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[xxx] Als unsere Feinde bis auf den letzten
Mann geschlagen waren - großes Lob sei dem allmächtigen
dreifaltigen Gott -, flohen sie hierhin und dorthin, einige von
ihnen halbtot, andere verwundet, und sie brachen zusammen und
starben in den Tälern und Wäldern sowie auf den Feldern und am
Straßenrand. Nachdem seine Feinde geschlagen waren, kehrte
Christi Volk, die siegreichen Pilger, triumphierend über seinen
glücklichen Sieg in die Stadt zurück. Unverzüglich schickten
unsere sämtlichen Führer, Herzog Gottfried, Graf Raimund von
Saint-Gilles, Bohemund, der Graf von der Normandie und der Graf
von Flandern sowie all die andern, den hochwohlgeborenen Ritter
Hugo den Großen zum Kaiser nach Konstantinopel mit der Bitte zu
kommen und die Stadt zu übernehmen sowie alle Verpflichtungen zu
erfüllen, die er ihnen gegenüber eingegangen war. Hugo zog los,
kam jedoch nie mehr zurück. Nachdem alles dieses erledigt war,
versammelten sich unsere Führer und hielten Rat, um darüber zu
befinden, wie man das Volk am besten führen und lenken solle,
bis sie die Reise zum Heiligen Grab, um derentwegen sie schon so
viele Gefahren bestanden hatten, beenden würden. In dieser
Beratung entschieden sie, daß sie sich noch nicht erdreisten
dürften, ins Land der Heiden einzurücken, weil es im Sommer
sehr heiß und wasserlos sei, und daß sie deswegen bis Anfang
November warten würden. Daher trennten sich unsere Führer, und
ein jeder begab sich in sein Gebiet, bis es an der Zeit wäre,
den Marsch wiederaufzunehmen. Sie ließen überall in der Stadt
ankündigen, daß sie jeden armen Mann, dem es an Gold und Silber
fehle, der aber in ihre Dienste treten und dabeibleiben wolle,
mit Freuden anwerben würden. Im Heer des Grafen von Saint-Gilles war ein
gewisser Ritter namens Raimund Pilet. Er stellte viele Ritter und
Fußsoldaten in seine Dienste, und mutig machte sich mit dem
Heer, das er um sich versammelt hatte, auf ins Land der
Sarazenen. Er zog an zwei Städten vorüber und gelangte zu einer
Burg namens Tell-Mannas. Die Insassen dieser Burg, es waren
Syrer, übergaben sie ihm sofort, und als die Seinen schon ganze
acht Tage hier waren, kamen Sendboten zu ihm und sprachen:
"Es befindet sich eine Burg voller Sarazenen ganz in der
Nähe." Die Ritter und Pilger Christi gingen geradewegs zu
jener Burg und belagerten sie von allen Seiten, und mit Christi
Hilfe nahmen sie sie sogleich ein. Sie nahmen alle Bauern der
Umgebung gefangen und brachten jene, die nicht getauft werden
wollten, um; jene aber, die es vorzogen, Christus anzuerkennen,
verschonten sie. Als dies getan war, kamen unsere Franken unter
großem Jubel zur ersten Burg zurück. Am dritten Tage brachen
sie auf und kamen zu einer nicht weit entfernten Stadt namens
Marra, in der viele Türken und Sarazenen aus der Stadt Haleb und
allen Städten und Burgen der Umgebung versammelt waren. Die
Barbaren kamen heraus, um mit den Unsrigen zu kämpfen, die sie
ihrerseits, entschlossen ihnen eine Schlacht zu liefern, in die
Flucht schlugen. Dennoch sammelte sich der Feind erneut und
attackierte die Unseren den ganzen Tag lang, und ihr Ansturm
dauerte bis zum Abend. Die Hitze war unsagbar, und die Unseren
konnten, zumal sie kein Trinkwasser finden konnten, einen solch
furchtbaren Durst nicht ertragen; gleichwohl wollten sie sicher
in ihre Burg zurückgelangen. Die Syrer und armen Pilger gerieten
ob ihrer Sünden in wilde Panik und begannen sich überstürzt
zurückzuziehen. Als die Türken sie weichen sahen, fingen sie an
sie zu verfolgen, und der Sieg mehrte ihre Kräfte, so daß viele
der Unseren Gottes wegen, dem zuliebe sie hierhergekommen waren,
ihren Geist aufgaben. Dieses Massaker fand am 5. Juli statt. Die
überlebenden Franken zogen sich in die Burg zurück, und Raimund
blieb dort mit den Seinen für einige Tage. Die anderen Kreuzfahrer, die sich in
Antiochien aufhielten, verweilten dort frohen Sinnes und unter
großer Heiterkeit, unterdessen sie den Bischof von Le Puy als
ihren Herrn und Hirten hatten. Aber weil es Gott so gefiel, wurde
er sehr krank, und aufgrund von Gottes Ratschluß verließ er
diese Welt und entschlief, in Frieden ruhend, im Herrn am Fest
des Sankt Petrus in Ketten. Deshalb herrschten Kummer und Sorge
und große Betrübnis im ganzen Heere Christi, denn der Bischof
war ein Helfer der Armen und ein Anwalt der Reichen, und er
pflegte die Geistlichkeit in Zucht zu halten und den Rittern zu
predigen, indem er sie verwarnte und sprach: "Keiner von
Euch kann errettet werden, wenn er nicht die Armen achtet und
ihnen beisteht; Ihr könnt ohne diese nicht gerettet werden und
sie können ohne Euch nicht überdauern. Sie sollten jeden Tag
beten, daß Gott Nachsicht gegenüber Euren Sünden zeigt, durch
die Ihr ihn täglich auf mannigfache Weise kränkt, und daher
ersuche ich Euch, aus Liebe zu Gott gut zu ihnen zu sein und
ihnen zu helfen, so gut Ihr könnt." [xxxi] Nicht lange danach ging der edle Graf
Raimund von Saint-Gilles daran und drang in das Land der
Sarazenen ein, und er erreichte eine Stadt namens al-Bara, die er
mit seinem Heer angriff und sogleich einnahm. Er tötete alle
Sarazenen, die er darin antraf, sowohl Männer als Frauen, groß
und klein, und nachdem er seine Macht dort eingerichtet hatte,
gab er die Stadt dem christlichen Glauben zurück und beriet sich
mit seinen vertrauenswürdigsten Ratgebern, wie er denn mit
gebührender Ergebenheit einen Bischof in der Stadt einsetzen,
diese der Verehrung Christi in Erinnerung rufen und das Haus des
Teufels als Tempel des wahren und lebendigen Gottes weihen lassen
und seinen Heiligen eine Kirche widmen könnte. Schließlich
wählten sie einen ehrbaren und gebildeten Mann und führten ihn
nach Antiochien, um ihn weihen zu lassen, und so geschah es. Der
Rest des Heeres, welches in Antiochien lag, weilte daselbst in
Lust und Heiterkeit. Als der festgesetzte Tag nahte - das Fest
Allerheiligen - kehrten unsere Führer gemeinsam nach Antiochien
zurück und begannen darüber zu beraten, wie sie die Reise zum
Heiligen Grab fortsetzen sollten, denn, sagten sie: "Der
verabredete Tag ist nahe, und es ist keine Zeit für weiteren
Zwist," zumal Bohemund jeden Tag um Anerkennung der
Vereinbarung gebeten hatte, durch die alle Kriegsherrn zuvor
versprochen hatten, ihm die Stadt zu übergeben. Aber der Graf
von Saint-Gilles wollte seine Zustimmung nicht erteilen und
Bohemund nicht nachgeben, weil er fürchtete, seinen Eid
gegenüber dem Kaiser zu brechen. Viele Zusammenkünfte wurden in
der Sankt-Peters-Kirche abgehalten, um zu einem gerechten Ende zu
kommen. Bohemund sagte ihnen die Übereinkunft auswendig auf und
wies eine Liste seiner Ausgaben vor. Auch der Graf von
Saint-Gilles wiederholte die Worte und den Eid, den er dem Kaiser
auf Anraten Bohemunds geschworen hatte. Die Bischöfe gingen
zusammen mit Herzog Gottfried, den Grafen von Flandern und der
Normandie und anderen Kriegsherrn weg vom Rest und betraten jenen
Teil der Kirche, wo der Stuhl des Heiligen Petrus steht, damit
sie zwischen den beiden Parteien schlichten könnten. Nachher
jedoch wollten sie aus Angst, daß die Reise zum Heiligen Grab
unterbrochen werden könnte, kein eindeutiges Urteil fällen.
