Das
wissenschaftliche Scheitern des Konzepts der Menschenrassen
Aus: The History and Geography of Human Genes,
with a preface by the authors, L. Luca Cavalli-Sforza, Paolo Menozzi,
and Alberto Piazza
Die Unterteilung in Rassen hat sich aus Gründen, die bereits Darwin
klar waren, als eine sinnlose Übung erwiesen. Menschenrassen sind
immer noch extrem instabile Gebilde in Händen moderner Systematiker,
die zwischen 3 und 60 Rassen unterscheiden. Bis zu einem gewissen
Grad hängt diese Breite von der persönlichen Vorliebe des
Systematikers ab, die sich aussuchen können, entweder alles über
einen Kamm zu scheren oder Haarspalterei zu betreiben. Obwohl kein
Zweifel daran besteht, daß es nur eine menschliche Spezies gibt,
gibt es klarerweise keine objektiven Gründe, bei einem bestimmten
Grad systematischer Unterteilung aufzuhören. In der Tat zeigt die
Untersuchung, die wir in Kapitel 2 zum Zwecke von Evolutionsstudien
durchführen, daß die Ebene, auf welcher wir mit unserer
Klassifizierung aufhören, völlig willkürlich ist. Erklärungen geben
wir statistisch, geographisch und historisch. Statistisch gesehen
ist die Variation innerhalb einer Gruppe groß im Vergleich zu jener
zwischen den Gruppen. Sämtliche Populationen oder Teilpopulationen
überlappen, wenn einzelne Gene betrachtet werden, und in fast allen
Populationen sind sämtliche Allele vorhanden, wenn auch in
unterschiedlichen Häufigkeiten. Kein einziges Gen reicht daher hin,
um menschliche Populationen in systematische Kategorien zu
unterteilen.
Wenn man die Skala der taxonomischen Hierarchie zu immer feineren
Unterteilungen durchläuft, werden die Grenzen zwischen den Häufungen
noch unklarer. Die evolutionäre Erklärung ist einfach. Es gibt eine
große genetische Schwankung in allen Populationen, auch in kleinen.
Diese individuelle Schwankung hat sich über sehr lange Zeiträume
angesammelt, weil die meisten Polymorphismen, die bei Menschen
beobachtet wurden, der Aufspaltung in Kontinente vorausgehen, und
vielleicht sogar der Entstehung der Art vor weniger als einer halben
Million Jahren. Die gleichen Polymorphismen findet man in den meisten
Populationen, aber in jeder mit unterschiedlichen Häufigkeiten, weil
die geographische Abgrenzung der Menschen erst kürzlich stattfand,
vielleicht ein Drittel oder weniger der Zeit beansprucht hat, seit
es die Art gibt. Es war daher zu wenig Zeit für die Bildung eines
echten Auseinanderlaufens. Der Unterschied zwischen Gruppen ist
daher gering im Vergleich zu jener innerhalb der Hauptgruppen oder
sogar innerhalb einer einzelnen Population. Zusätzlich wies unsere
Art sowie ihr unmittelbarer Vorgänger, der Homo erectus, eine
beträchtliche Wandertätigkeit nach allen Richtungen auf, von denen
sich wahrscheinlich einige aus Vermischungen von Zweigen ergeben
haben, die sich lange vorher getrennt hatten. Welche genetischen
Grenzen sich auch entwickelt haben mögen, in Anbetracht der starken
Mobilität menschlicher Individuen und Bevölkerungen gab es
wahrscheinlich nie irgendwelche fest umrissenen, oder wenn es sie
gab, wurden sie durch spätere Bewegungen unscharf. Es mag immer noch
schwache genetische Grenzen in einigen Gebieten geben, aber diese
bedeuten nur, daß es weniger lokale Beimischungen über gewisse
Grenzen hinaus gegeben hat. Zum Beispiel haben Barbujani und Sokal
eine Anzahl schwacher genetischer Grenzen in Europa festgestellt,
die mit geographischen, ökologischen und sprachlichen Unterschieden
verbunden sind.
