang dort, und als der Herzog erkannte, daß es keine Straße gab, auf welcher er diese Leute nach Nikäa führen konnte - da ihrer so viele waren, daß sie den Weg, dem die anderen Kreuzfahrer gefolgt waren, nicht bewältigen konnten -, sandte er dreitausend Männer mit Äxten und Schwertern voraus, damit sie weiterziehen konnten, und ließ jene einen Weg für unsere Pilger bis zur Stadt Nikäa freihacken. Diese Route führte über einen Berg, der steil und recht hoch war; daher errichteten die Pfadfinder Kreuze aus Metall und Holz und setzten diese auf Pfosten, wo unsere Pilger sie sehen konnten. Schließlich kamen wir nach Nikäa, welches die Hauptstadt von Rum ist, am Mittwoch des 6. Mai, und dort schlugen wir unser Lager auf. Ehe mein Herr, der tapfere Bohemund, zu uns stieß, waren wir so knapp an Lebensmitteln, daß ein Laib Brot zwanzig bis dreißig Denare kostete, aber jetzt wo er kam ordnete er an, daß auf dem Seeweg reichlich Vorräte zu uns gebracht würden, und die Waren strömten nur so, die einen auf dem Land-, die anderen auf dem Seeweg, und im gesamten Heer Christi herrschte der größte Überfluß.
    [viii] Am Himmelfahrtstag begannen wir die Stadt zu belagern sowie Belagerungsmaschinen und hölzerne Türme zu bauen, mit denen wir die Türme auf der Mauer zum Einsturz bringen konnten. Wir trieben die Belagerung zwei Tage lang so tapfer und verbissen voran, daß es uns sogar gelang, die Stadtmauer zu unterminieren. Doch die Türken, die in der Stadt waren, sandten Boten zu denen, die ihnen zu Hilfe gekommen waren, erzählten ihnen, daß sie herbeikommen und durch das südliche Tor furcht- und gefahrlos hineingelangen könnten, da dort niemand wäre, der ihnen im Weg stünde oder sie angriffe. Dieses Tor wurde jedoch genau an jenem Tag - dem Samstag nach Christi Himmelfahrt – vom Grafen von Saint-Gilles und dem Bischof von Le Puy versperrt. Der Graf, der auf Gottes Schutz vertrauend und sich seiner irdischen Waffen rühmend sich von der anderen Seite der Stadt mit einem äußerst starken Heer näherte, traf die Türken an, wie sie gerade gegen die Unseren auf das Tor zukamen. Nach allen Seiten durch des Kreuzes Zeichen geschützt, stürzte er sich ungestüm auf die Feinde und schlug sie derart, daß sie die Flucht ergriffen und viele von ihnen getötet wurden. Die Überlebenden sammelten sich wieder mit Hilfe anderer Türken und gerieten in gehobene Stimmung, voller Siegeszuversicht triumphierend, und brachten Stricke mit, mit denen sie uns gefesselt nach Khorasan zu führen gedachten. Sie kamen ausgelassen an und begannen ein Stück des Weges vom Gipfel des Berges herabzusteigen, aber soviele ihrer herunterstiegen, so vielen wurden von unseren Männern die Köpfe abgeschlagen, welche die Häupter der Erschlagenen mittels einer Schlinge in die Stadt schleuderten, um noch mehr Schrecken unter der türkischen Garnison zu verbreiten.
    Danach beratschlagten der Graf von Saint-Gilles und der Bischof von Le Puy zusammen, wie sie einen Turm, der ihrem Lager gegenüberstand, unterminieren könnten. Also setzten sie Männer ein, ihn zu untergraben, wobei sie von Schleuderern und Bogenschützen gedeckt wurden. Die Sappeure gruben bis auf die Fundamente der Mauern hinab und brachten Balken und Holzstücke an, an welche sie Feuer legten. Aber weil all dies am Abend gemacht wurde, war es schon Nacht, als der Turm einstürzte, und weil es dunkel war, konnten unsere Männer nicht mit den Verteidigern kämpfen. In jener Nacht schickten sich die Türken in Eile an und richteten die Mauer so stark wieder auf, daß bei Tagesanbruch keine Chance bestand, sie an jener Stelle zu besiegen.
