Gesta Dei per Francos
Buch VII
Daß die Wiederherstellung der Ostkirche das Werk der Gläubigen des Abendlandes war, verleiht unserem Glauben einen nicht geringen Auftrieb. Wir erleben die frommsten Schlachten, allein für Gott ausgetragen, ein Heer, von Liebe zum Märtyrertod entflammt, ohne König, ohne Fürsten, nur von der Hingabe an die eigene Erlösung getrieben. Wir lesen davon, wie die Gallier in den fernen Osten aufbrachen, kampfeslüstern, und wie sie nach den verborgenen Stätten des delphischen Apolls suchten, und wir erfahren, daß die aus den Heiligtümern entwendeten Schätze in den Sümpfen von Toulouse versenkt wurden. Wir wissen, daß all diese Heerscharen von den Fürsten jener Tage zusammengerufen wurden; und wir haben gehört, daß dabei nicht ein einziger von irgendeinem Herrn gegen seinen Willen gezwungen wurde, die Reise anzutreten. Hier griffen Sie weinend, indem sie ihre Sünden beichteten, ihre Besitzungen aufgaben, ihre Frauen mit den Füßen wegstießen und ihren Kindern aus dem Weg gingen, zu den Waffen. In ihrer aller Gedanken hatte der Wunsch nach einem seligen Tod aus Liebe zu Gott Vorrang. An der Stelle, sag’ ich, möchte ich Gottes Wunder auf die Waagschale legen: Er, der einst die Märtyrer in ihrer Haltung bestärkte, sich aus Liebe zum Unsichtbaren Torturen auszusetzen, legte in unserer Zeit erneut auf eine völlig unerwartete Weise eine solche Verachtung für alles Irdische in die Herzen der Unsrigen, selbst in die Herzen der Blutdürstigsten und Gefräßigsten, daß es für abwegig gegolten hätte, hätte es jemand ausgesprochen. Er vollbrachte so vieles mit so wenigen, daß man sich des Lobes auf jene enthalten muß, die es taten, weil es ganz klar Gott war, der dafür verantwortlich zeichnete. Dies wird eindeutig durch die Tatsache bestätigt, daß Menschen, die viele Siege errungen haben, oftmals anmaßend werden und Fürsten sich widereinander erheben, oder sie beflecken sich mit Sünde, und die Heiden erleben sie fast, möchte ich sagen, auf die Stufe von Tieren erniedrigt. Wenn sie sich jedoch ihrer selbst bewußt würden und von Reue getrieben wären, würden sie sogleich in ihr gerechtes Los und frommes Gelingen wiedereingesetzt. Erfreuen wir uns denn ihrer siegreichen Schlachten, die rein um eines geistlichen Bedürfnisses willen geschlagen wurden, von göttlicher Macht bewilligt, wie sie sich nie zuvor zeigte, sondern erst in jüngster Zeit geoffenbart wurde; und laßt uns nicht die fleischlichen Kriege Israels bewundern, die lediglich um den Bauch zu füllen unternommen wurden.
Der König von Tripolis ersuchte unsere Fürsten unablässig, sich von der Stadt zurückzuziehen und ein Bündnis mit ihm zu schließen. Umgekehrt zogen die Fürsten des Heers, als da sind: Herzog Gottfried, Graf Raimund von Saint-Gilles, Graf Robert von Flandern und Graf Robert von der Normandie den Umstand in Betracht, daß das Land frische Erzeugnisse im Überfluß hatte, daß Bohnen, eher gesät, bis Mitte März reiften, und daß Gerste vor Mitte April eingefahren werden könnte, und sie bedachten auch den allgemeinen Zustand des Landes und die großen Mengen an Vorräten, und so beschlossen sie, die Reise nach Jerusalem wiederaufzunehmen. Sie gaben die Belagerung der Stadt auf und erreichten Tripolis am sechsten Tag der Woche, dem 13. Mai, und sie blieben dort drei Tage. Der König von Tripolis traf mit unseren Führern eine Übereinkunft und ließ sofort über dreihundert Gefangene frei, die er in Ketten gelegt hatte. Bei ihrem Abzug gab er ihnen als Zeichen seiner Dankbarkeit nicht nur 15000 Besanten, sondern auch fünfzehn prächtige Pferde. Zusätzlich machte er den Unseren einen äußerst guten Preis bei Pferden, Eseln und anderen Waren, die sich für das Heer als nützlich erwiesen, was zur Folge hatte, daß der Feldzug des Herrn nun in volle Kampfbereitschaft versetzt war. Nachdem dieses Abkommen getroffen worden war, fügte er noch hinzu, daß er im Falle, daß die Kreuzfahrer den gegen den Kaiser von Babylon zu führenden Krieg gewinnen, auf den sie sich, wie ihm berichtet worden war, emsig vorbereiteten, und falls sie Jerusalem einnähmen, sofort zum Christentum übertreten und ihnen sich und sein Land übergeben würde. Als sie diese Stadt verließen, am zweiten Tag des Mai, liefen sie Tag und Nacht auf einer holprigen schmalen Straße, und schließlich erreichten sie eine Feste namens Bethelon. Danach bewegten sie sich weiter auf eine am Meer gelegene Stadt zu, die Zabari hieß, an dessen Fluß, Braim genannt, sie schnell und gerade rechtzeitig den großen Durst linderten, an dem sie gelitten hatten. Am Abend der Himmelfahrt des Herrn bestiegen sie einen Berg längs einer sehr schmalen Straße, in großer Furcht, daß die Enge des Pfades ihnen dabei hinderlich sein könnte, irgendwelchen Feinden, die ihnen am Ende der Straße begegneten, zu entkommen. Doch Gottes Vorsehung hielt jeden von dem Versuch ab, sie anzugreifen. Unsere Bewaffneten bildeten eine Vorhut, welche die Straße vor feindlichen Angriffen freihielt. Schließlich erreichten sie eine Stadt am