Daraufhin sagte der Graf von Saint-Gilles: "Lieber will ich
das aufrichtige Versprechen geben, zu tun, was immer von
unsresgleichen, Herzog Gottfried und dem Grafen von Flandern und
dem Normannen Robert und anderen Kriegsherrn gutgeheißen wird,
als auf die Reise zum Heiligen Grab zu verzichten, vorausgesetzt,
daß Bohemund mit uns kommt, womit ich die Treue wahre, die ich
dem Kaiser schulde." Bohemund war mit allem einverstanden,
und indem sie ihre Hände in die der Bischöfe legten,
versprachen die beiden, daß die Reise zum Heiligen Grab
ihretwegen durch nichts unterbrochen werden sollte. Alsdann
beriet sich Bohemund mit den Seinen bezüglich einer möglichen
Belegung der Zitadelle auf dem Gipfel des Berges mit einer
Garnison und der Versorgung mit Proviant. Ähnlichen Ratschluß,
wie er denn den Palast des Emirs Yaghi Siyan mit einer Garnison
belegen und verproviantieren könnte, sowie den Turm, der das
Brückentor überragt, welches auf der Seite der Stadt gelegen
ist, die dem Hafen von St. Simeon am nächsten ist, hielt der
Graf von Saint-Gilles, so daß er lange durchhalten könnte. [xxxii]
Beschreibung der Stadt Antiochien.
Antiochien ist ein sehr schöner und berühmter Ort. Innerhalb
seiner Mauern befinden sich vier große Berge, die überaus hoch
sind. Die Zitadelle, ein wunderbares Bauwerk, welches äußerst
stark ist, steht auf dem höchsten von ihnen. Zu Füßen liegt
die Stadt, die eindrucksvoll und wohldurchdacht angelegt ist,
geschmückt mit herrlichen Bauten jeglicher Art, denn es gibt
viele Kirchen und dreihundertundsechzig Klöster. Ihr Patriarch
ist Metropolit über hundertunddreiundfünfzig Bischöfe. Diese Stadt ist von zwei Mauern umgeben, von
denen die größere sehr hoch ist und erstaunlich breit, aus
großen Quadern gefügt, und es sind vierhundertundfünfzig
Türme auf sie gesetzt. Alles rings um die Stadt herum ist
herrlich. Im Osten wird sie von vier hohen Bergen eingeschlossen,
im Westen fließt außerhalb der Stadtmauern ein Fluß vorüber,
welchen man den Orontes nennt. Diese Stadt ist ein Zentrum
großer Macht, denn sie wurde einst von fünfundsiebzig Königen
errichtet, deren bedeutendster Antiochos war, nach dem benannt
sie den Namen Antiochien trägt. Die Franken belagerten diese
Stadt acht Monate und einen Tag, danach wurden sie selbst drei
Wochen von den Türken und anderen Ungläubigen belagert, in
größerer Zahl, als jemals zuvor zusammengezogen worden sind,
sei es an Christenmenschen oder an Heiden. Schließlich wurden
jene durch Gottes Beistand und den des Heiligen Grabes von den
Christen besiegt, und wir blieben in Freude und Heiterkeit fünf
Monate und acht Tage in Antiochien. [xxxiii] Als diese Zeit zu Ende ging, machte
sich Graf Raimund von Saint-Gilles im Monat November mit seinem
Heer von Antiochien auf und kam an eine Stadt namens Riha und von
dort zu einer mit dem Namen al-Bara. Am 28. November erreichte er
die Stadt Marra, in welcher eine große Zahl Sarazenen, Türken,
Araber und andere Ungläubige versammelt waren, und am nächsten
Tag griff sie der Graf an. Bohemund mit seinem Heer folgte den
anderen Grafen etwas später und vereinigte seine Kräfte mit
jenen an einem Sonntag. Am Montag griffen sie die Stadt von
überallher sehr tapfer an und drängten mit solchem Eifer und
Mut voran, daß Sturmleitern an die Mauern gelegt wurden, doch
war die Macht der Ungläubigen derart groß, daß es an jenem Tag
nicht möglich war, handgemein mit ihnen zu werden oder ihnen
etwas anzutun. Als unsere Anführer sahen, daß sie nichts
ausrichten konnten, und daß sie sich vergeblich abmühten, ließ
Graf Raimund von Saint-Gilles einen hölzernen Belagerungsturm
bauen, und der war stark und hochragend, so gebaut und
konstruiert, daß er auf vier Rädern lief. Auf dem obersten
Stockwerk standen zahlreiche Ritter sowie Everard der Jäger, der
laute Stöße auf seinem Horn gab, und in dem darunter befanden
sich bewaffnete Ritter, die den Turm gegen die Stadtmauer
schoben, gegenüber einen ihrer Türme. Als die Heiden dies
sahen, fertigten sie sogleich eine Maschine an, mit der sie
große Steine auf unseren Belagerungsturm schleuderten, so daß
sie unsere Ritter um ein Haar getötet hätten. Auch warfen sie
Griechisches Feuer auf unseren Belagerungsturm, in der Hoffnung,
ihn zu verbrennen und zu zerstören. Doch der allmächtige Gott
wollte dieses Mal nicht zulassen, daß der Belagerungsturm, der
wahrhaftig alle Mauern der Stadt überragte, verbrannte. Unsere
Ritter, die sich auf dem oberen Stockwerk befanden - Wilhelm von Montpellier und viele andere
- , warfen auf jene, die auf der Stadtmauer
standen, große Steine herab und trafen sie auf ihre Schilde, so
daß Schild und Mann rücklings in die Stadt hinabstürzten und
der Mann getötete wurde. Während jene dieses taten, hielten
andere mit Wimpeln geschmückte Speere in Händen und versuchten
die Feinde mit Lanzen und eisernen Haken an sich heranzuziehen.
