Der Übergang vom Tier zum Menschen
Was den Menschen genau ausmacht und was
ihn vom Tier unterscheidet ist eine relativ schwer zu beantwortende
Frage. Es ist gewiß nicht der aufrechte Gang, denn dieser ist dem
Homo sapiens nicht neu, er war auch schon bei anderen Arten der
Gattung Mensch vorhanden. Es spielt im übrigen keine große Rolle, ob
man nun auf vier Beinen läuft oder eben nur auf zweien, was sich am
Beispiel unserer Laufvögel kundtut. Auch das Denken scheint keine
typisch menschliche Angelegenheit zu sein, denn Tiere verstehen
schließlich auch, was man von ihnen will, obwohl sie keine Antwort
geben können, die wir verstehen. Und sie haben ebenso ein
Gedächtnis, was sich dadurch beweist, daß sie sich dressieren
lassen. Auch das Ich-Bewußtsein besitzt das Tier sehr wohl, wenn es
etwa darum geht, wie man anderen den Rang abläuft. Das ist a priori
nicht immer klar und muß erst durch einen Machtkampf entschieden
werden, genau wie beim Menschen. Der Mensch scheint also nichts zu
besitzen, was andere Tierarten, wenngleich in abgeschwächter Form,
nicht auch haben. Niemand hat ein Tier zwar je lachen sehen, aber
Lachen ist eine Gefühlsäußerung, eine Gebärdensprache, die auch dem
Tier eignet, wenn auch auf andere Art. Der Mensch allein, sagt man,
sei im Unterschied zum Tier zum Bösen fähig, zur Heimtücke. Doch was
ist Böses anderes als das Ausführen vorausgeplanter Handlungen, die
einem anderen schaden. Auch der Fuchs liegt schließlich arglistig
auf der Lauer und wartet nur darauf, daß sein Opfer nichtsahnend
vorbeiläuft, und was ist das anderes als geplantes Vorgehen? Man tut
sich in der Tat schwer, dem Menschen irgend etwas zuzubilligen, was
nur ihn allein vor allen Lebewesen auszeichnet. Der Mensch würde
seinen Tod vorausahnen, heißt es, im Unterschied zu anderen
Lebewesen. Aber flieht nicht auch das Tier und nimmt Reißaus,
wenngleich seine Todesahnung vielleicht etwas kürzer ist? Der Mensch
habe als erster Faustkeile gefertigt, ein Beweis seiner Fähigkeit,
Werkzeuge herzustellen, und habe damit den Tieren handwerklich etwas
voraus, meinen einige. Doch versteht nicht auch der Schimpanse,
einen Stein in die Hand zu nehmen und damit unaufhörlich auf den
Boden zu klopfen, bis ihm langweilig wird? In arge Schwierigkeiten
gebracht, werden wieder andere argumentieren, allein der Mensch sei
in der Lage, Erlerntes an seine Nachkommen weiterzugeben. Aber
bringt nicht auch die Bärin ihrem Jungen bei, wie man Lachse fängt;
lernt das Junge nicht allein dadurch, daß es der Mutter zusieht und
diese vormacht, was man auch ihr beigebracht hat? Nein, es gibt
nichts, was allein nur der Mensch kann, nichts, was nicht auch ein
Tier zu tun in der Lage ist; der Mensch kann lediglich alles ein
bißchen besser. Zu den Chromosomen, die den Menschen von seinem
nächsten Verwandten, dem Schimpansen, unterscheiden, ist nichts
hinzugekommen und nichts weggefallen. Einiges an ihm ist lediglich
gewandelt worden, durch Mutation, mehr ist es nicht, was den
Menschen vom Tier unterscheidet. Denn über seine Zukunft denkt auch
das Tier nach, nicht nur der Mensch; auch das Tier weiß, was ihm
bevorsteht, wenn es nichts zu fressen findet, nämlich Hunger oder
Tod. Der Mensch mit seiner größeren Fantasie und seinem besseren
