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Fünftes Buch

Die Bürger von Antiochien schicken nach allen Seiten um Hilfe. Annäherung von Hilfstruppen. (Kap. 1) Das feindliche Heer wird geschlagen. Bestürzung der Antiochier. (Kap. 2. 3) Das christliche Heer erbaut Befestigungswerke. Ankunft genuesischer Schiffe. Das Volk, das nach dem Hafen hinabgegangen ist, wird von den Feinden überfallen. Der Herzog zieht ihnen zu Hilfe und richtet unter den Feinden, wie sie nach der Stadt zurückkehren wollen, eine große Niederlage an. Eine Heldentat des Herzogs in diesem Treffen. Die Christen errichten eine Verschanzung beim Eingang der Brücke. (Kap. 4-7) Die Stadt wird enger eingeschlossen. Gerücht von der Ankunft eines ungeheuren Hilfsheeres. Graf Stephan von Blois entweicht an das Meeresufer. (Kap. 8-11) Bündnis Bohemunds mit einem christlichen Antiochier. Die Bedingungen, unter denen er ihm die Stadt verraten will. Einwilligung der meisten Fürsten in Bohemunds Vorschläge. (Kap. 11-14) Das Hilfsheer belagert Edessa, steht aber nach einigen Wochen wieder von der Belagerung ab. (Kap. 14) Die Fürsten schicken Kundschafter aus, welche die Nachricht von der Ankunft des feindlichen Heeres bestätigen. Beratungen der Fürsten. Bohemund tritt bestimmter mit seinem Plan heraus und berät sich mit seinem Freund in Antiochien weiter über die Übergabe der Stadt. (Kap. 15-18) Bohemunds Freund reinigt sich von dem Verdacht, den die Antiochier auf ihn geworfen haben. (Kap. 18) Schlimme Lage der Christen in Antiochien. Beschluß der Türken, sie alle zu vertilgen. (Kap. 19) Ausführung des Plans, den Bohemund und sein Freund verabredet haben. Die Stadt wird bis auf die Burg, wohin sich eine Anzahl flüchtet, erobert. (Kap. 20-23)

    I. Weil sie sahen, wie beharrlich und ausdauernd die Unseren waren, und daß sie sich weder durch Hungersnot noch durch die schreckliche Kälte von ihrem Vorhaben abwendig machen ließen, sondern vielmehr, trotz so vieler Beschwerden, ihren Plan auszuführen bemüht waren, riefen indessen die Bürger von Antiochien und ihr Herr, sehr bekümmert über ihre Lage, durch Briefe und häufige Botschaften die benachbarten Fürsten zu ihrem Beistand auf und baten sie dringend, sie möchten mit der Not ihrer Brüder Mitleid haben und ihre Hilfe nicht verzögern. Sie gaben ihnen auch folgende Art an, auf die man ihnen am leichtesten zu Hilfe kommen könne. Sie sollten sich nämlich in der Nähe der Stadt in einen Hinterhalt legen und warten, bis die Bürger wie gewöhnlich an der Brücke mit den Feinden ins Gefecht kämen. Wenn nun die drinnen wie die draußen mit diesem Kampf beschäftigt seien, sollten sie plötzlich und unvorhergesehen die Feinde überfallen. Wenn sie so von vorn und von hinten angegriffen werden, so würde auch nicht einer von ihnen dem Tod entrinnen. Ihre dringenden Bitten bewirkten also, daß von Aleppo, Cäsarea, Damaskus, Emesia, Hieropolis und anderen benachbarten Städten ein Heer von ungeheurer Anzahl sich sammelte, wie ihm anbefohlen war, heimlich und ohne Tumult heranrückte und in der Nähe eines Ortes, der Harenk heißt, kaum vierzehn Meilen von Antiochien, in aller Stille sein Lager schlug, um, wie ihnen dies von den Antiochiern angegeben war, die Unseren unversehens zu überfallen, wenn sie eben mit einem Angriff auf die Stadt beschäftigt wären. Die gläubigen Einwohner der Gegend aber, die bekanntlich den Unseren oft von großem Nutzen waren, benachrichtigten die Fürsten von dem Standpunkt, den sie eingenommen hatten, und warnten sie vor ihrer Ankunft, so daß sich diese hierüber zusammen beraten konnten. Sie beschlossen hier zuletzt, alle Reiter des Heers, die brauchbare Pferde haben, sollen sich in der ersten Abenddämmerung wappnen, sich heimlich und ohne Tumult zu den Fahnen ihrer Fürsten stellen und still aus dem Lager ziehen, das Fußvolk aber solle im Lager zurückbleiben und bis die Fürsten mit Gottes Hilfe zurückkehren auf seinen Schutz bedacht sein.

    II. Sie führten also abends in der ersten Dämmerung, wie es festgesetzt worden war, an die siebenhundert Reiter aus dem Lager über die Schiffsbrücke und zogen bis zu dem Ort, der zwischen dem See, dessen wir oben erwähnt haben, da wir von der Lage der Stadt handelten, und zwischen dem Fluß Orontes, welche beide ungefähr eine Meile voneinander entfernt sind, in der Mitte liegt, und hielten sich hier diese Nacht ruhig. Die Feinde aber waren auch in derselben Nacht auf einer Brücke, die weiter oben war, über denselben Fluß gegangen, ohne das geringste von der Ankunft der Unseren zu wissen. Wie es aber Morgen wurde, beim ersten Licht, ergriffen die Unseren in aller Eile die Waffen und stellten sich unter bestimmten Führern in sechs Schlachtreihen. Die Türken, die schon in der Nähe standen, hatten durch Kundschafter erfahren, daß die Unsern ihnen entgegenziehen. Sie schickten also zwei Geschwader aus ihrem Heer voraus und rückten mit dem größeren Haufen hinten nach. Es geschah aber durch göttliche Fürsorge, daß die Unseren, die, wie wir gesagt haben, kaum siebenhundert waren, sich nach der Kriegskunst auf eine solche Art aufstellten, daß sie unzählige Tausende zu sein schienen, und so gleichsam vom Himmel eine Verstärkung erhielten. Wie nun die Heere allmählich gegeneinander vorrückten, begannen die ersten Reihen der Türken mit dem heftigsten Ungestüm auf die Unseren einzustürzen, und wenn sie einen Hagel von Pfeilen entsandt hatten, kehrten sie wieder zu den Ihrigen um. Die Unseren aber machten sich nichts aus diesem Angriff, sie drangen in der Nähe auf sie ein, schwangen ihre Lanzen mit gewohnter Rüstigkeit und gebrauchten ihre Schwerter so, daß sich die Feinde auf einen Trupp zusammenziehen mußten. Wie sie nun in dem engen Raum, da sie auf der einen Seite vom See, auf der anderen vom Fluß gehindert wurden sich weiter auszubreiten, zu ihrer gewohnten Kunst, nach allen Seiten auseinanderzufliehen, und zu ihrer Geschicklichkeit im Pfeilschießen nicht ihre Zuflucht nehmen konnten, waren sie nicht imstand, den Angriff der Unseren auszuhalten. Sie drückten sich aus Furcht vor den Schwertern zusammen und setzten ihre einzige Hoffnung auf die Flucht. Sie wenden also den Rücken und beginnen zu fliehen, die Unseren aber verfolgen sie bis zu ihrem Lager, das Harenk heißt, von dem vorhin die Rede war, zehn Meilen von dem Ort des Treffens, töteten viele von ihnen und richteten eine unendliche Niederlage unter ihnen an. Wie die Einwohner dieses Orts sahen, daß die Ihrigen die Flucht ergriffen haben und fast alle durch die Schwerter der Feinde umgekommen seien, getrauten sie sich nach dem Fall von diesen nicht mehr länger in ihrer Festung zu bleiben. Sie zündeten dieselbe an und ergriffen ebenfalls die Flucht. Die Armenier aber, die in dieser Gegend wohnten, und andere Gläubige, deren es hier sehr viele gab, besetzten die genannte Stadt und überlieferten sie unseren Fürsten, noch ehe diese wieder ins Lager zurückkehrten. Es fielen an diesem Tag ungefähr zweitausend von den Feinden, und die Unseren kehrten mit fünfhundert Türkenköpfen, mit tausend starken Pferden, die sie sehr wohl brauchen konnten, und mit ungeheurer Siegesbeute, erfreut über den doppelten Sieg, der ihnen geglückt war, und zu neuer Hoffnung ermutigt, voll des innigsten Dankes gegen Gott in ihr Lager zurück.

    III. Die Bürger nun warteten die ganze Nacht auf die versprochene Hilfe und wünschten aufs sehnlichste den Morgen herbei, um, wenn die Feinde von außen auf die Unseren eindringen, von innen hervorzubrechen und diese, denen alles unvermutet kommen würde, völlig zu Boden zu werfen. Wie sie aber, als die Nacht zu Ende ging und es schon zu tagen begann, keine Zeichen von der Ankunft der Hilfstruppen sahen und durch Kundschafter erfuhren, daß die Unseren diesen entgegengezogen seien, scharten sie sich zusammen, brachen alle aus den Toren der Stadt und bekämpften beinahe den ganzen Tag die Unseren aufs heftigste, bis sie sich, als die Wachen, die auf den höchsten Plätzen der Stadt aufgestellt waren, die Ankunft der Unseren meldeten, in die Stadt zurückzogen, wo sie von den Türmen und Mauern und von anderen hohen Punkten aus Heere herankommen sahen, aber ohne zu wissen, ob die Anrückenden die Unseren oder die Ihrigen seien. Endlich jedoch, als die Unseren näher heranrückten, als sie ihre Waffen erkannten, als sie sahen, daß sie Beute mit sich bringen und erfuhren, daß sie als Sieger zurückkehren, die Ihrigen aber von ihnen aufgerieben seien, brachen sie, so stark in ihren großen Hoffnungen getäuscht, in schwere Klagen aus. Die Unsern warfen zum Zeichen ihres Sieges und um diesen ihren Schmerz zu vermehren, als sie gegen die Stadt heranrückten und in ihr Lager kamen, mit Wurfmaschinen zweihundert Türkenköpfe in die Stadt, die übrigen aber ließen sie vor der Stadt auf Pfähle stecken und verboten, sie herabzunehmen, daß diese wie jene ihnen ein Dorn im Auge sein und ihren Verdruß vermehren und vervielfachen sollten. Die Anzahl derer, die den Antiochiern zu Hilfe kommen wollten, soll an die achtundzwanzigtausend gewesen sein, wie man dies aus dem Bericht der Gefangenen vollständig erfuhr. Dies geschah im Monat Februar, am siebenten des Monats, im Jahr der Menschwerdung des Herrn, tausendundsiebenundneunzig.