So fochten sie bis zum Abend. Hinter dem Belagerungsturm standen,
in ihre geweihten Meßgewänder gekleidet, die Priester und
Geistlichen, die beteten und Gott anflehten, sein Volk zu
schützen und die Christenheit zu erhöhen und den Götzendienst
niederzuwerfen. Auf der anderen Seite der Stadt kämpften
unsere Ritter, indem sie Sturmleitern gegen die Stadtmauer
stellten, täglich mit dem Feind, doch war die Macht der
Ungläubigen so gewaltig, daß sie keinen Vorteil erzielen
konnten. Schließlich schaffte es Gottfried von Lastours als
erster, auf der Leiter die Mauer zu erklimmen; auf einmal brach
die Leiter unter dem Gewicht der Menge, welche ihm nachfolgte,
aber nichtsdestotrotz gelang es ihm und einigen anderen, den
höchsten Punkt der Mauer zu erreichen. Jene, die hinaufgelangt
waren, säuberten um sich herum einen Freiraum auf der Mauer.
Andere fanden eine neue Leiter und stellten sie rasch auf, und
viele Ritter und Fußvolk stiegen zugleich hinauf, aber die
Sarazenen griffen sie so ungestüm von der Mauer und vom Boden
aus an, verschossen Pfeile und kämpften Mann gegen Mann mit
Speeren, so daß viele der Unseren große Angst hatten und von
der Mauer herabsprangen. Während jene äußerst tapferen
Männer, die auf der Mauer zurückblieben, dem Angriff des
Feindes standhielten, unterminierten andere, durch den
Belagerungsturm geschützt, die Verteidigungswerke der Stadt. Als
die Sarazenen sahen, daß die Unseren die Mauer untergraben
hatten, wurden sie von panischem Schrecken gepackt und flohen in
die Stadt. All dies ereignete sich an einem Samstag, zur Stunde
der Abendandacht, als die Sonne unterging. Es war der 11.
Dezember. So entsandte denn Bohemund einen Unterhändler
zu den sarazenischen Führern, um ihnen sagen zu lassen, daß er
sie vor dem Tod erretten würde, wenn sie mit ihren Frauen,
Kindern und ihrer Habe in dem Palast, der oberhalb des Tores
gelegen ist, Zuflucht suchten. Die Unseren drangen nun alle in
die Stadt ein, und jeder riß seinen Teil an sich, was immer er
an Waren in Häusern oder Kellern vorfand, und im Morgengrauen
töteten sie, egal ob Mann oder Frau, jeden, den sie, gleich an
welchem Ort, antrafen. Kein Winkel der Stadt war frei von
Sarazenenleichen, und man konnte kaum durch die Straßen der
Stadt gehen, ohne die toten Leiber der Sarazenen mit Füßen zu
treten. Schließlich ergriff Bohemund jene, denen er befohlen
hatte, sich in den Palast zu begeben, und beraubte sie all ihrer
Habseligkeiten, ihres Goldes und Silbers und anderer
Wertgegenstände; einige von ihnen ließ er töten, andere nach
Antiochien bringen und als Sklaven verkaufen. Die Franken blieben einen Monat und vier Tage
in jener Stadt; während dieser Zeit starb der Bischof von
Orange. Während wir uns dort aufhielten, konnten einige der
Unseren ihre Bedürfnisse nicht befriedigen, entweder aufgrund
des langen Aufenthaltes oder weil sie, da außerhalb der Mauern
keine Beute zu machen war, derartig hungrig waren. Daher
schlitzten sie die Körper der Toten auf, weil sie in den
Eingeweiden versteckt Byzanti zu finden pflegten, und andere
schnitten das tote Fleisch in Stücke und kochten es, um es zu
essen. [xxxiiii] Bohemund konnte mit dem Grafen von
Saint-Gilles keine Einigung wegen seiner Ansprüche erzielen,
daher war er verärgert und kehrte nach Antiochien zurück. Graf
Raimund schickte unverzüglich Boten nach Antiochien, um Herzog
Gottfried und den Grafen von Flandern sowie Robert von der
Normandie und Bohemund zu bitten, nach Riha zu kommen und eine
Besprechung mit ihm abzuhalten. Alle Fürsten kamen dorthin und
berieten bezüglich ihres Weges zum Heiligen Grab, zu dem sie
sich aufgemacht und auf welchem sie bis zu diesem Zeitpunkt
marschiert waren, wie es weitergehen sollte, doch konnten sie
Bohemund nicht mit Raimund aussöhnen, es sei denn, daß Graf
Raimund Antiochien an Bohemund übergeben hätte, und dies wollte
der Graf aufgrund seines Eides, den er dem Kaiser geschworen
hatte, nicht tun. Schließlich kehrten die anderen Grafen und der
Herzog mit Bohemund nach Antiochien zurück, Graf Raimund jedoch
ging nach Marra zurück, wo sich die armen Pilger befanden, und
er befahl seinen Rittern, den Palast und die Burg, die über dem
Tor bei der Stadtbrücke lag, zu befestigen. Als Raimund einsah, daß er die Ursache war,
warum keiner der anderen Anführer sich auf den Weg zum Heiligen
Grab machen wollte, ging er am dreizehnten Januar barfuß
Richtung Marra los und erreichte Kafartab, wo er drei Tage blieb
und der Graf von der Normandie sich ihm anschloß. Der König von
Schaizar hatte zahlreiche Boten an Graf Raimund geschickt,
während er in Marra und Kafartab war, weil er einen
Friedensvertrag wollte, und er schwor, eine Entschädigung zu
zahlen und freundlich zu den christlichen Pilgern zu sein, so
daß sie nicht den geringsten Verstoß zu erdulden hätten,
solange sie auf seinem Gebiet seien; und er sagte, daß er sich
freuen würde, ihnen Pferde und Essen verkaufen zu können. So
zogen die Unseren los und gingen daran, in der Nähe von Schaizar
am Flusse Orontes ein Lager aufzuschlagen. Als der König von
Schaizar sah, daß das fränkische Lager so dicht bei der Stadt
war, war er besorgt und befahl, sich des Handels mit ihnen zu
enthalten, wenn sie sich nicht weiter von der Stadtgrenze
entfernten. Am nächsten Tag sandte er, um sie zu begleiten und
ihnen die Furt über den Fluß zu zeigen und sie dorthin zu
geleiten, wo sie Beute finden könnten, seine Boten aus, zwei
Türken. Somit kamen sie in ein Tal, welches von einer Burg
bewacht war, und beschlagnahmten dort mehr als fünftausend Tiere
und eine Menge Getreide und andere Waren, die eine große
Mahlzeit für das gesamte Heer Christi darstellten. Die Besatzung
der Burg ergab sich dem Grafen und verschaffte ihm Pferde und
