Anthropologie

 

Home

Startseite

Impressum

Leserbriefe

Drucken

Kontakt

Gästebuch

Counter

AbstammungslehreAnthropogeneseArtensterben

Augenfarbe

Blutgruppen

- Erläuterung

- Cavalli-SforzaDimorphismus

Hirnvolumen

Homosexualität

Inzesttabu

Kraniologie

Nasenformen

Paläanthropologie

Populationsgenetik

Rassengenese

Rassengeschichte

- Europa

- Afrika

- Asien

- Amerika

- Austronesien

Selektion

Vererbung

Das wissenschaftliche Scheitern des Konzepts der Menschenrassen

Aus: The History and Geography of Human Genes, with a preface by the authors, L. Luca Cavalli-Sforza, Paolo Menozzi, and Alberto Piazza

 

Die Unterteilung in Rassen hat sich aus Gründen, die bereits Darwin klar waren, als eine sinnlose Übung erwiesen. Menschenrassen sind immer noch extrem instabile Gebilde in Händen moderner Systematiker, die zwischen 3 und 60 Rassen unterscheiden. Bis zu einem gewissen Grad hängt diese Breite von der persönlichen Vorliebe des Systematikers ab, die sich aussuchen können, entweder alles über einen Kamm zu scheren oder Haarspalterei zu betreiben. Obwohl kein Zweifel daran besteht, daß es nur eine menschliche Spezies gibt, gibt es klarerweise keine objektiven Gründe, bei einem bestimmten Grad systematischer Unterteilung aufzuhören. In der Tat zeigt die Untersuchung, die wir in Kapitel 2 zum Zwecke von Evolutionsstudien durchführen, daß die Ebene, auf welcher wir mit unserer Klassifizierung aufhören, völlig willkürlich ist. Erklärungen geben wir statistisch, geographisch und historisch. Statistisch gesehen ist die Variation innerhalb einer Gruppe groß im Vergleich zu jener zwischen den Gruppen. Sämtliche Populationen oder Teilpopulationen überlappen, wenn einzelne Gene betrachtet werden, und in fast allen Populationen sind sämtliche Allele vorhanden, wenn auch in unterschiedlichen Häufigkeiten. Kein einziges Gen reicht daher hin, um menschliche Populationen in systematische Kategorien zu unterteilen.

Wenn man die Skala der taxonomischen Hierarchie zu immer feineren Unterteilungen durchläuft, werden die Grenzen zwischen den Häufungen noch unklarer. Die evolutionäre Erklärung ist einfach. Es gibt eine große genetische Schwankung in allen Populationen, auch in kleinen. Diese individuelle Schwankung hat sich über sehr lange Zeiträume angesammelt, weil die meisten Polymorphismen, die bei Menschen beobachtet wurden, der Aufspaltung in Kontinente vorausgehen, und vielleicht sogar der Entstehung der Art vor weniger als einer halben Million Jahren. Die gleichen Polymorphismen findet man in den meisten Populationen, aber in jeder mit unterschiedlichen Häufigkeiten, weil die geographische Abgrenzung der Menschen erst kürzlich stattfand, vielleicht ein Drittel oder weniger der Zeit beansprucht hat, seit es die Art gibt. Es war daher zu wenig Zeit für die Bildung eines echten Auseinanderlaufens. Der Unterschied zwischen Gruppen ist daher gering im Vergleich zu jener innerhalb der Hauptgruppen oder sogar innerhalb einer einzelnen Population. Zusätzlich wies unsere Art sowie ihr unmittelbarer Vorgänger, der Homo erectus, eine beträchtliche Wandertätigkeit nach allen Richtungen auf, von denen sich wahrscheinlich einige aus Vermischungen von Zweigen ergeben haben, die sich lange vorher getrennt hatten. Welche genetischen Grenzen sich auch entwickelt haben mögen, in Anbetracht der starken Mobilität menschlicher Individuen und Bevölkerungen gab es wahrscheinlich nie irgendwelche fest umrissenen, oder wenn es sie gab, wurden sie durch spätere Bewegungen unscharf. Es mag immer noch schwache genetische Grenzen in einigen Gebieten geben, aber diese bedeuten nur, daß es weniger lokale Beimischungen über gewisse Grenzen hinaus gegeben hat. Zum Beispiel haben Barbujani und Sokal eine Anzahl schwacher genetischer Grenzen in Europa festgestellt, die mit geographischen, ökologischen und sprachlichen Unterschieden verbunden sind.