Verständnis für Fragen, welche das Tier erst gar nicht aufwirft,
macht sich aufgrund seiner Unwissenheit
– die an
ihm erst zutage tritt und die durchaus einen Evolutionsnachteil
darstellt, den das Tier nicht besitzt
– transzendentale
Gedanken. Das Tier ist gewissermaßen unvorbelastet und unbeschwert,
obwohl es härteren Selektionsmechanismen unterliegt. Es ist
definitiv in allen Bereichen, und seien sie auch noch so abstrakt,
schwierig, irgend etwas zu finden, was den Menschen über das Tier
erhebt. Es gibt nichts, woran man festmachen könnte, was ein Mensch
ist und was ein Tier. Nehmen wir als Beispiel die besondere
Sprachfähigkeit des Menschen, die sich durch den Besitz des
FOX2-Gens erklärt. Der Mensch lernte sprechen, weil es ihm von
Kindheit auf beigebracht wurde. Angenommen, durch Mutation sei
irgendwann in der Entwicklungsgeschichte des Menschen ein
sogenanntes Sprachfähigkeits-Gen entstanden, welches demjenigen, der
es besaß, eine erweiterte Ausdrucksfähigkeit verlieh, insofern, als
er Worte, denen man eine bestimmte Bedeutung beimißt, sprechen,
behalten und weitergeben konnte. Damit war der Grundstock zu einer
ersten Art von Abstraktion gelegt, denn das erste jemals gesprochene
Wort hätte auch ganz anders lauten können. Aber dadurch, daß es
immer wieder ausgesprochen und wiederholt wurde, prägte es sich ein
und blieb im Gedächtnis. Es würde aber keinen Sinn machen, wenn in
einer Gruppe von lauter Stummen nur ein einzelner sprechen kann,
denn die anderen mochten das Wort zwar hören und erfaßten intuitiv
seine Bedeutung, aber sie konnten es nicht selbst wiedergeben, da
ihnen dieses Gen fehlte. Erst, nachdem wenigsten zwei aus der Sippe
das gleiche Gen geerbt hatten (dazu mußten sie notwendigerweise
miteinander verwandt sein), kam sozusagen die erste begriffliche
Urkorrespondenz zustande. Die, die das Wort aussprechen konnten,
standen somit auf einer höheren Entwicklungsstufe als ihre „stummen“
Artgenossen, und sie werden auch engere Kontakte miteinander
gepflogen haben, da sie sich ja „besser“ verstanden. Vielleicht ist
aus dieser Verbindung auch eine kleine Familie erwachsen, wobei nach
den Mendelschen Regeln jeweils ein Viertel aller Nachkommen das
Merkmal homozygot ererbt, so daß aus einer zufälligen Verbindung
zweier Homozygoten irgendwann gar keine stummen Nachkommen mehr
hervorgingen. Diese Homozygoten mußten eines Tages wohl begriffen
haben, daß sie mit ihren stummen Brüdern und Schwestern aus der
Stammessippe rein gar nichts mehr anfangen konnten, denn je größer
ihr Wortschatz wurde, desto abstraktere Wortfolgen konnten sie
bilden und desto stärker war ihr Wunsch, sich unter
Gleichen zu
bewegen. Auf diese oder ähnliche Art wird es wohl zum ersten
Founder effect gekommen sein, d.h. daß die Sprachbegabten sich
aus ihrem alten Verband herauslösten, diesen möglicherweise ganz
verließen und sich geographisch absetzten. Die ersten sprechenden
Menschen waren entstanden, und sie blieben wahrscheinlich unter
sich, denn für sie gab es kein Zurück mehr in die dunkle Zeit der
Sprachlosigkeit. Noch
heute gilt: „Gleich und gleich gesellt sich gern“, und es
müssen in der Folge noch weitere Mutationen passiert sein, die
weitere Founder effects bewirkt haben.
