XIV. Die Belagerung und Einnahme Jerusalems
Wir bepackten unsere Kamele, Ochsen und anderen Lasttiere und brachen nach Jerusalem auf, nachdem wir vom Bischof und seiner Wachmannschaft Abschied genommen hatten. Auf der verrückten, durch unsere Habgier verursachten Hetze, Burgen und Landgüter an uns zu reißen, vergaßen wir uns an die Order Peter Bartholomäus zu erinnern, uns Jerusalem auf nicht weniger als zwei Meilen im Umkreis zu nähern, sofern wir nicht barfuß wären, und hielten sie für nutzlos. Es war der Brauch, daß keiner eine Burg oder Stadt beschlagnahmte, die eines unserer Banner führten und an der vorher schon einer der Unseren vorbeigekommen war. Somit kamen viele, von Ehrgeiz getrieben, um Mitternacht aus dem Bett und nahmen ohne Begleitung ihrer Kameraden sämtliche Bergfesten und Landhäuser in der Jordanebene unter Beschlag. Einige aber, die Gottes Befehl befolgten, marschierten barfuß einher, wegen der Mißachtung Seines Willens tiefe Seufzer zu Gott hinaufschickend, doch brachten sie nicht einen Freund oder Kameraden von dem verderblichen Weg ab. Als wir uns Jerusalem auf diesem Marsch voll Hochmuts näherten, erschlug das Stadtvolk unsere Vorhut, verwundete einige Pferde wie auch viele Männer schwer und tötete drei oder vier aus unseren Reihen.
Indem wir uns nun der Belagerung zuwenden, wollen wir festhalten, daß Gottfried, der Graf von Flandern und der Graf von der Normandie im Norden kampierten und Jerusalem von der zentral gelegenen Sankt-Stephans-Kirche bis zu dem an den Davidsturm angrenzenden Eckturm einschlossen. Raimund richtete sich mit seinem Heer im Westen ein und belagerte die Stadt von der Grenze zum Herzog bis zum Fuße des Zionsbergs. Eine Schlucht zwischen seinem Lager und den Mauern verhinderte jedoch eine direkte Annäherung und erweckte in dem Grafen den Wunsch, seine Unterkünfte und seinen Standort zu ändern.
Eines Tages, als Raimund um Jerusalem herumging, hielt er inne und sah sich die Kirche auf dem Zionsberg an, wo er von den Wundern hörte, die Gott dort gewirkt hatte, und so beeindruckt war, daß er die Fürsten und die Anwesenden ansprach: "Was würde uns wohl widerfahren, wenn wir diese heiligen Geschenke Gottes aufgäben und die Sarazenen sie in Händen behielten und sie wegen ihres Hasses auf die Kreuzfahrer vielleicht besudelten und niederrissen? Wer weiß, ob diese Gaben Gottes nicht vielleicht Prüfungen über das Ausmaß unserer Liebe zu Ihm sind? Eines nämlich weiß ich: darin zu versagen, die Kirche auf dem Zionsberg zu beschützen, wird Ihn eifrig darauf bedacht sein lassen, sich Jerusalems wie eines Schandflecks zu enthalten."
Daraufhin befahl der Graf von Toulouse, entgegen den Wünschen der Fürsten, die Verlegung seines Lagers an den Zionsberg. Dieser Umzug brachte ihm einen solchen Widerwillen unter seinen Leuten ein, daß sie weder den Lagerplatz verlegen noch die Nacht über Wache halten wollten, und so blieben mit Ausnahme einiger weniger, die zum Zionsberg gingen, alle anderen im ursprünglichen Lager zurück. Doch der Graf hielt seinen Standort täglich mit einer Wachmannschaft belegt, indem er seinen Rittern und Fußkämpfern hohe Summen Geldes zahlte.
Ich werde nun abschweifen, indem ich einige der Heiligtümer dort aufführe: die Gräber Davids und Salomos sowie des Urmärtyrers Sankt Stephan. Dort starb die heilige Maria; Christus speiste dort Seine Jünger und erschien ihnen und Thomas nach Seiner Auferstehung. Genau an dem gleichen Ort wurden die Apostel durch das Nahen des Heiligen Geistes geweckt.
Eines Tages, der sich der Belagerung Jerusalems anschloß, erzählte ein Eremit vom Ölberg einigen Fürsten dort: "Der Herr wird Euch Jerusalem geben, wenn Ihr es morgen bis um die neunte Stunde stürmt."
Die Christen antworteten: "Wir haben aber gar kein Belagerungszeug."
