Das Inzesttabu beim Menschen
Bisweilen findet man in der Literatur immer
noch die bereits von den alten Philosophen häufig vertretene
Meinung, die Natur sei als solche vollkommen und das einzige
unvollkommene Geschöpf auf Erden sei der Mensch. Andererseits ist aber
gerade er es, welcher kraft seiner erworbenen Fähigkeiten über der
Natur steht, ja die Evolution sogar zu überlisten vermag. Der Mensch
ist nicht nur Herr über alle anderen Geschöpfe, sondern wie kein
anderes Lebewesen in der Lage, sein Leben zu verlängern bzw. seinen
Tod hinauszuschieben. So nimmt es nicht wunder, daß die Natur oft als
etwas Perfektes angesehen wird, was sie strenggenommen aber nicht ist, denn Mensch und Tier unterscheiden sich in ihrem
Chromosomensatz nicht nennenswert, ja die Gene einzelner Arten sind
sogar über weite Bereiche identisch. Stammesgeschichtlich sind
sämtliche Arten mehr oder weniger enge Verwandte und unterliegen
denselben Gesetzen hinsichtlich Vererbung. Es gibt also keinen
Grund, den Menschen genetisch als
etwas Besonderes herauszuheben oder aber als besonders benachteiligt hintanzustellen, denn daß bestimmte Mutationen in der
Natur nicht überlebensfähig sind, ist eine altbekannte Tatsache und
trifft speziell auch auf die eigene Art zu. Dennoch fällt auf, daß
der Mensch ein ungleich höheres Lebensalter erreicht als die meisten
seiner nahen Verwandten, so daß wir uns die Frage stellen müssen,
warum dem so ist. Der Grund liegt sicher nicht in der modernen
Medizin begründet, wenngleich sich die Lebenserwartung in den
letzten Jahrzehnten beträchtlich erhöht hat. Es gab allerdings immer
schon Ausnahmemenschen, die ein wahrhaft biblisches Alter
erreichten. „120 Jahre will ich die geben“, heißt es in der Heiligen
Schrift, doch nur wenige erreichen dieses Alter wirklich. Und
trotzdem ist der Mensch verglichen mit einem Pferd oder einem Hund
geradezu ein Methusalem. Der Homo sapiens hat sich wie kein
anderer im Laufe der Evolution einen entscheidenden Vorsprung
gesichert, der für ihn ein Meilenstein in der Erreichung eines hohen
Lebensalters war. Es ist dies die Abkehr vom Inzest. Einige der
älteren Anthropologen meinen sogar, der Mensch habe sich dieses Tabu
selbst auferlegt, aber das ist nicht richtig. Schon im Alten Testament
standen auf Inzest drakonische Strafen, ja er war bei den Ägyptern,
jedenfalls in der königlichen Familie, sogar vorgeschrieben, denn
nur durch die Weitergabe desselben genetischen Materials glaubte man
den Herrscher in seiner Vollkommenheit zu erhalten. Dennoch haben
die meisten Naturvölker schon früh erkannt, daß durch zu enge
Verwandtschaft bestimmte Krankheiten oder Mißbildungen bei den
Nachkommen gehäuft auftraten und sich somit als erblich bedingt
herausstellten. Aus dieser Notlage geboren verpflichtete man
Heiratswillige, eine eheliche Verbindung nur mit Angehörigen eines
Nachbarstammes einzugehen. Dies sicherte nicht nur eine gesündere
Nachkommenschaft, sondern garantierte zugleich ein hohes Alter,
zumal das Übertragungsrisiko einer Erbkrankheit im
verwandtschaftlichen Bereich ungleich größer ist als bei solchen,
die nicht miteinander verwandt sind. Was den Menschen nun veranlaßt
haben könnte, sich des Inzests zu enthalten, ist noch nicht
vollständig geklärt; der Mensch muß aber eine spezifische innere
Abneigung gegen Anverwandte entwickelt haben, welche denjenigen,
welche sie vererbt bekamen, bessere Überlebensaussichten
garantierte, dadurch daß sie weniger häufig erkrankten. Denkbar wäre
hier die Wahrnehmung bestimmter Geruchsstoffe, die schon in
kleinsten Mengen dem Körper Ablehnung signalisieren. Der
eigene Körpergeruch stört den Menschen bekanntlich weitaus weniger
als der seiner engsten Verwandten, der wiederum nicht sehr
unterschiedlich sein kann. Natürlich mag immer wieder vorgekommen
sein, daß das Gen, welches die dafür zuständigen Gerüche
produzierte, fehlerhaft war. Das wohl bekannteste Beispiel, welches
schon im Alten Testament erwähnt wird, sind Lots Töchter, die dem
Vater Wein einflößten, um sich mangels Partnern Nachkommenschaft zu
sichern. Da der Mensch kein eigentliches Herdentier ist, sondern
eher isoliert in kleinen Sippenverbänden lebt, galten für ihn
besondere Regeln. Jedenfalls muß die Abkehr vom Inzest zu einem
Zeitpunkt erfolgt sein, als der Mensch aus Afrika herausging und
sich in die Kältesteppen Asiens vorwagte, wo zugleich großer
Nahrungsmangel herrschte. Sein Jagdrevier muß also ziemlich
ausgedehnt gewesen sein, so daß er darin auch keinen anderen
antraf. Durch zu dichtes Aneinanderrücken in solch kleinen
Gemeinschaften wäre Inzest für das Überleben tödlich gewesen,
insofern gab es zu diesem Tabu niemals eine Alternative.
