Das Krieger-Gen
Große Feldherrn müssen es besessen haben, sämtliche Verbrecher
tragen es in sich. Die Rede ist vom Krieger-Gen. Nach allem, was wir
bisher über die Ursachen der unterschiedlichen Gewaltbereitschaft
von Individuen wissen, wird eine Variante des Monoaminoxidase-A-Gens
(MAOA)
sowohl mit dem Grad als auch der
Intensität der ausgeübten Aggression in Verbindung gebracht.
Dieses
sogenannte »Krieger-Gen«
ist ein genetischer Polymorphismus, welcher
in seiner schwach aktiven Form
MAOA-L auf Provokationen
entschlossener mit Aggression
reagiert als in seiner
hoch aktiven Form MAOA-H.
Erste Studien an Mäusen haben ergeben, daß Tiere, die ein entartetes
MAOA besaßen, aggressiver waren als ihre normalen Artgenossen [1].
Eine niederländische Familie, bei der es über Generationen hinweg
immer wieder zu Gewalttaten unter den Männern kam, ließ eine
MAOA-Anomalie erkennen [2]. Während emotionaler Erregung zeigen
Männer, die das MAOA-L-Allel besitzen, eine erhöhte Aktivität
in den Amygdala und den ausführenden Frontallappen, was auf die
emotionalen und kognitiven Kanäle hinweist und MAOA-L für
jähe Formen der Aggression verantwortlich macht [3]. Beim Menschen
kann ein polymorpher Mechanismus im MAOA-Gen eine Mittlerrolle
hinsichtlich der Auswirkung traumatischer Erlebnisse in der Kindheit
und dem Hang zur Gewalttätigkeit im Erwachsenenalter spielen [4].
Das erste Experiment, mit dem erfolgreich die Abhängigkeit einer
psychischen Reaktion von einer genetischen Veranlagung der
beschriebenen Art nachgewiesen werden konnte, wurde 2009 von Rose
McDermott et al. durchgeführt [5]. Die Testpersonen, deren
Allele in bezug auf die genetische Zuordnung zu Beginn der Messung
bekannt waren, hatten die Wahl, demjenigen, der sie während eines
fingierten Spiels, welches den Einsatz von Eigenkapital erforderte,
finanziell geschädigt hatte, zur Strafe heiße Soße zu verabreichen –
die dieser essen mußte, obwohl er sie nicht mochte – oder die Soße
in Geld umzutauschen, um vor finanziellen Einbußen verschont zu
bleiben. Bei geringen Verlusten unterschieden sich die Testpersonen
hinsichtlich der Wahl ihrer Mittel kaum voneinander, waren die
Verluste indes hoch, so reagierten die Träger der MAOA-L-Variante
deutlich häufiger mit dem Verabreichen der heißen Soße als mit dem
Rückkauf, obwohl ihnen diese Maßnahme wirtschaftlich nichts
einbrachte, außer der Genugtuung, den Gegner für den erlittenen
Schaden abgestraft zu haben. Die Frage, inwieweit und warum
individuelle genetische Unterschiede im Ergebnis ein
unterschiedliches Verhalten erkennen lassen, konnten die Autoren
allerdings nicht beantworten.
Für
die Anthropologie ist vielmehr von Bedeutung, wie die globale
Verteilung der beiden Allele unter den Ursprungspopulationen
aussieht, aber derartige Erhebungen sind noch weit davon entfernt,
aussagekräftig zu sein. Da jedoch die Verteilung anderer Gene,
speziell der Blutgruppensysteme, bestens bekannt ist, mögen
vorübergehend Analogien einen qualitativen Vergleich ermöglichen.
