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Beschreibung von Jerusalem und der Umgegend. (Kap 1-5.) Ankunft des christlichen Heeres. Es belagert die Stadt auf der Abend- und Mitternachtsseite. (Kap 5.) Erste Bestürmung der Stadt. Das Heer baut Belagerungsmaschinen, um den Angriff mit mehr Erfolg wiederholen zu können. (Kap 6.) Sie leiden an großer Wassernot. (Kap 7.) Die Einwohner von Jerusalem errichten ebenfalls Maschinen und bedrücken die Gläubigen in der Stadt aufs härteste. (Kap 8.) Ankunft einer genuesischen Flotte bei Joppe. Die Abteilung, die ihnen entgegengesandt wird, um sie nach dem Lager zu geleiten, wird von den Feinden überfallen. (Kap 9.) Durch die Genueser werden die Maschinen in kurzer Zeit zustande gebracht. (Kap 10.) Zwistigkeiten Tankreds und des Grafen von Toulouse. Sie versöhnen sich an einem Bußtag, den der Klerus anordnet. (Kap 11.) Einige der Fürsten verlegen in der Nacht ihr Lager und ihre Maschinen nach weniger befestigten Stadtteilen. (Kap 12.) Die Stadt wird bestürmt, bis die Nacht dem Kampf ein Ende macht. (Kap 13.) Die Nacht wird von beiden Teilen in großer Unruhe und Sorge zugebracht. (Kap 14.) Am Morgen wird der Angriff wiederholt. (Kap 15.) Ein Zeichen, vom Ölberg herab gegeben, ermutigt das christliche Heer wieder, wie es bereits ermatten will. Beschreibung des Kampfes auf der Mitternachtsseite. (Kap 16.) Der Graf von Toulouse kämpft auf der Abendseite mit ebensolcher Hartnäckigkeit. (Kap 17.) Der Herzog legt eine Brücke von seinem Kastell nach der Mauer hinüber. Er dringt mit den Seinigen in die Stadt ein und öffnet die Tore. (Kap 18.) Der Herzog richtet ein ungeheures Blutbad in der Stadt an. Der Graf von Toulouse dringt nun auch in die Stadt ein. Ein Teil der Bürger flüchtet sich nach der Burg. (Kap 19.) Tankred erschlägt die, welche sich nach dem Tempel geflüchtet haben. (Kap 20.) Nachdem der erste Tumult vorüber ist, besucht das Volk die geweihten Orte und verrichtet seine Gebete mit großer Andacht. (Kap 21.) Es werden viele von denen, die auf dem Zug gestorben waren, in der Stadt gesehen. (Kap 22.) Die Gläubigen der Stadt kommen zu Peter dem Eremiten und danken ihm für ihre Befreiung. (Kap 23.) Die Stadt wird von den Leichnamen gereinigt. Die auf der Burg übergeben diese dem Grafen von Toulouse. Es wird ein Festtag zum Andenken der Eroberung Jerusalems für alle Zeiten eingesetzt. (Kap 24.)
I. Daß die heilige und gottgeliebte Stadt Jerusalem auf Hügeln erhöht liege, ist bekannt. Auch wissen wir aus alten Nachrichten, daß sie im Stamm Benjamin gelegen ist. Auf der Abendseite hat sie den Stamm Simeon, das Philisterland und das mittelländische Meer, von dem sie, wo sie ihm am nächsten liegt, bei der uralten Stadt Joppe, vierundzwanzig Meilen entfernt ist. Zwischen ihr und dem Meer liegen das Kastell Emaus, das, wie schon gesagt, nachher Nikopolis geheißen wurde und der Ort ist, wo der Herr seinen Jüngern nach der Auferstehung erschien, sodann Modin, die Burg der heiligen Makkabäer, Nobe, der Priesterflecken, wo David, als er hier mit seinen Knaben hungernd ankam, die Schaubrode aß, die ihm Ahimelech darbot, Diospolis, das ist jenes Lidda, wo Petrus den Gichtbrüchigen, der Äneas hieß und seit acht Jahren gichtbrüchig auf dem Bett gelegen war, wieder gesund machte, und das schon genannte Joppe, wo derselbe Petrus eine an guten und mildtätigen Werken reiche Schülerin, mit Namen Tabea, zur Freude der Heiligen und der Witwen von den Toten erweckte, wo er auch, während er bei dem Gerber Simon zur Herberge war, die Botschaft des Kornelius empfing, wie dies alles die Apostelgeschichte meldet. Gegen Morgen hat sie den Jordanfluß und die ihm angrenzende Wüste, die an die vierzehn Meilen von der Stadt entfernt ist, einen Ort, der den Kindern der Propheten so lieb war, und das Waldtal, das jetzt das Salzmeer ist und auch der Asphaltsee und das Tote Meer heißt, eine Gegend, die, ehe der Herr Sodom zerstörte, wie wir aus der Genesis wissen, wasserreich als ein Garten des Herrn gewesen war. Diesseits des Jordans aber liegt die Stadt Jericho, die Moses Nachfolger, Josua, mehr durch Gebet als durch Kampf gewann, und wo nachher der Herr im Vorüberziehen den Blinden wieder sehend machte, auch Gibaal, der Zufluchtsort des Elisa. Jenseits des Jordans aber Gilaad, Basan, Ammon und Moab. Diese fielen nachher dem Stamm Ruben und Gad und der Hälfte des Stamms Manasse zu. Heutigentags heißt diese ganze Gegend Arabien. Gegen Mittag aber liegt das Erbe Judas, wo Bethlehem liegt, die eigentliche Stätte des Herrn, der Ort seiner Geburt und seine Wiege, ferner die Stadt Thekoa, wo die Propheten Amos und Habakuk wohnten, und Hebron, das auch Kirjatharba heißt, der ehrwürdige Begräbnisort der heiligen Patriarchen. Gegen Mitternacht liegt die Stadt Gibeon, die durch den Sieg Josuas, des Sohnes Nuns, und durch das Wunder des Stillstehens der Sonne verherrlicht ist, dann der Stamm Ephraim; da ist Silo, wo einst die Stiftshütte war, Sichar, wo die Samariterin zu Hause war, die mit dem Herrn jene bekannte Unterredung hatte, Bethel, der Ort, wo die goldenen Kälber verehrt wurden, der Zeuge von Jerobeams Sünde, auch Sebastea, wo Johannes der Täufer, Elisa und Obadja begraben liegen, einst Samaria, der Hohe Thron der Könige von Israel, von dem Berg Somer, auf dem sie liegt, so geheißen; von ihr heißt die ganze Gegend bis auf den heutigen Tag Samarien; ferner Neapolis, in der alten Zeit Sichem, von ihrem Gründer so genannt. Diesen Ort verbrannten Simeon und Levi, die Söhne Jakobs, um die Schmach zu rächen, die Sichems Sohn, Hemor, ihrer Schwester angetan hatte, und ihn und seine Söhne erschlugen sie mit der Schärfe des Schwertes.
II. Jerusalem, die Hauptstadt von Judäa, liegt nämlich in einer Gegend, der es völlig an Bächen, Wäldern, Quellen und Weiden gebricht. Nach den alten Geschichtsbüchern und nach den Überlieferungen der morgenländischen Völker hieß sie zuerst Salem, dann Jebus, bis sie zur Zeit Davids, der die Jebusiter aus ihr vertrieb, sie erweiterte und sie, nachdem er sieben Jahre in Hebron seinen Thron gehabt hatte, zu seinem Königssitz machte, den Namen Jerusalem erhielt. Im ersten Buch der Chronik steht hierüber folgendes geschrieben: "Und David und ganz Israel zogen hin nach Jerusalem, das ist Jebus; denn die Jebusiter wohnten dort im Lande. Und die Bürger von Jebus sprachen zu David: Du wirst nicht hereinkommen. David aber eroberte die Burg Zion, das ist Davids Stadt. Und David sprach: Wer die Jebusiter zuerst schlägt, der soll Hauptmann und Oberster sein. Da stieg Joab, der Sohn der Zeruja, zuerst hinauf und wurde Hauptmann. David aber wohnte auf der Burg, daher nennt man sie "Stadt Davids". Und er baute die Stadt ringsum, vom Millo an bis rundumher, Joab aber stellte die übrige Stadt wieder her." Nachher aber, unter der Regierung seines Sohnes Salomo, wurde es Hierosolyma genannt, was soviel heißen soll als Salomos Jerusalem. Die Stadt wurde aber, wie die berühmten Geschichtsschreiber Hegesippus und Josephus berichten, zweiundvierzig Jahre nach dem Leiden des Herrn, ihrer Sünden halber, von dem großen römischen Prinzeps Titus, dem Sohn Vespasians, belagert und erobert, und nachdem sie in seine Gewalt gekommen war, von Grund aus zerstört, so daß nach dem Wort des Herrn "nicht ein Stein auf dem andern" blieb. Aelius Hadrianus, der vierte römische Kaiser nach ihm, stellte sie nachher wieder her und nannte sie Aelia, wie in den Beschlüssen des Nizänischen Konzils zu lesen ist, wo es heißt: "der Bischof von Aelia soll von allen in Ehren gehalten werden" und so weiter. Während nun die Stadt früher auf einem jähen Abhang gestanden war, an den Seiten des Berges Zion und Morija, so daß sie teils gegen Morgen, teils gegen Mittag ganz abschüssig dalag und nur der Tempel und die Burg Antonia sich auf dem oberen Teil und dem Gipfel des Berges befanden, wurde sie vom Kaiser ganz auf die Höhe verlegt, so daß die Stätte des Leidens und der Auferstehung des Herrn, die früher außerhalb der Stadt gewesen war, nun bei der Wiedererbauung mit in den Umkreis der Mauern eingeschlossen wurde. Die Stadt ist nämlich kleiner als die größten und größer als die mittelmäßigen Städte, ihre Form ist länglich, ein Teil länger als der andere. Sie bildet jedoch ein Viereck und ist von drei Seiten von sehr tiefen Tälern umschlossen. Gegen Morgen liegt das Tal Joschaphat, dessen der Prophet Erwähnung tut, wenn er sagt: "Da ich das Geschick Judas und Jerusalems wenden werde, will ich alle Heiden zusammenbringen und will sie ins Tal Joschaphat hinabführen und will dort mit ihnen rechten wegen meines Volks und meines Erbteils Israel." Ganz in der Tiefe dieses Tales liegt die berühmte Kirche, die zu Ehren der Muttergottes erbaut ist, wo sie auch begraben sein soll und wo man noch heute dem Volk ihr rühmenswertes Grab zeigt. Hier fließt auch in den Wintermonaten, wenn ihm die Regengüsse Wasser geben, der Bach Kidron, dessen der heilige Apostel Johannes Erwähnung tut, wenn er sagt: "Jesus ging hinaus mit seinen Jüngern über den Bach Kidron" und so weiter. Auf der Mittagsseite stößt an dieses das Tal Hinnom, das zwischen dem Los Benjamins und Judas die Grenze bildete, wie im Josua geschrieben steht: "Danach führt sie hinauf zum Tal des Sohnes Hinnoms, mittagswärts des Berghangs der Jebusiter - das ist Jerusalem - und kommt hinauf auf den Gipfel des Berges, der abendwärts vor dem Tal Hinnom liegt." Hier zeigt man auch noch heutzutage den Acker Hakeldama, der um das Geld, für welches der schändliche Krämer Judas den Herrn verraten hatte, gekauft worden war und der jetzt ein Begräbnisplatz für die Pilger geworden ist. Von diesem Tag steht im zweiten Buch der Chronik, wo von Ahas die Rede ist, folgendes geschrieben: "Er opferte im Tal Ben-Hinnom und verbrannte seine Söhne im Feuer nach den greulichen Sitten der Heiden, die der Herr vor den Israeliten vertrieben hatte." Gegen Abend liegt ein Teil desselben Tales. Hier ist der alte Teich, der zu den Zeiten der Könige Judas berühmt war. Von hier geht es zum oberen Teich, den man jetzt gewöhnlich den See des Patriarchen heißt und der neben dem alten Gottesacker in der sogenannten Löwengrotte liegt. Von Norden aber kommt man auf ganz ebenem Weg an die Stadt, und hier zeigt man einem heute noch den Ort, wo der erste Märtyrer Stephan von den Juden gesteinigt wurde und auf den Knien, für seine Verfolger betend, den Geist aufgab.