    Etwas später kamen Graf Robert von der Normandie und Graf Stephan mit vielen anderen an, und Roger von Barneville folgte ihnen. Dann bezog Bohemund vor der Stadt Stellung, mit Tankred neben sich, dann Herzog Gottfried und der Graf von Flandern, neben dem Robert von der Normandie stand, und dann der Graf von Saint-Gilles und der Bischof von Le Puy. Die Stadt war daher so dicht von Land her belagert, daß keiner sich getraute, heraus- oder hineinzugehen. Die Unseren waren an diesem Ort zum ersten Mal geschlossen versammelt, und wer hätte ein ein solch gewaltiges Christenheer zu zählen vermocht? Ich glaube nicht, daß irgend jemand je so viele tapfere Ritter gesehen hat oder je wieder sehen wird.
    Auf der einen Seite der Stadt befand sich ein großer See, auf dem die Türken Boote zu Wasser ließen und ein und aus gingen, um Futter und Holz und vieles andere herbeizuschaffen. Daher saßen unsere Führer zu Rate und sandten Boten nach Konstantinopel, um den Kaiser zu bitten, ob er nicht Boote nach Kivotos bringen lassen könnte, wo sich ein Hafen befindet, und ob er nicht Ochsen zusammenbringen könnte, um diese Boote über das Gebirge und durch die Wälder zu schleppen, bis sie den See erreichten. Der Kaiser ließ dies unverzüglich geschehen und schickte seine Turkopolen mit ihnen. Seine Männer wollten die Boote nicht gleich am ersten Tage, an dem sie ankamen, zu Wasser lassen, aber sie setzten die Boote bei Einbruch der Nacht auf dem See aus, voller Turkopolen, die gut gerüstet waren. Bei Tagesanbruch segelten die Boote, alle in bestem Zustand, über den See auf die Stadt zu. Als die Türken sie sahen, waren sie überrascht und wußten nicht, ob es sich um ihre eigene Flotte handelte oder ob es die des Kaisers war, aber als sie sich sicher waren, daß sie dem Kaiser gehörte, waren sie fast zu Tode erschrocken und begannen zu wehklagen und zu jammern, während die Franken frohlockten und Gott lobpriesen. Als die Türken dann merkten, daß ihre Heere nichts mehr tun konnten, um ihnen zu helfen, schickten sie eine Botschaft an den Kaiser, daß sie ihm die Stadt übergeben würden, wenn er sie mit ihren Frauen und Kindern und all ihrer Habe frei abziehen ließe. Der Kaiser, der sowohl ein Narr als auch ein Spitzbube war, hieß sie unverletzt und ohne Furcht davongehen, er ließ sie unter sicherem Geleit zu sich nach Konstantinopel bringen und brachte sie in sicheren Gewahrsam, so daß er sie in Rerserve hätte, um die Franken zu schädigen und ihren Kreuzzug zu vereiteln.
    Wir belagerten diese Stadt sieben Wochen und drei Tage lang, und viele der Unseren erlitten dort den Märtyrertod und gaben Gott ihre glückliche Seele hin, mit Freuden und Fröhlichkeit, und viele der Armen starben Hungers im Namen Christi. Sie alle traten im Triumph in den Himmel ein, sie trugen das Kleid des Märtyrertums, welches sie empfangen haben, und sprachen wie aus einem Munde: "Räche unser Blut, o Herr, welches für Dich vergossen ward, denn du seiest gepriesen und würdig des Lobes auf Ewigkeit. Amen."

Hier endet das zweite und es beginnt das dritte Buch

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