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Sechstes Buch

Beschreibung der Burg von Antiochien. Es wird auf dem Weg von der Burg nach der Stadt eine Verschanzung angelegt. Vorkehrungen für die bevorstehende Belagerung. (Kap. 1.) Roger von Barneville fällt in einem Gefecht mit persischen Reitern. (Kap. 2.) Ankunft des großen persischen Heeres. Dem Herzog mißglückt ein Ausfall. (Kap. 3.) Die Fürsten lassen am Fuß des Berges, auf welchem die Burg liegt, einen Graben ziehen. Kampf um denselben und Sieg der Christen. Das persische Lager wird von der Anhöhe in die Ebene herab verlegt. (Kap. 4.) Hungersnot in der Stadt. Einige Edle entweichen. Bohemund übernimmt den Oberbefehl in der Stadt. (Kap. 5.) Der Graf von Flandern zerstört seine Verschanzung, die er nicht länger halten kann. Der persische Befehlshaber schickt seinem Fürsten christliche Gefangene. (Kap. 6.) Schreckliche Folgen der Hungersnot. (Kap. 7.) Vereitelter Versuch der Feinde, einen der Türme in ihre Gewalt zu bekommen. (Kap. 8.) Die Feinde zerstören die Flotte im Hafen. (Kap. 9.) Graf Stephan von Chartres hält den Kaiser, der mit seinem Heer auf dem Weg nach Antiochien ist, durch seinen falschen Bericht von seinem weiteren Zug ab. (Kap. 10-13.) Verzweiflung der Christen. Sie sagen sich vom Gehorsam los. Bohemund läßt die Stadt anzünden, um sie aus ihren Schlupfwinkeln herauszuscheuchen. Die Fürsten denken an Flucht. Der Herzog aber bleibt standhaft. (Kap. 13.) Auffindung der Heiligen Lanze. Ermutigung des Heeres. (Kap. 14.) Peter der Eremit geht als Gesandter in das feindliche Lager. (Kap. 15.) Er kommt unverrichteterdinge zurück. Rüstung zum Kampf. (Kap. 16.) Die Christen ziehen zum Treffen aus der Stadt, ohne daß die Feinde sie daran hindern können. (Kap. 17, 18.) Das christliche Heer wird durch einen Tau, der vom Himmel fällt, neu gestärkt. (Kap. 19.) Die Schlacht endet mit dem Sieg der Christen. Die Feinde ergreifen die Flucht. (Kap. 20, 21.) Reiche Beute, welche die Christen machen. ( Kap. 22.) Nach dem Sieg werden die Kirchen gereinigt und mit Geistlichen versehen. (Kap. 23.)

ls sich nun der Tumult gelegt hatte, die Schwerter satt waren vom Blut, die Sieger ermüdet von dem langen Blutbad und in der Stadt wieder Ruhe herrschte, traten die Fürsten zur Beratung zusammen. Sie sahen, daß ihnen noch viel Arbeit übrig und das Werk noch nicht beendigt sei, und beschlossen, an den Toren und Mauern Wachen aufzustellen und dann den Berg zu besteigen und die Burg zu erobern. Sie fordern also durch Herolde das ganze Heer auf, den genannten Berg zu ersteigen. Als sie dahin kamen, sahen sie wohl, daß man alle Mühe vergeblich aufwende und um zum Zweck zu gelangen viele Tage brauche, denn die Burg war so stark befestigt, daß sie bloß durch Hunger bezwungen werden konnte. Sie wandten sich daher anderen Geschäften zu. Jener Berg nämlich, der die Stadt überragt, ist in der Mitte durch ein tiefes Tal und einen sehr steilen Abgrund in zwei Teile geteilt, und zwar so, daß der Teil gegen Morgen niedriger ist und auf seinem Gipfel eine breite Ebene hat, auf der man Weinberge und Äcker bauen kann. Dieser Zwischenraum ist jedoch so bedeutend, daß man eher glauben sollte, es seien zwei Berge, als einer, der in zwei Teile geteilt ist. Der Teil gegen Abend ist viel höher und hat einen steilen Gipfel, auf dessen oberster Spitze die Burg steht, die eine dicke Mauer und starke Türme, gegen Morgen und gegen Mitternacht aber den genannten ungeheuren Abgrund hat, so daß nicht ersichtlich ist, wie man von diesen beiden Seiten her der Burg Schaden bringen kann. Gegen Abend aber lag ein Hügel, der niedriger war. Zwischen diesem und der Burg war ein kleines Tal, weder tief noch breit, der einzige Weg von der Burg nach der Stadt, an sich schon gefährlich genug, wenn er auch von niemand streitig gemacht wurde. Diesen Hügel nun beschlossen unsere Fürsten zu besetzen, damit die Feinde nicht auf diesem Weg aus der Burg kommen und den Unseren zum Schaden in die Stadt einbrechen könnten. Sie legten also kluge und tapfere Männer dahin, denen sie an Waffen und Lebensmitteln das Nötige zurückließen, bauten eine feste Mauer mit Vorwerken, brachten auf ihr in passender Ordnung Maschinen an, um damit die Angriffe der Feinde abhalten zu können, und gingen dann in die Stadt hinab, um sich über wichtige Dinge zu beraten. Sie wollten aber später wieder hierher zurückkehren, denn sie hatten beschlossen, sie wollten sich alle nicht von hier entfernen, bis die Burg erobert sei, den Herzog ausgenommen, der nach dem Beschluß der Fürsten das Tor gegen Morgen und zugleich auch die Verschanzung, welche die Unseren vor der Stadt errichtet und früher Bohemund übergeben hatten, zur Bewachung erhielt. Wie sie nun hörten, daß der große Fürst, von dem schon oben gesprochen worden ist, Kerbogha nämlich, demnächst anrücken werde und mit seinen unermeßlichen Heerscharen bereits das Gebiet von Antiochien betreten habe, beschließen sie, einen der Fürsten ans Meer hinabzuschicken, um die von ihren Brüdern, die sich um Lebensmittel zu sammeln dorthin begeben hatten, zurückzubringen und was sich an Vorräten dort fände so schnell als möglich nach der Stadt schaffen zu lassen. In jenen zwei Tagen nun, die man bis zur Ankunft des großen Heeres noch übrig zu haben glaubte, lief alles in großer Betriebsamkeit umher und brachte, was man von Lebensmitteln und von Futter da oder dort zusammenraffen konnte, eiligst in die Stadt. Auch die Bauern und die, welche draußen in der Markung der Stadt wohnten, brachten, als sie hörten, daß die Christen die Stadt besitzen, mit dem größten Eifer was sie konnten einher, aber alles das, was man von allen Seiten herbeitrug, wollte nichts heißen, denn die lange Belagerung, durch die in neun Monaten die ganze Gegend ausgesogen worden war, hatte nicht einmal soviel übriggelassen, als die Unsern für wenige Tage brauchten.

    II. Einen Tag nach der Eroberung Antiochiens aber, als die Unseren mit Bewachung der Stadt und mit dem Herbeischaffen von Lebensmitteln aufs eifrigste beschäftigt waren, legten sich ungefähr dreihundert Reiter aus dem Heer Kerboghas, die er bis an die Zähne bewaffnet und mit den schnellsten Pferden versehen vorangeschickt hatte, ob sie vielleicht einige aus dem Heer der Unseren außerhalb der Stadt unvorsichtig umherstreifend fänden, in der Nähe der Stadt in einen Hinterhalt. Dreißig von ihnen, deren Pferde die behendesten waren, streiften allmählich, dem Anschein nach völlig sorglos, bis an die Stadt heran. Als die Unseren diese so frei umherstreifen sahen, entrüsteten sie sich sehr über diese Keckheit und hielten es für schmählich, ihnen nicht entgegenzugehen. Roger von Barneville also aus dem Gefolge Roberts von der Normandie, ein tüchtiger Waffenheld, der sich schon durch manche große Tat im Heer ausgezeichnet hatte, nahm fünfzehn Genossen zu sich und rückte ihnen von der Stadt aus entgegen, um nach seiner Art etwas Bedeutendes auszuführen. Als er sich nun mit verhängtem Zügel kühn auf diese Feinde warf, ergriffen sie plötzlich listigerweise die Flucht und flohen so lange, bis sie an den Ort gekommen waren, wo die Ihrigen im Hinterhalt lagen. Die, welche sich hier verborgen hielten, erhoben sich nun plötzlich, und so drangen die Feinde in verstärkter Anzahl auf ihre Verfolger ein und trieben sie in die Flucht. Während nun Roger und die Seinigen, weil sie an Anzahl und Kräften sich nicht mit den Feinden messen können, nach der Stadt zu entkommen suchen, wird dieser von der Schnelligkeit der feindlichen Pferde überholt und stürzt von einem Pfeil ins Herz getroffen tot vom Pferd, ein Mann, dessen Verlust die Seinigen ewig beklagen mußten, denn er war, soviel an ihm lag, immer ein treuer Beschützer des christlichen Heeres gewesen. Da sich nun die übrigen in die Stadt zurückzogen, so schnitten die Feinde im Angesicht aller derer, die auf der Mauer und auf den Türmen standen und nicht zu Hilfe zu kommen wagten, dem trefflichen Mann das Haupt ab und kehrten ungestraft zurück. Als sie abgezogen waren, trugen die Unseren seinen Leichnam unter Tränen und allgemeinem Klagen feierlich in die Stadt und gaben ihm in der Basilika des Ersten der Apostel ein ehrenvolles Begräbnis, und alle Fürsten und das ganze Volk versammelten sich bei diesem letzten Dienst, den man ihm erweisen konnte.

    III. Den folgenden Tag, den dritten nach Befreiung der Stadt, hatte der genannte mächtige Fürst schon in der Dämmerung, noch vor Sonnenaufgang, mit seinen unendlichen Scharen, deren Zahl noch bedeutender war, als man bisher geglaubt hatte, die ganze Gegend, so weit man sie von den höchsten Teilen der Stadt übersehen konnte, ringsum in Besitz genommen. Er ging über die obere Brücke und schlug sein Lager zwischen dem See und dem Fluß, die ungefähr eine Meile voneinander entfernt sind. Er brachte aber eine so ungeheure Menge von Heerscharen mit sich, daß selbst diese große Ebene, in der, wie wir schon gesagt haben, Antiochien lag, für ihr Lager nicht ausreichte, und daß sie einige von den benachbarten Hügeln zu Lagerstätten benützen mußten. Am dritten Tag, nachdem er vor der Stadt sein Lager aufgeschlagen hatte, sah er, daß er in zu großer Entfernung von der Stadt sei. Er verlegte also nach einer Beratung mit den Seinigen das Lager auf die Anhöhe, um denen, die die Burg im Besitz hatten, näherzustehen und um sein Heer durch das Tor, das unterhalb des Lagers war, in die Stadt einbrechen lassen zu können. Er umlagerte also die ganze Mittagsseite von dem Tor gegen Morgen bis zu dem gegen Abend. Es war aber in der Nähe dieses Tores gegen Morgen eine Befestigung, die auf einer Anhöhe lag. Man hatte sie im Anfang zum Schutz des Lagers erbaut, und Bohemund hatte sie früher zur Bewachung gehabt. Nach Eroberung der Stadt jedoch, als Bohemund die Verwaltung des Ganzen übernahm, war dem Herzog zugleich mit dem benachbarten Tor auch diese Verschanzung übergeben worden. Da die Feinde in der Nähe dieser Feste ihr Lager hatten und die, welche darin lagen, häufig mit Heftigkeit angriffen, kam der Herzog, der ihren Übermut nicht zu ertragen vermochte, mit seinem Gefolge heraus, um denen, die in der Verschanzung waren und beinahe unterliegen mußten, Hilfe zu bringen und den Teil des Lagers, der vor dem Tor war, zu zerstören. Als er aber herauskam und den Seinen zu Hilfe eilen wollte, lief ihm eine so ungeheure Anzahl Türken entgegen, daß er vor ihrer Überlegenheit an Anzahl und Kräften die Flucht ergreifen mußte und kaum nach der Stadt entkam, wo ein Teil der Unsrigen, weil sich das törichte Volk in der Furcht vor den verfolgenden Feinden zu sehr drängte und sich selbst am Hineinkommen behinderte, elendiglich zugrunde ging, indem beinahe zweihundert teils fielen, teils verwundet wurden und einige in Gefangenschaft gerieten.