III. Die Stadt liegt nämlich auf zwei Bergen, wie David sagt, wenn er spricht: "Sie ist fest gegründet auf den heiligen Bergen." Die Gipfel sind fast ganz innerhalb der Mauern der Stadt und nur durch ein kleines Tal getrennt, das auch die Stadt inmitten teilt. Der Berg gegen Abend heißt Zion, und nach ihm wird die ganze Stadt häufig so genannt, wie dort wo es heißt: "Der Herr liebt die Tore Zions mehr als alle Wohnungen in Jakob." Der andere Berg aber, der gegen Morgen, heißt Morija. Seiner wird im zweiten Buch der Chronik auf folgende Art gedacht: "Und Salomo fing an, das Haus des Herrn zu bauen in Jerusalem auf dem Berge Morija, wo der Herr seinem Vater David erschienen war, an der Stätte, die David auf der Tenne Araunas, des Jebusiters, zubereitet hatte." Auf dem westlichen Berggipfel nun, als auf dem höchsten, ist die Kirche, die wie der Berg Zion heißt, und nicht weit davon der Davidsturm, ein ausnehmend festes Werk, das mit seinen Türmen, Mauern und Außenwerken die ganze Stadt als ihre Burg überragt. Hier liegt auch, jedoch auf dem Abhang gegen Morgen, die Kirche zur heiligen Auferstehung, die eine runde Gestalt hat. Weil sie nun am Abhang des Berges liegt und ein Teil des Berges sie beinahe überragt und ihr die Helle nimmt, hat sie ein offenes Dach, durch welches das Licht in die Kirche kommt. Das Dach ruht auf Balken, die außerordentlich kunstreich die Gestalt einer Krone bilden, und unter dieser Öffnung steht das Grabmal des Erlösers. Vor der Ankunft unserer Lateiner war der Ort, den man Golgatha oder Schädelstätte heißt und wo der Herr gelitten hatte, wo man auch das Holz des lebendigmachenden Kreuzes gefunden und den vom Kreuz abgenommenen Leichnam des Herrn, wie es gewöhnlich bei den Juden die Begräbnissitte war, einbalsamiert und in Leinwand gehüllt haben soll, außerhalb des Umfangs der genannten Kirche und hatte bloß kleine Kapellen. Wie aber die Unsern mit Gottes Hilfe die Stadt in ihre Gewalt bekamen, erschien ihnen das genannte Gebäude allzu eng, sie erweiterten die frühere Kirche zu einem erhabenen und dauernden Werk und zogen die genannten Orte mit in den Umfang der Kirche, so daß das alte Gebäude nun einen Teil des neuen bildete. Auf dem anderen Berg aber, der gegen Morgen liegt, auf dem mittägigen Abhang desselben, steht der Tempel des Herrn, an der Stelle, wo nach den Büchern der Könige und der Chronik König David von dem Jebusiter Arafna oder Arnan die Tenne gekauft hatte. Auf diesem Platz erbaute er dem Herrn nach seinem Befehl einen Altar, auf dem er sodann Brandopfer und Sühneopfer darbrachte, und der Herr erhörte sein Gebet und sandte Feuer vom Himmel über den Altar des Brandopfers. Hier baute auch sein Sohn Salomo auf Befehl des Herrn nach dem Tod seines Vaters einen Tempel. Von welcher Form dieser gewesen und wie er unter dem babylonischen König Nebukadnezar zugrunde gegangen, unter dem Perserkönig Kyrus von Serubabel und dem Hohepriester Josua wieder aufgebaut und sodann wieder unter dem römischen Prinzeps Titus mit der ganzen Stadt zerstört worden ist, das steht in den alten Geschichtsbüchern geschrieben. Hieher aber gehört nur, von wem der gegenwärtige Tempel herrührt und in welcher Form dieser erbaut ist. Wir haben schon im Anfang dieses Werkes den dritten Nachfolger Mohammeds, Omar, den Sohn Katabs, als den Gründer dieses Gebäudes genannt. Daß es sich wirklich so verhält, beweisen alte Schriftdenkmäler, die sich außen und innen am Tempel befinden, mit Gewißheit. Er hat nämlich eine solche Form: Ein Platz, etwas mehr als eine Bogenschußweite lang und ebensobreit, viereckig, mit gleichweit abstehenden Seiten, ist von einer starken Mauer mäßiger Höhe eingefaßt. Auf der Abendseite sind zwei Pforten, die eine heißt die "schöne" - hier hat nach der Apostelgeschichte Petrus den Menschen, der vom Mutterleib an lahm war und von den Vorübergehenden Almosen bettelte, aufgehoben und wieder auf feste Beine gestellt -, den Namen der anderen Pforte aber weiß ich nicht. Auf der Nordseite ist auch eine Pforte, eine andere auf der Morgenseite, die bis heute noch die "goldene" heißt. Auf der Mittagsseite aber ist das Königshaus, das man gewöhnlich den "Tempel Salomons" nennt. Über allen Pforten, die an die Stadt grenzen, wie auch in den Ecken waren sehr hohe Türme, auf welche die Priester des Sarazenischen Aberglaubens zu gewissen Stunden stiegen, um das Volk zum Gebet zu laden. Einige davon sind noch übrig, andere sind durch verschiedene Zufälle eingestürzt worden. Innerhalb dieser Umgrenzung durfte niemand wohnen, auch durfte man nicht anders als mit bloßen und gewaschenen Füßen hinzutreten. Darüber zu wachen waren an jedem Tor Pförtner aufgestellt. Inmitten des so eingeschlossenen Platzes ist wieder ein ebener Raum, etwas erhöhter, der auf die gleiche Weise ein Viereck mit gleichweit abstehenden Seiten bildet. Von der Abend- und Mittagsseite steigt man auf zwei Treppen hinan, von der Morgenseite aber nur auf einer. An jeder Ecke standen hier früher kleine Kapellen, von denen einige noch vorhanden sind, einige aber abgebrochen wurden, um andere an ihrer Stelle zu erbauen. Der Tempel ist in Form eines Achtecks erbaut und hat ebensoviele Seiten. Von innen und außen ist er mit Marmortafeln und musivischer Arbeit verziert. Das Dach ist rund und auf künstliche Weise mit Blei gedeckt. Diese beiden Hofräume, der obere wie der untere, der ihn umschließt, sind mit weißen Steinen ausgelegt, so daß das Regenwasser, das sich Winters vom Tempel und von anderen Stellen herab ergießt, ganz hell und schmutzlos in die Zisternen fließt, die unterhalb dieser Hofräume in großer Zahl angebracht sind. Mitten im Tempel, aber unterhalb der inneren Säulenreihe, ist ein ziemlich hohes Felsstück mit einer Grotte aus demselben Stein darunter. Auf diesem soll der Engel gesessen sein, der wegen Davids unvorsichtiger Zählung das Volk schlug, bis ihm der Herr gebot, des Volkes zu schonen und sein Schwert in die Scheide zu stecken. Als nachher David die Tenne um sechshundert vollwichtige Seckel Goldes gekauft hatte, erbaute er hier einen Altar, wie schon erwähnt worden ist. Bis zur Ankunft der Unseren und noch fünfzehn Jahre nachher war diese Stelle unbedeckt und offen. Später wurde sie von denen, welche die Kirche zu besorgen hatten, mit weißem Marmor überzogen. Auch wurde hier ein Altar und ein Chor errichtet, in welchem Geistliche des Gottesdienstes warten.
IV. Das Land aber, in welchem die genannte Stadt Gottes liegt, heißt Judäa und auch das erste Palästina. Judäa hieß es seit der Zeit, wo zehn Stämme sich an Jerobeam, den Sohn Nebats, anschlossen und von Rehabeam, dem Sohn Salomos, abfielen und wo nur zwei Stämme, nämlich der Stamm Benjamin und Juda, diesem treu blieben. Daher hieß das Land, in welchem die beiden Stämme wohnten, nach dem Namen des Stammes Juda, Judäa. Daher heißt es auch im Evangelium: "Kehre zurück in das Land Juda!" Und daher hieß auch Rehabeam wie seine Nachfolger König von Juda, während die Könige der übrigen zehn Stämme Könige von Israel oder Samarien genannt wurden. Der Name Palästina jedoch soll eigentlich Philistina heißen und von den Philistern herkommen. Man unterscheidet nämlich drei Palästina, von denen das erste das ist, welches eigentlich Judäa heißt, und das Jerusalem zur Hauptstadt hat. Das zweite hat zur Hauptstadt Cäsarea am Meer, das dritte Bethsan oder Skythopolis, deren Würde jetzt auf die Kirche von Nazareth übergegangen ist. Mag es übrigens so oder so heißen, so viel ist gewiß, daß Judäa ein Teil von dem Land der Verheißung und von Syrien war, wie man aus der Homilie sehen kann, wo es heißt: "Es ist den Syrern und hauptsächlich den Einwohnern von Palästina, das der Teil von Syrien ist, den der Herr seiner persönlichen Erscheinung gewürdigt hat, eigentümlich, sich immer in Gleichnisreden auszudrücken." Judäa liegt aber eigentlich auch ziemlich im Mittelpunkt des Landes der Verheißung, wie man aus dem Buch Josua sieht, wo die Grenzen des gelobten Landes so beschrieben werden: "Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang soll eurer Gebiet sein." Die Gegend, in welcher die Stadt gelegen ist, ist dürr und wasserlos, sie hat weder Bäche noch Quellen noch Flüsse, und die Einwohner haben kein anderes als Regenwasser. In den Wintermonaten nämlich sammelt sich das Regenwasser in den Zisternen, deren viele in der Stadt sind, und wird dann das ganze Jahr durch für den Gebrauch aufbewahrt. Es nimmt uns daher sehr Wunder, daß Solinus sagt, Judäa zeichne sich durch sein Wasser aus. In seinem Polyhistor steht nämlich: "Judäa ist ausgezeichnet durch seine Wasser, obgleich die Natur dieser Wasser sehr verschieden ist." Wir wissen diesen Widerspruch nicht anders zu lösen, als daß wir sagen, er habe entweder nicht die Wahrheit berichtet oder das Land habe sich später verändert. Übrigens ist es gewiß, daß der Freund Gottes, der König Hiskia von Juda, als er von der Ankunft Sanheribs, des Sohnes Salmanassars, hörte, die Quellen außerhalb der Stadt verstopfen ließ. Im zweiten Buch der Chronik steht hierüber folgendes zu lesen: "Und als Hiskia sah, daß Sanherib kam und willens war, gegen Jerusalem zu kämpfen, beriet er sich mit seinen Obersten und Kriegshelden, ob man die Wasserquellen verdecken sollte, die draußen vor der Stadt waren; und sie stimmten ihm zu. Und es versammelte sich viel Volk, und sie verdeckten alle Quellen und den Bach, der durch die Erde geleitet wird, und sprachen: Daß die Könige von Assur nur kein Wasser finden, wenn sie kommen!" Unter diesen zeichnete sich vorzüglich die Quelle Gihon aus, von der es eben daselbst heißt: "Das ist der Hiskia, der die obere Wasserquelle des Gihon verschloß und sie hinunterleitete abendwärts zur Stadt Davids." Dieser Ort liegt nämlich auf der Mittagsseite, mitten in Jerusalem im Tal Hennom, da wo jetzt die Kirche zu Ehren des heiligen Märtyrers Prokopius steht und wo Salomo zum König gesalbt worden sein soll. Im ersten Buch der Könige heißt es bekanntlich: "Nehmt mit euch die Großen eures Herrn und setzt meinen Sohn Salomo auf mein Maultier und führt ihn hinab zum Gihon. Und der Priester Zadok samt dem Propheten Nathan salbe ihn daselbst zum König über Israel. Und blast die Posaunen und ruft: Es lebe der König Salomo!" Daß dies aber vor der Zeit des Solinus gewesen ist, ist ganz gewiß, denn daß er nach dem römischen Kaiser Titus, der die Stadt zerstörte, und vor Aelius Hadrianus, der sie wieder aufbaute, gelebt hat, geht ganz deutlich aus seinen Polyhistor hervor, wo er im vierzigsten Kapitel sagt: "Judäa war die Hauptstadt von Jerusalem, ist jetzt aber zerstört. An seine Stelle trat Jericho, das aber seit dem Krieg mit Artaverres, wo es erobert wurde, ebenfalls Hauptstadt zu sein aufgehört hat." Außerhalb der Stadt, in einer Entfernung von zwei oder drei Meilen, sind einige Quellen, aber es sind wenige und sie liefern nicht viel Wasser. Auf der Mittagsseite der Stadt jedoch, wo die obengenannten zwei Täler zusammenstoßen, ist ungefähr eine Meile von der Stadt eine berühmte Quelle, die Quelle Siloe, wohin der Herr jenen Menschen schickte, der von Mutterleib an blind gewesen war, daß er sich hier wasche und sehend werde. Die Quelle ist aber nicht stark. Sie entspringt mitten im Tal und ist weder schmackhaft noch gibt sie beständig Wasser, sondern sie soll sich nur mit Unterbrechungen nach je drei Tagen ergießen. Wie nun die Bürger der Stadt von der Ankunft der Unseren vernommen hatten, verstopften sie die Mündungen der Quellen und Zisternen im Umkreis der Stadt bis auf fünf oder sechs Meilen hin, um unser Volk dadurch zu erschöpfen, daß es von einer Belagerung der Stadt abstehen müsse, woher denn auch während der Belagerung dem Heer unendliche Drangsal kam, wie später erzählt werden wird. Die aber, welche innen in der Stadt waren, hatten nicht nur einen großen Vorrat an Regenwasser, sie führten auch vermittelst Wasserleitungen Quellen von außen in die Stadt hinein, wo sie in zwei Fischteichen von gewaltigem Umfang, welche in der Nähe des Tempels, aber außerhalb desselben, jedoch noch innerhalb der Stadt lagen, gesammelt wurden. Der eine von diesen Teichen wird für den Schafteich gehalten, in welchem vor Zeiten die Opfertiere gewaschen wurden und welcher nach dem Evangelium fünf Hallen hatte. Es ist der, von welchem es hieß, es fahre zu seiner Zeit ein Engel in ihn herab und bewege das Wasser, so daß der erste, der, nachdem das Wasser bewegt worden ist, hineinsteigt, gesund werde und bei welchem der Herr den Gichtbrüchigen heilte und sein Bett nehmen und hingehen hieß.