Meer namens Beirut; dann zogen sie weiter nach Sarepta, einst von Sidoniern bewohnt und zu Berühmtheit gelangt durch Elias Witwenspeisung; von dort gingen sie nach Sur und dann nach Akkon, einst die Haupstadt Palästinas. Beim Weitermarschieren kamen sie zu einer Burg namens Kaiphas, bis sie schließlich das berühmte Cäsarea Palästinas erreichten, wo sie, das Pfingstfest feiernd, noch drei Tage über das Maiende hinaus blieben. Dann zogen sie weiter bis Ramatan, bekannt als Geburtsstadt Samuels, in welchem einige Weisere, Kenntnisreichere in der Ortsbeschreibung Ramot in Gilead sehen wollen, im Streit um welches der gottlose Ahab von Ben Hadad, dem König der Syrer, besiegt wurde. Als sie hörten, daß die Franken kämen, ergriffen die Einwohner die Flucht. Diese Stadt, selbst wenn sie nicht wegen irgendwelcher alten Denkmäler beachtenswert wäre, würde mich immer noch so dünken, als stelle sie aufgrund der Allgegenwart des herausragenden Märtyrers Georg, dessen Grab hier liegen soll, alle anderen Städte in den Schatten. Nachdem die Einwohner nicht mehr da waren, wurde dort ein großer Vorrat an Lebensmitteln aller Art gefunden, die auf viele Tage hinaus reichliche Wegzehrung für unser Heer boten. Die Anführer beschlossen nach einer Beratung mit den Klerikern und Bischöfen, denen es möglich war, daran teilzunehmen, und nachdem sie von diesen die Genehmigung dazu erhalten hatten, einen Bischof für diese Stadt zu wählen. Sie erhoben ein jeder den Zehnten, um ihn mit Gold und Silber auszustatten; sie versorgten ihn auch mit Pferden und anderen Tieren, damit er und sein Hof ohne die Not der Besitzlosigkeit seinem Rang entsprechend leben könnten. Inmitten der allgemeinen Freude ließ sich der Bischof in der ihm anvertrauten Stadt nieder, um ein Hirte des Volkes zu sein, sobald wie möglich eine Kathedrale zu errichten und Ministeriale einzusetzen, die sich um die Kirche kümmerten und die bereit waren, den Anführern, die dieses aus Liebe und Verehrung für den Märtyrer leidenschaftlich begehrt hatten, zu gehorchen.
Endlich erreichten sie den Ort, der ihnen so viele Mühsale erregt hatte, der so lange Zeit soviel Hunger und Durst über sie gebracht hatte, der ihnen alles genommen, sie schlaf- und gefühllos gemacht und unaufhörlich in Schrecken versetzt hatte, der ersprießlichste Ort, der das Ziel des Elends, welches sie durchgemacht hatten, gewesen war und der sie dazu verlockt hatte, Tod und Wunden zu suchen. An diesen Ort, sag’ ich, von so vielen Tausenden und Abertausenden ersehnt, der ihnen mit solcher Traurigkeit und Hochstimmung begegnet war, kamen sie schließlich, nach Jerusalem. So wie es heißt, daß die Besucher den Leib des Herrn aßen und verehrten, so kann von diesen gesagt werden, daß sie Jerusalem anbeteten und es im Sturm nahmen. Am Dienstag, den 6. Juni, wurde mit bemerkenswerter Tatkraft mit der Belagerung begonnen, mit ungemein vereinten Kräften. Von Norden bestürmte es Graf Robert von der Normandie, nahe der Kirche des heiligen Sankt Stephan, der, weil er sagte, er habe den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen sehen, von den Juden mit einem Steinhagel überschüttet wurde. Von Westen griffen Herzog Gottfried, der Graf von Flandern und Tankred an. Im Süden, auf dem Berg Zion in der Nähe der Kirche der heiligen Maria Muttergottes, wo der Herr mit seinen Jüngern am Tag vor seinem Leiden beim Abendmahl gesessen sein soll, belagerte es der Graf von Saint-Gilles. Am dritten Tag, nachdem sie vor der Stadt angekommen waren, marschierte Raimund, dessen Taten auf dem Feldzug des Herrn wohlbekannt waren, der, sag’ ich, den sie Pelet nennen, zusammen mit noch einem, der denselben Namen trug, und einigen anderen ein Stück weit von der Belagerungsstätte weg, um herauszufinden, ob er nicht irgendwen vom Feind aufspüren könnte, der in einen unserer Hinterhalte tappte, wie sie es oftmals taten. Unversehens fiel eine Meute von ungefähr zweihundert Arabern über sie her; sowie Raimund sie sah, griff er sie an, wild wie ein Löwe, und trotz ihrer Kühnheit wurden sie mit Gottes Hilfe überwältigt. Nachdem sie ihrer zahlreiche getötet und dreißig Pferde eingefangen hatten, kehrten sie siegreich zum Heer zurück, das an ihrer glorreichen Tat Gefallen fand. Im Morgengrauen, am zweiten Tag der nächsten Woche, wurde die äußere, kleinere Mauer mit einer solchen Wucht und solchem Gemeinsinn angegriffen, daß sowohl die Stadt wie ihre Außenbezirke sogleich in die Hände der Franken gefallen wären, hätten ihnen nicht Leitern gefehlt. Nachdem die äußere Mauer erbrochen war und einen breiten Durchlaß durch ihren Schutt freigegeben hatte, wurde die Leiter, die sie hatten, zu den Zinnen der Hauptmauer gelegt. Einige unserer Ritter kletterten behende hinauf und begannen auf größeren Abstand zu kämpfen. Und wenn ihnen die Pfeile ausgingen, kämpften sie mit Lanzen und Schwertern weiter; sowohl die Verteidiger der Stadt wie auch die Belagerer fochten Mann gegen Mann mit Stahl. Viele der Unseren fielen, doch mehr von den Ihrigen.