Tiere erreichen bis auf ganz wenige
Ausnahmen nicht das hohe Lebensalter des Menschen, da die
Wahrscheinlichkeit, ein pathologisches Allel zu vererben, innerhalb
eines Rudels extrem groß ist. Sie vermeiden den Inzest
unabsichtlich, indem sich etwa Jungtiere vom Rudel absondern und
somit mehr zufällig als beabsichtigt verwandtschaftlichen Beziehungen aus dem Wege
gehen. Allein der Schimpanse weist ein dem Menschen recht ähnliches
Verhalten auf, wenn auch nur begrenzt, indem etwa
Mutter-Sohn-Kontakte vermieden werden.
Wir berechnen nun die Wahrscheinlichkeit für
das Auftreten einer Erbkrankheit, wenn sich die Grundgesamtheit
ausschließlich aus Familienangehörigen zusammensetzt. Das entspricht
genau dem Fall, bei dem zwei Allele im Verhältnis 1:3 zu
Genunverträglichkeiten führen (vgl. AB0-System). Betrachten
wir als erstes Abb. 1. Das rezessive Gen sei schwarz markiert, womit
die maligne Allelfrequenz in der Elterngeneration gleich 1/4 ist.

Abbildung 1: Die F1-Generation eines Erbkranken
Wir nehmen ferner an, daß das rezessive
Merkmal in seiner homozygoten Form zur Erkrankung und damit zu einem
vorzeitigen Tod führt. Die heterozygote Form sei klinisch
unauffällig. Dann ist die bedingte Wahrscheinlichkeit für einen
Träger des rezessiven Merkmals, in der F1-Generation auf einen
ebensolchen Träger zu stoßen, gleich 1/3.
Gehen zwei
Überträger des rezessiven Merkmals eine elterliche Verbindung ein, so
ist die statistische Wahrscheinlichkeit, daß es unter den Nachkommen
homozygot auftritt, gleich 1/4 (siehe Abb. 2). Ein erbkrankes, durch
Inzucht weitergegebenes rezessives Gen der Elterngeneration tritt
also durch dominant-rezessive Vererbung in der F2-Generation mit
einer Wahrscheinlichkeit von 1/12 pathologisch zutage.
Würden die Nachkommen der F1-Generation
ihren Partner aus entfernteren Familien wählen, so wäre das Risiko
einer erblichen Erkrankung in der Tat sehr gering. Dem überlagert
sind natürlich die ganz normalen Genunverträglichkeiten, wie sie in
allen Bevölkerungen auftreten; im Hinblick auf deren Verbreitung
gilt sinngemäß das gleiche wie oben gesagt.
Noch größer ist
das Risiko, wenn ein erbkranker Mann mit seiner Tochter Kinder
zeugt. Hierbei ist das Risiko in der F1-Generation gleich 1/2, da
jede zweite Tochter statistisch das rezessive Allel besitzt, und
dementsprechend erhöht sich das Risiko in der F2-Generation auf 1/8.

Abbildung 2: Die F2-Generation zweier Erbkranker
Im Mittelalter war der ganze europäische
Hochadel verwandtschaftlich eng miteinander verflochten; zahlreiche
Erbkrankheiten wurden dadurch verbreitet, daß diese Familien immer
wieder untereinander heirateten. Aber auch im bäuerlichen Milieu
herrschten innerhalb der dörflichen Gemeinschaft zu enge Bande. Es
war fast die Regel, daß zu jedem Dorf auch ein geistig Behinderter
gehörte. Bestimmte Krankheiten, etwa das Auftreten von
Nierensteinen, sind für ganze Regionen typisch, sofern diese den
Charakter eines Rückzugsgebiets haben. Die Sucht der Bauern,
ihre Söhne und Töchter möglichst auf dem Hof des Nachbarn zu
verheiraten, richtete unter der ländlichen Bevölkerung entsetzlichen
Schaden an, denn seit jeher galten Bauern als Opfer ihrer eigenen
Inzucht, was wiederum mit ihrer langwährenden Seßhaftigkeit zu tun
hat. Ähnlich hart waren polygam lebende Nomadengesellschaften
betroffen. Erst mit dem Aufkeimen der Städte entstand ein der
Fortpflanzung förderlicheres Klima, zumal sich Stadtmenschen einer
höheren Fluktuation ausgesetzt sehen, dadurch daß sie häufiger den
Ort wechseln. Was also schon der steinzeitliche Mensch wußte, hatte
bereits der Mensch des Mittelalters wieder vergessen. Gäbe es da
nicht die Aufzeichnungen in den Kirchenbüchern, so wüßte so mancher
gar nicht, wie eng er eigentlich mit seinem Nachbarn verwandt
ist.