Wir wissen zur MAOA-Verteilung einstweilen nur soviel zu sagen, daß
in westlichen Populationen etwa ein Drittel der Bevölkerung das
Allel MAOA-L aufweist, während es in der Maoribevölkerung
zwei Drittel sind. Gleichzeitig wissen wir, daß die europäischen
Bevölkerungen phylogenetisch deutlich älter sind als die Polynesier,
die stammesgeschichtlich immer noch auf einer sehr niedrigen
Kulturstufe stehen. Während bei den letzteren, zu denen auch die
Maori zählen, die außerordentlich alte mitochondrische Haplogruppe
B überwiegt, ist unter Europäern hauptsächlich die viel
jüngere Haplogruppe H verbreitet. Insofern müßte unter
Polynesiern, was bei den Maori auch tatsächlich der Fall ist, das
ursprünglichere Allel überwiegen, und das ist die schwach aktive
Form der Monoaminoxidase-A, MAOA-L. Das stärker aktive Allel
MAOA-H kann daher, jedenfalls beim Homo sapiens, nur
später entstanden sein. Es können aber zu Beginn der
Menschheitsentwicklung auch durchaus beide Formen bereits existiert
haben, wobei je nach sozialen Gegebenheiten einmal die eine, einmal
die andere Variante im Überschuß war. Sofern reichlich Nahrung
vorhanden ist, neigt jede Art stets mehr zum Altruismus, herrscht
hingegen Nahrungsknappheit vor, verstärkt sich der Egoismus. Somit
mag unter Mäusen, deren Nahrungsbestandteile überwiegend
pflanzlicher Natur sind, das MAOA-H-Allel in der Überzahl
sein, während bei Raubtieren, die ständig Hunger leiden und sich
ihre Nahrung erst erbeuten müssen, die also naturgemäß ein
gesteigertes Aggressionsverhalten an den Tag legen, das MAOA-L-Allel
überwiegen oder sogar ausschließlich vorhanden sein sollte. Wenn es
also darum geht, satt zu werden, und die Möglichkeiten dazu
erschwert sind, setzen sich die Räuber, d.h. die Krieger, besser
durch, im andern Fall sind es die Friedfertigen, die die höhere
soziale Kompetenz besitzen. Besonders in Ackerbaugesellschaften, wo
alle satt werden – die seltenen Mißernten ausgenommen –, mag der
überwiegende Teil der Bevölkerung das Allel MAOA-H aufweisen.
Das dürfte mit ein Grund sein, warum es unter Europäern überwiegt,
während es für den kannibalischen Maori um des größeren Jagdreviers
willen eher besser gewesen sein dürfte, aggressiv und rücksichtslos
zu sein und sich seines Rivalen zu entledigen. Er sicherte damit
nicht nur sich, sondern auch seiner Familie die besseren
Überlebenschancen, und somit erschiene durchaus plausibel, wenn vor
allem unter den älteren Haplogruppen Europas, namentlich I,
J und G, auch das Krieger-Gen häufiger im Umlauf ist.
Diese genetische Disposition ist aber gerade in friedliebenden
Ackerbaukulturen eher nachteilig für den, der es hat, da er durch
seine ständige Aggressivität in andauerndem Konflikt mit der
Gesellschaft lebt. Gewaltfreies Verhalten war nämlich in der
Hominidenevolution augenscheinlich erfolgreicher, denn auch wenn
Friedfertigkeit im schlimmsten Fall ein Sklavendasein bedeutet, so
ermöglicht sie dennoch in den meisten Fällen die Fortpflanzung.