Man sollte wissen, daß während Antiochien im Belagerungszustand war, Jerusalem unter der Obrigkeit des Königs von Persien von den Türken beherrscht wurde. Überdies hatte der Kaiser von Babylon, wie kürzlich erwähnt, Abgesandte an unser Heer geschickt, allein zu dem Zweck, den Stand unseres Unternehmens auszukundschaften. Als sie die schreckliche Not sahen, die das christliche Heer peinigte, und als sie aufgingen, daß die Adeligen wegen fehlender Pferde zu Fußkämpfern geworden waren, erachteten sie uns in einem Kampf gegen die Türken, die sie aufs äußerste haßten, für wertlos. Der König von Persien hatte einen Großteil des äußerst ausgedehnten babylonischen Weltreichs an sich gebracht, da die Seinen in militärischen Dingen besser Bescheid wußten und tatkräftiger waren. Als der babylonische Fürst jedoch hörte, daß die Franken - das heißt Gott, der durch die Franken wirkte - Antiochien eingenommen hätten und vor den Wällen Antiochiens Kerbogha persönlich, zusammen mit dem Stolz Persiens, besiegt hatten, schöpfte er rasch Mut, leistete den Türken bewaffneten Widerstand und belagerte sie in Jerusalem, welches sie besetzt hielten. Darauf drangen sie, ich kann nicht sagen, ob mit Gewalt oder aufgrund irgendeiner Vereinbarung, in die Stadt ein und postierten viele Türken in dem Turm, der den Namen Davids trägt, der nach unserer Meinung richtiger der Zionsturm genannt werden sollte, ich weiß nicht, ob um ihn zu schützen oder die Aufsicht über ihn zu übernehmen. Auf jeden Fall taten sie während der Belagerung keinem von uns etwas zuleide, indem sie lediglich friedlich auf den ihnen zugewiesenen Turm aufpaßten. Die Folge war, daß die Unseren nur gegen die Sarazenen kämpften.
Sie konnten während der Belagerung kein Brot kaufen, und fast zehn Tage lang war es ohnedies schwierig, irgendwo Eßbares zu finden, bis Gott Hilfe sandte und unsere Flotte den Hafen von Jaffa anlief. Zudem litt das Heer unter Durst, und sie waren nicht nur ob dieses großen Unbehagens völlig erschöpft, sondern sie mußten ihre Pferde und Lasttiere über eine große Distanz treiben, sechs Meilen, um Wasser zu schöpfen, die ganze Zeit über in Angst, daß der Feind sie wo möglich angreift. Der durch die Heilung des Blinden im Evangelium berühmt gewordene Siloah-Brunnen, dessen Quellen auf dem Zionsberg entspringen, versorgte sie mit Wasser, das ihnen zu Höchstpreisen verkauft wurde. Nachdem Boten verkündet hatten, daß die Flotte in Jaffa eingelaufen sei, berieten sich die Anführer und beschlossen, eine Schar von Rittern zum Hafen zu entsenden, um die Schiffe und ihre Insassen zu bewachen. Frühmorgens, im Morgengrauen, nahm Raimund, über den wir oft gesprochen haben, zusammen mit zwei anderen Adeligen hundert Ritter aus dem Heer seines Herrn, des Grafen von Saint-Gilles, und brach mit der ihm eigenen Entschlossenheit zum Hafen auf. Dreißig Ritter setzten sich von der Hauptmasse ab und stießen auf ungefähr siebenhundert Türken, Araber und Sarazenen, die vom König von Babylon ausgeschickt waren, unser Kommen und Gehen zu überwachen. Obwohl klar in der Minderheit, griffen die Unseren ihren Verband mit Macht an, doch war die Stärke und Wildheit des Feindes derart groß, daß wir vom unmittelbar drohenden Tod umgeben waren. Sie töteten einen der beiden Anführer, Achard mit Namen, sowie einige der angesehensten unter den Armen und dem Fußvolk. Als sie die Unseren einkreisten, sie überall mit Waffen bedrängten, so daß sie im Begriff waren, ganz zu verzweifeln, kam einer zu dem vorgenannten Raimund und berichtete ihm von der Niederlage der Seinigen. „Was macht Ihr mit den Eurigen hier? Seht doch, wie die, die sich kürzlich von Euch trennten, nun von einem Schwarm Sarazenen und Arabern wild umringt sind. Wenn Ihr ihnen nicht schleunigst zu Hilfe kommt, werdet Ihr sie zweifelsohne bald nur mehr tot auffinden, sofern sie nicht schon umgekommen sind. Setzt Euch daher flugs in Bewegung, beeilt Euch, sag’ ich, damit Ihr nicht zu spät kommt." Gemeinsam mit allen seinen Adligen brach Raimund schnellstens auf, um nach dem Ort zu schauen, wo der Kampf in Gang war. Während er sich auf den Schlagabtausch gefaßt machte, setzte er sein Vertrauen nicht in die Waffen, nicht auf Stärke, sondern in den Glauben an den Erlöser. Als die heidnischen Heerhaufen das christliche Heer erblickten, spalteten sie sich im Nu in zwei Lager. Indem sie den Allerhöchsten um Beistand anriefen, griffen die Unseren mit solcher Macht an, daß jeder seinen auf ihn losstürmenden Gegner aus dem Sattel hob. Da sie sich nicht in der Lage sahen, dem Ansturm der Christen standzuhalten, hielten die Heiden inne und machten sich, von Furcht gespornt, eilig davon. Die Unseren setzten ihnen hurtig nach, wobei sie sie vier Meilen weit verfolgten. Nachdem sie viele von ihnen getötet hatten, kamen sie mit hundertunddrei Pferden als Siegestrophäe zurück. Nur einen, den sie mit sich schleppten und von dem sie alles erfuhren, was unter ihren Feinden vorging, einschließlich dessen, was der Fürst von Babylon gegen uns im Schilde führte, nahmen sie von der Tötung aus.