    IV. Als sich auf diese Art der Herzog, der als der Erste unter allen dastand, in Verwirrung bringen ließ, wurden die Türken so verwegen, daß sie durch ein Tor der Burg auf einem näheren Weg, den sie kannten, in die Stadt herabkamen, die Unsern, die sich dessen nicht versahen, plötzlich überfielen und viele mit Schwertern und mit Bogenschüssen töteten. Als aber die Unseren sie verfolgen wollten, zogen sie sich augenblicklich wieder auf den Berg und in die Burg zurück, denn sie wußten einen anderen Weg als den über den Hügel, welchen die Unseren sorgfältig besetzt hielten. Da sich dies nun häufig wiederholte und viele von dem christlichen Volk in der Stadt auf diese Art umkamen, so versammelten sich die Fürsten, um ein Mittel gegen diesen Übelstand zu finden. Ihr Beschluß ging dahin, daß Bohemund und der Graf von Toulouse zwischen dem unteren Teil der Stadt und dem Abhang des Berges einen sehr tiefen und hinlänglich breiten Graben anlegen sollten, um die Feinde an ihren Überfällen zu hindern und dem Volk in der Stadt Ruhe zu verschaffen. Damit nun der Graben auch von ihnen verteidigt werden könnte, errichteten sie eine Verschanzung, wobei das ganze Heer, da es die Sicherheit aller galt, in treuer Ergebenheit arbeitete. Die Türken aber, welche die Burg oben noch besetzt hielten, verbanden sich mit denen, die draußen lagen und die sie durch ein Tor oben auf der Burg zu sich einließen, kamen dann auf den geheimen Wegen herab, griffen die neue Verschanzung häufig an und gaben sich alle Mühe sie zu zerstören. Es ereignete sich nämlich eines Tages, daß eine größere Anzahl von Türken als gewöhnlich auf ihrem gewohnten Weg von oben herabkam und die Besatzung der neu errichteten Verschanzung mit solcher Heftigkeit angriff, daß Bohemund, Eberhard von Puyssaie, Radolph von Fontenay, Reinbald Creton, Peter, der Sohn Gilas, Alberich und Iwo, alle tapfere und edle Männer, welche die Verteidigung der Verschanzung übernommen hatten, beinahe bezwungen worden wären, wären nicht die andern Fürsten und das ganze Volk aus allen Gegenden der Stadt, in denen sie zerstreut lagen, zeitig zu Hilfe gekommen. Aber der Herzog, der Graf von Flandern und der Fürst von der Normandie, die eiligst herbeikamen, dämpften den Übermut der Feinde so sehr, daß sie, nachdem mehrere von ihnen gefallen, einige auch gefangen worden waren, nicht nur von der Verschanzung abließen, sondern überhaupt aus der Stadt entwichen und eiligst die Flucht ergriffen. Als diese zu ihrem Herrn zurückkamen, rühmten sie die Kraft und die bewundernswürdige Kaltblütigkeit der Unseren so sehr, daß an ihnen jener Ausspruch: "Darum wird Dein Fuß in der Feinde Blut gefärbt werden, und Deine Hunde werden‘s lecken" in Erfüllung zu gehen schien, denn das Volk der Gläubigen wurde von den Lobsprüchen derer erhoben, die seine Verfolger waren. Kerbogha aber, nachdem er vier Tage lang, wie schon gesagt, auf der Höhe gelegen hatte, zog, da er sah, daß er hier keine Fortschritte mache, und daß seinen Pferden das Futter ausgehe, mit seinem ganzen Heer wieder auf die Ebene hinab, setzte an einer Furt, die sich unterhalb befand, über den Fluß, verteilte seine Scharen in gleichen Zwischenräumen und belagerte so die Stadt, indem er ringsherum jedem seiner Feldherrn eine Stellung anwies. Als den Tag darauf einige, die sich vom Heer abgesondert hatten, die Unsrigen zum Kampf herausforderten, von ihren Pferden stiegen und die, welche auf der Mauer standen, keck angriffen, erlitten die Feinde einen großen Verlust. Tankred nämlich überfiel sie schnell, ehe sie zu ihren Pferden zurückkonnten, durch das Tor gegen Morgen, tötete sechs von ihnen und schlug die übrigen in die Flucht. Die Köpfe der Gefallenen trug er zur Freude des Volks, das über den Tod Rogers von Barneville, der hier gefallen, noch sehr in Trauer war, in die Stadt.

    V. Indessen wurde das Volk, das wenige Tage zuvor diese Stadt belagert und sodann erobert hatte, jetzt umgekehrt, wie in den menschlichen Dingen stets ein Wechsel ist, von der Not einer Belagerung bedrängt. Es hatte großen Mangel zu leiden und seine Kräfte wurden völlig erschöpft. Draußen drohte ihnen das Schwert des Feindes, innen waren Furcht und Zagen, denn außer der Besorgnis, die ihnen das große Heer einflößte, das von außen die Stadt umlagert hatte, hatten sie noch die Einfälle des Teils der Feinde zu fürchten, die sich auf der Burg verschanzt hatten und von da herab, wie schon gesagt, die Unseren häufig überfielen. So geschah es, ihrer Sünden halber, daß viele in Verzweiflung gerieten und uneingedenk ihrer Schwüre und alles dessen, was sie gelobt hatten, sich heimlich an Seilen und in Körben über die Stadtmauer hinabließen und nach dem Meer entflohen. Einige von ihnen gerieten in die Hände der Feinde und in ewige Sklaverei, andere aber gelangten ans Meer, wo sie die, welche sich auf den Schiffen befanden, eiligst die Anker zu lichten und die Flucht zu ergreifen antrieben, indem sie sagten: "Dieser große Fürst, der mit unzähligen Scharen angekommen ist, hat unser ganzes Heer vertilgt, die Fürsten getötet und die Stadt, die wir erobert hatten, wieder in seine Gewalt bekommen. Wir aber sind mit Gottes Hilfe ihren Schwertern entkommen. Ihr aber löst eiligst Eure Ankertaue, damit sie nicht ans Meer herabkommen und Euch in dieselbe Not bringen." Sie stiegen also miteinander in die Schiffe und ergriffen die Flucht. Die, welche auf diese Art geflohen waren, waren nicht bloß Leute aus dem gemeinen Volk, es waren einige Männer unter ihnen, die sich durch hohen Adel auszeichneten, nämlich Wilhelm von Grandmenil, ein angesehener Apulier, der Bohemunds Schwester zur Frau hatte, sein Bruder Alberich, Wilhelm der Zimmermann, Guido von Trussel, Lambert der Arme und viele andere, deren Namen wir nicht behalten konnten, weil sie ausgelöscht aus dem Buch des Lebens keine Erwähnung in diesem Werk verdienen. Was aber noch abscheulicher war, einige gingen aus Furcht vor der nahenden Gefahr und der Hungersnot und weil sie die Beschwerden nicht mehr ertragen mochten zum Feind über und schworen gottlos dem Glauben an Christum ab. Diese hätten die Unsern beinahe in die äußerste Gefahr gebracht, indem sie die Feinde über unseren Zustand belehrten. Viele, die noch in der Stadt waren, dachten nichtsdestoweniger ebenfalls an die Flucht. Der ehrwürdige Erzbischof von Puy jedoch und der erlauchte Fürst Bohemund hinderten sie an ihrem Plan. Sie besetzten nämlich die Tore mit klugen Leuten, auf deren Erfahrung und Treue sie bauen durften, legten auch in jeden der Türme Wächter aus der Klasse der Edlen und hielten Tag und Nacht so streng und unermüdlich Wache, daß keinem, er mochte es angreifen wie er wollte, ein Weg zur Flucht offenstand. Und um die Gerichtsbarkeit, die ihnen anvertraut war, noch freier ausüben zu können, ließen sie alle vom Höchsten bis zum Niedersten schwören, daß sie, bis der Kampf um Antiochien beendigt sei, sich treu und ergeben den Befehlen Bohemunds fügen wollten, worauf jener ununterbrochen Tag und Nacht in Begleitung derer, die seine nächste Umgebung bildeten, und solcher, auf die er ein größeres Vertrauen setzte, Straßen und Plätze, Mauern und Türme der Stadt aufs sorgsamste umging und fleißig darauf achtgab, daß keiner die Vorsicht außer acht lasse und den Feinden so ein Eingang in die Stadt geöffnet werde. Die festen Plätze, auf die man vor allem anderen seine Sorgfalt verwenden mußte, waren vier, nämlich der erste war oben, der Burg auf der Höhe gerade gegenüber, der zweite unterhalb in der Stadt, über dem Graben, den man gegen die Überfälle, welche die Feinde von oben herab auf die Stadt gemacht hatten, errichtet hatte, der dritte war vor dem Tor gegen Morgen noch vor Eroberung der Stadt zum Schutz des Lagers gebaut worden, der vierte endlich war der Eingang der Brücke, vermittelst dessen man das Brückentor besetzt gehalten hatte. Nach Eroberung der Stadt hatte es der Graf von Toulouse unbesetzt gelassen und hatte sich mit den übrigen in die Stadt begeben, nachher aber hatte sich der Graf von Flandern dahin begeben und es mit fünfhundert tapferen und tüchtigen Leuten in Besitz genommen. Er fürchtete nämlich, wenn es in die Hände des Feindes komme, möchte den Unsern dadurch, zu ihrem großen Verdruß, der Ausgang aus der Stadt abgeschnitten werden.