Erste Ansätze zu einem friedvolleren Miteinander finden sich bereits
in den Evangelien: »Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt,
dem biete die andere auch dar.« (Mt 5,39) Sämtliche neueren
Religionen wie Judentum, Christentum, Buddhismus und Hinduismus
haben der Gewalt eine eindeutige Absage erteilt. Die älteren
Naturreligionen dagegen, etwa die der Azteken und Maja oder auch das
Alte Testament, sahen in Gott mehr den blutdürstigen Rächer, den
nach Tier- und Menschenopfern gelüstete, und den man besänftigen
mußte, um ihn sich gewogen zu machen. Alle diese transzendenten
Vorstellungen hängen eng mit vorhandener oder fehlender
Aggressionsbereitschaft zusammen. Selbst noch im Strafvollzug drückt
sie sich aus. Menschen mit Krieger-Gen würden liebend gerne selbst
Henker sein, als mit ansehen zu müssen, wie sich ein
Schwerverbrecher seiner gerechten Strafe entzieht. Ihnen sind
Menschenrechte solchen gegenüber, die besser nicht in ihren Genuß
kommen sollten, nicht zu vermitteln, weil tief in ihrer Seele ein
unstillbares Verlangen nach Rache brütet. Jede Kränkung ihrer Seele,
und sei sie auch noch so geringfügig, würden sie am liebsten mit
einer sofortigen Duellierung ahnden, und sie hätten sich längst
selbst ausgerottet, wenn man sie nur gewähren ließe, denn nichts
gilt ihnen unehrenvoller, als eine Schmach ungesühnt auf sich sitzen
zu lassen. Ungerechtigkeiten läßt sich der Krieger niemals gefallen,
er holt sofort zum Gegenschlag aus. Er ist auch ein schlechter
Verlierer. Zwar trübt das Krieger-Gen nicht den Sinn für
Ungerechtigkeit, es schmettert allerdings auch berechtigte Kritik
sofort ab, wenn nur der Ton oder die Wortwahl der Kritik nicht
angemessen sind. Der Krieger läßt sich leichter gegen andere
aufhetzen als der Nichtkrieger, und er begeht auch leichter
Übertretungen und Verstöße und setzt sich häufiger über gesetzliche
Bestimmungen hinweg. Er ist mit einem Wort viel öfter asozial, was
sich in seinem ganzen Verhalten äußert. Auch kann er sich nur schwer
unterordnen, und falls doch, dann jedenfalls nicht sklavisch, denn
er duldet so leicht keinen Herrn über sich. Der Krieger ist
unbeugsam und gottlos und geht von sich aus keine Kompromisse ein.
Er ist außerdem nicht teamfähig, denn sein Gen ruft ihn zum
Widerstand auf und verleiht ihm Durchsetzungsvermögen. Dafür nimmt
er große Risiken in Kauf. Sein Mut erhöht sich noch, wenn er
Gefahren richtig einschätzen kann. Erscheint ihm ein Wagnis hingegen
als zu groß, kann er sich sogar ausgesprochen feige zeigen. Doch im
allgemeinen ist er ein Draufgänger, der sich permanent selbst etwas
beweisen muß. Was ihn stark und unbezwingbar macht, ist seine leicht
außer Kontrolle geratende Aggression. Doch diese Anlage gereicht ihm
nicht immer zum Vorteil. »Viele Hunde sind des Hasen Tod«, gilt auch
für ihn, denn gegen die Masse kann er nicht ankämpfen, wenn er sich
schon nicht mit ihr zu arrangieren vermag. Wenn mehrheitlich gegen
ihn votiert wird, ist er hilflos und kann sich auf nichts berufen,
außer auf seinen Urinstinkt.
Der
Krieger geht keinem Konflikt aus dem Wege. Als solcher befindet er
sich in ständigem Schlagabtausch mit seiner Umwelt und geht in der
Auseinandersetzung auf, sobald er sich in der Rolle des Stärkeren
wähnt. Viele, die in ihrer Jugend negative Erfahrungen gemacht
haben, geraten deswegen im Erwachsenenalter auf die schiefe Bahn,
speziell wenn sich zu ihrem unbeherrschten Temperament Frustration
gesellt. Aufbrausender Jähzorn verliert so manche Freunde, ständiges
Rivalisieren schadet jeder Beziehung. Die Ehen des Kriegers werden
häufiger geschieden als die des Nichtkriegers, weil auch der Streit
mit dem Partner nicht gescheut wird. Einen Grund, diesen zu
betrügen, hat der Krieger schnell gefunden. Oft hat er dann dessen
ganze Familie gegen sich. Denn das Sexleben des Kriegers ist anders
als das gewöhnlicher Männer. Er nimmt sich einfach, was er braucht,
und stellt keine Fragen. Wenn ihn die Leidenschaft treibt, reißt er
das Weib an sich, entblättert es seiner Kleider und wirft es aufs
Bett. Denn der Krieger sucht sich zur Paarung stets nur die
Kriegerin, andere Frauen reizen ihn gar nicht. Und hat er sich an
der einen gesättigt, gelüstet ihn schon nach der nächsten.
