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Zug Gottfrieds durch Ungarn und Bulgarien nach Konstantinopel (Kap. 1-6). Streitigkeiten Gottfrieds mit dem griechischen Kaiser (Kap. 6-11). Zusammenkunft Gottfrieds und des Kaisers. Gottfried wird Vasall des Kaisers (Kap. 11). Übergang des Heeres über den Bosporus (Kap. 12). Zug Bohemunds (Kap. 13). Hinterlistiges Betragen des Kaisers gegen ihn (Kap. 14). Bohemund und der Kaiser versöhnen sich durch Gottfrieds Vermittlung. Er wird ebenfalls Vasall des Kaisers. Tankred führt indessen das Heer nach Bithynien (Kap. 15). Ankunft Roberts von Flandern. Er schwört dem Kaiser den Lehenseid und setzt nach Asien über (Kap. 16). Gefährlicher Zug des Grafen von Toulouse und des Erzbischofs von Puy durch Dalmatien (Kap. 17). Ankunft in Durazzo. Wiederholte Gesandtschaften des Kaisers (Kap. 18). Weigerung des Grafen, den Lehnseid zu schwören. Hinterlistiges Betragen des Kaisers gegen ihn. (Kap. 19, 20). Versöhnung des Kaisers und des Grafen. Der Kaiser lehnt die Führung des Kreuzzugs ab. Der Graf folgt den übrigen Fürsten, die nach Nikäa vorausgezogen sind (Kap. 21). Ankunft von Eustach und Robert dem Normannen in Konstantinopel. Sie huldigen dem Kaiser und folgen dann den übrigen (Kap. 22). Der Kaiser sendet den Kreuzfahrern einen Griechen als Wegweiser zu (Kap. 23).
I. In demselben Jahr, im Jahr der Menschwerdung des Herrn tausendundsechsundneunzig, im Monat August, am fünfzehnten des Monats, trat der herrliche und erlauchte Gottfried, Herzog von Lothringen, wohlgerüstet mit seinen Genossen den Zug an, nachdem, wie wir schon erzählt haben, Peters Heer auf eine klägliche Weise zugrunde gegangen war, Gottschalks Scharen ihren Untergang gefunden hatten und die nachfolgende Menge in Ungarn dem Mißgeschick erlegen war. Die, welche sich seinem Lager anschlossen, waren nämlich berühmte und sehr edle Männer, ewigen Nachruhms würdig: Balduin, sein Bruder mütterlicher Seite, Balduin von Mons, Graf von Hennegau, Graf Hugo von Saint Pol und sein Sohn Ingelram, ein Jüngling von trefflicher Anlage, Graf Werner von Gray, Graf Reinhard von Toul und sein Bruder Peter, Balduin von Bourg, ein Verwandter des Herzogs, Heinrich von Esch und sein Bruder Gottfried Dudo von Conti, Kuno von Montaigu und viele andere, die wir nicht alle zu nennen und aufzuzählen wissen. Diese alle zogen, ein Gefolge bildend, einher und kamen am zwanzigsten September unversehrt in aller Ruhe nach Tollenburg in Österreich, wo der Fluß Leitha das Reich gegen Ungarn begrenzt. Wie sie hier angekommen sind, halten sie Rat, auf welche Weise sie am sichersten ihr Ziel erreichen möchten, denn was man von dem Untergang der Gottschalkischen Scharen erzählte, machte sie sehr besorgt. Der gemeinsame Beschluß ging endlich dahin, eine Gesandtschaft an den König von Ungarn zu schicken, um den wahren Grund zu erfahren, aus dem das Heer ihrer vorangegangenen Brüder den Untergang in Ungarn gefunden habe, sodann mit dem König wegen des Friedens zu unterhandeln und ohne Klagen über die früheren Vorfälle vorzubringen einen freien Durchzug durch Ungarn auszuwirken; denn jeder andere Weg, den sie sonst hätten einschlagen können, wäre ihnen ein Umweg gewesen. Zum Gesandten wurde der edle Mann Gottfried von Esch, ein Bruder Heinrichs von Esch, erwählt, weil er vor langer Zeit einmal in freundschaftlichen Verhältnissen mit dem König gestanden war. Einige edle und geachtete Männer gab man ihm zur Begleitung mit. Als er vor den König kam, grüßte er ihn mit den gebührenden Worten und sprach dann in seinem Auftrag wie folgt zum König:
II. "Der herrliche und erlauchte Mann Herzog Gottfried von Lothringen und andere der gottesfürchtigen Fürsten, die sich mit ihm dem Dienst des Herrn ergeben haben, haben mich zu Eurer Hoheit gesandt, um durch mich zu erfahren, warum das Volk der Gläubigen, auf deren Überbleibsel wir auf unserm Wege trafen, bei Euch, die Ihr unter die Gläubigen gerechnet werdet, eine so schlimme Aufnahme gefunden haben, daß sie sich weit sicherer in Feindesland begeben hätten. War die Schuld des genannten Volkes so groß, daß sie die ganze Härte dieser Strafe verdienten, so wollen die, welche mich gesandt haben, ihren Untergang gleichmütig ertragen, denn eine gerechte Strafe reizt nicht zum Zorn und muß mit Geduld ertragen werden. Ist es aber anders, habt Ihr ohne wahren Grund Unschuldige angefallen und dem Tod übergeben, so können sie das Unrecht, das den Dienern Gottes widerfahren ist, nicht übersehen, sondern sind vielmehr bereit, das Blut ihrer Brüder zu rächen. Hierauf nun erwarten sie durch meine Gesandtschaft Antwort, und nach dieser werden sie ihr Verhalten richten." Der König, umgeben von den Seinen, sprach hierauf zur Antwort folgendes: "Es macht uns Freude, daß Ihr, Gottfried, dem ich befreundet bin und dem ich mich schon vor langer Zeit, wie Ihr es verdientet, günstig erwiesen habe, zu mir gekommen seid, teils weil ich die alte Freundschaft erneuern kann, teils weil ich vor einem Manne von so viel Überlegung am besten unsre Unschuld dartun kann. Ich zähle mich allerdings, wie Ihr sagt, zu den Gläubigen und bemühe mich, durch die Tat die Bedeutung dieses Namens wahr zu machen, aber die, welche vor Euch kamen, die unter Peter des Eremiten wie die unter Gottschalks Führung und die, welche in den Grenzen unsres Königreichs unsere Feste erobern und mit Gewalt in unser Land dringen wollten, waren weder der Tat noch dem Namen nach Christen. Gastfreundlich haben wir zuerst Peter und sein Heer aufgenommen und ihnen teils unentgeltlich, teils um billigen Preis die Vorräte, die sich bei uns fanden, zugeteilt, aber sie haben wie die Schlange im Busen, wie die Maus im Sack, den Wohltaten ihrer Gastfreunde übel gelohnt. Denn an der äußersten Grenze unseres Reiches erbrachen sie, die uns hätten Dank erstatten sollen, gewaltsam eine unserer Städte, vertilgten die Einwohnerschaft gänzlich und zogen mit ihrem großen und kleinen Vieh wie Räuber davon. Gottschalks Zug aber ließen wir, als ob wir von ihren Vorgängern nicht die geringste Beleidigung erlitten hätten, ohne ihnen irgend etwas in den Weg zu legen, in unser Gebiet einziehen. Da sie sich aber mitten im Reich nicht scheuten zu rauben, den Einwohnern Gewalt anzutun, Brand zu stiften und wegen jeder Kleinigkeit ein Blutbad anzurichten, so luden sie durch das Übermaß ihrer Freveltaten den Zorn des Herrn auf sich. Auch ich konnte die Bedrückung der Unseren nicht ertragen, ich mußte auf Abhilfe denken und Hand anlegen. Darum, da ich auch durch das Beispiel der früheren Scharen schon gewarnt war, hielt ich es für besser, um nicht zum dritten Male von so abscheulichen Scharen heimgesucht zu werden, solch gottverhaßten Rotten lieber unser Königreich verschlossen zu halten, als uns von ihnen Schaden und Unbill zufügen zu lassen oder sie feindlich bekämpfen zu müssen. Das wird für einen so klugen und einsichtsvollen Mann, wie Du bist, zu unserer Entschuldigung hinreichen, denn so wahr Gott lebt, ich habe die reine Wahrheit gesprochen." Sodann läßt er die Gesandten aufs gastfreundschaftlichste und ehrenvollste beherbergen, bis er sich mit den Seinigen besprochen und Gesandte an die Fürsten erwählt hat, die eine passende Antwort überbringen sollten. Hierauf schickt er mit den Gesandten, die an ihn gekommen waren, einige seiner Vertrauten und gibt dem Herzog und den Fürsten folgende schriftliche Antwort: "Wir haben schon lange durch das Gerücht vernommen, daß Ihr, Euren Verdiensten gemäß, bei den Euren für einen großen, erlauchten und herrlichen Fürsten geltet, und auch in der Ferne bewundern die Einsichtigen Eure reine und ernste Frömmigkeit und die löbliche Festigkeit Eures Charakters. Auch wir haben, durch den guten Geruch Eures Namens und durch den frommen Eifer, mit dem Ihr wirkt, angezogen, uns vorgenommen, Euch, wenngleich Ihr fern seid, unsere Ehrenbezeugungen zu erweisen. Aber auch die Edlen, die Euch in christlichem Eifer begleiten, halten wir für Männer, die einen frommen Vorsatz gefaßt haben. Wir wollen daher in den Verdiensten, durch die man sich Freunde erwirbt, nicht lässig sein, wir sind vielmehr bereit, allen die schuldige Liebe zu erweisen und es in keiner Dienstleistung brüderlicher Freundschaft fehlen zu lassen. Darum, weil sich so die Gelegenheit darbietet, bitten wir Euch, auf unserem Schloß Liperon einzutreffen, um mit Euch einer Unterredung pflegen zu können, wonach wir uns schon lange gesehnt haben, und Euch die Gewährung Eurer Wünsche verschaffen zu können."