V. Im Jahr der Menschwerdung des Herrn tausendundneunundneunzig also, im Monat Juni, am siebenten Tage des Monats, schlugen unsere Heere ihr Lager vor der Stadt auf. Die Zahl des gesamten Heeres, Weiber, Kinder und was sonst zum Kampfe untüchtig war, mitgerechnet, soll an die vierzigtausend betragen haben, worunter aber kaum zwanzigtausend streitbaren Fußvolkes sein konnten. Der Reiter waren es fünfzehntausend, die übrigen alle aber waren entweder krank und gebrechlich oder Volk, das nicht zum Kampf taugte. In der Stadt, hieß es, sollen vierzigtausend tapferer und bestens bewaffneter Männer gewesen sein, denn es war aus den benachbarten Städten und aus dem Bezirk der Stadt eine große Menge zusammengeflossen, die teils vor dem Feind in die Stadt flüchten und hier ihre Rettung finden, teils die Königsstadt gegen die bevorstehende Gefahr beschützen und mit Waffen und Lebensmitteln versehen wollten. Nachdem sie sich der Stadt genähert hatten, berieten sie sich mit den Ortskundigen sorgsam, von welcher Seite her sie die Stadt am leichtesten und bequemsten angreifen könnten, und da sie sahen, daß sie wegen der Tiefe der Täler, deren schon erwähnt worden ist, weder auf der Morgen- noch auf der Mittagsseite etwas ausrichten könnten, beschlossen sie, die Stadt von der Mitternachtsseite zu belagern. Unsere Fürsten schlugen also ihr Lager vor dem Tor an, das heute das Sankt-Stephans-Tor heißt, und das gegen Mitternacht liegt, bis zu dem Tor unter dem Davidsturm, das ebenfalls nach diesem König benannt ist wie auch der Turm, der auf der Abendseite der Stadt liegt. Den ersten Platz nahm Herzog Gottfried von Lothringen ein, den zweiten Graf Robert von Flandern, den dritten Graf Robert von der Normandie, den vierten Tankred bei dem Eckturm, der nachher von ihm den Namen erhielt. Von diesem Turm aber bis zum Tor gegen Abend hielt der Graf von Toulouse mit seinem Gefolge die Stadt besetzt. Später aber verlegte er einen Teil seines Lagers, teils wegen des Turms, der gerade darüberlag und dem genannten Tor zu mächtigem Schutz gereichte, teils wegen des Tals, das zwischen der Stadt und seinem Lager war, auf den Rat von Einsichtigen hin, die hinlängliche Ortskenntnis hatten, und da er sah, daß er in diesem Teil der Stadt nichts ausrichten könne, auf den Berg, auf welchem die Stadt liegt, zwischen die Stadt selbst und die Kirche, welche Zion heißt und die einen Pfeilschuß von der Stadt entfernt ist. Einen anderen Teil aber ließ er an der früheren Stelle. Dies soll er aber teils darum getan haben, damit die Seinen sich beim Sturm sich der Stadt leichter nähern könnten, teils um die genannte Kirche vor Zerstörungen der Feinde zu bewahren. Denn dies war der Ort, wo der Erlöser mit seinen Jüngern das Abendmahl gehalten und ihre Füße gewaschen haben soll. Hier soll auch am heiligen Pfingstfest der Heilige Geist in Gestalt feuriger Zungen herabgekommen sein. Hier starb nach den Überlieferungen der Alten die fromme Muttergottes, und hier wird heute noch das Grabmahl des ersten Märtyrers Stephan gezeigt.
VI. Da das Lager also auf die angegebene Art aufgeschlagen war, blieb die Stadt von dem Tor gegen Mitternacht, das gewöhnlich das Sankt-Stephans-Tor heißt, bis zu dem Eckturm über dem Tal Joschaphat, und von da bis zum entgegengesetzten Winkel der Stadt, der auf der Mittagsseite über dem Abhang desselben Tales liegt, und von da bis zum Tor gegen Mittag, das heute das Tor zum Berg Zion heißt, unbesetzt, und so war also kaum die Hälfte der Stadt vom Lager eingeschlossen. Am fünften Tage nun, nachdem sich unser Heer vor der Stadt aufgestellt hatte, wurde durch Heroldsstimme allgemein bekanntgemacht, es sollten sich alle vom Höchsten bis zum Niedersten wappnen und mit Schilden versehen, um zum Sturm gegen die Stadt gerüstet zu sein, was denn auch geschah. Es erhoben sich nämlich alle einmütig und berannten die Stadtteile, welche man belagert hielt, mit solcher Heftigkeit und setzten den Angriff mit so viel Eifer und Tapferkeit fort, daß sich die Bürger von den Vormauern, welche die Unseren erbrochen hatten, voll Furcht nach den inneren Mauern zurückzogen und alles Vertrauen auf längeren Widerstand verloren. Hätten die Unseren an diesem Tage, wo sie mit so viel Feuer die Stadt bestürmten, Leitern gehabt, oder hätten sie Maschinen an die Mauern angelegt, sie hätten ohne allen Zweifel die Stadt erobert. Nachdem sie sich vom frühen Morgen bis zur siebenten Stunde des Tages abgemüht hatten und sahen, daß sie ohne Maschinen nichts ausrichten können, verschoben sie die Ausführung ihres Vorhabens auf weiter hinaus, wo sie dann, wenn sie erst Maschinen erbaut hätten, unter Gottes Beistand den Angriff mit mehr Glück wiederholen wollten. Und während nun die Fürsten eifrig darüber beratschlagten, von wo man Holz für die Maschinen beschaffen könnte, denn die ganze umliegende Gegend schien davon entblößt zu sein, war zufällig ein gläubiger Einheimischer anwesend, ein Syrer von Volkszugehörigkeit, auf dessen Anweisung einige der Fürsten nach abgelegenen sechs oder sieben Meilen von der Stadt entfernten Tälern zogen, wo sie mehrere Bäume vorfanden, die, wenn auch zu ihrem Zweck nicht unbedingt passend, doch von beträchtlicher Höhe waren. Sie hatten Bau- und Zimmerleute bei sich und ließen, so viel man nach der Angabe dieser zu brauchen glaubte, auf Wagen und auf Kamelen nach der Stadt bringen. Und nun waren die Künstler und wer außer diesen mit solchen Arbeiten vertraut war, mit Beil und Säge und was man sonst für Werkzeuge bei solchen Arbeiten braucht, unermüdlich beschäftigt, Kastelle, Wurfmaschinen, die man Mangana oder Steinschleudern nennt, auch Sturmböcke und Skrophen zur Unterwühlung der Mauern mit dem größten Fleiß zusammenzuzimmern. Man gab nämlich den Handwerksleuten, weil sie selbst nicht so viel Vermögen hatten, daß sie umsonst hätten arbeiten können, einen Lohn aus Beiträgen, die das Volk willig hergab, denn keiner der Fürsten hatte soviel, daß er die Werkleute hätte bezahlen können, außer dem Grafen von Toulouse, der immer einen größeren Überfluß als die übrigen hatte. Dieser gab seinen Handwerksleuten, ohne einen Beitrag vom Volk, aus seinem eigenen Schatz die nötigen Summen, aber auch vielen Edlen, denen ihr Reisegeld ausgegangen war, half er aus. Während die größeren Fürsten auf diese Art mit wichtigen Dingen beschäftigt waren, führten andere edle und vortreffliche Männer mit erhobenen Fahnen das Volk an Orte, wo, wie sie von den Bewohnern des Landes erfahren hatten, etwas Buschholz und niedriger Wald war, um mit ihren Pferden, Eseln und dem übrigen Lastvieh, Strauchwerk und Weiden für die Schanzkörbe zu holen und so zur Ausführung der größeren Werke beizutragen. Man war also mit dem größten Eifer an der Arbeit, alles strengte seine Kräfte an. Im ganzen Volk war kein Untätiger oder einer, der sich der Lässigkeit überlassen hätte. Vielmehr hatte sich jeder einer Arbeit unterzogen, ohne dabei auf seinen Stand und seine Stellung Rücksicht zu nehmen, denn jede Arbeit, die nötig war, galt für eine ehrenvolle. Reiche und Arme machten sich zumal an die Arbeit, und da sich alle in dem Eifer, mit dem sie das Werk betrieben, gleich waren, so war die Ungleichheit des Standes verschwunden. Wer mehr Verdienste hatte, war auch desto mehr in seinem Dienst besorgt, wer des Verdienstes weniger hatte, war von der Arbeit auch nicht ausgeschlossen. Alles, was sie auf der ganzen Reise bis jetzt ausgestanden hatten, galt ihnen für nichts, wenn ihnen nur die Frucht ihrer Anstrengungen zuteil wurde, wenn sie nur in die Stadt gelangen konnten, der zuliebe sie so vieles erduldet hatten. Alles, was von ihnen verlangt wurde, schien ihnen ein Leichtes zu sein, durften sie nur glauben, es trage dazu bei, sie ihres Wunsches teilhaftig zu machen.