Wenngleich also Mensch und Schimpanse in
98,7 % ihrer Merkmale übereinstimmen, so bedeutet dies dennoch
mehrere Tausend unterschiedliche Gene. So besitzt der Schimpanse 48
Chromosomen, der Mensch hingegen nur 46. Dies erklärt auch, warum
der Mensch und sein nächster Verwandter jeweils eigene Arten
begründen. Etliche Gene, die beim Schimpansen noch existent sind,
sind dem Menschen abhanden gekommen. So besitzt der Schimpanse
beispielsweise das Caspase-12-Gen, welches vor der
Alzheimer-Erkrankung schützt und welches der Mensch im Verlaufe
seiner Evolution verloren hat. Das Chromosom 22 des Schimpansen,
welches dem Chromosom 21 des Menschen entspricht, wurde gerade erst
entschlüsselt, womit die Wissenschaft der drängenden Frage, worin
Mensch und Tier sich unterscheiden, einen Schritt nähergekommen ist.
Auf jeden Fall scheint festzustehen, daß der Mensch in der Evolution
der ältere ist. Dadurch, daß er stets auf Wanderschaft war, hat
seine DNA mehr Duplikationen mitgemacht als die des Schimpansen, der
Afrika wohl nie verlassen haben dürfte. Der Mensch als das höher
geordnete Wesen hat daher im Laufe seiner Evolution auch mehr
Erbkrankheiten als non-humane Primaten erfahren. Mit jeder selektiv
positiv verlaufenden Mutation nimmt seine Spezialisierung zu, aber
leider auch die mit Genunverträglichkeiten einhergehenden
Polymorphismen, die einen Zustand höherer Unordnung repräsentieren,
ganz wie das Entropiegesetz es vorhersagt. Einmal erzeugte Allele
lassen sich auf natürliche Weise nie mehr ganz ausrotten, sonderlich
nicht in ihrer klinisch unauffälligen Form, in der sie heterozygot,
d.h. phänotypisch unerkannt, weitervererbt werden. Durch möglichst
bunte, unkontrollierte Genmischung ist das Risiko von
Polymorphismusunverträglichkeiten größer als in homozygoten d.h.
ursprünglichen oder auch gezüchteten Populationen. Im genetischen
Sinne ist der gesunde Zustand der reine oder monomorphe, während der
polymorphe oder unreine der kranke Zustand ist, da dieser einer
Gleichverteilung von Zuständen am nächsten kommt. Dabei muß man
annehmen, daß im dominant-rezessiven Erbgang die Kombination zweier
dominanter Allele wie auch die Kombination aus dominantem und
rezessivem Allel keine klinischen Auffälligkeiten verursachen,
sondern diese auf die Kombination zweier rezessiver Allele
beschränkt sind. Rezessive Allele rühren aber aus einem
Polymorphismus her, d.h. je stärker sich Polymorphismen ausbreiten,
desto größer wird auch das Risiko, daß zwei veränderte Allele
aufeinandertreffen. Es ist zum Beispiel gleichgültig, ob der
A1A2B0-Polymorphismus bei den Vorfahren des Homo sapiens
bereits vorhanden war – denn erstens sind diese ausgestorben und
zweitens vollzog sich der Übergang zum Homo sapiens mutativ
nur an einem einzigen Exemplar der Gattung Präsapiens, und dieses
hatte eben nur eine bestimmte Blutgruppe – oder ob dieser Polymorphismus mit der Entstehung des Homo sapiens sozusagen
neu entstanden ist. Sofern er früher schon vorhanden war, waren aber
an seiner Entstehung keinesfalls mehr als zwei Blutgruppen
beteiligt.