Darauf sagte der Eremit: "Gott ist so allmächtig, daß Ihr, wenn Er es will, die Mauer mit einer einzigen Leiter ersteigen könntet. Er ist mit denen, die sich um die Wahrheit bemühen."
Also bestürmten sie Jerusalem am nächsten Morgen bis um die dritte Stunde mit ebensolchen Belagerungswaffen, wie sie sie während der Nacht behelfsmäßig herstellen konnten. Sie erbrachen die äußere Mauer, drängten die Sarazenen hinter die innere Mauer zurück, und einige Kreuzfahrer erklommen die Spitze der inneren Befestigung. Gerade als die Einnahme unmittelbar bevorstand, wurde der Angriff durch Trägheit und Furcht abgebrochen.
Auf diese Schlappe hin gingen die Christen in der Umgebung Nahrung und Futter suchen und mißachteten Vorbereitungen für einen erneuten Angriff, wobei jeder in erster Linie seinen Gaumen und Bauch zu befriedigen suchte. Noch hassenswerter war der Umstand, daß sie es verabsäumten, zu Gott zu beten, damit er sie von den vielen großen Übeln erlöse, die ihre Existenz gerade bedrohten. Neuerliche Gefahren entstanden durch die Sarazenen, die die Brunnenlöcher zugeschüttet, die Zisternen zerstört und das Fließen der Quellen abgewürgt hatten, alles Dinge, die den Herrn in Erinnerung rufen, der "Bäche in eine Salzwüste verwandelt und Wasserquellen in trockene Gründe ... um der Bosheit derer willen, die dort wohnten." Somit war aus dem obengenannten Grund Wasser sehr knapp.
Der Teich von Siloa, eine große Quelle zu Füßen des Zionsbergs, sprudelt an jedem dritten Tage; früher aber quoll sie nach den Angaben der Einheimischen nur samstags hervor und war an andern Tagen morastig. Wir können mit Sicherheit keine andere Erklärung für dieses Phänomen geben als den Willen Gottes. Berichten zufolge verleitete der wahnsinnige und heftige Drang, das Wasser zu trinken, die Menschen dazu, sich selbst in den Teich zu stürzen, wenn sie am dritten Tage hervorkam, und bewirkte, daß viele Lasttiere und Vieh dort während der Balgerei tödlich verunglückten. Die Starken drückten und schoben sich in todbringender Manier durch den Teich, der mit toten Tieren verstopft und mit sich durchkämpfenden menschlichen Naturen angefüllt war, zu der felsigen Austrittsöffnung hin, während die Schwächeren sich mit dem schmutzigeren Wasser zufrieden geben mußten.
Die Schwachen lagen bei der Quelle auf allen Vieren auf dem Boden, mit aufgerissenen Mündern, die von ihren ausgetrockneten Zungen sprachlos geworden waren, und bettelten die Glücklicheren mit ausgestreckten Händen um Wasser an. Auf den Feldern standen Pferde, Maultiere, Vieh, Schafe und viele andere Tiere, die zu schwach waren, um noch einen weiteren Schritt zu tun. Dort verkümmerten sie, starben vor Durst und verfaulten in ihren Fährten und erfüllten die Luft mit dem üblen Geruch des Todes.
Diese unglückliche Wendung zwang die Christen, das Wasser aus einer Quelle herbeizuschleppen, die ungefähr zwei bis drei Meilen entfernt lag, und ihr Vieh dort zu tränken. Doch die Sarazenen bekamen heraus, daß unsere Unbewaffneten durch unwirtliches Gelände hin- und zurückkamen, und legten sich daher in einen Hinterhalt, töteten und fingen viele von ihnen und führten ihre Rinder und Schafe fort. Wasser, das zum Verkauf in Behältnissen herangebracht wurde, war himmelhoch überteuert, und fünf oder sechs Nummi waren für den täglichen Trinkwasservorrat eines einzelnen ein nicht ausreichender Geldbetrag.
Weines wurde selten, wenn überhaupt Erwähnung getan. Der ohnehin unerträgliche Durst wurde durch die sengende Hitze, den stickigen Staub und die starken Winde noch verschlimmert. Doch warum sollte ich über diesen sterblichen Dingen Zeit verschwenden? Nur wenige gedachten Gottes oder der wesentlichen Dinge der Belagerung. Die Kreuzfahrer beteten nicht um Gottes Gnade, und daher vergaßen wir Gottes ob unserer Züchtigung, und Er sorgte umgekehrt nicht für Undankbare.