    VI. Es ereignete sich nämlich eines Tages, daß Kerbogha, da der sah, daß die Unseren ganz frei aus und ein gehen, und daß die Verschanzung an der Brücke seinen Unternehmungen sehr hinderlich sei, zweitausend Geharnischter von den Seinigen sich wappnen und den genannten festen Platz mit Heftigkeit angreifen ließ. Diese umzingelten, schnell gehorchend, den Graben der Verschanzung, schossen so heftig sie konnten Pfeile nach den Unsrigen und stritten gegen diese von der ersten Stunde des Tages bis zur elften ununterbrochen, wobei der Graf mit den Seinen männlich standhielt und den Platz, dessen Schutz er übernommen hatte, mit aller Kraft verteidigte. Endlich gegen Sonnenuntergang, da der Abend hereinbrach, kehrten die Feinde in ihr Lager zurück und ließen von dem Angriff ab, weil sie einsahen, daß sie nicht viel ausrichten könnten. Der Graf aber fürchtete, sie möchten des andern Tags in größerer Anzahl dasselbe versuchen, und da er nun wohl wußte, daß er gegen den Angriff eines so großen Heeres den Platz nicht verteidigen könne, legte er in der Stille der Nacht Feuer ein, verbrannte alle Befestigungswerke und begab sich mit seinen Genossen in die Stadt. Als es Morgen wurde, kamen die, welche gestern das Lager angegriffen hatten, mit weiteren zwei Tausenden und wollten ihr Glück wiederum versuchen. Wie sie aber an dem genannten Platz angekommen alles verlassen und großenteils zerstört finden, kehren sie unverrichteterdinge wieder ins Lager zurück. In diesen selben Tagen geschah es auch, daß einige von dem feindlichen Heer heimlich hinauszogen und mehrere der Unseren, die ihnen zufällig begegneten, arme und dürftige Leute, die unvorsichtig einhergingen, gefangennahmen. Sie führten sie vor ihren Fürsten und übergaben sie ihm als die Erstlinge ihrer Siegesbeute. Er aber soll verächtlich auf die geringen Waffen und Kleider der Gefangenen hinblickend - sie hatten nämlich hölzerne Bogen, ihre Schwerter waren mit Rost bedeckt, ihre Kleider von den immerwährenden Arbeiten zerrissen und von dem langen Gebrauch abgenützt -, denn das Volk hatte auf seiner Reise keine Kleider zum Wechseln, gesagt haben: "Siehe da das Volk, das fremde Reiche beunruhigen will, das statt vieler Reichtümer damit zufrieden sein sollte, wenn ihm in irgendeinem Winkel der Welt schlechtes Taglöhnerbrot gereicht würde. Siehe da die Waffen, mit denen die Freiheit des Orients bekämpft werden soll und mit denen man kaum einen Sperling zu Boden schießen kann. Bindet sie und stellt sie mit diesen ihren Waffen und dieser ihrer Kleidung dem Herrn vor, der mich gesandt hat, daß er sich daraus entnehme, wie leicht es sei, über solche Leute zu siegen und welcher Art die sein müssen, über die sich ein so erbärmliches Volk des Sieges rühmen kann. Er werfe also alle Sorge von sich und überlasse sie mir allein, denn nächstens wird es kommen, daß diese unreinen Hunde völlig verschwinden und völlig vertilgt nicht mehr unter den Völkern gezählt werden." Mit diesen Worten läßt er sie an einige übergeben, die sie nach seiner Anweisung gebunden nach Persien vor den großen Sultan führen sollen. Es schien ihm ein Leichtes zu sein, das Heer der Unsern zu unterwerfen, denn er hatte ihre Tapferkeit noch nicht erprobt. Die Geringschätzung aber, mit der er bei seinem Herrn von ihnen sprach und womit er sich Ruhm zu erwerben meinte, schlug später zu seiner Beschämung aus, denn je verächtlicher nach seinem Urteil die waren, von denen er besiegt wurde, desto größer war seine Schmach, desto schlimmer seine Niederlage, denn es gereicht den Besiegten zu einer Art von Trost und erleichtert ihnen das Unglück ihres Falles, wenn sie von Männern besiegt werden, die für tapfer und tüchtig gelten, wie im Gegenteil die Schmach und Schande der Niederlage verdoppelt und vermehrt wird, wenn man einem geringen und unwürdigen Feind unterliegt.

    VII. Wie nun die Stadt so von allen Seiten eingeschlossen war und das Volk nicht mehr aus und ein gehen und seine Geschäfte draußen besorgen konnte, verschlimmerte sich der Zustand der Unseren um vieles. Da nämlich keine Lebensmittel mehr in die Stadt geführt werden konnten, entstand eine Hungersnot, wie sie sie noch nie ausgestanden hatten. Es kam soweit, daß das gemeine Volk, von Mangel und Hunger getrieben, die schändlichsten Wege einschlug. Auch die, welche sonst wählerisch waren, machten keinen Unterschied mehr in den Speisen, man schied das Unreine nicht mehr von dem Reinen. Was man zufällig erhielt, sei es umsonst oder um Geld, mußte als Speise dienen, wenn es nur dazu tauglich war, den hungrigen Bauch, der nach Nahrung schrie, anzufüllen. Die Edlen und Hochgeborenen selbst schämten sich nicht, sich an fremde Tische zu drängen, nach fremdem Eigentum zu schnappen und ungesittet zu betteln, obgleich ihnen meistenteils ihre Bitten abgeschlagen wurden. Die Frauen, denen sonst die Scham eigen gewesen war, ja die Jungfrauen kannten keine Scheu mehr. Uneingedenk ihrer Herkunft liefen sie mit abgezehrten Gesichtern umher und baten mit so kläglicher Stimme, daß sich Herzen von Stein erbarmen mußten, ohne Furcht vor abschlägigen Antworten, um Speise. Die aber, welche der nagende Hunger nicht dahin bringen konnte, daß sie sich schamlos mit frecher Stirn zum Betteln herabließen, diese zogen sich an abgelegene Orte zurück, um hier zu verschmachten, denn sie wollten lieber sterben, als öffentlich betteln gehen. Sonst starke Männer, die sich früher durch ihre Tapferkeit und ihr adeliges Wesen vor allen anderen ausgezeichnet hatten, sah man an Stäben auf Straßen und Plätzen ihre halbtoten Glieder umherschleppen und niedergeschlagenen Blicks, wenn auch nicht mit Worten, von den Vorübergehenden Almosen betteln. Knäblein, die noch der Muttermilch bedürftig waren, sah man da und dort schreiend an den Kreuzwegen liegen. Ihre Mütter mußten ihnen die Nahrung versagen, weil ihnen das Notdürftige für sich selbst fehlte. Kaum war einer unter so vielen, der ausreichen konnte; beinahe allen waren die Mittel ausgegangen, und das Betteln war allgemeiner Gebrauch geworden. Wenn aber auch einer noch Vermögen hatte, so mußte er dennoch darben, weil er keine Lebensmittel zu kaufen fand, und diejenigen, welche früher für besonders freigebig gegolten hatten und in Verteilung von Speisen verschwenderisch gewesen waren, begaben sich jetzt, wenn sie etwas zu essen hatten, an verborgene Orte, wohin sonst niemand kam, und verzehrten hier gierig, was sie zusammengebracht hatten, ohne jemand das Geringste davon mitzuteilen. Um kurz zu sein, Kamele, Pferde, Esel, Maultiere und sonstiges Unreine, Ersticktes und Gestorbenes galt, wenn man es haben konnte, für den größten Leckerbissen. Auf diese Art vertrieben sie sich den schrecklichen Hunger und erhielten sich ihr jämmerliches Leben. Aber nicht nur die Leute vom Volk und vom mittleren Stand litten so große Hungersnot, auch bei den Höheren hatte sie sich mit aller Macht eingefunden, und sie litten desto mehr unter ihr, je größere Bedürfnisse sie hatten, da ihnen für viele zu sorgen oblag und sie den Ihrigen was sie hatten nicht verweigern durften. Im einzelnen zu berichten, wie es hier jedem der Großen ergangen ist und welchen Mangel die frommen Fürsten um Christi willen gelitten haben, wäre, wenn auch die alten Überlieferungen hierüber berichteten, der Kürze unserer Geschichtserzählung zu sehr entgegen und würde besondere Berichte verlangen. Aber um alles kurz zusammenzufassen: Nicht leicht wird eine andere Geschichte zu melden wissen, daß anderswo solche Fürsten und ein solches Heer so standhaft und so geduldig solche Not ertragen haben.

    VIII. Während nun so die Stadt durch Kerboghas und der Seinen eifrige Bemühungen von allen Seiten belagert und eingeschlossen war und niemand aus der Stadt herausgehen, niemand hineingehen konnte und die Unseren dazu noch durch viele Kämpfe, die teils in der Stadt, teils draußen vorfielen, ganz erschöpft waren, kam es, daß vor der immerwährenden Anstrengung und vor der großen Hungersnot das Heer abnahm und nicht mehr mit der früheren Sorgfalt die Stadt bewachte. Da beinahe alle ihre Sorge dahin ging, sich das Leben zu fristen, so mußten sie notwendig im übrigen nachlässiger sein. So kam es, weil die Wache nachlässig war, daß eines Tages ein Turm, der neben dem stand, durch welchen die Unseren in die Stadt gekommen waren, beinahe den Feinden Gelegenheit gegeben hätte, die Stadt wiederum zu erobern. Einige von den Feinden nämlich machten sich Hoffnung, in der Stille der Nacht diesen Turm wegnehmen zu können, wo es ihnen dann ein Leichtes gewesen wäre, wie dies ja auch bei den Unseren der Fall war, in die Stadt zu kommen. Sie legten heimlich Leitern an die Mauern, und in der Dämmerung waren bereits ungefähr dreißig auf die Mauer gestiegen und wollten sich eben in den Turm begeben, der leerstand, als zufällig, während sie eifrigst damit beschäftigt waren, der Präfekt über die Wachen auf seinem Umgang dahin kam, wo diese Dinge vorfielen. Als er sah, was sie vorhaben, rief er denen, die in den benachbarten Türmen waren, mit lauter Stimme zu, daß der Turm heimlich von den Feinden besetzt worden sei. Auf dieses erwachen die, welcher in dieser Gegend die Wachen haben. Unter anderen eilt der tapfere und ausgezeichnete Heinrich von Ascha mit seinen Verwandten Franko und Siegmar, die aus einem Ort namens Machel an der Maas waren, ungesäumt nach dieser Seite, denn er fürchtete, es möchten sich einige von den Feinden haben bestechen lassen, die Stadt zu verraten. Als er sich am Turm mit denen, welche aus den benachbarten Türmen herbeikamen, vereinigt hatte, stürzte er sich männlich auf die Feinde und verjagte alle, so sehr sie auch Widerstand leisteten, mit seiner gewohnten Tapferkeit in einem Augenblick vom Turm. Vier stieß er nieder, die übrigen sechsundzwanzig, denn es waren schon dreißig hinaufgestiegen, welche dann die anderen einlassen wollten, wurden von der Mauer hinabgestürzt und lagen mit zerbrochenem Genick und zerschellten Gliedern unten. Doch verlor der tapfere Mann hier seinen Genossen Siegmar, der von einem Schwert durchbohrt wurde; den Franko mußte er tödlich verwundet halbtot nach Hause tragen lassen.

    IX. Wie nun der Mangel bei den Belagerten jeden Tag größer wurde und die Hungersnot immer gefährlicher überhandnahm, wuchs auch die Niedergeschlagenheit des Volkes. Daher machten sich einige, um der täglichen Not und Bedrängnis zu entgehen, unbekümmert um ihr Leben, heimlich aus der Stadt und gingen mitten durch die Feinde durch tausend Gefahren hindurch ans Meer hinab, wo noch einige griechische und lateinische Schiffe waren, um dort Speisen zu kaufen und sie zum Verkauf wieder in die Stadt zu bringen. Andere aber entfernten sich, um nicht mehr zurückzukehren, weil sie den Jammer nicht länger ertragen konnten und keine Hoffnung hatten, daß die, welche sie in der Stadt zurückgelassen hatten, wieder in glücklichere Umstände kommen oder auch nur dem Untergang entgehen können. Als die Türken hörten, daß Leute von den Unsern heimlich in der Nacht nach Nahrung ans Meer hinabgehen und in der Gegend der Stadt umherstreifen, schickten sie solche, die der Gegend kundig waren, hinaus, um ihnen aufzulauern, und richteten auf diese Art mehrmals große Niederlagen unter ihnen an. Und weil sie hierbei mehrmals Glück gehabt hatten, sandten sie zweitausend auserwählte Reiter nach der Meeresküste, um die Schiffsleute zu töten, die Flotte zu verbrennen und so allem künftigen Verkehr ein Ende zu machen, damit den Christen auch dieser Weg sich Lebensmittel zu kaufen abgeschnitten wäre und ihnen alle Hoffnung, dieser Gefahr zu entkommen, genommen würde. So geschah es auch. Die, welche man abgesandt hatte, verbrannten einen Teil der Schiffe, töteten die meisten der Schiffsleute, die sich eines Angriffs nicht versehen hatten, und trieben die übrigen in die Flucht. Als sich das Gerücht hiervon verbreitete, wurden die, welche von Zypern, Rhodos und anderen Inseln, wie auch die, welche von Kilikien, Isaurien und Pamphylien und sonstigen Gegenden in der Nähe des Meeres mit Waren hierhergekommen waren, so erschreckt, daß sie es nicht mehr wagten, mit ihren Vorräten ans Ufer zu kommen. War die Lage der Unseren schon bisher schlimm genug gewesen, so verschlimmerte sie sich jetzt, da aller Handelsverkehr aufhörte, noch um vieles, denn solange die Schiffsleute frei ans Ufer kommen konnten, hatten die Unsrigen, obgleich es nur wenig war, was man durch sie erhielt, und obgleich es für eine so große Menge nicht ausreichen konnte, wenigstens eine Erleichterung und Abhilfe ihrer Not gefunden. Auf dem Rückweg von der Meeresküste trafen die Feinde auch auf einige der Unseren, die sie bis auf wenige, welche sich im Gesträuch und in Höhlen zu verbergen wußten, alle mit dem Schwert niedermachten. Das Gerücht von diesem Unglück drückte die Unseren nicht weniger als die ungeheure Hungersnot selbst, denn sooft sie hörten, daß welche von den Ihrigen umgekommen seien, sooft erneuerte sich ihr Schmerz. Von so vielen Arbeiten und Beschwerden, von dem täglichen Untergang der Ihrigen, von all dem Mißgeschick, das sie traf, ganz erschöpft, begannen sie jetzt an ihrem Leben zu verzweifeln. Sie waren kaum mehr darauf bedacht, sich zu verteidigen, und der Gehorsam gegen die Fürsten fing an nachzulassen.