Nach wissenschaftlichem Dafürhalten ist das Rassenkonzept daran gescheitert, irgendeinen Konsens zu erreichen; nichts ist verbindlich angesichts der allmählichen Veränderung des Lebens. Es mag eingewandt werden, daß die rassischen Klischees so beschaffen sind, daß sie selbst dem Laien erlauben, Individuen zu klassifizieren. Die Hauptklischees jedoch, alle basierend auf Hautfarbe, Haarfarbe und -form und Gesichtszügen, spiegeln oberflächliche Unterschiede wider, die durch eine tiefere Untersuchung mit verläßlicheren genetischen Charakterzügen nicht bestätigt werden und deren Ursprung von der jüngsten Evolution herrührt, zumeist unter der Einwirkung des Klimas und vielleicht geschlechtlicher Selektion. Anhand von äußerst sorgfältiger multivariater Analyse können wir Bevölkerungs-„Cluster“ bestimmen und sie hierarchisch anordnen, so daß wir glauben, daß sie die Geschichte der Aufspaltungen in der Ausbreitung des anatomisch modernen Menschen über die ganze Welt verkörpern. Auf keiner Ebene können Cluster als Rassen identifiziert werden, weil jede Ebene des Clusterings eine andere Unterteilung festlegen würde und es keinen biologischen Grund gibt, eine bestimmte zu bevorzugen. Die aufeinanderfolgenden Grade des Clusterings folgen einander in einer regelmäßigen Abfolge, und es gibt keine Unstetigkeit, die uns dazu verleiten könnte, eine bestimmte Ebene als vernünftigen, wenngleich willkürlichen Grenzwert für die Rassenunterscheidung anzusehen. Kleine Veränderungen in den Genen oder angewandten Methoden verschieben einige Populationen von einem Cluster in den anderen. Nur „Kernpopulationen“, die ausgewählt wurden, weil sie vermutlich weniger Beimischung erfahren haben, verleihen den Clustern eine größere Kompaktheit und dem Klassifikationsbaum Stabilität. Obwohl die Hoffnung, eine gute Systematik zu erzielen, eine verlorene Streitsache ist – ein geringer wissenschaftlicher Verlust – bewahrt sich jene, die Evolutionsgeschichte zu rekonstruieren, ihre volle Kraft und hat den Vorteil, daß Hypothesen auf der Grundlage anderer, unabhängiger Datenquellen überprüft werden können. Ein größeres Vertrauen in die Schlüsse muß mehr aus einer Einigung mit externen Quellen kommen als aus internen Analysen.

Das Wort „Rasse“ ist in vielen Teilen der Welt und Gesellschaftsschichten mit einem beträchtlichen Vorurteil, Mißverständnis und sozialen Problemen gekoppelt. Fremdenfeindlichkeit, politischer Nutzen und eine Vielfalt an Motiven, völlig getrennt von Wissenschaft, sind die Grundlage des Rassismus, der Glaube, daß einige Rassen  biologisch den anderen überlegen sind, und daß sie daher ein angeborenes Recht haben zu herrschen. Rassismus hat seit undenklichen Zeiten existiert, aber nur im 19. Jahrhundert gab es Versuche, ihn auf der Basis wissenschaftlicher Argumente zu rechtfertigen. Unter diesen war der Sozialdarwinismus, größtenteils das geistige Produkt von Herbert Spencer (1820-1903), ein erfolgloser Versuch, ungeprüft sozialen Konkurrenzkampf, Klassengliederung und selbst angelsächsischen Imperialismus zu rechtfertigen. Nicht überraschend, ist Rassismus oft mit Kastenvorurteilen gekoppelt und es wurde sich auf ihn als Begründung berufen, die Sklaverei oder gar den Genozid stillschweigend zu dulden. Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage für den Glauben an eine genetisch festgelegte „Überlegenheit“ einer Population gegenüber einer anderen. Keines der Gene, die wir betrachten, hat irgendeine anerkannte Verbindung zu Verhaltensweisen, deren genetische Festlegung extrem schwierig zu studieren ist und die gegenwärtig auf schwachen Beweisen basiert. Der Anspruch einer genetischen Grundlage für eine generelle Überlegenheit einer Population über eine andere wird durch keines unserer Ergebnisse gestützt. Überlegenheit ist ein politischer und sozialwirtschaftlicher Begriff, geknüpft an Ereignisse der jüngsten politischen, militärischen und wirtschaftlichen Geschichte und an kulturelle Traditionen von Ländern oder Gruppen. Diese Überlegenheit ist schnellflüchtig, wie die Geschichte zeigt, wogegen das Durchschnittserbgut sich nicht schnell ändert. Aber rassische Vorurteile haben eine lange Eigentradition und sind nicht leicht auszurotten.

 

Copyright © Manfred Hiebl, 2008. Alle Rechte vorbehalten.