feines Gold und schwor beim Koran, daß sie den Pilgern kein Leid
zufügen würde. Wir blieben fünf Tage dort, und als wir
aufbrachen, kamen wir hoch erfreut zu einer Burg, die Arabern
gehörte, und bezogen dort Unterkunft; ihr Herr kam heraus und
traf mit dem Grafen ein Abkommen. Nach Verlassen dieses Ortes
erreichten wir eine Stadt, die sehr schön war und angefüllt mit
jeglicher Art von guten Dingen; sie nannte sich Kephalia und lag
in einem Tal. Als die Einwohner vom Herannahen der Franken
erfuhren, ließen sie ihre Stadt sowie ihre Gärten, die voller
Gemüse waren, und ihre Häuser, die gefüllt waren mit
Nahrungsmitteln, im Stich und ergriffen die Flucht. Nach drei
Tagen verließen wir diese Stadt und überquerten einen Berg, der
sehr hoch und langgestreckt war, und betraten das Tal von Sem,
welches äußerst fruchtbar ist, und dort blieben wir nahezu
fünfzehn Tage. Nicht weit von hier war eine Burg, in der sich
eine große Menge von Heiden versammelt hatte. Die Unseren
griffen sie an und hätten sie mit Gewalt genommen, wenn nicht
die Sarazenen eine riesige Anzahl von Rindern aus den Toren
getrieben hätten, so daß unsere Männer voll des Guten, das sie
erbeutet hatten, zum Lager zurückgingen. Im Morgengrauen brachen
die Unseren ihre Zelte ab und eilten herbei, um die Burg zu
belagern, wobei sie beabsichtigten, hier ihr Lager aufzuschlagen,
aber die Heiden waren geflohen und hatten die Burg leer
zurückgelassen. Unsere Männer drangen ein und fanden jede Menge
Korn vor, Wein, Öl, Gemüse und was sie sonst so benötigten.
Daher feierten wir dort das Fest Mariä Lichtmeß mit großer
Andacht. Während wir uns hier aufhielten, kamen Boten aus der
Stadt La Chamelle, dessen König dem Grafen Pferde und Gold
schickte und eine Vereinbarung mit ihm traf, daß er den Christen
nicht das Geringste antun würde, sondern daß er freundlich zu
ihnen sein und sie achten würde. Auch der König von Tripolis
schickte nach dem Grafen und schlug ihm vor, wenn er
einverstanden sei, einen ehrlich gemeinten Freundschaftsvertrag
mit ihm zu schließen, und er schickte zehn Pferde und vier
Maultiere und etwas Gold; aber der Graf sagte, daß er überhaupt
keinen Vertrag mit ihm machen wolle, solange er nicht getauft
sei. Als wir dieses Tal -
welches ein recht guter Platz war -
verließen, kamen wir am Montag der zweiten Woche des Februar zu
einer Burg namens Arqa und schlugen um sie herum unsere Zelte
auf. Diese Burg war voll einer riesigen Horde von Ungläubigen,
Türken, Sarazenen, Arabern und Paulikanern, die ihre
Befestigungsanlagen außerordentlich verstärkt hatten und sich
tapfer verteidigten. Während wir dort lagen, ritten vierzehn
unserer Ritter zur Stadt Tripolis hinüber, die ganz in der Nähe
war, und stießen auf etwa sechzig Türken und andere, die es an
Mensch und Tier auf eine Zahl von über fünfzehnhundert
brachten. Die Unsrigen bekreuzigten sich und griffen sie an,
töteten sechs Männer und fingen sechs Pferde, und mit Gottes
Hilfe errangen sie einen unglaublichen Sieg. Raimund Pilet und Baron Raimund von Turenne
verließen das Hauptheer von Graf Raimund und gelangten nach der
Stadt Tortosa, welche sie, da sie von vielen der Ungläubigen
besetzt war, mutig angriffen. Als die Nacht hereinbrach, zogen
sie sich in einen Schlupfwinkel zurück, wo sie lagerten und
viele Feuer entfachten, so daß es den Anschein erwecken sollte,
daß das ganze Kriegsheer hier sei. Die Heiden waren entsetzt und
flohen heimlich in der Nacht, wobei sie die Stadt, die auch über
einen ausgezeichneten Hafen verfügt, voller Vorräte
zurückließen. Am nächsten Morgen kamen die Unseren und griffen
sie von überallher an, doch fanden sie sie leer vor; folglich
drangen sie ein und blieben dort, bis die Belagerung von Arqa
begann. Unweit dieser Stadt befindet sich eine weitere mit Namen
Marakia; der Emir, welcher sie regierte, schloß einen Vertrag
mit den Unseren, ließ sie in die Stadt ein und zog unser Banner
auf. [xxxv] Unterdessen kamen Herzog Gottfried,
Bohemund und der Graf von Flandern zur Stadt Laodikäa, wo
Bohemund sich absetzte und nach Antiochien zurückging. Die
anderen blieben und belagerten eine Stadt namens Gibellum. Als
aber Graf Raimund von Saint-Gilles erfuhr, daß eine gewaltige
Streitmacht von Ungläubigen, zu kämpfen bereit, auf uns
zueilte, beriet er sich mit seinen Gefolgsleuten und entschloß
sich, diejenigen unter unseren Führern, die Gibellum belagerten,
aufzufordern, ihm zu Hilfe zu kommen. Als diese die Nachricht
erhielten, schlossen sie mit dem Emir unverzüglich einen Vertrag
und einigten sich mit ihm über Friedensbedingungen, wobei sie
einen Tribut an Pferden und Gold erhielten. Und somit verließen
sie die Stadt und kamen uns zu Hilfe; aber der angedrohte Angriff
erfolgte nicht. Daher schlugen die besagten Grafen auf der
anderen Seite des Flusses ihr Lager auf und nahmen an der
Belagerung von Arqa teil. Nicht lange danach ritten die Unseren gegen
Tripolis und stießen außerhalb der Stadt auf Türken, Araber
und Sarazenen. Die Unseren scheuchten sie auf und schlugen sie in
die Flucht, wobei sie viele der führenden Männer der Stadt
töteten. Das Gemetzel und Blutvergießen unter den Heiden war so
groß, daß selbst der Fluß, der durch die Stadt floß, sich rot
färbte und das Wasser in den Brunnen der Bürger verunreinigte,
worüber sie voll des Grams und Wehklagens waren und so
verängstigt, daß keiner von ihnen sich getraute, aus dem
Stadttor hervorzukommen. Eines schönen Tages ritten die Unsrigen über
Sem hinaus und machten Ochsen, Schafe, Esel und viele andere
Tiere ausfindig; und sie führten zudem fast dreitausend Kamele
weg. Wir setzten die Belagerung Arqas drei Monate lang bis auf
den letzten Tag fort und feierten dort am 10. April Ostern.