III. Nachdem nun der Herzog diese Botschaft des Königs gehört und mit den Seinen Rat gepflogen hatte, kam er mit dreihundert Rittern, die er aus seinem Gefolge auswählte, an dem festgesetzten Tag an den bestimmten Ort. Der König kam ihm auf der Brücke entgegen und empfing ihn aufs freundlichste und ehrenvollste. Endlich, nachdem sie sich hinüber und herüber viel Freundschaftliches gesagt hatten, wurde beschlossen, der Herzog sollte gegen Geiseln aus der Zahl seiner Edlen mit seinem Heer freien Zugang zum Königreich haben, aller alte Groll sollte vergessen und der Frieden vollständig hergestellt sein. Um für die ungeheuren Scharen, die er in sein Reich einließ, eine sichere Bürgschaft zu haben, daß sie sich nicht bei Gelegenheit im Vertrauen auf ihre Tapferkeit und ihre Menge einfallen ließen, Unordnung in seinem Reich zu begehen, verlangt also der König als Geisel den Bruder des Herzogs, Balduin, samt seiner Gemahlin und seiner Begleitung. Der Herzog war damit einverstanden, übergab seinen Bruder unter festgesetzten Bedingungen als Geisel und rückte mit seinen Scharen in das Königreich. Der König kam sofort allen seinen Versprechungen getreulich nach und ließ in allen Provinzen, durch welche sich der Zug bewegen mußte, bekanntmachen, daß man dem Heer um billigen Preis und nach rechtem Maß und Gewicht Lebensmittel zu liefern habe, und daß die Wanderer ein beständiger Markt begleiten solle. Der Herzog aber ließ im ganzen Lager, in jeder Abteilung noch besonders, durch Herolde verkünden, daß bei Strafe des Todes und der Einziehung aller Güter sich jeder hüten solle, denen, die ins Lager kämen, Gewalt oder Unrecht anzutun oder sie zu berauben. Vielmehr sollte der Verkehr des Kaufens und Verkaufens in Frieden und in brüderlicher Liebe stattfinden. Und so geschah es durch Gottes erbarmende Fürsorge, daß sie sich während des ganzen Zugs durch Ungarn auch nicht mit einem Wort beleidigten. Der König aber zog dem Heer links von ihm in gleichem Schritt, mit vielen Scharen der Seinigen und mit den Geiseln, stets zur Seite, um alle Unruhen, die sich allenfalls erheben könnten, durch seine Anwesenheit sogleich zu beschwichtigen. Endlich, bei Mallevilla, von dem schon oft die Rede gewesen ist, machten sie am Ufer des Flusses Save halt, bis für den Übergang über den Fluß alles angeordnet war. Man band nun, weil sich für so viel Volks nicht Schiffe genug auftreiben ließen, Flöße zusammen, und auf diesen setzte sich das Heer um die Wette an das entgegengesetzte Ufer. Um das Ufer vor Feinden sicher zu halten, waren vor den andern tausend wohlgepanzerte Reiter übergesetzt worden, damit das übergesetzte Volk eine ruhige Stätte finde. Und kaum waren die Heerhaufen und einige wenige von den Edlen ausgeschifft, als der König schon mit großem Gefolge ankam und Balduin, seine Gemahlin und die übrigen Geiseln in die Hände des Herzogs zurückstellte, wie es anfänglich bestimmt worden war. Nachdem er noch den Herzog und die übrigen Fürsten mit reichen Geschenken beehrt hatte, kehrte er wieder zurück. Der Herzog aber setzte mit einem Teil der Fürsten und des Volkes, das noch diesseits des Flusses war, ebenfalls über und lagerte sich dann mit dem ganzen Heer vor der schon mehrfach genannten bulgarischen Stadt Belgrad. Sodann, nachdem man sich für den weiteren Zug wohl gerüstet hatte, kam man durch die großen bulgarischen Wälder zuerst nach Nizza, dann nach Stralizia.
IV. An diesen Gegenden, die einst reiche Provinzen waren und jedem Bedürfnis einen Überfluß darboten, kann man sehen, wie groß das Elend und die Schwäche des griechischen Reiches sind. Denn nachdem die lateinischen Fürsten bei Konstantinopel unglücklich gewesen waren und das Reich den Griechen unter dem ersten Nikephorus hatten überlassen müssen, brachen sogleich barbarische Völkerschaften im Vertrauen auf die Schwäche der Griechen in ihre Provinzen ein und behandelten die alten Einwohner ganz nach ihrer Willkür. Eine dieser Nationen, die Bulgaren, ein rohes Volk, das aus dem Norden herkam, nahm alles Land von der Donau bis zur Kaiserstadt und wieder von diesem Fluß bis ans Adriatische Meer in Besitz, die alten Namen und Grenzen verloren sich, und dieser ganze Strich, dreißig Tagereisen in der Länge, zehn oder mehr in der Breite, hieß seitdem Bulgarien. Die armen Griechen aber wußten nicht einmal, daß dieser Name ihre Schmach verkündige. Am Adriatischen Meer nämlich lagen sonst die beiden Epirus - von denen das eine Durazzo zur Hauptstadt hatte -, einst das Reich des tapferen und bewundernswürdigen Epirotenkönigs Pyrrhus. Wo aber der Herzog mit seinem Gefolge durchziehen mußte, da lagen die beiden Dakien, das Uferland nämlich, das sie bei ihrem Übergang über die Donau links liegen ließen, und das Binnenland, durch das ihr Weg führte und wo sie durch die einst glänzenden Städte Nizza und Stralizia kamen. Auch noch andere Provinzen waren in diesem Strich, Arkadien, Thessalien, Makedonien, drei Thrakien, alle in demselben jammervollen Zustand. Und nicht nur, daß die Griechen die genannten Provinzen durch ihre Schwäche verloren, auch nachdem ihr Kaiser Basilius die Bulgaren unterjocht hatte, ließen sie bis auf den heutigen Tag die entfernteren Gegenden, hauptsächlich die, welche an fremde Reiche angrenzen und durch welche man in ihr Land eintritt, nämlich die beiden Dakien, unbebaut liegen und lassen nicht zu, daß sich hier Menschen ansiedeln. Denn in den Wäldern und dem Gestrüpp, das weithin alles einnimmt, denken sie, können die, welche in das Reich eindringen wollen, keinen Haltepunkt finden, und so setzen sie ihr Vertrauen mehr auf die Unwegsamkeit der verwachsenen Grenzgegenden als auf ihre eigene Kraft. So lassen sie auch das erste Epirus, das bei Durazzo anfängt und sich bis zum Berg Bagularius vier Tagesreisen lang erstreckt und das alle die anderen Fürsten durchziehen mußten, unbewohnt und wüst liegen, damit die, welche sich dem Reich nahen wollen, sich durch die verlassenen unwegsamen Waldgegenden, die keine Lebensmittel darbieten, abgehalten sehen. Das genannte innere Dakien also, das sonst auch Mösien heißt, durchzog der Herzog mit seinen Scharen und kam, nachdem er die Klöster, die man gewöhnlich die Klöster des heiligen Basil nennt, hinter sich hatte, in ebenere Gegenden, die Nahrung in Mengen darboten, und endlich in die edle reiche Stadt Philoppopolis. Als er hier erfuhr, daß Hugo der Große, Bruder des Königs Philipp von Frankreich, mit einigen anderen Edlen vom Kaiser gefangengehalten werde, sandte er in aller Eile Boten ab und ließ den Kaiser durch sie wie durch Briefe aufs inständigste bitten und ermahnen, die genannten Männer, die mit ihm den Kreuzzug gelobt haben und ohne Schuld gefangengenommen worden seien, in Freiheit zu setzen. Der genannte erlauchte Mann hatte nämlich vor den andern den Zug angetreten, war über die Alpen nach Italien und von da nach Apulien gereist, war mit wenigem Gefolge über das Meer gefahren und wollte in Durazzo die Nachfolgenden erwarten, weil er in dem christlichen griechischen Reich für sich und die Seinigen nichts befürchten zu müssen glaubte. Er wurde aber vom Statthalter der Gegend gefangengenommen und in Ketten und Banden dem Kaiser überliefert, daß dieser nach seinem Gutdünken über ihn verfüge. So hielt ihn also der Kaiser wie einen Räuber oder Mörder bei sich gefangen und erwartete die Ankunft der Fürsten, die nachfolgen sollten. Kämen diese glücklich an, so wollte er ihn freigeben, um ihretwillen, um sich ihren Dank damit zu verdienen, im andern Fall sollte er für immer sein Gefangener bleiben.
V. Griechischer Kaiser war damals ein nichtswürdiger und heimtückischer Mensch, Alexius Komnenus mit Namen. Er war früher von Kaiser Nikephorus Botoniates sehr in Ehren gehalten worden. Er hatte die Würde eines Großdomestikus geführt, was man bei uns Seneschall heißt, und so die zweite Stelle nach dem Kaiser eingenommen und hatte dann fünf oder sechs Jahre vor der Ankunft der Unseren sich boshaft wider seinen Herrn und Wohltäter aufgelehnt und ihm den Thron geraubt, auf dem er sich gewaltsamerweise hielt. Wie nun die Gesandten des Herzogs zum Kaiser kamen, baten sie ihrem Auftrag gemäß aufs inständigste, der Kaiser möchte den genannten edlen Mann freigeben. Als ihnen dies vom Kaiser definitiv abgeschlagen wurde, kehrten sie zu den Unseren zurück, die schon über Adrianopel hinaus auf Weideplätzen ihr Lager aufgeschlagen hatten. Wie nun der Herzog und die anderen Fürsten durch die Boten erfuhren, daß der Kaiser keineswegs gesonnen sei, die genannten Edlen freizulassen, beschlossen sie, die ganze Gegend dem Heer zur Beute zu geben. Sie hielten sich hier ununterbrochen acht Tage auf und hatten endlich alles verheert. Als der Kaiser dies vernimmt, schickt er Boten an den Herzog und läßt ihn ersuchen, sein Heer von der Plünderung abstehen zu lassen, er werde dafür die Edlen, die er verlangt habe, zurückerhalten. Der Herzog ließ sich dies gern gefallen, tat dem Beutemachen Einhalt, beruhigte das Heer wieder und zog nach Konstantinopel, wo er sich mit seinem großen und starken Heer vor der Stadt lagerte. Hier kamen ihm die genannten edlen Männer Hugo der Große, Drogo von Neelle, Wilhelm der Zimmermann und Clarembald von Vandeuil aus der Stadt entgegen und begaben sich in sein Lager, um ihm für ihre Befreiung zu danken. Er empfing sie mit viel Liebe und mit der Ehre, die ihnen gebührte, an dem Mißgeschick, das sie ohne Schuld getroffen hatte, Anteil nehmend, und besprach sich einige Zeit mit ihnen.