Mittlerweile litt das Heer unter schrecklichem Durst, der sie dazu zwang, Vieh- und Ochsenhäute zusammenzunähen, in denen sie Wasser aus sechs Meilen Entfernung heranschleppten. Sie benutzten das Wasser, das in Taschen befördert wurde, die faulig waren vom jüngsten Schweiß und das große, vom Hunger verursachte Leiden vergrößerten, um damit Gerstenbrot für das Heer zu machen. Wie viele Schlünde und Rachen von Edelleuten wurden durch die Rauheit dieses Brotes aufgezehrt! Wie schrecklich wurden ihre guten Mägen von der Bitterkeit der fauligen Flüssigkeit in Aufruhr versetzt. Großer Gott, wir können nachvollziehen, wie sehr sie gelitten haben, jene, die sich ihrer hohen Stellung in der Heimat bewußt waren, wo sie an Behaglichkeit und Vergnügen gewöhnt gewesen waren, und nun, während sie in der schrecklichen Hitze verschmachteten, weder Hoffnung noch Trost auf irgendeine äußere Labsal finden konnten. Hier ist das, was ich und nur ich glaube: noch nie hatten so viele Edelleute um eines rein religiösen Vorteils willen ihren eigenen Körper solchen Entbehrungen ausgesetzt. Obwohl die Herzen der Pilger nach dem teuren, fernen Unterpfand ihrer Liebe brannten, nach ihren süßen Weibern und nach der Größe ihrer Besitzungen, blieben sie nichtsdestotrotz standhaft auf ihrem Platz dort und hörten nicht auf, den Kampf für Christus fortzusetzen.
Ständig lauerten die Sarazenen an Quellen und Flüssen im Hinterhalt, begierig darauf, die Unseren, wo immer sie sie trafen, zu töten, ihre Körper auszuziehen und, wenn es ihnen gelang, Beute und Pferde an sich zu bringen, um sie in Höhlen und Klammen zu verstecken. Schrecklicher Hunger und Durst wütete im Heer, welches die Stadt umlagerte, und die äußerste Wut des Feindes, der da und dort umherstreifte, schlug ihnen ebenso entgegen. Doch die Anführer des Kreuzheeres, die sahen, daß so viele mit so unterschiedlicher Belastbarkeit solche Not kaum länger auszuhalten imstande waren, trieben den Einsatz von Maschinen voran, mit denen die Stadt anfälliger gemacht werden könnte, damit sie zu guter Letzt, nach allem, was sie durchgemacht hatten, an den Leidens- und Begräbnisstätten des Erlösers stünden. Zusätzlich zu den vielen anderen Gerätschaften wie Rammböcken, mit denen sie die Mauern zum Einsturz brächten, oder Katapulten, um die Türme und Mauern ins Wanken zu bringen, ließen sie zwei hölzerne Kastelle bauen, die wir gewöhnlich „falas" nennen. Herzog Gottfried war der erste, der sein Kastell fertigte, zusammen mit anderen Maschinen; und Raimund, der Graf von Saint-Gilles, der es sich leisten konnte, keinem anderen nachzustehen, baute auch sein eigenes. Als sie sahen, wie die Maschinen gebaut, die Kastelle gefertigt wurden, die Wurfmaschinen und Gerätschaften sich auf die Türme zubewegten, begannen die Sarazenen mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, ihre Mauern und Türme zu erweitern und auszubessern. Dadurch daß sie die ganze Nacht hindurch arbeiteten, überraschten sie die Unseren durch die Schnelligkeit, mit der sie dieses erreichten. Außerdem wurde das Holz, aus dem die Unseren die Kastelle und andere Maschinen gebaut hatten, aus einer fernen Gegend geholt. Als die Anführer im Heer des Herrn erkannten, welche Seite der Stadt am verwundbarsten war, brachten sie das Kastell in einer bestimmten Sonntagnacht zusammen mit einigen anderen Maschinen an jenen Ort. Im Morgengrauen stellten sie die Maschinen an der Ostseite auf, und am Montag, Dienstag und Mittwoch setzten sie sie beständig am Platze ein. Der Graf von Saint-Gilles hingegen stellte seine Maschine an der Südseite auf. Da sie vor Begierde auf die Bestürmung brannten, brannte ihr Inneres vor unerträglichem Durst, und eine Silbermünze konnte nicht ausreichend Wasser erstehen, um den Durst eines einzigen zu löschen. Schließlich begannen sie, indem sie all ihre Kräfte zusammennahmen, die ummauerte Stadt am vierten und fünften Tag anzugreifen. Doch bevor der Angriff stattfand, hielten die Bischöfe und Priester jene, die ihre Untertanen waren, dazu an, Litaneien zu singen und zu fasten, zu beten und Almosen zu geben. Die Bischöfe erinnerten daran, was sich dereinst zu Jericho ereignet hatte, daß es um die Mauern der treulosen Stadt geschehen war, als die Posaunen der Israeliten erschollen, und sie siebenmal, während sie die Bundeslade trugen, um die Stadt herummarschierten und die Mauern der ungläubigen Stadt einstürzten. Auch sie umrundeten Jerusalem barfüßig, zerknirschten Sinns und Leibes, indem sie tränenreich die Namen der Heiligen ausriefen. Sowohl die Anführer als auch das Volk kamen in dieser Zeit der Not zusammen, um göttlichen Beistand zu erflehen. Als dieses in großer Demut vollbracht war, befiel das gesamte Heer am sechsten Tag der Woche, nachdem sie die Stadt mit großem Ungestüm angegriffen hatten und ihre gemeinsame Anstrengung sich als nutzlos erwiesen hatte, eine solch gewaltige Mutlosigkeit, daß ihre Stärke dahinschwand und die stetigen Mißerfolge die Entschlossenheit selbst der Mutigsten untergrub. So Gott mein Zeuge ist, ich habe gehört, von Männern im göttlichen Heer, die für ihre Ehrlichkeit bekannt sind, daß ihr nach ihrem erfolglosen Angriff auf die Stadtmauern die besten unter den Rittern, die von den Mauern zurückgekehrt waren, gesehen hättet, wie sie die Hände zur Faust ballen, vor Wut tobend, jammernd, daß Gott sie verlassen habe. Und ich erfuhr auch aus nicht minder zuverlässigen Quellen, daß Robert Graf von der Normandie, und der andere Robert, der Fürst Flanderns, sich trafen und ihren gemeinsamen Schmerz teilten, sich ausgiebig selbst bemitleideten und hinstellten wie die Elendsten, weil der Herr Jesus sie für unwürdig erklärt habe, zu Seinem Kreuz aufzublicken und Sein Grab zu schauen oder besser, zu verehren. Doch als die Stunde heraufzog, zu welcher Jesus, der die Menschen zum zweitenmal aus dem Gefängnis Ägyptens holte, das Kreuz bestiegen haben soll, rammten Herzog Gottfried und sein Bruder, Graf Eustach, die unermüdlich von ihrem Kastell aus gekämpft hatten, mit Widdern die untere Mauer, während sie gleichzeitig die Sarazenen, welche um ihr Land und Leben kämpften, mit Steinen attackierten, mit verschiedenen anderen Wurfgeschossen und sogar mit ihren Schwertspitzen.