    IV. Zu derselben Zeit beschlossen unsere Fürsten, auf einem Hügel, der über den Zelten Bohemunds war, ein Lager anlegen zu lassen, damit die Türken, wenn sie es einmal versuchen sollten, die Unseren zu überfallen, hier eine neue Verschanzung fänden, die dem Lager der Unsern gleichsam zu einer Vormauer dienen würde. Nachdem dies geschehen war und das Lager eine sorgfältige Bewachung erhalten hatte, lag das ganze Heer so sicher, als ob es rings von Stadtmauern umschlossen wäre. Diese neue Verschanzung lag nämlich auf der Morgenseite, gegen Mittag war die Mauer der Stadt und der Sumpf, der an die Mauer stößt, gegen Sonnenuntergang und gegen Mitternacht der Fluß, der sich hier gegen die Stadt biegt. Wie sich nun die Belagerung schon in den fünften Monat hingezogen hatte, kamen einige genuesische Schiffe mit Pilgern und Lebensmitteln aus dem Meer in die Mündung des Flusses. Sie schickten mehrmals Boten und warteten darauf, daß man ihnen einige der Fürsten entgegenschicke, um sie sicher ins Lager zu geleiten. Die Feinde nämlich, die wohl wußten, daß die im Lager häufig an das Meer hinabgingen, und daß die in den Schiffen ebenso sehr in das Lager zu kommen wünschten, hielten alle Wege besetzt. Sie lauerten den Vorübergehenden häufig auf und erschlugen sie, so daß man nur in großem Gefolge nach dem Lager zu kommen wagte. Unsere Fürsten aber hatten in diesen Tagen beschlossen, am Anfang der Brücke, wo eine Kapelle war, in der die Türken ihrem Aberglauben frönten, eine Verschanzung zu errichten, daß der Feind nicht mehr so frei über die Brücke herauskommen könnte. Weil aber Unzählige vom Heer ans Meer hinabgegangen waren, die, wenn sie ihre Geschäfte besorgt hatten, wieder ins Lager zurückkehren wollten, wählte man aus den Fürsten Bohemund, den Grafen von Toulouse und dazu Eberhard von Puysaie und den Grafen Werner von Gray, daß sie die ägyptischen Gesandten, die wieder heimkehren wollten, bis ans Meer begleiteten und die im Hafen, die Neuangekommenen wie die, welche aus dem Lager zu ihnen hinabgegangen waren, ins Lager zurückführten. Wie nun die Bürger von Antiochien hörten, daß die genannten Fürsten ans Meer hinabgezogen seien, sandten sie ihnen viertausend Mann leichte Truppen entgegen, um ihnen einen Hinterhalt zu legen und ihnen, wenn es sich treffe, daß sie beim Rückzug unvorsichtig seien, mutig entgegenzutreten. Es geschah aber, daß sie von den Feinden, als sie am vierten Tag zurückkehrten und eine Menge von waffenlosem Volk und von Lastvieh, das mit Futter und sonstigen Vorräten beladen war, mit sich führten, an einem Engpaß plötzlich aus einem Hinterhalt hervor überfallen wurden. Den Vortrab führte der Graf von Toulouse, Bohemund aber den Nachtrab. Obgleich diese nun kräftige und durchaus lobenswerte Männer waren, so konnten sie doch den unbedachtsamen Pöbel nicht nach ihrem Willen regieren und denen, welchen es die Natur verweigert hatte, keine Tapferkeit geben. Nachdem sie daher lange, teils ihrer Ehre wegen, teils um jene von der Gefahr zu befreien, Widerstand geleistet, endlich aber eingesehen hatten, daß das Zögern nur Gefahr bringe, und daß sie sich nicht länger unnütz abarbeiten dürfen, sorgten sie für sich selbst, verließen den ungleichen Kampf und kehrten mit denen von den Ihrigen, welche ihnen folgen konnten, ins Lager zurück. Der Haufe nun ließ alles sein Gepäck und was er sonst mit sich führte zurück und flüchtete sich teils in die Wälder, teils auf die Berge, was aber nicht fliehen konnte, kam durch das Schwert der Feinde um. Die Unseren erlitten hier eine sehr große Niederlage. Über die Zahl der Gefallenen aber haben wir sehr verschiedene Berichte vernommen, doch stimmen die meisten darin überein, daß an die dreihundert verschiedenen Alters und Geschlechts umgekommen seien.

    V. Unterdessen war das Gerücht ins Lager gekommen, die, welche vom Meer haben heraufkommen wollen, seien alle unterwegs unvermutet von den Feinden überfallen und gänzlich zugrunde gerichtet worden. Ob die Fürsten lebend oder tot seien, darüber wußte niemand etwas Sicheres zu sagen. Gottfried aber, ein rüstiger Mann wie er war, gleich bereit die Waffen zu ergreifen und für das Volk Gottes wie für seine Kinder besorgt, läßt die Fürsten zusammenrufen und befiehlt dem ganzen Heer, sich ungesäumt zu wappnen. Er läßt durch Heroldsstimme bei Todesstrafe verbieten, daß sich irgend jemand dieser Forderung der dringenden Not entziehe. Alle sollten vielmehr zu den Waffen fliegen und das Blut ihrer Brüder rächen. Ungesäumt versammelte sich auch das gesamte Heer wie ein Mann. Wie sie geordnet sind, zieht er mit ihnen über die Schiffsbrücke. Zu Befehlshabern der einzelnen Geschwader macht er den Grafen Robert von der Normandie, den Grafen von Flandern, Hugo den Großen und seinen Bruder Eustach. Einem jeden von diesen weist er sein Geschwader an und gibt ihm eine passende Stellung. Er flößt ihnen Mut ein, ruft sie zur Tapferkeit auf und eröffnet ihnen als klugen Männern sein Vorhaben mit diesen Worten: "Wenn es wirklich so ist, wie uns gemeldet worden ist, daß mit Zulassung des Herrn, unserer Sünden halber, die Feinde des christlichen Namens und Glaubens über unsere Herren und Brüder gesiegt haben, so scheint mir, Ihr erlauchten Männer, nichts übrig zu sein, als daß wir entweder mit ihnen sterben oder diese große Schmach, die dem Herrn Jesus Christus zugefügt worden ist, rächen. Glaubt es mir, daß mir Leben und Gesundheit nicht lieber sind als Tod oder jede Art von Krankheit, wenn das Blut so großer Fürsten ungestraft vergossen ist oder wenn diese Niederlage des gottgeweihten Volkes keine volle Rache findet. Ich nun glaube, daß die Feinde, etwas übermütig über diesen Sieg, sich jetzt unvorsichtig betragen und sich im übermäßigen Vertrauen auf ihre Tapferkeit nicht scheuen werden, mitten durch uns hindurch mit ihrer Beute nach der Stadt zurückzukehren. Denn wenn einer vom Glück angelächelt wird, so ist er unbedachtsam, wie man umgekehrt im Unglück und in der Bedrängnis umsichtiger ist als sonst. Wir also, wenn es anders Euch auch so gut scheint, wollen uns hier in Bereitschaft halten, wir wollen, da wir für eine gerechte Sache kämpfen, auf den, in dessen Dienst wir getreten sind, fest vertrauen, daß er uns den Sieg zuwende und die Feinde, wenn sie durch uns hindurch zurückkehren wollen, nach Feindes Art mit der Schärfe des Schwertes empfangen, eingedenk der Schmach, die sie uns angetan haben, und uns der Tugenden unserer Väter nicht unwürdig zeigen." Diese Rede nun gefiel allen und schien ihnen gut, und während sie noch auf sie horchend zusammenstehen, siehe, da kommt Bohemund vom Meer her ins Lager zurück, und kurz darauf folgt ihm der Graf. Das Volk empfing sie unter Tränen, mit der größten Liebe, da es sich über den Verlust solcher Fürsten kaum hätte trösten können. Als sie den Beschluß des Herzogs vernommen hatten, billigten sie seine Rede und gaben zu, daß dies das Beste sei. Wie Arianus erfährt, daß die Seinen gesiegt hatten, zugleich aber wegen der Rückkehr besorgt wurde, hauptsächlich weil das Heer der Unseren außergewöhnlich das Lager verlassen hatte, läßt er alle waffenfähige Mannschaft der Stadt durch ein öffentliches Aufgebot am Brückentor versammeln, daß sie bereit wären, den Ihrigen, wenn sie zurückkehren, im Notfall zu Hilfe zu kommen. Die Unseren aber ließen durch Kundschafter aufs genaueste ausspähen, auf welchem Wege sie einherzögen, und hatten die feste Hoffnung, daß ihnen der Herr zum Sieg verhelfen werde.

    VI. Die Unseren erwarteten nun in geordneten Schlachtreihen und mit aufgerichteten Fahnen die Ankunft der Feinde, und es dauert nicht lange, so kommen Boten einhergesprengt, die mit lautem Zuruf die Ankunft der Feinde melden und die Unseren auffordern, sie sollen sich wappnen und den Feinden entgegenziehen. Als jene aber so nahe herangekommen waren, als es den Unsern gut schien, baten sie Gott um Hilfe, sprachen sich Mut ein, schwangen ihre Lanzen und stürzten sich einmütig mit den Schwertern auf die Feinde, eingedenk der Tapferkeit, die sie früher so oft erprobt hatten. Wie sie mit ihrer gewöhnlichen Heftigkeit auf sie eindringen und ihnen eingedenk dessen, was sie ihnen angetan hatten, nicht einmal Zeit zum Atmen lassen, da schwindet jenen die Kraft dahin. Sie wenden sich zur Flucht und suchen um die Wette nach der Brücke der Stadt zu kommen. Aber der erlauchte Herzog von Lothringen, der in solchen Sachen große Übung hatte, war ihnen zuvorgekommen und hatte einen Platz, der vor ihrer Brücke etwas erhöht liegt, mit den Seinigen besetzt. Hier haut er die, welchen die verehrungswürdigen Fürsten nachdringen, sofern sie zur Brücke flüchten wollen, entweder nieder oder zwingt sie, zu ihrem Verderben wieder in den Kampf zurückzukehren, dem sie entflohen waren. Der Graf von Flandern ficht wie ein tapferer und waffengeübter Mann, streckt mit seinen Scharen die Reihen der Feinde nieder und wirft ihnen in seiner Hitze alles vor, was sie den Unseren Übles zugefügt hatten. Nicht minder tapfer zeigt sich der Graf von der Normandie, würdig der Tapferkeit seiner Voreltern. Auch der Graf von Toulouse, vom Eifer für die Sache Gottes entzündet, ebenso Hugo der Große, eingedenk seines königlichen Blutes und würdig der hohen Stellung, die er einnahm, der Graf Eustach, des Herzogs Bruder, auch Balduin, der Graf von Hennegau und Hugo von Saint Pol, sie alle und viele andere Edle verfolgen den Feind mit solcher Kühnheit und wüten mit solcher Tapferkeit gegen ihn, daß er ganz zertreten wird und sich wie das Vieh, ohne sich zu wehren, hinschlachten läßt. Arianus aber, der hinter den Seinigen, die er zum Kampf hinausgeschickt hatte, die Tore schließen ließ, um ihren Mut dadurch zu erhöhen und sie, weil sie an der Rückkehr verzweifeln mußten, desto kühner zu machen, zog unbedachtsam mit dieser Anordnung, wodurch er sich gut beraten wollte, die Seinigen ins Verderben. Denn als sie den Angriff der Unseren nicht länger aushalten konnten, war die Flucht ihr einziges Rettungsmittel. In dieser Hoffnung aber wurden sie nun getäuscht, und sie kamen durch das Schwert um, da sie auf diesem Wege dem Tod hätten entgehen können. Im Lager war ein solches Waffengeräusch, ein Klingen und Glänzen der Schwerter, ein Wiehern der Rosse, ein Schreien des Volkes, daß, wenn sie sich nicht hätten an den Waffengattungen unterscheiden können, viele aus Irrtum in große Gefahr kommen oder sich aus solcher hätten befreien können. Die Frauen der Stadt aber mit ihren Töchtern und kleinen Kindern, auch die Greise und das Volk, das nicht waffenfähig war, beklagten auf den Türmen und auf der Mauer, wo sie die Niederlage der Ihrigen sahen, ihren Untergang mit Seufzen und Weinen. Sie priesen die vergangenen Zeiten glücklich und die, welche der Tod früher diesem Jammer freundlich entzogen hatte. Hatten sie früher die fruchtbaren Mütter für glücklich gehalten, so änderten sie jetzt ihr Lied und hielten die unfruchtbaren für glücklich und für weit gesegneter als die Mütter. Arianus indessen, als er sah, daß sein Volk ganz geschlagen und der Überrest dem Untergang durch das Schwert des Feindes nahe sei, ließ in aller Eile die Tore öffnen, um sie in Sicherheit zu bringen. Als sich aber dieser Eingang erschloß, entstand von den Fliehenden eine solche Verwirrung auf der Brücke, daß sie von den Feinden und von sich selbst gedrängt in unermeßlicher Zahl in den Fluß stürzten. Hier im Kampf auf der Brücke, als es schon gegen Abend war, gab der Herzog von Lothringen, der sich während des ganzen Treffens aufs wackerste gehalten hatte, einen so ausgezeichneten Beweis seiner Tapferkeit, daß diese Tat, wodurch er sich beim ganzen Heer einen großen Ruhm erwarb, eines ewigen Andenkens wert ist, denn nachdem er vielen Geharnischten mit einem Hieb den Kopf abgeschlagen hatte, spaltete er einen der Feinde, der besonders keck auf ihn eindrang, ungeachtet er einen Harnisch anhatte, mitten entzwei, so daß der obere Teil über den Nabel auf die Erde fiel, der andere aber mit dem Pferd, auf dem er gesessen war, in die Stadt kam. Das Volk staunte über dieses unerhörte Heldenstück und rühmte allerwärts diese bewunderungswürdige Tat. Von den Feinden sollen an diesem Tag an die zweitausend gefallen sein. Wäre nicht die Nacht neidisch auf die Auszeichnung und den Sieg der Unseren zur Unzeit eingebrochen, so hätte sich ohne Zweifel an diesem Tag die Sache mit den Antiochiern entschieden. Die Gegend um die Brücke und der Fluß trugen aber so viele Spuren von dem Gemetzel, das hier stattgefunden hatte, daß dieser seine Farbe veränderte und blutrot zum Meer hinablief. Es wird auch gesagt, und einige Gläubige, die aus der Stadt sich zu den Unsern begaben, bestätigen dies vollständig, daß zwölf von den höchsten Satrapen zum unersetzlichen Verlust der Stadt bei diesem Treffen zusammengehauen worden seien.

