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Quelle: Meyers Konversationslexikon, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

In Meyers Konversationslexikon, 14. Band, S. 376, Schädellehre–Schädeltheorien, finden sich die von Hermann Welcker (1822-1897, dem führenden deutschen Anatomen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, durchgeführten kraniologischen Messungen beschrieben: »Die Kapazität, d.h. der Rauminhalt der Schädelhöhle, gestattet vergleichsweise wichtige Schlüsse auf die Größe des Gehirns und ist daher ebenfalls Gegenstand der Bestimmung. Zur Ausführung füllt man Sand, Hirse, Kanariensamen, Schrot durch das Hinterhauptsloch in den Schädelraum ein und bestimmt die Mengen dieser Substanzen durch Ausgießen in einem Meßzylinder. Die Fehlerquellen dieser Methoden sind bedeutend, und ein Vergleich der auf verschiedene Weise gewonnenen Zahlen ist nicht ohne weiteres statthaft. Für die europäische Bevölkerung nimmt man als Maximum 1800-2000 ccm, als Minimum 1000-1100 ccm Schädelinhalt an. Nach Welcker haben die germanischen Völker, die Kelten, Romanen, Griechen eine mittlere Kapazität von 1400-1500 (ähnlich auch die Slawen), die semitischen und hamitischen Völker 1250-1470 (obenan Juden, Araber), die Mongolen 1320-1490, die Malaien 1350-1450, die Papua 1370-1460, die Australier 1320, die Neger 1300-1400 (Buschmänner nur 1244), die vorderindischen Völker 1260-1370, die Amerikaner 1300-1450 ccm. Die Kapazität des weiblichen Schädels ist im allgemeinen geringer als die des männlichen. Endlich scheint die Schädelkapazität im direkten Verhältnis zu der mittlern Körpergröße der Völker zu stehen.« Ein größeres Hirnvolumen bedeutet unter sonst gleichen Bedingungen im statistischen Mittel, nicht im Einzelfall, eine höhere Intelligenz. Diese Erkenntnis, die erstmals 1836 von dem deutschen Mediziner Frederick Tiedmann als These aufgestellt wurde, gilt nach neuesten Studienergebnissen heute als gesichert. Bildet man nun über einzelne Populationen den Mittelwert und die Schwankungsbreite, so lassen sich die Mittelwerte in einer Folge anordnen, die besagt, daß der durchschnittliche Repräsentant dieser Population aufgrund seines größeren Hirnvolumens auch eine höhere Intelligenz besitzt. Im Einzelfall kann aufgrund der Schwankungsbreiten, wenn etwa die Gaußverteilungen zweier Populationen überlappen, sogar das Gegenteilige der Fall sein, d.h. daß ein Proband aus einer Population, deren Mittelwert niedriger liegt als der einer anderen, trotzdem ein größeres Hirnvolumen besitzen kann als das mittlere Hirnvolumen der Population mit dem nächsthöheren Mittelwert. Die Vorstellung, daß es bei Aussagen wie: Weiße haben ein größeres Gehirn als Schwarze in jedem Einzelfall so sein müsse, mag zwar der mathematischen Logik entsprechen, bei natürlichen Systemen jedoch, deren besonderes Charakteristikum es ist, daß sie Schwankungen unterworfen sind, sind sie nicht haltbar. Wenn in dieser Aussage jedoch implizit enthalten ist, daß nur von den Mittelwerten die Rede ist, dann mag es, vorausgesetzt, daß die obigen Messungen korrekt durchgeführt wurden, durchaus so sein. Eine falsch durchgeführte Messung wäre z.B., wenn aus der Population nicht völlig willkürlich herausgegriffene Schädel vermessen worden wären, sondern man speziell nur die größeren genommen hätte, um damit einen »günstigeren« Mittelwert vorzutäuschen. Auch muß eine Statistik über eine Mindestanzahl von wenigstens 100 Stichproben erstellt worden sein (vielfach ist auch diese Zahl noch zu gering), da ansonsten die Ergebnisse nicht repräsentativ sind. Diese allgemeinen Grundlagen der Meßmethodik sind aber akademisch gebildeten Wissenschaftlern hinreichend bekannt. Außerdem haben alle diese Methoden gemein, daß sie von jedermann leicht überprüft werden können. Erst wenn mehrere unabhängige Institutionen zu demselben Ergebnis kommen, sind solche Statistiken vertrauenswürdig. Weitere Zweifel daran würden allerdings in eine Art Verschwörungstheorie münden, denen wir hier nicht nachgehen wollen. Wurde eine solche Abhängigkeit wie die des Hirnvolumens von der Rassenzugehörigkeit einmal herausgefunden, so gibt es zur Stützung der Hypothese noch weitere mit der Rasse verknüpfte Merkmale, beispielsweise die menschliche Intelligenz, und zum Beweis für ihre Richtigkeit müßten beide eine positive Korrelation aufweisen. Auch die Intelligenz als subjektive Eigenschaft läßt sich nicht eindeutig zwischen zwei Repräsentanten verschiedener Rassen miteinander vergleichen. Vergleichbar wären aber z.B. die kulturellen Leistungen zweier Völker über längere Zeiträume hinweg, etwa durch die Zahl ihrer Nobelpreisträger, denn dann würde sofort auffallen, daß zivilisierte Völker objektiv höhere technisch-wissenschaftliche Leistungen erbracht haben als Naturvölker, die auf der Stufe der Steinzeit stehengeblieben sind. Dagegen könnte eingewandt werden, daß bevölkerungsschwache Populationen rein aufgrund ihrer geringen Anzahl nicht die gleiche Menge an »Genies« besitzen können wie bevölkerungsreiche. Dem ist aber durch eine Gewichtung zu begegnen, indem die kulturellen Leistungen