    X. Unterdessen waren Wilhelm von Grandmenil und andere, die mit ihm die Flucht ergriffen hatten, nach dem kleinen Alexandrien gekommen, wo Graf Stephan von Chartres und Blois, dessen Rückkehr sowohl die Fürsten als das ganze Volk sehnlichst erwarteten, immer noch seiner vorgeblichen Krankheit pflegte. Sie setzten hier auseinander, wie es in Antiochien zugehe, und um nicht den Anschein zu haben, als hätten sie ohne hinlänglichen Grund aus Furchtsamkeit ihre Genossen verlassen, übertrieben sie die Not und Bedrängnis, die in der Stadt herrschten, noch um vieles. So groß und unvergleichlich die Gefahr war, so machen sie sie dennoch in ihrem Bericht noch größer. Und es hielt nicht schwer, ihn, der früher aus denselben Gründen die Genossen verlassen und unter dem Vorwand einer Krankheit hierher entflohen war, etwas glauben zu machen, was seine Furchtsamkeit noch erhöhte. Sie beschlossen also miteinander auf den Schiffen, die sie bereit hatten, aufs Meer hinauszusegeln, und wie sie nun eine Zeitlang gefahren waren und in eine der Seestädte kamen, wo sie in ihrer Ängstlichkeit sich fleißig erkundigten, wo denn der Kaiser wäre, vernahmen sie verschieden lautende Berichte, endlich aber als gewiß, daß der Kaiser mit unendlichen Scharen, sowohl Griechen als Lateinern, bei der Stadt Finiminis sein Lager geschlagen habe, um nach Antiochien zu ziehen und den Unseren, seinem Versprechen gemäß, Hilfe zu bringen. Außer den Heeren, die er aus allen seinen Völkerschaften zusammengebracht hatte, hatten sich ihm noch an die vierzigtausend Lateiner angeschlossen, die, vom Heer der Unsern entweder weil sie zu arm oder weil sie und die Ihrigen erkrankt waren oder aus sonstigen dringenden Gründen im Land des Kaisers zurückgelassen, jetzt durch die Gegenwart des Kaisers und durch die unzähligen Scharen, die er versammelt hatte, aufs neue zu dem Zug ermutigt sich mit größtem Eifer als Genossen der Unternehmung anboten. Wie also der genannte Graf Stephan hörte, daß der Kaiser dort mit seinem Heer liege, und daß er nur noch Verstärkung erwarte, um nach Antiochien aufzubrechen, wandte er sich in aller Eile auf dem kürzesten Weg mit den Seinigen nach dem kaiserlichen Heer. Als er dort anlangte, wurde er vom Kaiser sehr ehrenvoll, aber mit Verwunderung empfangen. Der Kaiser kannte ihn nämlich und hatte schon früher, wo er mit den anderen durch sein Land zog, sich seine Freundschaft gewonnen. Wie nun der Kaiser sich bei ihm aufs angelegentlichste nach dem Zustand und Wohlsein der Fürsten erkundigte und ihn fragte, welches der Grund sei, daß er sich von den übrigen getrennt habe, antwortete er also:

    XI. "Deine Getreuen, unbesiegter Kaiser, die vor kurzem durch die Länder Deiner Hoheit zogen und so reichlich Deiner Freigebigkeit genossen, kamen nach der Eroberung von Nikäa glücklich nach Antiochien und gewannen die Stadt, nachdem sie sie neun Monate belagert hatten, bis auf die Burg, die auf einem hohen Berg gelegen unbezwinglich die Stadt überragt. Und während sie nun alles abgetan glaubten und jetzt, wo die Stadt in ihrer Gewalt sei, sich von aller Gefahr befreit meinten, wurde der neue Irrtum schlimmer als der erste und kamen sie in noch viel schlimmere Not, als alle bisherige war. Denn kaum waren seit Eroberung der Stadt drei Tage verflossen, als siehe da der mächtige Perserfürst Kerbogha mit unendlichen Scharen von Morgenländern und mit einer Menge, die alle Zahl übersteigt, einherzog und die Stadt rings umzingelte und belagerte und die Fürsten und das Volk, denen Aus- und Eingang abgeschnitten war, in solche Bedrängnis brachte, daß sie nicht einmal hoffen dürfen, ihr Leben davonzubringen. Die Zahl ihrer Belagerer anzugeben ist schwer, denn um alles in eins zusammenzufassen: die Feinde haben wie die Heuschrecken die ganze Umgegend der Stadt bedeckt und nicht einmal einen Raum für ihre Zelte gefunden. Unser Volk aber ist durch Hungersnot, durch Frost und durch Hitze zugleich und durch die großen Niederlagen, die es erlitten hat, so verringert worden, daß seine ganze Anzahl in der Stadt bequem Platz hat, ja kaum hinlänglich ist, sie auf allen Seiten zu beschützen. Daß auch die Unterstützung, welche die Unseren von Deinem Reich, von den Inseln und Seestädten her zu Schiff zu erhalten pflegten, jetzt gänzlich abgeschnitten ist, wirst Du bereits wissen. Die Feinde haben nämlich mit einem Teil ihrer Bewaffneten die ganze Gegend zwischen Antiochien und dem Meer in Besitz genommen, die Flotte völlig zerstört, die Schiffsleute getötet und den Unsern alle Hoffnung auf Handelsverkehr und Zufuhr genommen. Es soll in der Stadt nicht so viel Nahrung mehr sein, daß man einen Tag damit ausreichen könnte. Um den Jammer zu vermehren, so sind die Unseren sogar in der Stadt nicht sicher. Die, welche oben auf der Burg liegen, kommen oftmals heimlich in die Stadt herab, und so fallen mitten in der Stadt auf Straßen und Plätzen schlimme Gefechte vor, und sie müssen sich auf diese Art ebensosehr vor denen fürchten, welche in der Stadt sind, als vor denen, welche sie von außen angreifen. Da nun wir und die Hauptleute und die edlen Männer, die hier bei uns sind, wohl einsahen, daß die Unternehmungen unserer Mitbrüder keinen Fortgang haben können, sprachen wir ihnen oftmals brüderlich zu, auf ihre Rettung bedacht zu sein, und nicht gegen den Willen des Himmels etwas Unmögliches zu versuchen. Und da wir sie von ihrem Vorhaben nicht abbringen konnten, so waren wir auf unser eigenes Heil bedacht, um nicht durch unsere Unvorsichtigkeit in dieselbe Not wie sie zu geraten. Und jetzt, wenn es Dir anders so gefällt und es Deinen erlauchten Heerführern so einleuchtet, laß von Deinem Zuge ab, damit das glückliche Heer, das Du mit Dir führst, nicht in dieselbe Gefahr komme, denn es ist klüger, vor einer so ungeheuren Menge, die der ganze Orient geliefert hat, ohne einen Versuch zu machen, solange man noch kann, sich zurückzuziehen, als blindlings es mit einer solchen Macht zu versuchen. Dies bezeugen mir die trefflichen Männer, die hier stehen und die dasselbe Los traf, auch Tatinus, der kluge und umsichtige Mann, den uns Deine Hoheit zuschickte, der, als er sah, daß die Unsern unterliegen, sich verständlicherweise ihrer Gemeinschaft entzog, um Deine Majestät hiervon in Kenntnis zu setzen." In dem Heer des Kaisers war aber ein Bruder Bohemunds mit Namen Guido. Als dieser diese Rede vernahm, wurde er aus Schmerz über das klägliche Schicksal seines Bruders und seiner Freunde beinahe wahnsinnig. Er wollte zwar anfangs der Erzählung des Grafen keinen Glauben schenken und rechnete es ihm als Feigheit an, daß er sich unklug der Gemeinschaft mit solchen Fürsten entzogen habe, ließ sich dann aber durch Wilhelm von Grandmenil, der eine Schwester von ihm und von Bohemund zur Frau hatte und wenn auch nicht seinem Charakter doch seiner Geburt nach ein sehr edler Mann war, dennoch beschwichtigen und überzeugen.

    XII. Als der Kaiser dies vernommen hatte, berief er seine Fürsten zu einer Versammlung und beriet sich mit ihnen, ob man weiterschreiten oder das Heer wieder zurückführen solle. Nachdem man, wie es die Zeit und die Umstände erforderten, eine sehr ernste Beratung gehalten hatte, erschien es endlich allen besser und sicherer, das Heer unversehrt nach Hause zurückzubringen, als die Reiche des ganzen Orients gegen sich aufzureizen und sich unbedachtsam den Wechselfällen des Kriegsglücks auszusetzen. Der Kaiser setzte also in die Worte des genannten Grafen ein solches Vertrauen, daß er nicht nur glaubte, es verhalte sich alles so, wie dieser berichtet hatte, sondern bereits fürchtete, der vorgenannte Fürst möchte jetzt, da er den Unseren den Untergang bereitet, mit seiner ganzen Menge in das kaiserliche Reich einfallen und Nikäa, das er mit dem ganzen Bithynien durch die eifrigen Bemühungen der pilgernden Fürsten erhalten hatte, möchte ihm wider verlorengehen. Um nun gegen einen solchen Einfall Vorkehrungen zu treffen, ließ er auf seiner Rückkehr alle Provinzen von Ikonium bis Nikäa zu seiner Rechten und Linken mit Brand und Raub verheeren, daß die Feinde, wenn sie sich gegen das Gebiet seines Reiches kehren sollten, durch das verheerte Land ohne Einwohner und Lebensmittel am Weiterrücken gehindert wären. So geschah es durch den vorgenannten Grafen, daß dem christlichen Heer die Hilfe, die ihm der Kaiser nach seinem Versprechen zu schicken hatte und deren es so sehr bedurfte, nicht zukam. Wenn wir die Sache aber gründlicher betrachten, so sehen wir, obgleich das ehrlose Betragen des Grafen keineswegs entschuldigt werden kann, wie dennoch die Folgen dieses Rückzugs durch die Fürsorge dessen, welcher allein auch das, was schlimm begonnen ist, zu einem guten Ausgang führen kann, zum Ruhm der Fürsten und des Volkes Gottes, das so tief gesunken zu sein schien, ausgeblieben sind. Es war nämlich billig, daß die, welche des Tages Last und Hitze getragen, Weib und Kind verlassen und im Dienst des Herrn einen Kriegs- und Pilgerzug übernommen hatten, für ihre Anstrengungen den Ruhm zum Lohne haben. Wäre aber der Kaiser dazugekommen, so hätte sein Neid die übrigen um diesen Ruhm gebracht. Es hätte, wenn er mit seinem Heer herbeigekommen wäre, den Anschein gehabt, als ob die Entscheidung durch seine Macht und seine größere Mannschaftsstärke herbeigeführt worden wäre und als ob er mit Recht die Ehre des Sieges beanspruchen könnte. Es war also wohl ein Werk des Herrn, daß die, welche sich treu und ergeben unter unendlichen Gefahren abgemüht hatten, auch die Frucht ihrer Anstrengung und die Ehre des Siegs davontrugen.