Um diese Zeit erreichten uns Meldungen, daß sechs unserer Schiffe in Jaffa ankerten, wie auch Bitten der Seeleute, daß wir eine Schutzmannschaft entsenden, um die Türme von Jaffa und ihre Schiffe im Hafen zu sichern. Jaffa liegt fast eine Tagesreise entfernt und ist der Jerusalem nächstgelegene Hafen, doch ist von dem geschleiften Platz wenig übrig außer einem einzelnen unangetasteten Turm einer schlimm zugrunde gerichteten Burg. Voller Freude schickten die Kreuzfahrer Graf Geldemar Carpinel mit zwanzig Rittern und ungefähr fünfzig Mann Fußvolk los; dahinter, ihm auf dem Fuß folgend, Raimund Pilet mit fünfzig Rittern und zuletzt Wilhelm Sabran und seine Begleiter. Als Geldemar in einer Ebene bei Ramla ankam, standen vierhundert erstklassige arabische Bewaffnete und zweihundert Türken im Weg.
Geldemar stellte seine Ritter und Bogenschützen aufgrund seiner wenigen Leute in den vordersten Reihen auf und marschierte im Vertrauen auf Gottes Hilfe unverzüglich gegen den Feind. Die Gegenüberstehenden, sich sicher, daß sie die Christen aufreiben könnten, stürmten los, schossen mit Pfeilen und umzingelten sie. Sie töteten vier Ritter sowie Achard von Montmerle, einen edlen jungen Mann und allseits bekannten Ritter. Sie löschten auch alle unsere Bogenschützen aus und verwundeten weitere aus Geldemars Abteilung, jedoch nicht ohne eigene schwere Verluste.
Trotz dieser Gefallenen ließ weder der heidnische Angriff nach noch erlahmte die Stärke unserer Ritter, wahrhaftig Christi Militia. Durch die Verwundungen und selbst noch durch den Tod angefeuert, führten sie den Kampf desto energischer, je größeren Druck sie verspürten. Endlich sahen die Anführer der kleinen Schar, mehr von Erschöpfung denn von Furcht geplagt, als sie eben im Begriff waren, sich loszueisen, eine Staubwolke am Horizont. Der Grund für das Gesichtete waren Raimund Pilet und seine Mannen, die ihren Pferden die Sporen gaben und in dem rasenden Ansturm so viel Staub aufwirbelten, daß der Feind glaubte, daß eine große Streitmacht herannahe.
Somit wurde der Feind durch Gottes Gnade vernichtend geschlagen und wandte sich zur Flucht, und rund zweihundert wurden getötet, und es wurde große Beute gemacht. Der Raub kann einer Sitte unter den Heiden zugute gehalten werden, und zwar pflegten sie, wenn sie flohen und im Eifer des Gefechts verfolgt wurden, ihre Waffen von sich zu schleudern, danach ihre Kleider und schließlich ihre Satteltaschen. Daher erschlugen unsere wenigen Ritter so lange Feinde, bis sie dessen überdrüssig wurden, und behielten die Siegesbeute der Fliehenden für sich.
Auf den Kampf sowie das Einsammeln und Aufteilen der Beute hin begaben sich unsere Ritter nach Jaffa, wo die Seeleute sie mit Brot, Wein und Fisch freudig empfingen. Nunmehr unachtsam in puncto Gefahren, gaben sie nicht auf ihre Schiffe acht und postierten seewärts keinen Ausguck im Mastkorb. Schon bald sahen sich die leicht beschwipsten und achtlosen Seeleute auf der Meerseite von ihren Feinden umringt, weitgehend aufgrund ihrer Nachlässigkeit im Aufstellen von Wachen. Bei Tagesanbruch erkannten sie, daß sie keine Chance hatten, es mit der Übermacht aufzunehmen, also gingen sie von ihren Schiffen und trugen einzig die Beute mit sich fort. Daher kehrte unsere Streitmacht recht und schlecht, sowohl siegreich als auch besiegt, nach Jerusalem zurück. Ein auf Beute ausgesandtes Schiff, das gerade abwesend war, entkam der Aufbringung. Mit Beute beladen, sah es auf seinem Rückweg nach Jaffa die christliche Flotte von einer Übermacht umringt. Indem es seinen Kurs in entgegengesetzte Richtung änderte, kehrte es unter Rudern und Segel nach Latakia zurück und berichtete unseren Angehörigen, Gefährten und Freunden dort die wahre Lage der Dinge in Jerusalem.
Wir wissen, daß wir gerechterweise unseren verdienten Lohn empfangen haben, weil wir Gottes Sendungen kein Gehör schenkten. Folglich gaben die Kreuzfahrer die Hoffnung auf Gottes Gnade auf und marschierten hinab in die Jordanebene. Dort sammelten sie Palmzweige und wurden im Jordan getauft; und seitdem sie Jerusalem gesehen hatten, gedachten sie die Belagerung aufzuheben, nach Jaffa zu gehen und auf welche Weise auch immer nach Hause zurückzukehren; doch der Herr nahm sich der Schiffe seiner Zweifler an.