    VII. Als endlich das Morgenlicht in seinem gewohnten Lauf zurückkam, versammelten sich die Fürsten wiederum. Sie dankten dem Allmächtigen für den Sieg, den er ihnen verliehen hatte, und berieten sich über das, was nun zu tun sei. Und allen schien es passend zu sein, den früheren Plan wiederaufzunehmen und am Eingang der Brücke eine Verschanzung zu errichten, daß den Bürgern der Ausgang aus der Stadt verwehrt sei und die Unsern ohne Gefahr die Umgegend durchstreifen könnten. Es war aber an dieser Stelle, wie ich schon gesagt zu haben glaube, eine Kapelle, die ihnen zugleich zu einem Begräbnisplatz diente. Dorthin nun hatten sie in der vergangenen Nacht und gegen die Mitte des nächsten Tages die Leichname ihrer Toten getragen und sie hier bestattet. Als unser Volk hiervon sichere Kundschaft erhielt, erstürmte es diesen Platz, verletzte die Grabmäler, um die Kostbarkeiten, die mit den Toten begraben wurden, zu gewinnen, grub die Bestatteten aus und riß Gold, Silber und kostbare Kleider samt den Leichen aus den Gräbern. War man früher über die Zahl der Gefallenen noch im Zweifel gewesen, weil das Treffen erst gegen Nacht sein Ende nahm, so wurde man durch dieses Öffnen der Gräber hierüber vollständig belehrt, und die Freude über die gestrige Schlacht erhöhte sich dadurch. Denn außer denen, die durch verschiedene Zufälle im Fluß ertranken, und denen, die in der Stadt begraben wurden, wie auch denen, die tödlich verwundet ihrem Ende entgegensahen, wurden an diesem Platz fünfzehnhundert Tote gefunden. Von diesen trugen sie dreihundert Köpfe oder mehr nach dem Hafen und machten denen von den Unsern, die sich nach der gestrigen Schlacht wieder dorthin begeben hatten, damit eine große Freude. Auch die ägyptischen Gesandten, die noch im Hafen verweilten, erschraken sehr darüber. Als die, welche sich gestern in der Bedrängnis auf die Berge, in Höhlen, in Wälder und Gehölze geflüchtet hatten, vom Sieg der Unseren hörten, kamen sie wieder ins Lager zurück, und viele, die man im Treffen gefallen glaubte, fanden sich mit Gottes Hilfe wohlbehalten wieder ein. Wie man nun das Volk, das sich da- und dorthin zerstreut, wieder beisammen hatte, errichteten sie beim Anfang der Brücke mit großem Eifer eine Verschanzung mit dicken Mauern, die sie mit einem tiefen Graben umgaben. Sie bedienten sich hierzu der Steine, die sie aus den Gräbern genommen hatten. Als sich die Fürsten hierauf berieten, wer die Bewachung dieses Werkes übernehmen sollte, und keiner sich dieser Last unterziehen wollte, vielmehr ein jeder Entschuldigungen für sich vorbrachte, da trug sich der gottgeliebte Mann, der Graf von Toulouse, von selbst hierzu an und nahm um des allgemeinen Besten willen die neue Verschanzung in seine Obhut. Er erwarb sich damit die Gunst aller, um die er sich im ganzen vorigen Jahr gebracht hatte, wieder zurück. Vom vergangenen Sommer an, den ganzen folgenden Winter hindurch, hatte ihn eine Krankheit so darniedergeworfen, daß er beinahe ganz unnütz war, und daß er allein die Sorge für das Heer, die jeder der anderen Fürsten mit unermüdetem Eifer nach seinen Kräften auf sich nahm, außer acht zu lassen schien und sich gegen niemand freigebig, gegen niemand freundlich im Gespräch erwies, was an ihm um so mehr auffiel, weil es hieß, er besitze und vermöge mehr als alle anderen. Um also den Vorwurf der Untätigkeit und der Kargheit von sich abzuwenden, unterzog er sich dieser Last aus freien Stücken. Außerdem soll er noch fünfhundert feine Silbermark in die Hand des Bischofs von Puy und einiger Edlen gelegt haben, zum Ersatz für die Pferde, die im Treffen verlorengegangen waren. Da nun die Unseren hoffen durften, daß ihnen der Verlust ihrer Pferde wieder ersetzt werde, so griffen sie die Feinde noch einmal so tapfer und mutig an, und die Mißgunst, die sich der Graf zugezogen hatte, verlor sich so völlig, daß er von allen ein Vater und Erhalter des Heeres genannt wurde.

    VIII. Als nun durch die genannte neue Verschanzung, in die der Graf fünfhundert tapfere Männer gelegt hatte, das Brückentor so besetzt war, daß die Feinde nur mit der größten Gefahr herauskommen konnten, durften die Unseren sorgloser ihren Geschäften nachgehen. Die Feinde konnten jetzt nur noch durch das Tor gegen Abend herauskommen, das zwischen dem Fuß des Berges und dem Fluß war. Obgleich es nun den Unsern wenig Schaden bringen konnte, wenn sie aus diesem Tor herauskamen, weil unser Lager diesseits des Flusses war, so beschlossen sie dennoch, um noch freier umherstreifen zu können und weil den Belagerten allein durch dieses Tor Lebensmittel zugeführt wurden, über dem Fluß an einem hierzu passenden Ort eine Verschanzung zu bauen, wo einer der Fürsten seine Stellung nehmen sollte, um den Feinden allen Ausgang aus der Stadt abzuschneiden. Daß man eine solche Verschanzung bauen solle, dahin stimmten alle überein, aber es trug sich niemand an, der ihre Beschützung übernehmen mochte. Als sie nun unschlüssig waren und die Sache nicht weitergehen wollte, wählte man Tankred, den ausgezeichneten rastlos tätigen Mann, zu diesem Geschäft, und als er sich mit seinem geringen Vermögen entschuldigen wollte, steuerte ihm der genannte Graf von Toulouse hundert Mark Silbers zur Erbauung des Werkes bei. Auch setzte man für seine Genossen, daß es ihnen nicht an einer ehrenvollen Belohnung fehle, monatlich vierzig Mark aus dem öffentlichen Schatz aus. Und so geschah es, daß auf einem Hügel nahe bei diesem Tor, wo früher ein Kloster gestanden hatte, die Befestigung erbaut und von klugen und tapferen Männern besetzt wurde. Und Tankred sorgte mit ebensoviel Glück als Tapferkeit, bis das Geschäft hier zu Ende war, für ihre Sicherheit. Es war aber weiter unten, dem Strom des Flusses entlang, zwischen dem Fluß und den Bergen, kaum drei oder vier Meilen von der Stadt entfernt, ein abgelegener Ort, der durch die Fruchtbarkeit und Anmut seiner grasreichen Weiden sehr anzog. Dahin hatten die Antiochier, weil es in der Stadt an Futter fehlte, die meisten ihrer Pferde gebracht. Als dies die Unseren in Erfahrung brachten, sandten sie einige Reitergeschwader auf Umwegen, um ihren Vorsatz zu verbergen, an den genannten Ort, wo sie einige Reiter, die die Herden zu hüten hatten, erschlugen und außer Mauleseln und Mauleselinnen zweitausend edle Pferde nach dem Lager wegführten. Sie hätten damals keine Beute machen können, die dem Heer notwendiger gewesen wäre, denn sie waren teils in der Schlacht, teils durch Hunger, Frost und andere unzählige Unfälle fast um alle ihre Pferde gekommen.

