Östliches Eden - Der versunkene Kontinent
Südostasien
Aus: Stephen Oppenheimer, Eden in the East
– The Drowned Continent of
Southeast Asia
Wandern Ur-Mütter und
-Väter
in Richtung Westen?
Die
mtDNA-Verteilung der F-Mutter,
wie sie von Torroni und
Mitarbeitern umrissen wurde,
besitzt auch zwei isolierte
Basen unter den kaukasischen
Vertretern (die in Europa,
im Mittleren Osten und unter den
meisten Populationen auf dem indischen Subkontinent). Die eine von
ihnen gehört zu einer Gruppe von Schweden und Finnen. Ein
weiteres asiatisches Nebenmaximum findet sich in Skandinavien. Im
allgemeinen haben kaukasische Bevölkerungen eine komplett andere mtDNA als Ostasiaten, immerhin
leitet sich ein eigenständiger
Beweis für ein asiatisches Eindringen
ins arktische Europa aus dem
väterlichen bzw. dem Chromosom des Y-Adams
ab.
Tatiana Zergal von der Universität Oxford hat zusammen mit ihren
Kollegen eine Mutation eindeutig asiatischer Herkunft des
Y-Chromosoms, die in uralischsprachigen Populationen Zentralasiens
vorkommt, mit den sprachverwandten Finnen, Esten und Samen (Lappen)
Nordeuropas und den Mari in Nordwestrußland in Verbindung gebracht.
Einige Beispiele für diese Mutation
treten auch in Norwegen zutage, was auf eine lokale
Verbreitung in einigen norwegischsprachigen Bevölkerungen hindeutet.
Aufgrund der Mutationsverteilung nehmen
Zergal und ihre Kollegen eine hypothetische Herkunft aus dem Gebiet
der Mongolei/Chinas an. Ein
Individuum wurde sogar auf Japans
Pazifikseite gefunden. Die Erklärung besagt, daß eine ursprünglich
in Asien beheimatete Gruppe männlicher Migranten aus Innerasien ihre
asiatische Sprache und männlichen Chromosomen bewahrte, aber viele
ihrer ureigenen genetischen Eigenschaften mit europäischen Genen
in Finnland, Estland und Nordwestrußland austauschte. Die Samen, die
durch Felsgravuren bis 4200 v. Chr. zurückverfolgt werden können,
sind genetisch die vielleicht engsten noch lebenden Verwandten jener
ersten Migranten aus dem Osten: eine schamanistische Kultur, deren
Legenden solche Migrationen festgehalten haben. Die finnische
Mythologie besitzt, wie wir aus dem Epos Kalevala wissen, eindeutig
asiatische und pazifische
Wiederholungen. Ohne Zweifel
leben diese Gene
in einer viel
ausgedehnteren Verteilung
noch über Nordosteuropa
fort.
Seltsamerweise
erklärt der Beweis anhand des
Y-Chromosoms den bemerkenswerten Unterschied im Erscheinungsbild
zwischen den europäischstämmigen Finno-ugrisch-Sprechern und ihren
Sprachvettern, den Uraliern, aus Zentral- und Nordasien
–
wahrscheinlich wegen der Ausdünnung ureigener asiatischer Genmerkmale in den ersteren. Es gibt noch andere mtDNA-Verbindungen
zwischen der asiatischen Pazifikregion und Europa, doch sind diese
dürftig und bedürfen weiterer Untersuchungen. Das gesamte Ausmaß
asiatischen Eindringens nach Europa während der Stein- und
Bronzezeit, wie es durch Keramiktechniken und Rundschädelformen
belegt ist, hat eine lange Tradition und bleibt kontrovers. Es liegt
außerhalb des Umfangs dieses Buches.
Ich kann nun den Beweis für eine Ost-West-Ausbreitung anhand der
genetischen Marker des Y-Adams und der Mutter-Eva wie folgt
zusammenfassen: Die asiatische 9-bp-Deletion wurde von der
südostasiatischen Mutter nach Südindien getragen, einer Frau, die
möglicherweise von austronesischer Zunge war. Die Sippen der
mütterlichen Haplogruppe F nach der Klassifizierung von
Antonio Torroni, die weitaus deutlicher an die austroasiatischen
Sprecher des asiatischen Festlands anknüpfen, breiten sich in
nördlicher Richtung radial nach Indochina und Tibet und westwärts
nach Nordindien aus, wie es das Modell des vorigen Kapitels
vorschlägt. Die mütterlichen und väterlichen Spuren weisen auf eine
mögliche weitere Ausbreitung dieser Leute bis nach Europa hin,
entweder über Indien oder durch Zentralasien. Die heißesten Fährten
sind in dieser Hinsicht diejenigen nach Finnland und Schweden.
Dieses vielversprechende Beweismaterial aus nicht miteinander
verheirateten Genen des Ur-Adams und der Ur-Eva wird durch
wissenschaftliche Studien an noch vielfältigeren und überaus
fruchtbaren, ureigenen genetischen Markern reichlich unterstützt. Und
wieder kommt einer der überzeugendsten Beweise auf
Populationsgrundlage aus der Genkodierung des Hämoglobin-Moleküls,
das für den Sauerstofftransport in unserem Blut verantwortlich
ist.