Die Entstehung einer neuen Art bedeutet
immer zugleich das Aussterben einer Vorläuferart. Eine neue Art
entsteht natürlich nicht übergangslos und nicht im direkten Anschluß
an den Niedergang der vorherigen Art, sondern meist laufen beide,
die neu entstandene wie die aussterbende, noch eine Zeitlang
parallel. Ein gutes Beispiel dafür bietet die Koexistenz von
Neandertaler und Homo sapiens über einen Zeitraum von 5.000
Jahren, wobei nach heutigem Kenntnisstand angenommen werden kann,
daß beide Arten Mensch sich nicht miteinander kreuzten. Es kann auch
ausgeschlossen werden, daß die eine Art aus der anderen
hervorgegangen ist, vielmehr müssen beide einen gemeinsamen
Vorfahren besitzen. Dieser gemeinsame Vorfahre könnte entweder der
Heidelberg- oder der Rhodesienmensch gewesen sein. Wenn etwa in
einer Gruppe, die sich von den übrigen losgesagt in ein
Rückzugsgebiet begeben hat und einer Mutation unterlegen ist, so daß
über lange Zeit kein genetischer Austausch mit andern mehr
stattgefunden hat und dasselbe Ereignis sich mehrfach wiederholt
hat, treten bei darauffolgenden Generationen Genunverträglichkeiten
auf, die zu einer Dezimierung des Bestandes führen. Spürbar werden
die derart bedingten Verluste aber erst, wenn mehrere solcher
gleichgerichteten Genunverträglichkeiten zusammenkommen, d.h. wenn
jeweils mehrere Gene beider Gruppen gemeinsam auftretende
Genkombinationen aufweisen, die in homozygoter Form alle klinisch
auffällig sind. Vier bimorphe (zweiwertige) Paarungen reichen im
allgemeinen aus, damit eine Art ausstirbt, weil statistisch jedes
vierte Allelpaar in zwei identischen Allelen vorliegt. Bei einem Gen
mit drei Allelen, von denen zwei homozygote Allelpaare klinisch
auffällig sind, sind es nur drei solcher Gene, die für das
Aussterben der Art ausreichen.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen
Mensch und Menschenaffe ist der aufrechte Gang, der beim Affen nur
ansatzweise vorhanden ist. Affen setzen für ihre Fortbewegung auf
dem Boden in der Regel ihre überlangen Arme ein. Für den Pongiden,
der sich auf Lianen von Baum zu Baum hangelt, sind die Arme
eindeutig die wichtigeren Gliedmaßen. Um wieviel mehr der Mensch im
Unterschied zum Affen seine Beine einsetzt, zeigt sich beim Steigen
oder Aufwärtsgehen. Wäre der Mensch hierbei überwiegend auf seine
Arme angewiesen, würde er wohl nie Berge erklimmen. Steigen tut man
primär mit den Beinen, und selbiges gilt auch für das Klettern, bei
dem die Arme nur unterstützende Hilfen sind. Schimpansen sind
ausgesprochen langrumpfig, die Länge ihrer Beine ist im Vergleich
zum Menschen unterentwickelt. Für den beginnenden Menschen muß es
daher ein Evolutionsvorteil gewesen sein, eine größere Beinlänge
entwickelt zu haben. Die Vorteile liegen auf der Hand: Zum einen
ermöglichen längere Beine in der offenen Steppenlandschaft eine
schnellere Fortbewegung auf der Flucht, zum anderen stellen sie auch
einen Vorteil beim Jagen nach Beute dar. Noch vor kurzem jagten
einige wildlebende Stämme Australiens und des südlichen Afrikas
durch bloßes Hinterherlaufen, so lange, bis die Tiere erschöpft
waren und stehenblieben. Der Mensch ist ein ausdauernderer Läufer
als jedes Tier. Klarerweise führte dies in der Evolution dazu, daß
die Langbeinigen einen Überlebensvorteil besaßen. Ein regelrechtes
Charakteristikum, das spezifisch auf den Menschen gemünzt ist,
stellt dies jedoch nicht dar, denn auch Frösche haben lange Beine,
und selbst einige Raubsaurier wie der Tyrannosaurus Rex bewegten
sich ausschließlich auf den Hinterbeinen, während die verkümmerten
vorderen Gliedmaßen praktisch überflüssig waren. Die Art und Weise
der Fortbewegung einer Art ist stets an ihr Jagdverhalten gekoppelt
und nichts, was irgendwie eine besondere Errungenschaft wäre.
Folglich kann der aufrechte Gang des Menschen nicht etwas sein, was
ihn grundsätzlich vom Affen abheben würde.