VI. Indessen haben sie sich nach traulichem Gespräch kaum wieder getrennt, als schon Boten vom Kaiser anlangen, die den Herzog auffordern, mit wenigen Begleitern sogleich vor ihm zu erscheinen. Der Herzog hielt hierüber Rat und fand es für gut, dieser Zusammenkunft auszuweichen. Hierüber sehr aufgebracht, verbot der Kaiser allen Handel mit dem Heer des Herzogs. Wie nun die Fürsten hierdurch großen Mangel an Lebensmitteln entstehen sehen, durchziehen sie nach gemeinsamem Beschluß die Umgegend der Stadt mit großen Scharen nach allen Seiten hin und bringen eine solche Menge von Herden und Lebensmitteln aller Art ins Lager, daß auch die Geringeren zur Genüge bekommen. Als der Kaiser die ganze Gegend mit Raub und Brand verheeren sah, stellte er aus Furcht, es möchte noch schlimmer kommen, den Handelsverkehr wieder her. Da nun auch das Christfest bevorstand, so beschlossen unsere Fürsten bei sich, sich um des Glaubens willen diese vier Tage lang allen Raubs und aller Gewalt zu enthalten. Nachdem die Festtage in Ruhe und Frieden vorübergegangen waren, erschien eine Botschaft des Kaisers, die mit Friedensworten, jedoch nicht ohne allen Arg, die Fürsten aufforderte, mit ihren Scharen die Brücke beim Palast Blakernas zu überschreiten und die Unsrigen in den Palästen, deren Reihen längs den Ufern des Bosporus hinliefen, unterzubringen. Es brauchte hierzu nicht viel Überredung, denn der Winter brachte viele Beschwerden. Der Regen goß in solchen Strömen herab, daß die Zelte kaum die Traufe aushalten konnten und Lebensmittel und Gepäck in der fortwährenden Nässe verfaulten und verdarben. Weder die Menschen noch das Zugvieh und die anderen Tiere konnten die durchdringende Kälte und den fast immerwährenden, höchst beschwerlichen Regen länger aushalten. Dieses alles machte ihnen unaufhörlich über ihre Kräfte zu schaffen. Der Kaiser schien nun hierüber Mitleid mit ihnen zu haben. In der Tat führte er anderes im Sinne und hatte nur im Auge, daß das Heer in dem engeren Raum weniger umherschweifen und von ihm besser im Zaum gehalten werden konnte. Um dies besser zu verstehen, muß etwas über die Lage der genannten Stadt eingereiht werden.
VII. Das Pontische Meer - seinen Namen hat es von der umliegenden Gegend - ist nördlich von der genannten Stadt, in einer Entfernung von dreißig Meilen. Ein Teil davon windet sich wie ein Fluß durch eine Meerenge nach Süden, auf einer Strecke von zweihundertunddreißig Meilen, zwischen den alten Städten Sestos und Abydos hindurch, von denen die eine in Europa, die andere in Asien liegt, und mündet in unser Mittelländisches Meer aus. Diese Einströmung bildet von den Anfängen des Passierens dreißig Meilen, denen sie in gerader Richtung folgt, auf der abendländischen Seite einen Busen, fünf Meilen lang und ungefähr eine breit. Diese Meerenge aber, die sich, zweihundertdreißig Meilen lang, vom Pontischen zum Mittelländischen Meer zieht, heißt der Propontische Bosporus oder der Hellespont. Daß es sich aber wirklich so verhalte, bezeugt Solin im siebzehnten Buch seiner "Merkwürdigkeiten", wo er sagt: "Der vierte europäische Meerbusen fängt mit dem Hellespont an und endet mit dem Mäotis, und die ganze Breite, die Europa und Asien trennt, mißt nur sieben Stadien." Das ist derselbe Hellespont, über den Xerxes eine Schiffsbrücke schlug. Weiterhin erstreckt sich der Euripus bis zur Stadt Priapus in Asien; über diesen setzte Alexander der Große, als er die Welt zu erobern auszog. Hier breitet sich das Meer weit aus, dann faßt es sich im Propontis wieder zusammen und verengt sich sodann zu einem Raum von fünfhundert Schritten, das ist der thrakische Bosporus, über welchen Darius seine Truppen setzte. Diese Namen alle gehen auf alte Dichtersagen zurück. Der Bosporus nämlich heißt darum so, weil Jupiter die Europa, Agenors Tochter, in Gestalt eines Stiers über dieses Meer getragen haben soll. Der Hellespont aber hat seinen Namen von Helle, der Schwester von Phryrus, welche auf einem Widder mit diesem ihrem Bruder ebenfalls hier übersetzte. Gewöhnlich wird aber diese Grenze zwischen Asien und Europa der Arm des Sankt Georg genannt. Die Länge ist, wie wir angegeben haben, die Breite ist nicht immer gleich. Nach der Lage und der Beschaffenheit der anliegenden Gegenden zieht sie sich bald auf den Raum einer Meile zusammen, bald breitet sie sich bis auf dreißig Meilen und weiter aus. Der genannte westliche Busen aber gilt für den, welcher unter allen in der Welt die bequemste Anfahrt hat. Unter diesem nun und dem Bosporus liegt in einem Winkel die vorgenannte Stadt, in alter Zeit Byzanz geheißen, ein Ort ohne Namen, unter den thrakischen Städten fast die jüngste, jetzt aber, durch den glücklicheren Namen des Kaisers, der sie erweitert hat, ausgezeichnet, die Fürstin der Provinzen und die Residenzstadt des Reichs, die dem älteren Rom seinen Namen und seine Würde streitig zu machen sucht. Sie war einst von dem Spartanerkönig Pausanias gegründet worden und hatte nach dem, was Paulus Orosius im dritten Buche von ihr sagt, die Gestalt eines Dreiecks mit drei ungleichen Seiten. Die erste Seite dieses Dreiecks zieht sich von dem Winkel, den der Hellespont und der Hafen bilden, wo die Kirche des heiligen Georg, die Mangana heißt, liegt, bis zu dem neuen Palast Blakernas ganz gerade am Hafen hin. Die zweite geht von diesem Kloster des heiligen Georg bis zur goldenen Pforte den Hellespont entlang. Die dritte aber ist die Strecke von diesem Tor bis zu dem genannten Palast Blakernas, sie stößt an Felder und ist mit Türmen, Mauern und Vorwerken befestigt. Es fließt nämlich ein Fluß in den Hafen, der im Sommer nur unansehnlich ist, im Winter aber von den Regengüssen bedeutend anschwillt. Die Brücke dieses Flusses überschritt unser Heer und quartierte sich in den Palästen ein, deren eine große Zahl am Ufer des Bosporus stand, zwischen dem Meer und dem Bosporus auf der einen und dem Hafen auf der anderen Seite. Während sie dort lagen und die Ankunft der übrigen Fürsten erwarteten, wurde der Herzog durch eine Botschaft um die andere ersucht, vor dem Kaiser zu erscheinen. Da er seine Freundlichkeit für verdächtig hielt und sich vor einer Unterredung scheute, so mochte er dieser Einladung keine Folge leisten. Da er jedoch sah, daß es unschicklich und gegen den Anstand wäre, nicht wenigstens passende Stellvertreter zu schicken, wenn er nicht in eigener Person erscheinen wollte, so sandte er die edlen Männer Kuno von Montaigu, Balduin von Bourg und Heinrich von Esch an den Kaiser, um ihn selbst zu entschuldigen. Wie der Kaiser sah, daß der Herzog darauf bestand, nicht vor ihm zu erscheinen, untersagt er den Seinen wieder den Verkauf von Lebensmitteln. Als der feste Mann auch auf dieses unbeweglich blieb, wollte er seine Hand schwerer machen und ließ im geheimen Pfeilschützen in die Gegend der Stadt übersetzen, wo sich der Herzog gelagert hatte. Diese schossen am frühen Morgen, fast noch in der Dämmerung, nach denen, die ans Meer hinausgegangen waren oder aus den Fenstern schauten, und töteten sehr viele.