VII. Unterdessen wurde das Heer von heftigstem Durst geplagt, denn wie schon gesagt wurde ist die Umgegend der Stadt dürr und wasserlos und hat weder Quellen noch Bäche noch Brunnen, wenigstens nicht in der Nähe, und die Einwohner hatten sie, als sie von der Ankunft der Unseren hörten, sämtlich mit Erde und auf andere Art, wie sie nur konnten, verstopft, um die Gegend zu einer fortgesetzten Belagerung untauglich zu machen. Auch hatten sie die Zisternen und die Behälter des Regenwassers verflacht, daß sich das Wasser in ihnen nicht mehr sammeln konnte, oder auch aus Bosheit verdeckt, daß die Bedürftigen und das dürstende Volk keine Hilfe bei ihnen fänden. Jedoch fanden sich häufig Einwohner von Bethlehem und gläubige Männer aus der Prophetenstadt Thekoa beim Heer ein und führten das Volk nach den Quellen, die vier oder fünf Meilen vom Lager entfernt waren. Wenn sie dann aber bei den Quellen angekommen waren, so drängte immer einer den anderen vom Wasser weg, und wenn sie dann durch ihr törichtes Betragen sich lange genug hingehalten hatten, brachten sie nach so vielen Schwierigkeiten ein schlammiges Wasser in ihren Schläuchen nach Hause, von dem ein Trunk, mit dem man sich kaum einmal den Durst stillen konnte, um hohen Preis verkauft wurde. Auch die Quelle Siloe in der Nähe der Stadt, deren ich oben Erwähnung getan habe, konnte dem Volk nicht genügen, den sie gab nur von Zeit zu Zeit Wasser von sich, das dazu noch unschmackhaft war. Die brennende Hitze des Juni vermehrte und verdoppelte noch die schreckliche Wassernot, auch trocknete die Arbeit und der Staub, der aufgewühlt wurde, Mund und Brust aus. Sie zerstreuten sich also einzeln, um irgendwo Wasser aufzuspüren. Wenn aber eine kleine Anzahl meinte, sie habe für sich einiges gefunden, so kam sogleich ein großer Trupp anderer einher, der dasselbe suchte, so daß sich nicht selten bei den Quellen, die man fand, Zank erhob, der oft, weil jeder den anderen am Wasserschöpfen hindern wollte, zum Kampf ausbrach. Die nun zu Fuß waren konnten sich, wenn sie das Wasser, das sie irgendwie gefunden hatten, sparsam gebrauchten, schon vor der größten Not schützen. Wer aber sehr viele Pferde hatte, konnte diese, da er sie dürstend drei oder vier Meilen weit hinausführen mußte, nur sehr schwer mit Wasser versehen. Die Tiere nun, für die ihre Herrn nicht sorgen konnten, Pferde, Esel, Mäuler, Schafe und Rinder, liefen mit langsamen Schritten, vor Durst und Hitze verkommend und völlig abgezehrt, auf dem Felde umher und fielen da und dort tot nieder, so daß im Lager ein abscheulicher Geruch entstand und die Luft auf eine gefährliche Art verdorben wurde. Die Wassernot schien bei dieser Belagerung unter dem Volk eine ebensogroße Verheerung anzurichten wie bei Antiochien die Hungersnot. Auch zerstreuten sie sich, um in der Umgegend Lebensmittel und Futter für die Pferde zu suchen, allzu unvorsichtig und durchstreiften das Land mit zuviel Sicherheit, wo dann die in der Stadt, als sie von diesen Streifereien hörten, aus den unbesetzt gebliebenen Teilen mehrmals heimlich herauskamen, sich ihnen entgegenstellten und viele von ihnen töteten, auch öfters ihre Pferde mit sich nahmen. Einigen aber glückte es auch, doch meist, nachdem sie schon verwundet waren, durch die Flucht zu entkommen. Die Zahl der Unseren verminderte sich von Tag zu Tag, und da durch verschiedene Zufälle, denen die menschliche Schwachheit ausgesetzt ist, beinahe jeden Tag viele umkamen und von nirgends her neue hinzutraten, die ihre Stelle hätten ersetzen können, so nahm jeder folgende Tag dem gestrigen etwas von dem, was er gehabt hatte. Umgekehrt vermehrten sich die Streitkräfte der Feinde, und zum Verderben der Unsrigen kamen ihnen immer neue Hilfsmannschaften hinzu, die durch die unbesetzt gebliebenen Teile der Stadt freien Zutritt hatten.
VIII. Während nun unser ganzes Heer mit der Errichtung von Maschinen, dem Flechten von Schanzkörben, dem Zusammenfügen von Leitern sich eifrig beschäftigte und alle Mühe aufwandte, strengten auch die Bürger der Stadt, um List mit List zurückzuschlagen, alle Kräfte an und waren mit der größten Sorge darauf bedacht, ein Mittel zu finden, durch das sie den Unseren Widerstand leisten könnten. Sie errichteten aus dem Holz und den hohen Bäumen, deren sie aus Vorsicht vor Ankunft der Unseren eine Menge zur Befestigung der Stadt herbeigeschafft hatten, um die Wette Maschinen, die ganz nach Art der unseren, aber aus besseren Materialien gearbeitet waren. Auch waren sie eifrig darauf bedacht, bei dieser Art von Gerätschaften weder in Hinsicht der Kunst noch der Dauerhaftigkeit des Stoffs hinter den unsrigen zurückzubleiben. Da sie beständig Wachen auf der Mauer und auf den Türmen hatten, die beinahe alles, was im Heer vorging, hauptsächlich aber, was sich auf die Errichtung solcher Maschinen bezog, sorgfältig beobachteten und den Höchsten der Stadt wieder berichteten, so konnten sie leicht durch Nachahmung allem, was die Unseren versuchten, etwas Gleiches entgegenstellen, um so mehr, da sie an Künstlern und Bauwerkzeugen, an Eisen, Erz, Seilen und was man sonst bei solchen Werken braucht, immer einen viel größeren Vorrat als die Unseren draußen hatten. Dazu waren nicht nur die Bürger durch ein öffentliches Edikt zu der Arbeit angehalten worden, sondern sie legten auch den Gläubigen, die in sklavischer Abhängigkeit unter ihnen lebten, unerhörte Frohndienste auf. Sie quälten sie aber nicht nur dadurch, daß sie sie zu solchen Leistungen zwangen, sie schleppten sie auch in Kerker und Bande, weil sie sie im Verdacht hatten, sie würden die Unseren begünstigen und ihnen den Zustand und die Geheimnisse der Stadt entdecken, und es wagte keiner aus der Zahl der Gläubigen, sich auf der Mauer oder auf den Straßen anders denn wie ein Lasttier mit Baumaterialien beladen zu zeigen. Denn dazu brauchte man sie, Lasten zu tragen, und wer ein Handwerk verstand, der mußte Zimmerwerke verfertigen. Auch wurden sie auf die nächstbeste Beschuldigung einer verleumderischer Anklägers hin mit den härtesten Strafen belegt. Die, welche aus den benachbarten Ortschaften und den Städten der Umgegend nach hieher umgezogen waren, mußten sie beherbergen und ihnen geben, wessen sie bedurften. Und wenn sie nicht einmal soviel hatten, daß ihr Vermögen ausreichte, die Ihrigen und ihr Hausgesinde über Wasser zu halten, so wurden sie dennoch gezwungen, diese Fremden zu unterhalten, wo sie denn selbst am allermeisten darben mußten. Bedurfte man etwas zu den öffentlichen Unternehmungen, so wurden vor allem die Häuser der Gläubigen erbrochen, um das Nötige, wenn es sich vorfände, den Hausbesitzern mit Gewalt abzunehmen. Wenn sie ferner gerufen wurden und nicht sogleich ohne jedes Zögern erschienen, sie mochten nun da oder dort, es mochte Tag oder Nacht sein, so wurden sie auf schmachvolle Weise am Bart und an den Haaren herbeigezogen, so daß die jämmerliche Lage, in der sie sich befanden, sogar ihre Feinde hätte zu Tränen rühren können. Die maßlosen Arbeiten, die man ihnen zumutete, und all der Jammer, mit dem man sie heimsuchte, hatte weder Zahl noch Grenzen. Sie waren darum auch völlig erschöpft und so herabgekommen, daß sie lieber im Herrn zu sterben wünschten, als ihr irdisches Dasein fortzuführen, denn ihr elendes Leben war viel schlimmer als der Tod, da sie den Tag über auch nicht einmal Zeit zum Ausruhen erhielten und selbst nicht die nötige Zeit zum Schlaf bekamen. Wo etwas Ungeschicktes vorfiel, wurde es ihnen zur Last gelegt. Sie konnten ohne Verdacht in ihrem Hause weder aus noch ein gehen, sie mußten sich die Schmähungen von jedem gefallen lassen, und jeder fand Gehör, wenn er sie anklagte.
IX. Während dies bei der Belagerung vorfiel, erschien ein Bote, der die Ankunft von genuesischen Schiffen im Hafen von Joppe meldete und die Fürsten ersuchte, einige vom Heer dorthin zu schicken, um die Gelandeten nach der Stadt zu geleiten. Joppe ist nämlich eine Seestadt, von der Solinus im neununddreißigsten Kapitel seines Buches von den Merkwürdigkeiten der Welt folgendes sagt: "Joppe ist die älteste Stadt auf der ganzen Welt, denn sie ist noch vor der Sintflut erbaut worden. In dieser Stadt zeigt man einen Stein, an welchem, nach einem wahren Gerücht, noch Spuren von den Fesseln sind, in welchen Andromeda dem wilden Tier ausgesetzt wurde. Denn Markus Skaurus zeigte die Gebeine des Ungeheuers, solange er Ädil war, unter anderen Merkwürdigkeiten in Rom, wie dies in den Annalen aufgezeichnet ist. Auch die Größe dieser Gebeine ist in glaubwürdigen Büchern angegeben. Die Länge der Rippen nämlich betrug mehr als vierzig Fuß, seine Höhe übertraf die des indischen Elefanten, und seine Wirbelbeine waren über einen halben Schuh breit." Dasselbe bezeugt auch Hieronymus in seinem Epitaphium der Heiligen Paula. Er sagt: "Sie sah auch Joppe, den Hafen des fliehenden Jonas, und um auch der Fabeln und Poeten zu erwähnen, den Zeugen der an den Felsen geschmiedeten Andromeda." Es traf sich nämlich, daß nach gemeinschaftlichem Beschluß jenem Verlangen gemäß der Graf von Toulouse, der mehr besaß als die übrigen, unter Anführung eines Edlen aus seinem Gefolge, der Werner Galdemar hieß und den Beinamen Carpinelle führte, dreißig Reiter und fünfzig zu Fuß dahin sandte. Nachdem sie aber abgezogen waren, sahen die Fürsten, daß diese nicht für den Auftrag hinreichten, und baten den Grafen wiederum, noch mehrere dahin abzuschicken, worauf er die trefflichen und ausgezeichneten Männer Raimund Pelet und Wilhelm von Sabran mit fünfzig Reitern den Vorangegangenen nachsandte. Galdemar aber, der früher ausgezogen war, traf in der Gegend von Lidda und Ramla auf sechshundert Feinde, die ihn überfielen und von seinen Reitern vier, von seinen Reisigen aber weit mehr töteten. Wie nun die Unseren auf alle Art Widerstand zu leisten suchten und sich, so wenige sie waren, gegenseitig zum Kampf aufmunterten, traf es sich, daß die zwei genannten edlen Männer, welche ihnen folgten, so schnell herbeikamen, daß sie an dem Gefecht noch teilnehmen konnten. Als darauf die Unseren vereint den Feind angriffen, stand ihnen der Himmel bei. Sie hieben zweihundert nieder und schlugen die übrigen in die Flucht. Jedoch fielen in diesem Treffen die edlen Männer Guilbert von Treves und Aichard von Montmerle, über deren Tod das Heer, als es die Nachricht davon erhielt, in große Trauer versetzt wurde. Die Unseren aber kamen, nachdem ihnen der Himmel den Sieg zuerkannt hatte, vollends wohlbehalten ihrem Vorsatz gemäß nach Joppe, wo sie von den genannten Schiffsleuten mit großer Freude empfangen wurden und beide Teile sich in freundschaftlichen Gesprächen erholten. Während sie sich hier nur einige Zeit aufhielten, bis die Angekommenen ihr Reisegepäck bereit hatten und zur Reise gerüstet waren, kam plötzlich in der Nacht die ägyptische Flotte, welche bei Askalon verborgen gelegen hatte und Gelegenheit suchte, den Unseren zu schaden, bei derselben Stadt an. Als die Unsern dies erfuhren, gingen sie ans Meer hinab und wollten zuerst ihre Schiffe gegen die Angriffe des Feindes schützen. Als sie dann aber sahen, daß sie der großen Menge der Feinde nicht gewachsen seien, nahmen sie Segel, Taue und das sonstige Schiffszeug mit sich und begaben sich mit allem, was sie hatten, nach der Burg der Stadt. Eines ihrer Schiffe aber, das auf Raub ausgegangen war und wie es mit Beute beladen zurückkehren wollte sah, daß die feindliche Flotte den Hafen von Joppe in Besitz genommen hatte, entkam mit günstigem Wind nach Laodikäa. Joppe war nämlich damals eine völlige Einöde und all seiner Bewohner entblößt, denn die Bürger hatten kurz vor der Ankunft der Unseren, weil sie kein Vertrauen auf die Festigkeit ihrer Stadt hatten, den Ort verlassen. Die Unseren aber nahmen bloß die Burg in Besitz. Wie nun alles in Ordnung war, schickten sie sich zur Reise an und gingen, von den Bewaffneten, welche zu diesem Zweck herabgekommen waren, geführt, mit all ihrer Habe nach Jerusalem, wo sie von dem Heer, dem ihre Ankunft zum großen Trost gereichte, mit Freuden empfangen wurden. Die Angekommenen waren nämlich einsichtige Männer, die nach Art der Schiffsleute sich wohl auf die Baukunst verstanden und im Zimmern, Behauen und Zusammenfügen der Balken und im Errichten von Maschinen sehr erfahren waren. Sie hatten aber auch viele andere Künste mit sich gebracht, die dem Heer auf vielfache Art Nutzen brachten, und zwar insofern, als nach ihrer Ankunft mit Leichtigkeit ins Werk gesetzt wurde, was man vor ihrer Ankunft kaum oder nur mit Schwierigkeiten ausführen zu können gehofft hatte.