    IX. Da nun auf diese Art die Stadt von allen Seiten belagert war, so daß die Bürger nicht mehr ohne Schwierigkeit aus- und eingehen konnten, um ihre Geschäfte draußen zu besorgen, fing eine große Not bei ihnen an, und sie hatten viele Beschwerden zu ertragen. Am meisten hatten sie vom Mangel an Lebensmitteln zu leiden, der plötzlich einbrach. Auch magerten ihre Pferde ab, weil man ihnen das Futter verringern mußte, und die Tiere versagten ihre Dienste. Die Unseren aber konnten jetzt freier als sonst nach dem Meer und nach anderen Orten, wohin sie ihre Bedürfnisse trieben, umherstreifen. Der Mangel, der den ganzen Winter über das Heer in so große Gefahr gebracht hatte, hörte darum auch größtenteils auf. Der strenge Winter war jetzt vorbei, die Milde des Frühlings war schon zurückgekehrt und das Meer wieder ruhiger geworden. So konnte denn die Flotte, die im Hafen lag, wieder ohne Gefahr hin- und hersegeln, und da durch die warme Jahreszeit die Wege wieder gangbarer geworden waren, so konnten die, welche häuslicher Geschäfte wegen da- und dorthin zu gehen hatten, wieder frei hinausziehen. Auch die, welche der Not, die im Lager herrschte, nach benachbarten Lagern und Städten entflohen waren, kamen jetzt, da die Witterung wieder günstig wurde, ins Lager zurück und stellten sich wieder zu den Waffen. Sie nahmen ihre Kräfte wieder zusammen und rüsteten sich zu neuen Kämpfen. Auch Balduin, des Herzogs Bruder, dessen wir oben erwähnt haben, teilte dem Heere, als er vernahm, welchen Mangel es litt, von den Schätzen mit, die ihm, wie wir schon gesagt haben, der Herr in so reichlichem Maße beschert hatte. Er schickte in seinem Mitleiden ungeheure Geschenke an Gold, Silber, Seidenzeugen und edlen und kostbaren Pferden und bereicherte die Fürsten alle. Aber nicht nur den Fürsten, sondern auch vielen vom Volk erwies er sich so freigebig und erwarb sich dadurch die allgemeine Liebe. Dazu ließ er auch seinem Bruder, damit dieser als der Erstgeborene nicht zu kurz käme, in dem Land, das er diesseits des Euphrats besaß, alle Einkünfte, die er aus Turbessel und der Umgegend an Frucht, Wein, Öl und Gerste bezog, und noch fünfzigtausend Goldstücke anweisen. Außerdem schickte ein mächtiger armenischer Satrap, ein Freund Balduins mit Namen Nichossus, aus Liebe zu Balduin ein merkwürdiges Zelt von sehr großem Umfang durch eine Botschaft an den Herzog. Pankratius aber legte den Boten einen Hinterhalt, nahm ihnen das Zelt ab, und so kam es als ein Geschenk von diesem Pankratius an Bohemund. Als der Herzog dies nachher erfuhr und durch die Boten des Nichossus hörte, wie die Sache gegangen sei, ging er mit dem Grafen von Flandern, mit dem er während des ganzen Zugs am meisten befreundet gewesen war, zu Bohemund und ersuchte ihn, das Geschenk, das für ihn bestimmt und mit Gewalt weggenommen worden sei, zurückzugeben. Jener behauptete, er habe es von dem edlen Mann Pankratius zum Geschenk bekommen und er besitze das, was der Herzog verlange, mit allem Recht. Daß aber nicht eine Bewegung unter dem Volk oder ein Ärgernis unter den Fürsten entstehe, ließ er sich durch die dringenden Bitten der übrigen Fürsten bestimmen, das Geschenk, das ihm gebracht worden war, zurückzugeben, und so versöhnten sie sich wieder völlig. Wir müssen uns hier sehr wundern, daß ein Mann, der sich so sehr durch Mäßigung auszeichnete und der sich immer mit so großer Würde betrug, eine unbedeutende Kleinigkeit mit solchem Ungestüm zurückverlangte, und wir finden nichts, diesen Widerspruch aufzulösen, als jenes Wort: "Niemand ist nach allen Seiten glücklich," und jenes: "Zu Zeiten schläft auch der gute Homer." Auch das können wir noch anführen: "Bei einem langen Werk darf einen wohl einmal der Schlaf überschleichen." Es liegt ja in den Gesetzen der menschlichen Natur, daß wir häufig vom rechten Weg abkommen.

    X. Indessen verbreitete sich das Gerücht überall, der mächtige Fürst der Perser habe auf die dringenden Bitten der Bürger von Antiochien und auf das stets wiederholte Verlangen der Seinigen hin unermeßliche Truppen aus seinem ganzen Reich gesammelt, um jenen damit zu Hilfe zu kommen, er habe ein Edikt erlassen, daß eine unendliche Menge von Türken unter bestimmten Hauptleuten nach Syrien hinaufziehe. Und nicht nur von außen her kam und verbreitete sich dieses Gerücht, auch die, welche sich aus der Stadt ins Lager der Unseren flüchteten, behaupteten einstimmig dasselbe. Als sich dieses Gerücht jeden Tag vermehrte und es hieß, die Feinde stehen schon vor den Toren, ergriff unser Heer ein großer Schrecken. Ja sogar der Graf Stephan von Chartres, ein erlauchter Fürst und ein sehr mächtiger Mann, den die Fürsten bei allen ihren Beratungen wegen seines ausgezeichneten Verstandes als ihren Vater betrachteten, zog sich unter dem Vorwand einer Krankheit von seinen Brüdern zurück und ging mit seinem ganzen Hause und mit aller seiner reichen Habe ans Meer hinab, um, wie er sagte, bei dem kleinen Alexandrien, das nicht weit vom Hafen am Meeresufer liegt und den Anfang von Kilikien bildet, bis zu seiner Genesung und völligen Wiederherstellung zu verweilen. Die, welche in seinem Gefolge gezogen waren, an die viertausend Mann, folgten ihm. Er aber zog sich, als er ans Meer kam, nach dem genannten Alexandrien zurück und erwartete den Ausgang der Sache. Ginge es den Unseren, wie er hoffte, im Krieg gut, so wollte er, als wiedergenesen, zum Heer zurückkehren, wo nicht, so wollte er in den Schiffen, die er sich verschafft hatte, zu seiner ewigen Schmach, mit dem Verlust seiner Ehre, nach der Heimat zurück. Die Fürsten im Lager waren über diese auffallende Handlung, die ihm zur ewigen Schande gereicht, sehr bestürzt. Sie hatten Miteid mit dem edlen Mann, daß er seine eigene Ehre und die Ehre seines Geschlechts auf diese Art befleckte. Sie berieten sich ängstlich, wie sie diesem schlimmen Übel begegnen könnten, damit die übrigen nicht auf sein verderbliches Beispiel hin etwas ähnliches zu versuchen wagten. Sie beschlossen endlich im gemeinschaftlichen Rat, durch Herolde allen im allgemeinen das Weggehen vom Heer zu verbieten. Sollte einer, welches Amt er verwalte oder welche Würde ihm zukomme, heimlich und ohne die Erlaubnis der Fürsten sich aus dem Lager entfernen, so würde er, gleich einem Tempelräuber oder einem Mörder, ewig beschimpft bleiben und die Strafe des Todes erleiden müssen. So geschah es, daß teils aus Liebe zur Tugend, teils aus Furcht vor der Strafe, niemand weiter, auch nur wenig, sich vom Lager zu entfernen wagte, wenn er nicht die Erlaubnis der Fürsten erhalten hatte. Alle vielmehr bewiesen, ohne die geringsten Schwierigkeiten zu machen, einen wahrhaft klösterlichen Gehorsam.

    XI. Diese gottgeliebte Stadt hatte, wie wir schon gesagt haben, schon zu den Zeiten der Apostel auf die Predigt des ersten unter den Aposteln hin die Lehre und das leichte Joch Christi angenommen und war bis auf den heutigen Tag ihrem Glauben treu und ergeben geblieben. Und als der ganze Orient durch die Nachfolger Mohammeds, welche alle Länder gewaltsam zur Gottlosigkeit ihres Aberglaubens und ihrer verkehrten Lehren zwangen, erschüttert wurde, verschmähte diese Stadt den Abfall und wehrte sich, solange sie konnte, gegen die Herrschaft des ungläubigen Volkes. Denn während vom persischen Meerbusen bis an den Hellespont und von Indien bis nach Hispanien die Ketzereien jenes Verführers alle Lande ergriffen hatten, bewahrte diese Stadt mitten unter verkehrten Völkerschaften allein und einzig die Lauterkeit ihres Glaubens und kämpfte männlich für ihre Freiheit. Es waren nämlich kaum vierzehn Jahre verflossen, seit ihre trefflichen Bürger, weil sie dem gewaltigen Sturm der Feinde nimmer länger widerstehen konnten und durch lange Belagerungen ihre Kräfte erschöpft hatten, ihre Stadt den Feinden des christlichen Namens und Glaubens zu übergeben gezwungen worden waren. So kam es, daß zu der Zeit, wo das Heer der Unseren ankam, beinahe alle Einwohner der Stadt Gläubige waren. Sie hatten aber keine Gewalt in der Stadt. Sie durften wohl Handel und Gewerbe treiben, aber nur die Türken und die Ungläubigen konnten Kriegsdienste leisten und die höheren Würden des Staats verwalten. Sie durften also keine Waffen tragen und sich überhaupt um das Kriegswesen gar nicht bekümmern. Besonders aber seit der Zeit, wo das Gerücht von der Ankunft der abendländischen Christen zum Fürsten der Stadt gelangt war, und noch mehr, als die Stadt belagert wurde, beaufsichtigte man sie so argwöhnisch, daß sie nur zu bestimmten Stunden aus ihren Häusern gehen und öffentlich erscheinen durften. Sie zählen aber unter sich Familien von sehr hohem und altem Adel, hauptsächlich aber war ein Geschlecht ausgezeichnet, das Beni-Zerra hieß, was auf lateinisch Filii loricatoris heißt. Sie hießen so entweder von ihrem Stammvater, der diese Kunst ausübte, oder weil sie selbst die Kunst des Waffenschmiedens betrieben. Das Wahrscheinlichste ist, daß einige aus diesem Hause sich immer noch auf diese Kunst legten, und daß sie mit dem Namen auch die Kunst selbst von einem Geschlecht zum andern vererbten. Ihnen war auf der Abendseite der Stadt, beim Sankt-Georgs-Tor, ein Turm, der gewöhnlich der Turm der zwei Schwestern heißt, übergeben worden, daß sie sich dort ruhig mit ihrer Kunst, die dem Herrn und der Stadt vielen Nutzen zu bringen schien, beschäftigen sollten. Es waren in dieser Familie zwei Brüder, von denen der ältere, der das Haupt des Geschlechts und der Familie war, Emir-Feir hieß, ein sehr mächtiger Mann, der mit dem Herrn der Stadt so vertraut stand, daß er in seinem Palast die Dienste eines Notars versah und von ihm auf alle Art ausgezeichnet wurde. Dieser, ein betriebsamer und kluger Mensch, der er war, suchte sich, sowie er hörte, daß Bohemund ein herrlicher und trefflicher Fürst und bei allen Kriegsunternehmungen der erste sei, sobald die Belagerung der Stadt begonnen hatte, durch christliche Unterhändler die Gunst dieses Fürsten zu gewinnen. Solange die Belagerung dauerte, blieb er diesem Vorsatz treu, so daß er ihn beinah jeden Tag über den Zustand der Stadt und das Vorhaben des Arianus in Kenntnis setzte. Als ein vorsichtiger und kluger Mann suchte er das freundschaftliche Verhältnis, in das er mit Bohemund getreten war, so gut es ging geheimzuhalten, damit es nicht ihm und den Seinigen Gefahr bringe, wenn zufällig andere darum erfahren. Auch Bohemund hielt seinerseits die Freundschaft mit diesem guten Mann geheim. Das Geheimnis lag so tief vergraben, daß nicht einmal die Hausgenossen und die nächste Umgebung von beiden das geringste von dieser Freundschaft und von den Botschaften, die sie sich hin- und herschickten, wissen konnten.