    XIII. Indessen hatte sich das Gerücht vom Rückzug des Kaisers auf die Aussage vieler hin in der ganzen Stadt verbreitet. Es machte die Beschwerden, welche die Unsern unaufhörlich drückten, noch größer und stürzte sie beinahe in den Abgrund der Verzweiflung. Sie verwünschen den genannten Grafen und verfluchen seinen Namen auf ewig, sie verwünschen auch Wilhelm von Grandmenil und alle, die an seiner Ruchlosigkeit teilgenommen haben, und bitten den Herrn, er möchte die, die sich nicht nur dem gemeinschaftlichen Werk entzogen, sondern auch das Volk Gottes um die Hilfe, die ihnen der Herr schickte, betrogen haben, mit dem Verräter Judas dem ewigen Feuer übergeben. Kerbogha aber und die ersten Fürsten in seinem Lager, die in große Besorgnis geraten waren, als sie durch Kundschafter von der Ankunft des Kaisers gehört hatten, und sich nicht zu unrecht vor der Stärke des Reiches gefürchtet hatten, wurden jetzt, wo sie auf demselben Weg von seinem Abzug vernahmen, um so übermütiger. Als ob ihnen der Sieg gewiß wäre, suchten sie die Unseren mit der größten Keckheit niederzudrücken und wie sie konnten zu bedrängen. So kam es, daß die Gläubigen in der Stadt in solchen Jammer und so vielfaches Elend gerieten, daß sie bereits glaubten, keine Hoffnung auf Rettung oder Erleichterung haben zu dürfen. Die Verzweiflung hatte alle so sehr erfaßt, daß Bohemund, der die Sorge über das ganze Heer übernommen hatte, es weder mit Worten noch mit Schlägen dahin bringen konnte, daß auch nur einer aus den Häusern, in denen sie sich versteckt hielten, hervorkam, um die Wachen zu beziehen oder mit den Feinden, die von innen und von außen den Unseren vieles zu tun machten, in den Kampf zu gehen. Wie nun eines Tages die Herolde und öffentlichen Diener von dem vielen Rufen ermattet unverrichteterdinge zurückkehrten und Bohemund sah, daß alle seine Anstrengung vergeblich sei, und daß sich keiner aus den Schlupfwinkeln hervorziehen lasse, ließ er durch seine Diener an vielen Orten Feuer legen und die Stadt anzünden, daß die, welche sich in ihrer Erstarrung dem Dienst, zu welchem sie sich verpflichtet hatten, entzogen, wenigstens aus Furcht zu verbrennen zum Vorschein kämen. Und es kam auch so, daß sie, während er früher nicht die geringste Mannschaft zusammenbringen konnte, jetzt eiligst und um die Wette zu den Verrichtungen, die man ihnen auftrug, herbeikamen. Man sagt auch, die Fürsten haben, an Leben und Rettung verzweifelnd, insgeheim unter sich verabredet, das ganze Volk dahinten zu lassen und in der Nacht an das Meer zu entfliehen. Als aber der Herzog und der ehrwürdige Bischof von Puy von diesem Entschluß hörten, riefen sie die Fürsten zu sich, straften sie mit gerechtem Tadel und stellten ihnen vor Augen, welch ewige Schmach sie sich und ihren Nachkommen bereiten, wenn sie allen Gesetzen der Ehre entgegen, zur Verdunklung ihrer edlen Namen, einer solchen Gemeinschaft der Gläubigen sich entziehen. Es herrschte aber unter dem Volk Gottes solcher Mangel und solche Hungersnot, und es wurde von außen und von innen so hart von den Feinden bedrängt, daß man nirgends Hilfe, nirgends Erleichterung finden konnte. Man konnte sich gegenseitig nicht trösten, da Hoch und Nieder in derselben Not waren. Ihre Kinder und Weiber, die sie zu Hause zurückgelassen hatten, ihre reichen Erbteile, von denen sie aus Liebe zu Christus geschieden waren, fielen ihnen jetzt ein. Sie beklagten sich über den Herrn, daß er auf ihre Anstrengungen und auf ihre Frömmigkeit keine Rücksicht nehme und zulasse, daß sie wie ein Volk, das er nicht kenne, in die Hände der Feinde überliefert werden.

    XIV. Wie nun das Volk Gottes in dieser Bedrängnis war, da wandte sich der Herr zu ihm und erhörte sein Seufzen und sandte ihm vom Thron seiner Majestät einen Trost herab. Ein gewisser Kleriker nämlich mit Namen Peter, aus der Provençe, wie man sagt, kam zum Bischof von Puy und zum Grafen von Toulouse und versicherte, daß ihm der heilige Apostel Andreas im Traum erschienen sei und ihn drei- oder viermal ernstlich ermahnt habe, er solle den Fürsten ankündigen, daß sie die Lanze, mit der die Seite unseres Herrn Jesus Christus durchstochen worden war, in der Kirche des Fürsten der Apostel, wo sie verborgen liege, eifrigst suchen lassen sollten. Er habe ihm auch den Ort, wo sie liege, genauestens bezeichnet. Er ging dann also auch zu den genannten gottgeliebten Männern und setzt alles auseinander, wie es ihm nach seiner Versicherung aufgetragen worden war. Er sagte auch, daß ihn der Apostel mit vielen Drohungen dazu getrieben habe. Da er nämlich arm und kein Mensch von großer Einsicht sei, so habe er sich mehrmals geweigert, diese Botschaft zu übernehmen. Jetzt habe er aber von dem Apostel so gemessenen Befehl erhalten, daß er sich nur mit Lebensgefahr seinem Auftrag entziehen könne. Die genannten Fürsten teilten nun im stillen die Sache den übrigen mit und führten ihnen den Kleriker vor, daß sie von ihm selbst die Art, auf welche der Befehl an ihn ergangen sei, vernehmen konnten. Sie setzten keinen Zweifel in seine Worte und gingen mit ihm an einen Ort innerhalb der genannten Kirche, den er ihnen bezeichnet hatte, wo man dann auch, nachdem man ziemlich tief in die Erde gegraben hatte, die Lanze fand, wie er vorhergesagt hatte. Als das Volk davon hörte, erschien ihm die Sache als ein Trost vom Himmel. Sie laufen alle nach der Kirche, erweisen sich mit reichen Gaben, die sie darbringen, für den kostbarsten Fund dankbar, erholen sich allmählich wieder von ihrer Beängstigung und sind wieder im Dienst des Herrn gehorsam. Es traten auch einige andere auf, welche sagten, daß sie Visionen von Engeln und heiligen Aposteln gehabt haben, und da ihre Berichte etwas Gleichlautendes hatten, schenkte man ihnen Glauben, und das Volk wurde durch diese Wunder mächtig aus seiner Niedergeschlagenheit aufgerichtet. Auf Antrieb der verehrungswürdigen gottesfürchtigen Männer geschah es nun, daß die Fürsten alle ihr Gelübde wiederholten und sich mit einem körperlichen Eid verbindlich machten, wenn sie der Herr der gegenwärtigen Not entreiße und sie über die Feinde siegen lasse, sich nicht mehr voneinander zu trennen, bis sie mit Gottes Hilfe der Heiligen Stadt und dem ruhmreichen Grab des Herrn die frühere Freiheit zurückgegeben und den christlichen Glauben daselbst wieder eingeführt hätten.

    XV. Nachdem sie sechsundzwanzig Tage in solch einer unerträglichen Bedrängnis gewesen waren, begann sich das Volk wieder zu ermutigen und seine Lenden mit Tapferkeit zu gürten. Es stärkte sich an der Hoffnung, die ihm vom Himmel gekommen war, und zeigte jetzt eine ungewöhnliche Ausdauer, so daß alle vom Höchsten bis zum Niedersten einmütig beschlossen, man müsse dieser Not ein Ende machen und mit den Feinden den Kampf wagen. Sie waren jetzt plötzlich überzeugt, daß sie mit göttlichem Beistand den übermütigen Feind zurücktreiben und die Stadt, die ihnen der Herr beschert hatte, wieder in Freiheit setzen können. Sie hielten es für besser, einmal das Kriegsglück zu versuchen, als an fortdauerndem Mangel und vor immerwährender Bedrängnis allmählich zu verkommen, und es war nun in aller Munde, daß man aus der Stadt ziehen und mit dem Feind kämpfen müsse. Das war nicht nur die Ansicht der Edlen, auch das Volk war von demselben Eifer entzündet und warf den Fürsten bereits ihr Zögern und ihre Lässigkeit vor. Wie nun die Fürsten sahen, daß das Volk einen solchen Feuereifer von oben erhalten habe, beschlossen sie gemeinsam, eine Gesandtschaft an den Fürsten der Feinde zu schicken und ihm zwei Vorschläge machen zu lassen. Entweder sollte er entweichen und die Stadt, auf die sie von Anfang an ein Recht gehabt hätten und die jetzt mit Gottes Hilfe wieder in ihre Gewalt gekommen sei, den Unsrigen zum ewigen Besitz überlassen, oder er sollte sich zum Kampf rüsten und die Sache durch das Schwert entscheiden lassen. Man wählte zu diesem Geschäft Peter den Eremiten, den ehrwürdigen Mann, von welchem oben so oft die Rede war. Als Begleiter und Genossen gab man ihm einen gewissen Grafen Herluin bei, einen Mann, der ebenfalls klug und einsichtig war und der einige Kenntnis des persischen Idioms und der parthischen Sprache hatte. Diesen gab man den Auftrag, dessen Inhalt wir schon angegeben haben, jedoch mit folgender näherer Bestimmung, daß dem Fürsten, wenn er die Entscheidung durch den Kampf wähle, frei stünde, ob er sich selbst allein mit einem der Fürsten messen oder eine bestimmte Anzahl der Seinigen einer gleichen von den Unsrigen entgegensetzen oder aber die Sache durch allgemeinen Kampf beider Heere entscheiden wollte. Nachdem man nun, um diese Gesandtschaft abschicken zu können, einen kurzen Waffenstillstand geschlossen hatte, machten sich die genannten Männer mit der Begleitung, die man ihnen bestimmt hatte, nach dem Zelt des Fürsten auf, wo Peter der Eremit, als ein Mann von großem Geist, so kleinen Wuchses er war, seine Botschaft treulichst, da er ihn von seinen Heerführern und Satrapen umringt fand, mit großem Ernst überbrachte. Er trat nämlich zu dem genannten persischen Satrapen ohne irgendein Zeichen der Ehrerbietung und redete ihn unerschrocken und fest also an: "Die heilige Versammlung der gottgeliebten Fürsten, die in Antiochien sind, hat uns zu Deiner Hoheit gesandt und läßt Dich durch uns ermahnen, abzulassen von Deinen Feindseligkeiten und der Bekämpfung der Stadt, die ihnen durch die Gnade Gottes zuteil ward und die der Fürst der Apostel, Petrus, der treue und kluge Wächter unseres Glaubens, durch die Kraft seiner Predigt und seiner Ermahnung und durch die Größe seiner Wunder vom Götzendienst zum Glauben an Christus bekehrt und uns zu eigen gegeben hat. Sie ist sodann von Euch gegen das Recht mit Gewalt erobert worden, aber der starke und mächtige Herr hat sie in unsere Gewalt zurückgegeben, und nun lassen wir Dich, um für diese unsere Erbschaft, für diese Wohnung Christi, die gebührende Sorge zu tragen, eines von beiden wählen, entweder die Belagerung und Beunruhigung der Stadt aufzugeben oder Dich am dritten Tage von heute an mit den Unsern im Kampf zu versuchen. Und damit Du keine Entschuldigung und keinen Vorwand habest, dem Kampf auszuweichen, so lassen sie Dich wählen, ob Du selbst allein mit einem der Fürsten kämpfen willst, um das Ganze zu bekommen, wenn Du siegst, Dich zur Ruhe zu begeben, wenn Du besiegt wirst, oder ob Du willst, daß eine Anzahl der Deinigen mit einer Anzahl der Unsrigen unter den gleichen Bedingungen den Kampf ausführt, oder ob die gesamten Heere das Kriegsglück versuchen sollen." Auf diese Rede soll jener verächtlich also gesprochen haben: "Die Fürsten, die Dich gesandt haben, mein Peter, scheinen mir nicht in einer solchen Lage zu sein, daß sie mir Vorschläge machen dürfen, oder daß ich gehalten bin, nach ihrem Gutdünken eine Wahl zu treffen, denn unser Schwert hat sie dahin gebracht, daß sie nicht einmal für sich selbst wählen können, was sie wollen, sondern ihren Willen nach unserem Gutdünken richten müssen. Gehe also hin und sage den unklugen Menschen, die Dich, Ihre Stellung verkennend, zu Uns gesandt haben, daß ich alle von beiderlei Geschlecht, die noch in gutem Alter sind, am Leben erhalten und meinem Herrn zu seinem Dienst übergeben werde. Alle übrigen aber will ich töten, wie man unnütze Bäume umhaut, so daß nicht einmal eine Spur von ihnen übrigbleiben soll. Hätte ich es nicht vorgezogen, sie vom Hunger verzehrt werden zu lassen, als sie im Kampf zu vernichten, so hätte ich schon längst ihre Mauern erbrochen, die Stadt erobert und ihnen mit meinem Racheschwert die Frucht ihrer Frechheit zu kosten gegeben.