X. Unterdessen waren die, welche beim Heer zurückgeblieben waren, mit der Errichtung der Maschinen fortwährend fleißig beschäftigt gewesen und hatten das Werk schon großenteils vollbracht, denn der Herzog und die zwei Grafen, nämlich der von der Normandie und der von Flandern, hatten einem trefflichen und herrlichen Mann, nämlich Gaston von Bearn, das Ganze übergeben und ihn gebeten, Sorge zu tragen, daß die Künstler in ihrem Fleiß nicht nachlassen. Sie selbst aber führten häufig das Volk in starker Anzahl hinaus und ließen Holz fällen und das gefällte für die Bauten zusammentragen. Andere aber trugen um die Wette Gesträuche, Stauden, Weiden und Zweige von kleinen Bäumen herbei, um Körbe daraus zu verfertigen, durch welche die Maschinen von außen geschützt werden sollten. Wieder andere zogen den Tieren, die getötet oder von Durst umgekommen waren, reinen und unreinen ohne Unterschied, die Häute ab, womit die Maschinen außer den Körben noch bedeckt werden sollten, damit diese nicht von den Feinden durch Feuer zerstört werden könnten. Aber nicht nur auf der Mitternachtsseite, wo der Herzog und die vorgenannten Grafen ihr Lager hatten, herrschte ein solcher Eifer, auch von dem Eckturm bis zu dem Tor gegen Abend, das unter der Davidsburg liegt, betrieben Tankred und die meisten anderen Edlen, die hier ihre Stellung hatten, dasselbe Werk mit nicht geringerer Sorgfalt. Auf der Seite gegen Mittag war das Heer des Grafen von Toulouse und sein ganzes Gefolge mit demselben beschäftigt, und sie arbeiteten um desto angestrengter, je reicher der Graf war und je mehr er neuen Zufluß an Menschen und Vorräten erhalten hatte, denn alle die, welche auf den Schiffen angekommen waren, hatten sich an sein Lager angeschlossen und das Gerät mitgebracht, ohne welches man nicht leicht bauen kann. Sie hatten nämlich Seile, Hämmer und andere eiserne Instrumente bei sich und die besten Künstler, welche, wie ich schon gesagt habe, im Bauen und Aufrichten von Maschinen große Erfahrung hatten, und trugen so sehr viel zur Vollendung des Werkes bei. Der Führer der angekommenen Genueser war ein gewisser Edler, mit Namen Wilhelm, mit dem Beinamen der Säuferheld, der bei der Ausführung des Werkes besonders tätig war. Als nun das ganze Heer vier Wochen lang sich damit abgemüht hatte, wurde es endlich mit vieler Mühe zustande gebracht. Die Fürsten setzten deswegen bereits auch untereinander einen Tag fest, wo sie die Bestürmung der Stadt beginnen wollten. Weil aber der Graf von Toulouse und Tankred in heftigen Streit miteinander geraten waren und auch von den übrigen einige aus gewissen Gründen feindlich miteinander stunden, drangen die Bischöfe, die Fürsten und das Volk darauf, daß diese sich zuerst versöhnen sollten, damit man sodann den göttlichen Beistand sich mit reinem Herzen erbitten könne.
XI. Es wurde also auf einen bestimmten Tag für das ganze Volk ein Bußtag angesetzt. Als dieser herbeigekommen war, führten die Bischöfe und der ganze Klerus in ihren priesterlichen Gewändern, mit bloßen Füßen, Kreuze und Bilder der Heiligen in ihren Händen tragend, mit größter Andacht das Volk nach dem Ölberg. Hier hielten der verehrungswürdige Peter der Eremit und Arnulf, ein gelehrter Mann aus dem Gefolge des Grafen von der Normandie, Predigten an das Volk und ermahnten es, so sehr sie konnten, zur Geduld. Der Ölberg liegt nämlich auf der Morgenseite der Stadt, von der er durch das Tal Joschaphat getrennt ist, ungefähr eine Meile von ihr entfernt. Daher heißt es beim heiligen Lukas: "von Jerusalem einen Sabbatherweg weit." Hier wurde unser Erlöser vierzig Tage nach seiner Auferstehung vor den Augen seiner Jünger in den Himmel erhoben und durch eine Wolke ihrem Blick entzogen. Als das gläubige Volk hier angekommen war, betete es zerknirscht und demütig, unter Seufzern und Tränen um den Beistand Gottes. Die vorgenannten Fürsten versöhnten sich miteinander, und die gegenseitige Liebe wurde unter dem ganzen Volke hergestellt. Nachdem sie wieder vom Berg herabgestiegen waren, stiegen sie nach der Kirche des Berges Zion hinauf, die auf der Mittagsseite der Stadt, wie ich schon gesagt habe, ganz in der Nähe derselben auf dem Gipfel des Berges gelegen ist. Die Bürger aber, die von den Türmen und der Mauer herabsahen, wunderten sich sehr über diese Umzüge des Volkes und schossen mit Bogen und Armbrüsten unter die Scharen, wodurch einige von den Unsern, die sich nicht gehörig vorsahen, verwundet wurden. Sie stellten auch, um den Unseren damit Schmach anzutun, Kreuze auf die Mauern, die sie dann anspieen und auf sonstige Art verunehrten, und riefen unverschämte Schmähungen gegen unsern Herrn Jesus Christus und seine heilbringende Lehre herab. Das Volk aber ließ sich in seinem frommen Vorsatz nicht irremachen, sondern zog zu der genannten Kirche weiter, aber voll Erbitterung über diese Gotteslästerungen. Als sie auch hier ihre Gebete beendigt hatten und nachdem ihnen angekündigt worden war, an welchem Tag der Sturm auf die Stadt gewagt werden sollte, gingen sie wieder um die Stadt herum und kehrten in ihr Lager zurück. Wenn noch irgend etwas fehlte, so mußte dies so schleunig als möglich vollendet werden, damit der Kampf dadurch keinen Aufschub leide.
XII. Als nun der festgesetzte Tag herankam, sahen der Herzog und die beiden oft genannten größeren Grafen in der Nacht vorher, daß der Teil der Stadt, welchen sie belagert hatten, weil sie am meisten für ihn fürchteten, von den Bürgern besser als die übrigen durch Maschinen, Waffen und tapfere Männer geschützt war. Weil sie nun bei dieser Festigkeit des Platzes nicht hoffen konnten, daß sie den andern Tag hier viel ausrichten werden, ließen sie mit bewundernswürdiger Vorsicht und mit ungeheurer Anstrengung die Maschinen und das Kastell, ehe noch die einzelnen Teile ineinandergefügt waren, in einzelnen Stücken nach der Gegend schaffen, welche zwischen dem Sankt-Stephans-Tor und dem Eckturm liegt, der auf der Mitternachtsseite das Tal Joschaphat überragt, und verlegten auch ihr Lager von ihrem früheren Platz nach diesem. Sie waren nämlich der Ansicht, und es verhielt sich auch in der Tat so, die Bürger werden den Teil der Stadt, der unbesetzt geblieben war, mit weniger Sorgfalt bewachen. So wurden also die Maschinen die ganze Nacht hindurch nach diesem Teil geschafft, und noch ehe die Sonne aufging, hatte man sie mit großer Anstrengung zusammengesetzt und an passende Orte gestellt. Aber auch das Kastell wurde da, wo die Mauer niedriger zu sein schien und wo sie von außen bequemer herankommen zu können glaubten, so nahe an die Mauern gerückt, daß die auf den Türmen und die in der Maschine beinahe im Handgemenge miteinander fechten konnten. Diese Arbeit war nicht gering, denn der Ort, von welchem sie die Maschinen hieher geschafft hatten, war beinahe eine halbe Meile entfernt, und noch vor Sonnenaufgang war alles zusammengefügt und aufgerichtet. Als mit Aufgang der Sonne die Bürger auf die Mauer kamen, um zu sehen, was die Unseren unternehmen, wunderten sie sich sehr darüber, daß ein Teil des Lagers und der ganze Kriegsapparat, den sie gestern und vorgestern hier gesehen hatten, verschwunden sei. Als sie sich aber fleißig umsahen und den ganzen Umkreis der Mauer erspähten, merkten sie, daß der Herzog sein Lager verlegt hatte, und erblickten die Maschinen da, wo er sie jetzt aufgestellt hatte. In derselben Nacht waren auch um die anderen Teile der Stadt, wo die übrigen Fürsten ihre Lager hatten, mit einer die ganze Nacht durch ununterbrochenen Arbeit die Maschinen aufgerichtet worden, denn beinahe in demselben Augenblick hatte der Graf von Toulouse das Kastell, das er mit vieler Mühe hatte bauen lassen, zwischen die vorgenannte Kirche des Berges Zion und zwischen die Stadt und die Mauer gebracht, und die übrigen Fürsten, welche an dem Eckturm, welcher jetzt der Tankredsturm heißt, gelagert waren, hatten mit ebensoviel Mühe und Anstrengung einen hölzernen Turm von beinahe ebensolcher Höhe und Dicke an die Mauer gerückt. Beide Maschinen waren aber für denselben Zweck errichtet, und sie waren sich auch in ihrer Struktur nicht ungleich. Sie hatten nämlich vier Seiten, und die Seite, welche gegen die Stadt zu stehen kam, hatte doppelte Wände, von denen die äußere durch eine künstliche Vorrichtung über die Mauer gelegt werden konnte, daß man auf ihr wie auf einer Brücke hinüberschreiten konnte. Doch war die Maschine auf dieser Seite nicht unbeschützt, sondern das, was stehenblieb, schützte das Kastell ebensogut als die übrigen Seiten.
XIII. Wie nun der Tag anbrach, kam das ganze Heer bewaffnet zusammen, um, wie ihm angekündigt worden war, einen Sturm auf die Stadt zu unternehmen. Alle waren entschlossen, entweder ihr Leben für Christus zu lassen oder die Stadt wieder in ihre christliche Freiheit zu setzen. In dem ganzen Volk war kein Greis oder Kranker oder einer, welchen seine Jugend noch nicht waffenfähig machte, der nicht von frommer Kampflust gebrannt hätte, ja sogar die Weiber vergaßen ihres Geschlechts und ihrer Gebrechlichkeit und wagten es, mehr als ihre Kräfte vermochten, sich männlichen Arbeiten zu unterziehen und die Waffen zu ergreifen. Als sie nun alle einmütig zum Kampf herbeigekommen waren, suchten sie die Maschinen, welche bereitstanden, näher an die Mauer zu bringen, um die, welche ihnen von den Türmen oder von der Mauer herab Widerstand leisteten, desto heftiger bekämpfen zu können. Die Bürger aber, die sich vorgenommen hatten, ihren Feinden den äußersten Widerstand zu leisten, suchten durch Werfen von Lanzen und einer unermeßlichen Anzahl von Pfeilen wie durch das Schleudern von Steinen, die teils aus freier Hand, teils aus Wurfmaschinen mit ungeheurer Gewalt geschossen wurden, die Unseren von der Mauer abzuhalten. Die Unseren dagegen waren auch nicht träge. Hinter ihren Schilden und Körben hervor schossen sie mit Bogen und Armbrüsten ununterbrochen Pfeile ab, auch schleuderten sie Steine mit der Hand und suchten sich auf diese Art unerschrocken der Mauer zu nähern, ohne denen, die auf den Türmen standen, Ruhe oder Widerstand zu gönnen. Andere aber standen in den Maschinen und suchten entweder das Kastell mit Stangen weiterzubringen, oder sie warfen mit den Wurfmaschinen große Steine gegen die Mauern und suchten diese durch ununterbrochene Würfe und die heftige Erschütterung wankend zu machen und einzustürzen. Wieder andere suchten mit kleineren Schleudermaschinen, die man Mangana heißt, aus denen sie mit kleineren Steinen warfen, die, welche auf den Außenwerken der Mauer den Unseren zu schaffen machten, zu beschäftigen. Aber weder die, welche das Kastell näher an die Mauer zu rücken suchten, konnten ihr Vorhaben gehörig ausführen, da ein mächtiger und tiefer Graben, der unter der Vormauer lag, die Annäherung der Maschine verhinderte, noch auch die, welche mit den Wurfmaschinen die Mauern zu durchlöchern suchten, denn die Bürger der Stadt hatten von den Brüstungen der Mauer Säcke herabgehängt, die mit Stroh und Spreu angefüllt waren, auch Seile und Teppiche, ungeheure Balken und mit Baumwolle ausgefüllte Polster, um die Steinwürfe durch diese weichen und nachgiebigen Körper unschädlich zu machen und die Bemühungen der Unseren zu vereiteln. Außerdem hatten sie auch selbst innen Maschinen aufgerichtet, und zwar weit mehrere als die Unseren, von denen sie Pfeile schossen und Steine schleuderten und so die Unseren von ihrem Unternehmen abzuschrecken suchten. Wie nun beide Teile mit solcher Heftigkeit gegeneinander kämpften und alle ihre Kraft aufwandten, entstand ein so schrecklicher Kampf, der vom frühen Morgen bis zum Abend fortdauerte, daß die Pfeile auf beide Teile wie Hagel herabfielen und die geschleuderten Steine in der Luft zusammenstießen und den Kämpfern auf verschiedenste und vielfache Art Verderben brachten. Anstrengung und Gefahr waren auf der Seite des Herzogs wie auf der Tankreds und auf der Seite des Grafen von Toulouse und der übrigen Fürsten völlig gleich, denn die Stadt wurde, wie schon gesagt worden ist, auf drei Seiten mit derselben Heftigkeit bestürmt. Die Unseren waren am meisten darauf bedacht, mit Schutt, Steinen und Erde den Graben auszufüllen und den Maschinen einen Weg zu bahnen, das Bemühen der Bürger hingegen ging dahin, die Unseren an diesem Vorhaben zu hindern. Sie leisteten daher denen, die das genannte Werk ausführen wollten, den größten Widerstand und warfen um die Wette auf die Maschinen Feuerbrände und mit Schwefel, Öl, Pech und Harz bestrichene Geschosse herab, um sie zu verbrennen. Außerdem richteten sie auch mit den ungeheuren Maschinen, welche sie innen bereit hatten, mit solcher Kunst Würfe gegen unsere Kastelle, daß diesen beinahe die Füße zerbrochen, die Seiten durchlöchert und die, welche sich in die Gemächer derselben begeben hatten, um von da aus zu streiten, von der Erschütterung beinahe zu Boden gestürzt worden wären. Die Unseren aber begegneten den herabgeworfenen Feuerbränden damit, daß sie Wasser in Menge darüber ausgossen und damit den Brand zu löschen suchten.