Wir beriefen nun wegen des allgemeinen Haders unter den Führern eine Versammlung ein und insbesondere deswegen, weil Tankred sich Bethlehems bemächtigt hatte. Er hatte dort über der Geburtskirche des Herrn sein Banner gehißt wie über irdischem Besitztum. Die Versammlung stellte auch die Frage nach der Wahl eines der Fürsten als Beschützer Jerusalems für den Fall, daß Gott es uns übereignen würde. Es wurde argumentiert, daß es gemeinsame Anstrengung sei, wodurch es gewonnen würde, es aber, wenn keiner es beschützte, allgemeines Versäumnis wäre, durch das es verlorenginge.
Doch die Bischöfe und der Klerus hatten dagegen Einwände, indem sie sagten: "Es darf nicht sein, dort, wo der Herr litt und gekrönt wurde, einen König zu wählen. Was wäre, wenn dieser inmitten der Auserwählten sagte: Ich sitze auf dem Throne Davids und ich besitze sein Reich.' Stellt Euch vor, er würde ein David werden, im Glauben und in der Frömmigkeit gesunken, so würde ihn der Herr ohne Zweifel stürzen und dem Ort und seinen Menschen zürnen. Überdies streut es der Prophet aus: Wenn das Allerheiligste gekommen sein wird, wird die Salbung enden, weil allen Menschen deutlich gemacht wurde, daß Er gekommen war. Doch lasset uns einen Verteidiger erwählen, der Jerusalem beschützen soll und die Abgaben und Pachtgelder unter den Behütern der Stadt aufteilen." Als Ergebnis dieser und anderer Gründe wurde die Wahl erst acht Tage nach dem Fall Jerusalems abgehalten. Aus diesem Hader erwuchs nichts Gutes, nur daß Mühen und Gram den Tag für die Menschen doppelt so lang werden ließen.
Schließlich ließ uns ein barmherziger und vergebender Herr, sowohl wegen der Ihm erwiesenen Ehrenbezeigung als auch, weil die Heiden darin gehindert worden waren, Seine Gesetze mit der Frage: "Wo ist ihr Gott?" zu übertreten, durch eine Botschaft Adhémars, des Bischofs von Le Puy, ausrichten, wie wir Ihn erfreuen und Seine Gnade erlangen könnten. Wir indes ließen Gottes Befehle öffentlich verkünden, ohne sie an Seinen Namen zu knüpfen, aus Furcht, daß die Leute sie mißachteten und somit aufgrund ihrer Schuld härter bestraft würden. Der barmherzige Herr sandte zahlreiche Verkünder an uns, doch weil sie unsere Brüder waren, wurden ihre göttlichen Offenbarungen für nichtswürdig erachtet.
Damals unterwies Adhémar Peter Desiderius: "Befiehl den Fürsten sowie der Allgemeinheit: ,Kreuzfahrer aus fernen Landen, die Ihr nun hier seid, um Gott, dem Herrn sämtlicher Heere, zu huldigen, macht Euch frei von der schmutzigen Welt, und ein jeder von Euch kehre der Sünde den Rücken. Dann entledigt Euch Eurer Schuhe und wandert barfuß um Jerusalem herum, und denkt daran zu fasten. Wenn Ihr diese Anweisungen befolgt, wird die Stadt innerhalb von neun Tagen nach heftigem Angriff fallen; wenn aber nicht, wird der Herr all das Unheil der Vergangenheit mehren."
Auf diesen Bericht des Peter Desiderius an seinen Herrn, Graf Isoard, an Adhémars Bruder Wilhelm Hugo und an einige Geistliche hin beriefen diese Überzeugten eine allgemeine Versammlung ein und sprachen wie folgt:
"Männer, Gefährten, die Gründe der Reise sowie unser gewaltiger Überdruß sind Euch bekannt, und auch, daß wir unbekümmert zaudern, Waffen zu bauen, um Jerusalem damit zu belagern. Ferner lassen wir es nicht nur bleiben, uns Gott freundschaftlich zu stimmen, sondern mißfallen Ihm in allem auf jede nur erdenkliche Art und Weise; mehr noch, wir treiben Ihn sogar hinaus und machen Ihn durch unser scheußliches Handeln zu einem Ausgestoßenen. Nun, wenn Ihr es Euch recht überlegt, laßt das Vergangene vergangen sein, und möge die christliche Brüderlichkeit von einem Geist der Vergebung durchdrungen sein. Dies beachtend, laßt uns unseren Stolz aus Sicht Gottes aufgeben, um die Heilige Stadt barfuß herumgehen und die liebevolle Güte Gottes durch die Fürsprache der Heiligen erflehen.