    XVI. Als Peter die Gesinnung des Fürsten, zu dem er gesandt worden war, und seinen Übermut, der sich auf die Anzahl seiner Bewaffneten und auf seine unermeßlichen Schätze stützte, erkannt hatte, ließ er sich empfehlen und kehrte zu den Seinigen zurück. Als er in die Stadt kam und seine Antwort melden und den Fürsten, die ihn gesandt hatten, kundtun wollte, strömte alles, sowohl die Höheren als das Volk, in größter Begierde die Antwort und das Ergebnis der Gesandtschaft zu vernehmen eiligst herbei. Wie nun Peter von dem Übermut des Fürsten, zu dem er gesandt worden war, von seinen Drohungen und seinem unmäßigen Stolz alles der Reihe nach vor dem ganzen Volk berichten wollte, befürchtete der erlauchte Herzog Gottfried, wenn dem Volk, das von den unaufhörlichen Beschwerden erschöpft und dem Übermaß der Not beinahe schon erlegen war, alles ausführlich kundgetan würde, so möchte es zu sehr erschrecken und in zu große Beängstigung geraten. Er unterbrach ihn also in seinem Bericht, führte ihn ein wenig von dem größeren Haufen beiseite und gab ihm Weisung, alles übrige wegzulassen und nur kurz das Endergebnis zu sagen, daß die Feinde den Krieg wollen und sich hierzu bereits rüsten. Als das Volk aus der Rede Peters vernahm, daß die Feinde den Kampf wollen, nahmen sie alle vom Höchsten bis zum Niedersten diese Nachricht mit der größten Freudigkeit auf, und der Kampf war ihnen so erwünscht, als wären sie des Sieges schon gewiß, und es schien, als hätten sie alle Not, die sie seither hatten tragen müssen, bereits vergessen. Unter allgemeinem freudigen Jauchzen, indem alle mit Zuruf und mit Beifallszeichen ihre Übereinstimmung anzeigen, kündigt man nun an, daß am nächsten Tag der Kampf beginnen werde. Voll Freude also kehrte das Volk zurück und brachte die ganze Nacht vor Kampflust schlaflos zu, denn vor dem Zusammensuchen der Waffen, dem Rüsten der Pferde, dem Reinigen der Panzer und Helme, dem Zurechtmachen der Schilde, dem Schärfen der Schwerter kam man zu keiner Nachtruhe. Sofort wird weiter öffentlich durch Heroldsstimme bekanntgemacht, in aller Frühe, noch vor Sonnenaufgang, sollte sich jeder zum Kampf gerüstet und bewaffnet zu seinem Heer und zu den Fahnen seines Fürsten stellen. Morgens aber in der ersten Dämmerung forderten die Priester und Diener des Herrn, die in den Kirchen den Gottesdienst hielten und das Meßopfer darbrachten, die Leute vom Volk auf, sie sollten in Demut und Zerknirschung ihre Beichte ablegen und sich gegen die Gefahren der Welt mit dem Leib und Blut des Herrn bewahren, sie sollten aller Feindschaft und alles Grolls vergessen und sich mit ihren Feinden, wenn sie solche haben, aussöhnen, um mit desto größerem Vertrauen in den Kampf gehen zu können. Sie sollten zeigen, daß sie auf den hören und Glieder von dem seien, der gesprochen hat, "daran werden alle erkennen, daß Ihr meine Jünger seid, daß Ihr Euch untereinander liebet." Als nun das ganze Heer den Gottesdienst gehalten und sich mit der Himmelsspeise gestärkt hatte, kam auf sie ein solcher Segen von oben herab, daß die, welche vor zwei und drei Tagen träge und lässig, erschöpft und abgemagert vor Schwäche kaum hatten die Augen offenhalten und die Häupter emporrichten können und geschwächt von Hunger ihres früheren edlen Betragens uneingedenk in Schlupfwinkel gekrochen waren, jetzt von selbst wieder hervortraten, alle Trägheit abschüttelten und neu gestärkt als Männer die Waffen schwangen und im festen Vertrauen, daß ihnen der Sieg zufallen werde, mit der alten Kühnheit sich zu dem bevorstehenden Kampf rüsteten. Kaum war unter dem großen Volk irgendeiner, welchen Standes oder Alters er sein mochte, dessen Sinn nicht auf Heldentaten gestellt war, der sich nicht, den Sieg weissagend, zum Kampf erhob. Die Priester aber gingen in ihren heiligen Gewändern bei den Scharen umher und verhießen, Kreuze und Reliquien der Heiligen in den Händen tragend, denen, die im Kampf den christlichen Glauben und die väterliche Überlieferung mutig verteidigen würden, Ablaß der Sünden und volle Vergebung aller ihrer Missetaten. Auch die Bischöfe ermahnten die Fürsten und die Ersten des Heeres öffentlich und die einzelnen insbesondere mit aller Beredsamkeit, die ihnen gegeben war. Sie segneten das Volk und empfahlen es dem Herrn. Besonders eifrig mit seinen Ermahnungen war der Bischof von Puy, der ausgezeichnete Verehrer Christi, der sich mit Fasten und Beten und mit reichlichem Almosenspenden dem Herrn selbst zu einem Opfer darbrachte.

    XVII. In der Frühe des achtundzwanzigsten Juni nun versammelte sich alles vor dem Brückentor. Ehe man zum Kampf auszog, rief man die Hilfe Gottes an, stellte die Scharen in Schlachtordnung und bestimmte dann die Art und Weise, wie man vorrücken wollte. In die erste Abteilung stellt man als Führer und Bannerträger Hugo den Großen, den Bruder des Königs von Frankreich, und gibt ihm den durchaus rühmenswerten Anselm von Ribourgemont mit andern Edlen bei, deren Namen und Zahl wir nicht wissen. An der Spitze der zweiten Abteilung stand Robert mit dem Beinamen der Friese, der Graf von Flandern mit denen, welche von Anfang an zu seinem Gefolge gehört hatten. Die dritte führten Herzog Robert von der Normandie und andere Edle, die bisher in seinem Gefolge gewesen waren, und sein Neffe, der erlauchte Graf Stephan von Aumarle. Der Bischof von Puy aber, der edle Adhemar, führte seine Leute und die des Grafen von Toulouse, welche zusammen die vierte Abteilung bildeten. Er trug auch die Lanze des Herrn mit sich. Die fünfte führten Graf Rainhard von Toul und sein Bruder, Peter von Stenay, Graf Werner von Grai, Heinrich von Ascha, Reinhard von Amersbach und Walter von Dommedard, die sechste Graf Reinbold von Orange, Ludwig von Moncons und Lambert, der Sohn Kunos von Montaigu. Die siebte stellte Herzog Gottfried von Lothringen, jener erlauchte und große Mann, mit seinem verehrungswürdigen Bruder Eustach nach der Kriegskunst in Schlachtordnung. Über die achte war der tapfere und durch sein edles Wesen ausgezeichnete Tankred gesetzt, über die neunte Graf Hugo von Saint Pol und sein Sohn Ingelram, Thomas von Feria, Balduin von Burg, Robert, der Sohn Gerhards, Rainald von Beauvais und Galo von Chaumont; über die zehnte Graf Rotrut von Perche, Eberhard von Puysaie, Drogo von Monci, Radulph, der Sohn Gottfrieds, und Conan von Bretagne. Die elfte hatten Isoard Graf von Dié, Raimund Pelet, Gaston von Beziers, Gerhard von Roussillon, Wilhelm von Montpellier und Wilhelm Amanieu zu führen. An der Spitze der zwölften aber, die die letzte war und zahlreicher als die übrigen, stellte man Bohemund. Er sollte als der letzte einherziehen, um den Vorderen zu rechter Zeit zu Hilfe kommen und denen, die allzusehr vom Feind bedrängt würden, Beistand leisten zu können. Den Grafen von Toulouse aber, der an einer schweren und gefährlichen Krankheit litt, ließen sie in der Stadt zurück zum Schutz derselben, damit nicht die, die sich noch in der Burg hielten, die Abwesenheit der Fürsten benützen und die Schwachen und Gebrechlichen, die alten Männer und Weiber und was sich sonst nicht verteidigen konnte, überfallen möchten. Sie hatten auch auf dem Hügel, der Burg gegenüber, eine sehr starke Mauer mit Befestigungen aus Kalk und Steinen erbaut, auf die sie einige Wurfmaschinen stellten, mit welchen zweihundert starke Männer, welche die Waffen wohl zu führen wußten, den Ort verteidigen sollten.

