Vom Aussterben der Arten
Der Mensch als eine
mit kognitiven Fähigkeiten ausgestattete Art ist als einziges
Lebewesen in der Lage, über seinen Tod nachzudenken und wirksame
Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um sein Leben zu verlängern. Der
gewaltsame Tod wird sich freilich niemals vermeiden lassen, doch
selbst wenn es gelänge, nur den natürlichen Tod halbwegs zu
verstehen, wäre schon vieles erreicht. Grundsätzlich ist der Mensch
wie jedes Tier ein hochkomplexes Wesen, dessen Lebensvorgänge auf
einer Vielzahl biochemischer Reaktionen basieren. Diese Prozesse
werden durch die Gene gesteuert, deren Informationen in jedem
Zellkern und damit in jeder Zelle verankert sind, und die dort die
entsprechenden Proteine synthetisieren, welche die Reaktionen
steuern. Die Gene fungieren quasi als Katalysatoren dieser
Reaktionen, ohne die diese nicht ablaufen könnten. Da sich die Gene
im Laufe eines Lebens nicht ändern, und wenn die benötigten
Bausteine stets in ausreichender Menge bereitgestellt werden, dürfte
sich auch an diesen Reaktionen niemals etwas ändern, und das Leben
würde theoretisch niemals enden. Viele Körperfunktionen sind
außerdem regenerativ, schadhafte Gene, die aufgrund freier Radikale
entstehen, die nicht durch Antioxidantien abgefangen werden konnten,
werden durch bestimmte Enzyme wieder repariert und wirken somit
einem Verschleiß entgegen. Nur die von Hause aus langlebigen Stoffe
wie etwa der Zahnschmelz verschleißen sich im Laufe eines Lebens und
werden nicht ersetzt, wenn sie sich einmal abgenutzt haben. Aber
dafür hat die Transplantationsmedizin bereits wirksame Abhilfe
geschaffen und stellt eine Vielzahl von Prothesen und Substitutionen
bereit. Warum also stirbt der Mensch dennoch? Wie jedes Lebewesen
verfügt auch er über eine Reihe von Genen, die sein Leben verkürzen.
Ein Beispiel sind die 5 bisher entdeckten Alzheimer-Gene, zumeist
nur bestimmte Allele bzw. Mutationen dieser Gene, die rezessiv
vererbt werden. Etwa ein Viertel der Bevölkerung ist davon
betroffen. Man weiß bis heute nicht, warum einige dieser Allele ihre
Wirksamkeit erst im Alter entfalten. Vermutlich handelt es sich um
eine Schadstoffkumulation, die sich erst dann auswirkt, wenn die
kritische Konzentration des neurotoxischen Bruchstücks β-Amyloid in
den Nervenzellen den zulässigen Grenzwert überschritten hat. Die
wohl schon von Geburt an stattfindende fehlerhafte Spaltung des
Amyloid-Vorläuferproteins APP durch die beiden Enzyme β- und
γ-Sekretase hat zur Folge, daß abhängig von der Gehirnmasse des
Patienten die toxische Konzentration der Plaqueanreicherung im
Schnitt nach 65 Jahren erreicht wird und somit die tödlichen
Prozesse wie etwa die Schrumpfung der Gehirnmasse ihren
unaufhaltsamen Lauf nehmen. Damit wäre die theoretische
Lebenserwartung eines Menschen schon von Geburt an durch seine Gene
determiniert. Auch nicht auszuschließen ist die Erklärung, wonach
das mutierte Presenilin-Gen, einer statistischen Wahrscheinlichkeit
gehorchend, mit einer bestimmten
«Halbwertszeit»
beaufschlagt sind, so daß man sagen kann, daß nach Ablauf dieser
Zeit die Hälfte all derer, die das maßgebliche Gen besitzen,
definitiv betroffen sind. In jedem Fall zeigt es sich, daß die Gene
auch beim Gesunden einen maßgeblichen Anteil einmal am natürlichen
Tod eines Menschen besitzen, zum andern aber auch am Aussterben der