    XII. Es waren nun schon sieben Monate, daß sie so vertraut miteinander waren, in aller Stille, wie ich schon gesagt habe, und sie hatten sich in dieser Zeit vielfach darüber besprochen, wie man der Stadt wieder ihre christliche Freiheit verschaffen könne. Wie er nun von Bohemund öfter zur Tat aufgefordert wurde, so soll er ihm einmal durch seinen Sohn, der die geheimen Botschaften hin- und hertrug, folgendes zur Antwort gegeben haben: "Du weißt, Bester der Männer, der Du mir lieber bist als mein Augenlicht, wie aufrichtig ich Dich schätze, seit wir durch die Leitung Gottes in dieses Freundschaftsverhältnis miteinander gekommen sind. Es ist mir auch wohl in meinem Gedächtnis, daß Du Dein Wort immer fest gehalten hast, wie es einem wackeren Manne ziemt. Darum habe ich Dich von Tag zu Tag lieber gewonnen, und Du bist mir immer werter geworden. Über das aber, wozu Du mich so oft aufforderst, habe ich schon manches Mal nachgedacht und alles reiflich erwogen. Kann ich meiner Vaterstadt wieder zu ihrer alten Freiheit verhelfen, die unreinen Hunde, die uns mit gewaltsamer Herrschaft drücken, hinausjagen und das Volk, das den wahren Gott verehrt, in die Stadt führen, so bin ich sicher, daß mir eine ewige Belohnung nicht fehlen wird, und daß ich mit den Seelen der Heiligen am ewigen Glück teilhaben werde. Wenn ich aber einmal die Sache begonnen habe und sie, weil sie so äußerst schwierig ist, nicht zu Ende führen kann, so ist es sicher und unzweifelhaft, daß mein Haus und der Name meiner herrlichen Familie gänzlich vertilgt werden wird, so daß man in Zukunft ihres Namens nicht mehr gedenkt. Dennoch, weil die Hoffnung auf Gelingen die Gemüter der Sterblichen oft zu ähnlichen Unternehmungen treibt, bin ich entschlossen, auf den Fall, daß Du es von Deinen Genossen erlangen kannst, daß sie Dir die Stadt, die Du durch meine Bemühungen erhältst, gänzlich zu eigen geben, dieses Werk, so schwierig es ist, Dir zuliebe, dem ich wie meinen Kindern alles Gute wünsche, zu unternehmen, wobei mir der Herr, durch den wir miteinander verbunden sind, Beistand leisten wird. Ich will diesen, wie Du siehst, sehr festen Turm, der völlig in meiner Gewalt ist, Dir übergeben, wo dann alle die Euren einen freien Eingang in die Stadt haben. Habt Ihr aber im Sinn, die eroberte Stadt, wo Ihr doch alle untereinander gleich seid, gleichzuverteilen, so unterziehe ich mich um jener willen, mit denen ich in keinem Verhältnis stehe, dieser Gefahr nicht. Bemühe Du Dich also emsig zum Heil und Nutzen von Euch allen, die Einwilligung der Fürsten hierzu zu erhalten, und zweifle nicht daran, daß ich an demselben Tag, wo ich erfahre, daß Du dies von ihnen erhalten habest, Dir den Eingang in die Stadt, wie Du wünschst, ungesäumt öffnen werde. Wisse noch, daß, wenn dies nicht bald geschieht, es wohl nie geschehen wird, denn der Herr der Stadt erhält beinah alle Tage Briefe und Botschaften, die ihm melden, daß die Hilfstruppen, die aus dem ganzen Orient gesammelt worden sind, sich bereits mit zweihunderttausend Reitern in der Nähe des Euphrats gelagert haben. Treffen diese Euch außerhalb der Stadt, so ist es Euch kaum möglich, den Bürgern und den neuen Ankömmlingen zugleich standzuhalten."

    XIII. Von diesem Tag an begann nun Bohemund sorgsam zu spähen und die Herzen der einzelnen Fürsten zu erforschen, was für Absichten sie wohl haben und wie sie über die Stadt verfügen wollten, wenn sie sie in Besitz bekämen. Er verhehlte aber sein Vorhaben und machte nur bei denen eine Ausnahme, von denen er ganz gewiß wußte, sie werden seinen Wünschen geneigt sein. Da er sah, daß es ihm bei einigen derselben nicht glücken wollte, so verschob er die Sache auf eine günstigere Zeit. Der Herzog Gottfried jedoch und der Graf von der Normandie wie auch der Graf von Flandern und Hugo der Große waren mit seiner Forderung zufrieden und stimmten ihm aufs geneigteste bei. Sie billigten, daß der edle Mann die Sache so geheimgehalten habe und bewunderten seine Klugheit. Auch bewahrten sie dieses Geheimnis und vertrauten es niemand an. Einzig und allein der Graf von Toulouse war hierin anderer Meinung. So hätte die Sache beinahe einen gefährlichen Aufschub erlitten, denn jener Freund Bohemunds wollte den andern zuliebe eine solche Arbeit nicht übernehmen und sich nicht um ihrer willen so großer Gefahr aussetzen, und Bohemund selbst war nicht so sehr auf den gemeinschaftlichen Nutzen als auf seinen eigenen und den seines Hauses bedacht. Indessen setzte er das vertraute Verhältnis mit dem genannten Mann fort und hielt es durch Geschenke und Dienstleistungen aufrecht. Er erfüllte alle Gesetze einer echten Freundschaft, und beide nährten die Zuneigung, die sie zueinander gefaßt hatten, durch Boten, die sie einander häufig zusandten.

    XIV. Inzwischen waren die Gesandten, welche Arianus und die Bürger um Hilfe nach Persien ausgesandt hatten, wieder zurückgekehrt, nachdem sie ihr Geschäft ganz nach Wunsch vollendet und die Gewährung ihrer Forderungen erhalten hatten. Jener hohe Fürst nämlich hatte aus Mitleid mit der Bedrängnis der Antiochier, von der er gehört hatte, und weil er den Unternehmungen der Unseren entgegentreten und ihre Macht schwächen wollte, damit sie nicht auch Teile von seinem Reich erobern möchten, unendliche Scharen von Persern, Türken und Kurden unter der Anführung eines aus seiner Umgebung, in dessen Tapferkeit, Treue und Eifer er alles Vertrauen setzte, nach Syrien geschickt. Er hatte ihm Hauptleute, die über hundert, und solche, die über fünfzig zu befehlen hatten, und noch niederere Befehlshaber untergeordnet, die alle seinem Willen und Wort gehorchen mußten. Außerdem schickte er noch Briefe an die Statthalter aller Länder, die ihm unterworfen waren, die mit Gesetzeskraft den Völkern und Völkerschaften, den Stämmen, Zungen und Provinzen geboten, sie sollten alle, ohne daß irgendeine Entschuldigung gelte, seinem geliebten Sohn Kerbogha, den er seiner Verdienste halber zum Oberbefehlshaber der Heere ernannt habe, in allem, was er nach seinem Gutdünken beschließe, gehorsam Folge leisten. Mit den genannten Heeren nun, die sich auf Befehl ihres Herrn gesammelt hatten und die auf dem Zug immer mehr wurden, rückte er in Mesopotamien ein und schlug in der Gegend von Edessa sein Lager. Sein Heer aber war zweihunderttausend Mann stark. Als er hier von manchen Seiten her vernahm, daß einer der fränkischen Fürsten, denen der Feldzug galt, die Stadt und das ganze umliegende Land in Besitz habe, beschloß er noch vor seinem Übergang über den Euphrat, die genannte Stadt anzugreifen und zu belagern. Balduin aber, der von seiner Ankunft vorher gehört hatte, hatte seine Stadt aufs sorgfältigste mit Lebensmitteln, Waffen und tapferen Leuten, die er von überallher gesammelt hatte, versehen, so daß er wegen der Drohungen von jenem nur wenig besorgt war. Als nun durch den Herold dem Heer verkündet wurde, es solle die Stadt belagern und mit aller Macht angreifen, sahen sie wohl, daß sie bei dieser tapferen Gegenwehr der Feinde nicht zu ihrem Ziel kommen würden. Die, welche mehr Erfahrung hatten, gingen deswegen zu ihrem Fürsten und überredeten ihn endlich, jedoch mit vieler Mühe, er möchte diese Nebensache beiseite liegen lassen und, wie er sich anfangs vorgenommen habe, über den Euphrat setzen und eilen, das belagerte Antiochien, dem es hauptsächlich galt, in Freiheit zu setzen. Wenn er dort gesiegt habe, so bedürfe er bei seiner Rückkehr kaum einen Tag, um die genannte Stadt zu erobern und Balduin gefangenzunehmen. Nachdem er also drei Wochen lang dort seine Mühe verschwendet hatte, gab er den Heerscharen Befehl, über den Fluß zu setzen. Auch er selbst ging hinüber und suchte sein Unternehmen mit allem Fleiß auszuführen. Dieses sein Zögern bei Edessa war der Grund, warum Balduin bei der Belagerung von Antiochien nicht erscheinen konnte, zugleich aber auch der Grund von der Rettung der Unsern. Wäre er nämlich geraden Wegs vor Antiochien gezogen, so wären die Unseren, wie es dem Bohemund sein Freund vorhergesagt hatte, in große Not gekommen, denn sie hätten die Stadt noch nicht in Besitz gehabt und sie konnten kaum, nachdem ihnen die Stadt durch Gottes Gnade zuteil geworden war, den Angriff dieses Feindes aushalten.

    XV. Unterdessen hatte das Gerücht von der Ankunft so mächtiger Heere das Lager erfüllt, und da so viele dasselbe berichteten, so hielt man es für gewiß, daß sie schon ganz in der Nähe stehen. Den Fürsten flößte dies große Besorgnis ein. Sie sandten deswegen erfahrene Männer, auf deren Treue und Eifer sie sich wohl verlassen konnten, nach verschiedenen Seiten aus, um durch sie, in welche sie keinen Zweifel setzen durften, genauestens zu erfahren, ob sich die Sache wirklich so verhalte, wie man allgemein sagte. Man wählt also für diesen Auftrag die edlen und tapferen Männer Drogo von Neelle, Clarembald von Vandeuil, Gerhard von Cherisi, den Grafen Reinhard von Toul und einige andere, deren Namen wir nicht alle behalten konnten. Diese zerstreuen sich mit ihrem Gefolge nach verschiedenen Seiten und spähen mit der größten Emsigkeit alles aus. Sie schicken wiederum Kundschafter weiter ins Land hinein und erfahren so als gewiß, daß von allen Seiten Heerscharen zusammenströmen und sich wie die Flüsse im Meer zu einem Heer vereinigen, und nun war es Zeit für sie umzukehren, um den Fürsten, die jetzt an der Sache nicht mehr zweifeln konnten, vollständigen Bericht zu erstatten. Es war sieben Tage vor der Ankunft des genannten Fürsten, als die Führer unseres Heeres von seiner Annäherung hörten. Sie banden es aber den Kundschaftern auf, nichts davon im Volk laut werden zu lassen, damit dieses, das vor Hunger und Anstrengung sehr erschöpft war, nicht zu sehr erschrecke und an Flucht denke, wie dies ja sogar neulich einigen von den Höheren begegnet war.