Doch
noch schlechter ist es um die Kriegerin bestellt, die Wurzel des
Übels. Denn das Krieger-Gen sitzt auf dem X-Chromosom, und
mit diesem gibt es die Mutter an ihre Kinder weiter. Das
Aggressionsverhalten des Mannes wird also von der Frau vererbt, und
der Mann kann es nur an seine Tochter weitergeben, wenn er es zuvor
von seiner Mutter erhalten hat. Somit kann allein die Frau das MAOA-L-Allel
zweimal besitzen, einmal von ihrer eigenen Mutter und zum zweiten
von ihrer Großmutter väterlicherseits, und das kann fatal sein.
»Denn der Mann ist im Grunde der Seele nur böse«, spricht
Zarathustra, »das Weib aber ist dort schlecht.« Der doppelte Besitz
des Krieger-Gens gibt ihm darin recht. Aber auch sonst hat die
Kriegerin gegenüber der fügsamen Frau bei Männern schlechte Karten.
Denn die Kriegerin will schön und begehrenswert sein und ewig jung
bleiben. Als Emanze verschrien, repräsentiert sie die dominante
Frau, mit weiteren Negativmerkmalen gepaart das sogenannte Mannweib,
für das sich kaum ein Männerherz erwärmen kann. Als Herrin mit
sado-masochistischer Veranlagung, der Promiskuität zugeneigt, vermag
sie zwar mit ausschweifenden Sexualhandlungen so manchen Mann zu
ergötzen – denn gewiß ist sie auch einfallsreicher und feuriger in
der Liebe als die berühmte »Unschuld vom Lande« –, doch verhilft
auch ihr die Rachsucht leichter dazu, ihren Mann zu betrügen. Für
die Ehe ist sie nicht geeignet, es sei denn, sie behält das Heft in
der Hand oder huldigt einem noch stärkeren Bezwinger. Doch ist das
Krieger-Gen nicht die einzige Instanz für menschliches Verhalten und
definiert lediglich eine erhöhte Neigung zur Gewaltbereitschaft.
Die
Frage, welche Variante des MAOA-Gens die vorteilhaftere sei,
beantwortet sich ausschließlich darüber, welche Regeln in der
Gesellschaft jeweils gelten und zu geringeren Reibungsverlusten
führen. Gegenwärtig scheint dies die hochaktive Form MAOA-H
zu sein, weil sie für das heute übliche Zusammenleben in
dichtbesiedelten Wohngebieten einfach die bessere Lösung ist,
zumindest in bezug auf Konfliktbewältigung. Es ist dem Überleben
dienlicher, wenn Menschen sich einigen können und sich nicht wegen
jeder Kleinigkeit die Köpfe einschlagen. Denn noch zu Nietzsches
Zeiten galt: »Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib
zur Erholung des Kriegers: alles andre ist Torheit.« Was aber, wenn
das Konfliktpotential in einer durch wachsende Spannungen immer
polarer werdenden Welt immer weiter anwächst? Dann könnte es leicht
sein, daß der Krieger wie einstmals in der Urgesellschaft als Jäger
oder räuberischer Nomade wieder an Stellenwert gewinnt.
Quellen:
[1] Shih J., Chen K. (1999) MAO-A and -B gene
knock-out mice exhibit distinctly different behavior.
Neurobiology 7:235-246.
[2] Brunner H., Nelen M., Breakefield X., Ropers H.,
van Oost B. (1993) Abnormal behavior associated with a point
mutation in the structural gene for monoamine oxidase A.
Science
262:578-580.
[3] Raine A. (2008) From genes to brain to
antisocial behavior. Curr. Dir. Psychol. Sci. 17:323-328.
[4] Caspi A., et al. (2002) Role of genotype
in the cycle of violence in maltreated children. Science
297:851-854.
[5] McDermott R., et al. (2009) Monoamine
oxidase A gene (MAOA) predicts behavioral aggression following
provocation.
Proc.
Natl. Acad. Sci. USA
106:2118-2123.
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