VIII. Als der Herzog davon Kunde erhielt, rief er die Fürsten des Volkes zusammen und gab sodann nach gemeinschaftlichem Beschluß seinem Bruder den Auftrag, mit einem Teil des Heeres eiligst die Brücke zu besetzen, die hierherführte, daß man ihnen in diesen Engpässen nicht den Weg abschneiden und sie so zu Schaden bringen könne. Dieser macht sich rasch mit fünfhundert Geharnischten auf und besetzt die genannte Brücke. Denn nicht nur die, welche zu ihnen übergesetzt waren, erwiesen sich jetzt als Feinde, bereits die ganze Stadt bewaffnete sich gegen sie. Die Unseren aber legen, da sie sahen, daß man ihnen mit Fleiß und Absicht Gegner geschaffen habe, und daß auch alle Bürger sie zu verderben zu den Waffen eilen, in allen den Palästen, in denen sie einquartiert gewesen waren und die teils dem Kaiser, teils Privatleuten gehörten, Feuer an. Sechs oder sieben Meilen lang nämlich zogen sich die Reihen dieser Paläste hin. Sodann sammelten sie sich aus ihren verschiedenen Quartieren auf das Trompetenzeichen hin und folgten eiligst dem Herzog, der schnell die Schlachtreihen ordnete und nach der Brücke zog. Die Kriegserfahrenen fürchteten nämlich das am meisten, daß der Feind die Brücke besetzen möchte, wo sie dann in dem engen Raum sehr ins Gedränge kommen könnten. Daher hatte sich in größter Eile, noch ehe die Scharen des Fußvolks sich gesammelt hatten, die ganze Reiterei dort aufgestellt. Balduin, des Herzogs Bruder, war aber, wie schon gesagt worden ist, vorangegangen, hatte die Brücke trotz der Gegenwehr der Feinde genommen, diese in die Flucht geschlagen und den Unseren das jenseitige Flußufer gewonnen. So kamen der Herzog und das ganze Heer mit dem Gepäck und allem was sie bei sich führten ohne Schwierigkeit herüber und standen nun wieder auf freien, weiten Räumen vor der Stadt. Hier kam es zwischen der Kirche der heiligen Märtyrer Kosmas und Damian - man heißt den Platz jetzt gewöhnlich das Lager Bohemunds - und dem neuen Palast Blakernas, der im Winkel der Stadt neben dem Tor liegt, zu einem Gefecht, das damit schloß, daß die Griechen den Unseren nimmer standhalten konnten und sich gegen Abend in die Stadt zurückziehen mußten. Die Unseren aber, die männlich das Feld behauptet hatten, schlugen als Sieger an einem passenden Ort ihr Lager. Und vielleicht wären die Bürger noch einmal hervorgebrochen, und es wäre bei der gegenseitigen Erbitterung ein noch gefährlicheres Gefecht und ein noch größeres Blutbad erfolgt, hätte nicht der Einbruch der Nacht den gegenseitigen Kämpfen ein Ende gemacht. Hier erst zeigte sich und kam aufs unzweifelhafteste zum Vorschein, in welcher Absicht der genannte nichtswürdige Kaiser das Lager der Unseren hatte verlegen lassen. Er dachte nämlich, das Volk, das ihm verdächtig erschien, in dem engen Raum gleichsam eingesperrt halten zu können und es so in seiner Gewalt zu haben.
IX. Als es nun wieder tagte, wurde öffentlich bekannt gemacht, das Volk solle sich erheben und bewaffnen, ein Teil sollte unter bestimmten Führern die ganze Gegend durchmustern und auf jede Art Lebensmittel herbeischaffen, deren Verkauf der Kaiser untersagt hatte, sei es daß sie solche um Geld bekommen könnten oder daß sie sie rauben müßten. Sie sollten Rinder und Schafherden und Vorräte von Früchten und sonstigen Bedürfnissen nicht im geringsten schonen. Ein anderer Teil sollte mit dem Herzog und einigen anderen Großen zum Schutz des Lagers zurückbleiben. Da sie die Hinterlist des Kaisers und der Seinigen in Erfahrung gebracht hatten, so wollten sie sich mit der größten Vorsicht gegen seine Schlingen wappnen. Es geschah also, daß die, welche nach Vorräten ausgegangen waren, sechs Tage nachdem sie hintereinander in großer Anzahl, Reiter wie Fußvolk, die Umgegend der Stadt in einem Umkreis von sechzig Meilen geplündert hatten, am achten Tage mit einer solchen Menge an Lebensmitteln zurückkamen, daß man es kaum glauben kann, und daß sie all das Lastvieh, all die Herden und Wagen kaum mit sich führen konnten.
X. Während dies im Lager vorfiel, siehe, da stellte sich ein Bote von Bohemund vor den Herzog und brachte ihm einen Brief des genannten Fürsten, der also lautete: "Wisset, edler Mann, daß Ihr es mit der größten Bestie und mit einem ganz nichtswürdigen Menschen zu tun habt, der sich vorgesetzt hat, nie offen und wahr zu sein und das ganze Volk der Lateiner auf alle Art bis auf den Tod zu verfolgen. Ihr werdet mir mit der Zeit beistimmen, daß ich ihn richtig beurteilt habe. Denn ich kenne die Bosheit der Griechen und ihren hartnäckigen und eigensinnigen Haß gegen den lateinischen Namen. Verlaßt also, wenn es Euch nicht mißfällt, die Stadt und zieht Euch nach der Gegend von Adrianopolis oder Philippopolis, und laßt das Heer, das Euch der Herr anvertraut hat, in diesen reichen Gegenden ausruhen und sich an dem Überfluß der Nahrung, der sich hier findet, erholen. Ich aber will, wie Gott mich heißt, um Anfang des Frühlings eiligst herbeikommen und Euch mit brüderlicher Liebe als meinem Herrn Rat und Hilfe gegen den gottlosen Griechenfürsten geben." Nachdem er diesen Brief durchgelesen und seinen Inhalt wohl erwogen hatte, ließ er sich nach dem gemeinsamen Beschluß der Fürsten gegen den Boten und auch brieflich wie folgt zur Antwort vernehmen: "Ich weiß und habe längst schon gehört, geliebter Bruder, daß die verschlagenen Griechen unser Volk immer mit unversöhnlichem Haß verfolgen, und wenn mir früher dies noch nicht hinlänglich bekannt war, so lehrt es mich jetzt die Erfahrung vollständig, und ich zweifle nicht, daß Eure Entrüstung eine gerechte ist, und daß Ihr ihre Schlechtigkeit recht beurteilt, aber es verträgt sich nicht mit meiner Gottesfurcht und mit meinem Vorhaben, die Waffen, mit denen die Ungläubigen bekämpft werden müssen, gegen ein christliches Volk zu wenden. Eure und der andern gottgeweihten Fürsten Ankunft aber erwartet das gottgeliebte Heer, das mit uns ist, aufs sehnlichste."
XI. Der Kaiser nun war mit seiner Umgebung in großer Angst, teils weil er die ganze Gegend der Plünderung ausgesetzt sah und das Klagen und Jammern der Seinen darüber hören mußte, teils weil er gehört hatte, es sei eine Gesandtschaft von Bohemund da gewesen und dieser werde demnächst ankommen. Er läßt also den Herzog wiederum ersuchen, zu ihm zu kommen, denn er fürchtete, wenn er es zu keiner Unterredung bringe und die Fürsten, die erwartet wurden, noch ehe er sich mit dem Herzog verständigt habe, ankommen, so werden sich alle zu seinem Untergang vereinigen. Er bemüht sich also eifrigst, sich den Herzog wieder zu gewinnen und ersucht ihn aufs dringendste, zu ihm zu kommen, und bietet ihm, um ihm allen Argwohn zu benehmen, seinen Sohn Johannes Porphyrogenitus als Geisel an. Dieser Vorschlag nun leuchtete den Fürsten ein, Kuno von Montaigu und Balduin von Bourg nahmen den Sohn des Kaisers in Empfang. Sodann ging der Herzog, nachdem er ihn der Achtsamkeit seines Bruders empfohlen und diesem auch das Heer übergeben hatte, mit den übrigen Fürsten in die Stadt und erfreute den Kaiser mit seiner längst ersehnten Gegenwart. Er wurde hier mit vielen Ehrenbezeugungen empfangen, alle Edlen, die den Mann sehen wollten, von dem sie schon so vieles gehört, zum Teil auch selbst erfahren hatten, waren versammelt. Auch die Fürsten, die mit ihm gekommen waren, begrüßte der Kaiser ihrer Würde gemäß und ließ sie zum Friedenskusse zu, erkundigte sich aufs angelegentlichste nach ihrem Befinden, nannte sie, um sie sich zu gewinnen, der Reihe nach beim Namen und war gegen jeden einzelnen äußerst freundlich und gesprächig. Sodann aber trat er zum Herzog und redete ihn also an: "Geliebtester Herzog, unser Kaisertum hat vernommen, daß Ihr unter Euren Fürsten sehr mächtig seid, auch ist ihm Euer frommes Vorhaben, das Ihr, mit löblichem Glaubenseifer bewaffnet, eifrig verfolgt, nicht unbekannt, und was noch mehr ist, der Ruf preist Euch weit und breit als einen Mann von festem Charakter und von lauterem Glauben. Daher habt Ihr Euch, wie es Eure edlen Sitten verdienen, die Gunst auch vieler von denen gewonnen, die nie in Eurer Nähe waren. Auch wir möchten Euch mit ganzer Liebe umfassen und Euch aufs beste ehren. Darum haben wir beschlossen, Euch heute im Angesicht der Großen unseres Palastes an Sohnes Statt anzunehmen. Wir übergeben unser Reich im Angesicht der hier versammelten Menge Eurer Macht, auf daß sie samt ihren Nachkommen durch Euch unversehrt und wohlbehalten bleiben." Hierauf bekleidete er ihn mit gewissen Feierlichkeiten, die am Hofe bei solcherlei Adoptionen gebräuchlich sind, mit kaiserlichen Gewändern und nahm ihn nach der Landessitte zum Sohne an. So wurde Friede und Eintracht von beiden Seiten aufs vollständigste hergestellt.