    XVI. Die Fürsten berieten sich also, da das ganze Unternehmen jetzt auf der Spitze zu stehen schien, in Demut und Zerknirschung, was in dieser großen Not zu tun sei, und endlich schlugen einige vor, es sollten alle, die bei der Belagerung seien, die Stadt hinter sich lassen und auf drei oder vier Meilen dem ankommenden Heer entgegenrücken. Hier wollten sie mit dem stolzen Fürsten, der so sehr auf seine Macht pochte, unter dem Beistand Gottes ihr Glück versuchen. Andere aber hielten es für zweckmäßiger, einen Teil des Heeres im Lager zu lassen, damit die Bürger der Stadt nicht aus der Stadt gehen und sich mit dem Feind vereinigen könnten. Der Teil des Heeres aber, der am stärksten und in den Waffen am geübtesten sei, solle nach jenem früheren Vorschlag auf drei Meilen, mit der Kraft des Allmächtigen gerüstet, den Feinden entgegenziehen und ihnen hier, wenn es Gottes Wille sei, ein Treffen liefern. Während sie noch hierüber heftig hin und her stritten und jeder seine Meinung sagte, nimmt Bohemund die größeren Fürsten, den Herzog Gottfried und den Grafen Robert von Flandern, auch den Grafen Robert von der Normandie und den Grafen Raimund von Toulouse beiseite und läßt sich in vertrautem Gespräch also gegen sie vernehmen: "Ich sehe, geliebte Brüder und Mitgenossen im Dienst des Herrn, daß Euch die Ankunft dieses Fürsten, die uns gemeldet wird, viele Sorgen macht, und daß ihr in der vorigen Beratung sehr verschiedene Meinungen vertreten habt, keine von allen Parteien aber an das gedacht hat, was bei dem Ganzen die Hauptsache ist. Wir mögen nämlich, wie einige von Euch gewollt haben, alle hinausziehen, oder es mag ein Teil im Lager bleiben, beidemal, glaube ich, verschwenden wir Mühe und Arbeit und den Aufwand, den wir nun schon so lange gemacht haben, ganz unnütz. Gehen wir alle aus dem Lager, so wird die Belagerung aufgehoben und unser Plan vernichtet werden, denn die Bürger werden sich befreien, indem sie entweder frei hinausgehen und sich mit den Feinden verbinden oder indem sie Hilfstruppen in die Stadt führen. Wenn aber ein Teil des Heeres im Lager bleibt, so muß nach meiner Einsicht notwendig dasselbe erfolgen, denn wie wird ein Teil des Heeres die Bürger an einem Ausfall hindern können, besonders wenn sie ihre Hilfe so nahe sehen, da wir sie alle zusammen mit unserer ungeteilten Kraft, zu einer Zeit, wo sie nicht die geringste Hoffnung auf Beistand hatten, kaum eingeschlossen halten konnten. Eines von beiden wird, glaube ich, sicher erfolgen, entweder daß sie sich mit dem Hilfsheer verbinden und so mit verstärkter Kraft uns angreifen, oder daß sie wenigstens Hilfstruppen hereinbringen und die Stadt aufs beste mit Waffen und Lebensmitteln versehen, wo wir dann, wenn wir auch draußen mit Gottes Hilfe siegen, dennoch an die Eroberung der Stadt nicht weiter denken dürfen. Daher, verehrte Brüder, bin ich der Ansicht, wir müssen alle unsere Bemühungen dahin wenden und nur das im Auge haben, daß wir die Stadt in unsere Gewalt bekommen, ehe dieser mächtige Fürst ankommt. Wenn Ihr mich aber fragt, auf welche Art dieser Plan ins Werk gerichtet werden könne, so will ich Euch, damit ihr nicht glaubt, ich habe Unmögliches im Sinn, einen Weg zeigen, auf dem wir kurz und leicht zum gewünschten Ziel gelangen. Ich habe in der Stadt einen Freund, der, soweit dies ein menschliches Auge beurteilen kann, mir sehr ergeben und der auch sehr klug ist. Dieser hat, wie ich einigen von Euch gesagt zu haben glaube, einen sehr festen Turm in seiner Gewalt, den er mir unter bestimmten Bedingungen, sobald ich es von ihm verlange, zu übergeben versprochen hat. Ich habe ihm für diesen Dienst viel Geld und ihm und seinen Erben zu ewigem Besitz bedeutende Grundstücke und jegliche Art von Freiheiten verheißen. Wenn es also Euer Hoheit gutdünkt, daß die Stadt durch unsere Bemühung unser erbliches Eigentum wird, so bin ich bereit, den Vertrag, den ich mit meinem Freund geschlossen habe, zu erfüllen, wenn aber nicht, so mag sich jeder von Euch wie er kann bemühen, die Stadt in seine Gewalt zu bekommen, und mag sie in aller Ruhe für sich besitzen. Ich trete ihm meinen Teil ab und verzichte auf mein Recht."

    XVII. Die Fürsten waren über diese Worte sehr erfreut. Sie stimmten bis auf den Grafen von Toulouse, der sehr trotzig versicherte, daß er seinen Teil niemand abtrete, seiner Forderung willig bei und ließen ihm die Stadt mit allem was dazugehört zum ewigen erblichen Besitz. Sie versprechen sich gegenseitig und geben sich die Hand darauf, das vertraute Geheimnis niemand zu offenbaren, den Bohemund aber fordern sie eindringlich auf, sich mit allem Eifer auf die Ausführung der Sache zu werfen und kein Verzögern, das nur Gefahr bringen könne, eintreten zu lassen. Nachdem sich die Versammlung aufgelöst hatte, schickte jener, ein Mann der er war, der keine Zögerung kannte und seine Pläne immer mit dem größten Eifer verfolgte, die gewöhnlichen Boten an seinen Freund. Er zeigte ihm an, daß er von den Fürsten alles was er gewünscht erlangt habe und machte ihm damit eine ungewöhnliche Freude. Er forderte ihn also auf, sein Wort zu halten und in der nächsten Nacht mit Gottes Hilfe die Sache ins Werk zu setzen. Es hatte sich aber, wie man sagt, in der Zwischenzeit etwas ereignet, was diesen um so mehr antrieb, sein früheres Vorhaben auszuführen. Während er nämlich in seinem Dienst mit den Geschäften, deren er im Haus seines Herrn und in der Stadt viele zu besorgen hatte, beschäftigt war, soll er seinen Sohn, der schon erwachsen war, aus irgendeinem dringenden Grund nach Hause geschickt haben, wo dieser etwas ganz Abscheuliches sehen mußte. Der Sohn fand nämlich seine Mutter mit einem der höheren türkischen Fürsten in unerlaubtem Umgang und lief schaudernd und im Innersten seines Herzens von Schmerz erfaßt eiligst zu seinem Vater und erzählte ihm den greulichen Vorfall. Da soll jener im Zorn über diesen schrecklichen Vorfall und von Eifersucht entzündet gesagt haben: "Diese unreinen Hunde haben nicht genug, daß sie uns, die wir nichts verschuldet haben, mit dem Joch ihrer Knechtschaft drücken und uns mit ihren täglichen Erpressungen um unser Erbgut bringen, sie verletzen auch die ehelichen Gesetze und lösen die Bande zwischen Mann und Frau auf. Ich, wenn ich das Leben behalte, will mit Gottes Hilfe dieser Frechheit ein Ende machen und ihnen den Lohn geben, den sie verdienen." Dies sprach er und schickte dann, ohne sich wegen der Schmach, die ihm zugefügt worden war, etwas anmerken zu lassen, seinen Sohn, der von dem Geheimnis wußte und der über die Schmach seiner Mutter ganz bestürzt war, den gewohnten Weg zu Bohemund. Diesen aber forderte er dringend auf, die Vorbereitungen zu dem genannten Werk zu treffen, er seinerseits werde nicht säumen, in der nächsten Nacht sein Versprechen zu erfüllen. Er gibt ihm auch die Weisung, um die neunte Stunde sollten alle Fürsten, jeder mit seinem Gefolge, aus dem Lager gehen, als wollten sie den Feinden entgegenziehen. Um die erste Nachtwache aber sollten sie heimlich und in aller Stille zurückkehren und bereit sein, sich um Mitternacht nach seiner Anordnung zu verhalten. Bohemund nahm nun den Jüngling heimlich mit sich zu den Fürsten, die um die Sache wußten, und setzte ihnen den ganzen Plan, wie ihn diesem Jüngling sein Vater mitgeteilt hatte, der Ordnung nach auseinander. Jene wundern sich über den Scharfsinn dieses Mannes und über seine große Treue und billigen den Plan in allem.

    XVIII. In diesen Tagen ereignete sich aber etwas, was bei großen Unternehmungen oft zu geschehen pflegt. Die Bürger nämlich und hauptsächlich die, denen die Sorge für die Stadt anvertraut war, bekamen, nicht aus bestimmten Anzeigen, sondern mehr aus einem bestimmten Argwohn, die Ahnung, daß in der Stille Verhandlungen über die Übergabe der Stadt gepflogen werden, und die Sache fing an, in aller Mund zu kommen. Die Vorgesetzten der Stadt versammelten sich also und gingen zu dem Fürsten, um sich hierüber zu beraten. Die Sache kam ihnen nämlich sehr wahrscheinlich vor, und manches schien diese Vermutung zu bestätigen, denn es waren in dieser Stadt, wie schon gesagt, viele Gläubige, die man, obgleich sie völlig unschuldig waren, dennoch im Verdacht hatte. Und hauptsächlich sahen die übrigen Großen den genannten edlen Mann mit Argwohn an, ungeachtet Arianus sehr auf seine Treue und Zuverlässigkeit baute. Auch jetzt, als sie bei Arianus waren und sich angelegentlich über diese Sache berieten, erwähnten sie seiner unter den anderen, die sie für verdächtig hielten, und ihr Verdacht schien um so mehr Grund zu haben, weil er ein Mann von ungewohnter Tätigkeit war und mehr Macht besaß als alle anderen Gläubigen in der Stadt. Diese Vorstellungen überzeugten den genannten Fürsten einigermaßen, und er ließ ihn vor sich fordern. Als er vor ihm erschien, setzte man die Beratung über denselben Gegenstand mit großem Eifer fort, um seine Meinung hierüber zu hören und aus seinen Worten entnehmen zu können, ob man ihn mit Recht im Verdacht habe oder nicht. Weil er aber ein tüchtiger Mann war, der stets alles schnell durchschaute, so merkte er auch sogleich, daß diese Versammlung seinetwegen gehalten werde, weil er ihnen verdächtig erscheine. Um daher künstlich sein Vorhaben zu verbergen und sie von seiner Unschuld zu überzeugen, soll er zu der Versammlung, die ihn auf die Probe stellen wollte, folgende Worte gesprochen haben: "Die Besorgnis, die Ihr habt, ehrwürdige Männer und hohe Fürsten dieser Stadt, ist sehr löblich und kann nur klug geheißen werden, denn sich vor dem zu fürchten, was sich möglicherweise ereignen kann, ist klug, und bei einer bedeutenden Sache schadet es nichts, allzu sorgsam zu sein. Ihr scheint mir also ganz recht zu haben, daß Ihr wegen Eurer Freiheit, Eures Lebens und wegen Eurer Weiber und Kinder diese Besorgnis habt. Wollt Ihr Euch aber meinem Rate fügen, so habt Ihr einen Weg, auf dem Ihr ganz leicht dem Übel, das Ihr fürchtet, begegnen und genügend für seine Abwendung sorgen könnt. Das Abscheuliche, das Eure Klugheit fürchtet, kann durch niemand als durch solche ausgeführt werden, welche die Bewachung der Mauern, Türme und Tore haben. Könnt Ihr Euch nun auf die Treue von diesen nicht ganz verlassen, so wechselt häufiger mit ihnen, damit sie nicht, wenn sie zu lange an demselben Ort stehen, in ein gefährliches Verhältnis zu den Feinden kommen können. Ein solches Geschäft wird nämlich nicht so leicht abgemacht und braucht lange Zeit, auch kann es nicht durch eine Privatperson ausgeführt werden, wenn nicht von den Ersten der Stadt einige sich durch Geschenke zu demselben Frevel verleiten lassen. Dieser schnelle und häufige Wechsel aber wird alle Gelegenheit zu so gefährlichen Unterhandlungen wegnehmen." Mit dieser Rede erschien seine Unschuld erwiesen, und der Verdacht, in dem man ihn gehabt hatte, war einigermaßen von ihm gewichen. Man fand also seine Worte gut und hätte seinen Vorschlag sogleich ins Werk gesetzt, hätte sich nicht schon der Tag geneigt, wo man bei einbrechender Nacht eine solche Veränderung nicht mehr vornehmen konnte. Doch gaben sie Befehl, die Stadt mit aufmerksamer Sorge und mit dem größten Fleiß zu bewachen, ohne daß sie übrigens von dem, was der genannte Man im stillen bereitete, das geringste wußten. Er aber, der wußte, daß in nächster Zeit diese große Veränderung vorgehen sollte, bemühte sich aufs eifrigste, in der Zwischenzeit sein Vorhaben auszuführen, ehe ein Hindernis dazwischenkomme.