XIV. Diesen so gefährlichen und äußerst hartnäckigen Kampf trennte die Nacht, ehe er entschieden war. Wenn aber auch die Körper in der Nacht einige Ruhe zu haben schienen, so waren doch die Gemüter wach und in größter Aufregung. Innerlich wurden alle von quälender Unruhe gepeinigt, ihr Vorhaben kam ihnen keinen Augenblick aus dem Sinn, und mit größter Begierde erwarteten sie den Tag, um wiederum zum Kampf zurückzukehren und das Kriegsglück von neuem zu versuchen. Denn sie hatten die Hoffnung, mit Hilfe Gottes den Sieg und das bessere Los davonzutragen. Am meisten besorgt waren sie um ihre Maschinen, denn sie fürchteten, die Feinde möchten dieselben auf irgendeine Art heimlich in Brand stecken, weswegen sie ununterbrochen Wache hielten und die Nacht völlig schlaflos zubrachten. Die Bürger aber waren in nicht geringerer Sorge. Was sie hauptsächlich fürchteten, war, daß die, welche sie den Tag zuvor mit solcher Hartnäckigkeit hatten kämpfen sehen, die Stille der Nacht benützen und Öffnungen in die Mauer brechen oder auf Leitern heimlich in die Stadt eindringen werden. Sie gönnten sich daher keine Ruhe, sondern hielten die ganze Nacht durch, da es sich hier um ihr Leben handelte, mit der größten Wachsamkeit Umgänge um die Mauer und stellten an jedem einzelnen Turm Aufseher über die Wachen auf. Außerdem gingen auch die Ältesten und die, auf denen die Hauptsorge für den Staat lag, auf den Plätzen der Stadt umher und ermahnten die übrigen, wach zu bleiben, denn es gelte ihren Weibern und Kindern, ihrem eigenen und dem öffentlichen Wohle, auch überall an den Toren und in den Gassen umherzuspähen, damit die Feinde nirgends durch Hinterlist einen Eingang fänden. Von solchen Sorgen wurden beide Teile geängstigt, und die Unruhe ließ sie zu keinem Schlaf kommen. Diesen wie jenen war es in dieser Zwischenzeit, wo sie vor Aufregung keine Ruhe fanden, noch schlimmer zumute als den Tag vorher mitten im Getümmel des Kampfes.
XV. Als nun die Nacht zu Ende gehen wollte und die Morgenröte den neuen Tag verkündete, erhob sich das Volk von neuem mit der größten Kampflust zum Streit. Sofort nahm ein jeder wieder die Stellung ein, die ihm am gestrigen Tag angewiesen worden war. Die einen stellten sich in die Wurfmaschinen, von wo sie Steine von ungeheurer Größe und ausgesuchter Festigkeit gegen die Mauern schleuderten, andere in das Kastell, das sie mit all ihrer Kraft und Kunst in Bewegung zu setzen suchten, wieder andere standen oben auf dem Kastell und schossen mit Bögen und Armbrüsten und mit allen Arten von Schießvorrichtungen nach denen auf den Türmen und setzten ihnen so heftig und so hartnäckig zu, daß sie nicht einmal eine Hand aus den Vorwerken hervorzustrecken wagten. Einige versuchten auch mit aller Anstrengung den Graben aufzufüllen und die Vormauer einzustürzen, um das Kastell näher an die Mauern bringen zu können. Die meisten aber vertrieben mit Pfeilen und Steinwürfen die Bürger von den Mauern, daß die, welche die Maschine in Bewegung setzten, ungehindert arbeiten konnten. Die Bürger jedoch, als sie sahen, daß die Unseren immer heftiger angreifen, steigerten jedoch ebenfalls ihre Anstrengung und suchten der Kraft mit Kraft, der Kunst mit Kunst zu begegnen. Sie schleuderten ebenfalls Steine und Pfeile auf die Unseren und setzten denen, welche das Kastell an die Mauer zu bringen suchten, mit bewundernswürdiger Anstrengung Hindernisse entgegen. Und um mit einem Male alle Bemühungen der Unseren zu vereiteln, warfen sie in zerbrechlichen Töpfen und auf welche Art sie konnten, unaufhörlich brennenden Schwefel, Pech, Fett, Schmer, Werg, Harz, dürres Holz, Stoppeln und was sonst leicht Feuer fängt herab. Es kam also auf beiden Seiten eine große Anzahl des Volkes ums Leben, und viele von beiden Ständen wurden auf die verschiedenste Art unvermutet zu Boden gestreckt. Die einen nämlich wurden durch die Würfe der Maschinen in Stücke zerschmettert, andere stürzten, von den vielen Pfeilen, die durch Panzer und Schilde drangen, durchbohrt, plötzlich zusammen, wieder andere wurden von Steinen, die entweder mit der Hand oder mit der Schleuder geworfen wurden, so getroffen, daß sie entweder sogleich starben oder wegen ihrer zerbrochenen Glieder für viele Tage oder für immer versehrt wurden. Aber durch all dies ließen sie sich von dem begonnenen Werk nicht abschrecken, die Kampflust ließ nicht im mindesten nach, und es ließ sich schwer unterscheiden, welche der beiden Parteien mit größerem Eifer stritt. Was aber an diesem Tag besonders Merkwürdiges vorfiel, das glaube ich nicht mit Stillschweigen übergehen zu dürfen. So hatten die Unseren unter anderem eine Maschine, welche Steine von ungeheurem Gewicht mit furchtbarer Gewalt in die Stadt schleuderte, wodurch unter den Bürgern ein großer Verlust angerichtet wurde. Als sie mit aller Kunst nichts dagegen ausrichten konnten, brachten sie zwei Hexen herbei, daß sie derselben durch Zaubersprüche ihre Kraft nehmen sollten. Wie nun diese mit ihren Beschwörungen und Gaukeleien sich auf die Mauer stellten, kam plötzlich ein gewaltiger Stein aus dieser Maschine, der beide und noch drei Mädchen, welche sie begleitet hatten, völlig zerquetschte, so daß sie tot von der Mauer stürzten, worüber sich im Lager ein großer Jubel erhob, während sich die Betrübnis der Bürger dadurch vermehrte.
XVI. Als sich nun der Kampf, ohne daß sich der Sieg auf diese oder jene Seite neigte, bis zur siebenten Stunde des Tages hingezogen hatte, fing die Hoffnung der Unseren zu wanken an, und sie ließen, ermattet von der ungeheuren Anstrengung, in ihrem Eifer bedeutend nach, so daß sie schon das Kastell, das von den beinahe ununterbrochenen Würfen zertrümmert war, und die übrigen Maschinen, welche bereits Feuer gefangen hatten, etwas von den Mauern entfernen und den Kampf auf den morgigen Tag verschieben wollten. Das Volk fing auch bereits zu wanken an und hatte mutlos alles Vertrauen verloren, und die Feinde riefen übermütig die Unseren mit größerer Frechheit als sonst zum Kampfe heraus, als siehe da plötzlich die Kraft Gottes herbeikam, die den verzweifelnden Umständen eine bessere Wendung gab. Es kam nämlich vom Ölberg herab ein gewisser Krieger, welcher nachher nicht mehr zum Vorschein kam, und gab mit einem funkelnden Schild, den er an seinem Arm schwenkte, unserem Heer das Zeichen, zum Kampf zurückzukehren und den Streit zu erneuern. Durch dieses Zeichen wurde Herzog Gottfried, der mit seinem Bruder Eustach auf dem obersten Stockwerk des Kastells stand, um von da aus zu streiten und auf den Schutz des Gebäudes bedacht zu sein, so erfrischt und neu gestärkt, daß er das Volk und die Führer mit lauter Stimme zurückrief. Und es geschah auch durch Gottes erbarmende Fürsorge, daß das ganze Volk mit Jubel zurückkam und mit solchem Eifer, als ob sie den Kampf mit ganz frischen Kräften beginnen würden. Die, welche früher ermattet oder verwundet sich dem Kampf entzogen hatten, kamen jetzt mit neuem Mut und mit verdoppelter Kraft einher und kämpften desto mutiger. Die Fürsten und die, welche die Stützen des Heeres waren, gingen den übrigen voran und ermutigten sie durch ihr Beispiel. Ja, auch die Weiber wollten bei dieser schweren Arbeit nicht ohne alle Teilnahme sein. Sie brachten den Männern, daß diese nicht im Kampf ermatten sollten, in Gefäßen zu trinken herbei und ermunterten sie mit stärkenden Worten zum Kampf. Es herrschte im Lager eine solche Vorfreude, daß sie, des Sieges schon gewiß, innerhalb einer Stunde den Graben auffüllten, die Vormauer einstürzten und das Kastell mit Gewalt der Mauer näherten. Die Bürger aber hatten, wie schon gesagt, lange und dicke Balken von der Mauer herabgehängt, um die Würfe der Maschinen unschädlich zu machen. Zwei von diesen nun stürzten die Unseren, welche in dem Kastell waren, herab, indem sie die Seile, an denen sie angebunden waren, abhieben, worauf die, welche weiter unten im Kastell waren, sie mit großer Gefahr aufhoben und in die Maschine trugen, um der Brücke, welche sie sogleich, wie im folgenden erzählt werden wird, von dem Kastell nach der Mauer hinüber schlugen, dadurch desto mehr Festigkeit zu geben. Die Brücke war nämlich aus schwachem Holz zusammengesetzt und hätte das Volk nicht zu tragen vermocht, wenn sie nicht durch diese Balken gestützt worden wäre.
XVII. Während auf der Seite gegen Mitternacht mit solchem Eifer gekämpft wurde, bestürmten der Graf von Toulouse und die, welche mit ihm auf der Mittagsseite standen, die Stadt mit ebensolcher Gewalt. Sie hatten das Kastell über den Graben, dessen Auffüllung das schwere Werk von drei Tagen gewesen war, mit starker Hand so nahe an die Mauer gerückt, daß die auf den Türmen und die in der Maschine beinahe mit Lanzen gegeneinander streiten konnten. Überall also war sich der Eifer und die Kampflust des Volkes gleich, und sie ließen sich den Streit um so mehr angelegen sein, weil dieser Tag es war, von dem ein gewisser Knecht Christi, der auf dem Ölberg wohnte, zuversichtlich behauptet hatte, daß an ihm die Stadt erobert werden könne. Auch das Zeichen des geschwungenen Schildes, das sie vom Ölberg her gesehen hatten, hatte sie heftig entfacht und ihnen das feste Vertrauen auf den Sieg gegeben. Die Anstrengungen des Heeres schienen auf beiden Seiten in gleichen Schritten einem glücklichen Erfolg entgegenzugehen, denn sie wurden mit gleicher Sorgfalt von dem beschützt, der die fromme Ergebenheit seiner Diener würdig zu belohnen beschlossen hatte. Es war jetzt die Zeit herbeigekommen, wo sie die Frucht von so großen Anstrengungen und den Lohn für ihren treuen Kriegsdienst einernten sollten.