XII. Hierauf öffnete er sowohl dem Herzog als den Genossen desselben seine Reichtümer und schenkte ihnen aufs freigebigste ungeheure Schätze an Gold, Edelsteinen, Seide und kostbaren Gefäßen, die der Schönheit der Arbeit und dem Wert des Stoffes nach alle Schätzung überstiegen, so daß sie mit Geschenken ganz bedeckt waren und sowohl den unvergleichlichen Reichtum als die Freigebigkeit des Kaisers bewundern mußten. Und nicht nur einmal erwies er sich so freigebig gegen den Herzog, von Epiphaniä bis zum Himmelfahrtsfest ließ er dem Herzog aus dem kaiserlichen Palast jede Woche so viel Goldstücke, als zwei starke Männer auf ihren Schultern tragen konnten, und zehn Scheffel kupferner Denare reichen. Der Herzog behielt aber von dem allem nichts für sich, sondern spendete davon aufs freigebigste an die Edlen und das Volk, wie er glaubte, daß es einer nötig habe. Sie gingen also wieder vom Kaiser weg, verabschiedeten sich für einige Zeit und kehrten ins Lager zurück. Dann sendeten sie Johannes, den Sohn des Kaisers, den man bis zur Rückkunft des Herzogs als Geisel im Lager behalten hatte, in ehrenvoller Begleitung wieder zu seinem Vater. Der Kaiser aber ließ öffentlich bekanntmachen, daß man bei Todesstrafe dem Heer des Herzogs alles Nötige um billigen Preis und nach rechtem Gewicht abzugeben habe. Und ebenso verbot der Herzog bei Todesstrafe durch den Herold, einem Untertan des Kaisers Unrecht oder Gewalt anzutun. So vertrugen sie sich bestens und hatten in aller Ruhe ihren Verkehr miteinander. Endlich aber, um die Mitte des Monats März, ging der Herzog, weil die anderen Fürsten herankamen und schon in der Nähe waren, auf Betreiben des Kaisers wie nach dem Wunsch des Volks und der Edlen auf den Schiffen, die bereitlagen, über den Hellespont, brachte sein Heer nach Bithynien, was die erste asiatische Provinz ist, in die man kommt, und schlug sein Lager im Gebiet von Chalkedon. Chalkedon ist eine Stadt in Bithynien, wo zur Zeit des Papstes Leo des Älteren und des Kaisers Martianus gegen die Irrlehren des Mönchs Eutyches und des Patriarchen von Alexandrien, Dioskorus, die vierte allgemeine Synode gehalten wurde, zu der sich sechshundertundsechsunddreißig Väter eingefunden hatten. Der Ort ist nämlich ganz nahe bei Konstantinopel und bloß durch den Bosporus von ihm getrennt. Sie konnten von hier aus die Stadt sehen, und wer dringende Geschäfte hatte, konnte ohne Schwierigkeit drei- oder viermal am Tag vom Lager nach der Stadt hin- und hergehen. Daß aber der Kaiser den Herzog früher als er eigentlich im Sinn gehabt getrieben hatte, sein Heer überzusetzen, das hatte seinen Grund nicht in einem Glaubenseifer, es war die alte List des Kaisers. Er fürchtete, das Heer möchte sich durch Neuankömmlinge verstärken, denn auch die andern, die nachrückten, bestimmte er jedesmal durch denselben Kunstgriff ohne die Nachfolgenden abzuwarten einzeln überzuschiffen, damit nie zwei Heere zugleich vor der Stadt lägen.
XIII. Während nun zwischen dem Kaiser und dem Herzog dies in Konstantinopel und seiner Nähe vorgeht, rückt Bohemund, Sohn Robert Guiskards, der Fürst von Tarent, der vor Einbruch des Winters mit seinem Heer über das Adriatische Meer nach Durazzo übergesetzt hatte, durch die Einöden Bulgariens allmählich heran. Sowohl aus Italien als aus anderen Provinzen hatten sich sehr viele edle und mächtige Männer seinem Gefolge angeschlossen, deren ich einen Teil zum ewigen Gedächtnis namentlich aufzählen will. Es waren Tankred, Sohn des Markgrafen Wilhelm, Richard von Salerno, Sohn Wilhelms, genannt Eisenarm, der ein Bruder von Robert Guiskard war, sein Bruder Randulf, Robert von Ansa, Hermann von Carni, Robert von Sourdeval, Robert, der Sohn Tristans, Humfried, der Sohn Rudolphs, Richard, Sohn des Grafen Ranulf, der Graf von Rosinolo mit seinen Brüdern, Boile von Chartres, Albert von Cagnano und Humfried von Montaigu. Diese alle folgten Bohemunds Fahnen. Sie waren jetzt bis nach Kastoria gekommen, wo sie das Christfest feierten. Weil hier die Bürger dem durchziehenden Volk nichts zu kaufen geben wollten, mußten sie sich Schafe, Rinder und was sie sonst zur Nahrung brauchten durch Raub verschaffen und den Bewohnern, die sie feindlich behandelten, Schaden zufügen. Weiterhin schlugen sie dann in der reichen Gegend, die Pelagonien heißt, ihr Lager auf. Als sie hier hören, daß in der Nähe eine Ortschaft sei, die bloß ketzerische Einwohner habe, ziehen sie in aller Eile dahin, erstürmen sie, stecken die Häuser in Brand, machen die Bürger, die nicht im Feuer umkamen, nieder und gewinnen die reichste Siegesbeute. Wie er von der Ankunft der Scharen Bohemunds hört, gibt der Kaiser aber den Oberbefehlshabern der Heere, die dort im Winterquartier lagern, heimlich den Befehl, mit allen Mannschaften, die in der Gegend lägen, dem Heer bis an den Fluß Bardarius ununterbrochen zur Seite zu folgen, um es, wenn es sich tun ließe und sich Gelegenheit darböte, nachts oder bei Tage, heimlich oder anders, auf seinem Zug zu beunruhigen, denn das Anrücken Bohemunds war ihm sehr verdächtig. Er hatte nämlich von ihm und von seinem Vater schon vieles erleiden müssen. Ein heimtückischer Mensch wie er war, der eine Absicht ebensogut heucheln als seine wahre verbergen konnte, schickte er einige Edle aus seiner Umgebung an den vortrefflichen Mann und richtete tückischerweise Friedensworte an ihn, ob er ihn nicht auf diese oder jene Art hintergehen könne.
XIV. Die Worte aber, die er brieflich und mündlich durch die genannten Abgesandten an ihn richtete, hatten folgenden Inhalt: "Unser unter Gottes Schutz stehendes Kaisertum hat erfahren und zweifelt nicht im geringsten daran, daß Ihr ein großer, mächtiger und vortrefflicher Fürst seid wie der Sohn eines herrlichen, überaus gewaltigen und gewandten Fürsten, und Ihr wart mir bisher, wie Eure Verdienste es erheischen, überaus wert und teuer, obgleich wir Euch noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen haben. Und jetzt, wo wir hören, daß Ihr Euch im Glaubensgehorsam zum Dienst Gottes gerüstet und den übrigen Fürsten, die den Pilgerzug gelobt, als Genosse angeschlossen habt, wollen wir Euch, so ist unser Sinn und fester Wille, noch stärker lieben und noch mehr in Ehren halten. Darum, unser Geliebtester, laßt die Scharen, die Euch folgen, unsere Untertanen schonen, unterlaßt Raub, Brand und Gewalt und kommt so schnell Ihr könnt zu mir, wo Ihr versichert sein dürft, daß wir Euch mit allen Arten von Ehren- und Liebesbezeugung zuvorkommen werden. Wir haben auch den Überbringern dieses aufgetragen, Euerem Heere um billigen Preis alles Nötige zu verschaffen, so daß es ohne Unterlaß stets einen Vorrat von käuflichen Lebensmitteln finden wird." Diese Worte des Kaisers, obgleich sie von außen nur Freundlichkeit zeigten, verbargen dennoch Gift in sich. Bohemund aber, als ein sehr kluger und scharfsehender Mann, hielt sich, da er die Bosheit des Kaisers aus Erfahrung kannte, sehr auf der Hut und ließ dem Kaiser verstellterweise danken, daß er ihn seiner Aufmerksamkeit gewürdigt habe. Als er nun, von diesen Gesandten geführt, an den Fluß Bardarius kam - ein Teil des Heeres stand schon auf dem jenseitigen Ufer, ein anderer wollte eben überschiffen -, siehe, da stürzten sich die kaiserlichen Befehlshaber, die mit unermeßlichen Heerscharen den Unseren auf dem Fuße folgten und nun eine gute Gelegenheit gefunden zu haben glaubten, auf den Teil des Heeres, der eben übersetzen will, und dringen mit dem größten Ungestüm auf ihn ein. Wie das Tankred sieht, fliegt er, ein rüstiger Mann wie er war, als ein Blitz daher, schwimmt über den Fluß und kommt ans jenseitige Ufer. Ungefähr zweitausend Reiter folgen ihm und sprengen im Nu die feindlichen Glieder auseinander und in die Flucht. Sie verfolgen sie eine Zeitlang und machen den größten Teil von ihnen nieder, einige nehmen sie gefangen und stellen sie vor Bohemund. Als man sie nun scharf ausforschte, warum sie das christliche Heer verfolgen, geben sie zur Antwort, daß sie Leute des Kaisers seien und als seine Söldner ihm gehorchen müssen. Hier wurden nun alle vollständig überzeugt, daß die Worte des Kaisers nur Tücke und Hinterlist enthielten. Weil sie aber nun einmal durch sein Land ziehen mußten, so hielt es Bohemund für besser als den Kaiser unnötig zum Zorn zu reizen, sich wegen des Vorgefallenen nichts anmerken zu lassen, obgleich einige anderer Meinung waren.