ganzen Art beteiligt sind. Die Evolution – so die landläufige
Meinung – hat anscheinend nichts dagegen einzuwenden, wenn das
Auftreten einer genetischen Krankheit ohne große Relevanz für den
Fortbestand der Art ist, d.h. wenn diese erst im hohen Alter
auftritt, nachdem der Mensch sich bereits fortgepflanzt hat. Da die
Wahrscheinlichkeit defekter Gene mit dem Alter zunimmt, ist es
seitens der Natur gar nicht mehr erwünscht, daß ältere Menschen noch
Kinder zeugen; insofern kommt die Erkrankung der Natur sogar
entgegen. Der Tod ist somit ein geeignetes Regulativ zur Vermeidung
allzu vieler genetischer Defekte. Eine Art, die zu viele genetische
Defekte aufweist, stirbt aus. Insofern erscheint es überzeugend, daß
die Dinosaurier aufgrund genetischer Überalterung ausgestorben sind,
mehr wie aus irgendeinem anderen Grund. Je mehr Polymorphismen
nämlich auftreten, desto größer ist zugleich die Wahrscheinlichkeit,
daß bestimmte Allele rezessiv vererbt werden. Unter der Annahme, daß
die Wahrscheinlichkeit für vorteilhafte und nachteilige Mutationen
gleich groß ist, nimmt diese für genetische Defekte von 0 (für ein
monomorphes Gen) auf den Grenzwert von 0,5 für unendlich viele
polymorphe Allele allmählich zu. Für einen genetischen
Monomorphismus ist die Wahrscheinlichkeit des Aussterbens gleich 0,
für einen Bimorphismus 0.375, für einen Trimorphismus 0.444, für
einen Tetramorphismus 0.469 usw. Die Wahrscheinlichkeit, ob eine Art
ausstirbt oder nicht, ist also im Grenzfall 1:1, was bereits extrem
hoch ist. Höher könnte sie allerdings auch nicht sein, weil die Art
sonst gar nicht existieren würde. Polymorphismen sind also Vorboten
des Aussterbens. Insbesondere führt die Vermischung der Rassen beim
Menschen zu einem Maximum an möglichen Haplotypen, wovor aus
medizinischer Sicht gewarnt werden müßte. Nicht das Aussterben einer
einzelnen Rasse ist die mögliche Konsequenz, sondern das Aussterben
aller. Die Dinosaurier haben im Laufe ihrer 60 Millionen Jahre
währenden Geschichte vermutlich derart viele Polymorphismen
angehäuft, daß eine kleine Störung in ihrer Umgebung bereits zu
ihrem Untergang geführt haben muß. Von den zahlreichen Arten des
Menschen hat auch nicht eine 1 Million Jahre überdauert, und auch
für den Homo sapiens scheint bereits die polymorphe Zeitbombe
zu ticken. Fazit ist: Die Evolution einer jeden Art startet mit
einem Minimum an Entropie für jedes einzelne Gen, dem ein-alleligen
Monomorphismus, und endet mit maximaler Entropie in einem
n-dimensionalen Polymorphismus mit einer nahezu 50%igen
Aussterbenswahrscheinlichkeit. Es gibt also keinen anderen
vernünftigen Grund für den natürlichen Tod als diesen, auch keinen,
der sich durch die ab einem bestimmten Alter abgeschlossene
Fortpflanzungstätigkeit erklären ließe, da die Zeugungsfähigkeit
beim Mann theoretisch ein Leben lang anhält. Der Medizin ist dieses
Problem durchaus bewußt, aber sie schöpft aus der Therapie Gewinne.
Die Politik läßt ungeachtet aller Ermahnungen die Situation sogar
noch eskalieren, da für sie die Wiederwahl das oberste Gebot ist.
Die Wissenschaft schließlich ist nicht an Ethik interessiert, sie
setzt ausschließlich auf Erkenntnis. Die Religion wiederum wünscht
sich das Jenseits herbei. Das Versagen der Kultur zieht sich durch
alle Instanzen. Nur der sachliche Umgang mit der Eugenik vermag
auszuloten, ob sich der Geist dereinst als stärker erweisen wird als
die Materie.