XVIII. Das Heer des Herzogs und der Grafen also, das, wie schon gesagt, auf der Seite gegen Mitternacht die Stadt bestürmte, hatte es mit Gottes Hilfe so weit gebracht, daß die Feinde, ermattet, keinen Widerstand mehr zu leisten wagten und der Graben völlig aufgefüllt, die Vormauern erbrochen waren. Sie konnten also ungestraft an die Mauer herankommen, und nur selten wagten es die Feinde, sie hinter den Öffnungen der Mauer hervor anzugreifen. Die aber, welche in dem Kastell waren, warfen auf Befehl des Herzogs Feuer in die mit Wolle angefüllten Polster und in die Säcke, die voll Streu waren, das der Nordwind, welcher eben wehte, noch heftiger anfachte, und so drang ein so finsterer Rauch in die Stadt, daß die, welche die Mauer verteidigen sollten, Mund und Augen nicht mehr öffnen konnten und von dem Qualm betäubt und bestürzt die Mauerwache verließen. Hierauf ließ der Herzog in aller Eile die Balken, welche sie den Feinden entrissen hatten, heraufbringen, sie von der Maschine nach der Mauer hinüberlegen, und dann die bewegliche Seite des Kastells abnehmen. Dieses legte man nun auf die genannten Balken, und so erhielt man eine Brücke, die eine sehr starke Unterlage hatte. So wurde also das, was die Feinde zu ihrem Schutz erfunden hatten, zu ihrem Schaden angewandt. Als nun auf diese Art die Brücke geschlagen war, drang vor allen anderen der erlauchte und herrliche Mann, Herzog Gottfried, mit seinem Bruder Eustach in die Stadt und ermahnte die übrigen, ihm nachzufolgen. Es folgten ihm auch alsbald die Halbbrüder Ludolf und Gislebert, edle und ewigen Andenkens würdige Männer, die aus Tournai gebürtig waren, und dann folgte eine so unermeßliche Anzahl von Rittern und Fußvolk nach, daß die Maschine und die Brücke nicht mehr weiter fassen konnten. Wie die Feinde sahen, daß die Unseren die Mauern besetzt hatten, und daß der Herzog bereits mit seinem Heer in die Stadt eingedrungen war, flüchteten sie von den Türmen und Mauern nach den Engpässen der Straßen. Die Unseren aber, als sie sahen, daß der Herzog und der größte Teil der Edlen die Türme in Besitz genommen hatten, konnten es nicht mehr erwarten, bis sie über die Brücke hineinkämen, sondern stellten um die Wette Leitern an die Mauer, deren sie einen großen Vorrat hatten, denn je zwei Ritter hatten sich auf einen öffentlichen Befehl hin eine Leiter machen müssen, stiegen daran hinauf und vereinigten sich mit den übrigen, die sich schon auf der Mauer befanden, wo sie die weiteren Befehle des Herzogs abwarteten. Sogleich nach dem Herzog drangen folgende in die Stadt: der Graf von Flandern und der Herzog von der Normandie, der tapfere und durchaus lobenswerte Tankred, Hugo der Ältere, der Graf von Saint-Pol, Balduin von Le Bourg, Gaston von Bearn, Gaston von Vezieres, Gerhard von Roussillon, Thomas von Feria, Conan der Bretagner, der Graf Raimbold von Orange, Louis von Monson, Kuno von Montaigu und sein Sohn Lambert und viele andere, deren Zahl und Namen wir nicht wissen. Als der Herzog sah, daß diese alle unverletzt in die Stadt gekommen waren, sandte er einige von ihnen mit einem stattlichen Gefolge nach dem Tor gegen Mitternacht, das jetzt das Sankt-Stephans-Tor heißt, um es zu öffnen und das Volk, welches draußen wartete, einzulassen. Als dieses in aller Eile aufgeschlossen worden war, drang das ganze Volk durcheinander und ohne weitere Ordnung herein. Es war an einem Freitag, um die neunte Stunde des Tages, und es scheint eine göttliche Veranstaltung gewesen zu sein, daß an dem Tage und zu der Stunde, in welcher der Herr in ebendieser Stadt litt, das gläubige Volk, das für den Ruhm seines Erlösers focht, seine Wünsche glücklich erfüllt sah. An diesem Tag soll der erste Mensch erschaffen und der zweite für die Erlösung des ersten in den Tod gegeben worden sein, und darum ziemte es sich auch, daß die Nachfolger von diesem, die Glieder seines Leibes, über seine Feinde in seinem Namen den Sieg davontrugen.
XIX. Sofort durchzogen der Herzog und die, welche mit ihm waren, in geschlossenen Gliedern, mit gezückten Schwertern und mit Schilden und Helmen bedeckt, die Straßen und Plätze der Stadt und streckten alle Feinde, die sie finden konnten, ohne auf Alter oder Rang Rücksicht zu nehmen, mit der Schärfe des Schwertes nieder. Und es lagen überall so viele Erschlagene und solche Haufen abgeschlagener Köpfe herum, daß man keinen anderen Weg oder Durchgang mehr finden konnte, als über Leichen. Und unsere Fürsten waren mit einer unermeßlichen Menge Volkes, das, ohnedies mordlustig, nach dem Blut der Ungläubigen noch besonders dürstete, auf verschiedenen Wegen, Unzählige niedermetzelnd, beinahe schon bis nach der Mitte der Stadt gekommen, als der Graf von Toulouse und die übrigen Fürsten, die mit ihm waren, noch immer den Streit am Berg Zion fortsetzten und nichts davon wußten, daß die Stadt erobert und der Sieg in den Händen der Unseren sei. Endlich machte die Bürger, welche hier Widerstand leisteten, das furchtbare Getöse und das große Geschrei, das sich vor dem Eindringen der Unseren und dem Niedermetzeln der Feinde erhob, aufmerksam. Sie fragten sich verwundert, was das ungewöhnliche Geschrei und der Tumult des lärmenden Volkes zu bedeuten habe, und erfuhren nun, daß unser Heer bereits in der Stadt sei, worauf sie die Türme und die Mauer verließen und sich, um ihr Leben zu retten, nach verschiedenen Orten hin flüchteten. Die meisten von ihnen begaben sich nach der benachbarten Burg, und nun drang das Heer über die Brücke, die sie ohne alle Schwierigkeit nach der Mauer hinüberlegen konnten, und auf Leitern um die Wette in die Stadt, wo ihnen niemand Widerstand leistete. Sobald sie in der Stadt waren, öffneten sie das Tor gegen Mittag, das ihnen zunächst lag, damit das übrige Volk ohne Schwierigkeit hereinkommen könnte. Es kamen also in die Stadt der tapfere und ausgezeichnete Mann, der Graf von Toulouse, Graf Isoard von Die, Raimund Pelet, Wilhelm von Sabran, der Bischof von Albara und viele andere Edle, deren Namen und Anzahl uns nicht überliefert worden sind. Diese alle zogen einmütig, bis an die Zähne bewaffnet, in geschlossenen Gliedern durch die Stadt und richteten ein furchtbares Blutbad an. Die, welche dem Herzog und den Seinigen entkommen waren und dem Tod entfliehen zu können glaubten, wenn sie sich nach anderen Seiten der Stadt wendeten, fielen nun diesen in die Hände und kamen so aus den Strudeln der Charybdis in die der Skylla. Es wurden nämlich in der Stadt so viele Feinde erschlagen und so viel Blut vergossen, daß die Sieger selbst mit Schauder erfüllt werden mußten.
XX. Der größte Teil des Volkes hatte sich nach der Halle des Tempels geflüchtet, weil dieser in einem entlegenen Teil der Stadt stand, auch mit einer Mauer, mit Türmen und starken Toren bewehrt war. Diese Flucht brachte ihnen aber keine Rettung, denn sogleich begab sich Tankred mit einem sehr großen Teil des ganzen Heeres dorthin. Er brach mit Gewalt in den Tempel ein und machte Unzählige nieder. Er soll auch eine unermeßliche Menge von Gold, Silber und Edelsteinen hinweggenommen, nachher jedoch, als der erste Tumult vorüber war, alles an den alten Platz zurückgebracht haben. Sofort gingen auch die übrigen Fürsten, nachdem sie, was ihnen in den übrigen Stadtteilen in die Hände gekommen war, niedergemacht hatten, nach dem Tempel, hinter dessen Verschanzungen sich das Volk, wie sie gehört hatten, geflüchtet hatte. Sie drangen mit einer Menge von Reitern und Fußvolk herein und stießen, ohne jemand zu schonen, was sie fanden mit den Schwertern nieder und erfüllten alles mit Blut. Es war dies ein gerechtes Urteil Gottes, daß die, welche das Heiligtum des Herrn mit ihren abergläubischen Gebräuchen entweiht und dem gläubigen Volk entzogen hatten, es mit ihrem eigenen Blute reinigen und den Frevel mit ihrem Tod sühnen mußten. Schauerlich war es anzusehen, wie überall Erschlagene umherlagen und Teile von menschlichen Gliedern, und wie der Boden mit dem vergossenen Blut ganz überdeckt war. Und nicht nur die verstümmelten Leichname und die abgeschnittenen Köpfe waren ein furchtbarer Anblick, den größten Schauder mußte das erregen, daß die Sieger selbst von Kopf bis Fuß mit Blut bedeckt waren. Im Umfang des Tempels sollen an die zehntausend Feinde umgekommen sein, wobei also die, welche da und dort in der Stadt niedergemacht wurden und deren Leichen in den Straßen und auf den Plätzen umherlagen, noch nicht mitgerechnet sind, denn die Zahl dieser soll nicht geringer gewesen sein. Der übrige Teil des Heeres zerstreute sich in der Stadt und zog die, welche sich in engen und verborgenen Gassen, um dem Tode zu entkommen, verborgen hatten, wie das Vieh hervor und stieß sie nieder. Andere taten sich in Scharen zusammen und gingen in die Häuser, wo sie die Familienväter mit Weibern und Kindern und dem ganzen Gesinde herausrissen und entweder mit den Schwertern durchbohrten oder von den Dächern hinabstürzten, daß sie sich den Hals brachen. Das Haus aber, das einer erbrach, nahm er sich mit allem, das darin war, zum Eigentum für immer, denn man war vor Eroberung der Stadt miteinander dahin übereingekommen, daß nach der Eroberung derselben jeder, was er sich erwerbe, für alle Zeit als rechtliches Eigentum ansprechen dürfe. Wenn sie also in der Stadt umhergingen, um die Wohnungen der Bürger und ihre geheimsten Zufluchtsörter zu erbrechen, und einer ein Haus in Besitz genommen hatte, so heftete er seinen Schild oder irgendein anderes Waffenstück an die Türe, um den anderen anzuzeigen, daß sie weitergehen sollten, weil der Platz schon seinen Herrn habe.