XV. Er zog also rasch, doch ohne übertriebene Eile, weiter durch Makedonien und das ganze Illyrien und kam allmählich in die Nähe der Stadt. Als er nun herangekommen war, es war am Donnerstag vor Ostern, erhielt er wieder eine Botschaft vom Kaiser, die ihn ersuchte, ohne sein Heer mit einigen wenigen seiner Vertrauten zu ihm in die Stadt zu kommen. Da er die tückische Bosheit des Kaisers fürchtete, stand er eine Zeitlang an und verschob es, dieser Aufforderung nachzukommen. Während er so hin und her schwankte, kommt der erlauchte Mann Herzog Gottfried auf Bitten des Kaisers, der ihm dringend anlag, Bohemund entgegenzugehen und ihn bei ihm, wo er nicht das Mindeste zu fürchten hätte, einzuführen, mit einem ehrenvollen glänzenden Gefolge von Fürsten zu ihm. Nachdem sie sich in ungeheuchelter Liebe umarmt und geküßt, sich freundlich unterredet und nach diesem und jenem erkundigt hatten, sprach der Herzog dem Bohemund zu, der Einladung des Kaisers zu folgen. Bohemund zeigte sich zwar anfangs schwierig und wollte nichts von der Zumutung des Herzogs hören, nachher aber gab er doch den edlen Überredungsgründen des Herzogs nach und ging in seiner Begleitung ohne Argwohn zum Kaiser. Derselbe gab ihm den Friedenskuß und kam ihm mit allen Arten von Liebes- und Ehrenbezeugungen zuvor, beriet sich mit beiden aufs freundschaftlichste, und sodann leistete ihm Bohemund, wie versichert wird, einen körperlichen Eid, wie ihn die Vasallen schwören, und wurde ein Mann des Kaisers. Hierauf wurden ihm aus der kaiserlichen Schatzkammer Geschenke an Gold, Kleidern, Gefäßen und kostbaren Steinen dargereicht, die ihrer Pracht und ihrer Kostbarkeit nach über allem Vergleich waren. Während hier nun alles beigelegt wurde und Bohemund noch im Palast verweilte, war der durchaus rühmenswerte Tankred, sein Schwestersohn, der der Zusammenkunft und Unterredung mit dem Kaiser auf alle Art aus dem Wege zu gehen suchte, mit dem ganzen Heer nach Bithynien übergefahren und hatte über dem Bosporus in der Umgegend von Chalkedon, wo auch das Heer des Herzogs schon lange in Erwartung der Nachrückenden lag, sein Lager geschlagen. Als der Kaiser erfuhr, daß Tankred so der Zusammenkunft mit ihm ausgewichen war, nahm er es sehr übel, verbarg aber wie ein kluger Mann seinen Unmut und entließ die Fürsten ganz bedeckt mit Geschenken, deren er ihnen immer wieder neue reichen ließ, unter vielen Ehrenbezeugungen in ihr Lager über dem Bosporus. Dort vereinigten sich beide Heere und lagen aufs friedlichste miteinander verbunden im Angesicht der Stadt und harrten der Ankunft der nachfolgenden Fürsten, um sodann vereinigt den Zug weiter zu verfolgen. Dem Volk aber wurde der nötige Unterhalt teils aus der Kaiserstadt, teils aus der Umgegend zur Genüge und bis zum Überfluß gereicht.
XVI. Indessen hatte der erlauchte Mann Graf Robert von Flandern, der um Winters Anfang mit seinem Gefolge von der Seestadt Bari in Apulien nach Durazzo übergesetzt war, in fruchtbaren, an Wäldern und Weiden und allen Annehmlichkeiten reichen Gegenden die schlimme Jahreszeit glücklich überstanden und brach nun zu Anfang des Frühlings wieder auf, um sich schleunigst mit den übrigen Fürsten, die schon über das Meer gegangen waren, zu verbinden. Ehe er nach Konstantinopel kam, trafen, wie es auch bei den anderen gewesen war, kaiserliche Gesandte bei ihm ein, die ihm die Weisung gaben, ohne sein Heer in Begleitung von wenigen zum Kaiser in die Stadt zu kommen. Da er ausführlich erfahren hatte, wie sich die, welche vor ihm angekommen waren, gegen den Kaiser verhalten hätten, ging er also, als er nach Konstantinopel kam, mit wenigen Begleitern in den kaiserlichen Palast. Hier empfing ihn der Kaiser mit vielen Ehrenbezeugungen und erwies sich aufs freundlichste gegen ihn, worauf er wie die andern mit einem körperlichen Eid Vasallentreue schwor. Dadurch erwarb er sich noch größere Gunst und empfing ungeheure Geschenke. Auch seinen Begleitern wurde, wie es ihnen nach ihrer Stellung zukam, mit derselben Freigebigkeit Ehre erwiesen. Nach einigen Tagen, in welchen sich sein Heer, das sich in der Nähe der Stadt gelagert, an Ruhe und Speise erholt hatte, während welcher Zeit er selbst mehrmals beim Kaiser gewesen war und mit ihm über das was nötig schien verhandelt hatte, beurlaubte er sich und schiffte mit seinen Bewaffneten zu den Genossen über, wo er liebreich und freundlich empfangen wurde und sein Gefolge mit ihrem Heer vereinigte. Hier erheiterten sie sich nun Tag für Tag damit, daß sie einander erzählten, wie es jedem auf der Reise ergangen war, und daß sie sich frohen Mutes der überstandenen Gefahren erinnerten. Sodann aber kamen sie auf das was bevorstand, und nun berieten sie sich ernstlicher, wie und wann sie das begonnene Werk vollenden wollen. Während sie nun mit dieser Sorge beschäftigt sind und die Genossen, die noch nachfolgen sollen, schelten, daß sie so lange zögern, und daß ihretwegen die Zeit nutzlos verstreiche, siehe, da kommt ein Bote des Grafen von Toulouse und des Erzbischofs von Puy und meldet, daß beide angekommen seien und nächstens in die Stadt gehen werden.
XVII. Diese beiden großen und erlauchten Männer waren von Anfang der Reise an unzertrennliche Gefährten gewesen. Und es waren mit ihnen edle Männer, die nicht nur ihres Adels, sondern auch ihrer feinen und edlen Sitten wegen bei den Ihrigen berühmt waren, nämlich der Erzbischof Wilhelm von Orange, Graf Raimbald von Orange, Gaston von Béarn, Gerhard von Rouissillon, Wilhelm von Montpellier, Wilhelm Graf von Forez, Raimund Pelez, Centon von Béarn, Wilhelm Amanjeu und viele andere, deren Namen, wenn wir sie auch nicht alle behalten konnten, doch gewiß im Buch des Lebens eingeschrieben sind, denn sie verließen ja Vaterland, Verwandte, Freunde und ihr reiches Erbe und folgten in freiwilliger Armut Christo nach. Diese alle hatten sich ehrerbietig den genannten preiswürdigen Männern angeschlossen. Sie waren durch die Lombardei und die Gegend, die man Friaul nennt, an Aquileja vorbei nach Istrien und von da nach Dalmatien gezogen. Dalmatien ist nämlich ein großes Land zwischen Ungarn und dem Adratischen Meer mit vier Hauptstädten, Zara, Salone, sonst auch Spolet genannt, Antibaris und Ragusa. Es ist von einem wilden Volk bewohnt, das an Raub und Mord gewöhnt ist, und besteht ganz aus Bergen, Wäldern, großen Flüssen und ausgedehnten Weiden, so daß wenig Ackerbau getrieben wird, weil die Einwohner an ihren Herden hinlänglichen Unterhalt haben. Nur wenige, die an der Meeresküste wohnen, sind hiervon auszunehmen. Diese unterscheiden sich von den andern auch durch Sitten und Sprache, denn sie sprechen lateinisch, während die anderen die slawonische Sprache reden und Barbaren sind. In dieser Provinz hatten sie viele Schwierigkeiten zu überwinden, hauptsächlich des Winters und der Unebenheit des Landes wegen, aber auch an Lebensmitteln und sonstigen Bedürfnissen hatten sie großen Mangel und mußten einige Tage, schlimm genug, Hungersnot leiden. Die Einwohner hatten sich aus ihren Städten und festen Plätzen mit Weibern und Kindern und aller ihrer Habe wie scheues Wild nach den Bergen und dem Dickicht der Wälder geflüchtet und fürchteten sich, den Unseren unter die Augen zu kommen. Im Verborgenen aber und und aus der Ferne folgten sie dem Zug des Heeres, und wenn sie auf einen vereinzelten alten, kranken Mann oder eine alte Frau trafen, die langsam einherzogen, so brachten sie sie um. Der Graf jedoch, der immer für die ganze Menge die schuldige Sorge trug, ließ nun einige der Fürsten dem Heer voranziehen, er selbst aber bildete mit dem größten Teil der gerüsteten Reiterei den Nachtrab und kam immer zuletzt an. Außerdem war die Luft stets dunkel und neblig, so daß man die Finsternis fast mit Händen greifen konnte und der Hintermann kaum der Spur seines Vordermanns zu folgen vermochte. Die, welche vorangingen, konnten kaum auf Steinwurfsweite was vor ihnen lag unterscheiden. Denn weil das Land viele Bäche und Flüsse hat und fast durchgehends sumpfig ist, stieg alle Tage Feuchtigkeit und so dicker Nebel auf, daß eine wahre Stickluft herrschte. Dazu folgten die dalmatischen Slawen dem Heer seitwärts durchs Dickicht und durch Geklüfte, durch die sie als Einwohner des Landes wohl den Weg fanden, und brachen häufig aus diesem Versteck hervor, um das waffenlose Volk zu überfallen. Der Graf aber und andere Edle griffen die Störer oft an und töteten viele mit Lanzenstößen und Schwerthieben und hätten oft noch mehrere getötet, wären nicht die Wälder, in deren Versteck sie sich flüchten konnten, so nahe gewesen. Der Herzog ließ jedoch eines Tages einigen dieser Bösewichter, die er in seine Gefangenschaft bekam, Arme und Füße abhauen, um ihre Kameraden durch diese Strafe von der Verfolgung des Heeres abzuschrecken. Nachdem sie sich so drei ganze Wochen mühsam durch diese Gegend durchgewunden hatten, kamen sie endlich nach einem Ort, der Skodra heißt, wo sie den Slawenkönig antrafen. Der Graf suchte sich hier, ein gütiger, leutseliger und barmherziger Mann wie er war, durch reiche Geschenke die Herzen zu gewinnen und die Einwohner sich wenigstens so geneigt zu machen, daß sie sich in Handelsverkehr mit seinem Volk einließen. Aber auch auf diesem Weg konnte er das wilde Volk nicht anders stimmen, ja er fand sie danach noch feindseliger. Endlich, nachdem sie an die vierzig Tage dazu gebraucht hatten, um sich durch dieses Dalmatien durchzukämpfen, kamen sie nach Durazzo.