Ein wesentlich größerer Meilenstein der
Menschwerdung ist der Umgang mit dem Feuer. Tiere haben Angst vor
dem Feuer und ergreifen die Flucht, wenn es sich ausbreitet. Von
dieser Angst wird instinktiv auch der Mensch erfaßt, man denke nur
an die um sich greifende Panik, wenn in einem mehrstöckigen Gebäude
Feuer ausbricht. Der Mensch hat es aufgrund seiner kognitiven
Fähigkeiten geschafft, seine Instinkte zu bezähmen und die Furcht
vor dem Feuer, wenn auch nicht ganz, abzulegen und damit umzugehen
gelernt. Dabei war anfangs noch gar nicht an Nahrungszubereitung
gedacht, sondern erst einmal diente das Feuer dazu, sich vor wilden
Tieren zu schützen und sich nebenbei noch zu wärmen. Auch hierbei
leistete die Evolution dem Menschen wertvolle Dienste, denn
diejenigen unter ihm, die zuerst bemerkt hatten, daß keine Gefahr
mehr seitens der damals so zahlreichen Raubtiere drohte, wenn sie
sich in die Nähe des Feuers begaben, überlebten, während die
anderen, die sich von der allgemeinen Panik anstecken ließen, mit zu
den Opfern zählten. Die Nähe des Feuers als Schutz vor wilden Tieren
aufzusuchen führte zu der Erkenntnis, daß man niemals mehr Angst vor
dem Gefressen-werden zu haben bräuchte, wenn man Feuer nur immer
dabei habe. Also erlangten die, dies es bewerkstelligen konnten,
glühende Holzkohle auf Schieferplatten von Ort zu Ort zu
transportieren und das Feuer nie ausgehen zu lassen, einen
Überlebensvorteil gegenüber den anderen. Später nahm man das Feuer
sogar mit in die Höhlen, die man nicht nur aufsuchte, um sich vor
Raubtieren zu schützen, sondern auch, um einen Unterschlupf gegen
die eiszeitliche Kälte zu finden. Dabei konnte nicht ausbleiben, daß
der frühe Mensch entdeckte, daß die behütete Feuerstelle nicht nur
Sicherheit vor Angreifern bot, sondern auch Wärme spendete, derer
man, je weiter sich der Mensch in kältere Regionen vorwagte, so
dringend bedurfte. Denn der Mensch drang nicht von ungefähr in
Kälteregionen vor, vielmehr zwangen ihn die Herden, denen er
hinterher zog, dazu, sich in immer nördlichere Gefilde zu begeben.
In diesem Stadium seiner Entwicklung zum Jäger, welches über das
vorherige des Sammlers weit hinausging, bedurfte der Mensch des
Feuers, denn erst dieses ermöglichte ihm überhaupt ein Überleben in
der Kälte. Erfunden wurde der Gebrauch des Feuers gewiß noch auf der
Stufe des Sammlers, denn dem Sammeln war naturgemäß nur in den
wärmeren waldreichen Regionen Erfolg beschieden, die auch Beeren und
Pilze hervorbrachten. In diesem Stadium seiner Entwicklung war der
Mensch allerdings mehr Gejagter als Jäger, lebte noch im Freien und
ernährte sich überwiegend pflanzlich, aber auch von Eiern, Fröschen
und Insekten, ähnlich dem Gorilla. Auf dieser Stufe hätte ihm das
Feuer noch wenige Dienste bei der Jagd geleistet, weil es letztere
im engeren Sinne noch nicht gab, aber es bot bereits Schutz vor
Feinden. Um das Feuer schließlich zum Braten und Rösten zu
verwenden, bis dahin war es noch ein weiter Weg, der die Erfindung
entsprechender Werkzeuge voraussetzte, denn einfach nur ins Feuer
werfen konnte man auch damals Fleisch nicht, geschweige denn, daß es
im Vergleich zu rohem Fleisch den nötigen Nährwert besessen hätte.
Denn bis dahin aß der Mensch das Fleisch blutig und roh. Der Umgang
mit dem Feuer als Waffe war eine in der Evolution noch nie
dagewesene Fähigkeit, die den Menschen allen anderen Arten überlegen
machte und seinen Siegeszug unter diesen einleitete.