Während die Belagerung andauerte, liefen unsere Schiffe in einen
nahegelegenen Hafen ein, und sie waren mit jeder Menge Vorräte
beladen: Korn, Wein, Fleisch, Käse, Gerstensaft und Öl, so daß
das ganze Heer bestens versorgt war. Zahlreiche der Unseren,
einschließlich Anselm von Ribemont, Wilhelm dem Picardier und
vielen anderen, deren Namen ich nicht kenne, erlitten im Verlaufe
dieser Belagerung den glückseligen Märtyrertod. Der König von
Tripolis sandte Eilboten an unsere Führer, durch die er sie bat,
die Belagerung zu verstärken und einen Vertrag mit ihm zu
schließen. Als Herzog Gottfried und Graf Raimund von
Saint-Gilles, Robert von der Normandie und der Graf von Flandern
dies verhandelten und dem entnehmen konnten, daß die Erntezeit
heranrücke - denn wir aßen
Frühjahrsbohnen Mitte März und Korn Mitte April - , beratschlagten sie zusammen und
entschieden, daß man recht gut daran täte, die Reise nach
Jerusalem abzuschließen, solange die Ernte eingebracht würde. [xxxvi] Folglich ließen wir von der Burg ab
und kamen am Freitag, den 13. Mai, nach Tripolis, und dort
blieben wir drei Tage. Der König von Tripolis willigte ein,
unverzüglich mehr als dreihundert Pilger, die dort
gefangengesetzt worden waren, freizulassen und uns
fünfzehntausend Bezanti und fünfzehn Pferde von großem Wert
auszuhändigen. Er verkaufte uns zudem jede Menge Pferde, Esel
und Vorräte, so daß das ganze Heer Christi gut versorgt war.
Der Vertrag besagte auch, daß der König von Tripolis getauft
und sein Land aus der Hand unserer Fürsten erhalten würde, wenn
wir das Heer, welches der Emir von Kairo gegen die Unseren
rüstete, besiegten und es uns gelänge, Jerusalem einzunehmen.
Dies war die rechtliche Vereinbarung. Wir verließen die Stadt an einem Montag im
Monat Mai und machten eine Reise von einem ganzen Tag und einer
Nacht auf schmalem und steilem Pfad, bis wir zu einer Burg namens
Bethelon kamen und von dort zu einer Stadt an der Küste mit
Namen Gibelet, wo wir heftig unter Durst litten, so daß wir bis
dorthin, wo wir den Fluß Brayn erreichten, erschöpft waren.
Hierauf brachten wir die Nacht und den folgenden Himmelfahrtstag
damit zu, eine Klippe zu überqueren, wo der Pfad sehr schmal
ist, und rechneten damit, daß uns unsere Feinde aus dem
Hinterhalt auflauern würden; aber durch Gottes Gnade wagte
keiner von ihnen, sich uns zu nähern. Sodann zogen unsere Ritter
vor uns her, indem sie sich ihren Weg bahnten, und wir erreichten
eine Stadt namens Beirut, die an der Küste liegt. Von dort kamen
wir zu einer anderen Stadt mit Namen Sagitta, hierauf zu einer
weiteren namens Sur, und von Sur nach Akkon. Von Akkon gelangten
wir an eine Burg namens Chaifa, und danach schlugen wir in der
Nähe von Cäsarea unser Lager auf, wo wir am 30. Mai den Weißen
Sonntag feierten. Von da kamen wir zur Stadt Ramla, die die
Sarazenen aus Furcht vor den Franken geräumt hatten. In der
Nähe von Ramla liegt eine Kirche, der große Verehrung gebührt,
denn in ihr ruht der Leichnam des heiligen Georg, der dort im
Namen Christi den selig machenden Märtyrertod von seiten der
verräterischen Heiden erlitten hat. Während wir uns dort
aufhielten, überlegten sich unsere Führer gemeinsam, welchen
Bischof sie wählen sollten, der diese Kirche schützen und
aufbauen könnte; und sie entrichteten ihm den Zehnten und
statteten ihn mit Gold und Silber, Pferden und anderen Tieren
aus, so daß er und sein Haushalt auf anständige und religiöse
Manier leben konnten. [xxxvii] Er blieb freudig dort zurück; wir
aber kamen jubelnd und triumphierend am Dienstag, den 6. Juni,
zur Stadt Jerusalem und eröffneten eine vollendete Belagerung.
Der Normanne Robert bezog im Norden Stellung, gleich neben der
Kirche des Urmärtyrers Sankt Stephan, der hier um Christi willen
gesteinigt wurde, und neben ihm Graf Robert von Flandern. Herzog
Gottfried und Tankred belagerten die Stadt von Westen aus. Der
Graf von Saint-Gilles war im Süden, sozusagen auf dem Zionsberg,
in der Nähe der Kirche der Heiligen Gottesmutter Maria, wo der
Herr mit seinen Jüngern das Letzte Abendmahl teilte. Am dritten Tage gingen einige der Unseren
- Raimund Pilet, Raimund von Turenne und
zahlreiche andere - weg, um zu
kämpfen, und begegneten zweihundert Arabern. Die Ritter Christi
kämpften gegen diese Ungläubigen und besiegten sie mit Gottes
Hilfe mannhaft, wobei sie viele töteten und dreißig Pferde
erbeuteten. Am Montag drangen wir in einem solch kraftvollen
Sturm auf die Stadt ein, daß wir sie hätten einnehmen können,
wenn nur unsere Sturmleitern fertig gewesen wären. Es gelang uns
sogar, die Außenmauer zu zerstören, und gegen die große Mauer
stellten wir eine Leiter auf, auf der unsere Ritter
hinaufkletterten und Schwerter und Speere benutzend Mann gegen
Mann mit den Sarazenen und denen, die die Stadt verteidigten,
kämpften. Wir verloren viele Leute, aber der Feind verlor mehr.