Nach wissenschaftlichem Dafürhalten ist das Rassenkonzept daran
gescheitert, irgendeinen Konsens zu erreichen; nichts ist
verbindlich
angesichts der allmählichen Veränderung des Lebens. Es mag
eingewandt werden, daß die rassischen Klischees so beschaffen sind,
daß sie selbst dem Laien erlauben, Individuen zu
klassifizieren. Die Hauptklischees jedoch, alle basierend auf
Hautfarbe, Haarfarbe und -form und Gesichtszügen, spiegeln
oberflächliche Unterschiede wider, die durch eine tiefere
Untersuchung mit verläßlicheren genetischen Charakterzügen nicht
bestätigt werden und deren Ursprung von der jüngsten Evolution
herrührt, zumeist unter der Einwirkung des Klimas und vielleicht
geschlechtlicher Selektion. Anhand von äußerst sorgfältiger multivariater Analyse können wir Bevölkerungs-„Cluster“ bestimmen
und sie hierarchisch anordnen, so daß wir glauben, daß sie die
Geschichte der Aufspaltungen in der Ausbreitung des anatomisch modernen
Menschen über die ganze Welt verkörpern. Auf keiner Ebene können
Cluster als Rassen identifiziert werden, weil jede Ebene des Clusterings eine andere Unterteilung festlegen würde und es keinen
biologischen Grund gibt, eine bestimmte zu bevorzugen. Die
aufeinanderfolgenden Grade des Clusterings folgen einander in einer
regelmäßigen Abfolge, und es gibt keine Unstetigkeit, die uns dazu
verleiten könnte, eine bestimmte Ebene als vernünftigen, wenngleich
willkürlichen Grenzwert für die Rassenunterscheidung anzusehen.
Kleine Veränderungen in den Genen oder angewandten Methoden
verschieben einige Populationen von einem Cluster in den anderen.
Nur „Kernpopulationen“, die ausgewählt wurden, weil sie vermutlich
weniger Beimischung erfahren haben, verleihen den Clustern eine
größere Kompaktheit und dem Klassifikationsbaum Stabilität. Obwohl
die Hoffnung, eine gute Systematik zu erzielen, eine verlorene
Streitsache ist – ein geringer wissenschaftlicher Verlust – bewahrt
sich jene, die Evolutionsgeschichte zu rekonstruieren, ihre volle
Kraft und hat den Vorteil, daß Hypothesen auf der Grundlage anderer,
unabhängiger Datenquellen überprüft werden können. Ein größeres
Vertrauen in die Schlüsse muß mehr aus einer Einigung mit externen
Quellen kommen als aus internen Analysen.
Das Wort „Rasse“ ist in vielen Teilen der Welt und
Gesellschaftsschichten mit einem beträchtlichen Vorurteil,
Mißverständnis und sozialen Problemen gekoppelt.
Fremdenfeindlichkeit, politischer Nutzen und eine Vielfalt an
Motiven, völlig getrennt von Wissenschaft, sind die Grundlage des
Rassismus, der Glaube, daß einige Rassen biologisch den anderen
überlegen sind, und daß sie daher ein angeborenes Recht haben zu
herrschen. Rassismus hat seit undenklichen Zeiten existiert, aber
nur im 19. Jahrhundert gab es Versuche, ihn auf der Basis
wissenschaftlicher Argumente zu rechtfertigen. Unter diesen war der
Sozialdarwinismus, größtenteils das geistige Produkt von Herbert
Spencer (1820-1903), ein erfolgloser Versuch, ungeprüft sozialen
Konkurrenzkampf, Klassengliederung und selbst angelsächsischen
Imperialismus zu rechtfertigen. Nicht überraschend, ist Rassismus
oft mit Kastenvorurteilen gekoppelt und es wurde sich auf ihn als
Begründung berufen, die Sklaverei oder gar den Genozid
stillschweigend zu dulden. Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage
für den Glauben an eine genetisch festgelegte „Überlegenheit“ einer
Population gegenüber einer anderen. Keines der Gene, die wir
betrachten, hat irgendeine anerkannte Verbindung zu
Verhaltensweisen, deren genetische Festlegung extrem schwierig zu
studieren ist und die gegenwärtig auf schwachen Beweisen basiert.
Der Anspruch einer genetischen Grundlage für eine generelle
Überlegenheit einer Population über eine andere wird durch keines
unserer Ergebnisse gestützt. Überlegenheit ist ein politischer und
sozialwirtschaftlicher Begriff, geknüpft an Ereignisse der jüngsten
politischen, militärischen und wirtschaftlichen Geschichte und an
kulturelle Traditionen von Ländern oder Gruppen. Diese Überlegenheit
ist schnellflüchtig, wie die Geschichte zeigt, wogegen das
Durchschnittserbgut sich nicht schnell ändert. Aber rassische
Vorurteile haben eine lange Eigentradition und sind nicht leicht
auszurotten.