Der Thalassämiegürtel von Pazifisch-Asien bis Europa
Hämoglobin
besteht aus vier Protein-Untereinheiten, ähnlich den Knäuelketten, die
als Globine bekannt sind. Im fertigen Hämoglobin sind diese
aus Sätzen von je zwei Alpha-Globinen und Beta-Globinen
zusammengesetzt (Abb. 28). Mutationen in den Genen, die für diese zwei Globine und einige andere Vertreter verantwortlich sind, können als
populationsgenetische Marker Verwendung finden. In mancher Hinsicht
gibt es ein Zuviel an Information über die geographische Mutationsverteilung
in den Globin-Genen. Die meisten Untersuchungen
beschäftigen sich mit Mutationen der Alpha- (α-) und Beta- (β-)
Globin-Gene, die zur Thalassämie führen, einer Gruppe von erblichen
Blutmerkmalen, die wie in Kapitel 6 beschrieben unterschiedliche
Grade von Anämie hervorrufen. Karten über die Verbreitung der Alpha-
und Beta-Thalassämie spiegeln die Verteilungskarten der
Schöpfungsmythen wider, die ich in Teil II beschreiben werde.
Obwohl einige der Thalassämieverteilungen Afrika getrennt ausweisen,
sind Westindier nicht vertreten, und die betroffenen Regionen
verteilen sich in einem Band vom Südpazifik im Südosten über
Südostasien, Südchina, Indien, Arabien, den Mittleren Osten und
schließlich den Mittelmeerraum im Nordwesten.
Die meisten
dieser Mutationen sind in der Vergangenheit durch natürliche Selektion
entstanden, weil sie den Träger malariaresistenter machen. Deswegen ist das ost-westliche Thalassämieband
überwiegend durch die historische Verbreitung der Krankheit in Eurasien
bestimmt. Malaria hängt umgekehrt von tropischen und subtropischen
Temperaturen ab, verbunden mit ausreichend Niederschlag; diese
Regionen haben naturgemäß auch steinzeitliche Küstenmigrationen
miterlebt. Unter diesem Gesichtspunkt wäre es schwierig festzustellen,
ob die ähnlichen südost-nordwestlichen Verteilungsbänder der
Schöpfungsmythen, der
strukturellen Sprachverbindungen und der Mutationen zufällig sind oder ein gemeinsames Migrationsmuster
widerspiegeln.
Die
außergewöhnlichen Kernmutationsmarker des Globins sollten hierbei helfen. Sie
tun es, jedoch gibt es viele verschiedene Marker, die Thalassämie
hervorrufen. Gut über einhundert β-Thalassämie-Marker sind
beschrieben worden, und noch mehr α-Thalassämie-Defekte werden
ständig neu entdeckt. Mit einer solch mächtigen, durch die Malaria
ausgelösten selektiven Wirkung ist es durchaus wahrscheinlich, daß
einige der häufigeren populationsgenetischen Marker durch Mutation
mehr als einmal passiert sein können. Dies könnte geographische Links zwischen Markern
dafür verwendbar machen, Migrationswege unter gewissen Umständen als
trügerisch herauszustellen.
Die
Überzeugungskraft dieses Arguments mehrfacher Mutationen variiert in
Abhängigkeit von der jeweiligen Mutation und ist bis zu einem gewissen Grad
etwas Unwägbares. Gewisse Mutationen, etwa die, welche das anomale
Hämoglobin E und verschiedene α- und β-Thalassämien verursachen,
tauchen in unterschiedlichem Umfeld auf und scheinen somit mehr als
einmal aufgetreten zu sein. Die Mehrfach-Mutationshypothese erklärt
jedoch nicht, warum dieselben Mutationen in derselben
geographischen Nachbarschaft mit größerer Wahrscheinlichkeit
gefunden werden als jede andere, anstatt zufällig über die Welt
verteilt zu sein.
Einige
auf diesem Gebiet arbeitende Genetiker schlagen eine andere
Erklärung vor, warum dieselbe Mutation mehr als einmal in einem
unterschiedlichen Umfeld im selben geographischen Raum gefunden
wird. Adrian Hill, ein weiterer Oxforder Genetiker, hat dies
»ein
kleines Rekombinations- (Genumwandlungs-)ereignis genannt, welches
die Mutation von einem Chromosom auf ein anderes überträgt. Dies
scheint mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit
dort passiert zu sein, wo eine auf eine bestimmte geographische
Region beschränkte Mutation mit mehr als einem System in
Zusammenhang gebracht werden kann.«
Er argumentiert ferner, daß sich dieser Prozeß schon über geraumere
Zeit in Asien abgespielt zu haben scheint. Je länger eine Mutation
besteht, desto wahrscheinlicher erscheinen Kopien von ihr in
unterschiedlichen Umgebungsbedingungen. Wenn daher zwei gleiche
Mutationen in demselben genetischen Gefüge in zwei verschiedenen
Ländern aufgefunden werden, haben sie höchstwahrscheinlich
denselben Ursprung; wenn dieselben Mutationen in verschiedenem
Umfeld gefunden werden, ist es immer noch möglich, daß sie
gemeinsamen Ursprungs waren, jedoch vor langer Zeit.
Trotz dieses Chromosomenkunstgriffs gibt es ausreichend
Möglichkeiten für
dieselbe Mutation in demselben über den Indischen Ozean
verbundenenen Gefüge, um ein Argument für ein beträchtliches,
vorzeitliches
südostasiatisches Eindringen nach Assam, Westbengalen, Andhra
Pradesh und auf den Arabischen Golf sowie in den Mittelmeerraum zu
liefern.