Sechstes Buch
Was geschehen ist, als das ganze Volk durch die Tore eindrang
Inzwischen laufen einige Pilger nach den Stadttoren, schieben die eisernen Riegel und Torbalken zurück und lassen das ganze Volk zu ihrer Hilfe in die Stadt herein. Und da soll an einem Tor ein solches Drücken und fürchterliches Drängen der Einstürmenden gewesen sein, daß sogar Pferde, wider den Willen ihrer Reiter und durch das entsetzliche Menschengewühl scheu gemacht, das Maul zum Beißen weit geöffnet und ganz in unglaublichem Schweiß gebadet, mehrere Pilger mit den Zähnen anfielen. Ja ungefähr sechzehn Männer wurden dort durch die Hufe der Pferde und Maultiere und die Füße der Menschen zertreten, zerstampft und erdrückt und hauchten ihren Lebensodem aus. Auch durch die Bresche, die der eiserne Kopf des Widders in die Mauer gebrochen hatte, drangen mehrere Tausend Männer und Weiber in die Stadt ein. Und sie scharten sich nun alle zusammen und liefen unter großem Geschrei und Lärm zu dem genannten Palast, brachten ihren vorausgeschickten Brüdern Hilfe und metzelten im ganzen weiten Hause die Sarazenen in grausamem Morden nieder. So ungeheuer viel Bluts ward dort vergossen, daß ganze Bäche über die Fließen der königlichen Halle rannen und die Pilger bis an die Knöchel im roten Blute wateten. Bisweilen gewannen die Sarazenen wieder Mut und Kräfte und rafften sich zur Verteidigung auf. Vergebens; doch gelang es ihnen, im gegenseitigen Morden mehrere unvorsichtige Christen niederzumachen.
Von den Kirchen der Heiligen Stadt und in welcher Frömmigkeit der Herzog das Grab des Herrn besucht hat
Dieses Gefäß nun und das kleine Heiligtum, das, wie ich oben gesagt habe, mitten in der Kirche steht, sind von Tankred unberührt gelassen worden. Auch die Türken verehrten beide mit aller Andacht, und so blieben sie stets unversehrt. Weshalb sie diese Kirche auch mit aller Ehre und mit allem Glanz ausschmückten, alle anderen Heiden davon entfernt hielten und die Kirche allein für die Ausübung ihres Gottesdienstes bestimmten! Aber während sie so die genannte Kirche der Riten ihrer ungläubigen Religion wegen in höchster Frömmigkeit und Achtung verehrten, überließen sie den Christgläubigen einzig und allein die Kirche vom Heiligen Grab, der Tribute wegen, die sie sich von den Gläubigen beständig dafür entrichten ließen, und ebenso auch das Kirchlein Sankta Maria von den Lateinern, das gleichfalls tributpflichtig war. Gegen die übrigen Kirchen der Heiligen Stadt aber haben die Türken wie die Sarazenen in übergroßer Strenge ihre ganze Tyrannei geübt, indem sie allen katholischen Gottesdienst daraus vertrieben.
Und indes nun, wie ich oben erzählt habe, Tankred zu diesem Tempel des Herrn seinen Weg nahm, aus Habsucht und Gier nach den ihm verratenen Schätzen, und indes andere die zur Davidsburg fliehenden Sarazenen heftig verfolgten und alle Fürsten nur daran dachten, sich Häuser und Paläste und Schätze zu erraffen, und das ganze gemeine Volk zum Palast Salomons lief und in wilder, grausamer Blutgier gegen die Sarazenen wütete, hielt sich Herzog Gottfried von allem Morden fern. Nur drei von den Seinigen waren bei ihm geblieben, Baldrich, Adelolf und Strabelo. Da zog er seinen Panzer aus und kleidete sich in ein linnenes Gewand, und mit nackten Füßen zog er vor die Mauern hinaus und wallte in Demut rings um die Stadt. Und durch das Tor, das droben gegen den Ölberg schaut, betrat er die Stadt wieder und ging zum Grabe unseres Herrn Jesus Christus, des Sohnes des lebendigen Gottes, und verharrte dort in Tränen, Gebet und frommer Lobpreisung, Gott Dank sagend, daß er ihn gewürdigt habe zu sehen, was ihm stets seines Herzens höchste Sehnsucht gewesen war.
Von der Hinschlachtung der übriggebliebenen Heiden
Dieser Beschluß ward gefaßt und am dritten Tage nach der siegreichen Eroberung der Stadt ging der Befehl von den Fürsten an das Volk hinaus. Und siehe, alle greifen zu den Waffen, und in fürchterlichem Morden werfen sie sich auf das ganze heidnische Volk, das noch übriggeblieben war; die einen schleppen sie aus ihren Kerkern und enthaupten sie, die andern, die sie zuvor des Geldes wegen oder aus christlichem Mitleid verschont hatten, machen sie mitten in der Stadt in den Gassen und auf den Plätzen nieder, wo sie sie gerade finden. Auch Mädchen, Weiber, vornehme Frauen, Schwangere, Mütter mit ihren Kindern stoßen sie nieder oder werfen sie mit Steinen tot; kein Alter findet Schonung. Die Mädchen aber, die Weiber und Frauen fassen in ihrer Todesangst und vom Grauen des fürchterlichen Mordens geschüttelt die Christen, die wie besessen gegen jedes Geschlecht wüten und toben, um ihr Leben flehend um den Leib, andere wälzen sich ihnen vor die Füße, und alle flehen in jämmerlichem Weinen und Seufzen um Leben und Schonung. Fünfjährige, dreijährige Knaben, die den grausamen Tod ihrer Mütter mit ansehen mußten, verdoppeln die Klagen und das jämmerliche Geschrei. Aber umsonst rufen sie Mitleid und Erbarmen an: so sehr hat sich die Seele der Christen der Mordlust hingegeben, daß kein saugendes Knäblein oder Mägdlein, kein einjähriges Kind selbst lebend den Händen der Schlächter entrinnt. Da sollen alle Plätze der ganzen Stadt Jerusalem von den Leichen erschlagener Männer und Frauen und von zerrissenen Gliedern von Kindern so voll und dicht bedeckt gewesen sein, daß sich nicht nur auf den offenen Straßen, in den Häusern und Palästen, sondern auch an Orten entlegener Einsamkeit eine unzählige Menge von Erschlagenen fand.