    XVIII. Wie nun die Reihen so geordnet waren, beschloß man, Hugo der Große, der Graf von Flandern und der Herzog von der Normandie sollten den übrigen Scharen voranziehen, für das ganze Heer aber bestimmt man diese Ordnung, daß das Fußvolk immer voraus und die Reiterei, diesem zum Schutz, hinten nachziehen sollte. Man ließ auch öffentlich bekanntmachen, es sollte sich keiner erkühnen, nach Beute zu laufen. Alle sollten sich einmütig auf die Feinde werfen und den Kampf solange fortsetzen, bis diese ganz darniedergeworfen wären, wo sie dann nach erfochtenem Sieg wie sie wollten Beute machen könnten. Kerbogha nun hatte von Anfang an und hauptsächlich seit Peter als Gesandter bei ihm gewesen war, sich vor einem plötzlichen Ausfall der Unsern gegen sein Lager gefürchtet. Er hatte deswegen auch denen, die auf der Burg waren, die Weisung gegeben, sollten die Unseren Rüstungen machen aus der Stadt hervorzubrechen, dies denen im Lager durch Zeichen kundzutun. Es geschah also um die erste Stunde des Tages, daß die auf der Burg, als sie erfuhren, daß sich die Unsrigen zur Schlacht rüsten, die im Lager mit dem verabredeten Zeichen davon benachrichtigten. Sie wollten nun die Unseren an ihrem Vorsatz hindern und schickten ungefähr zweitausend Mann, welche die Unseren an der Brücke erwarteten und ihnen den Ausgang verwehren sollten. Diese stiegen, um desto besser kämpfen und ihre Pfeile bequemer abschießen zu können, von ihren Pferden und besetzten so den jenseitigen Teil der Brücke. Die Unseren aber kamen, nach der Kriegskunst aufgestellt, in bester Ordnung, jede Schar von der anderen getrennt, aus dem Tor, und wie sich die genannten Feinde, welche die Unseren am Ausgang hindern sollten, alle Mühe gaben ihren Auftrag auszuführen, drang Hugo der Große, der wie schon gesagt die erste Schar führte, so heftig auf sie ein, nachdem er eine Anzahl Fußvolk und Pfeilschützen gegen sie vorausgesandt hatte, daß sie, nachdem sie erst eine Zeitlang Widerstand geleistet hatten, in völliger Auflösung die Flucht ergriffen, wobei er sie so kühn verfolgte, daß sie kaum wieder auf ihre Pferde steigen konnten. Als diese die Flucht ergriffen, gab Anselm von Ribourgemont, der in der vordersten Abteilung stand, einen Beweis seiner Tapferkeit, der ewiger Erinnerung wert ist. Er stürzte sich nämlich ohne auf sein Leben zu achten kühn mitten unter sie, streckte die einen nieder, durchbohrte die andern und arbeitete so gewaltig an ihrer Niederlage, daß sich die Augen des ganzen Heeres mit freudigem Beifall nach ihm wandten. Wie Hugo der Große, Graf Robert von Flandern, Graf Robert von der Normandie, Graf Balduin von Hennegau und Eustach, des Herzogs Bruder, dies sehen, kommen sie eiligst herbei, um dem edlen Mann, dessen Tapferkeit sie bewundern, Hilfe zu leisten. Sie dringen nun zusammen auf den Feind ein, stürzen alles nieder, was etwa noch Widerstand leistet, und verfolgen sie beinahe bis in ihr Lager, wobei sie eine große Menge von ihnen niederhauen.

    XIX. Es ereignete sich außerdem beim Auszug der Unseren aus der Stadt etwas sehr Merkwürdiges. Als sie nämlich schon außerhalb des Tores zur Schlacht rüsteten und von den Feinden, die ihnen den Ausgang verwehren wollten, schon den einen Teil getötet, den andern in die Flucht geschlagen hatten, fiel ein so äußerst anmutiger Tau auf das Heer herab, wenig zwar, aber sehr erquickend und erfrischend, daß es diesem erschien, als sende er Herr auf diese Art seinen Segen und seine Gnade vom Himmel. Alle nämlich, die von diesem himmlischen Tauregen beträufelt wurden, fühlten sich davon an Leib und Seele so erfrischt und gestärkt, als ob sie noch keine Mühe und keine Not ertragen hätten, und nicht nur die Menschen, auch die Pferde erhielten auf diese Art von Gott ihre Kräfte so vollständig wieder, daß sie, die viele Tage lang nur Rinde und Baumblätter zum Futter gehabt hatten, an diesem Tag die Pferde der Feinde, die mit Hafer und Gerste gefüttert wurden, an Schnelligkeit und Ausdauer übertrafen. Solche Kraft und solche Siegeshoffnung schien durch diesen Segenstau über unser Heer gekommen zu sein, daß man auf sie das Wort anwenden konnte: "Nun aber gibst Du, Gott, einen gnädigen Regen, und Dein Erbe, das dürre ist, erquickst Du," und daß sie nicht daran zweifelten, daß sie sichtlich die Gabe des Heiligen Geistes empfangen haben. Wie nun das Heer außerhalb der Stadt war, hielt man es für das Vorteilhafteste, sich gegen die Berge hinzuziehen, die ungefähr zwei Meilen von der Stadt entfernt waren. Auf diese Art glaubten sie Herren über die ganze Ebene zu sein, und es war den unermeßlichen feindlichen Scharen unmöglich, sich heimlich oder mit Gewalt zwischen sie und die Stadt zu werfen, wie sie dies in den Schlachten zu tun pflegten, und so die Unseren von allen Seiten zu umzingeln und ihnen die Rückkehr zur Stadt abzuschneiden. Sie schritten aber langsam voran, und zwar so, daß die einzelnen Abteilungen nicht untereinandergerieten und alle in ihrer Ordnung blieben, und durch ein Werk der göttlichen Macht geschah es, daß sie, die innerhalb der Stadt weit weniger als die Feinde erschienen, so daß man gar keinen Vergleich anstellen zu können meinte, jetzt den Anblick von ebensovielen oder von noch mehreren als die, welche vor der Stadt lagen, darboten. Der, welcher fünf Brote, nachdem er fünf Tausende mit ihnen gespeist hatte, noch zu so vielen Überbleibseln vervielfältigen konnte, wollte durch ein nicht geringeres Wunder zur Ehre seines Namens das Volk, das er liebte, verstärken und vermehren, weil es nach guten Werken trachtete. Mitten in den Reihen befanden sich auch Priester und Leviten in weißen Gewändern, das Wunderzeichen des Kreuzes in den Händen tragend. Die Priester aber, die in der Stadt geblieben waren, stellten sich auf die Mauern und beteten in ihren Priestergewändern mit ausgebreiteten Armen und unter Tränen unausgesetzt für das gläubige Volk zu Gott, daß er es schonen, und nicht sein Erbe den Heiden hinwerfen möge.

    XX. Als nun der Heerführer der Feinde sowohl durch das Zeichen, das er auf der Burg der Stadt erblickt hatte, als aus dem Bericht derer, die nach ihrer Niederlage ins Lager zurückflüchteten, vernahm, daß die Unseren die Stadt verlassen haben, berief er die Ältesten und die Anführer des Heeres zu sich und fing jetzt die Sache, die er früher als einen Scherz behandeln zu können meinte, ernsthafter zu nehmen an. Die Leute, deren Waffen und geringe Anzahl er früher verachtet hatte, schienen ihm bereits sehr gefährlich zu sein. Nach gemeinschaftlichem Beschluß, hauptsächlich aber nach dem Rat, den die Antiochier aus ihrer Kriegserfahrung gaben, ordnet er die Scharen zur Schlacht und bestimmt genau und sorgsam, welche voran- und welche nachrücken sollen. Unter anderem sandte er, noch ehe die Unseren das ganze Feld zwischen der Stadt und den Bergen besetzt hatten, ein Geschwader, dessen Mannschaft sich durch seine Stärke und Klugheit auszeichnete und das der berühmte Soliman, der Fürst von Nikäa, dessen oben oft erwähnt worden ist, geführt haben soll, nach der Meeresgegend, um hier den Unsern, wenn sie sich besiegt und flüchtig dem Meer zuwenden oder nach der Stadt zurückkehren wollten, entgegenzutreten. Das Volk Gottes sollte auf diese Art von denen, die sie verfolgten, und von denen, die ihnen entgegenzögen, zugleich wie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben werden. Die übrigen aber stellte er rechts und links auf, gab jeder Schar ihren besonderen Führer und ermahnte sie, eingedenk ihrer ehemaligen Tapferkeit, bei Verheißung seiner Gnade, sich männlich und tapfer im Kampf zu zeigen und diesen hungrigen, waffenlosen und unberatenen Haufen, ein so unkriegerisches Volk, für das zu halten, was es sei. Nachdem also die Unseren die ganze Ebene besetzt und sich wohl vorgesehen hatten, daß sie der Feind nicht umzingeln konnte, gaben die Trompeten das Zeichen, und nun rückten sie, die Bannerträger des Heeres voran, Schritt vor Schritt den feindlichen Reihen entgegen. Als sie ihnen so nahe gekommen waren, daß die Feinde ihre Pfeile nach ihnen schießen konnten, griffen die drei ersten Abteilungen plötzlich an und stürzten mit Lanzen und Schwertern auf sie ein. Auch unser Fußvolk, das Bogen und Schleudern führte und das den Reiterscharen voranzog, mischte sich mit großer Hitze in den Kampf. Die Reiter aber, die ihnen nachfolgten, beschützten es so gut sie konnten. Wie nun die ersten Abteilungen in mannhaftem Kampf begriffen waren, folgten ihnen die anderen mit einem ebenso heftigen Angriff und erhöhten ihren Vorgängern Mut und Kraft. Und wie bereits alle, die letzte Schar, die Bohemund führte, ausgenommen, mit dem Feind ins Treffen geraten waren und so streitbar kämpften, daß die Feinde, von denen mehrere gefallen waren, sich schon mit aufgelösten Gliedern zur Flucht wenden wollten, auch der Herzog mit seinem Gefolge eine sehr starke und dichte Schar wirklich schon in die Flucht geschlagen hatte, siehe da kam Soliman mit dem Heer, das er, wie oben gesagt wurde, nach der Küstengegend gesandt hatte, wieder zurück, griff kühn und heftig die Schar Bohemunds im Rücken an und überdeckte sie mit einer solchen Menge von Pfeilen, daß sie wie ein Hagelwetter herabfielen. Sie legten dann Bogen und Pfeile weg, griffen nach Lanze und Schwert und drangen mit solcher Heftigkeit ein, daß Bohemund ihren Angriff kaum aushalten konnte. Wie er nun so im Gedränge ist und sein Heer nahe daran sich aufzulösen, obgleich er selbst wie ein tüchtiger und tapferer Mann focht und sich mit wenigen mitten unter die Feinde stürzte, kommen plötzlich der Herzog mit seinen Bewaffneten und zugleich der treffliche Tankred heran und bringen Bohemund Hilfe. Wie diese so ganz zur rechten Zeit ankamen, schwanden den Feinden plötzlich Kraft und Mut. Sie konnten den Kampf mit den Unseren, die einen großen Teil von ihnen töteten und verwundeten, nicht mehr länger aushalten. Wie sie nun aber sahen, daß sie sich mit den Unsrigen nicht messen können, wandten sie sich zur List, machten, was bei ihnen ein gewöhnlicher Kunstgriff ist, Feuer an und warfen es ins Feld. Es waren nämlich an diesem Ort viel dürres Heu und Stoppeln, die das Feuer leicht auffingen. Entstand nun auch nur eine geringe Flamme, so stieg doch ein dichter und finsterer Rauch auf, vor dessen Qualm die Unseren nicht auf die Feinde einhauen konnten, weil er wie auch der Staub, den die vielen Pferde und die zu Fuß Kämpfenden aufrührten, sie am Sehen hinderte. In dieser durch Rauch künstlich erregten Finsternis töteten die Feinde mehrere von unserem Fußvolk, die Reiter aber entrissen ihre Pferde diesem Verderben bringenden Nebel, worauf sie dann wieder zurückkehrten, im Vertrauen auf den göttlichen Beistand den Kampf erneuerten und durch Gottes Gnade neu gestärkt die Feinde in die Flucht trieben und von ihrer Verfolgung nicht nachließen, bis diese sich zu den Reihen der Ihrigen wandten, die sich bereits aufgelöst hatten.