Während der Belagerung konnten wir nahezu zehn Tage kein Brot
kaufen, bis ein Bote von unseren Schiffen kam; und wir litten so
heftig unter Durst, daß wir unsere Pferde und andere Tiere sechs
Meilen zum Wasser führen mußten, wobei wir unterwegs vor Angst
und Schrecken zitterten. Der Teich von Siloa zu Füßen des
Zionsberges hielt uns aufrecht; Wasser wurde nämlich im Heer
sehr teuer verkauft. Nachdem der Bote von unserem Schiff ankam,
berieten sich unsere Fürsten und entschieden, Ritter zu
entsenden, die den Männern und Schiffen, die im Hafen von Jaffa
lagen, eine zuverlässige Bewachung sein könnten. Bei
Tagesanbruch brachen einhundert Ritter aus dem Heer Graf Raimunds
von Saint-Gilles auf. Unter ihnen befanden sich Raimund Pilet,
Achard von Montmerle und Wilhelm von Sabran; und sie ritten
voller Selbstvertrauen zum Hafen. Schließlich wurden dreißig
unserer Ritter von den anderen getrennt und stießen auf
siebenhundert Araber, Türken und Sarazenen aus dem Heer des
Emirs. Die christlichen Ritter griffen sie tapfer an, doch waren
sie im Vergleich zu den Unseren so in der Übermacht, daß sie
die Unseren umzingelten und Achard von Montmerle und einige arme
Fußmannen töteten. Während die Unseren also solcherart
umzingelt waren und alle den Tod vor Augen hatten, erreichte die
anderen ein Bote, der zu Raimund Pilet sagte: "Warum haltet
Ihr Euch mit Euren Rittern hier auf? Seht doch! Die Unseren sind
alle von Arabern und Türken eingeschlossen, und vielleicht sind
sie in diesem Augenblick schon alle tot, also kommt uns zu Hilfe,
helft uns!" Als die Unseren dies hörten, ritten sie sofort
los so schnell sie konnten und gelangten sogleich dorthin, wo die
anderen kämpften. Als die Heiden die christlichen Ritter sahen,
teilten sie sich in zwei Gruppen auf, aber die Unseren riefen den
Namen Christi an und stürmten auf diese Ungläubigen so grimmig
ein, daß jeder Ritter seinen Gegner über den Haufen warf. Als
die Feinde erkannten, daß sie sich gegen den tapferen Angriff
der Franken nicht zur Wehr setzen konnten, rissen sie aus, von
panischem Schrecken erfaßt, und die Unseren verfolgten sie über
eine Entfernung von fast vier Meilen, wobei sie viele von ihnen
töteten; das Leben eines einzelnen aber schonten sie, damit er
ihnen Auskunft geben könne. Sie fingen auch einhundertunddrei
Pferde. Während dieser Belagerung litten wir so
schrecklich unter Durst, daß wir die Häute von Ochsen und
Büffeln zusammennähten; und wir pflegten Wasser bis auf fast
sechs Meilen in ihnen mitzuführen. Wir tranken das Wasser aus
diesen Gefäßen, obwohl es stank, und welch große Not und Pein
litten wir jeden Tag wegen fauligen Wassers und Gerstenbrot, denn
die Sarazenen pflegten den Unseren an jeder Quelle und jedem
Teich aus dem Hinterhalt aufzulauern, wo sie sie dann töteten
und zerstückelten. Auch pflegten sie die Tiere in ihre Höhlen
und geheimen Orte zwischen den Felsen wegzuführen. [xxxviii] Unsere Fürsten entschieden
daraufhin, die Stadt mit Maschinen anzugreifen, so daß wir
eindringen und am Grab unseres Erlösers beten könnten. Sie
bauten zwei hölzerne Belagerungstürme und verschiedene andere
mechanische Vorrichtungen. Herzog Gottfried bestückte seinen
Belagerungsturm mit Maschinen und Graf Raimund ebenso, aber sie
mußten das Bauholz von weit herholen. Als die Sarazenen die
Unsrigen diese Maschinen bauen sahen, stockten sie über Nacht
die Stadtmauer und deren Türme auf, auf daß diese überaus
mächtig wurden. Als jedoch unsere Fürsten entdeckten, welches
der schwächste Punkt in den Verteidigungsanlagen der Stadt war,
ließen sie in einer Samstagnacht eine Maschine und einen
Belagerungsturm auf die Ostseite herüberbefördern. Sie stellten
diese Maschinen bei Morgengrauen auf und verbrachten den Sonntag,
Montag und Dienstag mit der Vorbereitung des Belagerungsturms und
seiner Ausstaffierung, indes der Graf von Saint-Gilles seine
Maschine auf der Südseite fertigmachte. Die ganze Zeit über
litten wir so schlimm unter der Wasserverknappung, daß ein
Mensch selbst für einen Dinar nicht genügend kaufen konnte, um
seinen Durst davon zu löschen. Am Mittwoch und Donnerstag setzten wir einen
bewundernswerten Angriff auf die Stadt in Gang, sowohl bei Tag
als auch bei Nacht, von allen Seiten; aber ehe wir angriffen,
hielten unsere Bischöfe und Priester eine Predigt ab und hießen
uns in einer Prozession zu Ehren Gottes Jerusalem umrunden und
beten und Almosen zu geben und zu fasten, wie es sich für
Gläubige gehört. Freitags im Morgengrauen griffen wir die Stadt
von überallher an, konnten jedoch nichts ausrichten, so daß wir
alle verblüfft waren und große Angst hatten. Bis jetzt, als
jene Stunde nahte, wo unser Herr Jesus Christus sich für uns am
Kreuz zu leiden herabließ, kämpften unsere Ritter, angeführt
von Herzog Gottfried und seinem Bruder Graf Eustach, tapfer auf
dem Belagerungsturm. In diesem Augenblick gelang es einem unserer
Ritter namens Lethold, auf die Mauer zu kommen. Sowie er diese
erreichte, flohen alle Verteidiger längs der Mauern und durch
die Stadt, und die Unseren kamen ihnen hinterher, töteten sie
und hieben sie nieder bis zum Tempel Salomons, wo es ein solches
Massaker gab, daß die Unseren bis zu den Knöcheln in
Feindesblut wateten. Graf Raimund brachte sein Heer und einen
Belagerungsturm aus dem Süden in die Nähe der Mauer, aber
zwischen der Mauer und dem Turm war ein tiefer Graben. Unsere
Fürsten berieten darüber, wie sie den Graben auffüllen
sollten, und sie ließen verkünden, daß ein beliebiger, sooft
er drei Steine brächte, um sie in die Grube zu schmeißen, einen
Dinar erhalten sollte. Es dauerte drei Tage und drei Nächte, den
Graben aufzufüllen, und als er aufgefüllt war, führten sie den