Unterdessen war Leuthold, einer der Ritter, die über die kommenden Generationen hinweg für ihren Wagemut und für ihre Taten bekannt sein werden, der erste, der auf die Stadtmauer sprang, die ihn umgebenden Heiden damit überraschte und sie ihrer Zuversicht beraubte. Als er auf die Mauer gestiegen war, stürmten einige der fränkischen Jünglinge, die ihre fromme Tapferkeit hatte hervorstechen lassen, den andern voraus, weil sie dem, der ihnen vorausgegangen war, in nichts nachstehen wollten, und sie kletterten die Mauerbrüstung hinauf. Ich würde ihre Namen auf dieser Seite einfügen, wäre ich mir nicht der Tatsache bewußt, daß sie nach ihrer Rückkehr wegen verbrecherischer Handlungen in Verruf gerieten; deswegen ist mein Schweigen nach dem Urteil derer, die Gottes Namen achten, nicht unbillig. Bald schon, in dem Augenblick, als die Sarazenen die Franken eine Bresche in die Mauer schlagen sahen, flohen sie hurtig über die Wälle und durch die Stadt. Während sie sich zurückzogen, drängte unser gesamtes Heer hinein, einige durch die von den Rammböcken geschlagenen Breschen, andere, indem sie von ihren Maschinen herabsprangen. Ihr Wetteifer hineinzukommen endete in schädlicher Hast; mit jedem, der als erster wahrgenommen werden wollte, kamen sie sich gegenseitig in die Quere. Überdies hatten die Sarazenen nahe dem Eingang zu den Stadttoren den Blicken entzogene abgedeckte Gruben gegraben, die vielen von den Unseren Verletzungen zufügten, nicht zu sprechen von den Schwierigkeiten, die durch die Enge des Einlasses bedingt waren, als die Unseren hineinstürmten. Die Franken jagten die fliehenden Heiden wie wild durch die Gassen, über Plätze und Kreuzungen, töteten jeden, den sie antrafen, mehr nach Art eines Gemetzels als einer Schlacht, bis sie auf das stießen, was der Tempel Salomons hieß. Es floß soviel Menschenblut, daß eine Woge stockenden Blutes den vorrückenden Männern bis fast über die Knöchel reichte. Also nahm ihr Glück sich an jenem Tage aus.
Graf Raimund von Saint-Gilles zog sein Heer von der Südflanke ab und hatte eine Maschine auf Rädern von enormer Größe an die Mauer herangebracht, doch zwischen der „Kastell“ genannten Maschine und der Mauer befand sich ein sehr tiefer Graben. Die Fürsten hielten alsbald Rücksprache, wie das Legen einer Mauerbresche rasch zu erreichen sei und ließen einen Boten überall im Heer verkünden, daß jeder, der drei Steine zum Graben hintrage, unter Garantie einen Pfennig dafür erhielte. Im Verlauf von knapp drei Tagen war der Stadtgraben aufgefüllt, da auch die Nacht sie nicht davon abhielt, ihr Vorhaben auszuführen. Als der Graben auf diese Weise zugeschüttet worden war, schoben sie die Maschine gegen die Mauern. Die aber, die die Verteidigung der Innenstadt übernommen hatten, widerstanden uns, nicht aus Tapferkeit, wie ich meine, sondern aus verbissener Tollheit, indem sie, was sie griechisches Feuer nennen, gegen die Unseren schleuderten und die Räder der Maschine mit Steinen beschädigten. Den Franken gelang es jedoch häufig mit bemerkenswertem Geschick, ihren Streichen und Versuchen zu entgehen. Unterdessen machte allein der Schlachtenlärm den vorgenannten Grafen auf der Ostseite der Stadt Glauben, daß die Franken in die Stadt eingebrochen seien und sie Tod und Verderben bringend durchstürmten. „Warum", sprach er zu den Seinigen, „kommen wir zu spät? Merkt Ihr nicht, daß die Franken die Stadt längst eingenommen haben und nun auf ihrem Siegeszug große Beute machen?" Der Graf drang darauf mit den Seinen schnell in die Stadt ein. Als er erfuhr, daß etliche Franken sich über die Paläste der Stadt verteilt hätten, einige im Tempel des Herrn, und daß viele vor den Altären des Salomonischen Tempels, wie er früher hieß, kämpften, um sich die Macht in der eingenommenen Stadt zu sichern, sprach er mit dem die Aufsicht über den Zion genannten Davidsturm führenden Emir (wie sie ihn nannten), von dem er verlangte, daß er den Turm, mit dem er betraut war, übergebe. Somit öffnete der Satrap, nachdem ein Pakt zwischen ihnen geschlossen worden war, für ihn das Tor, durch welches die Pilger zu gehen pflegten, wenn sie Jerusalem betraten, und wo sie auf grausame und ungerechte Weise gezwungen wurden, den „musellae" genannten Wegezoll zu entrichten. Als die Provinzalen, d.h. das Heer des Grafen von Saint-Gilles, und all die andern die Stadt betreten hatten, fand ein allgemeines Abschlachten der Heiden statt. Keiner wurde aufgrund seines zarten Alters, seiner Schönheit, Würde oder Stärke verschont, sie alle erwartete ein unausweichlicher Tod. Jene, die sich in den Tempel Salomons zurückgezogen hatten, setzten den ganzen Tag über den Kampf gegen uns fort, doch die Unseren, wütend über die lächerliche Anmaßung dieser Verdammten, griffen sie mit vereinten Kräften an und drangen mittels ihrer gemeinsamen Anstrengungen tief ins Tempelinnere vor, wo sie ein solches Blutbad unter den armen Teufeln dort anrichteten, daß das Blut der unermeßlichen Menge der Getöteten ihnen fast bis über die Stiefel reichte. Eine unzählige Menge beiderlei Geschlechts und Alters war in dieses Heiligtum geströmt; die Franken gewährten einigen unter ihnen ein paar Augenblicke ihres Lebens, damit sie die Körper der Gefallenen, von denen da und dort