Der Mensch braucht Nahrung und Energie
nicht nur, um arbeiten und Kalorien verbrauchende Körperfunktionen
aufrechterhalten zu können, sondern allein schon deswegen, um den
Organismus auf Körpertemperatur zu halten, denn ohne
Brennstoffzufuhr würde der Körper auf Umgebungstemperatur abkühlen
oder sich entsprechend aufheizen. Da Energie nicht immer in
entsprechender Menge verfügbar ist, wie sie gerade gebraucht wird,
verfügt jeder Organismus über zum Teil im Fettgewebe gespeicherte
Reserven, welche dem Körper im Bedarfsfall schnell Energie
bereitstellen können. Bei jedem Arbeitsvorgang wird Energie vom
Körper nicht nur zur Verrichtung von Arbeit abgegeben, sondern auch
in Form von Wärme. Die dabei entstehende Überhitzung wird durch die
bei der Schweißproduktion entstehende Verdunstungskälte wieder
abgeführt. Jedoch nicht nur bei körperlicher Betätigung wird im
Körper Wärmeenergie freigesetzt, sondern auch durch Sonnenlicht,
schon durch bloßes In-der-Sonne-liegen, zugeführt. Um dieselbe
Körpermasse zu kühlen, benötigt ein Mensch mit stark pigmentierter
Haut in der Sonne weniger körpereigene Reserven als ein solcher mit
schwach pigmentierter Haut, da jener aufgrund der besseren
Wärmeabsorption dunkler Haut auf weniger körpereigene
Energiereserven zurückgreifen muß. Er kommt daher bei gleicher
Belastung mit weniger Nahrung aus. Dies ist der Grund, warum die
Evolution der dunklen Hautfarbe in den heißen Zonen eine bessere
Überlebensfähigkeit eingeräumt hat. Da die Evolution gerichtet
verläuft, also in Richtung Vorteil, kann ein erhöhter Energiebedarf
nicht aus einem geringeren folgen, d.h. weiße Haut kann nicht durch
Aufhellung aus der pigmentierten entstanden sein. Würde man das
Gegenteil behaupten, hieße das, an der Irreversibilität der
natürlichen Prozesse zweifeln. Des weiteren gehen die jüngeren
Rassen bekanntlich aus den älteren hervor, und darin, daß die
europide Rasse zugleich die älteste ist, sind sich wohl alle
Anthropologen mittlerweile einig.
Entscheidend für den Übergang zum
Menschen sind aber nicht nur neue Überlebenstechniken, sondern auch
veränderte Formen der Arterhaltung bzw. des Sexualverhaltens.
Ursprünglich ist der Mensch wie sein nächster Verwandter der Inzucht
nachgegangen. Ob diese beim Homo sapiens noch praktiziert
wurde oder nicht mehr, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen,
Tatsache ist aber, daß selbst die Bibel noch davon zu berichten
weiß, daß Lot seine eigenen Töchter schwängerte. Im alten Ägypten
wie auch in einigen indianischen Hochkulturen war es Sitte, daß der
Pharao bzw. der höchste Inka die eigene Schwester ehelichte und mit
ihr Kinder zeugte. Was dem Herrscher erlaubt war, muß natürlich
nicht auch dem einfachen Volk gestattet gewesen sein, doch
auszuschließen ist auch das nicht. Vermutlich hätte der Mensch aber
nicht überlebt, als er noch in kleinen Familien- und Sippenverbänden
umherstreifte, wenn er, vom Aussterben bedroht, nicht auf den Inzest
zurückgegriffen hätte. Doch der endgültige Übergang zum Menschen
vollzog sich erst durch die Abkehr von der Blutschande. Vermutlich
hatte bereits der frühe Mensch entdeckt, daß aus geschlechtlichen
Verbindungen zwischen Verwandten gehäuft behinderte Kinder
hervorgingen und sich deshalb selbst das Tabu der Verwandtenehe
auferlegt. Es kann natürlich auch sein, daß in der Evolution
überhaupt nur diejenigen, die gegen Inzest eine erblich bedingte
innere Abneigung besaßen, überlebt haben.