XVIII. Der Kaiser aber, dem die Ankunft des Grafen deswegen verdächtig war, weil er ein gar kluger und erhabener Mann war und eine sehr große Mannschaft mit sich führte, schickte ihm schon lange vorher eine ehrenvolle Gesandtschaft nach Durazzo entgegen, den Ankommenden aufs dienstfertigste von ihm zu grüßen und ihm seine Ehrerbietung zu bezeugen. Als die Gesandten vor ihm erschienen, wie ihnen aufgetragen worden war, redeten sie ihn auf das schmeichelhafteste an und übergaben ihm ein Schreiben des Kaisers, das folgendermaßen lautete: "Geliebtester Graf, schon vor langer Zeit ist der Ruf Eurer Rechtschaffenheit und Klugheit, der sich weithin verbreitet hat, zu den Ohren unseres Kaisertums gekommen und hat mich bewogen, Euch, wie Eure Verdienste es erheischen, zu lieben und mir den Vorsatz eingegeben, Eurer Person alle Freundschaft und Ehre zu erweisen. Daher habe ich mich sehr nach Eurer Ankunft gesehnt, weil wir mit Eurer edlen, unserem Kaisertum äußerst teuren Hoheit manches über öffentliche Angelegenheiten zu verhandeln wünschten. Demnach ersuchen wir Euch dringend, Ihr möchtet rasch unsere Länder ohne Tumult und Ärgernis durchziehen und zu mir eilen, wo Ihr sicher sein dürft, daß wir Euch mit allen Arten von Liebes- und Ehrenbezeugungen zuvorkommen werden. Den Überbringern dieses aber habe ich aufgetragen, dafür zu sorgen, daß Euer Volk zu jeder Zeit unter billigen Bedingungen Lebensmittel zu kaufen bekommt." Der Graf und sein Heer schöpften aus diesem Schreiben neuen Mut und neue Hoffnung, man brach wieder auf und kam über Gebirge und Wälder und durch das ganze Epirus nach vielen beschwerlichen Tagesreisen in die reiche Gegend, die Pelagonien heißt, wo man ein Lager aufschlug. Hier wurde der ehrwürdige Bischof von Puy, der seine Zelte, weil es ihm so bequemer war, etwas fern vom übrigen Lager aufgeschlagen hatte, bei einem Überfall der Bulgaren gefangengenommen. Weil aber ein solcher Priester dem Volke Gottes noch so sehr nötig war, wurde er durch einen Zufall, den Gottes Barmherzigkeit herbeiführte, am Leben erhalten. Während ihn nämlich einer der Räuber gegen die übrigen schützte, weil er Gold bei ihm zu finden hoffte, kam das ganze Heer, das den Streitlärm vernahm, in Bewegung, stürzte sich auf die Bösewichter und befreite den Bischof mit den Seinigen wieder. Man zog sodann viele Tage lang unter vielen Mühseligkeiten durch Thessalonike und ganz Makedonien, bis man nach der Seestadt Rodosto kam, die am Hellespont liegt, ungefähr noch vier Tagesreisen von Konstantinopel. Hier fand der Graf wieder eine Gesandtschaft des Kaisers, und auch von den Fürsten, die ihm vorangegangen waren, trafen Boten ein, die ihn dringend ersuchten, seinem Heer eiligst voranzureisen, um, wenn er seine Geschäfte mit dem Kaiser beendigt hätte, desto früher mit dem Heer, das ihm unterdes nachrücken sollte, den übrigen folgen zu können und das Heer nicht aufhalten zu müssen. Er hatte selbst auch Boten vorangeschickt, die bei ihrer Rückkehr dieselbe Aufforderung mitbrachten.
XIX. Auf das Ersuchen der kaiserlichen Gesandten und die Aufforderung der Fürsten hin übergab also der Graf sein Heer der Obhut der Bischöfe und anderer Edlen, die im Lager waren, und reiste, von wenigen begleitet, nach Konstantinopel, wo er auf mehrmalige Einladung hin, von kaiserlichen Legaten, die ihm voranschritten, begleitet, vor dem Kaiser erschien. Hier empfingen ihn dieser selbst und die Großen, die ihn umgaben, aufs ehrenvollste und erwiesen sich sehr freundlich und gütig. Der Kaiser suchte ihn nun mit all seiner einschmeichelnden Überredungskunst dahin zu bringen, ihm wie seine Vorgänger den Vasalleneid zu leisten, aber der Graf weigerte sich aufs entschiedenste. Während dies in Konstantinopel vorging, ließ der Kaiser aus Ärger, daß der Graf nicht wie die andern sein Vasall werden wollte, den Befehlshabern der Heere, die in jener Gegend standen, heimlich den Befehl erteilen, rasch das Heer des Grafen anzugreifen und ihm wie sie könnten Schaden zuzufügen. Sie sollten sich auch nicht scheuen, eine tüchtige Niederlage unter ihnen anzurichten. Dies wagte er aber im Vertrauen darauf, daß alle anderen Fürsten ihm gehuldigt hatten, und weil ihr ganzes Heer schon über dem Meer war, über das es nicht so leicht wieder herüberkommen konnte. Alle Schiffe nämlich, die drüben mit Handelswaren landeten oder auf denen man Mannschaften übersetzte, mußten sogleich wieder das Ufer verlassen, daß sich dort nie ein Vorrat von Schiffen fände und sie vergeblich nach der Rückkehr trachten würden. Darum hatte er sie nämlich durch Schmeicheleien und Vorspiegelungen vermocht, jeder für sich überzufahren, daß sie nie mit vereinten Heeren vor der Stadt lägen. Denn wie gesagt, die Ankunft der Unseren war ihm verdächtig, und vor einem Zusammentreffen derselben fürchtete er sich noch weit mehr. Daß er sich gegen die Fürsten so freigebig erwiesen hatte, hatte weder in seiner Freigebigkeit noch in seiner Liebe zu ihnen, sondern in verzweifelter Furcht und tückischer Hinterlist seinen Grund. Die Unseren aber in ihrer Einfalt und Arglosigkeit konnte man kaum von der Bosheit der Griechen und von der List und Tücke ihres nichtswürdigen Kaisers überzeugen, hauptsächlich weil er so viel Freigebigkeit und heuchlerische Freundschaft an sie wendete.
XX. Die Befehlshaber und Hauptleute also, die das kaiserliche Gebot erhalten hatten, setzten ihre Scharen in Bereitschaft und fielen, um den kaiserlichen Befehl zu vollstrecken, heimlich in der Nacht in das Lager des Grafen. Da sie ganz unerwartet kamen, war es ihnen ein Leichtes, den größten Teil zu erschlagen, so daß, noch ehe sie recht wach waren und zu den Waffen greifen konnten, eine schimpfliche Flucht und eine klägliche Niederlage erfolgt war. Endlich aber, auf den Zuruf der Edleren, faßten und ermutigten sie sich wieder und brachten den räuberischen Dienern des Kaisers einen großen Verlust an Mannschaft bei. Hatten nun auch die Unseren für ihre Lage sehr männlich ausgehalten, so wurden sie doch durch die Beschwerden der Reise, die sie überstanden hatten, und die häufigen Unfälle, die sie unvermutet fast jeden Tag trafen, so sehr entmutigt, daß sie den Zug zu bereuen anfingen und immer kälter für ihr begonnenes Unternehmen wurden. Sie waren durch die Mühseligkeiten, die sie gehabt hatten, ihres Vorhabens so überdrüssig geworden, daß viele, nicht nur vom Volk, sondern auch von den Höheren, das Werk vollbringen zu können verzweifelten und ihres Gelübdes uneingedenk heimkehren wollten. Nur die Ermahnungen der Bischöfe und Geistlichen, die sie zur Beharrlichkeit in dem gelobten Unternehmen anfeuerten, konnten sie dahin bringen, die Reihen nicht zu verlassen und auf jede Gefahr hin in die Heimat zurückzukehren. Der Graf wurde im Innersten betrübt, als ihm die Nachricht gebracht wurde, er klagte über Verrat und ließ dem Kaiser durch einige seiner Edlen, die er als Gesandtschaft an ihn schickte, diesen Verrat vorwerfen, ließ ihm zu wissen tun, es sei gegen alle guten Sitten, daß er die Seinigen gegen sein Heer sich habe wappnen lassen, während er sich auf seinen Wunsch, durch mehrfache Botschaften aufgefordert, gehorsam bei ihm eingefunden habe. Aber auch den Fürsten, auf deren Wunsch und Bitten er seinem Heer vorangeeilt war, läßt er das Unglück, das den Seinen widerfahren, und die offenbare Heimtücke des Kaisers zu wissen tun und fordert sie als Brüder zur Rache auf. Hätte der Graf ebensoviel Macht gehabt, die Seinigen zu rächen, als leidenschaftlichen Willen dazu, er hätte sich durch keine Drohungen abschrecken, durch keine Dazwischenkunft der Fürsten davon abhalten lassen. Er galt nämlich als ein Mann von Mut und für einen, der keine Beleidigung vergaß und der nur zu fest auf seinem Willen bestand. Der Kaiser nun, da ihn die Tat reute und da er sah, daß er es zu weit getrieben habe, ließ den Herzog, Bohemund und den Grafen von Flandern, die noch am jenseitigen Ufer bei ihren Heeren weilten, zu sich entbieten, um sich durch ihre Dazwischenkunft wieder mit dem Grafen auszusöhnen. Sie kamen auf seinen Ruf und unternahmen es, zum Grafen zu gehen und ihm zuzusprechen, die widerfahrene Kränkung, die sie als eine gemeinschaftliche ansahen, auf sich beruhen zu lassen, weil sie einsahen, daß es jetzt nicht Zeit sei, Rache zu nehmen, so großes Mißfallen sie auch an dem Vorgang hatten. Die Rache würde die Anstrengung vieler Tage in Anspruch nehmen und das Weiterschreiten auf dem Wege des Herrn verzögern. Und endlich gelang es auch dem frommen Zuspruch der Fürsten, den erbitterten Grafen, weil er ein einsichtiger Mann war, zu besänftigen. Er gab dem Rat der Fürsten nach und ließ sie über sich verfügen. Diese gingen nun wieder zum Kaiser und gestanden ihm offen, wie übel sie das Vorgefallene aufnehmen. Als der Kaiser sah, wie entrüstet sie waren und wie fest sie zusammenhielten, ließ er sich vor dem Grafen und vor der ganzen Versammlung der Auswärtigen und seines eigenen Hofes zu Entschuldigungen herab und schwor und beteuerte, daß das alles weder mit seinem Wissen noch auf sein Geheiß geschehen sei. Trotz seiner Unschuld sei er aber bereit, dem Grafen Genugtuung zu geben. So wurden von Tag zu Tag die Hinterlist der Griechen und die Tücke des Kaisers immer offenbarer, es war allen Fürsten klarer als das Sonnenlicht, daß er unser Volk mit seinem Haß verfolge und gegen alle Lateiner argwöhnisch sei. Weil sie aber ihr Streben anderswohin gerichtet und ein Gott wohlgefälligeres Unternehmen auszuführen hatten, hielten sie es für sicherer, die Beleidigungen, die ihnen zugefügt worden waren, auf sich beruhen zu lassen, als ihr frommes Vorhaben aufzugeben oder ihrem unternommenen Werke Hindernisse zu bereiten.