Belagerungsturm an die Mauer heran. Die Verteidiger kämpften
gegen die Unseren mit bewundernswertem Mut, schleuderten Feuer
und Steine. Als der Graf jedoch hörte, daß die Franken bereits
in der Stadt seien, sagte er zu seinen Leuten: "Warum seid
Ihr so säumig? Schaut doch, die anderen Franken sind alle schon
in der Stadt." Darauf ergab sich der Emir, der den
Davidsturm befehligte, dem Grafen und öffnete für ihn das Tor,
an dem die Pilger ihre Steuer zu entrichten pflegten. Somit
drangen die Unseren in die Stadt ein, jagten die Sarazenen und
töteten sie bis hinauf zum Tempel Salomons, wo sie Zuflucht
suchten und gegen die Unseren den ganzen Tag über verbissen
kämpften, so daß der ganze Tempel von ihrem Blut triefte. Am
Ende, als die Heiden geschlagen waren, machten die Unseren viele
Gefangene im Tempel, sowohl Männer als Frauen. Sie töteten, wen
sie hierfür bestimmten, und wen sie dazu ausersahen, dem
schenkten sie das Leben. Auf dem Dach des Tempels drängten sich
zahllose Heiden beiderlei Geschlechts, denen Tankred und Gaston
von Bearn ihre Banner überreichten. Daraufhin stürmten die Unsrigen durch die
ganze Stadt, rissen Gold und Silber an sich, Pferde, Maulesel und
Häuser, gefüllt mit Waren jeglicher Art; und sie kamen alle
herbei, aus einem Übermaß an Glück vor Freude weinend, um am
Grab unseres Erlösers Jesus zu beten, und sie erfüllten ihr
Gelübde an ihm. Am nächsten Morgen stiegen sie, sich vorsehend,
auf das Tempeldach und griffen die Sarazenen an, Männer wie
Frauen, wobei sie ihnen mit dem blanken Schwert die Köpfe
abschlugen. Einige der Sarazenen stürzten sich kopfüber vom
Tempel herab. Tankred war außerordentlich erzürnt, als er dies
sah. [xxxix] Unsere Fürsten berieten sich sodann
und befahlen, daß jedermann Almosen geben solle und beten, daß
Gott sich selber aussuchen möge wen immer er sich dazu wünsche,
über die anderen zu herrschen und die Stadt zu regieren. Sie
veranlaßten außerdem, daß sämtliche Sarazenenleichen aufgrund
des furchtbaren Gestanks aus der Stadt hinausgeschafft würden,
denn fast die ganze Stadt war übersät mit ihren toten Leibern.
Somit schleiften die überlebenden Sarazenen die toten vor die
Tore hinaus und schichteten sie zu Stößen auf so hoch wie
Häuser. Keiner hat jemals ein solches Abschlachten von Heiden
gesehen oder je davon gehört, denn sie wurden auf Scheiterhaufen
verbrannt, die Pyramiden glichen, und keiner außer Gott allein
weiß, wie viele es waren. Graf Raimund jedoch veranlaßte, den
Emir und jene, die bei ihm waren, sicher und wohlbehalten nach
Askalon zu bringen. Am achten Tag, nachdem die Stadt gefallen war,
wählten sie Herzog Gottfried als ihren Regenten, damit er gegen
die Heiden kämpfen und die Christen beschützen könnte. In
gleicher Weise wurde am Fest St. Peters in Ketten ein überaus
erfahrener und vornehmer Mann namens Arnulf zum Patriarchen
gewählt. Diese Stadt wurde von den Christen Gottes am 15. Juli
eingenommen, welcher ein Freitag war. Während sich das Ganze zutrug, kam ein Bote
zu Graf Eustach und Tankred und bat sie, sich bereitzumachen und
abzuziehen, um die Übergabe der Stadt Nablus entgegenzunehmen.
Daher machten sie sich auf, nahmen viele Ritter und Fußmannen
mit, und kamen zu jener Stadt, deren Einwohner sich sofort
ergaben. Dann forderte Herzog Gottfried sie auf, rasch
herbeizukommen, denn der Emir von Kairo schickte sich an, bei
Askalon mit uns zu kämpfen. Daher begaben sie sich zügig ins
Gebirge, kampfbereit nach Sarazenen Ausschau haltend, und kamen
nach Cäsarea, von wo aus sie entlang der Küsten gen Ramla
gelangten, wo sie scharenweise Araber antrafen, die als Späher
vor dem Hauptheer hergeschickt worden waren. Die Unseren
vertrieben sie und fingen einige, die uns einen vollständigen
Bericht lieferten, wo sich ihr Heer befand und über dessen
Stärke und wo sie vorhatten, sich mit den Christen zu schlagen.
Als Tankred dies hörte, schickte er einen Boten geradewegs nach
Jerusalem zu Herzog Gottfried und dem Patriarchen sowie allen
anderen Führern, indem er sagte: "In Askalon soll eine
Schlacht geschlagen werden, also kommt schnell herbei mit allen
Kräften, die Ihr aufbieten könnt!" Hierauf hatte der
Herzog einen jeden aufgeboten, so daß sie bestens vorbereitet
losziehen konnten, um unsere Feinde vor Askalon zu bekämpfen. Er
selbst rückte gemeinsam mit ihnen, mit dem Patriarchen, dem
Grafen Robert von Flandern und dem Bischof von Martirano, am
Dienstag ab; der Graf von Saint-Gilles jedoch und der Normanne
Robert erklärten, daß sie nicht gehen würden, solange sie
nicht mit Bestimmtheit wüßten, daß es auch wirklich eine
Schlacht gäbe. Deshalb befahlen sie ihren Rittern, dort
hinzugehen und nachzusehen, ob sich auch wirklich eine Schlacht
abzeichnen würde, und so schnell wie möglich zurückzukommen,
denn sie selbst wären allesamt bereit aufzubrechen. Die Ritter
begaben sich dorthin, sahen die Vorbereitungen zur Schlacht und
kamen geradewegs zurück, um darüber Bericht zu erstatten, was
sie mit eigenen Augen gesehen hatten. Der Herzog ließ sofort den
Bischof von Martirano kommen und bat ihn, sich nach Jerusalem zu
begeben, um den dortigen Rittern zu sagen, sich bereitzumachen,
aufs Schlachtfeld zu kommen. Am Mittwoch begaben sich jene Herren dorthin
und ritten zur Schlacht. Als der Bischof von Martirano aus
Jerusalem zurückkam, um Botschaften für den Herzog und den
Patriarchen zu überbringen, traf er mit Sarazenen zusammen, die
ihn gefangennahmen und mit sich fortschleppten. Peter der Eremit
blieb in Jerusalem, um alle griechischen und lateinischen
Priester und Geistlichen zu ermahnen und ihnen Mut zuzusprechen,
in einer Prozession zu Ehren Gottes auszuziehen und zu beten
sowie Almosen zu geben, damit Gott seinem Volk den Sieg verliehe.