Ein weiteres Problem stellt die sogenannte Haplogruppenverwandtschaft dar, die zwar in langen Zeiträumen
angelegt ist, aber dennoch verhängnisvoll sein kann. Ein Viertel
aller Nachfahren einer beliebigen mitochondrischen Eva besitzt
statistisch dieselben genetischen Defekte wie diese gemeinsame Vorfahrin, und mit dem Adam des
Y-Chromosoms verhält es sich nicht anders.
Man glaubt heute, daß die Alzheimererkrankung ein Merkmal sei, von
dem die ganze Haplogruppe H im System der mitochondrischen
Eva betroffen ist, und das wäre jeder zweite Mitteleuropäer. Rassen
definieren sich ja gerade durch zu enge Verwandtschaft, ja man könnte
sogar sagen, Rassen seien ausschließlich aus Inzucht
hervorgegangen. Das ist besonders überzeugend bei der nordischen
Rasse der Fall, da sämtliche Blauäugigen miteinander aufs
engste verwandt sind.
Die Lebenserwartung innerhalb verschiedener
Menschenrassen ist unterschiedlich. Angehörige junger Rassen sterben
früher, weil sie die ältesten und damit am wenigsten
durchmischten Gene haben. Innerhalb der weißen Rasse, welche die
älteste ist, ist die Lebenserwartung am höchsten. Am kürzesten ist
sie in Teilen Afrikas, aber auch in fast ganz Asien sowie unter der
indigenen Bevölkerung Amerikas erreichen Menschen kein sehr hohes
Alter wie in Europa. Das höchste Lebensalter haben Menschen der Haplogruppe R1b,
aber auch die Haplogruppe I der Skandinavier ist diesbezüglich begünstigt. Doch bereits die
Slawen müssen aufgrund ihrer Haplogruppe
R1a mit einer deutlich kürzeren Lebenserwartung
vorlieb nehmen. Somit sind es gerade die am stärksten vermischten
Völker, welche sich des längsten Lebens erfreuen, und das, obwohl
sie die ungesündeste Lebensweise führen.
Zurückkommend auf das Inzesttabu,
das
sich der Mensch wahrscheinlich nicht selbst auferlegt hat, sondern
welches ihm erst durch eine Mutation zuteil geworden ist, die sich
im Laufe der Evolution immer mehr durchgesetzt hat, läßt sich auch
sein höheres Lebensalter im Vergleich zur übrigen Tierwelt erklären.
Hätte es da nicht die vielen Kriege und Seuchen, denen sich der Homo
sapiens permanent ausgesetzt sah, so wäre der Planet schon
längst übervölkert gewesen.
Ein besonders niedriges Höchstalter
erreichen domestizierte Tiere wie Katze, Pferd und Hund, weil bei
ihnen die Anfälligkeit für Krankheiten aufgrund von Inzucht
überdurchschnittlich hoch ist. Der nächste Verwandte des Menschen,
der Schimpanse, erreicht gerade einmal ein Höchstalter von 50
Jahren. Nur ganz wenige Tiere übertreffen den Menschen hinsichtlich
des maximal erreichbaren Alters; zu nennen wären da vor allem Stör
und Wal. Da beide im Meer leben, gibt auch das Meer die Antwort
darauf. Meerestiere halten sich weniger an bestimmten Orten auf,
womit ihr genetischer Austausch durch einen größeren Aktionsradius
sichergestellt ist. Auch die Schildkröte, das Krokodil und der
Elefant erreichen ein respektables Alter, welches fast an das des
Menschen heranreicht. Der Elefant verdankt seine hohe
Lebenserwartung u.a. dem
Umstand, daß er keine natürlichen Feinde hat. Da er einen riesigen
Futterbedarf besitzt, muß er täglich weite Strecken zurücklegen und
kommt somit kaum zum Ausruhen. Überhaupt scheinen Einzelgänger, die
beständig umherschweifen, genetische Vorteile zu besitzen. Wir sehen
also, daß es in erster Linie die genetische Distanz zu den
Artgenossen ist, die das zu erreichende Höchstalter beeinflußt, und
als eine solche muß auch das Inzesttabu aufgefaßt werden.
Insofern muß allen Züchtungsversuchen eine eindeutige Absage erteilt
werden. Durch
Züchtung reinerbiger Individuen erreicht man zwar einerseits die
besten Ergebnisse, umgekehrt nimmt aber auch die Sterblichkeit deutlich
zu.
Züchtung ist also nur zu empfehlen, wenn man nicht zugleich ein
hohes Lebensalter erreichen will.
Inzucht ist daher ein paradoxes Phänomen. Einerseits werden durch
Reinerbigkeit bestechende Eigenschaften erzielt, andererseits
handelt man sich aber vermehrt genetische Defekte ein. Diese werden häufig nicht sogleich erkannt, sondern
oft
erst, wenn die Fortpflanzung bereits stattgefunden hat.