Betet, sagen wir, daß der allmächtige Gott, der seiner himmlischen Lordschaft entsagte und Mensch wurde, für uns und von uns, Seinen Dienern, und der bescheiden auf einem Esel sitzend, in einer Prozession, die von winkenden und große Ehrenbezeigungen erweisenden Menschenmengen flankiert war, in Jerusalem einzog, nur um als Opfer für uns das Leiden am Kreuz zu erdulden; betet, sagen wir, daß Er die Pforten Jerusalems aufstoßen und es uns zum Ruhme und zur Ehre Seines Namens geben möge, während Er über Seine Feinde, die es unrechtmäßig erwarben, die den Ort Seines Leidens und Begräbnisses entweihten und die sich nun alle Mühe geben, uns von den großen Wohltaten des Schreines Seiner göttlichen Erniedrigung und unserer Erlösung fernzuhalten, richte."
Die obige Anweisung stieß auf allgemeine Zustimmung, und ein Befehl erging, daß am sechsten Tag der Woche Geistliche mit Kreuzen und Heiligenreliquien eine Prozession aus nachfolgenden Rittern und körperlich Leistungsfähigen anführen sollten, die Fanfaren blasend, Waffen schwingend und barfuß einherschreiten würden. Gerne befolgten wir die Befehle Gottes und der Fürsten, und als wir auf den Ölberg marschierten, predigten wir den Menschen vor Ort von Christi Himmelfahrt nach der Auferstehung. In diesem Zustand redeten wir ihnen aufmunternd zu: "Wir folgten dem Herrn zum Ort der Auferstehung, und weil wir mehr nicht tun können, wollen wir denen vergeben, die uns verletzt haben, auf daß uns der allmächtige Gott gnädig sei."
Ich brauche über dieses Thema weiters nichts erzählen. Ein Geist der Vergebung überkam das Heer, und zusammen mit großzügigen Gaben erbaten wir Gottes Gnade. Wir drangen in Ihn, daß Er die Seinen nicht im letzten Augenblick im Stich lasse, nachdem er sie so ruhmreich und wunderbar so weit geführt hatte auf ihrem Zug zum Heiligen Grab. Gott war nun auf unserer Seite, weil unser Mißgeschick sich nun zum Guten wandte und alles bestens lief.
Trotz vieler Auslassungen von Ereignissen kann ich über dieses eine nicht hinweggehen: Während des lärmenden Marsches um Jerusalem herum liefen die Sarazenen und Türken oben auf ihren Mauern entlang und machten sich über uns lustig, und sie lästerten Gott mit Streichen und vulgären Handlungen an Kreuzen, die an zusammengebundenen Galgen längs der Laufstege aufgestellt waren. Umgekehrt trieben wir, der Nähe von Gottes Barmherzigkeit gewiß, gerade wegen dieser Beschimpfungen bei Tag und Nacht die letzten Angriffsvorbereitungen voran.
Gottfried und die Grafen von der Normandie und von Flandern übertrugen Gaston von Béarn die Beaufsichtigung der Handwerker, die Flechtwerk, Brustwehren und Belagerungsgeräte herstellten. Die Aufgabe fiel auf diesen Edelmann wegen seiner Befähigung und Ehre. Es stellte sich als weiser Entschluß heraus, weil Gaston eine Arbeitsteilung einführte und die Arbeit beschleunigte, während die Fürsten dafür sorgten, daß hölzerne Werkstoffe herangeschleppt wurden. Graf Raimund übertrug überdies Wilhelm Ricau die Leitung ähnlicher Unternehmungen auf dem Zionsberg und erteilte dem Bischof von Albara die Aufgabe, die Sarazenen sowie andere Arbeitende beim Schleppen der Baumhölzer zu beaufsichtigen. Raimunds Leute zwangen die Sarazenen eroberter Burgen und Städte, wie Leibeigene zu arbeiten. Bisweilen konnte man fünfzig bis sechzig von ihnen einen Gebäudebalken auf ihren Schultern tragen sehen, der selbst für vier Ochsengespanne zu schwer zum Ziehen gewesen wäre. Doch will ich euch nicht mit weiteren Einzelheiten belästigen.