ein übelriechender Haufen verstreut lag, aus dem Tempel entfernen konnten. Nachdem sie die Körper weggebracht hatten, wurden sie selbst dem Schwert überliefert. Jene, die auf das Tempeldach geklettert waren, eine große Masse gemeinen Volks, nahm die Standarten Tankreds und Gastons entgegen, als Zeichen, daß ihnen inzwischen Schonung zugesichert worden war. Ob jedoch Gaston, ein berühmter und äußerst wohlhabender Mann, ein Gascogner oder ein Baske war, weiß ich nicht mehr genau, doch bin ich mir sicher, daß er eines von beiden war. Das Heer fing daraufhin an zu rasen, und die ganze Stadt wurde ausgeplündert. Paläste und andere Gebäude waren frei zugänglich, und Silber, Gold und seidene Gewänder wurden zu Beute gemacht. Sie fanden viele Pferde und Maultiere, und in den Häusern entdeckten sie einen großen Überfluß an Lebensmitteln aller Art. Es war recht und billig für Gottes Heer, daß das Schönste, was sich einem gerade darbot, egal wie arm einer war, ohne Zweifel oder Widerrede, unabhängig vom Stand des Mannes nach dem Recht dem zugesprochen wurde, der es als erster in die Hand bekam. Und dann, nachdem sie dieses zur Seite gelegt hatten, liefen sie, gleichermaßen froh und betrübt, zu dem hin, wonach sie so glühend gedürstet hatten.
Sie wandten sich zum Grab des Herrn und dankten Ihm für das, wonach sie getrachtet hatten, die Befreiung der heiligen Stätten. Er hatte durch sie als Seine Werkzeuge solch gewaltige Taten vollbracht, daß weder jene, die sie ausgeführt hatten, noch irgendwer sonst diese großen Taten gerecht zu würdigen wußten. Sie dachten unentwegt daran, wieviel Leid sie ausgestanden hatten, um dieses zuwege zu bringen, und wie sie es erreicht hatten, worauf sie nicht hatten hoffen dürfen, und als sie erwogen, daß sie selbst Heldentaten vollbracht hatten, die es seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben hat, konnte kein Mensch begreifen, wie gesegnet die Tränen waren, die sie vergossen. Allmächtiger Gott, welch heftige Gemütsbewegung, welche Freude, welchen Gram erlebten sie nach beispiellosen Leiden, die nie zuvor ein Heer erduldete, gleich den Qualen der Entbindung, als sie wie neugeborene Kinder sahen, daß ihnen das junge Glück eines langersehnten Traums in Erfüllung gegangen war. Daher waren sie traurig, und nachdem sie Freudentränen vergossen hatten, süßer als Wein, frohlockten sie, und mit überströmenden Gefühlen schlossen sie den frommsten Jesus in die Arme, den Grund ihres unermüdlichen Tagwerks, so als wäre er seit unvordenklichen Zeiten bis zu diesem Augenblick am Kreuz gehangen oder in der Grabkammer eingesperrt gewesen. Großartige Geschenke an Gold und Silber wurden dort gemacht, doch war aufrichtige Demut wertvoller als jedes Geschenk.
Endlich erstrahlte der nächste Tag, und die Franken, nun von Reue erfüllt, daß sie denen, die aufs Tempeldach geklettert waren (denen Tankred und Gaston, wie wir oben sagten, ihre Banner gegeben hatten), das Leben geschenkt hatten, drangen in die Höhen des Tempels vor und hackten die Sarazenen in Stücke, wobei sie die Frauen gemeinsam mit den Männern töteten. Einige von ihnen, die den Freitod vorzogen, stürzten sich vom Giebel des Tempels herab. Tankred jedoch, weil er und Gaston ein Sicherheitsversprechen gegeben hatten, war durch dieses Töten äußerst aufgebracht. Darauf befahlen die Unsrigen einigen Sarazenen, die Toten wegzuschaffen, weil der Verwesungsgestank der Körper erdrückend war und die Stadt von so vielen Leichen erfüllt war, daß die Franken sich ohne auf tote Leiber zu treten nicht fortbewegen konnten. Daher schichteten die Heiden, nachdem sie die Körper aus der Stadt getragen hatten, vor den Haupttoren Berge von Leichen auf und verbrannten sie in einem riesigen Haufen. Wir lesen lediglich darüber und haben ein solches Abschlachten von Heiden niemals irgendwo gesehen; Gott zahlte es denen, die solches Leid und Tod über die Pilger gebracht hatten – die über einen so langen Zeitraum in jenem Lande gelitten hatten – heim, indem er eine Vergeltung übte, die so groß war wie ihre abscheulichen Verbrechen. Denn niemand außer Gott selbst kann ermessen, wieviel Elend, wie viele Mühen, wieviel Verderben all jene, die die heiligen Stätten aufsuchten, von seiten der überheblichen Heiden durchmachten. Gott muß sich gewiß mehr über ihr Leiden gegrämt haben als über die Auslieferung Seines Kreuzes und Grabes in gottlose Hände. Aber bevor wir unseren Griffel anderen Dingen zuwenden, sollte klar werden, daß der Tempel Salomons, auf den wir oben verwiesen, nicht der Bau ist, den Salomon selbst schuf, von dem der Herr prophezeit hatte, daß nicht „ein Stein auf dem andern" bliebe, und der zerstört wurde, sondern eine Nachbildung dessen, ich weiß nicht von wem erbaut, als eine Huldigung des edlen älteren Hauses. Er war gewiß ein Ort von sehr großer Schönheit, aus Gold und Silber gebaut, für unermeßliches Geld und von unglaublicher Vielfalt, mit Wänden und Toren, die mit Platten aus Edelmetall verkleidet waren. Graf Raimund hatte dann in jener Nacht den Präfekten, der die Verantwortung für die Zitadelle trug, an den er seine Banner geschickt hatte, zusammen mit seinem gesamten Gefolge zum Verlassen der Zitadelle bewogen und ihm sicheres Geleit nach Askalon gegeben.