    XXI. Es war nämlich in dieser Gegend ein kleines Tal, durch das zur Winterszeit ein Bach floß, der vom Berge herabkam und sich in seinem ungestümen Lauf ein Bett gewühlt hatte. Über diesen flohen die Feinde und suchten sich dann auf einer Anhöhe wieder zu stellen und mit Trommeln und Trompeten die aufgelösten Scharen wieder zusammenzurufen. Unsere Fürsten aber, die sie ohne Unterlaß verfolgten, ereilten sie hier, sowohl Herzog Gottfried, Tankred, Bohemund und andere Edle, die in den letzten Reihen, wo der Kampf am bedeutendsten war, mit Soliman stritten und denen mit Gottes Hilfe der Sieg zuteil geworden war, als auch die, welche im vordersten Kampf ihre Gegner bereits völlig aufgerieben hatten, nämlich Hugo der Große und die beiden Robert, der von Flandern und der von der Normandie, wie auch andere ewigen Andenkens würdige Männer. Sie alle setzten über das Tal und warfen den Feind von dem genannten Hügel, so daß er von neuem völlig aufgelöst vor der Standhaftigkeit der Unseren die Flucht ergreifen mußte. Kerbogha aber hatte sich gleich anfangs aus dem Getümmel entfernt und stand auf einer Anhöhe, von wo er häufig Boten absandte, die ihm wieder berichten mußten, wie es mit der Schlacht stehe. Wie er nun ängstlich gespannt wartete, welches Ende der Kampf nehmen würde, sieht er plötzlich, wie seine Scharen zerstreut ohne Ordnung dahinrennen. Erschreckt hierüber und von seinen Begleitern aufgefordert, an seine Rettung zu denken, verläßt er eiligst das Lager und entflieht, ohne sich um die Seinen zu kümmern, denn es hatte ihn eine solche Furcht erfaßt, daß er ohne auf jemand zu warten, von Zeit zu Zeit, um die Flucht fortsetzen zu können, die Pferde wechselnd, sich erst, als er über dem Euphrat war, in Sicherheit glaubte. Wie die Scharen, die er zurückgelassen hatte, sich ohne den Rat ihres Heerführers sahen, verließen sie Mut und Kraft zum Widerstand, und die, welche Pferde hatten, retteten sich auf dieselbe Art wie ihr Heerführer vor den Schwertern der Unseren durch die Flucht. Die Unseren aber wagten es nicht, sie weit zu verfolgen, weil sie ihren Pferden dadurch zu schaden fürchteten. Nur Tankred und einige wenige andere verfolgten sie drei oder vier Meilen bis gegen Sonnenuntergang und warfen viele von ihnen zu Boden. Die Feinde waren durch Gottes Kraft in solche Furcht geraten, daß sie nicht einmal den Versuch machten, Widerstand zu leisten oder sich gegen ihre Verfolger zu verteidigen. Zehn von den Unsren schienen ihnen wie viele Tausende, und es war niemand, der die Fliehenden vor den Unsren schützen konnte. Hier sah man aufs deutlichste, "daß keine Weisheit und kein Rat wider den Herrn hilft," und wie wahr der Spruch ist, "daß der Herr die nicht verläßt, die auf ihn trauen," konnte man hier aufs einleuchtendste erfahren, indem ein hilfloses, ausgehungertes Volk im Vertrauen auf Gottes Hilfe eine so große Anzahl tapferer Mannschaft überwand und über seine eigene Hoffnung in einer Schlacht den ganzen Orient niederwarf, weil diesem Gott seine Hilfe entzog.

    XXII. Nach dem Treffen, als unsere Fürsten unter dem Beistand von oben den Sieg erfochten hatten, wandten sie sich nach dem feindlichen Lager, wo sie einen solchen Reichtum von brauchbaren Dingen und eine solche Menge von morgenländischen Schätzen fanden, daß sie das Gold, Silber, die Edelsteine, Seidenzeuge, kostbaren Kleider und die Gefäße, die ebenso durch ihre kunstreiche Form als durch den Wert ihres Stoffes schätzbar waren, gar nicht mehr zählen oder messen konnten. Auch an Pferden, großem und kleinem Vieh, Früchten und Lebensmitteln fand sich in solcher Überfluß vor, daß sogar die, die soeben noch den bittersten Mangel gelitten hatten, nicht wußten, was sie wählen sollten. Auch in den feindlichen Zelten, die ihnen sehr gut zustatten kamen, weil ihre eigenen von der Zeit und von dem vielen Regen, der sie getroffen hatte, ganz verdorben und unbrauchbar geworden waren, fanden sie vielfache Schätze. Auch Sklavinnen und Kinder, die man auf der Flucht zurückgelassen hatte, nahmen sie mit sich in die Stadt. Unter den anderen Zelten fanden sie aber eines, das einem der größeren Fürsten gehört hatte, ein wunderbares Werk, das nach Art einer Stadt mit Türmen, Vorwerken und Mauern versehen war, alles aus dem feinsten Seidenzeug in bunten Farben. An die Mitte dieses wunderbaren Werkes, wo das Hauptgemach war, schlossen sich nach mehreren Seiten andere Wohnungen an, die gleichsam in Gassen abgeteilt waren, in denen sich zweitausend Menschen bequem aufhalten konnten. Mit der reichsten Siegesbeute beladen kehrten sie also nach der Stadt zurück, wo sie in Lust und Freude einen festlichen Tag begingen und dem ihren Dank erwiesen, durch den es gekommen war, daß sie nach so vielen Mühsalen und Beschwerden den gewünschten Sieg erlangt hatten. Die aber, die auf der Burg lagen, schlossen, sowie sie sahen, daß die Ihrigen unterlegen seien, und daß sie auf keinen Beistand mehr hoffen durften, einen Vertrag, nach dem sie mit ihren Weibern und Kindern und all ihrer Habe frei ausziehen durften, und übergaben dann die Burg unseren Fürsten, deren Fahnen auf den höchsten Türmen aufgepflanzt wurden. So geschah es durch Gottes reiche Gnade, daß die, welche gestern und vorgestern noch arm und beinahe ausgehungert waren, jetzt, wo sie den Sieg erfochten und auch die Burg der Stadt wieder in ihrer Gewalt hatten, mit allem reichlich gesegnet waren. Es war nämlich auch mit den Mächtigsten unter ihnen und Leuten von bedeutendem Namen so weit gekommen gewesen, daß sie hatten betteln müssen, denn um von den gemeinen Soldaten zu schweigen, so war Graf Herrmann, ein edler Mann aus dem Deutschen Reich, in solche Armut geraten, daß er es für eine große Wohltat ansah, wenn er täglich vom Tisch des Herzogs Brot bekam. Auch Heinrich von Ascha, ein durch seine Tüchtigkeit ausgezeichneter Mann, wäre Hungers gestorben, wenn nicht auch ihn der Herzog an seiner Tafel gespeist hätte. Der Herzog selbst aber war während der Belagerung der Stadt, ehe man zum Treffen hinauszog, so arm, daß er gar keine Pferde mehr hatte und um das, dessen er sich in der Stadt bediente, den Grafen von Toulouse bitten mußte, der ihm kaum diese Bitte gewährte. Er selbst nämlich und die anderen Fürsten hatten alles, was sie an Geld mit sich genommen hatten, durch die Bereitwilligkeit, mit der sie anderen Almosen gaben und Werke der Wohltätigkeit verrichteten, und hauptsächlich durch ihren Aufwand für das allgemeine Wohl völlig verbraucht. So kam es, daß viele Edle, die bei den Ihrigen sowohl durch ihre Geburt als durch ihre Tapferkeit sich auszeichneten, an dem Tag, wo man zum Kampf zog, teils zu Fuß, teils auf Eseln oder geringeren Lasttieren zum Kampf ziehen mußten, weil sie so arm waren, daß sie keine Pferde mehr besaßen. Aber der Herr sah gnädig auf ihre Armut herab und bereicherte sie, noch ehe die Sonne unterging, mit großen Schätzen, die sie von den besiegten Feinden gewannen. Jene alte samaritanische Geschichte mit dem Maß Gersten- und Weizenmehl, das man um einen Stater kaufte, erneuerte sich hier völlig, denn wer am Morgen noch nicht für sich genug gehabt hatte, hatte abends so viel, daß er eine große Anzahl ernähren konnte. Dies ist geschehen im Jahr der Menschwerdung des Herrn eintausendundachtundneunzig, im Monat Juli, am achtundzwanzigsten des Monats.

    XXIII. Als nun die Fürsten aus dem Treffen zurückgekehrt waren und in der Stadt sich die Ruhe wieder völlig hergestellt hatte, lag es allen und hauptsächlich dem Patron des Heeres, dem ehrwürdigen Bischof von Puy, aber auch den anderen Priestern, die im Heer waren, sowie dem Volk, das seine Zustimmung hierzu gab, sehr am Herzen, sowohl die größere Kirche der Stadt, die dem Fürsten der Apostel geweiht war, als die übrigen Basiliken wieder in ihren vorigen Stand zu setzen und eine Geistlichkeit aufzustellen, welche sich fortwährend dem göttlichen Dienst widme. Das gottlose Türkenvolk nämlich hatte die ehrwürdigen Orte entweiht, die Diener des göttlichen Kultus hinausgeworfen und die Kirchen zu gemeinem Gebrauch bestimmt, die einen zu Ställen für Pferde und Lasttiere, die andern zu sonstigem Gebrauch, der sich für diese Orte nicht schickte. Auch die ehrwürdigen Heiligenbilder, welche das niedrige christliche Volk in seiner noch rohen aber löblichen Frömmigkeit wie Bücher gebraucht, an denen es sich, weil es nicht lesen kann, zur Andacht ermuntert, hatten sie von den Wänden gerissen und ihnen, als hätten sie es mit lebenden Menschen zu tun, die Augen ausgestochen, die Nasen abgeschnitten und sie mit Kot überzogen. Sie hatten auch die Altäre umgeworfen und das Heiligtum des Herrn zu schändlichen Dingen mißbraucht. Man beschloß daher in gemeinschaftlichem Rat, es solle sogleich und ohne Aufschub wieder ein Klerus hier aufgestellt, den Orten ihre vorige Würde wiedergegeben und eine Summe angewiesen werden, um die, welche hier dem Herrn dienen, zu erhalten. Sie trugen von ihrer Beute Gold und Silber herbei, um Kandelaber, Kreuze, Kelche, Evangelienbücher und sonstiges, was die Kirchendiener nötig haben, daraus verfertigen zu lassen. Auch Seidenzeuge brachte man, um Priestergewänder und Altardecken daraus zu machen. Sie setzten auch den Patriarchen Johannes, der als ein treuer Bekenner Christi seit der Ankunft der Unseren Unglaubliches von den Feinden hatte ausstehen müssen, mit vielen Ehrenbezeugungen in seinem Amt ein, und in den benachbarten Städten, die bisher Kathedralkirchen gehabt hatten, stellten sie Bischöfe auf. Einen lateinischen Patriarchen aber mochten sie, solange jener lebte, der früher dazu erwählt worden war, nicht zu dieser Stelle erheben, damit nicht zwei ein und denselben Sitz innehaben, was bekanntlich gegen die heiligen Beschlüsse und Satzungen der Kirchenväter ist. Er ging aber nachher, nachdem kaum zwei Jahre verflossen waren, von selbst aus der Stadt, da er einsah, daß er als Grieche kein passender Vorsteher der lateinischen Christen sei, und wandte sich nach Konstantinopel. Nach seinem Abgang versammelten sich der Klerus und das Volk und machten den Bischof von Artasia mit Namen Bernhard, der aus Valence war und zum Gefolge des Bischofs von Puy gehört hatte, dessen Kaplan er gewesen war, zu ihrem Patriarchen. Den Besitz der Stadt aber überließen alle einmütig, wie sie es schon früher versprochen hatten, dem Bohemund. Nur der Graf von Toulouse besetzte das Brückentor und die benachbarten Türme mit seiner Mannschaft. Nachdem der Graf aber die Stadt verlassen hatte, wurde diese Mannschaft vertrieben, und Bohemund bekam auch diesen Teil in seine Gewalt, wie weiter unten erzählt werden wird. Weil er aber bei den Seinen den Namen Fürst geführt hatte, so erhielt sich die Gewohnheit, daß man forthin den Herren von Antiochien den Titel "Fürst" gab. 

 

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