Die Geistlichen und Priester legten ihre geweihten Meßgewänder
an und geleiteten die Prozession zum Tempel unseres Herrn, wo sie
Messen und Oratorien sangen, womit sie darum beteten, daß Gott
sein Volk schützen möge. Mittlerweile waren der Patriarch und die
Bischöfe sowie die anderen Führer bei dem Flusse versammelt,
der auf dieser Seite Askalons liegt. Sie führten von dort viele
Tiere fort, Ochsen, Kamele und Schafe sowie andere Dinge. Da
tauchten etwa dreihundert Araber auf, und die Unseren griffen sie
an und nahmen zwei gefangen, während sie den Rest zu ihrem Heer
zurücktrieben. Als es Abend wurde, ließ der Patriarch überall
in der Menge verkünden, daß bei Anbruch der Morgendämmerung
jeder Mann zur Schlacht bereit sein solle, und daß jeder, der
sich unterstehen würde zu plündern, noch bevor die Schlacht
beendet sei, exkommuniziert würde, daß sie aber hinterher nach
Lust und Laune nehmen könnten, was immer der Herr gäbe. Am Freitag betraten die Unseren bei
Tagesanbruch ein herrliches Tal in der Nähe der Küste und
stellten ihre Schlachtreihen auf. Der Herzog, der Graf von der
Normandie, der Graf von Saint-Gilles, der Graf von Flandern, Graf
Eustach, Tankred und Gaston stellten jeder seine eigenen Leute
auf; und den Fußkämpfern, unter denen auch Bogenschützen
waren, wurde befohlen, den Rittern voranzuschreiten. Alles wurde
in dieser Weise geregelt, und im Namen unseres Herrn Jesus
Christus nahmen sie sogleich den Kampf auf. Herzog Gottfried
kämpfte mit den Seinen auf dem linken Flügel, der Graf von
Saint-Gilles in der Nähe zum Meer auf dem rechten, während die
Grafen von der Normandie und von Flandern zusammen mit Tankred
und all dem Rest in der Mitte ritten; und so begannen die Unseren
allmählich vorzurücken. Die Heiden standen ihrerseits zur
Schlacht aufgestellt. Jeder von ihnen hatte eine Flasche um den
Nacken hängen, aus der er trinken konnte, während er uns
verfolgte; dies hat jedoch aufgrund von Gottes Gnade nicht sein
sollen. Der Graf von der Normandie, der sah, daß die
Standarte des Emirs einen goldenen Apfel auf der Spitze des
Stiels trug, der versilbert war, stürmte geradewegs auf ihren
Träger zu und versetzte ihm eine tödliche Wunde. Der Graf von
Flandern führte von der anderen Seite einen entschlossenen
Angriff aus, und Tankred schlug sich kerzengerade ins feindliche
Lager durch. Als die Heiden das sahen, begannen sie sofort zu
fliehen. Es befand sich dort eine unzählbare Menge von Heiden,
und niemand außer Gott weiß, wie viele es waren. Die Schlacht
war schrecklich, aber die Macht Gottes war mit uns, so mächtig
und so stark, daß wir sogleich den Sieg errangen. Die Feinde
Gottes standen herum, geblendet und verwirrt; obwohl ihre Augen
geöffnet waren, sahen sie die Ritter Christi nicht, und sie
forderten es nicht heraus, ihnen hartnäckig zu widerstehen, denn
sie waren von der Macht Gottes schreckerfüllt. Einige kletterten
in ihrer Panik auf die Bäume in der Hoffnung, sich den Blicken
zu entziehen, aber unsere Männer töteten sie mit Pfeilen und
Speeren sowie Schwertern und warfen sie auf den Boden herab.
Andere warfen sich zu Boden, weil sie es nicht wagten, sich gegen
uns zu erheben. Also schlachten die Unseren sie, wie man Tiere in
einem Schlachthaus absticht. Der Graf von Saint-Gilles, der sich
nahe dem Meer befand, tötete eine ganze Menge von ihnen. Einige
sprangen ins Meer und andere flohen hierhin und dorthin. Und so erreichte der Emir trauernd und
wehklagend die Stadt und sprach mit weinerlicher Stimme: "Oh
ihr Geister der Götter! Wer hat je von Dingen wie diesen gesehen
oder gehört? Eine solche Macht, einen derartigen Mut, ein
solches Heer, das noch nie von irgendwem bezwungen worden ist,
von einer solch verdammt kleinen Schar von Christen besiegt zu
sehen! Wehe mir, ich armer und elender Wicht, der ich bin! Was
soll ich dazu noch sagen? Ich bin besiegt worden durch die Gewalt
von Bettlern, unbewaffnet und in Armut lebend, die sonst nichts
haben außer einem Sack und einem Ranzen. Und dies ist das Heer,
welches nun den Ägyptern, die diesen Leuten häufig Almosen zu
geben pflegten, wenn sie bettelnd in unserem Land umherzogen,
nachsetzt. Ich führte zweihunderttausend Soldaten zur Schlacht
herbei, und nun sehe ich sie alle flüchten, mit losen Zügeln
die Straße nach Kairo hinab, und sie haben nicht den Mut, sich
wider die Franken zusammenzuraffen. Ich schwöre bei Mohammed und
bei der Ehre sämtlicher Götter, daß ich niemals mehr ein Heer
ausheben werde, denn ich bin von einem fremden Volk besiegt
worden. Ich schaffte alle möglichen Waffen und Maschinen herbei,
um diese Männer in Jerusalem zu belagern, aber sie sind es, die
mich einen Zweitagesmarsch außerhalb der Stadt angegriffen
haben. Wehe mir! Was soll ich sonst noch sagen? Ich werde dem
unausgesetzten Spott im Lande Kairo ausgesetzt sein." Die Unseren erbeuteten die Standarte des
Emirs, die der Graf von der Normandie für zwanzig Mark Silbers
einlöste und dem Patriarchen zur Ehre Gottes und des Heiligen
Grabes aushändigte. Das Schert des Emirs wurde für sechzig
Byzanti gekauft. Somit wurden unsere Feinde durch Gottes Willen
besiegt. Alle Schiffe aus dem Land der Heiden befanden sich dort,
doch als die Besatzungen den Emir mit seinem Heer fliehen sahen,
hißten sie sofort die Segel und setzten hinaus aufs offene Meer.
Die Unsrigen gingen zum Lager des Feindes zurück und fanden
unzählige Beute vor an Gold und Silber, einen Haufen von
Reichtümern sowie alle möglichen Tiere, Waffen und Werkzeuge.
Sie suchten sich aus, was sie wollten, und verbrannten den Rest. Danach kamen die Unseren freudestrahlend nach
Jerusalem zurück und führten alle möglichen Vorräte mit sich,
was sie gerade benötigten. Diese Schlacht wurde am 12. August
ausgetragen, kraft der Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dem
Ruhm und Ehre sei, jetzt und immerdar, bis ans Ende der Welt.
Möge jede Seele "Amen" sagen.
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