XXI. Der Graf söhnte sich also auf den Rat der Fürsten wieder mit dem Kaiser aus und schwor ihm denselben Vasalleneid, den ihm die anderen geschworen hatten. Dadurch gewann er sich des Kaisers Gunst wieder völlig und wurde von ihm aufs freigebigste mit so ungeheuren Geschenken beehrt, daß man sie gar nicht mehr zählen und wägen konnte. Auch die anderen Fürsten bekamen wieder Geschenke, dann beurlaubten sie sich und kehrten über den Hellespont nach Bithynien zu ihren Heeren zurück. Den Grafen aber ersuchten sie noch besonders, ihnen schleunigst nachzufolgen. Indessen kam auch das Heer des Grafen vor Konstantinopel an und wurde sogleich auf sein Geheiß nach Bithynien übergeschifft, wo der Graf sich mit den übrigen verband. Er hielt sich wegen Privatangelegenheiten einige Tage in der Stadt auf und war hier als ein kluger Mann sowohl für diese als für das öffentliche Wohl unaufhörlich tätig. Er suchte nämlich, dem Wunsch der Fürsten gemäß, den Kaiser durch wiederholtes Zusprechen dazu zu bringen, wie schon die übrigen vor ihm für sich getan hatten, sich dem Zug anzuschließen und die Führung und den Oberbefehl über das Heer Gottes zu übernehmen. Der Kaiser lehnte aber alle diese Aufforderungen der Fürsten und des Grafen von Toulouse damit ab, daß er sagte, er habe sein Reich vor seinen wilden Nachbarn, den Bulgaren, Kumanen und Petschenegen zu schützen, die ohne Unterlaß Gelegenheit suchten, in sein Reichsgebiet einzubrechen und die Ruhe zu stören. Daher könne er, so sehr es nach seinen Wünschen wäre, an dem Kreuzzug und dem künftigen Lohn für dieses Unternehmen Anteil zu haben, die Sorge für sein Reich doch nicht hintansetzen und seinen Feindnachbarn Gelegenheit geben, ihre Bosheit auszuüben. Aber alles was er sprach war nur Hinterlist und Heimtücke, er suchte nur nach einem Vorwand, unter dem er den Unseren, auf deren Fortschritte er neidisch war, seine Hilfe entziehen und ihrem Unternehmen alle möglichen Hindernisse in den Weg legen könnte. Die aber, welche schon übergesetzt hatten, nämlich Gottfried, Bohemund, auch Graf Robert von Flandern und der Bischof von Puy, rüsteten sich zum Weiterrücken. Sie wollten gemach gen Nikäa ziehen, um so die Nachfolgenden zu erwarten. Und als sie eine Tagesreise weit gen Nikopolis, die große Hauptstadt der Provinz Bithynien, vorgerückt waren, kam ihnen der ehrwürdige Priester Peter der Eremit aus jener benachbarten Gegend, in der er überwintert hatte, mit den wenigen, die von seinem Gefolge noch übrig waren, entgegen, begrüßte die Fürsten und schloß sich ihrem Zuge an. Wie er nun, von allen freundlich aufgenommen, nach dem Schicksal der Seinigen gefragt wurde, setzte er ihnen die Sache der Reihe nach auseinander und erzählte ihnen, daß die, welche mit ihm vorangegangen waren, ein hartnäckiges, kleingläubiges, überhaupt ein meisterloses Volk gewesen seien, und daß sie ihr Mißgeschick nur hauptsächlich sich selbst zuzuschreiben gehabt haben. Die Fürsten hatten viel Teilnahme für ihn und das Unglück der Seinigen und bewiesen gegen ihn und sein Gefolge eine große Freigebigkeit. Das Heer hatte sich nun durch die verschiedenen Scharen, die zueinander stießen, mit Gottes Hilfe vermehrt, und so zog man, ohne sich zu übereilen, weiter, bis man nach Nikäa kam. Sie schlugen hier ein ringförmiges Lager, in welchem sie für die nachkommenden Fürsten freien Raum ließen und begannen die Belagerung der Stadt im Monat Mai, am fünfzehnten des Monats. Der Graf von Toulouse aber nahm Urlaub beim Kaiser, von welchem er wieder mit ungeheurer Freigebigkeit beschenkt wurde, und reiste, nachdem er seine Geschäfte in der Stadt besorgt hatte, mit den Seinigen, die er bei sich zurückbehalten hatte, in aller Eile nach der genannten Stadt.
XXII. Indessen kündigen der erlauchte Graf Robert von der Normandie und andere berühmte Männer, die in demselben Gefolge waren, nämlich Graf Stephan von Chartres und Blois, auch Eustach, Bruder des Herzogs Gottfried, durch eine zweite Botschaft dem Kaiser und ihren Brüdern an, daß sie mit nächstem ankommen werden. Es waren mit ihnen: Graf Stephan von Aumale, Alan Fergand und Conan, beide aus der Bretagne, sehr tüchtige Männer, Graf Rotrut von Perche und Roger von Barneville. Diese alle waren mit anderen trefflichen und edlen Männern, mit dem Grafen von Flandern und mit Hugo dem Großen im vorigen Jahr, um Winters Anfang, nach Apulien gezogen und hatten, während die übrigen nach Durazzo übersegelten, in günstigen Gegenden Apuliens und Kalabriens den Winter zugebracht. Endlich, am Anfang des Frühlings, waren sie ans Meer gezogen und wie die andern nach Durazzo übergefahren. Dann verfolgten sie, um die Zeit, welche sie in Apulien verloren hatten, wieder einzubringen, den weiteren Weg nun desto rascher. Und endlich kamen sie mit Gottes Hilfe ohne Hindernisse zu finden durch Illyrien, Makedonien und beide Thrakien nach Konstantinopel, wo sie wie die anderen in den Palast des Kaisers, der sie rufen ließ, gingen und von ihm wie von den Edlen, die ihn umgaben, sehr ehrenvoll empfangen wurden. Nachdem mit allen dreien zugleich und mit jedem insbesondere viel hin und her gesprochen worden war, sucht man auch von ihnen durch die glänzendsten Versprechungen und durch alle Überredungskünste das zu erlangen, zu was sich die übrigen verstanden hatten. Diese aber huldigten dem Kaiser nach dem Beispiel der anderen und schworen ihm den Lehnseid nach derselben Form, nach welcher ihn ihre Vorgänger beschworen hatten. Sie waren nämlich, ehe sie vor dem Kaiser erschienen, über alles hinlänglich unterrichtet worden und sagten bei sich selbst: "Wir sind nicht mehr als unsere Brüder." Dadurch stiegen sie sehr in der Gunst des Kaisers und erhielten noch weit größere Gaben. Sie erhielten aus der Schatzkammer an Gold, kostbaren Gewändern, Seide, Gefäßen, die sowohl dem Stoff als der künstlichen Arbeit nach bewunderungswürdig waren, Geschenke, wie sie ihnen noch nie unter die Augen gekommen waren. Sie waren so weit über alldem, was man bei uns hat, daß die Empfänger nur staunen konnten. Nachdem sie diese Menge von Geschenken erhalten hatten, beurlaubten sie sich beim Kaiser, um ihre Genossen nicht aufzuhalten, und schifften über den Hellespont, von wo aus sie dann eiligst nach Nikäa zogen, wo sie das ganze christliche Heer versammelt trafen. Ihre Ankunft war von allen ersehnt, die Fürsten empfingen sie mit liebevoller Umarmung, und sie schlugen an dem Ort, den man ihnen bestimmt hatte, ihr Lager auf.
XXIII. Es hatte sich im Lager der Unseren auch ein gewisser Grieche eingefunden, mit Namen Tatikios, ein Vertrauter des Kaisers, ein niederträchtiger und tückischer Mensch, der zum Abzeichen seiner Verruchtheit eine abgeschnittene Nase hatte. Diesen hatte der Kaiser den Unseren, die zu größerer Sicherheit einen Wegweiser verlangten, zum künftigen Führer und Reisegefährten bestimmt. Er wurde darum gewählt, weil er eine genaue Ortskenntnis haben sollte und weil sich der Kaiser von seiner Bosheit und seiner tückischen Hinterlist vieles versprach. Dieser gesellte sich mit einer Anzahl der Seinigen den Fürsten auch bei, damit nicht unter den Schwänen die schnatternde Gans und unter den Aalen die Natter fehle. Alles nämlich was vorfiel und was jeder einzelne sprach, ließ er den Kaiser wissen, nachdem er es zuvor gehörig verdreht hatte, und erhielt dagegen durch Zwischenträger, die immer hin- und hergingen, vom Kaiser wieder Anleitung zu Lug und Trug. Hier erst wurde aus den verschiedenen Heeren, die auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten verschiedenen Fürsten gefolgt waren, ein Heer des lebendigen Gottes, das sich aus den vielfachen Teilen, die hinzutraten, zu einem Ganzen bildete. Seit sie die Heimat verlassen hatten, trafen sich die gottgeliebten Führer und Häuptlinge des Heeres zum erstenmal in dem Lager vor der genannten Stadt. Bis dahin hatten sie sich nicht gesehen und sich nie über die öffentlichen Geschäfte besprechen und beraten können. Bei der Musterung der Scharen fand sich, daß das Heer aus sechsmal hunderttausend zu Fuß Gehenden beiderlei Geschlechts und aus hunderttausend geharnischten Reitern bestand. Diese alle standen vor der genannten Stadt und gaben sich alle Mühe sie zu erobern, dem Herrn in aller Demut die Erstlinge ihrer Mühen weihend.
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