    XIX. Die Bürger hatten, seit die Unseren angekommen und die Stadt belagert hatten, die Griechen, Syrer, Armenier und was sonst von Christen in der Stadt war, sehr argwöhnisch angesehen. Sie hatten daher sogleich den Ärmeren, die nicht so viel Lebensmittel vorrätig hatten, als für sie und ihr kleines Hauswesen ausreichte, aus der Stadt geschafft, damit sie dieser nicht zur Last fallen. Nur die Reichen, die großes Vermögen und soviel Lebensmittel vorrätig hatten, als für ihre Häuser hinreichend war, durften innerhalb der Mauern bleiben. Sie quälten aber diese mit so vielen Frondiensten, daß es denen, die sie aus der Stadt getrieben hatten, besser zu ergehen schien als denen, welchen sie als eine große Wohltat den weiteren Aufenthalt verstattet hatten. Sie drückten sie nämlich mit vielen Erpressungen und nahmen ihnen gewaltsam, was sie glaubten, daß sie besitzen, und zwangen sie zu niedrigen Geschäften und Dienstleistungen aller Art. Waren Maschinen aufzurichten oder Balken von großem Gewicht fortzuschaffen, so wurde dies Geschäft sogleich ihnen aufgebunden. Die einen mußten Steine und sonstiges, was man zum Bauen braucht, hin- und hertragen, die anderen die Felsmassen, die gegen die Feinde geschleudert wurden, für die Wurfmaschinen herbeitragen und bei den Seilen, mit denen man die Steine warf, Dienst tun, alles ganz nach Willkür der Vorgesetzten, ohne daß man ihnen einige Rast dazwischen gewährte. Und wenn sie dann die Geschäfte, die man ihnen aufgegeben, in aller Demut treulichst besorgt hatten, so erhielten sie Schläge und Backenstreiche und wurden so aufs unwürdigste und schmählichste für ihre Dienste belohnt. Daran aber hatten die unreinen Hunde, die sie mit ihrem harten Joch drückten, nicht genug. Um das Maß ihrer unerhörten Bosheit vollzumachen, hatten sie acht Tage vorher, ehe sie, wie wir schon erzählt haben, den genannten Mann, weil er ihnen verdächtig schien, zu sich hatten rufen lassen, in einem geheimen Rat beschlossen, alle Gläubigen, die in der Stadt wohnten, plötzlich in der Nacht zu töten. Und wäre die Vollstreckung dieses Beschlusses nicht durch einen großen und klugen Fürsten der Stadt, der sich den Christen immer als Freund erwiesen hatte, gegen den Willen der anderen noch acht Tage weiter hinausgeschoben worden, so wären ohne allen Zweifel alle Gläubigen in dieser Nacht von den Schergen, durch die sie ihren schändlichen Plan ausführen wollten, umgebracht worden. Man hatte aber darum die Sache auf acht Tage weiter hinausgeschoben, um indes sehen zu können, ob die Belagerung von den Unseren aufgehoben werde. Sollten die Unseren damit fortfahren, dann sollte, was beschlossen war, ausgeführt werden, im andern Fall wollte man der zum Tode Bestimmten schonen. Die Frist war indessen verlaufen und diese Nacht war die letzte, und schon hatte man in der Stille den Befehl ergehen lassen, das genannte Urteil zu vollstrecken, als Bohemund und der genannte Emir-Feir übereinkamen, in dieser selbigen Nacht ihr Vorhaben auszuführen und den Gedanken, den sie schon lange gefaßt hatten, ins Werk zu setzen, was denn auch mit Gottes Hilfe geschah. Als daher in dieser Nacht die Unseren die Stadt einnahmen, waren die Vorsteher der Stadt über den entstandenen Tumult ganz ruhig, denn sie glaubten, das Lärmen habe nichts anderes zu bedeuten, als daß an ihren christlichen Mitbürgern das Todesurteil vollzogen werde. Man fand auch, als die Unseren die Stadt eingenommen hatten, in den Häusern der Gläubigen sehr viele der Feinde, die hierhergekommen waren, um, wie ihnen aufgetragen worden war, diese plötzlich und unvermutet zu ermorden.

    XX. Um die neunte Stunde also wurde durch Heroldsstimme verkündet, alle die zur Reiterei gehörten sollten sich wappnen und den größeren Fürsten folgen, um ungesäumt, was man ihnen auftrage, auszuführen. Aber nicht nur das niedere Volk wußte nichts von dem Geheimnis, auch nur wenigen von den Höheren hatte man es eröffnet. Es geschah also, daß nach dem Plan des klugen Mannes die ganze Reiterei sich zu den Fahnen der Fürsten stellte und das Lager verließ, als wollten sie sich weiter entfernen. Als aber die Nacht einbrach und die Erde in Dunkelheit hüllte, kamen sie unter ihrem Schutz heimlich und in der Stille wieder ins Lager zurück. Nun hatte der Mann Gottes, der den Unseren so viel Liebes erwies, einen Bruder von mütterlicher Seite, der ganz anderen Sinnes war und andere Pläne hatte. Er hatte diesem, weil er ihm nicht sonderlich vertraute, sein Geheimnis nicht mitgeteilt, ihm vielmehr sein Vorhaben, soviel er konnte, verhehlt, weil er ihm verdächtig war. An diesem Tage aber, während unser Heer um die neunte Stunde das Lager verließ, schauten beide Brüder durch die Gitter der Mauer miteinander auf das Lager herab und sahen, wie die Scharen der Unseren hinausziehen. Nun wollte der ältere Bruder den jüngeren aushorchen und seinen Willen erforschen und begann also zu ihm: "Es tut mir leid, mein Bruder, um dieses Volk, dem die Gnade unseres Glaubens zuteil geworden ist, daß es so schnell seinen Untergang finden muß. Unbesorgt, ohne zu wissen, was ihm der morgige Tag bringt, zieht es dahin und scheint nichts zu fürchten, als ob alles ruhig und sicher wäre. Wüßte man aber, welche Rüstungen man gegen es macht und wie in nächstem sein Untergang erfolgen wird, es würde sich wohl anders vorsehen." Darauf antwortete sein Bruder: "Es ist töricht und unpassend, daß Du solche Sorge und solches Mitleid mit ihnen hast! Wären sie nur schon alle den Schwertern der Türken erlegen, denn seit dem ersten Tag ihrer Ankunft hat sich unsere Lage sehr verschlimmert, und wir könnten künftig kaum so viel Gutes von ihnen bekommen, als wir ihretwegen Widerwärtiges bereits erlitten haben." War er früher darüber im Zweifel gewesen, ob er nicht sein Vorhaben dem Bruder mitteilen sollte, so schauderte er jetzt vor ihm wie von der Pest zurück und verwünschte ihn in seinen Gedanken, und daß der Gehorsam gegen Christus durch ihn nicht Not leide, fing er an, daran zu denken, wie er ihn aus dem Leben schaffen könnte, denn das allgemeine Wohl der Gläubigen ging ihm über die Bruderliebe.

    XXI. Unterdessen ging Bohemund, der vor Eifer für sein Werk kaum zu Atem kam und alles aufbot, daß die Sache nicht durch seine Nachlässigkeit einen Aufschub leide, bei den Fürsten umher und forderte sie dringend auf, allen Fleiß anzuwenden. Er hatte schon eine Strickleiter in Händen, die künstlich aus hänfenen Seilen geflochten war und die unten mit eisernen Haken, die an ihr angebracht waren, oben aber an die Vorsprünge der Mauer angelegt werden sollte. Um Mitternacht nun, als sich die ganze Stadt zur Ruhe begeben hatte und sich im Schlaf von den großen Anstrengungen und den vielen bisherigen Nachtwachen erholte, schickte er einen aus seiner nächsten Umgebung, mit dem er sehr vertraut war, an den genannten Freund, um von ihm zu erfahren, ob er jetzt mit den Seinigen herbeikommen solle. Dieser fand den Mann wachend bei den Öffnungen der Mauer. Als er ihm mit leiser Stimme die Botschaft seines Herrn gemeldet hatte, antwortete jener: "Setze Dich ruhig nieder und schweige, bis der Präfekt über die Wachen, der jetzt mit großem Gefolge und mit vielen Lampen einherkommt, an dieser Stelle vorüber ist." Es war nämlich in dieser Stadt so eingeführt, daß außer den Wachen, die auf den einzelnen Türmen standen, ihr Vorgesetzter drei- oder viermal in der Nacht mit großem Gefolge, das Fackeln in den Händen trug, einen Umgang um die Mauern hielt, um die, welche eingeschlafen waren oder sich auf ihren Posten nachlässig erwiesen, zur verdienten Strafe zu ziehen. Als nun der, welcher dieses wichtige Amt hatte, den genannten Mann wach fand, lobte er ihn darum und ging arglos weiter. Als jener sah, daß die rechte Zeit gekommen sei, sagte er zu dem Boten, der sich verborgen hielt: "Gehe schnell und sage Deinem Herrn, er möchte eiligst mit auserlesenen Männern hierherkommen." Dieser lief in aller Schnelligkeit zu seinem Herrn zurück, der schon bereitstand und heimlich die anderen Fürsten einberufen ließ, die in einem Augenblick, da sie sich schon vorher gerüstet hatten, jeder mit den Seinigen ihm folgten und plötzlich wie ein Mann in aller Stille und ohne das geringste Geräusch vor den Turm rückten, der ihnen schon lange vorher bezeichnet worden war. Indessen war der genannte Mann in denselben Turm gegangen, wo er seinen Bruder schlafend fand, den er, weil er wohl wußte, wie abgeneigt er seinem Vorhaben sei, und weil er fürchtete, das Unternehmen, das schon halb vollendet war, möchte an ihm ein Hindernis finden, mit dem Schwert durchbohrte, womit er eine Handlung beging, die fromm und verbrecherisch zugleich war. Dann ging er zur Öffnung zurück, und als er sah, daß die, welche er gerufen hatte, zur Stelle seien, ließ er ihnen, nachdem sie sich beiderseits begrüßt und angesprochen hatten, ein Seil hinab, an dem er die Strickleiter heraufziehen könnte. Als nun die Leiter aufgerichtet und oben und unten aufs beste befestigt war, wollte sich niemand finden, der auf die Aufforderung seines Führers oder Bohemunds den Versuch zu machen wagte, hinaufzusteigen. Als dies Bohemund sah, stieg er selbst unerschrocken zuerst hinauf. Als er alle Sprossen der Leiter erstiegen und die Hand schon in die Mauerbrüstung gelegt hatte, soll sie Emir-Feir, der wußte, daß es Bohemunds Hand war, von innen ergriffen und gesagt haben: "Diese Hand soll leben! Und um sich die Liebe Bohemunds und aller Gläubigen dadurch, daß er seinen Halbbruder, der diesem heiligen Werk nicht beistimmte, durchbohrt hatte, in noch höherem Grade zu gewinnen, führte er ihn in den Turm und zeigte ihm den toten Bruder, der hier in seinem Blut lag. Bohemund umarmte ihn nun wegen dieses festen und treuen Sinnes, ging dann zur Mauer zurück, streckte den Kopf ein wenig durch die Öffnung und forderte die Seinen mit gedämpfter Stimme auf, heraufzusteigen. Da sie sich noch nicht entschließen konnten und keiner heraufzusteigen wagte, da ihn alles, was von der Mauer herab gesprochen wurde, verdächtig erschien, stieg Bohemund auf der Leiter wieder zu den Seinigen herab und überzeugte sie so aufs klarste, daß er ganz wohlbehalten sei. Auf dieses stiegen sie nun um die Wette hinauf und erfüllten in einem Augenblick die Mauer und besetzten nicht nur diesen Turm, sondern auch einige andere auf dieser Seite. Wir haben gehört, daß unter anderen der Graf von Flandern und Tankred hinaufstiegen, deren Beispiel die übrigen folgten.