Dann, als die heiligen Stätten befreit worden waren, wurde das ganze christliche Heer aufgefordert, Almosen und Opfer darzubringen, damit ihre Seelen, wie es sich gehört, empfänglich für die göttliche Gnade würden, die sie benötigten, um den Mann zu wählen, der die Heilige Stadt als ihr König regieren würde. Am achten Tag nach der Einnahme der Stadt machten sie dem Grafen von Saint-Gilles ein Angebot, aufgrund seiner Vortrefflichkeit, doch er lehnte es, obwohl er auf seine hohe Stellung achtete, ab, eine so beschwerliche Aufgabe zu übernehmen, aus gutem Grund (er war ein alter Mann, der nur ein Auge hatte, doch für seine beachtlichen Waffentaten und für seine Tatkraft bekannt war). Schließlich traten sie an Herzog Gottfried heran, und wegen der beharrlichen Weigerung eines jeden wurde die Last, weniger die Ehre dieser Aufgabe ihm auferlegt, denn er würde unablässig gegen die große Macht der Heiden zu kämpfen und den benachbarten Christen gegenüber guten Willen zu bekunden haben. Schlank, relativ groß, wortgewandt und gleichmütig, hatte er sich aufgrund seiner Stärke im Kampf auf dem Feldzug des Herrn einen Namen gemacht. Gemäß einem zuverlässigen, genauen Zeugnis wird die folgende Geschichte über eine bemerkenswerte von ihm vollbrachte Tat erzählt, als er in Antiochien an der Brücke über den Pharphar auf einen Türken traf, der keinen Brustpanzer trug, jedoch zu Pferd war. Gottfried traf dessen Eingeweide mit seinem Schwert mit solcher Wucht, daß der Rumpf seines Körpers zu Boden fiel, während die Beine sitzen blieben, als das Pferd sich weiterbewegte. Die Lothringer pflegten ausgesprochen lange und scharfe Schwerter zu führen.
Wir meinen, daß eine andere, nicht weniger glorreiche und erzählenswerte Tat von ihm hier eingeschoben werden sollte. Sie hatten gerade Nikäa eingenommen, und weil in Nikäa alles gut verlaufen war, eilten sie, Antiochien zu belagern; unterwegs, wenn sich von Zeit zu Zeit Gelegenheit ergab, ihre sonst übliche Vorsicht zu lockern, jagten sie in den nahegelegenen Wäldern wilde Tiere (die Felder in jener Region waren nicht so hoch und dicht wie bei uns). Anläßlich eines solchen Ereignisses brach ein Bär von ungeheurer Größe aus dem Unterholz hervor; als das Heer ihn erblickte, ergriffen alle die Flucht. Von der schreienden Menge erschreckt, suchte der Bär sogleich wieder den Wald auf, aus dem herausgekommen war. Während etliche der Männer ihn einkreisten, traf es sich, daß ein Unglücklicher in sein Lager tappte. Vorwärtsschnellend griff der Bär den Unbesonnenen an, hielt ihn mit seinen Tatzen fest und faßte mit seinen Zähnen flink das Bein des am Boden Liegenden. Darauf schickte sich der Herzog, von den Seinigen getrennt, an, ihm zu helfen; als ihn der Unglückliche, vor Schmerz und Angst wimmernd, erblickte, appellierte er an des Mannes edle Natur und flehte ihn an, ihm zu helfen. Der Herzog, dessen Natur fast zur Gänze aus Tugenden bestand, zögerte auch nicht, ihm beizustehen, sondern zog hurtig sein Schwert aus der Scheide und schlug der Bestie kräftig auf den Kopf. Aufgrund der Härte seiner Knochen mehr verärgert als verwundet, ließ das Tier mit seinen Zähnen vom Bein des Unglücklichen, den es soeben noch so grimmig angefallen hatte, ab und griff den Herzog an. Der Gerettete entfernte sich schnell, ohne sich weiter um den Ernst der Lage des Herzogs zu kümmern, aber sein eigenes Leben in Sicherheit bringend, indem er Mensch und Tier den Kampf unter sich austragen ließ. Das Untier, zornig über den ihm versetzten Schlag, schnellte vorwärts, packte den Herzog mit seinen Klauen, warf ihn nieder und preßte ihn unter seine furchtbaren Gliedmaßen. Mit seinem wütenden Maul biß es den Herzog ins Bein, doch der edeldenkende Mann blieb trotz seines Sturzes unerschütterlich und hielt sein Schwert, das er gezogen hatte, fest umklammert. Wie er da lag und das Untier weiter an der Hüfte nagte, die es gefaßt hatte, richtete der Herzog, sich seiner mißlichen Lage vollauf bewußt, sein Schwert zwischen Kopf und Arm der Bestie, nahm seine gesamte Kraft zusammen und trieb die Spitze der Klinge in das Körperinnere des Tieres. Als er das Metall durch die Eingeweide des Tiers gleiten fühlte, löste dieses schließlich die in des Herzogs Fleisch eingedrungenen Kiefer. Als der Herzog sah, daß er vom Maul der Bestie freigekommen war, und feststellte, daß sich das Tier nicht vom Fleck rührte, stemmte er sich mit beiden Beinen dagegen, doch in dem Akt des Drückens empfing er eine beinah tödliche Wunde an seinem Bein durch das Schwert, das in der Brust des Tieres über ihm steckte. Er brach zusammen in einem schlimmeren Zustand, als er vom Tier festgehalten worden war, und darauf wurde er, durch Blutverlust geschwächt, nach einiger Zeit von den Seinigen gefunden. Der Herzog bereute nun, wenngleich zu spät, daß er sich persönlich eingesetzt hatte, denn dieses Abenteuer kam seine Krieger sowie das gesamte Kreuzheer teuer zu stehen. Bis die Belagerung Antiochiens vorüber war, mußte er auf einer Bahre getragen werden, und weil er sich nicht um sich oder andere kümmern konnte, verlor er schnell beinah 15000 Mann von denen, die zu ihm gehört hatten, die ihn jedoch verließen, als er kampfunfähig wurde.