XXI. Wie nun die Stadt völlig unterjocht und die Bürger getötet waren, auch der Tumult sich ein wenig gelegt hatte, traten die Fürsten, noch ehe sie die Waffen niederlegten, zusammen und verordneten, daß jeder Turm zu größerer Sicherheit mit Wachen besetzt werden, auch an jedem Tor der Stadt ehrenhafte Männer als Pförtner aufgestellt werden sollten, bis durch allgemeine Übereinkunft und durch den Beschluß der Fürsten einem die Sorge für die Stadt übertragen würde, der dann alles nach seinem Gutdünken einrichten könnte. Sie waren nämlich mit Recht vor den Feinden, die ringsherum lagen, auf der Hut und befürchteten von diesen einen plötzlichen Überfall. Als endlich auf diese Art in der Stadt die Ordnung hergestellt war, legten sie die Waffen nieder, wuschen sich die Hände, zogen reine Kleider an und gingen dann demütigen und zerknirschten Herzens, unter Seufzen und Weinen, mit bloßen Füßen an den ehrwürdigen Orten umher, welche der Erlöser durch seine Gegenwart heiligen und verherrlichen mochte, und küßten dieselben in größter Andacht. Bei der Kirche zum Leiden und der Auferstehung des Herrn kamen ihnen sodann das gläubige Volk der Stadt und der Klerus, die beide seit so vielen Jahren ein unverschuldetes Joch getragen hatten, voll Dankes gegen ihren Erlöser, der ihnen wieder die Freiheit geschenkt hatte, mit Kreuzen und den Bildern der Heiligen entgegen und geleiteten sie unter Lobliedern und geistlichen Gesängen nach der vorgenannten Kirche. Es war ein gar lieblicher Anblick, der das Herz mit frommer Lust erfüllte, das Volk in brünstiger Andacht die heiligen Orte betreten zu sehen, zu sehen, mit welchem Jubel und mit welcher geistlichen Freude sie die Stätte küßten, wo der Herr gelitten hatte. Überall Tränen, überall Seufzer, aber nicht von Angst und Betrübnis ausgepreßt, sondern aus glühender Andacht, aus der höchsten Freudigkeit des inneren Menschen, Gott zum Opfer dargebracht. Sowohl in der Kirche als in der ganzen Stadt erhob sich vom Volk, das dem Herrn seinen Dank darbrachte, ein solches Getöse, daß es sich bis zu den Sternen zu erheben schien, daß man mit Recht davon sagen konnte: "Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten." In der ganzen Stadt wurden in frommem Eifer Gott wohlgefällige Werke vollbracht. Die einen bekannten dem Herrn ihre Sünden und gelobten, sie hinfort nicht mehr zu begehen, andere schenkten alles, was sie hatten, mit verschwenderischer Großmut den gebrechlichen Greisen und den Armen, denn daß ihnen der Herr vergönnt hatte, diesen Tag zu sehen, galt ihnen für den höchsten Reichtum. Wieder andere gingen mit entblößten und gebogenen Knien, unter Seufzen und Weinen, an den verehrungswürdigen Orten umher und benetzten alle mit ihren Tränen und konnten mit Recht sprechen: "Meine Augen fließen von Tränen." Was soll ich noch viel Redens machen, es ist unmöglich, die überschwengliche Andacht, welche bei dem gläubigen Volk herrschte, in Worte zu fassen. Sie wetteiferten miteinander in frommen Werken, denn sie gedachten stets der Wohltat, die ihnen der Herr erwiesen hatte, und hatten die Gnade vor Augen, mit der der Herr ihre vielen Mühen zu belohnen würdigte. Und wer hat auch ein so steinernes Herz und eine so eiserne Brust, daß ihm das Herz nicht zerfließen sollte, wenn er auf solche Art die Frucht seiner Pilgerschaft und den Lohn für seinen Kriegsdienst einerntet. Die aber, deren Sinn sich höher erhob, nahmen das, was ihnen der Herr hier vergönnt hatte, als eine Bürgschaft für den künftigen Lohn, den der Herr seinen Heiligen versprochen hat. Sie glaubten, der Herr wolle sie durch die gegenwärtige Gabe in der Hoffnung auf die künftige bestärken und sie durch die Ankunft in diesem Jerusalem von der Ankunft in jenem versichern, wo wir mit ihm in Gemeinschaft treten. Sofort brachten die Bischöfe und Priester dem Herrn in den Kirchen Opfer dar, beteten für das Volk und dankten für die erwiesene Wohltat.
XXII. An diesem Tag erschien der treffliche Mann, der Bischof Adhemar von Puy, der, wie ich früher erzählt habe, bei Antiochien das Zeitliche verlassen hatte, vielen Menschen in der Heiligen Stadt, und eine große Anzahl ehrwürdiger und glaubwürdiger Männer versicherte zuverlässig, sie hätten mit eigenen Augen gesehen, wie er zuerst über die Mauer gestiegen sei und die übrigen aufgefordert habe, ihm zu folgen. Auch vielen anderen, die bei den heiligen Orten umhergingen, erschien er später an demselben Tag. Außer diesem wurden auch manche andere, welche auf dem Zug, dem sie sich in frommer Ergebenheit angeschlossen hatten, selig in Christo entschlafen waren, von vielen in der Stadt gesehen, wie sie, gleich den anderen, nach den verehrten Orten wallfahrteten. Hieraus sah man ganz deutlich, daß sie, obgleich sie aus diesem zeitlichen Leben unterdessen zur himmlischen Seligkeit abgerufen worden waren, dennoch nicht um die Erfüllung ihres heißen Wunsches kamen, sondern alles in Erfüllung gehen sahen, nach was sie sich gesehnt hatten, womit sie ein großes Zeugnis für unsere künftige Auferstehung lieferten. Und wie bei der Auferstehung des Herrn viele Leiber der Heiligen sich aus dem Todesschlaf erhoben und vielen in der Heiligen Stadt erschienen, so war es dieses großen Ereignisses würdig, daß sich das alte Wunder erneuerte und jetzt, wo die gläubigen Völker den Ort der heiligen Auferstehung vom heidnischen Aberglauben reinigten, die, welche sich so fromm und ergeben dem Dienste des Auferstandenen geweiht hatten, im Geiste wieder aufstanden. Durch diese und andere Wunder, welche durch ein Übermaß göttlicher Gnade dem Volk Gottes in der Heiligen Stadt auf eine mehr wunderbare als wundersame Art gezeigt wurden, entstand unter dem Volk eine solche Freudigkeit, ein solcher frommer Jubel , daß sie all der unendlichen Drangsale, die sie erlitten hatten, vergaßen und sich glücklich priesen, daß ihnen diese Gabe des Herrn zu schauen vergönnt worden war. In der ganzen Stadt hörte man das Volk in seiner frommen Freude zum Herrn rufen und Feste feiern, als ob sie Gott selbst angeordnet hätte, so daß sich jene Prophezeiung des Jesajas wörtlich zu erfüllen schien: "Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt!"
XXIII. Nun kamen auch die Gläubigen, die vor vier oder fünf Jahren den ehrwürdigen Peter, den Eremiten, in dieser Stadt gesehen hatten und dem sowohl der Patriarch als andere Große teils aus dem Volk, teils aus dem Klerus Briefe mitgegeben hatten, um die abendländischen Fürsten zum Kreuzzug zu veranlassen, in tiefster Verehrung zu ihm herbei. Sie beugten demütig die Knie vor ihm und erinnerten ihn an seinen früheren Aufenthalt und an die Freundschaft, deren er sie damals gewürdigt hatte. Sie sagten ihm Dank für die Treue und den Eifer, mit dem er aus lauterer Frömmigkeit ihren Auftrag besorgt hatte, und rühmten Gott über alles, der sich an seinen Dienern verherrlicht und gegen alle Menschenhoffnung die Wege des genannten Mannes gelenkt und ihm so kräftige Worte in den Mund gelegt hatte, daß er ohne Schwierigkeit Völker und Reiche dazu bewegte, so große Mühen im Namen Christi zu übernehmen. In der Tat schien sein Wort vom Herrn ausgegangen zu sein, der also spricht: "So soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende." Sie suchten also sowohl gemeinschaftlich als jeder für sich dem Mann auf alle Art Ehre zu erweisen, denn sie schrieben es nach Gott ihm allein zu, daß sie aus der harten Knechtschaft, welche sie so viele Jahre getragen hatten, erlöst worden waren, und daß die Heilige Stadt wieder ihre alte Freiheit gewonnen hatte. Der Patriarch aber war, wie ich schon gesagt habe, in Sorge um das Wohl der Stadt, das nur um hohen Preis erhalten werden konnte, nach Zypern geschifft, um von den Gläubigen des Landes Almosen zu betteln, mit denen der Tribut und die außerordentlichen und alle ihre Kräfte übersteigenden Abgaben bezahlt werden sollten, damit die Feinde, welche diesen Tribut von ihnen erpreßten, nicht im Falle, daß sie nicht bezahlen könnten, ihnen ihre Kirchen niederreißen oder das Volk niedermachen, wie sie es in früheren Zeiten gewohnt gewesen waren. Er wußte von alledem, was sich unterdessen mit der Stadt ereignete, nicht das Geringste und glaubte in die gewohnte schlimme Lage zurückzukehren, aber der Herr hatte ihm unterdessen unverhofft für Frieden und Ruhe gesorgt.
XXIV. Nachdem man nun seine Gebete verrichtet und die ehrwürdigen Orte in aller Andacht besucht hatte, glaubten die Fürsten, es würde gut sein, wenn vor allem anderen die Stadt und hauptsächlich der Umkreis des Tempels gereinigt würden, damit die Leichen der Erschlagenen nicht die Luft verpesteten. Sie wiesen dieses Geschäft den Bürgern an, die durch Zufall dem Tod entkommen und in Fesseln geschlagen worden waren. Weil man aber sah, daß sie für diese große Arbeit nicht hinreichten, gab man den Armen im Heer einen täglichen Sold, daß auch sie dazuhelfen sollten, die Stadt ohne Aufschub zu reinigen. Hierauf kehrten die Fürsten ein jeder in die Wohnung zurück, die ihr Gesinde ihnen unterdessen eingerichtet hatte. Da sie die Stadt von allen Lebensbedürfnissen voll fanden und reichlich mit allen Vorräten versehen, so hatten alle vom Höchsten bis zum Geringsten den größten Überfluß. Es fanden sich nämlich in den erbrochenen Häusern Gold, Silber, Edelsteine und kostbare Kleider, Frucht, Wein und Öl, auch Wasser, an dem sie während der Belagerung großen Mangel gelitten hatten, in ungeheurer Menge, so daß die, welche Häuser in Besitz genommen hatten, nicht nur für sich selbst zur vollsten Genüge hatten, sondern auch liebreich ihren armen Brüdern zuteilen konnten. Am ersten, zweiten, dritten und dem folgenden Tage fand man auf dem Markt zu wohlfeilen Preisen eine Menge von Waren, so daß selbst das niedrige Volk alles Nötige im Überfluß hatte. Sie feierten also frohe und festliche Tage, pflegten etwas ihres Leibes und erholten sich wieder an Speise und Ruhe, deren sie sehr bedürftig waren. Sie gedachten immerwährend der himmlischen Güte, der sie der Herr gewürdigt hatte, und bewunderten den Reichtum seiner Gnade. Um das Gedächtnis dieses Tages aber noch mehr zu feiern, wurde beschlossen und dieser Beschluß von allen mit Freudigkeit aufgenommen und gebilligt, daß dieser Tag künftig allgemein gefeiert und unter den Feiertagen der größte sein sollte. Es sollte an ihm für alle Zeiten zu Lob und Preis des christlichen Namens verkündigt werden, was von Prophezeiungen auf dieses Ereignis im Propheten zu finden sei. Auch sollte bei Gott für alle die gebetet werden, durch deren löbliche Bemühung, mit deren sie die Gunst aller gewonnen, die genannte gottgeliebte Stadt wieder ihren alten christlichen Glauben und ihre Freiheit gewonnen habe. Unterdessen hatten aber die von den Feinden, welche vor den Schwertern der Unseren nach der Davidsburg geflüchtet waren, eingesehen, daß sie sich jetzt, wo unser Volk die ganze Stadt erobert hatte, nicht länger halten könnten. Sie baten also den Grafen von Toulouse, der dort in der Nähe des Turms seine Wohnung hatte, daß man ihnen mit Weibern und Kindern und mit allem, was sie hatten, einem freien Abzug und sicheres Geleit bis nach Askalon gewähren möchte. Der Graf gewährte ihnen den Wunsch, und sie übergaben ihm hierauf die Burg. Die, welche den Auftrag, die Stadt zu reinigen, erhalten hatten, ließen sich ihr Geschäft sehr angelegen sein und machten in wenigen Tagen, indem sie die Leichname teils verbrannten, teils begruben, so gut sich dies in so kurzer Zeit tun ließ, die Stadt wieder so rein, wie sie vorher gewesen war. Es konnte nun das Volk mit mehr Luft die Schwellen der heiligen Orte betreten und sich freier in den Gassen und auf den Plätzen zusammenstellen und miteinander besprechen. Die Stadt wurde erobert im Jahr der Menschwerdung des Herrn tausendundneunundneunzig, im Monat Juli, am fünfzehnten Tag des Monats, am sechsten Tag der Woche, zur neunten Stunde, drei Jahre, nachdem sich das gläubige Volk der großen Last dieses Kreuzzugs unterzogen hatte. Der Vorsteher der römischen Kirche war damals Papst Urban der Zweite. Das Römische Reich verwaltete Kaiser Heinrich der Vierte, in Frankreich regierte König Philipp, das griechische Zepter führte Alexius. In dieser Zeit also wurde Jerusalem erobert, durch die erbarmende Fürsorge Gottes, dem Ruhm und Ehre sei in alle Ewigkeit. Amen.
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