Vereint trieben wir das Werk voran, wir schafften, bauten und arbeiteten gemeinsam, und weder Faulheit noch Widerwillen zogen unser Werk in die Länge. Nur die Kunsthandwerker, die aus öffentlichen Geldspenden bezahlt wurden, und die Leute von Raimund, die aus seinem Schatz Löhne bezogen, arbeiteten für Geld. Mit Sicherheit hatte der Herr bei unserem Werk die Hand im Spiel. Bald waren die Vorbereitungen abgeschlossen, und nachdem sie sich beraten hatten, befahlen die Führer: "Am fünften Tage wird die Stunde Null sein. Widmet Euch in der Zwischenzeit dem Gebet, dem Wachsein und den Almosen, und gebt Euren Lasttieren und den Gehilfen der Handwerker und Zimmerleute für ihre Mühen beim Schleppen der zum Bau der Sturmdächer notwendigen Balken, Pfähle, Pfosten und Zweige. Ritter, der Anteil von zween von Euch am Bau soll ein krummes Sturmdach oder eine Leiter sein. Arbeitet hart für Gott, denn unsere Aufgabe ist beinahe vollendet." Alle wandten sich nunmehr froh der Aufgabe zu, und es wurden Befehle bezüglich der Angriffsstellungen der Fürsten und der Aufstellung der Belagerungswerke ausgegeben.
Die belagerten Sarazenen beobachteten die fertiggestellten Belagerungsmaschinen und federten die Schwachstellen ab, so daß ein erfolgversprechender Angriff aussichtslos schien. Gottfried und die Grafen von Flandern und von der Normandie bemerkten nun die Aufbauten der Sarazenen und verlagerten folglich ihre Belagerungsmaschinen, sowohl die Flechtwerke als auch die Türme, während der Nacht vor dem für den Angriff festgesetzten Tag an eine Stelle zwischen der Kirche des heiligen Stephan und dem Tal von Joschaphat. Ihr könnt mir glauben, das Auseinandernehmen dieser Maschinen, sie mehr als eine Meile zu transportieren, und das Aufrichten waren keine leichte Aufgabe. Die Sarazenen waren wie vom Blitz getroffen, als sie am kommenden Morgen den Stellungswechsel unserer Maschinen und Zelte erblickten, und ich spute mich, dies hinzuzufügen: auch wir, die Gläubigen, die darin das Werk des Herrn sahen.
Um euch eine genaue Darstellung des Umzugs nach Norden zu geben, muß ich dazusagen, daß zwei Umstände den Ortswechsel rechtfertigten. Der flache Boden bot für unsere Kriegsgeräte eine bessere Annäherung an die Mauern, und die ziemliche Entlegenheit und Schwäche dieser nördlichen Stelle hatte die Sarazenen dazu veranlaßt, sie unverstärkt zu lassen. Der Graf von Toulouse mühte sich am Zionsberg im Süden nicht minder ab und erhielt Unterstützung durch Wilhelm Embriacus und seine genuesischen Seeleute, die, wie ich bereits erwähnte, bei Jaffa ihre Schiffe verloren, jedoch Taue, Hämmer, Nägel, Äxte, Hacken und Beile gerettet hatten, lauter unverzichtbare Werkzeuge. Nun werde ich mit allen weiteren Einzelheiten aufhören und mit der Geschichte von der Erstürmung Jerusalems fortfahren.
Der Kampftag brach an und der Angriff begann. An dieser Stelle wollen wir aber die folgenden Zahlen einfügen: Nach der günstigsten unserer und anderen Schätzungen waren sechzigtausend Kämpfer in Jerusalem sowie Frauen und Kinder in unbegrenzter Zahl. Unsererseits hatten wir nicht mehr als zwölftausend körperlich leistungsfähige Männer beisammen mit vielen kampfunfähigen und armen Leuten, und ich denke, nicht mehr als zwölf- bis dreizehnhundert Ritter. Wir stellen diese Gegensätze dar, um euch zu zeigen, daß alle Dinge, zu denen man sich im Namen des Herrn bekennt, mögen sie nun wichtig sein oder unbedeutend, Erfolg haben, wie die folgenden Seiten meines Buches beweisen.