Als Sammler war der Mensch wie sein
nächster Verwandter noch überwiegend Pflanzenfresser. Mit der
Menschwerdung jedoch vollzog sich ein schleichender Wandel zum
Fleischfresser, was den Menschen schließlich dazu zwang, Beutetiere
zu erlegen und der Jagd nachzugehen. Was nun den Verzehr von
Menschenfleisch angeht, so konnte der Mensch, wenn ihm das jagdbare
Wild einmal ausging, offenbar nur durch das Auffressen der eigenen
Art überleben. Nachdem er also zum Fleischfresser mutiert war, war
die Deckung des täglichen Eiweißbedarfs, lange bevor ihm die
Kultivierung von Getreide gelang, sein vorrangiges Ziel. Blieb die
Jagdbeute aber über längere Zeit aus, war Kannibalismus die
einzige Möglichkeit, sich mit dem lebensnotwendigen Eiweiß zu
versorgen. Vorrangig wird der frühe
Mensch das Fleisch seiner Feinde verspeist haben, aber in Notzeiten
dürfte es auch vorgekommen sein, daß Stammesangehörige geschlachtet
wurden. Da die Vertreter der unteren Haplogruppen des menschlichen
Stammbaums bei ihrer Entdeckung allesamt noch auf der Stufe des
Kannibalismus standen, vor allem in Südamerika, Neu-Seeland und auf
Neu-Guinea, können wir mit Recht vermuten, daß Menschenfresserei
noch vor 70.0000 Jahren gängige Praxis auf der gesamten damals
bewohnten Erde war. Schließlich wurde in Europa die Entdeckung
gemacht, daß der Homo sapiens offenbar auch seinen
Nebenbuhler, den Neandertaler, vor gut 20.000 Jahren durch
Kannibalismus ausgerottet hat. Allein dem Umstand, daß der
Fleischbedarf des Menschen durch Massentierhaltung und Fischfang
heutzutage weitgehend gedeckt ist, haben wir es zu verdanken, daß
der Verzehr von Menschenfleisch geächtet und ebenfalls zum Tabu
erklärt werden konnte. Wenn sich also die das Menschsein bedingenden
Mangelerscheinungen wie Geburten- oder Eiweißmangel nicht erledigt
hätten, wäre der Mensch noch heute seiner Natur nach Kannibale und
Blutschänder.
Hinsichtlich seines Sexualverhaltens
unterscheidet sich der Homo sapiens grundlegend von allem
übrigen Getier. Seiner Natur nach sadomasochistisch, frönt der
Mensch – der eine etwas weniger, der andere ein bißchen mehr –, auch
sonst vielen Formen der Abartigkeit, die das Tier nicht auszuüben in
der Lage ist. Bei den höheren Säugetieren spielt das Männchen nahezu
ausschließlich den aktiven Part, allein beim Menschen fällt diese
Rolle in nahezu ebenso hohem Maße auch dem weiblichen Geschlecht zu.
Die erblich bedingte Neigung, Sexualhandlungen auch der Frau zu
überlassen und in der Unzucht eine besondere Befriedigung zu finden,
hat offenbar zu einer bevorzugten Auswahl des Sexualpartners
geführt, was sich wohl gleichzeitig positiv auf die Häufigkeit der
vorgenommenen Sexualhandlungen ausgewirkt hat. Nachdem abartigen
Handlungen gesellschaftlich nur selten ein Tabu auferlegt bzw. ein
Riegel vorgeschoben wird, mag das Stimulans der Unzucht durchaus
Früchte in bezug auf eine zahlreichere Nachkommenschaft getragen
haben. Auch der vergleichsweise große Busen der Sapiensfrau und ihr
im Vergleich zu Pongiden unnatürlich breites Becken, die beide das
Ergebnis von sexueller Zuchtauswahl sind, zeigen deutliche
Geschlechtsunterschiede zwischen Mensch und Schimpansen und sind
gewissermaßen aus einem gesteigerten Lustbedürfnis heraus
entstanden, wobei das einzig maßgebliche Selektionskriterium
wiederum in der abartigen Natur des Menschen begründet liegt, der
offenbar zu seiner Fortpflanzung ein stärkeres Ergötzen benötigt als
das Tier.
Trotz vieler verachtenswerter
Eigenschaften des Menschen gibt es auch einige, die ihn von beinah
göttlicher Abkunft erscheinen lassen, wie etwa das Erröten der
Jungfrau.
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