noch mit dem Verhältnis des Bevölkerungsumfangs beaufschlagt werden. Nun könnten noch Einwände erhoben werden dergestalt, daß die Gründe für bestehende Unterschiede im Klima und in den sonstigen Umweltbedingungen gesucht werden müssen, um abschließend argumentieren zu können, daß bei gleicher Populationsstärke und unter gleichen Umweltbedingungen alle Menschen gleich seien. Daraus könnte man allerdings die falsche Schlußfolgerung ableiten, daß bei postulierter Gleichheit Völker mit geringerem Hirnvolumen eine höhere Qualität ihrer Gehirnzellen besitzen, was gerade unter der Annahme völliger Gleichheit zum Widerspruch führt. Welche Beweggründe nun Personen haben mögen, die sich einer wissenschaftlichen Vorgehensweise versagen, soll uns an dieser Stelle nicht interessieren. Die Anthropologie stellt ihre Ergebnisse bereit, was andere damit anfangen und wie sie diese für sich ausschlachten, liegt nicht in ihrem Verantwortungsbereich. Mißbrauch darf auch nicht dazu führen, die Anthropologie als eine verbotene Wissenschaft einzustufen. Ihre Ergebnisse sind objektiv genauso wertvoll oder wertlos wie etwa die der Weltraumforschung. Wenn Menschen oder ganze Bevölkerungen sich auf ihre Überlegenheit gegenüber anderen berufen, dann wäscht die Anthropologie dabei ihre Hände in Unschuld. Andernfalls müßte man auch Karl Marx die Schuld an den Opfern des Kommunismus beimessen. Die Väter der Bibel beriefen sich auf die Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau, weil der Mann, wie erst die Anthropologie herausgefunden hat, im Durchschnitt das größere Gehirn besitzt. Die Griechen betrachteten alle anderen Völker als Barbaren, weil sie sich ihnen kulturell überlegen fühlten. Als die Römer später die Griechen überwanden, sahen sie sich künftighin als die Herren der Welt, bis schließlich im Verlaufe der Völkerwanderung die Herrschaft der Germanen begann, die bis heute ungebrochen anhält. Wie ist es nun zu erklären, daß Völker, die augenscheinlich ein größeres Hirnvolumen besitzen als andere, von ihrer Überlegenheit erst relativ spät Gebrauch gemacht haben? Das wird wohl daran gelegen haben, daß im Zuge der Bevölkerungsentwicklung zuerst ein sogenanntes Unruhezentrum entstanden sein mußte, damit Völker überhaupt in Konflikt miteinander gerieten. Unruhe entsteht vornehmlich in Ballungsräumen, und solange es keine Bedrohungen gibt, hat das Gehirn offenbar keinen Grund, seine Überlegenheitsdrang in Gang zu setzen. Alle Völker würden friedlich zusammenleben, wenn genügend Raum zu ihrer freien Entfaltung zur Verfügung stünde. Kulturen also, die geschichtlich früher unter Druck geraten sind, erfuhren desto eher einen Schub in ihrer Entwicklung, auch wenn andere Völker ein noch größeres Gehirnvolumen besessen haben sollten. Dies ist der Grund, warum die Griechen schon so früh in Erscheinung traten (die dorische Wanderung hatte sicher ihre Ursachen in einem Unruhezentrum) und die Germanen erst so spät aus dem Dunkel der Geschichte auftauchten. Grundsätzlich kann daraus nicht die Schlußfolgerung abgeleitet werden, daß die ersteren auch die intelligenteren sein müssen, wie man lange Zeit gedacht hat. Auch ist nicht gesagt, daß die intelligenteren Völker ihren Vorsprung auf ewig behaupten können. Verfallserscheinungen wie Uneinigkeit, Dekadenz und Verweichlichung, aber auch körperliche Degeneration schreiten bei höherentwickelten Populationen schneller voran; alle obengenannten Imperien sind nach mehrhundertjähriger Blüte untergegangen, wenngleich sich am Hirnvolumen zwischenzeitlich nicht viel geändert haben kann. Geistige Überlegenheit wird nicht immer nur zum Schaden anderer genutzt, sondern gerät häufig auch zu deren Vorteil (siehe den Untergang des Abendlandes). Wollte man also die Anthropologie für alle Formen ihres Mißbrauchs verantwortlich machen und ihre Vertreter als geistige Brandstifter bezeichnen, so würden noch immer zahlreiche Vorurteile existieren, die sich inzwischen längst als unhaltbar erwiesen haben. Es gibt keinen Grund, Semiten in irgendeiner Form geringzuschätzen, nur weil sie im Mittel 30 ccm weniger Hirnvolumen besitzen. Doch ist das auch nicht unser Thema. Für den Anthropologen geht es vielmehr um die Frage, warum der Europäer, der doch zweifellos auch aus der Altschicht hervorging, ein im Verhältnis so viel größeres Gehirn entwickelt hat als die übrigen Vertreter der Altschicht. Geschah dies aufgrund irgendwelcher Selektionsmechanismen oder liegen andere Gründe dafür vor? Der Homo Sapiens, so wie er aus Afrika kam, besaß noch ein ziemlich unterentwickeltes Gehirn. Erst durch die Vermischung mit dem Neandertaler (ganz gesichert ist diese Erkenntnis allerdings nicht) erbte er von diesem das Microcephalin-Gen, welches ausgerechnet für die Entwicklung des Gehirns verantwortlich ist. Der Neandertaler ist ausgestorben, sein Gehirn aber lebt fort, im heutigen Menschen. 70 Prozent der Menschheit tragen dieses Erbgut des Neandertalers in sich. Besonders häufig kommt diese Mutation in Europa und den angrenzenden Gebieten vor, in Afrika dagegen deutlich seltener.

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