    XXII. Als die genannten Fürsten sahen, daß die, welche bereits hinaufgestiegen waren, ihrer Anzahl und ihrer Geschicklichkeit nach wohl hinreichen, eines oder mehrere Tore zu öffnen, kehrten sie in aller Schnelligkeit ins Lager zurück, um ihre Mannschaften bereitzuhalten und wenn das Zeichen von innen gegeben würde ungesäumt in die Stadt brechen zu können. Die aber, die auf der Mauer standen, hatten mit einer Tapferkeit, die ihnen von oben kam, unter Führung des genannten Mannes, der sie eingelassen hatte, bereits zehn Türme, die in ununterbrochener Reihe standen, in Besitz genommen und die Wachen getötet, und dennoch lag die ganze Stadt in Ruhe, so daß man nicht das geringste Geräusch hörte. Es war nämlich in diesem Teil der Mauer, wo die Unseren hinaufgestiegen waren, ein falsches Tor. Dieses öffneten sie gewaltsam, indem sie die Schlösser erbrachen, und ließen die, welche draußen warteten, ein. So wuchs die Zahl derer, die in der Stadt waren, ins Unermeßliche, und sie konnten jetzt auf das Brückentor, das sie ebenfalls mit Gewalt öffneten, nachdem sie die Wächter erschlagen hatten, einen Angriff wagen. Indessen hatten einige aus der Umgebung Bohemunds die Fahne von diesem auf den Berg getragen, der die Stadt überragte, und oben bei der Burg auf einem hohen Turm aufgepflanzt. Wie sie nun sahen, daß die Morgenröte den Sonnenaufgang verkündete, gaben sie mit Hörnern und Trompeten das Zeichen, daß die, welche im Lager waren, in die Stadt einbrechen sollten. Als die Fürsten das verabredete Zeichen erkannten, griffen sie zu den Waffen, rafften schnell ihre Scharen zusammen und rannten in die Stadt, wo sie die Eingänge und Tore besetzten. Das gemeine Volk, das bis jetzt nichts von dem Geheimnis gewußt hatte, erwachte jetzt auch, wo es das ganze Lager beinahe leer sah, und folgte den anderen um die Wette nach der Stadt. Die Bürger, die bei dem großen Getöse erwachen, wissen zuerst nicht, was dieser ungewöhnliche Lärm bedeute. Endlich, als sie die Geharnischten durch die Stadt rennen sahen und das Blutbad erblickten, das hier und dort auf Straßen und Plätzen angerichtet wurde, erkannten sie die Sache für das was sie war. Sie verließen also ihre Häuser und suchten mit Weib und Kind zu entfliehen. Während sie aber den Reihen der Feinde entkommen wollen und Schlupfwinkel suchen, in denen sie ihr Leben retten können, geraten sie in ihrer Bestürzung gerade in die Mitte der Feinde. Die Syrer, Armenier und andere Gläubige, die in der Stadt wohnten, ergriffen jetzt, froh über den Sieg der Unseren, ebenfalls die Waffen und vereinigten sich mit diesen; und da sie eine größere Ortskenntnis hatten, so zeigten sie den andern die geheimen Wege in der Stadt, und wenn noch ein Tor verschlossen war, so erschlugen sie seine Wächter, erbrachen die Schlösser und ließen das übrige Heer ein. Es schien ihnen eine Wiedervergeltung Gottes, daß sie den unreinen Hunden, von welchen sie in unverschuldeter Knechtschaft gehalten und unbarmherzig auf alle Art gequält worden waren, jetzt alles, was sie ihnen angetan hatten, in gleichem Maß zurückgeben und ihnen den Untergang bereiten konnten. Jetzt war schon unser ganzes Heer in der Stadt. Schon waren die Tore, Türme und Mauern in ihrer Gewalt, und die allen kenntlichen Fahnen der Fürsten, die auf den Höhen aufgepflanzt waren, verkündeten den Sieg. Überall lagen nun Tote, überall hörte man Klagen und das Heulen der Weiber. Die Familienväter lagen erschlagen und die Ihrigen wurden da und dort niedergestoßen. Die Häuser waren erbrochen, die Gefäße und alle sonstige Habe wurden die Beute derer, die zuerst hineindrangen. Die Sieger gingen an Orte, die bis jetzt niemand hatte betreten dürfen, und schonten in ihrer Mordlust und in ihrer Gewinnsucht niemand, wessen Geschlechts er war, welchen Rang er einnehmen mochte. Auch auf das Alter nahmen sie keine Rücksicht. Wenn sie sich auf den Straßen und auf den Plätzen der Stadt begegnen, suchen sie miteinander die Häuser der Mächtigen und die Wohnungen der Reichen. Dorthin ziehen sie alle zusammen, ermorden die Bewohner der Häuser, erbrechen die innersten Gemächer, stoßen die Kinder der Edlen, sogar die Familienmütter nieder und teilen sich in den Hausrat, in das Gold, das Silber und die kostbaren Kleider, die sie finden. Es sollen an diesem Tag von den Bürgern mehr als zehntausend umgekommen sein. Ihre Leichname lagen untereinander da und dort auf den Straßen umher.

    XXIII. Als Arianus sah, daß die Stadt den Feinden verraten war, daß sie die Türme, die Mauern und die ganze Stadt in Besitz hatten, und daß das Volk, das dem Blutbad entkommen war, sich nach der Burg flüchtete, ergriff er, weil er fürchtete, das christliche Heer möchte dorthin nachfolgen und die Burg belagern, ohne Besinnung, aber doch auf die Rettung seines Lebens denkend, allein und ohne Begleiter die Flucht. Er ging durch eine hintere Türe der Burg hinaus, und während er nun in seinem Jammer und in seiner Bedrängnis ohne bestimmten Plan hin und her läuft, begegnen ihm zufällig einige Armenier, die ihn erkennen und auf ihn zugehen, als wollten sie ihm die gewohnte Ehrfurcht bezeugen. Da er ganz außer sich diese nahe an sich herankommen ließ, so schlossen sie daraus, daß er so ganz allein die Flucht ergriffen hatte, daß die Stadt wirklich besiegt sei. Sie warfen ihn zur Erde und hieben ihm mit seinem eigenen Schwert das Haupt ab, das sie in die Stadt trugen und den Fürsten vor dem ganzen Volk überreichten. Es waren aber in der Stadt einige Edle, die aus entfernten Gegenden den Antiochiern zu Hilfe gekommen waren, um bei ihnen ihre Tapferkeit zu erproben. Diese wollten sich, als sie erfuhren, daß die Stadt in die Gewalt der Unseren gekommen war, und nicht wußten, was sie tun sollten, um ihr Leben zu retten, der Orte unkundig, auf die obere Burg zurückziehen. Während sie sich nun mit aller Anstrengung bemühten, eiligst dahin zu kommen, traf es sich, daß ihnen die Unseren von oben herab entgegenkamen. In diesem Engpaß, wo sie weder hinauf- noch hinabsteigen konnten, weil der Berg zu steil war, wurden sie von den Unseren von oben herab angegriffen und während sie auf alle Art zu fliehen suchten mit ihren Pferden und ihren Waffen, an denen man sie erkannte, an die dreihundert Mann hinabgestürzt, so daß sie das Genick und die Glieder brachen und so zerschellt wurden, daß man kaum noch eine Spur von ihnen finden konnte. Die aber aus der Stadt oder aus der Umgegend, die Ortskenntnis hatten und sich deswegen leichter bewegen konnten, diese zogen in der ersten Dämmerung, nachdem ihnen kund geworden, daß die Stadt erbrochen sei, scharenweise durch die Tore, die man schon aufzubrechen anfing. Sie wollten sich nach dem Gebirge flüchten, die Unseren jedoch verfolgten sie auf dem Fuß und brachten einen Teil davon in Fesseln zurück. Andere aber entkamen durch die Schnelligkeit ihrer Pferde und fanden im Gebirge ihre Rettung. Als um die neunte Stunde des Tages die von den Unsern, welche die Flüchtigen verfolgt hatten, zurückkehrten und die, welche sich in der Stadt zerstreut hatten, sich sammelten, suchte man eifrigst nach den Nahrungsmitteln, mußte aber erfahren, daß sich in der Stadt nichts mehr vorfand, was kein Wunder war, da die Belagerung schon neun Monate gedauert hatte. Aber an Gold, Silber, Edelsteinen, kostbaren Gefäßen, Tapeten und Seidenzeugen fanden sich solche Schätze, daß sogar die Bettler im Heer jetzt reich waren und an allem Überfluß hatten. An Pferden jedoch, die zum Kampf tauglich waren, fand man kaum fünfhundert, und diese waren abgemagert und ausgehungert. Antiochien wurde also erobert im Jahre der Menschwerdung des Herrn eintausendundachtundneunzig, im Monat Juni, am dritten des Monats.

Copyright © 2002 Manfred Hiebl