Zunächst begannen wir unsere Türme gegen ihre Mauern zu schieben, und darauf brach all der höllische Schlachtenlärm los; von allen Seiten flogen von den Tormenti und Petrariae geschleuderte Steine durch die Luft, und Pfeile prasselten wie Hagel nieder. Doch Gottes Diener, in ihrem Glauben bestärkt, standen diesen Angriff ungeachtet des Ausgangs, ob Tod oder sofortige Vergeltung an den Heiden, geduldig durch. Der Kampf stand bis zu diesem Zeitpunkt unentschieden, und als die Maschinen an die Mauern herankamen, ließen die Verteidiger auf die Christen Steine, Pfeile, brennendes Holz und Stroh herabregnen und schleuderten mit angezündetem Pech, Wachs, Schwefel, Werg und Lumpen umwickelte Holzschlegel auf die Maschinen. Ich möchte erklärend hinzufügen, daß die Schlegel mit Nägeln gespickt waren, so daß sie in jedwedem Teil, das sie trafen, steckenblieben und dann brannten. Diese von den Verteidigern geworfenen Geschosse aus Holz und Stroh entfachten Brände, die jene, welchen selbst Schwerter, hohe Mauern und tiefe Gräben nichts hatten anhaben können, abhielten.
Die Taten, welche in der den ganzen Tag andauernden Schlacht vollbracht wurden, waren so wunderbar, daß wir Zweifel daran haben, daß die Geschichte jemals Größeres aufgezeichnet hat. Wir, der göttlichen Gnade gewiß, beteten erneut zu unserem Anführer und Wegweiser, dem allmächtigen Gott. Als die Nacht heranrückte, breitete sich Furcht in beiden Lagern aus. Nachdem die äußere Umfassung durchbrochen und der Graben ausgefüllt war, war ein schneller Zugriff zur inneren Mauer geschaffen, und die Sarazenen fürchteten, daß Jerusalem in jener Nacht oder am folgenden Tag fallen könnte. Umgekehrt waren die Kreuzfahrer besorgt, daß die Sarazenen einen Grund mehr haben, einen Weg zu finden, um die in der Nähe befindlichen Maschinen zu verbrennen. Wachsamkeit, äußerste Angespanntheit und schlafraubende Unruhe herrschte in beiden Lagern sowie vertrauensvolle Hoffnung auf unserer Seite, auf der ihren jedoch nagendes Entsetzen. Die Christen belagerten die Stadt bereitwillig um des Herrn willen, und die Heiden leisteten widerstrebend Widerstand wegen Mohammeds Gesetzen.
In beiden Lagern ging während der Nacht eine unglaubliche Emsigkeit vonstatten. Bei Anbruch der Morgendämmerung rollten die Unseren erpicht ihre Belagerungswaffen in Stellung, um endlich auf die Sarazenen zu treffen, die unser Vorhaben mit ihren Maschinen, welche die Unseren an Zahl neun oder zehn zu eins übertrafen, durchkreuzten. Ich werde mich mit diesen Einzelheiten nicht aufhalten, denn dies war der neunte Tag, der nach Vorhersage des Priesters ein Zeichen für den Fall Jerusalems sein sollte. Trotzdem daß unsere Belagerungsmaschinen durch den Steinhagel zersplitterten und der Kampfgeist unserer kriegsmüden Heerscharen nachließ, war die stets herrschende, unbezwingbare Gnade Gottes während unserer Plackerei allgegenwärtig. Das folgende fesselnde Ereignis kann ich jedoch nicht übergehen. Als zwei Frauen versuchten, über eine unserer Petrariae einen Zauberspruch zu fällen, sauste ein Stein aus dieser Maschine pfeifend durch die Luft und löschte den beiden Hexen die Lichter aus, wie auch das Leben von drei kleinen, in der Nähe befindlichen Mädchen, und brach somit war den Bann.
Mittags waren wir in einem Zustand der Konfusion, einer Phase der Ermattung und Hoffnungslosigkeit, hervorgerufen durch den hartnäckigen Widerstand der vielen verbliebenen Verteidiger, die hochragenden und unbezwingbar erscheinenden Mauern und die überwältigende Verteidigungskunst der Sarazenen. Als wir schwankten und die Heiden frischen Mut faßten, kam die allgegenwärtige, heilbringende Gnade Gottes über uns und verwandelte unsere Klage in einen Reigen. Genau in dem Augenblick, als ein Rat darüber befand, ob es klug sei, unsere Belagerungsmaschinen zurückzuziehen, da viele verbrannt oder ziemlich zerschmettert waren, gab ein Ritter, dessen Name mir nicht bekannt ist, dem Grafen und anderen vom Ölberg herab mit seinem Schild ein Zeichen weiterzumachen. Dies hatte auf unsere verbrauchten Kräfte psychologische Wirkung, und einige wiederhergestellte Kreuzfahrer nahmen den Angriff gegen die Mauern wieder auf, während andere damit begannen, an Leitern und Seilen hinaufzuklettern. Zur gleichen Zeit schoß ein junger Mann mit Garn umwickelte lodernde Pfeile auf die Brustwehr der Sarazenen, die sich gegen den hölzernen Turm Gottfrieds und der zwei Grafen verteidigten. Bald vertrieben die aufsteigenden Flammen die Verteidiger von den Zinnen. Hastig ließ Gottfried die Zugbrücke, die den Turm geschützt hatte, herab, und als sie von der Mitte des Turms ausgeschwenkt wurde, überbrückte sie die Mauer, und die Kreuzfahrer, furchtlos und unerschrocken, ergossen sich in die heimgesuchte Stadt.