Weil wir uns mit dem Bären beschäftigt haben, möchten wir auch eine Tat herausheben, die von seinem Bruder Balduin vollbracht wurde, der jetzt noch immer der Regent Jerusalems ist, denn es dürfte keinen besseren Ort mehr für diese Geschichte geben. Er erlitt eine ähnlich schwere Wunde im Kampf während der Rettung von einem seiner Reisigen, die ihn tapfer unterstützt hatten. Weise Voraussicht veranlaßte den Arzt, den er kommen ließ, sich gegen eine Bedeckung der Wunde mit medizinischen Breiumschlägen zu sträuben, weil er wußte, daß die Verletzung sehr tief war und die Wunde, während die Haut besänftigt werden konnte, tief drin in seinem Körper eitern würde. Er schlug einen bemerkenswerten Versuch vor. Er bat den König zu befehlen, einen der gefangengehaltenen Sarazenen (denn es war ihm untersagt, um einen Christen zu bitten) an derselben Stelle und auf dieselbe Art verwunden zu lassen, wie Balduin verwundet worden war, und ihn danach töten zu lassen, damit er ungehinderter in die Leiche schauen und aus dieser Untersuchung etwas über des Königs eigene innere Wunden herausfinden könnte. Des Fürsten Frömmigkeit schreckte mit Entsetzen von diesem Vorschlag zurück, und er rief das Beispiel des alten Konstantin in Erinnerung, indem er erklärte, daß, wann immer etwas unklar sei, er wegen einer so unbedeutenden Rettung nicht die Ursache am Tod irgendeines noch so unbedeutenden Menschen sein wolle. Der Arzt sprach darauf zu ihm: „Wenn Ihr entschieden habt, daß keines Menschen Leben für Euer eigenes Wohlergehen geopfert werden dürfe, dann gebt wenigstens Befehl, einen Bären vorzuführen, ein Tier, das außer zur Unterhaltung zu nichts nütze ist, und laßt Ihn an seinen Vordertatzen aufhängen, sodann mit einer Eisenklinge durchbohren, so daß ich hierauf seine Eingeweide untersuchen kann, und ich werde in der Lage sein zu ermessen, wie weit sie hineinreichte, und dabei die Tiefe Eurer eigenen Wunde feststellen." Der König antwortete ihm: „Das Tier wird sofort besorgt, da es ja notwendig ist: betrachtet dies als beschlossene Sache." Als der Arzt seinen Versuch auf Kosten des Tiers durchgeführt hatte, fand er heraus, daß dem König, wie oben erwähnt, Schlimmes bevorstünde, wenn die Wunde, sofern nicht das Eiter entfernt und der innere Teil der Verletzung ausheilen würden, schnell bedeckt würde. Dieses zur Ehrfurcht von Königen gesagt, möge genügen; es hätte mit Recht Berühmtheit erlangt, wäre nicht die Wahl eines Bischofs und des Bistums selbst anrüchig gewesen.
Bis hierher hat die achtsame Muse sich durch Dornengestrüpp begeben, entlang eines schmalen Grates. Eine Wolke verdüstert des Wanderers Pfad, und das Tagen des Morgensterns beginnt langsam zu wärmen. Möge die Geißel des Blutes nur bis hierher geflossen sein; möge es nie mehr Zeiten des Tötens und Hungerns geben. Hat das Glück unseren Mühen auch manchmal gelächelt, ist doch der raubgierige Atemzug der Zerstörung bald darauf gefolgt. Als die Mauern Nikäas einstürzten und die Stadt Antiochien eingenommen wurde, was wurde dadurch Gutes bewirkt? Das Gute, welches aus den Leiden eines jeden heiligen Märtyrers erwuchs, als der Tod überwunden wurde. Denn wenn Schmerzliches zu erdulden war, Armut und Tod bescherend, brachte der Schmerz zugleich künftige Freuden hervor. Um mit den Worten des Psalmenschreibers zu reden: „Ich freute mich über die, die mir sagten: Lasset uns ziehen zum Hause des Herrn;" unsere Füße sollen die Hallen Solymes betreten, um dort voll Freude zu wandeln. Franken, nehmt dies als Lohn eurer Mühen; grämt euch nicht über das Elend, welches ihr erduldet habt. Erfreuet euch beim Anblick des Grabes, auf den ihr lange gehofft habt, und an der Wiederherstellung des tränendurchnäßten Kreuzes, und alles Leid wird eure Herzen verlassen. Diese Stadt, oft Königen zur Beute gegeben, wurde dem völligen Untergang geweiht. O Stadt, seliggesprochen durch diese Eroberung, von nun an solltest du herrschen, die du christliche Königreiche an dich bindest. Du wirst die Herrlichkeiten der Erde hierherkommen sehen, dir kindliche Dankbarkeit zu erweisen. Weder Esra noch Judas Makkabäus taten so viel nach deinem Leiden; Hadrian, von wannen Elia seinen Namen trägt, konnte, dich wiederzubeleben, nicht soviel geben. Diese Welt kämpft für dich und die Deinen; Sorge um dich umfaßt beinah die gesamte Ewigkeit. Einst konnte Judäa, als es auf seinem Höhepunkt war, diesem Glanz entsprechen. Warum werden Ritter in der Schlacht besungen? Ich frage, damit ihr der Untergang Persiens seid und nicht der eurige. Greift den Fürsten Babylons an und was immer Jerusalem im Wege steht, damit die Rechtschaffenen das Kreuz Jesu besuchen können, ihre frommen Häupter am Grabe verneigend. Laut werde ich verkünden, daß unser Zeitalter erlebt hat, worüber keine künftigen Jahrbücher unterrichten werden.
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