Tankred und Gottfried in der Vorhut vergossen eine unglaubliche Menge an Blut, und ihre Kameraden, die ihnen dicht auf den Fersen folgten, brachten nun das Leid unter die Sarazenen. Nun muß ich euch eine erstaunliche Begebenheit erzählen; in einem Stadtteil nämlich hatte der Widerstand praktisch aufgehört, doch in der Gegend um den Zionsberg kämpften die Sarazenen erbittert mit Raimunds Streitmacht, ganz so, als ob sie nicht unterlegen wären. Beim Fall Jerusalems und seiner Türme gab es so manches Wunder zu sehen. Einige der Heiden wurden gnädig enthauptet, andere von Pfeilen durchbohrt, die von den Türmen herabkamen, und wieder andere, die lange gepeinigt wurden, wurden von sengenden Flammen verbrannt. Stöße von Köpfen, Händen und Füßen lagen in den Häusern und auf den Straßen, und es trampelten die Männer und Ritter wahrhaftig auf den Leichen herum.
Laßt mich euch versichern, daß das bis jetzt nur wenige und unbedeutende Einzelheiten sind, denn es ist um einiges mehr, wenn wir auf den Tempel Salomons zu sprechen kommen, den Ort, wo gewöhnlichen Liturgien gesungen und Gottesdienste abgehalten werden. Sollen wir erzählen, was sich dort ereignete? Wenn wir es euch sagten, ihr würdet uns nicht glauben. So reicht es aus zu berichten, daß in dem Tempel Salomons und dem Säulengang Kreuzfahrer bis zu den Knien und den Zäumen ihrer Pferde im Blut ritten. Meiner Meinung nach war es sprichwörtliche Gerechtigkeit, daß der Tempel Salomons das Blut der Heiden empfangen sollte, die Gott dort seit Jahren gelästert hatten. In Jerusalem lagen Körper verstreut und es war mit Blut besudelt, und die wenigen Überlebenden flohen zum Davidsturm und übergaben ihn nach einem Sicherheitspfand an Raimund. Mit dem Fall der Stadt kam es einer Belohnung gleich, am Heiligen Grab die Verehrung der Pilger mitanzusehen, das Händeklatschen, die Freude und das Anstimmen eines neuen Liedes für den Herrn. Ihre Seelen brachten dem siegreichen und triumphierenden Gott Lobpreisungen dar, die sie in Worten nicht auszudrücken vermochten.
Ein neuer Himmel, neue Fröhlichkeit, neues und immerwährendes Glück und die Erfüllung unserer Mühe und Liebe brachten allen neue Worte und Lieder hervor. Dieser Tag, von dem ich behaupte, daß er noch in den Jahrhunderten nach uns gefeiert werden wird, verwandelte unseren Gram und unsere Anstrengungen in Fröhlichkeit und Lustbarkeit. Ich stelle ferner fest, daß dieser Tag allem Heidentum ein Ende bereitete, das Christentum bestätigte und unseren Glauben wiederherstellte. "Dies ist der Tag, den der Herr macht; laßt uns freuen und fröhlich an ihm sein," und mit Recht, weil uns an diesem Tage Gott beschien und uns glücklich machte.
Viele sahen Herrn Adhémar, den Bischof von Le Puy, an diesem Tag in Jerusalem, und viele behaupteten auch, daß er den Weg über die Mauern wies, indem er die Ritter und das Volk antrieb, ihm zu folgen. Es ist ebenso bemerkenswert, daß an diesem Tag die Apostel aus Jerusalem vertrieben wurden und sich über die ganze Welt zerstreuten. An diesem Tag befreiten die Kinder der Apostel die Stadt für Gott und die Väter. Dieses Tages, den Iden des Julei, solle zum Lob und Ruhme des Namens Gottes, der in Erwiderung der Gebete Seiner Kirche Jerusalem wie seine Lande, die Er den Vätern als Faustpfand gegeben hatte, Seinen Kindern im Glauben und mit Seiner Segnung zurückerstattete, gedacht werden. Zu dieser Zeit sangen wir auch die Auferstehungsmesse, weil Er, der kraft Seiner Macht von den Toten auferstand, uns an diesem Tag durch Seine Güte wiedererweckte.
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